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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 4
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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3.

Als die Herren von Mitzlau und von Starschädel an der Schlagbrücke eintrafen, jagte ein Windstoß über den Donaucanal herab, den leichten Mondnebel in die Höhe, und die innere Stadt Wien lag vor ihnen. Etwa zweihundert Schritt jenseits dieser Schlagbrücke zog sie sich, hier, wo der Donauarm Schutz bot, nur von einer einfachen gezackten Mauer und kleinen Thürmen eingeschlossen, während sie nach den übrigen Seiten hin bereits von der neuen starken Mauer mit Bastionen und Vorwerken umfangen war. Vor der Stadtmauer an der Donau lag ein nach rechts hinab weitgedehnter freier Platz von Morgen nach Abend. Dieser Platz war an der Morgenseite, da, wo jetzt unter der Franz Josephs-Caserne der Fahrweg nach den Weißgärbern liegt, durch den Wallgraben abgeschlossen. Ueber diesen Wallgraben bildete eine steinerne Brücke die Verbindung nach dem wüsten Gelände, in welchem der Wienfluß in den Donaucanal mündete. An der Abendseite aber zog sich dieser freie Platz bis über die Linie der jetzigen Kettenbrücke hinauf. Dort ward er wiederum durch den einmündenden Wallgraben begrenzt.

Der Platz war still; denn es gab damals nur einen geringen Verkehr mit den Vorstädten. Die jenseitigen waren bei der Türkenbelagerung und bei der späteren Drohung eines neuen Angriffes zerstört worden, und bildeten sich erst langsam wieder zu Ortschaften. Der neue Werd aber, die jetzige Leopoldstadt, war erst im Entstehen begriffen, und nur nach den Häusern kaiserlicher Jäger, welche den Anfang der jetzigen Jägerzeil bildeten, wanderten in der Abendstunde einige trinklustige Gesellen. Die kaiserlichen Jäger hatten nämlich das Recht des Ausschankes und standen in dem Rufe, heurigen Wein von kräftiger Beschaffenheit auf dem Lager zu halten.

Nicht ohne Herzklopfen ritten der sächsische Herr und sein Diener unter dem aufgezogenen Schlagbaume hindurch auf die Brücke. Es schlug eben in der Stadt acht Uhr, und kettenrasselnd ging der Schlagbaum hinter ihnen nieder, gleich als wären sie nun gefangen. Tartsch wenigstens sah sich grimmig um nach dieser Procedur, welche er lediglich auf sich und seinen Herrn bezog. Am andern Ende der Brücke war ebenfalls ein Schlagbaum, und daher kam wol der Name »Schlagbrücke«. Kurz vor diesem inneren Schlagbaume, also noch auf der Brücke, war ein hölzerner Bau aus den stärksten Balken, der zwei Durchlässe mit Fallthüren bildete, eine niedere und eine höhere. Diese für Wagen und Reiter, jene für Fußgänger. Hinter diesem Verschlage harrten die Stadtgardisten der Ankömmlinge und stellten dieselben Fragen, wie jene draußen an der großen Donaubrücke. Kurz gestellt, kurz beantwortet, schien diese Wiederholung weniger bedeutsam, denn die Reisenden bemerkten es nicht, daß ihnen ein Stadtgardist folgte, als sie über den Platz weiterritten.

– Das ist ein guter Gasthof, »der Greif«, in welchem Ihr einkehrt? fragte Starschädel.

– Es ist nächst dem »Matschakerhofe« der beste, erwiderte Mitzlau.

– Also wol auch der theuerste. Da werden wir uns trennen müssen, lieber Herr von Mitzlau.

– Wie das?

– Ich bin nicht reich, und da ich nicht absehen kann, wie lange mein Aufenthalt dauert, so muß ich mir eine bescheidene Unterkunft suchen.

– Ah, nicht doch! Wir müssen beisammen bleiben. So geh' ich denn mit Euch. Reiten wir also »zum weißen Löwen«. Der ist viel näher, als »der Greif« oben in der Kärntnerstraße, und ist ganz mäßig in seinen Preisen.

Unter diesen Worten ritten sie um die »Palanka«, ein aus starken Palissaden gebildetes Vorwerk unmittelbar vor dem Rothenthurmthore, welches auf der Abendseite zwei, wiederum mit Schlagbäumen versehene Eingänge hatte. Erst in diesem Befestigungswerke selbst angelangt, sahen sie das Thor, gekrönt von einem breiten Thurm in der Mitte und von vier schlanken Thürmen an den vier Ecken. Der Hauptthurm war mit bunten Malereien und reicher Wappenzier geschmückt, und auf ihn war der Name des alten, zur Zeit unserer Erzählung nicht mehr bestehenden rothen Thurmes übergegangen, welcher von seiner Bemalung den Namen erhalten hatte. Ungehindert unter der schallenden Wölbung hindurchreitend, bogen sie rechts innerhalb und neben der Stadtmauer weiter, und hielten fünf Minuten später vor dem Gasthofe »zum weißen Löwen«, welcher damals wie jetzt der behagliche Fremden-Mittelpunkt im Salzgriese war. Gastwirth Riedl, glitzernd von feistem Wohlbehagen, zeigte sich sehr erfreut über die stattlichen Gäste, empfahl seinen Stall für die vier Pferde, sich und sein Haus für die beiden Cavaliere – dabei stockte er einen Augenblick, als er einen Stadtgardisten draußen auf der Straße im Mondschein stehen sah – und erprobte seinen diplomatischen Blick sogleich darin, daß er die einzig offene Wohnung im ersten Stock für Herrn von Mitzlau vorschlug, ein sehr gemüthliches Zimmerchen im zweiten Stock und nach dem Seitengäßchen hinaus aber dem ausländisch redenden Herrn anbot. Uebrigens sei heute Samstags frisch geschlachtet, und die gnädigen Herren würden ein sauberes Nachtmahl finden, wenn sie sich herunter bemühen wollten ins Gastzimmer. Ein Extraplätzchen für so noblen Besuch sei schon vorhanden und der Zudrang sei jetzt leider nicht so groß seit Ausbruch der böhmischen Unruhen, welche auch die nahen Mährer bereits einschüchterten und vom Reisen abhielten, und seit in der Politica – ein Seitenblick auf die Gasse entdeckte noch immer, wenn auch drüben im Schatten, den Stadtgardisten – kurzum, schloß er jählings, die Herren würden im Gastzimmer nicht unmäßig molestirt werden.

