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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 6
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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5.

Rudolph von Mitzlau befand sich während dieses gefährlichen Ereignisses, welches seinen jungen Freund Hans ins Gefängniß stürzte, sehr angenehm. Auf dem Schlosse Hernals war er von seiner Cousine Ludmilla äußerst munter empfangen worden. Sie hatten einander in frühester Jugend mehrmals gesehen. Einmal in Schlesien und einmal in Wien. Ludmillens Vater, der Freiherr von Loß, hatte in drei Ländern Güter: in Böhmen, in Oesterreich und in Schlesien. Er besuchte als sorgfältig regierender Herr alljährlich jedes seiner Güter und nahm gern seine älteste Tochter Ludmilla mit sich auf diese Reisen. Er hatte nur zwei Töchter und liebte sie zärtlich. Vielleicht darum doppelt, weil er die geliebte Gattin bald nach ihrem zweiten Kindbette durch den Tod verloren hatte. Deshalb trennte er sich nicht gern auf längere Zeit von beiden, und das Bereisen seiner Güter nahm stets längere Zeit in Anspruch. Auf solche Weise war Ludmilla, obwol erst achtzehn Jahre alt, schon viel herumgekommen in der Welt, und hatte ihr ohnedies frisches Mädchenwesen eigenthümlich gekräftigt. Sie hatte bei aller Mädchenhaftigkeit etwas Dreistes und Unternehmendes. Der Vater hat in ihr einen Sohn erziehen wollen, welchen ihm das Schicksal versagt hat! pflegte Herr von Jörger bei Ludmillens lebhaften Aeußerungen seiner Frau zuzuflüstern. Diese Bezeichnung traf indessen doch nicht das Richtige. Freiherr von Loß hatte dies gar nicht beabsichtigt, wenn er auch ein herzhaftes Wesen an seinem Kinde gern ausbilden mochte; und Ludmilla war ganz und gar ein Frauencharakter geblieben, wenn sie auch gern ritt und jagte und so dreist wie fröhlich mit aller Welt verkehrte.

Sie hatte im Gegentheil die schönste Anlage zu einem echt weiblichen Fehler mehr und mehr entwickelt: die Anlage zur Coquetterie. Doch nein! Dies Wort ist zu stark. Die Lust, zu gefallen, ist ja etwas ganz anderes, als die Sucht, zu gefallen. Für Gefall sucht war sie zu stolz, und die Lust am Gefallen erwuchs aus ihren besten Eigenschaften und Kräften. Sie wollte voran sein in allem Möglichen, nicht blos im Aeußerlichen, auch in höheren und schwereren Dingen. Sie war gut unterrichtet und zeigte stets ein Bedürfniß, ihren Unterricht und ihre Kunstfertigkeit zu erweitern. Es ließ sie nicht ruhen, wenn sie einem überlegenen Menschen begegnete, bis sie den Grund seiner Ueberlegenheit entdeckt und sich nach Kräften angeeignet hatte.

Auf diesen Grundnoten spielte denn auch jetzt die Unterhaltung mit ihrem schönen Vetter Rudolph, welcher in allem, was Weitläufigkeit, Gesellschaftsform, Tracht und Mode betraf, ebenso zu Hause war, wie im Bereiche der leichteren schönen Künste, besonders in der Musik. Sie waren in einem großen Gemache, vor dessen Fenstern das Kahlengebirge im Sonnenschein ganz nahe ausgebreitet lag, und ihr Verkehr war heiter bewegt, von einem Thema auf das andere springend, bald am Fenster vor der schönen Aussicht, bald am andern Ende des Saals vor einer Harfe, mit welcher Ludmilla ein neues, vom Vetter artig gesungenes Lied begleitete, bald in einem andern Winkel des Gemachs, wo ein Bild aufgestellt war nach Lucas Cranach, eine Familienscene der Reformatoren in Wittenberg darstellend. Vor diesem Bilde trat eine Pause und ein etwas greller Uebergang in die Unterhaltung, welche bis jetzt rasch und sprunghaft, ein Thema nach dem andern berührend und schnell erledigend, vorübergegangen war. Es schien, als ob Ludmilla Alles erschöpft glaubte, was sie vom eleganten Vetter zu erfahren und sich anzueignen wünschte, und sie hielt plötzlich inne in der Rede, langsam in die Mitte des Saales schreitend. Bisher leicht und munter, war das bewegliche Antlitz auf einmal ernst, der geschmeidige Körper fest und ruhig geworden. In weiße Seide gekleidet, einen kleinen Handspiegel in der Hand, welchen sie unter verschiedenen Winkeln dem Bilde zugehalten hatte, stand sie jetzt selbst wie ein geheimnißvolles Bild da. Ihr Kopf wendete sich langsam nach dem etwas erstaunten Vetter zurück, und ihr großes braunes Auge blickte unverwandt auf ihn. Dies Auge, meist beweglich und sehr mannigfach in seinem Ausdrucke, war jetzt fest und still. Man konnte wohl sonst demselben ein wenig das vorwerfen, was man falschen Blick nennt, ein klein wenig, und nur eben so viel, als erfahrene Kenner weiblicher Schönheit besonders gern haben, weil sich ein schalkhaftes und doch starkes sinnliches Leben reizend dadurch verrathe. Davon war jetzt nicht die geringste Spur vorhanden.

Auf ihren Wink näherte sich der Vetter mit fragendem Blick. Die Pause verlängerte sich dennoch. Endlich sagte Ludmilla:

– Wie steht es denn, Vetter, um Euren kirchlichen Uebertritt? Ihr habt ihn ja schon vor langer Zeit meinem Vater angekündigt. Ist er endlich vollzogen?

– Innerlich längst; aber um meine Mutter zu schonen, hab' ich ihn äußerlich noch immer vertagen müssen.

– Du sollst aber Gott mehr gehorchen als den Menschen! sagt die Schrift.

– Ja, ist denn das äußerliche Bekenntniß mehr werth als das innerliche?

– Das kommt auf Zeit und Umstände an.

– Ist denn der Seelenfrieden einer alten Mutter nicht Umstand genug?

– Und ist denn eine Zeit nicht gebieterisch genug, in welcher die Heereshaufen sich offen theilen, und in welcher Alles darauf ankommt, öffentlich Zeugniß abzulegen? Ist eine geliebte Person wichtiger, als eine heilige Sache?

– Es steht einer liebenswürdigen jungen Dame wunderlich an, die Liebe zu einer menschlichen Person so kurzweg zur Nebensache zu machen! versetzte Herr Rudolph mit einer leichten Verbeugung und einem nicht uninteressanten Lächeln.

