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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 9
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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8.

Rudolph von Mitzlau hatte in der Wirthsstube am Fenster die Abführung des Junker Hans beobachtet. Er trug dem langen Jobst auf, seine Rückkehr abzuwarten; er wollte der Sänfte folgen. Dies that er denn auch, durch's Peilerthor, den Kohlenmarkt hinauf, links hinüber in die Stallburg. Dahinein konnte er nicht folgen; er kehrte also eiligst zum »Winter« zurück.

Dort fand er jetzt Conrad, Urban, Tartsch, welche vom Boden heruntergekommen waren. Conrad war sehr grimmig, und der Raschmacher Urban gab ihm darin nichts nach. Durch die Luft geritten zu sein unter peinlicher Lebensgefahr, sich die Hose zerrissen zu haben – und das Alles ohne Nutzen und Erfolg, blos zum Spaß! Das fand er niederträchtig. Er schäumte geradezu.

Als nun Mitzlau die bestimmte Nachricht brachte, der sächsische Junker sei in die kaiserliche Burg getragen worden, da meinten die aufgeregten Männer, es drohe das Unglaublichste.

– Unter dem Schwibbogen wird er gehenkt baumeln, wenn die Sonne aufgeht und der Kaiser abgefahren ist! rief der Raschmacher.

– Was?! schrie Tartsch und faßte den Raschmacher bei den Schultern.

– Stille, stöhnte Conrad, der Winterwirth schläft da drüben. Mit Spectakel kommen wir nicht weiter. Ruhig überlegen.

Ehe er weiter sprechen konnte, sprang der älteste Bube des langen Jobst in die Wirthsstube und sagte hastig und halblaut seinem Vater etwas ins Ohr.

– Was ist?

– Er ist da! rief Jobst und sein feuchtes Auge leuchtete.

– Wer? riefen Alle.

Jobst machte eine beschwichtigende Pantomime, welche zu sagen schien: ich darf's nicht aussprechen. Aber zu Conrad und Urban flüsterte er:

– Der Alte!

– Ho endlich, schrieen diese.

– Meine Buben sind aus, um Alles zusammenzurufen.

– Also vorwärts, vorwärts! rief Conrad, und fort ging's.

Wer war der »Alte«? Er war eine in Sagen eingehüllte Figur, war derselbe Odontius, dessen Conrad gegen Mitzlau erwähnt hatte, wahrscheinlich in lügenhafter Weise erwähnt hatte. Denn auf dem Judenplatze hatte Conrad gethan, als ob er hinter dem Briefsteller an Mitzlau den Odontius erkenne, und jetzt ward er durch die Nachricht überrascht, daß Odontius in Wien sei. Man bediente sich eben dieses geheimnißvollen Mannes und Namens zu allen möglichen Vorwänden. Wenn man nicht wußte wer eine Sache veranlaßt oder gethan, so raunte man sich zu: Es kommt von Odontius! Leute wie Gangelberger pflegten zu sagen: Der Kerl existirt gar nicht, sondern ist eine Vogelscheuche, welche sich die Protestanten zusammengeflickt haben, um uns zu erschrecken und zu narren. Wie könnte er denn seit Jahren den Aufpassern der Regierung entgangen sein! Sie würden ja sonst längst den Preis errungen haben, welcher auf die Habhaftwerdung dieses geächteten Ketzers bereits von Graz ausgesetzt worden ist.

Er existirte aber wirklich und war – um es kurz zu bezeichnen – das gleichsam demokratische Haupt der Protestanten in den Landen Steiermark, Ungarn und Oesterreich, dieser »Alte von der Pußta«, wie man ihn an der unteren Donau nannte.

Er stammte ebenfalls aus Sachsen, und war noch vor zwanzig Jahren evangelischer Pastor auf Waldstein gewesen, einem Schlosse, welches der Familie Windischgrätz zugehörte. Als Erzherzog Ferdinand sein gläubiges Reinigungsgeschäft begann in der Steiermark, fand er an diesem Pastor einen der hartnäckigsten Gegner, und er ließ ihn deshalb eines Tages plötzlich in Waldstein gefangen nehmen und nach Graz führen. Hier soll er aufgefordert worden sein, katholisch zu werden, und als er sich dessen standhaft geweigert, soll man ihn auf die Folter gespannt haben. Auch die Folter habe ihn nicht zur Verleugnung seines Glaubens und nicht zum Uebertritt gebracht, und da sei er denn endlich zum Tode verurtheilt worden. In der entscheidenden Stunde habe ihm der Erzherzog, Niemand wisse warum, die Todesstrafe erlassen und ihn zur Galeerenstrafe verurtheilt. Auf dem Transport nach dem adriatischen Meere sei er entsprungen und unter den wunderbarsten Schicksalen nach Ungarn entkommen. Seit der Zeit war ein Preis von fünfhundert Thalern demjenigen zugesagt worden, welcher diesen Ketzer einliefere.

Aus Ungarn Jemand polizeilich einfangen und einliefern, welcher die Sympathie der dort sehr zahlreichen Protestanten für sich hatte, das war aber selbst den außerordentlichen Hülfsmitteln der Jesuiten unerreichbar. Jenseits der Leitha und jenseits der Karpathen, der Fluß- und Berggrenze Ungarns gegen Norden, begann eine bunte und wüste Welt, die sich weder beaufsichtigen noch discipliniren ließ. Die Türkenkriege waren immer noch so gut wie permanent, die Grenzen fortwährend bestritten, Insurrectionen und Kämpfe alltäglich, und in der damaligen Zeit gruppirten sich die mächtigsten Parteiungen um den siebenbürgischen Fürsten Gabriel Bethlen – Bethlen Gabor nach ungarischer Sprechweise, welche den Taufnamen nicht vor-, sondern nachsetzt. Seine Macht drängte in die Theißebene herein, drängte nach den Karpathen herauf, und man war überzeugt, daß die Entscheidung des gegen Ferdinand drohenden Kampfes von diesem Kriegsfürsten abhängen werde. Er war Protestant, und zwar Calviner. Die Jesuiten selbst wagten nicht zu hoffen, daß er für Ferdinand zu gewinnen sein werde, und was Lamormain oben zu Waldstein gesagt in Betreff des Odontius, war ein aufrichtiger Ausdruck der Machtlosigkeit, welche der sonst so zuversichtliche Ordensmann gegenüber den ungarischen Elementen eingestehen mußte. Dies war der räthselhafte Mann, zu welchem die Gesellschaft aus dem Winter-Wirthshause jetzt nach der Seilerstatt hinabeilte, und welchen sie im Wildling'schen Hause zu finden hoffte.

Der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen, und der Wind hatte sich erhoben. Es fielen einzelne Regentropfen. Rudolph von Mitzlau schritt tapfer neben Conrad einher. Dieser hatte ihm zugeraunt, daß der »Alte« wahrscheinlich im Stande sei, ihm den Aufenthalt des Oheims nachzuweisen, denn jener Brief gehe gewiß von ihm aus. Und der »Alte« wisse wirklich Alles; er reiche wie eine Kreuzspinne mit hundert Beinen überall hin, wo nur irgend ein »geistlicher« Punkt sei. Gewiß sei auch der sächsische Junker mit Papieren oder Nachrichten an ihn angekündigt, und man habe sich deshalb von der Loge aus so beflissen gezeigt für die Befreiung desselben. Aber verrathet um's Himmelswillen kein Wort über ihn, schloß er, als sie vor dem Wildling'schen Hause standen; erzählt keinem Menschen davon, daß Ihr ihn gesehen habt. Seine Anhänger erfahren es binnen vierundzwanzig Stunden, und drehen Euch den Hals um. Er hat so viel Kumanen und Jazygen hinter sich, daß er nur mit dem kleinen Finger zu winken braucht, wenn ihm ein Menschenkind im Wege steht.

Der leichtsinnige Conrad zog zwar eine Grimasse zu dieser argen Bemerkung, so daß man im Zweifel sein konnte, ob er nicht übertreibe. Aber es war dunkel im Hausflur, Mitzlau sah diese Grimasse nicht, und war auch so überwältigt von all den stürmischen Dingen, in welche er plötzlich hineingerathen war, daß er nicht die Fassung hatte für prüfende Bemerkungen. Die wichtigste innerliche Frage, welche ihn beschäftigte, war zudem eine solche, daß er nur bemüht sein mußte, sich selbst nicht genau in die Augen sehen zu lassen. Er hatte sich gegen Conrad kurzweg für einen Protestanten ausgegeben, was er doch nicht war. Und jetzt trabte er ohneweiters in eine geheimnißvolle Höhle und unter die verwegensten Führer des Protestantismus mitten hinein – es versetzte ihm den Athem, als sie im Hause stehen blieben und links an eine Thür geklopft wurde, und der Raschmacher Urban nach kurzer Pause mit gedämpfter Stimme an die geschlossene Thür sprach: »Selbst ist der Mann, kein Götze hilft!« Offenbar ein Losungswort. – Die Thür ging auf. Sie traten in einen gewölbten Gang, und der zweite Bube Jobstens stand da mit einer kleinen Laterne, welche den dunklen Raum unsicher beleuchtete. Der Junge sagte nichts. Er schloß nur die Thür und ging dann mit der Laterne voraus den Gang hinab. Hinab, denn er beleuchtete bald sorgfältig einige Stufen, welche in einen weiten Raum führten, der leer und öde war. Eine Thür war nirgends in diesem Raume zu entdecken. Der kleine Jobst schritt aber sicheren Schrittes nach einer Ecke und lehnte sich dort gegen die Wand. Sie wich, und man sah und schritt in ein langes Zimmer, welches wie eine protestantische Kirche eingerichtet war. Weiß angestrichene Bänke und hinten ein sehr einfacher Altartisch. Keine Bilder, also calvinischer Styl, denn Luther gestattete deren.

Der Betsaal war leer, eine kleine Lampe auf dem Altartische beleuchtete ihn matt. Als aber die eintretende Gesellschaft bis zur Mitte vorgeschritten war, erhoben sich plötzlich hinter dem Altartische zwei Gestalten, und zwar so, als ob sie aus dem Fußboden emporstiegen. Sie thaten dies auch, denn hinter dem Tische führte eine Treppe ins Kellergeschoß hinab, und aus diesem Kellergeschosse kamen sie herauf.

Der kleinere von ihnen, ein Mann in mittleren Jahren mit einem kugelrunden haarlosen Kopfe, winkte der Gesellschaft abwehrend zu. Sie blieb stehen. Nur Urban, der Raschmacher, welcher hier am bekanntesten zu sein schien, ging dem haarlosen Manne entgegen.

– Leise, sprach dieser mit gedämpfter Stimme, er predigt unten. Aber was heißt das? Da ist ja ein Cavalier unter Euch, denn ich nicht kenne?

– Er ist einer von den Unsrigen, Herr von Wildling, und er hat sich eben dienstbar erwiesen.