Frau Riedl, die reinliche Wirthin, stand mit ihrer schneeweißen Schürze in der Thür zum Gastzimmer, als die Fremden die Treppe hinaufstiegen, und Herr Riedl sich rückwärts nach dem Gastzimmer wendete. Er war mit seiner Geschicklichkeit sehr zufrieden und sagte zu seiner Frau: Lass' richten! Sie kommen herunter. – Zu seiner oft vorkommenden Bestürzung entgegnete diese halblaut: Weit bist Du nicht mehr vom wirklichen Trottel, Riedl! – Was? – Draußen steht der Aufpasser von der Inquisition, und der magere Fremde sieht auf ein Haar aus wie 'n Ketzer. Den ladet er nun herunter unter den Schwarm, bei dem jetzt ohnehin alle Abende der Raisonnirteufel spukt und unser Haus ins Detriment setzt. Pristi! Und da drüben im Eck sitzt schon seit einer Viertelstund' der Bart-Conrad aus dem Ennsthale, der verwegenste Ketzer im Oesterreicher-Lande. Sobald der einen Teufelskumpan aus dem Reich wittert, springt er auf die Tische und wirft Papst und Kaiser zum Fenster hinaus. Im üblen Geruche steht der »weiße Löwe« ohnedies schon, auf dem Strich haben sie uns bereits wie die Schnepfen, und Du bringst es, weiß Gott! noch dahin, Riedl, daß sie vom Hohen Markt 'runter kommen und uns die ganze Wirthschaft sperr'n.

Damit wendete sie sich und trat ins Gastzimmer. Riedl aber stand einen Augenblick sehr verblüfft da, und ging, um doch etwas zu thun, rasch auf die Gasse hinaus. Der Stadtgardist war nicht mehr da, und Riedl erholte sich in der freien Luft von Angst und Aerger. Das grüne Sammtkäppchen abnehmend und wieder aufsetzend, sagte er zu dem daher kommenden Raschmacher Urban, welcher seinen Nachttrunk im »Löwen« aufsuchte, philosophisch: Gevatter Urban, Weiber bleiben Weiber, aber Wien ist nicht mehr Wien. – Gott sei Dank, erwiderte Urban im Vorübergehen, Wien ändert sich und läßt vom Aberglauben.

Erschreckend besann sich Riedl, daß ja der Gevatter Urban schon lange nicht mehr zur Messe ging, und daß die Gefahr des Abends durch ihn nur erhöht würde, denn er besaß, wie man sagte, ein Schwertmaul. Sapristi über die Welt, die aus dem Schick ist! brummte er vor sich hin und ging ins Gastzimmer, alle ihm sonst eigene Zuversicht in sich aufrüttelnd, daß es seiner behenden Manier schon gelingen werde, die Dinge nöthigenfalls in einem bescheidenen Discurs zu erhalten, wenn kein »Gespaß« mehr verfangen wollte. Das thut's schon, das thut's schon! plärrte er vor sich hin. Er beruhigte sich leicht und gern, denn er brauchte, wie er zu sagen pflegte, appetitlichen Humor.

Diesmal sollte ihn sein sanguinisches Bedürfniß garstig täuschen. Der Bart-Conrad aus dem Ennsthale in Oberösterreich saß nicht umsonst »im Eck« des Gastzimmers. Dieser riesenhaft große breitschultrige Geselle war ein Handelsmann, der allerlei gangbare Artikel, namentlich Holz und Obst, vom oberen Lande nach dem unteren verhandelte, und deshalb am Donaucanale vor dem Rothenthurmthore seinen Hauptverkehr hatte. Der »weiße Löwe« war seine »Niederlage«, wie er zu sagen pflegte, weil er ihm zur Hand lag, und dort rumorte er seit einigen Jahren fast allwöchentlich einige Tage lang über kirchliche Dinge. Oberösterreich war überhaupt beinahe ganz vom Protestantismus eingenommen, und da es von jeher einen mächtigeren Bauernstand besaß, als die andern österreichischen Länder, so war dort die neue Lehre viel tiefer in die Volksmasse eingedrungen, als in Niederösterreich, wo der zahlreiche Herren- und Ritterstand und die Städte viel mehr als das Landvolk den Kern des neuen Glaubens bildeten.