Und er hatte sich nicht geirrt mit dieser Wendung. Ueber das feine und doch volle Gesicht Ludmillas flog wie ein Lufthauch eine plötzliche Erheiterung; die vollen Lippen öffneten sich wie unwillkürlich um eine Linie, und überließen den glänzenden kleinen Zähnen den Anschein eines beginnenden Lächelns. Dies schöne Geschöpf, begabt mit einem so geschmeidigen wie kräftigen Mädchenleibe, welcher die Sinnlichkeit herausfordern und doch gewiß nicht verleugnen konnte, dies reich und mannigfach ausgestattete Mädchen war offenbar von der Natur nicht berufen, den Gedanken der etwas nüchternen protestantischen Einfachheit in dieser Menschenwelt zu vertreten. Sie raisonnirte nur eben mit dem Gedankengange, welcher in ihren Kreisen herrschend war. Hätte sie zur Zeit der Kreuzzüge gelebt, sie würde mit dem Gedankengange schwärmerischer Hingebung raisonnirt haben, und dieser hätte sich am Ende natürlicher ausgenommen für ihr Wesen, welches für Abwechslung und phantastischen Schwung noch reichlicher ausgerüstet sein mochte. Deshalb sind diejenigen Menschen die glücklichen, deren Naturell zu dem Geschmack der Epoche paßt, in welche ihre Lebenszeit hineingerathen ist.

Ludmillens Naturell neigte ersichtlich zu der Bemerkung hin, daß persönliche Liebe immer beachtet sein müsse, und sie sprang ab von der ernsten Frage, indem sie nach kurzem Stillschweigen sagte:

– Ihr seid im Grunde leichten Sinns, Herr Vetter, und unterscheidet Euch dadurch von dem – von den jungen Männern in Prag, welche vergangenen Winter unser Haus besuchten.

– Ich schmeichle mir, erwiderte Rudolph, welcher sein Fahrwasser unverhofft vor sich sah.

– Oho!

– Ja, ich schmeichle mir. Es wird eine Sauertöpfigkeit unter uns Mode, die das Bischen Leben unschmackhaft macht. So bin ich mit einem jungen Manne, der direct aus Prag kam, gestern in Wien eingeritten, und ich kann mir nicht verleugnen, daß die ewige Ernsthaftigkeit solch eines Jünglings, wie respectabel sie übrigens sein mag, etwas Beengendes, ja Lähmendes für mich hat.

– Aus Prag? Wie hieß er?

– Er ist nicht aus Prag. Er kam nur von dort. Er ist aus dem Reiche.

– Dunkelblond? Nur von mittlerer Größe? fragte Ludmilla hastig, und ihre Wange röthete sich.

– Ganz recht. Glaubt Ihr –?

– Wie heißt er?

– Hans von Starschädel. Kennt Ihr ihn?

– O ja, ja. Er war in Prag bei uns, setzte sie sichtlich erregt hinzu.

Herr Rudolph, von diesem Antheil betroffen, wollte eben weiter fragen, da öffnete sich die Thür, und Herr und Frau von Jörger traten ein, ihren Gast zu begrüßen. Er war soeben aus der Stadt heimgekehrt, und sie entschuldigte sich freundlich bei dem Vetter, daß ihr Unwohlsein sie den ganzen Vormittag an ihr Zimmer gefesselt habe. Sie war auch wirklich sehr blaß, und die feine, schlanke Gestalt verrieth ein sehr empfindliches Nervenleben, welches jede Aufregung zu scheuen habe. Dem konnte man es zuschreiben, daß ihre Begrüßung des Vetters bei aller Freundlichkeit doch jenes herzlichen Entgegenkommens entbehrte, welches man ihr zutrauen mußte, wenn man ihren Verkehr mit ihrem Gatten und mit Ludmilla beobachtete.

Ein heftig polterndes Geräusch vom Hofe herauf störte die Begrüßung. Herr von Jörger öffnete rasch die Mittelthür des Saales, welche in ein Zimmer nach dem großen Hofe führte. Denn von dort schien der Lärm zu kommen.

Das Schloß Hernals lag da, wo im heutigen Stadtorte Hernals das Institut für Officierstöchter steht, ein Rest des damaligen Herrenhauses, des eigentlichen Schlosses. Nach Nordwesten vor dem Schlosse, also abgewendet von Wien, lag der Haupthof, links und rechts durch niedrige Häuser flankirt und durch ein Thorhaus geschlossen. Vor dem Thor ein tiefer Graben, welcher um alle Gebäude und einen Garten herumlief und auf der Gartenseite innen durch hohe Erdwälle eingerahmt war. Ueber den Graben eine Brücke aus starken Eichenbohlen. Den Eichenbohlen dieser Brücke schrieb Herr von Jörger das Gepolter zu, welches ihn aufgestört hatte. Stürmisch ankommende Reiter mußten es verursacht haben, und da die drohende politische Zeit jeden Augenblick irgend etwas Plötzliches bringen konnte, so öffnete er mit einer Hast, welche ihm sonst nicht eigen war, das Fenster. – Richtig! Zwei Reiter sprangen unten von den dampfenden Pferden und riefen den aus den Ställen herbeieilenden Kutschern und Pferdeknechten zu: wo die Herrschaft sei, und ob der Freiherr zu Hause wäre.

– Hier ist er. Was wollt Ihr? rief Herr von Jörger hinab.

– Euer Gnaden auf der Stelle sprechen! rief der Eine. – Um Gotteswillen gleich! schrie der Andere.

– Kommt herauf! entgegnete der Hausherr, welchem man ansah, daß ihn der Besuch nicht angenehm überraschte. Er hatte den einen der Reiter erkannt, den Bart-Conrad nämlich, und dieser Glaubensgenosse war dem Hernalser Freiherrn, dem Patron der Wiener Evangelischen, keine willkommene Erscheinung. Das Wilde und Herausfordernde an ihm war dem gesitteten und in allen Dingen mäßigen Freiherrn aus vielen Gründen zuwider. Unerfreuliches in unerfreulicher Form besorgend, schritt Herr von Jörger auf den Vorsaal hinaus und rief den Heraufeilenden entgegen:

– Ruhig, ruhig und langsam! Was treibt Euch? Der Mann blutet ja! Was ist ihm widerfahren? Wer ist's? Redet langsam, Conrad.

– Freiherrliche Gnaden, er ist der Diener des Cavaliers aus dem Reiche –

– Des Herrn von Starschädel?

– Ja! erwiderte Tartsch mit gedämpfter Stimme, denn er war in convulsivischer Aufregung, und um so erschreckender setzte er laut und heftig hinzu: Man hat meinen jungen Herrn ins Gefängniß geschleppt!

– Wie?! rief der Freiherr und seine Frau und Herr von Mitzlau, und besonders lebhaft Fräulein Ludmilla, welche sämmtlich Herrn von Jörger auf den Vorsaal gefolgt waren. Erzählt's in Ordnung! sprach der Freiherr.

Conrad that das, und machte gar keine Umstände über das, was er für die Veranlassung hielt: über den »Dienst mit Götzenbildern, vor denen sie sich nicht gebeugt hätten«. –

– Du bist ein Unband, der nicht Zeit noch Ort zu wählen weiß, und seinen Glaubensgenossen die ärgsten Verlegenheiten bereitet! rief der Freiherr ärgerlich dazwischen.

