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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 7
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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6.

Pater Norbert und Rath Gangelberger saßen neben einander an dem eirunden grünen Tische, und unterhielten sich von vornherein leicht, fast heiter über persönliche Interessen, als ob sie sich in einer Gesellschaft begegnet wären, nicht aber im Gerichtshause. – Rath Gangelberger, sein populäres, frisches Naturell gar nicht verleugnend, ging intim auf die Gemüthszustände des jungen Paters ein, und drückte ihm mit dem Accente der Wahrheit seine Bewunderung aus, daß der junge Herr Graf so tapfer und entsagend einen Beruf auf sich genommen habe, welcher so schwere Haltung, so lästige Entbehrung auferlege, und so grell absteche von den Jugendgewohnheiten auf den mährischen Herrschaften –

– Lassen wir diese Erinnerungen, lieber Rath, sie verwirren mich doch noch manchmal. Es ist gut so, wie es ist, und meine fromme Mutter hat Recht gethan, mich als jüngsten Sohn solcher Laufbahn zu widmen. Sie ist glücklich darüber.

– Und gesund?

– Ziemlich gesund.

– Ich habe seit mehreren Jahren nicht die Ehre gehabt, ihr meinen Respect auszudrücken. Das letzte Mal geschah's, als ich mit dem Herrn Cardinal von Dietrichstein durch Mähren nach Prag reiste. Ich fungirte als juristischer Schreiber in der leidigen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Rudolph und unserer jetzigen Majestät über die Besitztitel – schweigen wir davon; diese Streitigkeiten an höchster Stelle haben unsern Principien schwere Wunden geschlagen.

– Leider!

– Damals waret Ihr als zierlicher Junker erst kürzlichst nach Ingolstadt zu den Studien abgegangen, und die Frau Mutter Gräfin war noch sehr betroffen von ihrem eigenen Entschlusse. Oheim Zdenko war zum Besuche da, und ärgerte sie mannigfach mit seiner Freigeisterei. Der ist nun auch aus der Welt verschwunden, und es verlautet gar nichts darüber, was aus ihm geworden –?

– Gar nichts.

– Und das große Vermögen ist mit ihm verschwunden?

– Verschwunden.

– Wie ist das möglich?

– Er hatte Alles zu Geld gemacht.

– Und die Erben? Euer Zweig ist ja doch auch betheiligt?

– Kaum. Oheim Zdenko hatte eine Nichte, die nach Schlesien geheiratet. Sie gilt für die nächste Erbin, und ein Sohn von ihr hat sich auch kürzlich gemeldet. Ein zweideutiger junger Mann. Ich vermuthe nach den Meldungen des Medardo: es ist derselbe, welcher gestern mit dem Junker aus dem Reiche hier einpassirt ist.

– Ah? Ja, ja, es waren ihrer Zwei. Ich habe die Vögel gestern Abends im Wirthshause gesehen, wo ich zur Nacht speiste. –

– Ja.

– Ihr wißt –?

– Medardo hat uns die Scene geschildert. Mitzlau heißt er, und er scheint sich ähnlich geäußert zu haben wie der sächsische Ketzer.

– Er hatte nicht viel Gelegenheit –

– Meine Mutter hat mir ihn heute so dargestellt.

– Die Frau Mutter Gräfin ist in Wien?

– Heut' Morgen ist sie gekommen und bei Harrach's abgestiegen. Sie ist sehr erschüttert von den Zuständen in Mähren und meint, die Mehrzahl der dortigen Herren werde sich den aufrührerischen Böhmen anschließen.

– Das fürcht' ich auch.

– Die Dietrichstein und Liechtenstein haben allen Einfluß auf die Unzufriedenen verloren, ja unser Vetter Ladislaus Zierotin auf Lundenburg ist mit seiner Mannschaft nach der böhmischen Grenze aufgebrochen, um dem schlimmsten von allen, dem Grafen Thurn, seinem Schwager, die Hand zu reichen.

– Ein Zierotin! Eure Familie war stets –

Ein Zierotin?! Meine Mutter sagt, noch fünf andere unseres Namens seien im Begriff, vom Kaiser abzufallen. Sie hatte wol recht, mich bei Zeiten fortzuschicken. Es ist dort Alles angesteckt. Rieth doch gestern ein Liechtenstein oben in einer Conferenz, der Kaiser möge sich nachgebend und versöhnlich zeigen, so daß ihm unser einziger Hort, der Herr Erzherzog Ferdinand, zurufen mußte: »Liechtenstein, Du hast noch zu viel lutherisches Geblüt in Dir!« Die Zeit ist furchtbar!

– Das ist sie –

– Aber gehen wir an unser Geschäft. Ich möchte meine Mutter heute Abends noch eine Viertelstunde sprechen.

Und nun begann der junge Pater, welcher noch eben den Sprößling einer mährischen Grafenfamilie in liebenswürdiger Kindlichkeit gezeigt hatte, eine streng politische Darstellung. Sie war dazu bestimmt, den Rath Gangelberger aufzuklären über den Standpunkt und die Anschauung der Regierung in Bezug auf den gefangenen sächsischen Junker, das heißt in Bezug auf die Stellung, welche das Erzhaus zum deutschen Reiche einnahm. Die ganze Politik damaliger Zeit ward in diesem Vortrage erschöpft, und Gangelberger selbst hörte mit Erstaunen zu, wie systematisch und kühl erwogen der junge Jesuit den weitesten Zusammenhang der in Rede kommenden Dinge nachzuweisen wußte. Gerade weil der Vortragende noch so jung war, erkannte man die große Macht einer Schule, welche in dem Jesuitenorden gegründet und bis zur Vollendung ausgebildet war.

Dieser Orden, damals etwa achtzig Jahre alt, entwickelte sich zu Anfang des dreißigjährigen Krieges mit überraschender Kraft. Er war von Paris ausgegangen, aber Paris war nur zufällig der Entstehungsort einer Verbindung, welche später in Rom ihr Sehnen- und Nervengeflecht erhielt. In einer Capelle des Montmartre hatte sich im Jahre 1534 ein Bund enthusiastischer junger Priester zusammengefunden, welche sich der Heidenbekehrung widmen und zunächst nach Jerusalem wandern wollte. Diese jungen Priester waren der Geburt nach Spanier, Portugiesen und Franzosen. Zwei Spanier unter ihnen, Ignaz von Loyola und Jacob Lainez, wurden die Hauptpersonen, Loyola durch seinen schwärmerischen Eifer, Lainez durch seine Klugheit. Der Türkenkrieg vereitelte die Absicht einer Wanderung nach Jerusalem, und die Bundesbrüder zerstreuten sich.