Conrad war aus dem Ennsthale, welches in der hochgebirgigen Gegend von Admont mit der Steiermark zusammenhängt. Dort hatte man am zornigsten empfunden, wie Erzherzog Ferdinand die steierischen Protestanten, die nächsten Nachbarn, zu Paaren oder aus dem Lande trieb. Von Weiher und Losenstein war über Stadt Steier und Enns herunter die Auswanderung der Vertriebenen gekommen und hatte grimmige Erbitterung verbreitet. Conrad war ein Losensteiner. Jede Woche einmal in Linz, der Landeshauptstadt, und fortwährend auf der Reise, war er mit seiner Dreistigkeit ganz geeignet zum wandernden Aufwiegler, und er galt bei allen Classen für einen gefürchteten Menschen. Die Herren in Linz hat er ebenso in der Tasche, wie die Bauern im Traunviertel! pflegte man zu sagen, und die Behörden in Wien, denen er sehr unbequem, wagten deshalb nicht an ihn zu tasten, weil er wirklich den Anhang eines Volksmannes hinter sich hatte.

Dieser Conrad nun hatte soeben von dem eintretenden Raschmacher Urban erfahren, daß der »tolle« Waldstein vor einer halben Stunde mit seinen Cürassieren durch den Salzgries gesprengt sei – natürlich waren sie bereits zu einem halben Regimente aufgeblasen worden – und das war wirklich eine gegründete Veranlassung, ihn aufzuregen. Gesinnungsgenossen fand er an jedem Tische des Gastzimmers, und so verbreitete sich bald ein allgemeiner und immer heftiger werdender »Discurs«, welcher mehr und mehr eines thätlichen Ausbruchs bedürftig zu werden schien.

– Der tolle Waldstein ist vom »Nandl« hergerufen, schrie Conrad, und nun geht's los bei Euch hier in Wien, wie's in Graz losgegangen ist. Ihr werdet in die Messe getrieben, oder aus der Stadt hinaus.

– Und es geht los, fuhr der Raschmacher Urban mit schneidend scharfer Stimme fort, weil der »Nandl« wahrscheinlich morgen früh schon regierender Herr ist über alle österreichischen Länder. –

– Was? Wie?! schrie jedermann im Zimmer, und es entstand eine kurze Todtenstille.

– Freilich! fuhr der Raschmacher fort. Der Bader Backpfostl kam eben aus der Burg, und hat die Post gebracht: der Kaiser liegt im Sterben und wird die Nacht nicht überleben.

Kein Laut regte sich auf diese Mittheilung. Selbst Conrad sah nur stier vor sich hin, und man hätte daraus erkennen mögen, daß es ihm ernst sei um seinen zelotischen Eifer und daß der Eindruck großer Gefahr auch den edleren Theil seines inneren Menschen berühre. Denn mit dem Tode des Kaisers begann Kampf und Gefahr; das war die allgemeine Meinung.

– Glaub's nit! unterbrach jetzt Riedl's helle Stimme das unheimliche Stillschweigen. Dort hinten auf dem Extraplatzl sitzt der junge Herr, der gestern aus Padua angekommen und heut' in der Burg gewesen ist. Der müßt's am besten wissen, und der hat nichts Dergleichen verlautbart.

Alle Blicke richteten sich nach dem »Extraplatzl«. Dort im tiefsten Winkel des gewölbten Zimmers, welches durch Pfeiler gleichmäßig abgetheilt war, saß ein junger Mann in dunkler Kleidung und verzehrte sein Abendessen. Er schien sich nicht im Geringsten um das Gespräch und den Lärm der übrigen Gäste zu kümmern, sondern sah ruhig auf seinen Teller, als ob er taub wäre. Das fiel doppelt auf, weil auf Riedl's Worte und Hinweis vollständige Stille eingetreten war, und sich alle Blicke auf den jungen Mann gerichtet hatten.

– Na! schrie endlich der Bart-Conrad.

– Nur stat, nur stat! sagte Riedl mit halber Stimme, gleichsam als wollte er das Behagen des Gastes nicht stören. Er ist ein Wälscher, der rectamente aus Italien kommt. Er spricht nur gebrochen Deutsch, und hat von unserm Spectakel nichts verstanden. Ich werd' ihn langsam fragen.

Dabei näherte er sich dem niedrigen Gitterverschlage, welcher das Quadrat des Extraplatzls zwischen den Pfeilern von den übrigen Quadraten des Zimmers abschloß. Ehe Riedl aber zur Anrede gelangte, erhob sich in der Nähe der Thüre eine sonore angenehme Baßstimme in gutem Italienisch, und fragte den »Signore«, ob er bestätigen könne, daß der Kaiser im Sterben liege.

– Ah, der Herr Rath Gangelberger – viel Ehre, viel Ehre! flüsterte Riedl, indem er sich umwendete und respectvoll sein Käppchen hinüberschwang nach dem Tische, wo sich der italienisch Redende nahe der Thür niedergelassen hatte.

Der junge Italiener sah auf die Anrede in seiner Muttersprache etwas verwundert von seinem Teller auf. Es war ein blaßgelber Kopf mit scharfen starken Zügen; das schwarze Haar war dicht gekraust, Wange und Kinn glatt rasirt, und das schwarze Auge blickte kalt und ruhig nach dem Fragenden hinüber.

– Er meint Euch, Signore, der Herr Rath, lispelte Riedl, indem er mit dem grünen Käppchen hinüber deutete. Ihr sprecht ja ein schmuckes Deutsch; möchtet Ihr nicht für die Gesellschaft –

– Der Kaiser ist noch nicht im Sterben, sprach langsam und etwas gebrochen, aber allgemein verständlich der Italiener.