– Das war's ja gar nicht, lieber Herr, was meinen armen Junker ins Unglück gestürzt hat, entgegnete Tartsch. Er war ja hinter uns, und hatte nichts mit unserm Streit zu thun. Der Kerl von der Garde, wie sie's nennen, der uns seit gestern Abends verfolgt, hat ihn ohne Grund erfaßt und fortgeschleppt. –

– Die »rothe Feder«, Herr Baron, der Medardo, der Jesuitenknecht, der Zuträger des Pater Norbert! Ich sah's gerade noch im letzten Augenblicke, als sie ihn ins Haus stießen, und schrie's dem Manne hier zu. Wir hatten selber ein Dutzend Papisten auf dem Halse und an den Schultern, die uns unter die Beine bringen wollten. Aber wie wir merkten, was dem jungen Herrn passirte, da merkten wir auch, was die Hauptsache sei, und da wurden wir beide des Teufels, und schlugen links und rechts nieder, und hinterher ging's, hast du nicht gesehen! auf das Lugeck hinaus und über den Lichtensteg zum Hohen Markte hinauf, ins Landskrongassel hinein! Aber wir waren halt nur Zwei, und der Athem wurde kurz; wir kamen doch zu spät oben an, krach! flog die eiserne Thüre zu, und der Junker steckte drin, und wir hatten Noth genug, in die Salvatorgasse hinüberzukommen und die Fischerstiege hinunter nach dem »weißen Löwen«. Da haben wir flink des Junkers Pferde gesattelt, und sind herausgesprengt, damit der protestantische Freiherr helfen könne bei Zeiten –

– Helfen! rief der Freiherr abschmeckend.

– Um Gotteswillen, lieber Herr, stöhnte Tartsch, helfen, helfen! Und gleich! Mein Junker – und dies setzte er leise hinzu, indem er ganz nahe an den Freiherrn trat – mein Junker hat wichtige Papiere bei sich; es kann Unglück entstehen übers ganze Reich hinaus!

Der Freiherr schwieg eine Weile. Alle blickten auf ihn. Endlich sagte er in ganz ruhigem Tone die Worte an seinen Reitknecht richtend:

– Die Pferde des sächsischen Junkers sind einzustallen und zu versorgen. Dieser sein alter Diener – indem er auf Tartsch deutete – bleibt bei ihnen und speist an eurem Tische.

– Sonst nichts? murmelte Conrad vor sich hin.

– Lieber gnädiger Herr! sprach Tartsch mit einer Stimme, welche dem Schluchzen nahe schien, und hob die gefalteten Hände zu ihm empor.

– Geduld! entgegnete der Freiherr. Ich bin nicht so mächtig. Was möglich ist, wird von selbst geschehen.

– Möglich ist Alles, wenn man die Courage hat, Herr Baron! Aber daran fehlt's. Wir lassen uns drücken und drücken, und wenn endlich die Gelegenheit kommt, die Stricke zu zerreißen, da sehen wir uns erbärmlich um, wie kleine Kinder, ob nicht sonst Jemand helfen will – -

– Conrad!

– 's ist wahr! fuhr dieser gegen den drohenden Ausruf Herrn von Jörger's nur noch zorniger fort. Wir sind in Wien eine große Gemeinde, und wir thun, als ob wir von Kindsbrei zusammengebacken wären. Die Böhmaken, denen wir sonst nicht viel zutrauen, fangen an wie's heilige Donnerwetter. Aber wir sperren 's Maul dazu auf, weiter nichts. Wozu haben wir denn Arm' und Beine?! Wozu ist denn jetzt Alles in Wien wie vor den Kopf geschlagen, weil der alte Kaiser im Sterben liegt und der Steiermärker dran kommen soll, dem keine Katz, auch keine kathol'sche, wenn sie nicht im Jesuiter-Collegium maust, was Gutes zutraut? Wozu denn, wenn wir uns immerfort hinter den Ofen verkriechen sollen?! Jetzt sollen wir losgeh'n, sag' ich!

– Conrad!

– Und heut' Nacht soll's losgeh'n, sag' ich. Ein Stücker Hundert bring' ich z'amm bis zum Finsterwerden, und vor die Schranne zieh'n wir und schlagen die Thüren ein, und holen den Junker heraus mit Haut und Haar, und dann vor die Stallburg, wo der Mathias stirbt, und der muß unterschreiben, was wir wollen, und damit ist ein Anfang gemacht, das sag' ich!

Ein unarticulirter Zuruf der Kutscher und Reitknechte, welche mit heraufgekommen waren, klang wie unzweifelhafte Zustimmung. Freiherr Helmhart von Jörger, stets durch eine frische Röthe des Antlitzes ausgezeichnet, war mäßig blaß geworden bei dieser Rede. Er war sonst von gemessener und würdevoller Haltung seiner stattlichen Körperlänge, und seine schmalen Lippen, seine etwas starren blauen Augen pflegten gern einem Lächeln und wohlwollenden Ausdrucke zuzustreben. Jetzt aber waren ihm Arm' und Beine in haltlose Unordnung gerathen, und Auge wie Mund blitzten und zuckten. Dennoch sagte er zunächst kein Wort, sondern winkte nur mit dem zitternden Arme dem Conrad die nicht zu verkennende Bemerkung zu: er möge sich entfernen.

– Ich werd' schon gehen, sagte dieser lachend, aber damit ist nix gethan. Laßt Euch nur immerzu das Fell über die Ohren zieh'n, die Ihr die Herren sein wollt, der gemeine Mann wird's schon merken, und am End' wird er sich fragen: ob das ein Herr ist, dem Haut und Knochen geschunden sind? Das wird er, Herr Baron! Das wird er. Kommt, Tartsch, und bettelt nicht alleweil umsonst; ich schaff' Euch den Junker!

Damit riß er den alten Diener, welcher allerdings fortwährend dem Freiherrn die bittenden Hände zugestreckt hatte, an der Hand, und führte ihn der Treppe zu. Das Dienstpersonal folgte, und der herrschaftliche Kreis blieb verlassen stehen.

Der Freiherr blickte auf seine Frau und nickte mit dem Haupte.

– Da siehst Du's! stieß er endlich hervor. Dahin kommt's! Dahin mußt' es kommen! Ich hab' Dir's stets gesagt!

– Recht zu haben ist uns ein Genüge, auch wenn uns Unheil betrifft. Wenn wir nur das Unheil vorausgesagt haben.

Die Frau mußte wol unternehmender sein als er, weil er sich also gegen sie wendete. Eine so schwächliche Frau! Es war aber wirklich so. Sie war eine denkende Frau, und rieth unter den damals so schwierigen Umständen stets zu ganzen Maßregeln. Mögen auch die gemeinen Leute dabei wachsen, pflegte sie zu sagen, wir wachsen auch.

– Dabei wachsen wir wol! rief er jetzt, indem er sich nach dem Saal zurückwendete. Die ganze Ordnung wird umgekehrt, und die schrecklichsten Dinge entstehen.