In Italien fanden sich die wichtigeren wieder zusammen, und in Rom schilderte Loyola eines Morgens seinen Genossen einen wunderbaren Traum, in welchem ihr Bund als die »Gesellschaft Jesu« vor seinen Blicken erschienen sei. Jetzt entwarfen sie Statuten, und fügten zu den herkömmlichen Gelübden geistlicher Orden (Armuth, Keuschheit und Gehorsam) noch dieses: daß sie unweigerlich und ohne Lohn als Missionäre in jedes Land der Erde ziehen würden, in welches der Papst sie schicken wolle, und daß die Novizen auch durch die niedrigsten Dienste bei Kranken geprüft werden sollten. Ein Ehrenpunkt der neuen geistlichen Ritterschaft zum Beispiele sollte es werden, die ekelhaftesten Geschwüre der Kranken in den Spitälern aufzusaugen. Exaltirte Hingebung also an den Papst sowol, als an den Beruf, war die Entstehungsquelle des Ordens, und hierin war Loyola das Haupt. Deshalb ist es richtig, daß er als Stifter der Gesellschaft in die Geschichte eingeführt worden ist, denn Papst Paul III. bestätigte im Herbste 1540 den also von Loyola entworfenen Orden, und Loyola wurde auch zum ersten General des Ordens ernannt. Hiemit schließt aber auch sein Einfluß. Das merkwürdige innere Gefüge des Ordens, durch welches er weltgeschichtlich geworden ist, stammt nicht von ihm, sondern von Jacob Lainez und dessen Freunden, welche nicht in religiöser Schwärmerei, sondern in politischer Klugheit einen Ordensstaat ausbildeten, welcher einzig in seiner Art dasteht. Die unbedingte Ergebung an den Papst und an den Papst allein behielten sie bei, und erreichten dadurch zunächst eine Reihe von Vorrechten, welche keinem andern Orden jemals zugestanden worden sind, und welche weder in Kirche noch Staat jemals eine Körperschaft besessen hat. Sie erhielten alle Rechte der Bettelmönche und Weltgeistlichen zusammen. Sie wurden von jeder weltlichen und bischöflichen Gerichtsbarkeit, von jeder Aufsicht und Besteuerung gänzlich befreit. Sie durften priesterliche Amtshandlungen überall und zu jeder Zeit ausüben, auch zur Zeit eines Interdicts, welches alle übrigen geistlichen Amtshandlungen verbietet. Sie durften von allen Sünden und Kirchenstrafen eigenmächtig absolviren. Sie durften Gelübde der Laien nach ihren Zwecken umwandeln, durften ohne päpstliche Bestätigung Kirchen und Güter erwerben und Ordenshäuser anlegen, ja durften sich selbst freisprechen von canonischen Satzungen, selbst vom Gebrauche des Breviers. Ihr General endlich erhielt unumschränkte Gewalt über die Mitglieder, und diese mußten sich zu jeder Aufgabe verwenden lassen. Kurz, der Orden wurde gegenüber der entstehenden Reformation als ein selbstständiges Kriegsheer errichtet, und dies Kriegsheer wurde einem Dictator übergeben. Sicherlich ein starker Gedanke in einer Zeit der Gefahr.

Ebenso zweckvoll, klug berechnet, scharf gegliedert, streng gehandhabt war die innere Organisation dieses priesterlichen Kriegsheeres.

Die Mitglieder wurden ausgeschickt in die Welt mit dem Zwecke, sich in alle Zweige der menschlichen Gesellschaft einzuleben; frei nach außen, innerlich streng gebunden an den Geist und die Disciplin des Ordens. Sie waren praktisch abgetheilt in Classen und Stände, und ihre Rekrutirung wurde keineswegs, wie bei andern Orden, dem Zufalle überlassen. Nein, mit besonderer Umsicht und weitsehendem Blicke wurden die Novizen ausgesucht. Vornehme Menschen im weitesten Sinne des Wortes waren allein willkommen, vornehm durch Geburt und Stellung, vornehm durch Anlage und Fähigkeit. In letzterem Punkte huldigte man streng dem demokratischen Grundsatze: unbekümmert um das Herkommen, jedes Talent zu verwenden und seiner Thätigkeit gemäß in die Höhe zu bringen. Demgemäß erfolgte auch die Ausbildung und Verwendung der Einzelnen mit feiner Berücksichtigung der Anlage jedes Einzelnen. Man erzog sich Specialitäten, und die Aufsicht im Noviziathause war ein immerwährendes psychologisches Studium für die Leiter. Wie groß aber auch die Beachtung von Talent und Fertigkeit war, Entsagung und Gehorsam mußten doch stets die Grundlage bleiben. Zeigte die fähigste Novize hierin Eigenwillen und Widersetzlichkeit, so stockte ihre Laufbahn, und es wurde ihr nichts Wichtiges anvertraut.

Zwei Jahre müssen die Zöglinge im Noviziathause zubringen. Dann erst können sie ihre theologischen Studien beginnen und unter die wirklichen Glieder aufrücken. Die geringsten unter diesen sind weltliche Mitarbeiter (Coadjutoren). Sie leisten kein Klostergelübde, und können wieder aus dem Orden entlassen werden. In dieser Classe finden sich die wichtigsten weltlichen Personen: vornehme Weltleute, Staatsmänner, ja selbst regierende Fürsten.

Der nächste Rang sind die Scholastiker und geistlichen Coadjutoren. Sie sind vorzugsweise Gelehrte, welche ein feierliches Mönchsgelübde abgelegt haben, und besonders zum Unterrichte der Jugend verpflichtet werden.

Der oberste Rang sind die Professen, die erfahrensten Mitglieder, deren Weltklugheit und Treue außer Zweifel. Sie übernehmen alle wichtigen Missionen, werden Beichtväter der Fürsten, vertreten den Orden da, wo er im Großen zu regieren hat, und sind vom Unterrichte der Jugend dispensirt.

Sie nur wählen den Ordensgeneral aus ihrer Mitte. Er wählt aus ihrer Mitte die Assistenten, Provinzialen, Superioren und Rectoren. Er ist lebenslänglich in seinem Amte und wohnt in Rom. An seiner Seite sind fünf Räthe, welche die fünf Nationen repräsentiren: die italienische, die deutsche, die französische, die spanische, die portugiesische. – Allmonatlich erhält er Bericht von den Provinzialen; vierteljährig von den Superioren der Profeßhäuser, von den Rectoren der Collegien und von den Noviziatmeistern über Ordens-Begebenheiten, politische Ereignisse, Charaktere, Fähigkeiten und Verdienste aller einzelnen Glieder. – Demgemäß befiehlt er bis zur Verwendung einer Novize. Blindlings muß ihm gehorcht werden, und er kann ändern (selbst die Ordensregeln) und strafen, wie er will.

Hauptsitze in Deutschland waren die Universitäten Wien, Prag und Ingolstadt. Prag war soeben verloren gegangen: die böhmischen Rebellen hatten den angekündigten Entschluß durchgesetzt, und am Tage nach dem Fenstersturze waren die Jesuiten in feierlichem Zuge, das Kreuz voran, über die Moldaubrücke in die Verbannung gewandert. Sonst waren sie um diese Zeit überall in voller, ja aufsteigender Macht und Kraft. Zwei furchtbare Krisen hatten sie in Frankreich und Spanien glücklich überstanden. Aus Frankreich nämlich waren sie verwiesen worden im Jahre 1594 in Folge eines Attentats, welches der Jesuit Chatel auf Heinrich IV. unternommen hatte. Heinrich IV. aber hatte sie selbst wieder aufgenommen, und als er bald darauf von Ravaillac ermordet wurde, konnte der Beweis nicht geführt werden, daß der Mord durch die Jesuiten angestiftet worden sei.

Die zweite Krisis war in Spanien entstanden, wo ein Jesuit – Mariana – 1598 ein Buch herausgegeben hatte, welches den Königsmord unter gewissen Umständen für zulässig, ja wol für verdienstlich erklärte. Der weltliche Sturm, welcher sich dagegen erhob, wurde aber rasch von ihnen dadurch beschwichtigt, daß sie dies Buch ihres Mitgliedes öffentlich und feierlich verurtheilten.

Ihre Anzahl, über den ganzen Erdboden verbreitet, schätzte man beim Ausbruche des großen deutschen Krieges über Hundertdreißigtausend.