– Nicht? fragte einstimmig, wenn auch halblaut jedermann im Zimmer.

– Habt Ihr ihn gesehen? fragte Rath Gangelberger.

– Nein, antwortete der Italiener; morgen werd' ich ihn sehen oder übermorgen.

– Ihr seid ein Arzt?

– Ja.

– Und kommt des Kaisers wegen her?

– Ja.

– Allen Respect, Ihr seid sehr jung.

– Komme auch nur als – Interpret –

– Dolmetsch.

– Und Stellvertreter vom berühmten Andreas Argoli gesendet.

– Argoli? Das ist der Astrolog in Padua?

– Nicht nur Astrolog, auch Medicinae Doctor.

– Das ist ja derselbe, warf der Raschmacher Urban dazwischen, bei dem unsere Cavaliere sich ihre abergläubische Weisheit holen. Zum Exempel der tolle Waldstein –

– Der Jesuiter! stieß Conrad heftig hervor.

– Der sich in Olmütz ein schwarzes Cabinet angelegt hat, von wo er in den Sternen liest und den Lauf der Welt erforscht – die heidnischen Gräuel kommen – wie die andern – alle aus Welschland. –

– Alle! schrie Conrad. Die andern Waldsteine gehören insgesammt zur neuen Lehre. Die wälschen Jesuiter aber haben den tollen Albrecht verdorben, wie er noch ein Bube war und zu Olmütz in die Schule ging. Da haben sie ihn hinübergeschwindelt zum alten Aberglauben.

– Was versteht Ihr davon, Conrad! sagte hierauf etwas abschmeckend Rath Ganglberger, indem er von der saubern Riedl-Resi, des Wirthes Töchterlein, sein Abendessen in Empfang nahm und dem frischen Mädchen vertraulich die Wange streichelte.

– Was ich davon versteh'?! So viel wie Ihr, Herr Rath.

Ein Murren der katholischen Gäste erhob sich hierauf.

– So viel wie jeder Rath und Herr! trumpfte Conrad auf das Gemurmel. Das ist's ja eben, was Ihr Schwachköpfe nicht begreifen wollt. Jeder trägt seine eigene Haut zu Markte, wenn's einmal ins jüngste Gericht geht, und Jeder hat sich selber zu vertheidigen vor dem Herrgott. Da hilft ihm kein Teufel und kein Küster. Das laßt Ihr Euch vorreden. Feig und faul seid Ihr, daß Ihr Leib und Seele Andern überlaßt. Euch gehören sie, potz Schwerenoth, und Niemand weiter. Jeder hat so viel Verstand, als er braucht. Dafür hat der liebe Gott gesorgt.

– So viel als er braucht, sagte lächelnd und seinen Wein zum Munde führend Rath Gangelberger. Wie viel braucht Ihr denn, Herr Conrad im Barte, zum Handel mit Korn und Holzlatten?

– G'rad so viel als Ihr zum Rechtverdrehen oben auf dem Richthause.

Ein allgemeiner Aufschrei der Entrüstung von Seite der anwesenden Katholiken erfolgte hierauf. Nur Rath Gangelberger selbst hob die mit der Gabel bewehrte Hand unter beschwichtigendem Gestus in die Höhe, und sprach mit ruhiger Stimme:

– Gelassen, gelassen, liebe Freunde! Dergleichen Frechheiten sind ja eben das Grabscheit, mit welchem sie ihr eigenes Grab ausschaufeln. Laßt sie nur graben. Sie achten eben keinerlei Ansehen, keinerlei Obrigkeit. Jeder will sein eigener Gott sein, und das bringt sie ohne unser Zuthun zu Falle. Seht nur hinüber nach Böhmen, wo sie angefangen haben, sich selbst zu regieren. Kein Haupt achtet das andere, und wenn man ihnen Zeit läßt, fressen sie einander selbst auf wie verhungerte Bestien –

– Herr –! fuhren die anwesenden Protestanten schreiend in die Höhe.

– Herr! ruft Ihr! 's giebt ja für Euch keinen Herrn mehr. Es will ja ob der Enns, ja sogar hier unten Niemand mehr Unterthan heißen. Fort mit der Herrschaft! schreit Ihr ja alle Tage, daß uns die Ohren gellen. Wenn man Euch nicht mehr hindert, wie in Böhmen, so wird sich's ja bald zeigen, was aus Eurer republikanischen Salbaderei entstehen wird. Unreife Kinder seid Ihr, die in den Abgrund rennen. Wißt Ihr, was vor Allem nöthig ist, wenn man in Eurem böhmischen Style regieren will? Engel sind nöthig. Sind Eure Böhmen Engel? He? Fließen sie über von Billigkeit, von Gerechtigkeitsliebe, von Selbstverleugnung? Verzeihen sie einander? Sind sie sanft und milde, bescheiden und enthaltsam, friedfertig und liebevoll? Freilich! Sie stürzen einander zum Fenster hinaus, das ist ihre Milde und ihre Friedfertigkeit.

– Nicht einander, unterbrach Raschmacher Urban den Rath, nicht einander! Die Verräther des Landes hat man hinuntergestürzt und den Friedfertigen kein Haar gekrümmt.

– Unwahr! Den ehrwürdigen Oberstburggrafen, den sanften, wohlwollenden Greis, den Grafen Sternberg, der zur Mäßigung rieth, hat man schmählich gemißhandelt.