– Wie dem auch sei, sagte sie ganz ruhig, als sie sämmtlich wieder im Saal waren, dem jungen Manne muß geholfen werden.

– Als ob das so ginge!

– Es wird schon gehen, Helmhart, wenn Du Dich erst gefaßt hast über den wilden Burschen, der ja doch eben der wildeste ist von allen. Du wirst schon Rath schaffen, wenn Du es still überlegt hast. Du kennst Weg und Steg besser als sonst Einer, und weißt Deine Maßregeln geschickt einzutheilen.

Dies Lob schien auf steinigen Boden zu fallen, denn der Freiherr zuckte die Achseln. Aber es schien doch nur so. Frau Amalie kannte ihren Helmhart, und zunächst meinte sie, man müsse nichts daraus zu machen scheinen, und wie herkömmlich zu Tische gehen.

– Mit dem Aerger! rief er.

– Ein Mann wie Du ärgert sich nicht lange über schlechtes Wetter, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. Du hast auch schon den Weg vorgezeichnet, fuhr sie fort.

– Ich?

– Freilich! Du hast mir nicht ohne Absicht vorhin, als Du vom Pferde gestiegen, so ausführlich erzählt, daß bei Harrach's ein Brautschatz ausgestellt ist, der Alles herausfordert. Was kümmerte Dich der Putz und Staat und die Verschwendung! Du dachtest an was Anderes.

Er sah sie erstaunt an. Noch wußte er nicht, was er Scharfsinniges vorbereitet hätte. Aber eigentlich war er doch schon nicht abgeneigt, es sich zuzutrauen.

– Der Brautschatz für die Waldstein'sche Hochzeit? sagte er in fragendem Tone.

– Ja wol. Isabella hat mich vorgestern schon einladen lassen. Ich war unwohl, und ich konnte und mochte nicht. Dergleichen ist nicht eben meine Neigung. Aber es that mir weh, dem guten Mädchen meinen Besuch zu versagen. Du weißt, sie ist mir recht herzlich zugethan, und ich weiß, daß die Heirat des Waldstein nicht in ihrem Herzen entstanden ist. Sie braucht eine freundliche Zusprache, und wird sie besonders von mir wünschen –

– Von Dir, welche –?

– Allerdings. Gerade weil sie meine Scheu vor diesem Waldstein kennt. Wenn ich ihr Muth und Freudigkeit einspreche, so wird ihr das einen günstigeren Eindruck machen, als wenn es Leute thun, denen dieser Waldstein gleichgültig ist. Isabella ist aber gut und mild und mitleidig, und sie wird –

– Ihren Vater für unsern Zweck gewinnen? Nein, Amalie, so weit hab' ich nicht gedacht, als ich Dich von der Ausstellung des Brautschatzes in Kenntniß setzte. Ich dachte nur an den Harrach selbst, der in der Burg vielvermögend ist, beim alten und beim neuen Herrn. Allerdings dachte ich daran, daß die Gelegenheit zu beachten wäre. Wir haben das Haus lange vernachlässigt, und Harrach wird jetzt als Mittelsperson wichtiger als je.

Unter dieser Rede wuchs des Freiherrn moralische Kraft ersichtlich. Die Frau kannte ihn offenbar sehr gut, indem sie ihm einen Gedankengang andichtete, welcher seinem Selbstgefühle erwünschte Stärkung brachte. So fuhr sie denn fort, gleich als ob es auf ein Mehr oder Minder der Voraussicht gar nicht ankomme:

– Das mein' ich eben auch. Ein Wort von Harrach macht den sächsischen Junker auf der Stelle frei. Vielleicht ist auch Pater Lamormain da. Er protegirt ja den Waldstein, und wird das Hochzeitshaus gewiß öfters besuchen. Jedenfalls finden wir den Waldstein. Du weißt, daß er mich immer anredet und nach den Saganer Verhältnissen fragt –

– Und nach der deutschen Politik –

– Ja; er thut, als ob er sich unterrichten ließe –

– Und Du unterrichtest ihn auch, warf der Freiherr dazwischen, und lächelte bereits.

– Der Waldstein aber, fuhr sie fort, hält Vieles für Kleinigkeiten, was die Andern mit Aufsehen behandeln. Er wird meinen kleinen Sachsen, den ich ihm schon nach den Schilderungen von Loß für seinen Geschmack interessant machen will, wahrscheinlich gern befreien helfen. Und ein Wort von ihm an Pater Lamormain befreit ihn, wenn Du bei Harrach selbst nicht gleich zum Ziele kommen solltest. Du wirst aber zum Ziele kommen, denn Harrach sucht zu vermitteln wie Du.

– Und das muß ihm einleuchten, sagte der Freiherr, mit immer längeren Schritten auf- und niedergehend, wenn ich ihm die drohenden Symptome schildere, wie wir sie eben erlebt haben an diesem – Kerl. Zu Tische! – Wenzel! rief er in den Vorsaal hinaus.

Der Diener eilte herbei.

– Den großen Staatswagen richten lassen. Die vier Falben. Die Laufer mit Windlichtern. Mit Dunkelwerden vorfahren!

Dabei sah er sich um nach Ludmilla und Mitzlau. Die beiden schönen jungen Leute schienen ihm ganz geeignet, diesen Besuch auszuputzen. Er kündigte ihnen also an, daß er sie mitnehmen und Vetter Rudolph bei dieser Gelegenheit vorstellen wolle. Jetzt zu Tische! schloß er, indem er seiner Frau den Arm reichte und sie durch den Saal hinüberführte in den Speisesaal.

Conrad war ohne solchen Uebergang schon längst zu Tische gegangen mit der Dienerschaft unten in der Gesindestube. Ihn störte das Mißverhältniß gar nicht, von eines Freiherrn Tische zu speisen, welcher ihn zu allen Teufeln wünschte. Nur Tartsch störte ihn. Der alte treue Diener aß keinen Bissen, und keine noch so lebhafte Ermunterung half. Die mitspeisenden Dienstleute sahen ihn anfangs neugierig, später theilnehmend an. Tüchtige Regungen erwecken am Ende überall Theilnahme, und besonders der Gärtner Spath, ein Mann in besten Jahren, nahm sich des traurigen Fremden geflissentlich an, indem er ihm begreiflich zu machen suchte, daß man in Oesterreich die Suppe nie so heiß esse, als sie aufgetragen werde, und daß große Veränderungen bevorstünden, welche dem Eingesperrten sicherlich zu statten kämen. In der nächsten Nacht zum Beispiel werde der Mond voll. Das wirke stets veränderlich auf Gesunde und Kranke. Die Gesunden änderten dabei ihre Vorsätze, und die Kranken würden gesund oder stürben. Der Kaiser Mathias, halte er, der Spath, dafür, werde sterben.

– Weißt Du's gewiß? lachte Conrad.