– Wie heißt er?

– Das weiß ich nicht; er wohnt in Hernals beim Freiherrn von Jörger.

– Ihr wißt, wer da ist?

– Haben's just vernommen.

– Nun, Ihr wißt doch auch, daß man mit dem »Alten« vorsichtig verfährt. Niemand darf ihm so ohneweiters Fremde zuführen –

– In dieser Entscheidungsstunde –

– Ja, 's mag sein. Gott geb's, daß sie gelingt. Sie ist da. Oben sind die Cavaliere und beschließen. Unten seid Ihr, und – übertreibt nur nichts! Der »Alte« ist auf den Pußten noch wilder geworden, und kennt den hiesigen Boden nicht. Er will einen positiven Ausbruch heute Morgen. Erwägt nur sorgfältig, und vergeßt nicht, daß ein Rückzugsplan unter allen Umständen nöthig ist.

Herr von Wildling war ein Advocat, und die Katholiken sagten ihm nach, er sei nur deshalb ein so eifriger Protestant, weil sein juristisches Geschäft sich dabei sehr wohl befinde, denn er sei dadurch der Anwalt aller Ketzer geworden.

Während er jetzt noch weiter in den Raschmacher hineinsprach, um diesem, der als erbitterter Mensch zu Gewaltschritten neigte, Vorsicht einzuschärfen, hatte sein Begleiter, ein langer magerer Herr mit klugen Augen, den Bart-Conrad zu sich gewinkt, und diesem in ganz entgegengesetztem Sinn zugeredet. Er war ein Oberösterreicher, und kannte Conrad aus Linz.

– Schlagt endlich los; das vorsichtige Trödeln führt zu nichts. Wir oben sind viel weiter als Ihr hier unten. Behüt Euch Gott!

Damit brach er auf, und Wildling folgte ihm. Urban aber ging hinter den Altartisch, um die Fallthür aufzuheben, welche Herr von Wildling niedergelassen hatte.

– Wer war der magere Herr? fragte Mitzlau leise den Bart-Conrad.

– Unser Haupt im Oberlande, der Tschernembl. Der versteht's! Der hat mehr Grütze als alle Andern, und macht gar keine übernatürlichen Flausen. – Stille! Der Urban winkt. Vorwärts! Und Ihr, Landsleute, setzte er gegen die drei Salzschiffer halblaut hinzu, Ihr kommt jetzt das erste Mal zur richtigen Schmiede. Haltet Euer Maul hier und anderwärts, hört's?! – Ihr aber, Tartsch, den Kopf auf! Jetzt kommt die wirkliche Hilfe für Euren Junker; der »Alte« da unten macht kein Federlesen. – Vorwärts! Leise!

Die sechs Männer – Jobst war in den Hof nach seiner Wohnung abgegangen, von wo er einen besonderen Zugang zum Kellergeschoß hatte – traten nun so geräuschlos als möglich zu Urban, welcher nur einige Stufen hinabgestiegen war. Er flüsterte ihnen herauf, sie möchten warten, bis die Predigt zu Ende sei. Man verstehe hier an der Stiege jedes Wort.

So war es auch. In die Tiefe hinabblickend, von wo eine matte Helle heraufdämmerte, hörten sie eine scharfe, wenn auch etwas heisere Stimme. Sie regten sich nicht und lauschten.

»Verunreinigt haben sie das einfache Wort Gottes durch allerlei Zuthat« – klang die Stimme – »und trübe gemacht das reine Wasser, welches uns geschenkt worden ist durch den Heiland. Den Heiland selbst und Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde haben sie in den Hintergrund geschoben, und die Lehre wie den Gottesdienst angefüllt mit Nebenpersonen und Nebendingen. Jedes Land, jeder Ort, jeder Mensch hat seinen besonderen Gott, zu dem sie beten. Ganz wie die Heiden. Dadurch wird die wahre Ehre Gottes vertilgt und das Wort des Allmächtigen beleidigt, welches heißt: »»Du sollst keine andern Götter haben neben mir««. Oeffnet Eure Augen, erhebet Eure Hände, die Zeit ist auch für Euch in Wien gekommen, die falschen Götter umzustürzen, daß sie zerspringen auf den Steinen am Wege. Eure Augen sind blöde geworden, sie sehen nicht, was um sie her vorgeht. Ich muß aus der Wüste kommen, und Euch erzählen, was sich hier ereignet hat vor wenig Tagen, und was Ihr nicht erkannt habt. Im großen Tempel, welchen sie Stephan nennen, sind sie zusammengetreten, hundert an der Zahl, eitel reiche Herren, und unter ihnen ihre vornehmsten Kriegsleute, und haben sich verschworen zu einem Orden, und haben den Orden genannt »»die christliche Ritterschaft««, und haben eine Fahne aufgerichtet mit dem Bildnisse der Mutter unseres Heilandes, und haben sich eidlich verpflichtet uns Alle wegzutilgen von der Erde mit Stumpf und Stiel.«

Die Stimme schwieg; man hörte ein dumpfes Murmeln der Ueberraschung.

»Jetzt wißt Ihr, was Euch bevorsteht,« fuhr die Stimme fort, »und sobald das Männlein von Graz an die Spitze tritt, beginnt das Werk der Verwüstung und des Todtschlags. Wer noch zweifelt, ob jenes Männlein der leibhafte Herodes ist, welcher jede neugeborene Frucht würgen läßt, der betrachte diese meine Hände. Sie sind von doppelter Länge, denn sie sind ausgereckt. Sie sind kraftlos, denn sie sind zerbrochen. Die Folter hat sie ausgereckt, die Folter hat sie zerbrochen. Und jener Herodes hat die Folter über mich verhängt, weil ich unsere reine Lehre nicht verleugnen gewollt, und jener Herodes ist in der nächsten Stunde Euer gebietender König – wer wird Gott mehr gehorchen als den Menschen?«

Wir! klang es wie ein Donner von unten herauf.

»So gehet hin und erfüllet, was Euch befohlen wird von unsern Häuptern. Ein Jeder das Seine streng und gerecht. Ich bin nicht gekommen, die Palme zu bringen, sondern das Schwert. Der Herr erleuchte sein Angesicht über Euch und sei Euch gnädig! Amen.«

Jetzt stieg der Raschmacher Urban hinab. Die Andern folgten ihm. Sie machten sämmtlich bei ihrem Eintritt in den weiten Kellerraum, welcher die Loge genannt und von Kienfackeln erhellt war, eine Bewegung mit den Händen nach der Stirn, ein geheimes Erkennungszeichen, welches sie zur Sicherstellung gegen das Eindringen Unberufener eingeführt hatten. Rudolph von Mitzlau wußte davon nichts, und unterließ es natürlich. Er wurde es nicht einmal an seinen Begleitern gewahr, da all seine Aufmerksamkeit dem geheimnißvollen Orte und dem »Alten von der Pußta« zugewendet blieb. Die Augen jenes »Alten« waren denn auch wirklich das Erste, was ihm entgegenleuchtete. Katzenartig glühende Augen in einem todtbleichen abgemagerten Antlitze. Geradehin von Mitzlau am hinteren Ende des Kellers saß, unförmlich in einen ungarischen Bauernpelz, eine sogenannte Bunda gehüllt, dieser Odontius. Links und rechts neben ihm am Boden lagen in tiefem Schlaf zwei ungarische Bauern, ebenfalls mit grobledernem Pelze bekleidet.

Die Versammlung, welche auf rohen Holzschemeln gesessen, war aufgestanden und hatte sich nach den Seiten in Gruppen gedrängt. Die Mitte zu Odontius hin war frei und der Raschmacher Urban ging geraden Weges zu ihm. Er sprach leise und lang in den alten Mann hinein, indem er sich zu ihm niederbeugte.

Der »Alte« hörte unter vollständigem Schweigen zu. Erst als Urban den Namen »Starschädel« nannte, erhob der »Alte« rasch seinen Blick und nickte wie Einer, der sagen will: Weiter!

– Ihr kennt ihn also wirklich, und wir haben recht gethan, so viel d'ran zu setzen?

– Ihr habt noch zu wenig gethan, erwiderte der »Alte« mit halblautem heiserm Ton, denn Ihr habt ihn nicht frei gemacht. Auf der Burg ist er jetzt in der Höhle seines schlimmsten Feindes – – Papiere hat er an Niemand übergeben?

– Ich weiß von nichts.

– Er bringt eine Entscheidung von unserm obersten Doctor, vom ehrwürdigen Apostel Melanchthon's, den unser Doctor noch als Knabe gekannt –

– Ah!

– Wir sollen ihn hüten wie einen Augapfel, flüsterte er weiter vor sich hin. Was fragst Du, Pfeifer?

Diese Worte waren an einen verwachsenen kleinen Mann gerichtet, der vor den »Alten« hingetreten war. Er war ein Schuster, und erschien auch hier gerade so, wie er in seiner Werkstatt costümirt war: in aufgekrämpten Hemdsärmeln, das Schurzfell um die Lenden, ein schwarzes Lederkäppchen auf dem kurzen Haare. Das Gesicht, außerordentlich groß für den kleinen, verzogenen Körper, war merkwürdig ausgearbeitet in Formen und Zügen. Eine lange Habichtsnase, ein breiter, zahnloser Mund, ein vorstehendes Kinn, tiefliegende, grelle, unheimliche Augen. Sorgen oder Gedanken hatten in diesem Antlitze gewühlt – er war ein raffinirter Schwärmer und, wie man leicht sehen konnte, die rechte Hand des Odontius in Wien.

– Ich will Deine Offenbarung, antwortete er mit einer hohlen Stimme; die Leute warten, die Reichen berathschlagen oben bei dem Hausherrn. Soll hinaufgeschickt werden?

– Nein.

– Gott sei Lob! – Soll der heilige Streit beginnen ohne die Reichen?

– Ohne daß wir sie fragen.

– Gott sei Lob und Dank!

– Der Kriegsplan, den Du mir vorgelegt auf Deinem Schemel, als ich heut' Abend bei Dir einsprach, ist gut. Die Leute kennst Du und weißt, wo Jeder am besten steht und arbeitet. Gieb ihnen das Wort, und den Auftrag – geh!

Der Schuster Pfeifer folgte sogleich. Er ging von Gruppe zu Gruppe und gab seine Aufträge. Sie wurden schweigend angehört, und wurden aufgenommen wie etwas, dessen Ausführung sich von selbst verstehe. Handwerksleute und Handarbeiter, aus denen diese Gruppen bestanden, pflegen in höheren Fragen gehorsam geradeaus zu gehen, wenn sie sich einmal einer geistlichen Leitung anheimgegeben haben. Die wenigen Weiber, welche zugegen waren, nickten erschreckend ernsthaft mit den Köpfen zu den Anweisungen, welche Aufruhr und Todtschlag in sich bargen. Sie waren sichtlich bereit, wenigstens ebenso weit zu gehen, wie die verwegensten Männer.