– Das ist erlogen! schrie der Raschmacher. Wir wissen's besser als Ihr, was auf dem Hradschin vorgegangen ist.

– Ihr wißt's von den Euren –

– Und Ihr von den Euren! Von den Jesuitern, die man fortgejagt hat und die nun giftig verleumden –

– Halt da! schrie Conrad aufspringend. Da ist ja einmal die Gelegenheit, Euch zu überführen. Kein Mensch glaubt dem andern mehr über die Hradschin-Pastete, weil sie Euch nicht geschmeckt hat. Hier sitzt ein Reitersmann neben mir aus dem Reiche. Dessen Herr ist dabei gewesen und hat Alles mit angesehen. Da kommen die fremden Herren. Welcher ist's?

Tartsch, welcher neben Conrad saß, zeigte ein wenig verlegen auf Hans von Starschädel, welcher eben mit Rudolph von Mitzlau ins Gastzimmer trat. Der alte Diener fühlte wol instinctmäßig, daß er seinem Herrn einen schlechten Dienst erwiese, wenn er ihn vor so aufgeregter Wirthshausgesellschaft zum öffentlichen Reden nöthigte in so kitzlicher Sache. Aber er hatte sich einmal verleiten lassen, dem Bart-Conrad, welcher ihm über die Maßen zusagte, zuzuflüstern, sein Herr Hans könne dem katholischen Rathe alles umstoßen, und nun trat Herr Hans gerade ein und es war nicht mehr auszuweichen.

Rath Gangelberger, ein feiner Kahlkopf mit edlem Gesichtsausdruck, ein Mann von großem Ansehen und einer gewissen populären Macht in Wien, weil er behaglich mit allen Ständen verkehrte, muthig und lebenssicher war und von aparter Bildung – Rath Gangelberger selbst blickte nicht ohne Ueberraschung auf die beiden eintretenden jungen Männer. Sie machten einen besonderen Eindruck. Der eine, Rudolph von Mitzlau, war bildschön. Schlank gewachsen, lichtbraunes Haar, reich bis auf die Schultern wallend, erschien er wie ein junger Bacchant, und ganz wie ein solcher sah er sich mit keckem Uebermuthe die aufgeregten Gesichter lächelnd an. Neben seiner farbigen reichen Kleidung nahm sich der etwas kleinere Hans von Starschädel schlicht und unscheinbar aus. Aber die Schultern des Herrn Hans waren kräftiger; sein kurz geschornes blondes Haar und starker Knebel- und Kinnbart machten, daß der Kopf sich klein und scharf ausnahm, und das große, lichtblaue Auge überging langsam und fest alle die fragenden Blicke, welche an ihm hingen. Einer schien den andern zu ergänzen von den beiden jungen Männern, und selbst Frau Riedel im Schänkkatheder sah jetzt mit Respect auf die beiden noblen Gäste, welche sie unter dem Reisestaube vorhin obenhin taxirt hatte.

Die zahlreichen Gäste des Zimmers hatten sich dergestalt zugedrängt, daß die beiden Junker gleichsam zum Stehenbleiben genöthigt waren, und Rath Gangelberger redete sie denn auch sofort herausfordernd genug an. Wahrscheinlich war auch er aufgestachelt durch einen neuen Gast, welcher hinter den jungen Männern leise eingetreten war und sich still neben ihm niedergelassen hatte. Dieser neue Gast war niemand anders als die »rothe Feder«, Signor Medardo, der seinen Hut rasch unter den Schemel geschoben und dem Rath Gangelberger etwas zugeflüstert hatte, was offenbar den Herrn Hans von Starschädel betraf.

– Man behauptet hier, sprach langsam und nachdrücklich Rath Gangelberger, daß Ihr, junger Herr, die Rebellen in Prag zu vertheidigen wüßtet.

– Ich? fragte Herr Hans, recht unangenehm berührt von dieser Aufforderung.

– Ja, Ihr. Euer Diener da sagt aus, Ihr wäret bei der blutigen Affaire auf dem Hradschin betheiligt gewesen.

– Betheiligt?!

– Oder doch zugegen, und fändet es unrichtig, daß den Rebellen nachgesagt würde, sie hätten den Herrn Oberstburggrafen Sternberg mißhandelt.

– Das ist auch unrichtig. Denn dem Grafen Adam von Sternberg und dem Oberprior Diepold von Lobkowitz hat Niemand etwas angethan.

– Hui! schrien jetzt die Protestanten.

– Diese beiden Greise sind säuberlich ins Nebenzimmer geführt worden durch die Herren von Thurn, Fels und Wilhelm von Lobkowitz.