– Ich sollt's glauben, entgegnete Spath. Heute gegen Mittag kroch ein Ausländer, ein junger, schwarzer Mensch, der Sprache nach ein Wälscher, unten am Dornbacher Graben herum, und suchte in den Schilfgräsern. Was machte er da? Ich war ohnehin mißtrauisch, denn eine Stunde vorher war drüben aus dem Hausflur des Herrn Candidaten ein zierliches Bürschchen mit gelbem Haare herausgeschlichen, das Niemand kannte. Wozu trieben sich die fremden Leute in und bei unserm Schlosse herum?! Ich ging hinunter und fragte den Schwarzen, was er da suche? – »Ein Kraut.« – Ein Kraut? – »Eine Pflanze.« – Aergerlich rief ich: es sei noch wenig heraus bei der Frühjahrszeit. Er nannte einen Namen, der lateinisch oder italienisch klang. Ich kann nur Deutsch und wußte also nicht, was er meinte. Man lernt aber immer gern etwas; ich wollte den Namen verstehen lernen, und watete durch den Bach hinüber zu ihm. Vielleicht konnt' ich ihm das Kraut zeigen, und dabei erfuhr ich den fremden Namen. Ich fragte also, wogegen es helfen solle? Er zeigte auf den Bauch, hübsch oben. »Magen?« fragte ich. Da nickte er. Nun suchte ich ihm, etwas abseits vom Graben, ein kleines Distelkraut, und zeigte es ihm. Es kroch nur eben erst mit der Spitze aus der Erde. Das war's, und dabei verrieth er mir in der Freude nicht blos den fremden Namen, sondern auch, daß es für den kranken Kaiser bestimmt sei, der nichts mehr brauchen könne von Speise und Trank. Da wußt' ich genug. Dies scharfe Kraut ist für den Menschen fast so gut wie Gift. Es kitzelt wol für den Augenblick, und man denkt, was essen zu können, wenn man aber sonst hin ist, wie der alte Herr, so ist's gleich darauf vorbei, besonders wenn Vollmond eintritt. Ich sagt's dem Wälschen. Er zog ein Gesicht, das beinahe lustig aussah, und ging fort. Kurzum, ich sage Euch, da der Kaiser schon solchen Kitzel braucht, so stirbt er heut' Nacht, und dann geht's drunter und drüber, und Euer Junker, trauriger Mann, wird frei.

Damit stand man von der Mahlzeit auf, und Conrad nahm Tartsch in eine Ecke, zu Anfang langsam in ihn hineinredend, wie ein Verdauender zu thun pflegt, allmälig lebhaft und immer lebhafter.

– So geht's, und so machen wir's, schloß er, ein fixer Mann hilft sich selbst, und wartet nicht auf die Zeichendeuter und Pharisäer. Der Schließer der Stadtschranne hinten am Gäßchen ist Jobstens Schwager und ist ein curioser Heiliger. Mit ihm bringen wir's zu Stande. Das Wirthshaus gegenüber – das Gassel ist nur drei Schritt breit – wird unser Lager. Drei handfeste Leute außer uns, mehr brauchen wir nicht. Die schaff' ich. Wir führen's durch. Nur Courage! Und bis zum Dunkelwerden gewartet, damit uns Niemand vorher aufhält, denn sie passen jetzt auch auf uns. Legen wir uns auf die Bank und schlafen wir ein Gesetzel. –

Dies thaten sie. Selbst Tartsch schlief ein mit seiner schweren Sorge. – Die Gesindestube, ein großer Raum, zeigte ein Stillleben, wie es ihr nur Sonntag Nachmittags erreichbar war. Die beiden Gäste, Conrad und Tartsch, schlummerten am grünen Kachelofen, dessen letzter Rest von Wärme nicht störte, denn hier im Erdgeschoße war es kühl während des ganzen Jahres. Ein scheckiger Jagdhund lag unter der Bank. Die alte Beschließerin saß im Fensterwinkel, und suchte in einer Postille zu lesen, wie sie jeden Sonntag Nachmittags zu thun versuchte, obwol es ihr niemals gelang. Sie nickte eben zu stark mit dem Kopfe, um die Buchstaben richtig an einander zu bringen. Draußen über den Hof, in dessen einem Winkel der Sonnenschein spielte, schritt Spath, der Gärtner, sehr langsam und bedächtig, weil er seine Nase ungern von einem kleinen Blumenstrauße trennte, welchen er der gnädigen Frau Amalie hinauftrug zum Schluß der Mahlzeit. Er unterließ dies nie am Sonntage, und er konnte es fast das ganze Jahr hindurch, denn er hatte sich hinten neben dem Backofen ein kleines Mistbeet angelegt und ein zusammengeflicktes Fenster darüber zu Stande gebracht. Dort zog er während der strengeren Jahreszeit immer einige Blumen. Er war überhaupt der Gelehrte und Feine unter dem Gesinde, und unter allen Umständen ein denkender Kopf. Bei der gnädigen Frau stand er sehr gut, und er versah auch die Geschäfte des Küsters in der Capelle, welche im Winkel des Nebenhofes angebracht war. Nur dem alten Candidaten selbst, welcher seine Wohnung ebenfalls im Schlosse hatte, schien er nicht so angenehm zu sein, als man hätte erwarten sollen. Dieser alte Candidat, ein magerer starkknochiger Fünfziger, trat eben aus der Hausthür, als Spath, mit der Nase im Blumenstrauße, in dieselbe treten wollte. Respectwidrig stieß bei dieser Gelegenheit der Gärtner Spath an den Candidaten Götzinger, und zog sich dadurch wiederum eine ungefällige Aeußerung seines Vorgesetzten zu. Paß Er doch auf, Leisetreter, sagte Herr Götzinger ärgerlich. Er richtet überhaupt seine Sinne nicht immer dahin, wohin sie gehören. Heute Morgen während der Predigt war Er unziemlich laut mit dem Klingelbeutel, und einen Wein für den Tisch des Herrn gab es heute wieder, als ob Er gar keinen Geschmack hätte.

– 's war ein Weidlinger, Ehrwürden.

– Wird Er denn nicht behalten, daß ich die Säure des Weidlingers –

– Eine ölige, delicate Säure –

– Ich kann sie nicht vertragen. – Wenn ich sage Ich, so meine ich Den und Jenen von unsern vornehmeren Communicanten. Es schnitten heute wieder Mehrere Gesichter. Die Säure überraschte sie. Das ist aber kein Moment zur Ueberraschung, am wenigsten zu unangenehmer. Man zieht einen Gumpoldskirchner vor, das hab' ich Ihm zehn Mal gesagt.

– Ein Mal, Ehrwürden –

– Mehrmals! wiederhol' ich. Merk' Er sich's endlich. 's ist jetzt keine Zeit zu Weiterem. Die gnädigste Freifrau erwartet Ihn; sie braucht mehrere Blumensträuße heut'. Sag' Er ihr, daß ich's gesagt, beeil' Er sich; man ist aufgestanden.