Odontius sah seinem Schuster mit starrem Auge zu, und die Starrheit seines Auges nur verrieth, daß seine Gedanken weiter, viel weiter gingen. Sein Geist kreiste wie ein Raubvogel um eine außerordentliche Beute. Die Anwesenheit des Landsmannes Starschädel in Wien – er kannte die Familie ganz genau aus seiner Jugend – die Gefahr, in welcher der Landsmann schwebte, die Botschaft, welche er bei sich trug, das Andenken an den Patriarchen in Weimar, Alles das regte seine Seele in ihren Tiefen auf. Der entscheidende Augenblick schien ihm gekommen zu sein. –

– Nicht so, nicht so hätten wir ihn erwartet, sprach er tonlos vor sich hin, aber wer mag voraussehen, auf welchen Wegen das Schicksal seine Entscheidungen herbeiführt! – Der Patriarch wird es mißbilligen – ich billige es auch nicht – und doch, doch werd ich's thun. – Gott sieht in mein Herz, er weiß, warum ich's thue – es rettet, es erhebt unsere Sache. Gott wird mich weise richten. Unsere Kirche wird mir's ewig danken. Haben die Kinder Israels ihrer Judith nicht die Mordthat gedankt am Heiden Holofernes –?!

Er versank in sich. – Die Gespräche mit seinem Lehrer, den er den Patriarchen nannte, mit dem jetzt greisen Hortleder in Weimar, gingen an seinem Geiste vorüber. Ihr Kernpunkt war gewesen, die Spaltung in der evangelischen Kirche auszufüllen, koste es was es wolle. Nicht Lutheraner, nicht Calviner, noch sonstige Absonderungen sollte es geben – so nur, dann nur werde man die katholische Kirche besiegen, wenn ihr eine einige evangelische Kirche gegenüberstünde. Dies sei das Streben Melanchthon's gewesen, es sei auf Hortleder übergegangen, von Hortleder auf ihn. Für diese noch unsichtbare evangelische Kirche trage der junge Starschädel Botschaft – und dieser sei in den Händen des einzig gefährlichen Feindes. Ueberall öffne sich sonst Raum und gedeihliche Aussicht; dies ganze Donaureich sei in den Gährungsproceß eingetreten. Böhmen sichere die Verbindung mit Sachsen, Oberösterreich sei ganz reif, Ungarn desgleichen – das schiefe Männlein da oben in der Burg mit seinem harten, unbeugsamen Sinne stehe allein im Wege – der Weg werde frei, wenn das Männlein verschwinde.

Odontius war verwildert in seinem gehetzten Leben. Er unterschied kaum noch, was Rachegelüst in ihm war, was höheres Streben. Kaum noch. Ganz ohne Bewußtsein des Frevels, der in ihm gohr, war er freilich nicht. Er kroch in sich zusammen, daß nichts von ihm übrig zu bleiben schien auf dem Sessel, als der unförmliche Lederpelz.

Die ganze Situation hatte etwas Unheimliches. Eine Gruppe nach der andern, vom Schuster Pfeifer leise unterrichtet, hatte sich still entfernt. Pfeifer harrte an der Stiege, über welche die Letzten verschwunden waren, und blickte auf Conrad, der mit seinen Salzschiffern, mit Tartsch und Mitzlau unter einem lodernden Kienspane stand. Fragend schaute er nach dem andern Ende des Kellers, wo Urban und Jobst ein paar Schritte seitwärts getreten waren, um die unverständlichen Selbstgespräche des »Alten« nicht zu stören. Man hörte nichts als die Athemzüge der schlafenden Ungarn.

Da kroch das kleine todtenbleiche Gesicht des »Alten« aus der Bunda hervor. Er sah sich um; er kam zu sich. Der Blick kam ihm in das Auge zurück, und dieser Blick haftete auf Mitzlau; er winkte diesem mit einer kaum merklichen Bewegung des Hauptes.

Mitzlau fühlte sich peinlich erregt. Er verstand jene Bewegung ganz gut und wußte, daß sie ihm gelte; aber er zögerte.

– Er will Euch! flüsterte der Schuster Pfeifer.

Es blieb keine Wahl, Mitzlau mußte vorwärts. Langsamen Schrittes ging er zu dem »Alten« hin.

– Wie ist Euer Name? fragte dieser.

– Rudolph von Mitzlau.

– Ihr seid nicht aus Oesterreich?

– Ich bin aus Schlesien.

– Seid Ihr – Protestant?

– Wie käme ich sonst hierher?

– Könnt Ihr das beschwören?

– Ich kann beschwören –

– Haltet ein, junger Mann, Ihr seid im Begriffe, falsch zu schwören!

– Herr –

– Ich bin kein Herr; ich bin ein Diener des Herrn. Ich habe Euch vorhin eintreten sehen – Ihr kennt unser Zeichen nicht, Ihr gehört nicht zu uns. Was wollt Ihr hier? Euer Leben steht auf dem Spiele, wenn Ihr Euch nicht rechtfertigen könnt.

Schuster Pfeifer hatte sich unter Zeichen großer Aufregung genähert. Conrad war ebenfalls herzugetreten, und nahm das Wort, indem er Rudolph bis auf einen gewissen Grad entschuldigte. Er habe sich allerdings auch gegen ihn für einen Protestanten ausgegeben, aber das möge nun wahr sein oder nicht, er habe für die gute Sache muthig gehandelt. Und dabei schilderte er den Befreiungsversuch an der Schranne.

Odontius betrachtete alsdann Mitzlau längere Zeit, ohne ein Wort zu sagen. Er gefiel ihm offenbar nicht besonders. Aber er hatte sich für den jungen Starschädel ausgesetzt, und der Augenblick war nicht dazu angethan, das Geheimniß der Loge durch eine strenge Handlung zu bewahren. Der Ausbruch stand bevor, welcher von selbst Alles auf den Markt stellen sollte, und – im Innern des alten Mannes entwickelte sich der Plan einer That, gegen welche Mitzlau's Unwahrheit zusammenschrumpfte.

– Seid Ihr in der Burg bekannt? fragte der »Alte« endlich mit langsamer Betonung.

– Nein.

– Pfeifer! – War nicht der Kammerdiener hier, welcher zu uns gehört, der –

– Hamm?

– Ja. War er hier?

– Ja; 's war der Letzte der 'naufstieg und –

– Schick' ihm nach! Ich muß ihn sprechen.

– Er wird noch oben sein, weil er unserm Viertelsmeister Auskunft geben soll –

– Eile hinauf. Er möge warten, ich muß ihn sprechen.

Pfeifer ging. Odontius' Augen ruhten prüfend auf Mitzlau.

Conrad meinte, die Pause benützen zu sollen, um die Geschichte von dem Briefe mitzutheilen. Herr von Mitzlau sei auf den Gedanken gebracht worden, daß Pastor Odontius Theil habe an dem Briefe und Kunde geben könne über den Aufenthalt des reichen Oheims, dessen Person und Schätze von den Pfaffen festgehalten würden.

– Wie heißt Euer Oheim?

– Zdenko von Zierotin.

– Ah so! Den sucht Ihr? Das heißt wol: Ihr sucht sein Gold –

– Herr –!

– Nun, den kenn' ich allerdings. Das ist ein sehr würdiger Mann. Ich – ich will Euch zu ihm weisen, wenn Ihr Herz habt. – Ich bin bis jetzt nicht sehr erbaut von Euch; ich muß erst was Tüchtiges von Euch sehen, wenn ich Euch zum Oheim Zdenko bringen soll. Wollt Ihr ein Wagniß mit mir bestehen, welches Herzhaftigkeit fordert?

– Das will ich.

– Gut. Wartet dort an der Treppe. Pfeifer kommt da mit dem Manne, den ich allein sprechen will. Geht mit ihm, ihr Anderen.

Conrad, Urban, Jobst und Mitzlau zogen sich ans andere Ende des Kellers zurück, und Pfeifer schloß sich ihnen an, nachdem er den Kammerdiener Hamm zum »Alten« geführt.

Dieser Hamm war wirklich ein Kammerdiener aus der Burg, der einzige in seinem Kreise, welcher in der Stille dem neuen Glauben anhing, und mit Gefährdung seines Amtes die geheimen Conventikel im Wildling'schen Hause besuchte. Er war ein altes Männchen mit weißen Haaren und voll Respect für den Märtyrer Odontius.

Odontius sprach leise zu ihm, und die an der Stiege Harrenden sahen mit Staunen, daß Hamm erschrocken einen Schritt zurücktrat und wie bittend oder abwehrend die Hände erhob.

– Lass' die Menschenfurcht fahren, entgegnete Odontius mit lauterer Stimme; wir sind beide dem Tode so nahe, daß er uns ohne unser Zuthun an jedem Morgen beim Schopfe fassen kann. Es ist eine Gnade des Herrn, wenn man die letzten geschenkten Stunden noch anwenden kann zu einem Werke für den Glauben. Du hast dabei weiter nichts zu thun, als daß Du wie ein stummer Wegweiser dahinschreitest. Erst zu dem Orte, wo der sächsische Junker zu finden ist; dann zu dem Orte, wo Herodes weilt. Du schaust Dich an dem Orte des Herodes nicht weiter um, Du gehst den stillen Weg Deines Kammerdienstes nach links oder rechts, wie Du magst, Dein Amt eines Wegweisers ist dann vollbracht. Bete im Weitergehen, und erhalte Deine Seele im Gleichgewichte eines bescheidenen Christen. Jetzt geh' hinauf und harre meiner. – Im Vorbeigehen sende mir Pfeifer her.

Hamm ging mit schlotternden Gliedern von dannen. Das Wasser stürzte ihm aus den Augen; er hatte kaum so viel Stimme, um seinen Auftrag auszurichten.

Pfeifer trat zum »Alten«. Dieser sah ihn an und schwieg lange Zeit. Sein Geist war ersichtlich nicht in dem Auge, welches auf den protestantischen Schuster gerichtet blieb, sondern wühlte in den Gedankenkreisen einer That, welche er vorhatte und welche ihm entsetzlich zu schaffen machte. Endlich faßte er sich und sprach:

– Hat man den ledernen Sack auf meinem Wägelchen gelassen oder abgeladen?

– Abgeladen.

– So lass' ihn herbringen.

– Er ist schon da. Hier der Kumane liegt mit dem Kopfe darauf.

– Gut. Die Leute dort sollen hinaufgehen; ich will mich kleiden. Oben im Betsaale sollen sie auf mich warten. Besonders der fremde junge Mann aus – der Verwandte Zierotin's.

Pfeifer besorgte das. Dann kam er zurück, weckte den Kumanen, und zog aus dem ledernen Sacke Alles hervor, was da hineingestopft war. Der Inhalt des Sackes bestand aus Kleidern und einem Packete, welches Papiere enthielt.