In dieses echt romanische Institut – denn der Romane verzichtet leicht auf persönliche Freiheit und eigenthümliche Entwicklung – war denn auch ein junger Sproß aus dem Hause Zierotin eingetreten. Die Zierotin's rühmten sich, von den russischen Großfürsten abzustammen, und bildeten die mächtigste Familie in Mähren. Jaromir von Zierotin, jetzt Norbert genannt, war mit zwanzig Jahren nach Ingolstadt gekommen, und hatte dort mit Fleiß und Aufmerksamkeit den Unterricht der Jesuiten genossen. Zunächst als bloßer Studiosus. Dann war er auf Antrieb seiner Mutter in das Noviziathaus der Jesuiten eingetreten, und hatte den zweijährigen Dienst der Prüfung und Vorbereitung tadellos bestanden. Er wurde von allen Vorgesetzten belobt und empfohlen, und dies trug natürlich dazu bei, daß er bereit war, auch in die weitere strenge Laufbahn des Ordens einzutreten, will sagen: auch das Mönchsgelübde abzulegen. Er stockte nicht vor diesem Entschlusse. Obwol jung, schön und wohlhabend, hatte er doch bis daher nichts Eigentümliches in sich entwickelt. Weder Freundschaft noch Liebe, noch irgend eine Leidenschaft hatte ihm zu schaffen gemacht; sein eigentlich persönliches Wesen war ein unbeschriebenes Blatt geblieben. Die formellen Aufgaben seines neuen Standes schienen ihn ganz auszufüllen. Besonders die politischen Wissenschaften, das Kirchen- und Staatsrecht damaliger Zeit waren ihm geläufig, und seine Vorgesetzten empfahlen ihn nach Rom vorzugsweise für das, was man in neuerer Zeit eine diplomatische Carrière nennt. Dies war innerhalb des Jesuitenordens ein sehr ausgebildetes und sehr wichtiges Fach, und es kam ihm sowie seiner Mutter recht ungelegen, daß sein Vater Anstand nahm, ihn unwiderruflich eintreten zu lassen in diese Bahn. Der Vater wünschte, daß die Ablegung des Mönchsgelübdes noch verschoben bleibe. Wenigstens wollte er, ein kränklicher alter Herr, den Sohn noch ein Mal sehen vor diesem großen Schritte. Da nun Erzherzog Ferdinand, sehr vertraut mit den Ingolstädter Schulen, in denen er selbst gebildet worden, den Wunsch geäußert hatte, diesen hoffnungsvollen Zögling in Wien zu haben, so war der junge Zierotin im Monate Februar nach Wien versetzt worden. Durch Franken, Sachsen und Böhmen hatte er die Reise gemacht und unterwegs zahlreiche Aufträge des Ordens verbreitet. Anfangs März traf er in Wien ein und fand die Nachricht vom Tode seines Vaters. Jetzt ward die Ablegung des Gelübdes sein nächstes Vorhaben, und er meldete sich dazu. Aber der Ausbruch in Böhmen steigerte die Thätigkeit in dem politischen Bereiche, welchem er zugetheilt war, und der Herr Erzherzog nahm den jungen Pater, welcher just aus Böhmen angekommen und mit der neuesten Lage der an Böhmen grenzenden Länder vertraut war, so in Anspruch, daß die innere Ordens-Angelegenheit augenblicklich zurücktreten mußte vor der drängenden politischen Aufgabe.

Den Junker Hans von Starschädel namentlich hatte der junge Norbert schon in Dresden und in Prag beobachtet; es war also ganz natürlich, daß es ihm übertragen wurde, das Verfahren mit dem sächsischen Ketzer zu leiten.

Von diesem Zusammenhange deutete er indessen nur wenig an, als er dem Rathe Gangelberger die einleitenden Eröffnungen machte. Er war bereits zu gut geschult, um mehr als das Nothwendige zu äußern, selbst gegen einen Mann wie Gangelberger, welcher notorisch der katholischen Sache ergeben war. Jeder habe seinen Theil, und nur seinen Theil; das Weitere gebührt nur dem Höheren, das Ganze nur dem Höchsten. Das war ein Grundsatz des Ordens.

– Es versteht sich von selbst, sagte er unter Anderem, daß die gotteslästerliche Scene am Heilthumstuhle für Eure Untersuchung nur den Anknüpfungspunkt zu bieten hat. Sie sieht dem Charakter des jungen Ketzers, welcher uns schon bekannt ist, nicht sehr ähnlich. Man irrt sich indessen leicht in den Charakteren, und da sie der Schlüssel sind zu den Handlungen, und der junge Ketzer erst seit Monatsfrist beobachtet worden ist, so wird die Schilderung seines innerlichen Wesens uns sehr willkommen sein. Von größter Wichtigkeit ist aber, genau zu erfahren, wie weit seine politischen Aufträge gehen. Er hat deren, das ist außer Zweifel. Man hat ihn in Dresden mit Personen verkehren sehen, welche mit dem Kurfürsten vertraut sind. Das ist an einem Weimarischen auffallend. Die ältere Linie, welche in Weimar regiert, haßt die jüngere Linie in Dresden, weil und seit durch Moriz die Kurwürde der älteren Linie entrissen und an die jüngere Linie gebracht worden ist. Wenn also trotzdem vertrauliche Unterhandlungen stattfinden, so muß etwas Ungewöhnliches im Werke sein. Dies wäre in Betreff Weimars sehr zu beachten. Dort horstet jetzt ein volles Nest starker Vögel. Die sehr aufgeweckte dort regierende Frau hat sechs Söhne. Alle sind gesund und begabt und spähen umher, wo in dem ausbrechenden Kriege eine Beute für sie zu holen sei. Es ist also zu ergründen, was der Sendbote dieser Adlerbrut hier beabsichtigt. Es kann dies sehr weit reichen; denn in Weimar und Jena hat sich der freche Unternehmungsgeist der Wittenberger traditionell fortgeerbt. Die albertinische Linie in Dresden hat sich in beschränkterem Sinne dem protestantischen Dogmatismus – wie sehr dies ein Widerspruch in sich selbst sein mag! – hingegeben, und strebt so gut wie gar nicht mehr nach Weiterem. Die ernestinische Linie aber, vielleicht weil sie gelitten und an Land und Leuten viel verloren hat, ist weitsichtig geblieben und speculirt ins Große. Die gesunde Mutter der sechs Söhne hegt deshalb auch die eigene Sorte deutscher Gelehrten um sich, welche gleich Luther und Melanchthon aus der biblischen Sprachkenntniß ungethüme Plane entwickeln für den unklaren und unbändigen deutschen Sinn. Ein steinalter Professor, Namens Hortleder, ist der heutige Luther in Weimar. Er erzieht die Prinzen und hat auch diesen Hans von Starschädel erzogen. Mit irgend einem Plane des alten Professors ausgerüstet, ist dieser Starschädel nach Dresden geschickt worden, welches man sonst in Weimar so bitter haßte wie Rom. Was kann dies für ein Plan sein? Nichts ist uns so bedenklich, als dies Zeichen, daß diese ketzerischen Secten Vereinigungspunkte suchen. Nichts ist uns so wichtig, als daß die kurfürstliche Regierung in Dresden auch ferner abgesondert verbleibe von ihren Verwandten. Sie wird in der nächsten Zeit hochwichtig für uns. Denn die böhmische Rebellion wird in nächster Zeit der Angelpunkt für die katholische Christenheit und für das römisch-deutsche Reich, und die böhmische Rebellion ist leider schon in lebhaftem Verkehr mit der kurfürstlichen Regierung in Dresden. Graf Schlik ist allwöchentlich unterwegs zwischen Prag und Dresden, und hat schon mehrfache Besprechungen gepflogen mit dem sächsischen Kurfürsten selber. Wie weit ist dies Verständniß bereits gediehen? Dies ist vielleicht von dem Starschädel zu erfahren. Er ist in Gesellschaft Schlik's von Dresden nach Prag geritten, und ist in Prag von den ketzerischen Cavalieren wie ein eingeweihter Abgesandter behandelt worden. Namentlich hat ihn der von Loß, ein Mann von schwerer Bedeutung unter den Rebellen, in sein Haus aufgenommen. Dies ungefähr – schloß der junge Jesuit – wären die besonderen Gesichtspunkte, unter welchen Ihr das Verhör leiten möget. Ist Euch noch etwas unklar?