Hiemit schritt er über den Hof rechts nach seiner Wohnung, welche der Gesindestube gegenüberlag. Sein gespanntes Antlitz glättete sich nur langsam, denn sein Inneres war von reizbarer Beschaffenheit. Der kleine Spath sah ihm mit seinen grauen Augen nach, und es lag auf seiner Bauern-Physiognomie so etwas wie ein spöttisches Lächeln, das ihm nicht übel stand, das sich aber doch nicht recht schickte für ihn, denn Ehrwürden Götzinger hatte nicht nur in seinem Heimatsorte Grätz studirt, sondern war auch ein Jahr lang auf der hohen Schule in Leipzig gewesen. Er hatte ihn, den etwas naseweisen Spath, schon oft zurechtgewiesen, wenn der vorlaute Gärtner mit seinem gemeinen Menschenverstande die schwierigsten theologischen Fragen gemein erledigen wollte.

Dennoch lächelte Spath noch, als er die Treppe hinaufstieg.

Die fruchtbare Sonnenstille eines Frühlingstages lag nun ungestört über dem Gehöfte, und erst als die Sonne hinter den Waldbergen von St. Veit und Hütteldorf zu verschwinden begann, erschien Spath wieder in der Gesindestube, diesmal in der deutlichen Absicht, die Schlummerzeit dieses Raumes zu beendigen. Er ging lauten Schrittes zu Conrad und rüttelte ihn. Dieser erwachte sogleich und sah ihn fragend an.

– Die gnädige Frau will Euch einen Augenblick sprechen, sagte er mit halber Stimme.

– Mich?

– Euch. Sie hat mir's schon vor einer Stunde aufgetragen; ich gönnte Euch aber Euer Schläfchen. Denn es soll erst geschehen, wenn der Wagen vorfährt. Also jetzt bald. Kommt mit.

Conrad folgte ohne Widerrede in den Vorsaal hinauf. Dort klopfte Spath an eine Thür. Diese öffnete sich, und die Freifrau selbst in vollem Putz stand vor ihnen auf dem bereits dunkel werdenden Vorsaale. Sie hatte etwas geisterhaft Schönes, die blasse Dame von feinem, ziemlich hohem Wuchse. Die beiden Männer, auch Conrad, machten einen Kratzfuß. Wie roh und ungeschlacht er war, diese Frau respectirte er und mochte er.

– Conrad, sagte sie mit ihrer milden, wohlthuenden Stimme, ich habe Euch warnen wollen. Thut nichts voreilig. Der richtige Augenblick ist noch nicht da. Er kann jeden Tag kommen. Heute ist er noch nicht da. Für den sächsischen Junker soll geschehen, was möglich ist von uns'rer Seite. Noch diesen Abend. Ob's gleich hilft, ist freilich ungewiß. Also unterrichtet Euch immerhin über Alles, und bereitet in der Stille vor, was Ihr könnt, aber setzt nichts auf's Spiel. Es wär' mir lieb, wenn ich morgen Mittag von Euch erfahren könnte, wie der Junker untergebracht ist in der Stadtschranne, wer ihn verhört, was – Ihr versteht mich schon. Man kommt. Geht mit Gott!

Sie machte eine rasche Bewegung mit der Hand, weil sie gehört hatte, daß die Zimmerthür ihres Mannes aufgemacht worden war.

Die beiden Männer gingen schnell und vorsichtig die Treppe hinab, und als sie in den Hof traten, kam ihnen die Carrosse entgegen mit den vier Falben, welche eben vorfuhr für die Herrschaft.

Conrad eilte in die Gesindestube, holte Tartsch, und schritt mit ihm hinaus auf Wien zu. Er war gegen Gewohnheit wortkarg.

Nahe am Schottenthore wurden sie von den Läufern eingeholt, welche mit Fackeln an ihnen vorübertrabten. Die Carrosse folgte und sauste ins Thor hinein.

Jetzt erst wurde Conrad wieder redselig. Der Aufzug hatte ihn geärgert.

– Dem vornehmen Volke, brummte er vor sich hin, ist's ja doch mit nichts Ernst. Nur das haben sie im Sinn, was sie vor uns voraushaben. Visiten machen, daß Alles kracht und schreit, ja, um ihren Staat auszulegen, und nebenbei, wenn's leicht angeht, ein armselig Wörtchen für unsern gefang'nen Junker, ja, nebenbei! und wenn's nichts kostet. Geht's aber nicht leicht, na, da geht's halt nicht, und 's ist auch weiter nichts. Die Visite ist doch gemacht, und geprahlt hat man doch. Nichts da, Tartsch, wir bleiben bei unserm Plane. Die Freifrau mag gesagt haben, was sie will. Hört zu, wie wir's machen. Erst geh'n wir 'nen Lauf zu meinem Weibe –

– Seid Ihr verheiratet?

– Halb.

– Wie?

– Halb und halb. Mein Weib ist kathol'sch, und ihr Pfaff traut uns nicht. Der meinige hat uns eingesegnet. Für mich ist's genug, aber für meine alberne Kathi – na, basta! Ich will ihr nur sagen, daß ich die Nacht ausbleiben werd'. Dann bring' ich Euch ins Landskrongassel bei der Schranne. Dort setz' ich Euch in den Fensterwinkel, und Ihr schaut auf die Thür 'nüber, um zu sehen, was aus- und eingeht. Nach einer halben Stunde komm' ich mit Jobst; Ihr sagt uns, was Ihr geseh'n habt, und Jobst geht hinüber zu seinem Schwager, dem Thürhüter in der Stadtschranne. Von dem läßt er sich erzählen. Jobst erzählt's uns dann wieder, und das wird dann unsere Richtschnur. Versteht Ihr?

– Ja.

– Die Hauptsache ist, daß wir erfahren, auf welcher Seite der Junker sitzt. Sitzt er auf der Seite nach dem Markte, dann hat's den Satan. Sitzt er auf der Seite nach dem Gassel, dann thut sich's, und wir bringen's vielleicht noch diese Nacht zu Stande.

– Conrad!

– Schreit nicht so! Hier im Thore passen sie Abends ohnedies auf. – So. Jetzt sind wir 'rein! – Links das Bergel 'nauf! Dort hinten ist mein Nest. Am Tage lass' ich mich nie hier seh'n. Eine Fluchtröhre muß der Mensch haben wie der Fuchs. Hier in dem Winkel bleibt ruhig steh'n. Ich bin in einer Minute wieder da.

Es war finster geworden, und Conrad verschwand völlig. Tartsch wartete. Das alte Herz schlug ihm schmerzhaft gegen die Rippen, und er vertiefte sich in den Gedanken, seinen Junker Hans herauszuhauen, sei's auch mit Lebensgefahr. Er bemerkte es gar nicht, daß über ihm ein Fenster geöffnet und eine erkleckliche Feuchtigkeit herabgeschüttet wurde, welche den Weg über seine Hutkappe und seine Schultern durchaus nicht verachtete – er kam erst zu sich, als er Conrads Stimme wieder hörte.

– Vorwärts! flüsterte dieser, und hängt Euch an meinen Arm, Ihr fallt sonst über die durcheinander liegenden Steine. Sie sind nicht eingerichtet für die Nacht oder für Wagen. Hier kommt 's ganze Jahr keiner herauf, und ich muß meiner Kathi das Brennholz herauftragen.