Odontius ließ sich die Kleider anlegen durch Pfeifer und den Kumanen, und zog zu dem Ende die weite Bunda aus, ein mageres Körperchen enthüllend, dessen Knochen aufs sparsamste zusammengehalten waren von einer schrumpflichen Haut. Zu Pfeifer's Erstaunen ging aus dem Ankleideprocesse ein ungarischer Edelmann hervor mit Sporenstiefeln, engen Beinkleidern und einem sammtenen Rocke, welchen die Ungarn Attila nennen, wahrscheinlich zum Gedächtnisse an den wilden Hunnenkönig, welcher einst von der Theißebene aus Europa bedroht hatte. Kopfschüttelnd sah der Schuster eine Figur entstehen, welche ihn wildfremd anmuthete, weil das Aeußere und Innere gar nicht zusammenstimmen wollte.

– Nun noch den kleinen Mantel – sprach der »Alte« – – gieb, gieb, ich friere schon sehr, und muß die Bunda d'rüberhängen, um nicht zu schlottern. Die Waffe fehlt auch noch –

– Hier, Herr! sagte der Schläfer zu seiner Linken, welcher indeß ebenfalls aufgewacht war, und aus einem ledernen Futterale einen Säbel und einen Dolch hervorgezogen hatte.

Der Säbel wurde umgeschnallt, der Dolch mit einer kleinen Kette angehängt.

Pfeifer sah mit Erstaunen, daß Odontius den Dolch aus der Scheide zog und seine ausgestreckten Hände vorsichtig um den Griff klammerte, ein, zwei heftige Stöße in die Luft versuchend.

– Um Christi willen! rief der Schuster.

– Er wird die armselige Creatur verlassen, wenn es Sünde ist; er wird sie mit Riesenstärke ausrüsten, wenn es zum Heile gereicht, sprach der »Alte« leise vor sich hin. Dann befahl er dem Kumanen in ungarischer Sprache den Wagen zu holen und am Hausthor auf ihn zu warten. Zu Fuß sei der Weg zu weit für ihn, das Gehen, welches ihm sehr mühsam war wegen der ausgezerrten Glieder, würde seine geringen Kräfte aufzehren.

– Wo wollt Ihr denn hin? stöhnte der Schuster.

– Du sollst nicht mit. Sage dem Hamm oben, er möge jetzt vorausgehen und am Ende des Kohlenmarktes auf mich warten. Dort will ich absteigen. Es ist doch noch finster draußen?

– Freilich. Es ist halb Zwei. – Und wenn Ihr wirklich da hinauf müßt, Herr Pastor, wenn Euch der Geist treibt zu einer That der Bibel, so nehmt mich mit! Ich will helfen. Was Ihr thut, wird vor Gott zu verantworten sein und wird der Sache unseres Glaubens nützlich werden. Meine Seele schmachtet danach, ein feierliches Opfer zu bringen. Nehmt mich mit! Schiebt mich vor! Laßt mich stoßen, wie Ihr da in die Luft gestoßen habt. Ihr vollbringt's nicht, Eure Hand ist zu schwach. Meine ist stark, und mit meiner Schusterahle (er zog sein Handwerksinstrument unter dem Schurzfelle hervor) stech' ich ins zähste Leben hinein, wie durch die dickste Rindssohle – laßt mich's verrichten!

– Guter Pfeifer! Du kommst als Schuster nicht an Ort und Stelle. Du wirst nicht eingelassen, und Du kannst so was nicht verantworten vor Gott. Ich kann's kaum; aber ich kann's doch eher. Denn ich habe den Spruch für mich: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und ich übersehe mit klarem Auge alle Folgen. Mir kann eher verziehen werden um der Folgen willen. Geh', geh'! Dein gesunder Leib hat noch zwanzig Jahre irdischen Lebens und Thuns vor sich im Dienste der Unserigen, mein Leib ist ein vergifteter Schatten, der mühselig umhergeschleppt wird. Geh', geh', und unterrichte den Hamm, und schick' mir den schlesischen Junker her. Er sieht stattlich aus, und wird mir den Eintritt erleichtern; er soll mich unter der Achsel stützen die Treppen hinauf und über den glatten Fußboden hin. Geh' mit Gott, und wenn ich Dich nicht wiedersehe, so weine mir eine Thräne nach. Du bist ein braver Diener unserer Kirche –

Pfeifer unterbrach ihn mit einem Schmerzensgeheul, und war nur durch ferneres Zureden fortzubringen.

Als er endlich gegangen, ließ Odontius das Packet voll Papiere durch den Kumanen öffnen, denn seine gebrechlichen Hände konnten den Bindfaden nicht entwirren, welcher es zuschnürte. Als es offen war, suchte er einen großen Brief und ein Blatt heraus, und steckte beides unter den Sammtrock auf die Brust. Unterdessen war Mitzlau gekommen.

– Faßt mich, junger Mann, unter der linken Achsel, und schiebt und tragt mich, bis Ihr des Junkers Starschädel ansichtig werdet. Ich kenn' ihn nicht. Führt mich bis dicht zu ihm und wenn das geschehen, dann macht Euch eilig von dannen. Werdet Ihr aber jemals gefragt, ob Ihr mich gekannt, so antwortet getrost: Nein! Ihr hättet mich am Eingange gesehen als einen hinfälligen stolpernden Mann, der eine Stütze gesucht über die Treppe hinauf, und der sich für einen wichtigen Gesandten aus Siebenbürgen ausgegeben. Dieser mitleidigen Armleihung hättet Ihr Euch nicht entziehen können, besonders da ich gesagt, es handle sich um eilige Botschaft für den regierenden Herrn. – Ehe Ihr aber von dannen geht, fragt mich noch einmal, wo Euer Oheim Zdenko zu finden sei. Ich werd' es Euch sagen zum Dank für Eure Mühe. So, jetzt Euren Arm, und laßt uns gehen!

Fort ging es. Draußen auf der Straße regnete es, und der kleine Wagen mit einer Leinwanddecke, welcher Odontius und Mitzlau aufgenommen, rasselte, von vier kleinen Pferden gezogen eilig die Seilerstätte hinauf. Urban, Conrad, Tartsch und Jobst trabten hinter demselben her. Sie ahnten, sie merkten, daß etwas Ungeheuerliches im Werke, und daß die Burg der Zielpunkt sei. Sie wollten gleichzeitig an Ort und Stelle sein, und verließen die Wagenspur an der Himmelpfortgasse, um durch Richtwege nach dem Schweinsmarkte (jetzt Lobkowitzplatze) hinüber der Ankunft des Wagens zuvorzukommen. Dem Wagen selbst gab Pfeifer die Richtung. Er hatte sich vorn neben dem Kumanen aufgesetzt in die Kelle und gab durch Zuruf »rechts!« und »links!« den vom Sattel fahrenden Kutschern die Richtung an. Der Bestellung an Hamm gemäß wollte er durch den Kohlenmarkt ankommen und am Ausgange desselben stillhalten.

Obwohl es tief in der Nacht war, sah man doch zahlreiche Menschengruppen in den Straßen oder wenigstens in den Thorwegen, wo sie vor dem stärker werdenden Regen untergetreten waren.

Die überall verbreitete Todesstunde des Kaisers war eben ein Ereigniß, welches unter den obwaltenden Umständen Jedermann berührte, denn auch die Katholiken sahen in der Mehrheit nicht ohne Besorgniß auf den Nachfolger des Sterbenden, auf König Ferdinand, dessen allbekannte Gesinnung erhöhten Kampf und Streit in unmittelbare Aussicht stellte. Viele dieser Gruppen mochten übrigens aus Protestanten zusammengesetzt sein, denn der Schuster Pfeifer nickte ihnen im Vorüberfahren zu, als wollte er sagen: Es ist recht, daß ihr trotz Nacht und Regen auf eurem Posten seid, der Augenblick steht bevor, oder ist schon eingetreten. Harrt aufmerksam des Losungswortes!

Besonders zahlreich war eine solche Gruppe am Ausgange des Kohlenmarktes, und auf Pfeifer's Commando hielt hier der Wagen still.

Der Wind blies hier breit von Westen herein in die Stadt und machte den Frühjahrsregen empfindlich. Denn nach Westen hinüber war hier hinter einer kleinen Gruppe niedriger Häuser ein großer freier Platz. Der jetzige innere Burghof war noch nicht vorhanden, sondern zwischen dem Schweizerhofe und dem jetzigen Amalienhofe lag ein wüster offener Raum. Die Burg bestand nur aus dem Quadrate des jetzigen Schweizerhauses, an allen vier Ecken von Thürmen flankirt und mit einem schmalen Graben umsäumt. Nur etwa bis zur jetzigen Burgwache schloß sich ein Anbau an, welcher später als »Leopoldinischer Tract« bis zum Cillihofe verlängert worden ist. Rechts drüben nach Westen, jenseits des freien Raumes, stand vereinzelt der Cillihof, Gebäude, welche den Grafen von Cilli gehörten und erst in späterer Zeit, als der Leopoldinische Tract und die Reichskanzlei entstanden, mit der Burg verbunden und Amalienhof genannt wurden. Ebenso sind das jetzige Burgtheater und die große Reitschule späteren Datums. An ihrer Stelle war der Burggarten, von hoher Mauer eingeschlossen. Viel unnahbarer und entfernter vom Ausgang des Kohlenmarktes als jetzt lag damals die Burg in trüber Nacht vor den aufgeregten Protestanten, welche eine Vorpostenkette aufgestellt hatten links hinüber zur Stallburg, um sofort Kunde zu erhalten, wenn sich der Hintritt des Kaisers bis herab in die Wachtstuben verbreiten würde.

Pfeifer sprang vom Wagen und fragte, ob der alte Hamm da sei. Er war nicht da. Und doch mußte er abgewartet werden. Odontius erklärte aus dem Wagen heraus, in welchem er verblieb: man solle ruhig warten. Er konnte nichts unternehmen ohne den Beistand des alten Burgdieners. Dieser hatte den Auftrag, Odontius unmittelbar vor König Ferdinand zu führen. König Ferdinand wohnte in der Burg selbst. Es wäre hoffnungslos gewesen, mitten in der Nacht Eintritt zu suchen in die Burg; es war aber nicht hoffnungslos, daß man bei der Aufregung eines kaiserlichen Todesfalles in die Stallburg eintreten könne. Es war wahrscheinlich, ja es schien gewiß, daß man König Ferdinand in der Stallburg finden werde. Die letzten Augenblicke des Kaisers mußten ihn dahin rufen.

Der Oertlichkeit wegen war Hamm nöthig. Er kam nicht, und das Regenwetter wurde stürmischer. War es dem alten Manne leid geworden, wozu er sich im Wildling'schen Keller verpflichtet?