– Das nicht, entgegnete nach einigem Zögern Rath Gangelberger, welcher mit geschlossenen Augen zugehört hatte, aber unvollständig bleibt die politische Mittheilung nach einer wichtigen Seite hin.

– Nach welcher?

– Nach der calvinischen. Ihr sagt kein Wort von den Schritten des rheinischen Kurfürsten, welcher notorisch ebenfalls seine Anhänger in Böhmen hat, und gewiß auch seine –

– Seine Sendboten? Allerdings. Aber wir haben bis jetzt kein Anzeichen, daß diese mit den sächsischen zusammenhängen. Wir hoffen im Gegentheile, daß sie einander kreuzen und uns dadurch in die Hände arbeiten werden. Ein Herr Achatius von Dohna ist von Heidelberg nach Böhmen unterwegs. Wir fahnden auf ihn, wie auf diesen Starschädel. Und er wäre uns noch lieber. Wir halten den rheinischen Kurfürsten in Heidelberg für viel gefährlicher als den sächsischen in Dresden. Dieser ist ein pedantischer Herr, welcher seinen Stolz darin sucht, das Zünglein in der deutschen Wage zu sein; der Heidelberger aber ist ein Leichtfuß, welcher zu jeder Verwegenheit bereit ist, besonders weil er die ketzerische Prinzessin aus England geheiratet hat und auf unberechenbare Hilfe von dorther hofft.

– Und der Gedanke kommt Euch nicht, daß eben in Böhmen eine Vereinigung all dieser ketzerischen Secten versucht werden könnte?.

Der junge Jesuit schwieg auf diese Frage.

– Es wäre dies der größte Gedanke unserer Gegner und der gefährlichste für unsere Sache, fuhr Gangelberger fort.

– Für unsere heilige Sache, verbesserte der junge Jesuit. – Ich habe ihn vorhin berührt bei dem Namen Hortleder – aber Menschenwitz ist mannigfaltig. Deshalb eigensinnig. Nur die geoffenbarte Kirche überwindet jeden Widerspruch. Horcht indessen nach dieser Richtung hin beim Verhör. – Und nun will ich Euch nicht länger aufhalten.

Er stand auf und ging. Gangelberger geleitete ihn bis an die Thür, und rief nach Pudel. Pudel war nicht weit, und schlürfte auf seinen Filzschuhen herbei, um den Pater zu geleiten.

– Noch Eins! sprach dieser leise zu Gangelberger, indem er in der Thüre stehen blieb. Verfahrt in jeder Form leise, fein und höflich mit dem Starschädel. Er darf keine Beschwerde über äußerliche Härte in die Hand bekommen. Dies wünscht man durchaus zu vermeiden. Er kann zu gewinnen sein, und dies wäre das Beste. Er kann aus anderen Gründen wieder freigegeben werden, und dann will man trotz Schranne und Verhör einen freundlichen Eindruck bei ihm zurücklassen. Ihr versteht? Der Herr Erzherzog muß Kaiser werden. Dazu braucht er die Stimmen der Reichsfürsten. Man kann nicht wissen, ob den sechs Raubvögeln in Weimar nicht – wenn sich Uebergänge finden – Stellungen in Aussicht gerückt werden könnten. Sie sollen begabte Geschöpfe sein. Dazu wäre dieser Starschädel der Vermittler. Jedem Vermittler zeigt man weiche streichelnde Hände. Ihr versteht? Dies wird nachdrücklich gewünscht.

Die letzten Worte sprach er etwas herrisch, und verschwand.

Sie mißfielen Gangelberger. Bei aller Politik war dieser doch im Grunde Jurist und gerichtlicher Geschäftsmann. Die hundertfältigen Rücksichten fingen an, ihn zu belästigen. Die Befehle unklaren Ursprungs, die sklavische Stellung, welche einem kaiserlichen Rathe zugemuthet wurde – kurz, er war verdrießlich und zog heftig an der Glockenschnur, welche über dem grünen Tisch herabhing. Dann ging er im Zimmer hin und her, und läutete nach kurzer Weile noch einmal und noch verdrießlicher, weil Niemand gekommen war auf den Glockenruf.

Auch dies hatte keinen Erfolg. Man weiß, wie unangenehm ein cholerischer Mensch durch solche Erfolglosigkeit aufgeregt werden kann. Gangelberger eilte mit großen Schritten nach der Thür, öffnete sie und rief nach Pudel. Dadurch entstand für Vater Pudel eine Verlegenheit. Er hatte den jungen Pater in das Nebenzimmer gebracht und hatte eben unter Hindeutung auf die Thür, welche ans Verhörzimmer Gangelberger's stieß, sein höfliches Bedauern ausgesprochen, daß diese Thür schadhaft und durch einen großen Sprung, will sagen durch einen klaffenden Riß entstellt sei. Er hatte außerdem beklagt, daß Se. Hochwürden in seiner Ruhe gestört sein könnten, wenn das Verhör daneben laut würde – da hörte er den Ruf seines Namens. Der Ton des Rufes ließ keinen Zweifel übrig, daß Rath Gangelberger nicht scherzhaft aufgelegt sei. Was thun? Durch eiliges Hinaustreten auf den Gang die vertrauliche Unterbringung des Paters nahe an der geborstenen Thür dem erzürnten Rathe bloßzulegen, schien durchaus unangenehm. Pudel wenigstens war dagegen, und beschäftigte sich angelegentlich mit dem Lichte, welches er auf einen Tisch im Ofenwinkel gestellt hatte, und dessen starker »Rauber«, wie er nach Wiener Brauch die Schnuppe nannte, ihn zu betrüben schien. Wenigstens klagte er über die Seifensieder, die sich alle Tage mehr herausnähmen; aber er bezeigte der peinlichen Situation seine Achtung dadurch, daß er ganz leise auf den Seifensieder schalt. Auf diese Weise hörte er auch während seines Sprechens ganz gut, daß Rath Gangelberger außen vorüber und die Treppe hinabging. Nun verließ er rasch das Zimmer, die Thür desselben öffnend und schließend, und begab sich eilig ebenfalls an die Treppe.

– Gehen der Herr Rath schon nach Hause? rief er mit den höflichsten Tönen seines Organs hinab, und hielt seinen Leuchter hoch von sich, als sollte der Lichtschein bis ins »Gassel« hinab den Forteilenden geleiten. Er sah dabei ganz malerisch aus, der alte vierkantige Knabe, dessen großer Kopf jetzt gar keinen Hals unter sich zu haben schien, und dessen Kälberaugen die thierische Unschuld hinabblitzten.

Man kann sich denken, in welcher Stimmung der Rath zurückkam. Ein Hagelwetter von Vorwürfen über solche nichtswürdige Hausordnung überdeckte Pudel, der mit keiner Wimper zuckte, sondern in unerschütterlicher Höflichkeit entgegnete: die Glocke im Verhörzimmer führe ja zum Schließer, und gehe nur diesen an.