Ein erneutes Jubelgeschrei der Protestanten brach los, und alle drängten auf Herrn Hans ein, er möge die Affaire ausführlich erzählen, da sie nur entstellt in Wien bekannt geworden sei. Herr Hans hatte nicht die geringste Lust dazu, denn er fühlte nur zu gut, wie gefährlich ein solches Debüt für ihn sei in der kaiserlichen Residenzstadt. Aber der Zudrang der Leute, welche sich als seine Glaubensgenossen kundgaben, wurde immer ungestümer, und Rath Gangelberger stachelte durch einige boshafte Reden dergestalt, daß Herr Hans endlich zu Erwiderungen fortgerissen werden mußte. Dennoch widerstand er und drängte sich hindurch zu seinem Sitz neben dem Italiener. Dadurch erhielten die katholischen Gäste Oberwasser. Sie höhnten laut und lauter, und Rath Gangelberger rief spöttisch: Da sieht man's wieder! Eure Welt ist der Spectakel aufgeblasener Redensarten. Bei näherem Zusehen erkennt man, daß sie inhaltlos sind und wie Seifenblasen zerplatzen. Ganz wie Eure Lehre von der Rechtfertigung! – Und in diesem Stile weiter, die Glaubenspunkte der Protestanten mit der Ablehnung Hansens vergleichend, fuhr eine ganze Weile fort unter immer lebhafterem Applause seiner Glaubensgenossen. Hans litt schwer dabei, und Mitzlau raunte ihm zu: Ihr seid ein schwacher Apostel! Was kann denn daraus entstehen? Ihr seht ja doch, wie weit die Dinge hier bereits sind! – Basta! rief endlich Gangelberger, indem er sich erhob und nach seinem Hute griff, Ihr sollt Zeugniß ablegen von den Thaten der Eurigen, lehrt das Evangelium, und wenn Ihr's nicht könnt, so sollt Ihr Euch in den Winkel setzen und Euch schämen. Als welches hiermit geschieht. Buona notte!

Ein Hurrah der Seinigen folgte, und die Niederlage der Protestantischen war so groß, daß Conrad sein Glas klirrend zerstampfte.

Ehe aber Rath Gangelberger die Thüre erreichte, war Herr Hans langsam aufgestanden. Die Angelegenheit war eine Gewissenssache für ihn geworden. Alle Bedenklichkeit hintansetzend wollte er sprechen. Alles schwieg, da man seiner Absicht inne wurde, und Rath Gangelberger blieb stehen.

– Weil der Herr da, sprach Hans, mein Schweigen dogmatisch auslegen möchte, so will ich den Thatbestand trocken und einfach erzählen.

– Nun also! schrie Alles, und Ruhe! Ruhe! rief man von allen Seiten.

– Ruhe! rief mit sonorer Stentorstimme auch Rath Gangelberger. Die Rebellion soll zu Ehren kommen!

– Das Wort Rebellion, mein Herr, sagte Herr Hans nachdrücklich und ernst zu dem Rath hinüber, ist ein unglückliches. Ihr nennt die Böhmen Rebellen, die Böhmen nennen – Euch so.

– Auch das noch!

– Sie sagen, der Majestätsbrief habe ihnen freie Religionsübung zugesichert, und der Majestätsbrief sei gebrochen worden, als man ihnen auf Anstiften der Jesuiten den Kirchenbau zu Braunau und Klostergrab gewaltsam verhindert –

– Der Kirchenbau war auch nach dem Majestätsbriefe nur auf Herrschaften utraquistischer Herren gestattet. –

– Nein! Schweigt! Nein! schrie die Menge zum ersten Male ohne Respect gegen den Rath Gangelberger hinein. Fahrt fort! Fahrt fort! rief man Herrn Hans zu.

– Nun denn, fuhr dieser fort, ich habe nicht zu disputiren, ich soll erzählen.

– Ja! Ja! Fahrt fort! Fahrt fort!

– Ich fahre fort, indem ich wohl fühle, daß jener Prager Morgen der Anfang einer verhängnißvollen Zeit wird für uns Alle.

– Ja wohl! sagten mehrere Stimmen halblaut.