Man weiß, was Warten bedeutet! In gewöhnlicher Lage bringt es die Ungeduld mit sich; in gespannter Lage stachelt es die Seele zu krankhaften Sprüngen; in gefährlicher Lage kann es zur Verzweiflung steigern. Nun war des Odontius Phantasie zwar vom Hause aus nicht eben die fruchtbarste; er war im Gegentheil als ziemlich nüchterner Verstandesmensch von Sachsen heraufgekommen in die österreichischen Bergländer. Aber sein Beruf hatte die Einbildungskraft in ihm gleichsam gepeitscht und zu steter Bewegung getrieben. Diese Bewegung war um so unregelmäßiger geworden, je weniger sie in Wahrheit seinem eigentlichen Naturell entsprang. Den Sieg einer kühl verständigen Religionslehre über eine phantasievolle und überladene Glaubenswelt zu erringen und zu verbreiten war doch eigentlich eine Aufgabe, welche vorzugsweise ruhige Charakterkraft erheischte. Die Entwickelung einer solchen war ihm abhanden gekommen durch die Verfolgung, welche ihn frühzeitig in Steiermark ereilt, grausam ereilt hatte. Statt der Sammlung war die Leidenschaft in ihm erweckt worden, und das große Feld der Möglichkeiten, welches sich ihm aufgethan in den weiten ungarischen Verhältnissen, hatte seine eigentlich schwache Phantasie überreizt. Er hoffte, fürchtete und folgerte ohne Rand und Band, und die jetzige Viertelstunde müßigen Harrens, welche ihm vor Ausführung einer wilden That aufgenöthigt wurde, jagte seinen Geist in bahnloser Irre umher. Er lag auf dem Strohhaufen des kleinen Wagens wie auf glühendem Roste, und Mitzlau, welcher sich nach dem Kutscherplatze vorn gezogen hatte, sah nicht ohne Grauen zu ihm hinein, und hörte schaudernd die unartikulirten Laute seines Gestöhns. Es war eine Erlösung für beide, als Pfeifer, der nach der Stallburg zugeschlichen war, endlich eiligen Schrittes an den Wagen zurückkehrte und die Nachricht brachte: Hamm kommt!

Mitzlau sprang vom Wagen hinab in den Regen hinaus, gleich als wollte er es vermeiden, den Bericht Hamm's anzuhören. Das unausgesprochene, offenbar schreckliche Vorhaben sollte wenigstens ohne sein Wissen vor sich gehen. Er war ein berechnender Mensch, welcher immer voraus wissen mochte, was er allenfalls auch gerichtlich aussagen würde über einen Vorgang, dem er beigewohnt. In der jetzigen Lage wünschte er beschwören zu können, daß er unwissend über das geblieben sei, was Odontius beabsichtigt.

Hamm trat mit schlotternden Knieen an den Wagen und berichtete dem »Alten« mit kaum vernehmbarer Stimme: der König-Erzherzog sei soeben gerufen worden und schicke sich an, aus dem Königinkloster durch den Schwibbogen in die Stallburg zu gehen, wo das Delirium des Sterbens beim Kaiser eingetreten sei. Die Gemächer seien angefüllt mit Priestern und Cavalieren. Im ersten Vorzimmer sitze auch in einem Winkel der sächsische Junker, ob bewacht oder nicht, das wisse er nicht zu sagen.

– Und ich werde ihn sprechen können? rief Odontius, indem er Anstalt machte, aus dem Wagen zu kriechen.

– Das wird die geringste Schwierigkeit haben! erwiderte Hamm und half dem »Alten« herab.

Mitzlau ward gerufen, um seinen stützenden Arm zu leihen. Hamm ging langsam voraus; Odontius, auf Mitzlau gelehnt, folgte. Er sah aus, als ob er selbst zum Galgen geführt würde. Pfeifer stürzte herzu und küßte ihm noch einmal schluchzend die Hand. Der »Alte« winkte ihm, zurückzubleiben; es wurde kein Wort mehr gesprochen. Hamm schritt unter den Thorweg, wo ein paar Trabanten mit Hellebarden Wache hielten. Sie saßen einander gegenüber auf steinernen Bänken, hatten die glänzenden Spieße nachlässig im Arme liegen und schienen dem Schlummer näher als dem Wachen. Das immerwährende Hereinströmen von Cavalieren, welche seit ein paar Stunden zu der Katastrophe des Kaisers herbeieilten, hatte sie abgestumpft für neue Ankömmlinge. Sie betrachteten den kleinen gebrechlichen Ungarn gar nicht, welcher an ihnen vorübergeführt und langsam die Stiege hinauf fast geschleppt wurde.

Oben auf dem Vorraum zwischen Stiege und Vorzimmer wurden sie ebensowenig angehalten von den umhersitzenden Trabanten. Der vorausgehende Hofdiener, die ungarische Magnatentracht des »Alten«, das stattliche Aussehen Mitzlau's ließ Niemand auf den Gedanken kommen, daß da ein Feind einbräche. So kamen die Fremdlinge ins große Vorzimmer. Hamm wendete sich unscheinbar nach dem »Alten« um, und deutete kaum merklich mit dem Haupte nach einer Ecke. Dann schritt er in das nächste Zimmer.

In jener Ecke saß wirklich der Junker Hans. Er war von der Burgwache geleitet, in der Sänfte unten ins Portal der Stallburg gebracht worden. Dort hatte ihn der Hauptmann der Burgwache, welchen Waldstein mit soldatischer Voraussicht unterrichtet, in Empfang genommen und herauf ins Vorzimmer geführt, der Hauptmann war dort unter den zahlreich anlangenden Cavalieren ruhig mit ihm stehen geblieben, bis Minister Trautson seiner ansichtig wurde. Dieser behandelte die ganze Angelegenheit als eine beiläufige Gefälligkeit für Waldstein, suchte diesen in der Menge auf, zeigte ihm die draußen harrenden Ankömmlinge und sprach halblaut:

– Bemächtigt Euch des Fremdlings rasch und nach Belieben. Vor allen Dingen schiebt ihn zur Seite, daß ihn keiner der Pfaffen bemerke. Den Hauptmann absolvire ich.

Dies sprechend, war er neben Waldstein hinausgegangen, ins Vorzimmer und hatte kopfnickend dem Hauptmann gesagt: es sei gut, und er habe sich nicht mehr um den jungen Mann zu kümmern. Waldstein aber hatte kurzweg den Junker Hans am Arm genommen und in die fernste Ecke des Zimmers geführt, ihm leicht, aber bestimmt mittheilend:

– Ich bring' Euch in Sicherheit, sobald ich selbst fortgehe. Wartet hier auf mich, und wenn Euch Jemand behelligen sollte, so rührt Euch nicht vom Fleck, sondern beruft Euch auf Minister Trautson und Graf Waldstein, welche Euch befohlen, sie hier zu erwarten.

Und so gleichgültig wie langsam war er von ihm gegangen, der lange böhmische Herr, in welchem Hans den Reiter von der Donaubrücke am Tabor sofort erkannt hatte.

Hans hatte alle mögliche Ursache, erstaunt und betroffen zu sein. Er sah sich plötzlich in der kaiserlichen Burg, und, wie er bald inne wurde, unweit des sterbenden Kaisers; er war in den Händen der wichtigsten kaiserlichen Männer – was bedeutete das Alles? Man will Dich ausforschen, man will Dich benützen? war ein natürlicher Gedanke. Wie? wozu? war der nächste. Immerhin war sein Erstaunen und seine Betroffenheit viel geringer, als eigentlich den Umständen angemessen war. Die Wogen der Ereignisse hatten ihn so jäh ergriffen, daß ein Mehr oder Minder der auffallenden Umstände ihn nicht mehr besonders überraschte. Still und fest war er sich einer weitaussehenden Aufgabe bewußt und ließ die Dinge an sich kommen. Je höher die Kreise waren, in welche er geschleudert wurde, desto angemessener war das ja doch seinen Zwecken, und deshalb war es ihm nur ein zweiter Gedanke: ob er nicht ohneweiters das Zimmer zurückmessen, die Treppe hinabsteigen und sich in Freiheit setzen solle. Der alte Herr neben Waldstein hatte ja dem Hauptmann anempfohlen, sich nicht mehr um den »jungen Mann« zu kümmern; die Wache also würde ihm wol den Weg nicht vertreten. Dieser natürlichste Gedanke der Befreiung blieb ihm, wie gesagt, untergeordnet; er wollte erst eine Zeitlang abwarten, und setzte sich still in einen Sessel, der hinter einem großen Kachelofen stand.

Dort fanden ihn Mitzlau und Odontius. Mitzlau machte im letzten Augenblicke noch einen Versuch, den Aufenthaltsort seines Oheims Zdenko aus dem unheimlichen »Alten« herauszulocken. Umsonst! Der »Alte« hörte und sah nichts weiter als den sächsischen Landsmann, welchen ihm Mitzlau gezeigt. Er drängte heftig nach ihm hin und streckte ihm die zitternde Hand entgegen, den Namen »Hortleder« in fieberischer Hast entgegenrufend. Mitzlau entledigte sich nur noch rasch der Aufgabe, dem Junker Hans anzukündigen, wen er vor sich habe. Mit gerechter Vorsicht sagte er dem Junker Hans den Namen Odontius leise ins Ohr, und entfernte sich dann eilig von dem unheimlichen »Alten«, nachdem er ihm einen Sessel neben Hans hingeschoben hatte. Es schwante ihm eine Katastrophe, und er wollte um keinen Preis dabei betheiligt erscheinen. Er schritt also, um nur ganz wo anders hinzukommen, nach dem offenen großen Zimmer zu, welches den Durchgang bildete zwischen dem Schwibbogen von der Burg und dem Sterbezimmer des Kaisers.

Hier war soeben eine lebhafte Bewegung entstanden unter den zahlreichen Anwesenden.

Die Thür nach dem Schwibbogen war aufgegangen, und Baron Harrach war herausgetreten mit der halblaut gesprochenen Ankündigung:

– König Ferdinand!

Die Anwesenden sonderten sich links und rechts, eine Gasse bildend, durch welche der Mann hinschreiten sollte, welcher die Regierung des Sterbenden zu übernehmen hatte. Es entstand eine athemlose Stille, und man hörte aus der Ferne eine klagende Stimme. Es war die Stimme des Kaisers, welchen wirklich das letzte Delirium ergriffen hatte, und welcher von den Phantasien des eintretenden Todes gepeinigt wurde. Mitzlau wendete erschrocken den Kopf nach der Richtung dieser Stimme. Die Thüren waren weit geöffnet; er sah bis tief in das Krankenzimmer hinein; er sah die breite Bettstatt des Kaisers, rings umkniet von Priestern, und auf ihr, die leichte Decke von sich schleudernd, den Kaiser Mathias im Hemd, der sich krampfhaft emporgerichtet mit den mageren Armen, das fleischlose, von grauem Barte und flatterndem grauen Haare eingerahmte Antlitz vorstreckend, als wolle das erlöschende Auge einen Gegenstand erkennen, vor welchem sich doch die Seele zu fürchten schien.