– Und wo ist, wo bleibt denn der Kerl?

– Gestrenger Herr Rath vergessen halt in nicht todt zu machender Thätigkeit, daß heute Sonn- und Feiertag ist. Da hat der Schließer seinen Ausgang, und wenn er ausgeht, labt er sich halt am »Heurigen«. –

– Der Kerl ist nicht da, obwol ich –?

– Gewiß ist er da. Er ist ja geholt worden, als Euer Gnaden gegen Abend sagen ließen, daß ein Verhör –

– Warum kommt er also nicht?

– Der Heurige, Gestrengen, der Heurige macht einen so festen Schlaf, und am Sonn- und Feiertage glaubt halt ein geplagter Diener wenigstens schlafen zu können in Oesterreich. –

– Das Maul halten! den Schließer wecken, den Gefangenen von heute Mittag ins Verhörzimmer, zwei Schardiener hier auf dem Gange aufstellen, rasch!

– Die Schardiener, Gestrengen, haben auch Sonn- und Feiertag, und –

– Sind nicht da?

– Waren nicht zu finden, obwol bis in den Neuen Werd hinausgeschickt worden ist zu den Jägerschänken. –

– Das ist ja eine nichtswürdige Wirtschaft in diesem Gerichtshause!

– Der Tag des Herrn, Gestrengen –

– Das Maul halten. Ich werde diesen Schlendrian zusammenrütteln, daß Euch die Ohren klingen sollen. Zwei Mann Stadtgarde von der Wacht im Tiefen Graben holen lassen und den Gefangenen vorführen. Marsch!

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis dies Alles bewerkstelligt war, und Gangelberger hatte immer mehr eingebüßt von der Ruhe, welche einem Verhörrichter nothwendig ist, besonders wenn er so viel politische Rücksichten einhalten soll.

Endlich ging die Thür seines Zimmers auf, und Hans von Starschädel erschien, von Pudel eingeführt, welcher menschenfreundlich die Dienstleistung des wahrscheinlich besoffenen Schließers übernommen hatte. Pudel verzichtete dabei auf jeden Dank, und blieb draußen, indem er die Thür hinter Herrn Hans eiligst zudrückte. Und er that sehr wohl daran. Denn der aufgeregte Rath entdeckte auf den ersten Blick, daß der Gefangene sein Schwert an der Seite trug.

– Man hat Euch das Schwert nicht abgenommen? fragte er rasch, indem er auf Junker Hans zuschritt.

Dieser schwieg zunächst. Es überraschte ihn, den Widersacher aus dem Wirthshause in solcher Lage wiederzufinden, und die Ueberraschung war nicht angenehm. Dann erwiederte er mit einfacher Ruhe:

– Ich habe mir's nicht abnehmen lassen.

– Ihr habt Euch also den Gerichtspersonen widersetzt?

– Wenn eine simple Gegenerklärung Widersetzlichkeit heißt, ja. Man hat sie gelten lassen.

– Man! Untergeordnete Gerichtsdiener. Ihr steht vor Eurem Richter. Das geschieht hierzulande nicht in Waffen. Legt Euer Schwert auf den Tisch.

– Das thu' ich nicht.

– Wie? Ihr wagt es –

– Ich wage zu glauben, daß ich in einem civilisirten Lande bin. Es ist das Land des deutschen Kaisers, und ich bin ein deutscher Edelmann. Es ist ein deutsches Reichsland, und ich bin aus dem deutschen Reiche. Kann ich da nicht wenigstens erwarten, daß man mich anständig behandle, nachdem man mich mißverständlich, wie ich voraussetze, auf offener Straße verhaftet hat wie einen Dieb?

– Man hat Euch verhaftet, weil Ihr den öffentlichen Gottesdienst unanständig – um nicht frevelhaft zu sagen – gestört habt.

– Ich?

– Vor den Heiligthümern seines Glaubens lag das Volk auf den Knieen, und Ihr seid hinzugetreten und habt den Glauben des Volkes verhöhnt, indem Ihr, zum Aergerniß der Andächtigen, spöttisch aufrecht geblieben seid, den Hut auf dem Kopfe behalten und Eure Mißachtung in jeder Weise an den Tag gelegt habt.

– Das ist nicht wahr.

– Wenn dies Eure Civilisation ist, daß Ihr den Glauben Anderer verspottet, so seid Ihr allerdings in ein uncivilisirtes Land gekommen –

– Es ist nicht wahr.

– Was ist nicht wahr?

– Daß ich mich so betragen hätte, wie Ihr da sagt.

– Ihr seid nicht aufrecht und bedeckten Hauptes dagestanden?

– Ja –

– Nun also! Was soll der Widerspruch?!

– Als ich dastand – es war nur ein Augenblick – war die andächtige Menge aufrecht wie ich, und ich zog mich auf der Stelle zurück in ein Hausthor, als ich inne wurde, was da vorginge. Diese Ceremonien sind nicht die meinigen, und sie widerstreben meiner Erziehung. Aber ich würde mir nie gestatten, denjenigen ein Aergerniß zu geben, welchen sie geheiligt sind. Was Ihr da als Grund meiner Verhaftung angebt, das ist nichts als ein Vorwand. Zwei Männer niederen Standes haben die Störung begangen, deren Ihr mich zeiht, und sie geriethen deshalb in Streit mit der Volksmenge. Ich wurde verhaftet, indem ich das Benehmen dieser zwei Männer mißbilligte, und ich wäre wahrscheinlich verhaftet worden, auch wenn dieser Zufall nicht einen Deckmantel geboten hätte. Laßt also dies Vorhalten farbiger Lappen. Ich bin kein spanischer Stier, welcher darauf losginge; ich bin nicht hier, um über religiöse Dogmen und Ceremonien zu streiten –

– Weshalb seid Ihr hier?

– Laßt mich zu Ende reden. Seit ich den Fuß auf das Weichbild Wien gesetzt habe, bin ich befragt, spionirt und beaufsichtigt worden, als ob ich ein Dieb wäre. Was will man von mir? Man sage es aufrichtig, daß im deutschen Erblande unseres deutschen Kaisers ein deutscher Edelmann nicht erscheinen darf, ohne sich unwürdigem Verdacht, unwürdiger Behandlung ausgesetzt zu sehen. Sagt es aufrichtig! Dann wissen wir, woran wir sind. Es ist nicht so gleichgiltig, wie es einem Stadtgardisten erscheinen mag, und Euch kann es doch unmöglich so erscheinen, der Ihr ein Mann von höheren Gesichtspunkten seid, wie ich gestern Abends aus Eurer Redeweise habe entnehmen können. Bei einiger Ueberlegung müßt Ihr Euch doch eingestehen, daß der Kaiser morgen todt sein kann, und daß Euer Erzhaus einer Wahl im deutschen Reiche ausgesetzt ist, einer Wahl, welche jetzt ohnehin mit bergehohen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Wollt Ihr sie dadurch erhöhen, daß Ihr Euren üblen Ruf der Unduldsamkeit erhöht? Oder glaubt Ihr, daß kein Hahn danach krähen werde, wenn Ihr mich mißhandelt, wol gar beseitigt im Stile spanischer Inquisition? Das glaubt Ihr selbst nicht, denn Ihr packt mich nur an, weil Ihr mich im Zusammenhange glaubt mit Männern von politischer Bedeutung. Laßt also den Plunder scheinbar gerichtlicher Procedur, und geht zu dem über, was Ihr mich zu fragen habt, wenn Ihr mit solchen Fragen beauftragt seid.