– Das Böhmerland fühlte sich durch jenes Einschreiten in Braunau und Klostergrab in seinen Gewissensrechten bedroht, und die Eröffnungen von Wien klangen nicht tröstlich. Zwölf Statthalter waren eingesetzt worden, und unter diesen neun Katholiken, während die Bevölkerung des Landes in ihrer überwiegenden Mehrzahl den neuen Lehren zugethan ist. Gegen diese Statthalter richtete sich der Zorn. Insbesondere gegen drei derselben: gegen den obersten Kanzler Zdenko Adalbert von Lobkowitz, den man den »Langen« nennt, gegen Jaroslav Martinitz, Smeczansky geheißen, und gegen Wilhelm von Slawata, den man als den Abtrünnigen bezeichnet, weil er früher dem neuen Glauben angehört hat. Sie sollten zur Rede gestellt werden, wer dem Kaiser zu so scharfen Maßregeln gerathen habe, und gegen sie setzte sich des Vormittags der Zug in Bewegung von der Prager Altstadt aus. Es mochten anderthalb hundert Standesherren sein, zu Pferd und mit Pistolen bewaffnet. Hinter ihnen ihre Diener, mit Feuerröhren versehen. Nach der Brücke hin strömten ihnen endlose Haufen zu, und als der Zug oben auf dem Hradschin ankam, mochte ihre Anzahl wol einige Tausend betragen. Alles drang ohne Widerstand ins Schloß und nach dem Kanzleisaale, wo von den Obigen wenigstens zwei Herren, Martinitz und Slawata, an der Tafel saßen. Leider fehlte der »Lange«, auf den man es besonders gemünzt hatte, und statt seiner waren die alten Herren von Sternberg und Diepold von Lobkowitz zugegen, der Oberstburggraf und der Großprior, neben denen ein Secretarius, des Namens Fabricius, um so eifriger schrieb, je erschrecklicher die hereinstürmende Menge den fünf Männern an langer grüner Tafel erscheinen mochte. Der Kanzleiraum faßte nicht eine solche Menge, der größere Theil mußte außen bleiben, und nur der kleinere Theil drängte den Herren Schlick, Thurn, Fels, Rziczan, Raupowa, Wilhelm Lobkowitz, Ulrich Kinsky und noch anderen Herren nach. Paul von Rziczan nahm das Wort und verlangte Rechenschaft von den Statthaltern: weshalb der Rath der Altstadt die Bürgerschaft abgemahnt habe von ihrer Versammlung? Warum? Das könne nur auf Anstiften der Statthalter geschehen sein. – Hierauf entgegnete der Burggraf Sternberg: »Wir wissen hievon nichts, wollen uns aber unverzüglich erkundigen«. – »Ach, was bedarf's da der Erkundigung?« rief Graf Thurn, »hier ist ein Altstädter Bürger, welcher alle Auskunft zu geben vermag. Solche Ungebühr werden die Stände selbst abzustellen wissen.« – Hierauf fuhr Paul von Rziczan fort: »Das jüngste Schreiben des Kaisers kann nur von den Statthaltern ausgegangen sein. Wollt Ihr Euch dazu bekennen?« – Der Burggraf antwortete: »Es ist unerhört, daß königliche Beamte bei Veröffentlichung fürstlicher Befehle befragt werden, ob sie Antheil daran haben. Ein Eid legt uns Schweigen auf über die Verhandlungen des geheimen Rathes. Der Kaiser hat in Wien solche Männer um sich, daß er des Rathes der Statthalter nicht bedarf. Uebrigens trägt das Schreiben die Unterschrift und das Siegel des Landesherrn. Diesen, nicht uns, mögt Ihr befragen um die Rathgeber.« – »Ja oder Nein? Ja oder Nein?« schrie jetzt Alles wie aus Einem Munde. – »Das Schreiben ist nicht an uns Vier ergangen«, rief nun Sternberg und der Großprior Diepold Lobkowitz, »sondern an alle zwölf Statthalter. Morgen treten alle zusammen, und da sollt Ihr Antwort erhalten.« – »Nichts da von morgen!« Und »heute, heute! jetzt!« rief Alles durcheinander, und Graf Schlick trat nahe zu Martinitz und warf ihm vor, daß er Thurn aus dem Burggrafenamte des Carlsteins verdrängt habe. »Lass' das«, warf Wilhelm von Raupowa dazwischen, »das ist nur eine politische Sache; hier handelt es sich um die Religion!« Und nun zählte Raupowa in strömender Rede alle Bedrängnisse auf, welche die Bekenner der neuen Lehre vertragswidrig erlitten, und Schlick fügte hinzu: »Wir werden in der Religion wie Sklaven behandelt; es ist nicht länger zum Aushalten!« Und Fels trat hart an die Tafel und zeigte mit dem Finger auf Martinitz und Slawata und sagte: »Diese beiden und der lange Lobkowitz sind die Urheber des scharfen kaiserlichen Schreibens; sie sind die Störer des Friedens und des gemeinen Besten. Hab' ich wahr gesprochen?« – »Ja!« antwortete es wie aus Einem Munde bis weit auf Corridor und Treppe hinaus, und: »Nieder mit diesen Tyrannen!« schrie es draußen und innen und drängte wie ein Wogenschwall gegen die Tafel. Man sah, daß Gewaltthätigkeit nicht länger ausbleiben könne.

– Ja wohl, Gewaltthätigkeit! sprach trockenen Tones Rath Gangelberger.

– Still! riefen Alle, selbst die Glaubensgenossen Gangelberger's. Denn ein beginnender Gewaltausbruch hat seinen Reiz für Jedermann, und das kurz denkende Volk freut sich über jedes heftige Geschehniß.

– Die vier Edelleute und der Schreiber, fuhr Starschädel fort, waren durch den Andrang genöthigt worden, aufzustehen. Sie waren umringt und umdrängt, und Herr Slawata, dem der Zorn zunächst und vorzugsweise galt, weil er früher selbst Protestant gewesen war, hatte das Aussehen einer Leiche. Er fühlte, daß sein Leben auf dem Spiele stand, und daß er sich nach Kräften vertheidigen müsse. Das that er denn auch, indem er vor Uebereilung warnte. »Du hast den Majestätsbrief gar nicht unterzeichnet!« schrie man ihm zu. »Das ist wahr«, sagte er mit zitternder Stimme. »Mein Gewissen hat es nicht zugelassen. Aber trotzdem habe ich niemals etwas gegen den Majestätsbrief unternommen. Das kann ich vor jedem parteilosen Gerichte beweisen.« Und nun ging er auf einzelne Fälle ein, wo protestantische Unterthanen verfolgt worden seien, und wo man ihm mit Unrecht eine Theilnahme an der Verfolgung zur Last lege. Ebenso äußerte sich in rascher Rede Herr Martinitz, einen Vorfall erzählend, bei welchem die protestantischen Einwohner den katholischen Pfarrer fortgejagt und ihre Pflichtigkeit verweigert hätten. Es entstand ein lärmendes Hin- und Herstreiten, und es schien jeden Augenblick ein wirres Gemetzel bevorzustehen. Da gebot die Donnerstimme des Herrn von Fels Ruhe und Einhalt, und er, sowie Thurn und Wilhelm von Lobkowitz traten zusammen und besprachen sich leise. Alles wartete und horchte gespannt. Die kurze Berathung war zu Ende, und Herr von Fels trat vor, mit lauter Stimme sprechend: »Die Hauptfeinde unserer Religion und unserer Freiheit sind – Slawata und Martinitz. Soll Freiheit und Religion sichergestellt werden, so müssen diese beiden Widersacher bei Seite geschafft werden!« – Ein donnerähnlicher Ausruf folgte diesen Worten, und Rziczan sprang auf einen Sessel und rief: »Soll ich denn diese Beiden für Feinde und Friedensstörer erklären?« – »Ja!« schrie es durch den Saal und durch das ganze Schloß.