– Es ist der verstorbene Kaiser Rudolph, den er vom Throne gestürzt, und den er immerfort zu sehen glaubt! flüsterte ein Nachbar Mitzlau's seinem Nachbar zu.

Der Eindruck war ergreifend und die Stille so groß, daß man aus der Tiefe des zweiten Zimmers bis in dies große Vorgemach die kreischende Stimme des Phantasirenden in vielen Hauptworten verstehen konnte.

– Dietrichstein! hörte man, Dietrichstein, was hat er entgegnet? Sag' Alles! – Krank hat er ausgesehen? – Im Thurmzimmer? Den Zeigefinger hat er ausgereckt gen Himmel, und – ich würde sein Mörder? – Heraus mit dem schrecklichen Worte! – Mit den Nägeln würde man ihn aus der Erde kratzen wollen, wenn ich – wenn ich zehn Jahre regiert – das hat er gesagt? – Und ihr wollt kratzen? Kratzen? – Entsetzlich! Entsetzlich! – Da steht er, da steht er im Thurmfenster – o! Er steigt heraus! Er schreitet auf der Luft einher im langen Leichenhemde, er schreitet auf mich zu – die Kohlendämpfe, die Schwefeldämpfe aus seinem Laboratorium wehen mir ins Gesicht – er kommt näher, immer näher – Jesus Maria!

Die letzten zwei Worte waren ein gellender Schrei – starr wie gebannt, den Mund weit geöffnet, aber ohne einen weiteren Laut blieb der Kaiser sitzen und sah nach dem Vorgemache her in die offene Gasse – und durch diese Gasse schritt jetzt, aus der Schwibbogenthür kommend, ein mittelgroßer, schlanker Mann mit geröthetem Antlitz. Sein schlichtes Haar war blond, sein großes, blaues Auge sah blicklos vor sich hin, oder vielmehr in sich hinein. Die Lippen bewegten sich, er ging betend einher; seine Rechte zeichnete mehrmals das Kreuz über Stirn und Brust. Es war König Ferdinand. Dicht hinter ihm ein ganz alter Jesuit mit gebücktem Rücken und vorhängendem weißen Haupte, Pater Bartholomäus, des Königs Beichtvater aus der Steiermark.

Langsam bewegten sich die beiden Männer auf den Kaiser zu, welcher sich nicht mehr regte, aber aufrecht blieb. – Geräuschlos schloß sich hinter den beiden Dahinschreitenden die Gasse – die Anwesenden folgten alle nach dem Sterbezimmer so vorsichtig und still, daß man keinen Fußtritt vernahm. Mitzlau ward mit hineingeschoben – er sah und hörte nun Alles in der Nähe. – Als König Ferdinand auf die Schwelle des Sterbezimmers trat, erhob er seine Augen und blieb stehen – Auge in Auge standen sich Vergangenheit und Zukunft eines großen Reiches. Das gläserne Auge des Kaisers sah starr und – Jedermann gewahrte es – bereits gedankenlos auf den König, welcher langsam sein Knie beugte und, jetzt halblaut betend, niedersank. Pater Bartholomäus, aufrecht hinter ihm, sprach ziemlich laut dieselben Gebetsworte, welche der König vor ihm flüsterte – da schoß es wie ein matter Blitz durch das Antlitz des Kaisers; war es der Tod? Nein, es war ein letzter Lebensfunke: die starren Züge sanken in Schlaffheit, der stiere Blick ward durch eine Thräne erweicht, der offene Mund schloß sich langsam, die Hand griff nach der Seite, als wollte sie etwas Wirkliches erreichen, und der junge Italiener Carlo Blandini, welcher hinter den knienden Priestern stand, trat zum Kaiser, den Kopf vorbeugend, als wollte er ein gehauchtes Wort verstehen. Das Wort kam auch: »Nahrung – Nahrung!« lautete es. Blandini winkte einem Wärter, und bezeichnte ihm eine kleine Schale auf dem Ecktische. Der Wärter reichte sie. Eine Flüssigkeit, mit welcher sie angefüllt war, rauchte noch ein wenig; es war einfache Fleischbrühe. Blandini führte sie zum Munde des Kaisers; dieser schlürfte begierig, bis kein Tropfen mehr in der Schale war – er schien gestärkt. Die Zuschauenden glaubten alle, der Todesanfall sei nochmals überwunden, und Waldstein, der dicht hinter Pater Bartholomäus stand, machte gegen Blandini ein Zeichen mit dem Haupte, welches fragen mochte: ist es so? Blandini schüttelte verneinend den Kopf, und in demselben Augenblicke fuhr ein Zucken über den ganzen Körper des Kaisers, ein leises Gestöhne rang sich aus der Brust, der aufrechte Oberkörper fiel jählings zurück – der Kaiser Mathias war todt.

Blandini trat zurück, der Leibarzt trat herzu und legte die Hand auf das Herz des Verschiedenen. Nach kurzer Prüfung sprach er leise: »todt!« und winkte nach der Gruppe von Würdenträgern, welche hinter den knienden Priestern standen. Einer von diesen trat ans Sterbelager, und zog aus seinem Kleide einen runden, kleinen Handspiegel. Den hielt er vor den Mund des verstorbenen Herrschers. Kein Hauch trübte die Glasfläche. Der Würdenträger harrte mit Geduld eine lange Weile, den Spiegel in derselben Richtung haltend. Man hörte keinen Athemzug in den weiten Räumen, so sehr war Jedermann gespannt auf diese Athemprobe. Dann zog der Würdenträger den Spiegel zurück, betrachtete ihn und zeigte seine helle Fläche den Versammelten, mit trockener Stimme ausrufend:

– Der Kaiser Mathias ist todt!

Kaum waren diese Worte gesprochen, so erhoben sich die knienden Priester sämmtlich und traten dicht ans Bett, ein Bischof zu Häupten desselben, und sonoren Klanges, wenn auch gedämpft, stimmte der Bischof das » de profundis«, einen Todtengesang, an, in welchen sämmtliche Priester einfielen. Alle Anwesenden bis in das Vorzimmer an der Stiege sanken gleichzeitig auf die Knie.

Nur Odontius und Junker Hans im Vorzimmer auf den Sesseln hinter dem Ofen machten eine Ausnahme. Sie nahmen keinen Theil an dem Vorgange; sie waren in hastige Mittheilungen vertieft, welche sie sich gegenseitig zu machen hatten. Junker Hans hatte dem »Alten« einen Theil jener Papiere übergeben, welche er in der Schranne auszuliefern sich geweigert hatte, und über den Inhalt derselben tauschten sie lebhaft ihre Meinungen aus. Dieser Inhalt betraf eine große kirchliche Einrichtung, für welche Hortleder in Weimar der Mittelpunkt, Odontius ein Apostel in Ungarn, Hans von Starschädel ein Bote sein mochte, und in welcher auch jener verschollene Oheim Mitzlau's, Zdenko von Zierotin, eine wichtige Person zu sein schien. Wenigstens sprach gerade in diesem Augenblicke Odontius den Namen desselben aus, und setzte hinzu:

– Ihr wißt jetzt, wo er zu finden ist. Sucht ihn mit der Morgendämmerung auf, unbekümmert um das, was hier geschieht, und –

– Pst! flüsterte ein Kniender mit drohender Handbewegung zu Odontius hinauf.

Es war der Rath Gangelberger, welcher sich ebenfalls, und zwar erst einige Minuten vorher, in der Burg eingefunden hatte. Hans erkannte ihn auf der Stelle, und bedeutete Odontius rasch und energisch, stillzuschweigen. Er selbst, durch den Ofen gedeckt, konnte hoffen, von Gangelberger noch nicht erkannt zu sein, und zog sich vorsichtig noch weiter zurück.

Gangelberger, vom Gerücht der Sterbestunde herbeigezogen, wollte sich gleichzeitig zur Audienz vormerken lassen beim regierenden Nachfolger, um demselben einen eindringlichen Vortrag zu halten über den Stand des Gerichtswesens, über die gefährliche Einmischung der Geistlichkeit, über den ganzen Gang der Dinge. Gerade in den ersten Stunden des neuen Regiments hoffte er ein empfängliches Ohr zu finden, und seine patriotische Gesinnung ließ es ihn geringachten, daß er ungnädig aufgenommen werden könne. Von der Abholung des sächsischen Junkers aus der Schranne wußte er nichts; er hatte auch Hans jetzt nicht entdeckt hinter dem Ofen, sondern nur mit halbem Blicke auf Odontius geschaut. Das ungarische Costüm erklärte ihm die Nichtachtung des religiösen Momentes, denn das ungarische Kleid war ziemlich gleichbedeutend mit Protestantismus; er sah auch nicht weiter hin, als auf seine Ermahnung Stillschweigen gefolgt war.

Odontius übrigens war durch diese Unterbrechung inne geworden, was um ihm her vorging. Daß Alles auf den Knien lag, war ein deutliches Anzeichen, die Katastrophe sei eingetreten. Er verstummte, er horchte. Bei dieser Katastrophe – war sein nächster Gedanke – wird König Ferdinand, der aufgesuchte Widersacher, schwerlich gefehlt haben. Er muß ganz in der Nähe sein, vielleicht nur wenige Schritte entfernt. Der entscheidende Augenblick ist also da. Ein Zittern überfiel den gebrechlichen Körper; die lahme Hand griff nach dem Dolche; als wollte sie sich der Kraft versichern, deren sie vielleicht binnen wenigen Minuten bedürfen würde, und ihr Zittern schien jetzt vorzugsweise Erregung des Rachegefühls zu sein, während es früher Aufruhr des Gewissens gewesen war. Er stand auf mit größerer Festigkeit als sonst. Der Kopf neigte sich vor, und die ohnehin heisere Stimme ächzte zusammengepreßt zu dem nächsten Knienden die Frage hin:

– Der Kaiser todt?

– Todt! erwiderte ebenso kaum hörbar der Kniende, welcher Niemand anders war als Gangelberger.

– Erzherzog – Ferdinand – da?

– König Ferdinand ist da, – und in diesem Augenblicke erhoben sich die Knienden alle.

» De profundis« war beendigt; König Ferdinand hatte sich an der Schwelle des Sterbezimmers aufgerichtet, und war zur Leiche hingetreten, um in unmittelbarer Nähe derselben ein letztes Gebet zu sprechen.

Junker Hans sah mit Befremden auf Odontius und hörte mit Schrecken, daß er im ausgeprägtesten sächsischen Dialecte ein Selbstgespräch führte, welches Mord und Todtschlag zum Thema hatte. Es wurde ihm plötzlich klar, daß der »Alte« eine furchtbare That beabsichtigte. Ohneweiters wollte er zuspringen und den alten Mann, welcher einen Schritt vorwärts gethan, zurückreißen. Aber Gangelberger wendete sich eben und maß den auffälligen kleinen Ungar von oben bis unten. Glücklicherweise mochte er die Worte des sächsischen Jargons, welche dem »Alten« fortwährend von den Lippen purzelten, nicht verstehen. Hans zögerte; der Ofen verbarg ihn noch. Eine so unmittelbare Begegnung mit Gangelberger konnte doch nur ungünstige Folgen für ihn haben. Denn es war ja deutlich, daß er nur zufälligen Umständen den geöffneten Weg zur Freiheit verdankte. Da that Odontius noch einen Schritt und stieß die Worte hervor:

– König Ahab!