Gangelberger war betroffen von dieser jähen Umkehr des Spießes, und betrachtete den jungen Fremdling von oben bis unten.

Herr Hans sah blaß aus, aber es leuchtete aus seinem lichten Auge eine feste Entschlossenheit.

– Nun, fuhr er fort, habt Ihr keinen weiteren Auftrag, als den der Straßenpolizei, so fragt mich, wie die Thorschreiber schon gethan. Erledigt das, damit ich beizeiten an den Höheren komme.

– Ich ersuche Euch in Eurem eigenen Interesse, Euren Ton etwas weniger dreist zu halten! entgegnete langsamen Tones Gangelberger, der heute lauter ärgerliche Eindrücke haben sollte, und dem es sehr mißfällig war, auch hier wieder seine richterliche Eigenschaft beiseite gesetzt zu sehen.

Verstimmt suchte er einen Uebergang zu weiter reichenden und höher liegenden Fragen, und setzte sich dabei nieder, mit Unbehagen bemerkend, daß der Inquisit sich ohneweiters ebenfalls einen Sessel nahm.

– Was führt Euch also nach Wien? fragte er endlich verdrießlichen Tones, und von der Seite mit halbem Blicke auf den Junker schauend.

Die Zornesader auf seiner Stirn, sichtbar weit in die Glatze hinauf, war hoch angeschwollen, und der grau gesprenkelte Backen- und Kinnbart schien sich borstig zu sträuben. Da er übrigens ein durchdringend schwarzes Auge und ein edel geformtes Antlitz hatte, so machte er in seiner jetzt verhaltenen Stimmung immerhin einen Achtung gebietenden Eindruck auf Starschädel. Dieser erwiderte also im milderen Tone:

– Fragt Ihr blos polizeilich?

– Ich frage als kaiserlicher Rath.

– Nun denn, so will ich auch in weiterem Sinne antworten. Ich bin im Interesse meiner heimatlichen Regierung hier. Ich will sehen und hören, um in meiner Heimat schildern zu können, was ich gesehen und gehört.

– Dazu seid Ihr in Verbindung getreten mit denen, welche Rebellen sind gegen das kaiserliche Haus?

– Ich trete mit Jedermann in Verbindung, der mich belehren kann. Die Ihr Rebellen nennt, sind meine Glaubensgenossen. Ihr Standpunkt liegt mir also in einer Hinsicht nahe. Wäre ich aber mit diesem einen Standpunkte begnügt gewesen, so hätte ich mir's genug sein lassen mit dem, was ich in Prag vernommen. Ich will auch die Oesterreicher kennen lernen, auch die katholischen Oesterreicher. Man sagt bei uns, sie seien ein gesunder, fröhlicher Volksstamm, und ihr Katholicismus unterscheide sich vielfach von dem in Bayern, unterscheide sich wesentlich von dem in Rom.

– Der katholische Glaube ist eben dadurch katholisch, daß er ein gleichmäßiges Dogma hegt im Norden wie im Süden.

– Mag sein. Dennoch sind Sitten und Gebräuche und Charakterzüge eines Volkes niemals gleichmäßig in Anwendung und Erläuterung des Dogmas. Ebenso ist ein Volk niemals ohne Einwirkung auf seinen Regenten. Deshalb ist Oesterreich in so kritischem Augenblick doppelt wichtig für uns. In den nächsten Tagen wird sich's entscheiden, wer Euer neuer Regent ist –

– Das ist längst entschieden; wir sind ein Erbreich.

– Es wird sich entscheiden, wie er sich zu den Oesterreichern verhält, wie sich die Oesterreicher zu ihm verhalten. Denn Ihr werdet nicht leugnen wollen, daß eine Huldigung von Seiten der Stände nöthig ist, und daß diese Huldigung Schwierigkeiten finden kann. Ob und wie diese gelöst werden, ist auch für uns in Sachsen wichtig und lehrreich. Denn die Wahl unseres Kaisers hängt damit zusammen. Euer erbberechtigter Herr Erzherzog wird zweifelsohne in Deutschland gewählt sein wollen; es liegt uns also sehr nahe, beizeiten zu erfahren, wessen wir uns von Oesterreich und seinem Regenten zu versehen haben.

– Habt Ihr eine officielle Beglaubigung von Eurer Regierung?

– Nein.

– Ihr führt keine Papiere mit Euch?

– Was heißt »Papiere«?

– Die über Eure Zwecke Auskunft geben.

– Ich habe keine officiellen Zwecke.

– Weicht nicht aus. Ich frage nach Euren Papieren. Beim Rapport über Eure gefängliche Einsetzung finde ich kein Blatt von Euch. Hat man Euch nicht abgenommen, was Ihr bei Euch trugt?

– Ich habe mir nichts abnehmen lassen; das hab' ich Euch schon bei Gelegenheit meines Schwertes erklärt.

– Wer fragt nach Eurer Erklärung? Hier handelt es sich um Gerichtsformen, denen sich jeder Verhaftete zu unterwerfen hat.

– Ah, ein vortreffliches Mittel für die Regierung, jede Privatangelegenheit, nach der sie lüstern ist, kennen zu lernen! Man verhaftet in der Geschwindigkeit den Mann da, welcher eben einen Brief erhalten hat, blos um den Brief zu lesen. Ist er gelesen, so erklärt man die Verhaftung für ein Mißverständniß –

– Herr, man verhaftet hierzulande nicht ohne Grund, und Ihr habt Grund genug dazu gegeben, indem Ihr Aufruhr gepredigt habt gleich bei Eurem Eintritte in diese Stadt, indem Ihr Verkehr entwickelt habt mit den Widersachern des Landesregiments, indem Ihr, was Ihr auch zur Beschönigung sagen mögt, den öffentlichen Gottesdienst gestört habt. Ihr seid mit gutem Grunde den Gerichtsformen verfallen, und Ihr habt ohne Widerrede Euer Schwert und Eure Papiere auf diesen Tisch zu legen.

Dabei war Gangelberger, fortgerissen von gereizter Stimmung und von der Formpedanterie eines Beamten, vom Sessel aufgesprungen. Starschädel desgleichen.

– Wollt Ihr gehorchen?

– Gewiß nicht!

– So erleidet die Gewalt!

– Und damit zog Gangelberger heftig die Glockenschnur. Man hörte weithin läuten durch die nächtliche Stille des Gerichtshauses. Pudel trat ein.

– Der Gewalt begegne ich mit Gewalt! erwiderte Junker Hans, indem er zur Seite trat, um der Thür das Antlitz zuzuwenden, und indem er die Hand an seinen Schwertgriff legte.

– Wagt es! schrie Gangelberger.

– Ich wage, was ich muß. Ihr werdet verantworten, was draus entsteht. So wahr Gott lebt, ich spiele nicht mit meinem Eisen.

– Die zwei Mann von der Guardia!

Pudel öffnete die Thür; sie traten ein.

– Dem Manne da sein Schwert abnehmen und alle Habseligkeiten loser Art: Geld, Papiere und was sonst an seinem Leibe –

– Wohl! rief Starschädel und zog sein Schwert. Das Blut über Euch, Herr Rath.

Die Gardisten, auf ein solches Ereigniß nicht gefaßt, hatten keine Piken mitgebracht und waren auf ihre Schwerter angewiesen. Ein wenig verblüfft von der sehr energischen Haltung des Junkers, zogen sie zwar dieselben, gingen aber doch nicht sogleich zum Angriff über. Fragend sah der Eine auf Pudel, welcher aus der halb offen gebliebenen Thür vorsichtig zu entweichen wünschte, der Andere auf den ergrimmten Rath.