Als sie glücklich unten in der Schottengasse waren, bat Tartsch um nähere Aufklärung über die Vortheile, welche sich darböten, wenn Junker Hans nach dem Landskrongassel heraus säße.

– Dann können wir ihm was beibringen, flüsterte Conrad, wenn er nicht unter'm Dach sitzt. Und da hinauf stecken sie 'nen Cavalier nicht.

– Wie denn?

– Vom Wirthshause. Unter'm Dach haben die Kellner im Wirthshause ihre Schlafkammern. Einen kenn' ich, den Friedl; er ist aus dem Oberland, und gehört in der Stille zu unserm Glauben. Ich hab' ihn selber hingebracht ins Winter-Wirthshaus, wie man's heißt. Der Posten bei der Schranne ist zu wichtig. Man hat dort alle naselang Geschäfte. Der räumt uns seine Kammer ein, und von da unterrichten wir den Junker. Er darf ja doch nicht schlafen, und er muß fertig sein, wenn wir ihn holen woll'n.

– Aber wie holen?

– Nur Geduld! Dazu eben brauchen wir Jobst und den Thürhüter. So oder so. Ein paar Fenster nach dem Gassel sind ohne Eisenstäbe. Hat der Junker so 'n Fenster, dann ist's kinderleicht. Dann legen wir ein Brett hinüber über's Gassel, und er reitet zu uns. Doch glaub' ich das selber nicht, wenn die Kotter nicht gar zu voll sind, so geben sie ihre Vögel nicht in die unvergitterten Käfige. Hat er Eisenstäbe, dann müssen wir von unten hinauf, und brauchen mehr Leute. Die schaff' ich schon; ich besorg' das gleich, wenn ich jetzt auf die Seilerspinnstatt hinuntergehe zum Jobst. – Seht Ihr dort die lichten Fenster! Dort wohnt der Harrach, und da näseln sie jetzt – Hanswurste, Ihr!

So zog er Tartsch über die Freiung hinweg, und, wie er vorausgesagt, brachte er ihn in den Fensterwinkel des Winter-Wirthshauses, und ging von dannen, alles Uebrige zu besorgen, nachdem er mit dem bewußten Kellner ein paar vertrauliche Worte gewechselt.

Tartsch hatte wie immer Unglück. Erstens war die Aufgabe für ihn, den wildfremden Mann, eine unglückliche. Was half es ihm, daß er starr auf die eiserne Thür hinübersah? Er kannte ja weder diejenigen, welche hineingingen, noch diejenigen, welche herauskamen. Offenbar hatte ihn Conrad nur auf einige Zeit in Ruhestand setzen wollen, und ihm nur eine gewisse Spannung dabei vergönnt. Zweitens war eine Hauptperson, welche selbst Tartsch für bedeutungsvoll erachtet haben würde, gerade da durch die eiserne Thür hineingeschlüpft, als Tartsch dem abgehenden Conrad melancholisch »Ade!« und »Gute Verrichtung!« zuwinkte, also nach der Stubenthür blickte und nicht aus dem Fenster.

Diese Person wurde innen von dem aufschließenden Thürhüter sehr höflich empfangen. Sie war in einen weiten schwarzen Mantel gehüllt und trug einen schwarzen Hut von feinem Filz, dessen breite Krampe zu beiden Seiten aufgerollt war.

Mit milder wohlklingender Stimme sprach die Person zu dem achtungsvoll harrenden Thürhüter:

– Ihr seid Anselm Pudel –?

– Bin ich.

– Nicht blos Thürhüter, sondern auch thatsächlich Inspector des Schrannenhauses?

– Bin ich – sehr gütig.

– Ihr könnt, wie die Berichte lauten, ganz geläufig lesen und schreiben?

– Kann ich – sehr geschmeichelt.

– Habt die Freundlichkeit! – Und dabei ging der Mantel auseinander, und aus dem Brusttheile eines ganz feinen, bis an die Knöchel reichenden schwarzen Kaftans zog die Person ein gefaltetes Papier und überreichte es dem Pudel.

Er hatte wirklich diesen unangenehmen Namen, und dies störte ihn seit dreißig Jahren. Dieser Name hatte gewiß dazu beigetragen, daß sich ein dicker Satz von Galle in seinem Gemüthe angesiedelt, welchem er als Mann von Bildung täglich und stündlich entgegenarbeitete durch eine unerschütterliche Höflichkeit. Ehe er also das Papier las, ersuchte er den jungen Jesuiten – denn als solchen bezeichnete ihn die feine schwarze Tracht und der eigenthümliche Hut – in das Stübchen zu treten, wo Pudel seines gemeinen Diensttheiles, des Thürhütens, zu warten pflegte.

In diesem Stübchen saß ein rothköpfiger Junge bei einer kleinen Lampe und machte Schreibe-Uebungen. Er machte diese Uebungen schon seit einer Reihe von Jahren, aber sie wollten nicht gelingen. Dieser junge Pudel – denn dafür hielt ihn Jedermann, obwol es der alte Pudel leugnete – war ein rechtes Kreuz für den gebildeten Thürhüter und thatsächlichen Inspector. Der Junge war Natzi geheißen, und zählte gewiß schon zwanzig Jahre, sah aber aus wie ein dummer fünfzehnjähriger Bube. Er hatte einen Schuß von Blödigkeit, und bei sehr starkem Appetite auf alles Eßbare einen ausgesprochenen Widerwillen vor allem Gedruckten und Geschriebenen. Gerade das aber war des alten Pudels Passion. Bildung war sein drittes Wort, Bülldung! – mit diesem volleren Klange nämlich sprach er es aus – und daß man ihn nicht zum wirklichen Inspector machte, sondern, wie der Pater eben gesagt, nur zum »thatsächlichen«, das fraß an seiner Seele. Die Dienste kann ich versehen, murrte er in sich hinein, aber die Würde giebt man mir nicht.

– Steh' auf vom Studiren, Natzi, fuhr er laut fort. Und schieb' die Lampe her, sei so gut, Natzi! setzte er hinzu, um seiner Höflichkeitstheorie treu zu bleiben. – Den Polstersessel, lieber Natzi, für Hochwürden!

Während Vater Pudel das Papier an die Lampe hielt, um es zu entziffern, setzte sich Pater Norbert auf den herbeigeschobenen Sessel; und sah lächelnd dem Alten zu, welcher sich seiner Geschicklichkeit im Lesen und Schreiben gerühmt, und jetzt ersichtlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte bei Entzifferung des großen Schreibens. Er war weitsichtig, und hielt es so weit von seinem Auge, daß sein kantiger Kopf im Dunkeln blieb, während das Papier von gelbem Lampenlichte übergossen war.