Hans wollte lieber seine Freiheit aufs neue daransetzen, als den alten Landes- und Glaubensgenossen, der sichtlich überspannten Geistes war, ein Verbrechen begehen lassen. Er trat vor und ergriff mit fester Hand Odontius.

Da sah ihn Gangelberger.

– Wie kommt Ihr hieher, Junker? rief er.

– In einer Sänfte, erwiderte dieser.

– Wie?! – Ihr seid entsprungen!

– Entspringt man in die kaiserliche Burg, wo alle Gewalthaber des Reichs versammelt sind?!

– Was heißt das?

– Beruhigt Euer richterliches Gewissen, Herr. Man hat mich holen lassen. Diese Gewalthaber selbst haben mich holen lassen.

– Nennt einen Namen.

– Graf Waldstein.

– Graf Waldstein ist weder Minister, noch sonst eine Civilautorität. –

– Was weiß ich; warf Junker Hans noch hin und schritt davon.

Er hatte bemerkt, daß Odontius fort war, der schwächliche »Alte«, welcher sonst nicht ohne Führer schreiten konnte, war in seiner furchtbaren Erregtheit so straff geworden, daß er selbstständig – vielleicht weil er im Gedränge links und rechts zufällig Anhaltspunkte gefunden – bis an das große Durchgangszimmer vorgedrungen war. Dort lehnte er an der Thürpfoste. Er konnte nicht sogleich weiter. Aus dem Sterbezimmer nämlich war König Ferdinand ganz so wie er gekommen durch die neuerdings sich öffnende Gasse zurückgekehrt. Die Flügelthüren des Sterbezimmers waren geräuschlos hinter ihm geschlossen worden, die todte Herrlichkeit für immer scheidend von der lebendigen Welt. Inmitten des großen Durchgangszimmers war König Ferdinand stehen geblieben, hatte das Haupt erhoben und sich gleichsam zur Weltlichkeit gesammelt von dem unablässigen Beten. Links- und rechtshin über die sich ehrfurchtsvoll beugenden Cavaliere blickend, – die geringe Minderzahl der Edelleute in Niederösterreich, diejenigen, welche streng katholisch zu ihm halten mochten – hatte er langsam mit der Hand ein Zeichen gegeben, welches Dank ausdrücken sollte und Verabschiedung. Pater Lamormain und Pater Bartholomäus standen ihm zunächst, und der Letztere sprach halblaut:

– Der König will sich fassen und stärken in einsamer Andacht.

In Folge dieser Aeußerung wendeten sich die Cavaliere nach der Thür, an welcher Odontius lehnte, und das Gedränge war so groß, daß zunächst ein weiteres Vorschreiten des schwächlichen »Alten« unmöglich wurde, wie sehr sein ganzes Körperchen nach vorwärts trachtete. Denn er war überzeugt, daß sein Todfeind aus der Steiermark dicht hinter den herausdrängenden Männern zu finden sein würde. Aber auch Junker Hans konnte nicht sogleich bis zu ihm, und als der Zug der Abgehenden etwas lichter wurde, und Hans, sowie der ihm folgende Gangelberger einige Schritte gewannen, da trat unerwartet eine neue Stauung ein. Ein großer dicker Mann, welchem vier andere folgten, drängte sich lärmend von der Treppe her durch das Vorgemach, rücksichtslos die Entgegenkommenden beiseite schiebend, nach dem Durchgangszimmer zu. Gebt Platz, Ihr Herren! rief er zu wiederholten Malen in ziemlich brutalem Tone, und schob sich, links und rechts wegstoßend, an Odontius vorüber in das große Zimmer hinein. Es war der von Thonradl auf Ebergassing, der roheste von der protestantischen Opposition, begleitet von vier Gleichgesinnten, welche den entscheidenden Moment zu einer kühnen Demonstration benützen wollten.

Sein lautes Auftreten hatte aber schon von weitem aufmerksam auf ihn gemacht, und einige Getreue des Königs, unter ihnen Harrach, Eggenberg, selbst Minister Trautson, ebenso Waldstein und der spanische Gesandte eilten ihm hastig entgegen, ihm den Weg vertretend zum Könige. Er fuhr sie nicht minder kurz und gröblich an: sie sollten ihm aus dem Wege gehen, er wolle den Erzherzog Ferdinand sprechen.

– Der König ist jetzt nicht zu sprechen, am wenigsten für Euch! rief Waldstein kurz und schneidend allen Anderen voraus, obwol Harrach und Eggenberg dem rothen Koloß mit krausem Haar näher standen als er.

– Bist Du sein Kammerdiener? schrie Thonradl.

– Sein Schwert bin ich, und Du sollst es um Deinen Mohrenkopf haben, eh' Du Dich umschaust, wenn Du den rohen Eintritt zum Nachfolger des Kaisers nicht auf der Stelle mäßigst.

– Zum Nachfolger des Kaisers! entgegnete mit lauter Lache Thonradl. Wer hat ihn zum Kaiser gemacht? Du vielleicht, Jesuitensoldat? Die Stände machen den regierenden Herrn, das Reich macht den Kaiser. Und weder Stände noch Reich haben ihn bis jetzt dazu gemacht. Es sieht auch nicht danach aus. Ihm das zu sagen, sind wir hier. Gebt Raum, damit er erfährt, um was es sich handelt. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, die Protestanten umzingeln die Burg, er muß auf der Stelle die geforderten Zugeständnisse machen, sonst wird der Anfang zum Ende. Gebt Raum!

– Wir wollen Dir Raum geben auf dem Fußboden, so lang und dick Du bist! entgegnete Waldstein und zog seinen Degen.

Dasselbe thaten auf diesen Vorgang alle näher stehenden Cavaliere, denen die Notiz von Umzingelung der Burg übrigens nicht unbedenklich erschien. Aufgeregt drängte Alles vorwärts mit vorgehaltenen Schwertspitzen gegen Thonradl hin und schob ihn, der kaum Platz hatte, die eigene Waffe aus der Scheide zu reißen, durch das Vorzimmer zurück bis zur Stiege hinaus.

Dadurch wurde die Aussicht frei nach der Mitte des großen Zimmers, wo König Ferdinand stand und dem Tumulte unbeweglich zusah. Odontius, nur einen Augenblick durch das Gedränge seitwärts geschoben, sah ihn und erkannte ihn mit der Gedächtnißkraft des Hasses auf der Stelle. So stand er da im Grazer Kerker, als man Dich vor der Folter examinirte! murmelte er ingrimmig, und hastete sich mit aller Kraft in das große Zimmer hinein. Aber der Weg bis in die Mitte desselben war doch zu weit für die geknickten Gehwerkzeuge. Noch zehn Schritte von dem Könige entfernt, versagten sie ihm die Tragkraft; er schlotterte und schwankte.

Da sah er Mitzlau, den treulos gewordenen Führer, welcher keinen Beruf gefühlt hatte, sich den bewaffneten Angreifern Thonradl's anzuschließen, und welcher eben fort wollte aus dem leer werdenden Zimmer.

– Schlesischer Junker, hieher! Euren Arm! Warum brecht Ihr Euer Versprechen, mich zu führen? Haltet's!

Vielleicht nur um ihm den Mund zu stopfen, eilte Mitzlau hinzu und hielt ihn aufrecht.

– Wer ist der Mann? Und was will er? Wie kommt der Ungar hieher? fragte Lamormain und trat ihm entgegen.

Die einzelnen Cavaliere, welche noch zugegen, wußten keine Antwort.

– Den neuen König will er sprechen! rief plötzlich mit schriller Stimme Odontius über das ganze Gemach hin, indem er sich starr aufrichtete und vorzuschreiten begann.

Er hatte König Ferdinand nicht mehr aus dem Auge gelassen, welcher neben Pater Bartholomäus ruhig inmitten des Zimmers stehen geblieben war und ohne irgend ein Zeichen der Erregung dem Thonradl'schen Tumulte zugeschaut hatte. Als Lamormain nach der Erscheinung des Odontius gefragt, war er zunächst einen Schritt seitwärts getreten und hatte dadurch bewirkt, daß die Aussicht auf den König für Odontius vollständig frei geworden. Dieser endlich erreichte ganze Anblick des Feindes war wie ein Blitz in den »Alten« gefahren, jede Fiber an ihm bebte, und all seine aufgestachelten Kräfte strebten nach der Stelle hin, wo König Ferdinand nun selbst, durch die schrille Stimme aufmerksam gemacht, ein Zeichen der Theilnahme äußerte, indem er halblaut fragte:

– Ein Ungar?!

Lamormain war dem »Alten« nun näher gekommen. Er schien die wunderliche Figur und das aufgeregte Wesen bedenklich zu finden, und fragte ziemlich scharf:

– Was wollt Ihr vom Könige?

– Sprechen will ich ihn!

– Seid Ihr Katholik?

– Sprechen will ich ihn! wiederholte Odontius rasch und schneidend.

– Ich wiederhole meine Frage: ob Ihr Katholik seid?

– Und ich wiederhole meine Rede: ich will den neuen König sprechen. Dazu komme ich aus Ungarn. Ich habe ihm Wichtiges zu sagen. Dort steht er. Geht aus dem Wege.

Und dabei drängte der »Alte« von neuem vorwärts.

Soeben waren Harrach und Eggenberg aus dem Vorzimmer zurückgekommen, aus welchem Thonradl mit den Seinen hinausgedrängt worden. Sie hatten die letzten Fragen und Antworten Lamormain's und des »Alten« vernommen, und Eggenberg mischte sich sofort in die Angelegenheit. Dieser Edelmann aus der Steiermark, ein schlank gewachsener schöner Mann von großer Ruhe und mildem Ernste, war König Ferdinands vertrautester Rath, und bei Hofe bezweifelte Niemand, daß er von Stunde an der wichtigste Minister des neuen Herrschers sein werde. Er wußte sehr wohl zu würdigen, daß die Erscheinung eines Ungars vor dem Könige von erheblicher Bedeutung sein könne am Sarge des Kaisers, und er durfte vermuthen, daß dieser unerwartete Auftritt eines Ungars ein politisches Ereigniß im Schoße tragen könne. Ungarn war das Land, welches dem König Ferdinand am fernsten lag, obwol er auch von ihm wie von Böhmen den Königstitel trug. Der Protestantismus war dort von den eigenthümlichsten Landesfreiheiten dergestalt unterstützt in seiner Unabhängigkeit, daß ein dogmatisch angekündigter Herr wie Ferdinand auf gar kein Entgegenkommen zu rechnen hatte. Vielleicht ist die Erscheinung dieses Alten doch ein Entgegenkommen! dachte Eggenberg, und in diesem Gedankengange verstand es sich leicht, daß er den schroffen Lamormain beseitigen und selbst die Vermittlung übernehmen wollte.