– Werdet Ihr Eure Schuldigkeit thun?! schrie dieser.

– Gönnen Sie sich eine Minute Besinnung, Herr Rath! sprach Junker Hans mit Kaltblütigkeit. Hier giebt es Leichen, wenn Sie so fortfahren. –

– Vorwärts! schrie Gangelberger.

Die Gardisten thaten einen Schritt, Starschädel schwang seine Waffe mit augenscheinlicher Fechterkunst blitzschnell wie ein Rad zwischen ihren Klingen hindurch, nahe an ihren Köpfen vorüber. Sie wichen einen Schritt zurück – es entstand eine Pause.

Da hörte man ein Geräusch im Nebenzimmer. Es klang, als ob etwas an die Erde falle. Rath Gangelberger, der Thür zum Nebenzimmer am nächsten, hatte den deutlichsten Eindruck davon. Ein Krampf flog über sein Gesicht; er schien den Ursprung des Geräusches zu ahnen, und während Pudel es für geeignet hielt, ganz und gar kein Zeuge der bevorstehenden Entdeckung zu sein, sondern unsichtbar zu werden, stieß Gangelberger die Thür des Nebenzimmers auf.

Pater Norbert, ein Buch in der Hand, saß unweit der Thür und blickte gleichgiltig auf den Fußboden, welcher die zerbrochene Armlehne seines Stuhles klappernd aufgenommen hatte. Alsdann sah er ruhig auf den Rath Gangelberger, welcher in großer Erregung vor ihm stand und einen Ausbruch des Zornes mit großer Anstrengung niederkämpfte.

– Das Mobiliar dieses Gerichtshauses ist recht schadhaft, sagte der Pater endlich unbefangen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Euch gestört habe.

– Ihr seid – Herr Norbert noch hier?! sprach Gangelberger mit unterdrückter und geradezu gebrochener Stimme. Dieser Act des Spionirsystems und der verborgenen Beaufsichtigung auch ihm gegenüber, der volles Vertrauen in Anspruch nahm und verdiente, ging ihm wie ein schreiender Riß durchs Gemüth. Dazu der Vorwurf, den er sich blitzschnell selber machte, der Vorwurf, daß er das wichtige Verhör wirklich total verdorben habe durch seine Hitze – er war in der abscheulichsten moralischen Lage. Grimmiger Unwille rang mit dem peinlichsten Aerger über sich selbst, und ein ganz kleiner Kobold flüsterte in seinem Innersten: Sie haben ja ganz recht, die allmächtigen Priester, du bedarfst ja der Ueberwachung; Du bist ja ein kläglicher Wicht, ein erbärmlicher Sklave deiner Leidenschaften, und solch ein Orden, welcher die Persönlichkeit mit ihren unvermeidlichen Fehlern aufhebt, ist dir ja himmelhoch überlegen.

Während dies in ihm vorging, sprach der junge Jesuit halblaut und unwandelbar ruhig:

– Ich hab' Euch vielleicht zu sagen vergessen, daß ich das Resultat des Verhörs abwarten wollte. Daß ich noch zu Harrach's hinüber wollte, hab' ich Euch wol mitgetheilt. Dort find' ich außer meiner Mutter den Pater Lamormain; er wünschte baldige Auskunft über den Fremden, welcher ihn interessirt. Was kann ich ihm also sagen? – Ihr schließt wol die Thür, damit der Fremde unser Gespräch nicht vernimmt.

Dabei blieb der junge Pater auf seinem gebrochenen Armstuhle sitzen. – Gangelberger schloß die Thür. Sein Naturell, welches nicht ohne Stolz war, ertrug dies Verhältniß nicht, und als der Pater trocken weiter fragte: Nun, wie viel habt Ihr erfahren? – da brach dem Juristen der Stolz alle Dämme der Rücksicht entzwei, und er erwiderte streng und kurz:

– Das wißt Ihr so gut wie ich. Ich bin ein Mann gesetzlicher Form. Könnt Ihr dieser nicht trauen, könnt Ihr sie nicht erwarten, vielleicht gar nicht vertragen, so bringt mir eine Weisung von der höheren Stelle, welche das Verfahren und den Delinquenten einer andern Behörde überantwortet. Bis dahin verfüge ich allein und – ohne Controle. Servus!

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und drückte die Thür unehrerbietig ins Schloß. Der menschlichen Natur gemäß war er jetzt geneigt, dem angeklagten Junker Hans hilfreich zu sein. Wenn dieser die Regung des ergrimmten Juristen verstand und sich leidend und ruhig verhielt, so war es nicht unmöglich, daß er diesem von anderer Seite her überreizten Richter augenblickliche Freilassung zu danken hatte.

Junker Hans konnte dies freilich nicht ahnen. Er stand noch unverrückt mit blankem Schwerte da, eines neuen Angriffs gewärtig von den Gardisten, welche scheu den neuen Befehlen des Herrn Raths entgegensahen. Diese lauteten unerwartet:

– Verlaßt das Zimmer und wartet auf dem Gange!

Das war den zweifelhaften Helden das Angenehmste, und sie gehorchten pünktlich.

– Steckt Euer Schwert ein, Junker, und folgt mir dort in die Fensterbrüstung; ich will vertraulich mit Euch reden.

Junker Hans that dies ohne weiters.

– Ihr habt sehr zuversichtlich ausgesagt, sprach hier der Rath mit halber Stimme, daß Ihr ganz unschuldig seid an der Störung des öffentlichen Gottesdienstes. Könnt Ihr diese Aussage beschwören?

– Beschwören?

– Ja so, Ihr seid ein Ketzer –

– Dessen Schwur vor Eurer Heiligkeit keine Geltung hat. Seid unbekümmert deshalb. Ich bin sparsam mit meinen Schwüren. Für derlei absichtliche Mißverständnisse ist mir mein Schwur zu wichtig.

– Junger Mann –! Mäßigt Euren Trotz. Eure Lage ist nicht dazu angethan, und wenn ich nicht aus anderen Gründen – – kurz, ich will nicht auf voller Strenge des Verfahrens bestehen, wenn Ihr offener gegen mich seid. Wer waren die Männer, von denen Ihr selbst aussagt, daß sie den Frevel an unseren heiligen Ceremonien begangen?

– Ich bin kein Ankläger –

– Ihr seid – Element, Euch ist schwer zu helfen! – Habt Ihr die Männer gekannt?

– Ich bin kein Ankläger.

– Habt Ihr die Männer gekannt? rief der Rath, und zwar mit lauter Stimme.

Der trotzige Junker verstand es nicht, die ihm entgegenkommende Stimmung zu nützen, und reizte den heftig erregten Rath aufs Neue.

– Habt Ihr sie gekannt, ja oder nein?

– Ich sage nur ja oder nein auf Fragen, welche mich betreffen.

– So fahrt dahin, wohin Ihr Euch drängt!

Und dies sprechend schritt Gangelberger hastig zum Tisch und zog die Glockenschnur. – Pudel trat ein, alles Möglichen gewärtig. Er verbeugte sich deshalb doppelt tief, und sein ergebenstes »Bitte!« ward nur von der Diele vernommen.

– Den Gefangenen in seine Zelle führen lassen. Welche hat er?

Pudel schien nicht zu verstehen.

– Welche Zelle er hat?!

– Nummer vierzehn, bitte!

– Das ist ja die beste. Ist die ohne Eisenstäbe. Einem Gefangenen, dessen Grad Er noch nicht kennt! Ja, ist Er denn ganz unfähig?! Und die Visitation am Leibe, die Auskleidung, die Abnahme der Waffe, Alles ist unterlassen worden! Wo soll das denn hinaus? Wünscht er seine Absetzung?