Pater Norbert war derselbe Geistliche, welcher Tags zuvor im Vorzimmer Waldstein's erschienen war, und Signor Medardo in Verlegenheit gesetzt hatte durch überraschende Kunde über Hans von Starschädel. Er erschien auch jetzt im Schrannenhause wegen des gefangenen Hans von Starschädel, und darauf bezog sich das Schreiben, welchem Vater Pudel soeben auf den Grund zu kommen suchte. Er war ihm endlich auch auf den Grund gekommen. Wenigstens faltete er es wieder zusammen, und wendete sich unter einer vollständigen Verbeugung zu dem Jesuitenpater. Dabei schwieg er. Erst nach einer Weile sprach er mit unverkennbarer Feierlichkeit:

– Das Marschalkenamt befiehlt, und ich gehorche mit gehorsamster Bereitwilligkeit. Der gefangene Mann steht zur Verfügung.

– O, nicht zu meiner Verfügung, sagte Pater Norbert sanft. –

– Verstehe schon, hustete Vater Pudel, hab' ja gelesen. Bitte. Für Herrn Rath Gangelberger natürlich.

– Ist der Herr Rath schon hier?

– Gehorsamst aufzuwarten. Seit einer halben Stunde. Bei den Rapporten oben. Bitte.

– Ich wäre Euch dankbar, Herr Inspector, wenn Ihr mich zu ihm führen ließet –

– Führen lassen – (der bestrittene Titel Inspector war seltenes Labsal) – lassen? O, bitte! Das ist meine Erholung, solch einer edlen Hochwürdigkeit selbst die Wege zu weisen. – Natzi, die Kerze – sei so gut! – Und Niemand einlassen! Ich zieh' den Schlüssel ab.

Dies bezog sich auf die eiserne Hausthüre und den Schlüssel derselben. Man hätte glauben sollen, der verbietende Befehl an Natzi sei unnöthig, da Natzi Niemand einlassen konnte, wenn der Schlüssel fehlte. Aber Vater Pudel liebte es, dem jungen Pudel Befehle zu ertheilen, welche sich von selbst erledigten. Natzi gewann dadurch immerhin das Ansehen eines Beamten.

Rücksichtsvoll schritt nun der thatsächliche Inspector leuchtend neben dem Pater Norbert durch den gewölbten Hausflur auf die Treppe zu. Ein klägliches Oellämpchen, nur am Treppenpfeiler angebracht, kam der Talgkerze zu Hilfe, welche er in der Hand hielt, und da er Filzschuhe trug, und der Pater leicht und leise auftrat, so hörte man die beiden dunklen Gestalten fast gar nicht.

An der Treppe blieb der Pater stehen und sagte halblaut:

– Dieser neue Gefangene ist doch anständig untergebracht?

– Anständig, Hochwürden? O, sehr! ich bitte. Es herrscht für Alle in diesem Gebäude ein standesgemäßer Anstand. Leute mit Kleinigkeiten kommen gar nicht her, und Alle, die herkommen, passen in die Register Räuber und Mörder und Gottesleugner, und jeder unter diesen Maleficanten nach Stand und Würden. Dieser junge Gottesleugner, nach welchem Hochwürden zu fragen belieben, hatte das Ansehen eines Cavaliers, und wurde deshalb mit schuldiger Rücksicht tractirt. Nach den Satzungen der peinlichen Ordnung erbat ich mir, als Inspector, sein Schwert. Er sagte einfach »Nein«, und setzte mich dadurch in eine kurze Verlegenheit. Ich weiß wohl, was ich dem Ritter- und Herrenstande schuldig bin, und verbeugte mich. Detto ersuchte ich ihn alsdann mit noch größerer Höflichkeit, sich seine Baarschaft und was er sonst bei sich führe, abnehmen zu lassen. Er sagte wiederum sehr einfach: »Nein!« Ich verbeugte mich nach kurzer Ueberlegung wiederum. Es wurden dies Gegenstände für den Rapport, welche ich dem Schreiber des Hauses sofort in die Feder zu dictiren pflege, als – Inspector. Uebrigens erweckte das cavaliermäßige Betragen des neuen Gefangenen die entsprechenden Gedanken in mir. Er ist ein Cavalier, dachte ich, ihm gebührt das beste Zimmer. Dies ist auf der Mittagseite gelegen. Denn, wie man zu sagen pflegt, wo die Sonne nicht hineinkommt, da kommt der Doctor hinein, und wenn auch die Aussicht auf den Markt unterhaltender ist, so sind doch die Zimmer nach dem Landskrongassel heit'rer – des Sonnenscheins wegen, und absonderlich das, welches keine Eisenstäbe hat. In diesem sitzt der neue Gefangene.

Pater Norbert erwiderte nichts, sondern winkte nur leicht mit dem Kopfe nach der Treppe hinauf. Geräuschlos ging es über die steinerne, etwas feuchte Stiege weiter. Sie führte auf einen gewölbten Gang, der sich in unregelmäßiger Wendung nach rechts und links hin erstreckte. Pudel wendete sich links und wollte eben die nächste Thür öffnen. Da legte der Pater leise seine linke Hand auf die rechte Hand Pudel's. Pudel hielt inne und sah ihn fragend an, kaum hörbar das Wort: »Bitte!« flüsternd. Der Pater schien sich zu besinnen, ob er die Frage thun solle. Pudel seinerseits schien zu wissen, was kommen würde. Sein altmodisches großes Gesicht mit großem Munde und großer Nase drängte all seinen Ausdruck in die – Kalbsaugen, um es kurz zu sagen, welche jetzt eigenthümlich hin- und herirrten. Die hohen Schultern, in denen der Kopf so tief eingerammt saß, daß oberflächliche Leute den Pudel für bucklicht hielten (was er nicht war), schienen leicht zu zucken, gleich als wollten sie sagen: weiß schon, ohne einen geheimen Auftrag, den der Richter nicht zu wissen braucht, geht's bei den geistlichen Herren nicht ab.

Endlich that der Pater die Frage doch, aber so, daß er dem thatsächlichen Inspector ein sehr feines Gehör zutraute. Sie lautete:

– Ist neben dem Verhörzimmer nicht ein schicklicher Raum, in welchem man sich unverfänglich niederlassen, in einem Buche lesen und –

– Den Gefangenen hören kann? ergänzte Pudel.

Der Pater nickte sehr gleichgiltig.

– Ganz natürlich. Darauf muß ja Bedacht genommen werden – hier die kleinere Thür, an welcher wir vorübergegangen. Hochwürden werden abgehen, als gingen Sie ab, und ich warte hier auf dem Gange pflichtschuldigst; nachdem ich nebenan geöffnet und in erleuchteten Stand gesetzt – wird Alles pflichtschuldigst vollzogen werden.

– So öffnet jetzt hier!

Dies geschah. Es war ein großer, gewölbter Raum, in den sie traten. Ein länglich runder Tisch in der Mitte. Daran saß vor zwei Kerzen Rath Gangelberger, in Papieren lesend und mit der Feder notirend. Er stand auf und ging dem Pater, welchen er augenscheinlich erwartet hatte, höflich entgegen. Vater Pudel verschwand.

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