– Nennt mir Euren Namen, Herr, und Euren Zweck, sagte er also freundlich zu Odontius, ich bin Eggenberg des Königs Rath und ich werde Euch gern zu ihm führen.

– Mein Zweck ist: dem Könige einen Brief zu übergeben von Bethlen Gabor! entgegnete Odontius.

– Von Bethlen Gabor! wiederholten alle Herren, welche sich herzugedrängt, Lamormain allen voraus.

Das war wirklich ein Ereigniß. Der siebenbürgische Bethlen war der gefürchtetste und mächtigste Parteigänger im südöstlichen Ungarlande von der walachischen Grenze bis an die Theißebene und in die südlichen Vorberge der Karpathen hinauf. Alle Parteien bewarben sich um Bethlen's große Reitermacht, aber allen übrigen Parteien glaubte man ihn näher, als der kaiserlich oder königlich katholischen. Er war Calviner, und war ein Ausbund jener aristokratischen Führer damaliger Zeit, welche als Häuptlinge so wenig als möglich von einem Oberherrn wissen wollten. Und er sendete ein Schreiben an König Ferdinand! Was hatte das zu bedeuten? Er war bekannt als unergründlicher, wechselvoller Parteimann. Niemand verließ sich auf seine Treue. Auch Eggenberg und die ihm Gleichgesinnten dachten bei dieser Nachricht nicht an einen dauernden Bund. Aber auch nur ein augenblickliches, selbst nur ein scheinbares Bündniß mit diesem Manne wäre jetzt zum Beginn eines ringsum bestrittenen Regierungsantrittes vom größten Werthe gewesen. Eggenberg streckte also rasch dem alten Manne die Hand freundlich entgegen und sagte:

– Gebt mir das Schreiben, ich will es dem Könige sogleich einhändigen.

– Das will ich selbst thun; ich muß dabei sprechen, erwiederte Odontius.

– Verzieht ein wenig, ich melde es sogleich! sprach Eggenberg und wendete sich nach dem schweigend dastehenden Könige hin, welcher nur etwa fünf Schritte von der Gruppe entfernt war.

Dies war aber nicht die Meinung Lamormain's. Ein intimer Verkehr mit einem Ketzerhaupte wie Bethlen Gabor war nach seinem Sinne sehr mißlich, und sollte jedenfalls nicht so plan und offen verhandelt werden. Er vertrat Eggenberg den Weg, und sprach halblaut in ihn hinein: er möge dies Vorhaben aufgeben; all diese Scenen unmittelbar nach dem Verscheiden des Kaisers seien unschicklich; das religiöse Gemüth des Königs, welcher vereinsamt und bloßgestellt da drüben stehe, bedürfe der Stille und werde sich verletzt fühlen, wenn seine erste Handlung als regierender Herr einem wüsten ungarischen Ketzer, einem Sendlinge des notorisch gottlosen Bethlen Gabor gewidmet sein solle. –

Eggenberg wurde ungeduldig und entgegnete nicht nur scharf, sondern auch ziemlich laut, und ein neu hinzutretender Herr unterstützte ihn mit einigen nachdrücklichen Worten. Dies war Waldstein, welcher den abziehenden Protestanten Thonradl und Genossen die Stiege hinab bis vor das Thor der Stallburg gefolgt war, um sich über die angekündigte Umzingelung durch Aufrührer selbstständig zu überzeugen. Er hatte allerdings zahlreiche Haufen gesehen, und von Seiten der Urban, Conrad, Pfeifer und wie sie weiter heißen mochten, drohende Zurufe vernommen, aber sein militärischer Blick hatte in alledem keine wirkliche Gefahr entdecken mögen. Bei der Rückkehr dies allen Ab- und Zugehenden versichernd, war er unterrichtet worden, daß ein Abgesandter Bethlen Gabors den König sprechen wolle und von Lamormain soeben zurückgewiesen werde. Darauf hin war er eilig hinzugetreten, um Eggenberg beizustehen. Denn als Kriegsmann wußte er noch höher als irgend ein Politiker zu würdigen, was ein Bündniß mit dem Südosten für den unvermeidlichen Kampf zu bedeuten habe. Er war in den letzten Jahren persönlich zu Felde gelegen gegen die ungarischen Malcontenten, und Niemand konnte es so klar sein wie ihm, wie viel da auf dem Spiel stünde, wenn man einen Boten Bethlen's abweise. Seiner Natur nach machte er denn auch kurzen Proceß mit den Einwendungen Lamormain's: er nannte sie nebensächlich im Vergleich mit der Wichtigkeit der Angelegenheit, und ging ohneweiters zum Könige selbst hinüber, diesem in kurzen Worten den Stand der Frage darlegend. Er schloß mit dem bestimmten Rathe, die Botschaft sofort entgegen zu nehmen.

Der König trat einen Schritt vor. Eggenberg zog den noch eifernden Lamormain zur Seite. Der kleine alte Ungar, von Mitzlau unter dem Arme gehalten, stand Auge im Auge Ferdinand gegenüber. Ein freier Raum von etwa vier Schritten war noch zwischen Beiden. Alles schwieg.

Odontius verzehrte mit brennendem Auge die ruhig dastehende Gestalt des Königs, und wollte dann jählings vorwärts. Mitzlau, des Aergsten gewärtig und von furchtbarer Angst ergriffen, hielt ihn fest. – Da flog über des Königs Antlitz ein Schatten. War's die Erinnerung, daß er dieses häßliche Männchen schon gesehen? – Er hatte ihn gesehen. – War es die eindringende Erkenntniß, daß tödtlicher Haß ihm entgegensprühte aus diesen entzündeten Augen? Er stutzte. Aber er war nicht furchtsam und hatte eine große Gewalt über sich, den Gleichmuth und eine milde Würde seiner Stellung auch in den erregten Momenten fest zu bewahren. Pater Bartholomäus trat eben dicht hinter ihn, und der König sprach ganz leise rückwärts:

– Haben wir diesen Mann in der Steiermark gesehen?

Bartholomäus, ein geborener Steiermärker, mit Namen Willers, hatte ihn gesehen, hatte ihn neben dem Könige, dem damaligen Erzherzoge gesehen, und zwar in einem Kerker. Bartholomäus hatte damals schwungvoll in Odontius hineingeredet, er möge sein Ketzerthum aufgeben und abschwören. Odontius hatte »Nein!« gesagt. Aber Bartholomäus war ein steinalter Mann, und sein Auge war kurzsichtig geworden. Er kannte den übrigens total veränderten Odontius nicht, und schwieg zu der Frage des Königs.

Da sprach Odontius mit gepreßter Stimme zu Mitzlau:

– So haltet mich nicht! Ich muß das Schreiben zu eigenen Händen übergeben.

Bei diesen Worten zuckte auch Pater Bartholomäus. Sein Ohr war nicht schwächer geworden, und der Stimmton des alten Ungars, obwol sehr verändert, erinnerte auch ihn –

– So tretet heran und überreicht das Schreiben! sprach mit unbefangener lauter Stimme Graf Waldstein, der von all den Bedenklichkeiten nichts wußte.

Mitzlau floß der Angstschweiß über das Gesicht.

– Vorwärts also, junger Führer! rief ihm Waldstein zu.

Mitzlau gab nach, der »Alte« schob sich vor und stand, um und um schwankend, dicht vor dem Könige. Die schlotternde Hand zog ein Schreiben aus dem Brusttheile des Attila, und hielt es dem Könige hin. Hätte es der König sofort entgegengenommen, so wäre dem »Alten« die Rechte frei geworden, und schon in der nächsten Secunde wäre – – Der König nahm es aber nicht sogleich. Der völlig nahe Anblick des verzehrten alten Mannes befing ihn; er vergaß gleichsam, die Hand auszustrecken nach dem Schreiben, als sollte sein Gedächtniß erst ausfindig machen, ob er wirklich und wo er diesen mörderischen Blick schon gesehen.

– Wie heißt Ihr! fragte er langsam, indem er die Hand zögernd nach dem Schreiben erhob.

– Donty! erwiderte Odontius mit dumpfer Stimme.

– Donty?! wiederholte Pater Bartholomäus hinter dem Könige, und mit einem Tone, daß dieser sich rasch nach ihm umwendete als könne er im Auge des greisen Paters lesen, was dieser Ton zu bedeuten habe.

Die also entstehende Pause, während welcher die rechte Hand des Odontius durch die Darreichung des Briefes unfrei blieb, konnte einflußreich werden. Endlich nämlich war es draußen im Vorzimmer dem Junker Hans gelungen, trotz dem hinderlichen Gangelberger bis ins große Zimmer vorzudringen. Gangelberger war von einem unklaren Argwohn erfüllt. Was wollte der eben noch gefangene und jedenfalls verdächtige Fremdling mit seinem offenbaren Hindrängen in das Zimmer, wo der König stand? Dies Hindrängen, anfangs durch die Menschenmasse, später – trotz Gangelberger's Vortreten – als die Masse lichter geworden, fortgesetzt, hatte etwas Jähes, etwas Absichtsvolles. Die Frage, ob Erzherzog Ferdinand da sei, der Ausruf: »König Ahab!« war Gangelberger wieder eingefallen, kurz es war ihm der Argwohn aufgeschossen: dieser protestantische sächsische Junker habe ein Attentat vor gegen den König. In diesem Sinne hatte er alles Mögliche versucht, ihm den Eintritt ins große Zimmer zu wehren. Als aber Junker Hans, dessen Blicke fortwährend da hinein gerichtet waren, deutlich sah, daß Odontius bis dicht zur Person des Königs gedrungen war, da machte Hans, welcher ein solches Attentat von Odontius fürchtete, allem Widerstande Gangelberger's ein gewaltsames Ende – er stieß ihn, der ihn am Arme hielt, mit voller Jünglingskraft dergestalt zur Seite, daß Gangelberger ins große Zimmer hineinflog und, in dem Teppichboden hängen bleibend, in ganzer Länge hinstürzte. In derselben Richtung sprang Junker Hans vor, nach der Gruppe hin, welche sich um Odontius und den König gebildet hatte, und welche wol noch zwanzig Schritte von ihm entfernt war, und schrie mit mächtiger Stimme:

– Wer Gottes Sache durch ein Verbrechen fördern will, den verwirft Gott in Ewigkeit!

Ein durchdringender Schrei war die Antwort hierauf. Er kam aus der gefolterten Seele des Odontius. Der Brief entfiel seiner Hand, und er selbst stürzte wie vom Blitz getroffen zusammen.

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