– An einem Sonn- und Feiertage, Gestrengen –

– Muß man nicht minder seine Pflicht thun!

– Die heilige Kirche gebietet und erlaubt da –

– Ist Er Kirchen-Inspector?

– Leider nur thatsächlicher, und deshalb, Gestrengen, in Sachen der Verantwortung – wäre ich wirklicher Inspector, o, dann ergebenst –

– Er ist es nicht, weil man sich nicht auf Ihn verlassen kann. Basta. Den Gefangenen auf Nummer drei, und nachholen mit Waffe und Visitation, was unterlassen worden. Vorwärts!

Starschädel mochte es für unnütz halten, seinen Widerspruch zu erneuern. Er ging. Pudel zwinkerte ihm zu, als wollte er sagen: Nur getrost!

Gangelberger blieb allein in dem großen Zimmer. Er stand unbeweglich und starrte vor sich hin. Die priesterliche Einmischung nicht nur, auch die schlechte Hausordnung kränkte ihn schwer. All solche Unregelmäßigkeiten entstehen immer, wenn das oberste Regiment in längeres Schwanken geräth. Kaiser Rudolph hatte sich in Prag abgesperrt von den Bewegungen seiner Reiche, und man hatte jahrelang Noth gehabt, nur irgend einen Befehl von ihm zu gewinnen. Kaiser Mathias hatte ihn mit gefährlichen Mitteln gestürzt, und sich dabei mit Verbindlichkeiten aller Art die Hände gebunden. Diese zu lösen oder doch los zu werden, nahm jahrelang all seine Kräfte in Anspruch, und die innere regelmäßige Verwaltung entging dabei aller Aufmerksamkeit. Provisorisch, provisorisch! wurde das unglückliche Losungswort, welches die Festigkeit und Bestimmtheit ausschließt. Bis auf den Gefängniß-Inspector erstreckte sich dies unentschlossene Regierungswesen. Am Ende weiß dann Niemand mehr, was eigentlich gilt und hält, und die Schlaffheit bemächtigt sich auch der straffsten Gemüther. Noch mehr! Seit den wiedererregten Religionskämpfen war die Macht der Geistlichen in den Vordergrund gerückt. Der Fürst erwartete wesentliche Hilfe von dieser Seite, und ließ ihren Einfluß in Bereiche eindringen, welche dem Geistlichen fremd bleiben sollten. Zwei Autoritäten entstanden statt einer. Welcher soll man gehorchen? Welche ist wichtiger, welche ist mächtiger? fragten sich die loyalsten Diener. So entsteht eine Unsicherheit, welche alle Schritte lähmt, alle Anstrengung verdirbt.

Gangelberger war ein patriotischer Mann, und er litt schwer unter diesen Zuständen. Obenein war er jetzt gegen sich selbst in Aufruhr. Wir sind am unglücklichsten, wenn wir uns eingestehen müssen, daß wir unser Naturell nicht zu beherrschen vermögen. Und das mußte er sich jetzt eingestehen. Sollte er den Pater Norbert, welcher wahrscheinlich im Nebenzimmer geblieben, noch einmal sprechen? Eine freundliche Auseinandersetzung und Entschuldigung wäre sehr erwünscht gewesen. Der junge Geistliche hatte die höchsten Verbindungen. Ging er aus dem Gerichtshause mit dem jetzigen Eindrucke, so wurde Gangelberger bei den oberen Stellen übel beleumundet – war es nicht äußerst rathsam, noch ein ausgleichendes Gespräch anzuknüpfen? Gewiß. Aber Gangelberger konnte sich nicht entschließen, theils aus Stolz – der vornehme junge Pfaff sollte nicht seine Behörde werden! – theils aus Besorgniß vor einem neuen Ausbruche. Wenn der junge Mann den wohlweisen Protector spielt, so brichst du von Neuem los, und machst nur das Uebel ärger. Komme was kommen mag, du kümmerst dich nicht mehr um ihn.

Dies vor sich hinmurmelnd, entschloß sich Gangelberger, als unabhängige Gerichtsperson von dannen zu gehen. Er that es. Pudel kam eben von der neuen Einschließung Starschädel's zurück, und geleitete den Herrn Rath respektvoll die Treppe hinab. Er fürchtete sich, der Herr Rath möchte fragen, ob Alles genau befolgt worden sei. Der Herr Rath fragte nicht. Nur unten an der eisernen Thür blieb er stehen, betrachtete Pudel streng von oben bis unten, und sagte in seiner einschneidenden Weise:

– Wohl eingedenk sein, Nicodemus Pudel, wer sein Vorgesetzter! Ich revidire morgen.

– Unterthänigst, Gestrengen! und die Thür schloß sich.

Pudel aber stieg hinauf zum vornehmen Pater, welcher ihm ebenfalls schon entgegentrat. Auch dieser ging schweigend die Treppe hinab, und blieb erst unten im Hausflur stehen, um die Abschiedsworte zu sprechen. Aber sein schönes jugendliches Antlitz war rein und heiter wie blauer Himmel, und mit sanfter Stimme sagte er:

– Ich bitte Euch, lieber Inspektor, den Gefangenen milde und schonungsvoll zu behandeln. Man wünscht, daß ihm das Gefängniß einen freundlichen Eindruck mache; man wünscht, daß sein Gemüth durch nichts erbittert werde. Also das beste Zimmer und zuvorkommende Bedienung. – Noch Eins! Die Kleider sind ihm sorgfältig zu säubern. Am besten wenn er schläft. Und aufgeweckt darf er dabei nicht werden. Ihr seid ja ein erfahrener Mann, lieber Inspektor! Finden sich Papiere vor, hebt sie sorgfältig auf. Sie sind in Eurer Hand sicherer, als in der des vielleicht verkannten Gefangenen. Ich komme morgen Früh, um danach zu fragen und eine Unterredung mit dem jungen Fremdling zu führen. – Der Himmel behüte Euch und lasse Euch nichts verabsäumen, würdiger Inspektor! –

Der würdige Inspektor stand eine Minute regungslos in der offenen Thür; sein Gesicht schrumpfte wie ein alter Kuchen zusammen, und seine Hand kraute in den magern Haarstoppeln umher, als ob in dem weitläufigen Kopfe eine Lösung freigemacht werden sollte, welche ein gemeiner Verstand für unmöglich halten mußte. Der kaiserliche Rath hatte Schwarz gesagt, der Pater Norbert hatte Weiß gesagt, und beide meinten denselben Gefangenen, und jedem von beiden sollte gehorcht werden. – Heiliger Nicodemus, stöhnte Pudel, was nutzt in solcher Patsche die höflichste »Bülldung!« In dieser grausamen Welt und Lage, fuhr er leise in seinem Selbstgespräche fort, bleibt einem »gebülldeten« Manne nichts übrig, als sich zu besaufen.

Mit diesem Entschlusse wollte er sich eben zurückziehen, da sah er Jobst vor sich stehen, den langen Jobst mit thränenschlaffem Antlitze. Jobst kam ihm gelegen, und er ließ den sentimentalen Schwager eintreten. Den rothköpfigen Natzi aber schickte er in den »Regensburger Hof« hinüber nach einem ausgiebigen Trunke. Der »Regensburger Hof« bezog auf Donaukähnen ein schätzenswerthes Bier aus Bayern. Es war dies eine Höflichkeit für den Schwager Jobst, welcher bekanntlich kein Weintrinker war, und höflich war Pudel auch in der Verzweiflung.

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