Eine kurze Pause trat ein, während welcher sich Herr Ulrich Kinsky zu dem Großprior Diepold von Lobkowitz niederbeugte, und den alten Herrn sowie den greisen Burggrafen tröstete: es werde ihnen nichts geschehen, aber die beiden Verräther müßten zum Fenster hinaus. Wilhelm von Raupowa rief jetzt mit lauter Stimme: »Zu was viel Umstände? Werfen wir sie hinaus nach altböhmischem Brauch!« Damit war das Losungswort gesprochen. Mit der Hand winkte er gegen die Menge, und Jedermann verhielt sich ruhig, als die beiden alten Herren respectvoll in ein Nebenzimmer geleitet wurden. –

– Ah! Also! stöhnten die protestantischen Zuhörer im »weißen Löwen«, und genossen nur in diesen kurzen Ausrufungen das Genüge des Rechtbehaltens; ihre gespannte Neugierde drängte weiter und hielt jede sonstige Unterbrechung zurück. Weiter, weiter! sprach nur hie und da Einer halblaut.

– Thurn, Fels und Wilhelm Lobkowitz hatten die alten Herren geleitet. Als sie die Thür hinter ihnen geschlossen, wendeten sie sich und kehrten zur Tafel zurück. Jetzt stand die Execution unmittelbar bevor. Wilhelm von Lobkowitz ging mit den Worten: »Nun wollen wir rechtschaffen mit den Feinden unserer Religion umgehen!« auf Herrn Martinitz zu und griff nach ihm. Vier Andere thaten ebenso, und man trug ihn nach dem Fenster, welches in den Hirschgraben am Schloß hinabschaut. »Wenn ich sterben soll, so will ich erst beichten!« schrie er. »Ja«, klang die Antwort, »deine schelmischen Jesuiten werden dir nachfolgen!« und – »Jesus Maria!« gellend ausrufend, flog er über die Fensterbrüstung hinab. Die Höhe beträgt einige zwanzig Ellen. »Da habt ihr auch den Andern!« schrie Graf Thurn, und in gleicher Weise ward Slawata aus dem Fenster gestürzt. Er aber griff im Sturze krampfhaft nach einer Eisenstange unter dem Fenster und baumelte in der Luft. Man schlug ihn mit dem Dolche auf die Hand, er ließ die Stange fahren, und hart an der Mauer hinab, sich mehrfach verletzend, fiel er, die Jungfrau Maria anrufend, hinunter. – »Beim Element«, rief Ulrich Kinsky, sich über die Brüstung hinauslehnend, »seine Maria hat ihm geholfen! Er lebt und Martinitz ebenfalls. Der steht auf und eilt dem Slawata zu Hilfe!« – Auf diesen Ruf sprangen einige ans Fenster und schossen mit ihren Pistolen hinab. Andere aber, da sich die Häupter des Aufstandes entfernten, ergriffen nun auch den Schreiber Fabricius, der als Fuchsschwänzer und Jesuiten-Anhänger verrufen war, und warfen den mageren Gesellen durch das Fenster hinaus. »Die Katze fällt auf die Beine und läuft davon!« schrie Einer vom Fenster, und: »Hinunter! hinunter!« rief die Menge, und drängte sich in den Corridor und die Treppen hinab. Nur einige Diener waren zurückgeblieben und lösten die Schüsse ihrer Feuerröhre hinter dem fliehenden Schreiber her. Sie trafen ihn nicht, und er entkam nach der Fähre, welche über die Moldau führt. Die Menge aber, welche unten in den Graben dringen wollte, fand keinen Zugang. – Ich war fast allein zurückgeblieben in dem Kanzleisaale, nur einige der Diener, welche schon einmal hinabgeschossen, waren noch da. Sie luden von neuem ihre Gewehre, und hörten nicht auf meine Bemerkung, daß sie ihren Herren folgen und nichts weiter gegen die Hinabgeworfenen unternehmen sollten. Herr Martinitz nämlich, der zuerst Hinabgestürzte, schien keinen großen Schaden gelitten zu haben von dem Sturze, und hatte sich allmälig aufgerafft, um dem schwerer beschädigten Herrn Slawata hilfreiche Hand zu bieten. Gleichzeitig näherten sich einige Leute von der Moldau her, vielleicht durch den entweichenden Fabricius unterrichtet. Ein Geistlicher war bei ihnen, der seinen Glaubensgenossen beispringen und wahrscheinlich im Nothfalle den letzten geistlichen Trost spenden wollte. Auf diese neuen Ankömmlinge brannten die Knechte ihre frischgeladenen Schüsse ab. Sie fehlten. Während sie von neuem luden, führte man unten den wankenden Herrn Martinitz fort hinab nach der Moldau zu, wo aus den Fenstern eines stattlichen Hauses eine Leiter herabgelassen wurde. Von links her, wo der Volkshaufe vergeblich bemüht war, in den Graben hinabzukommen, knallten jetzt ebenfalls Schüsse, ebenfalls ohne Erfolg, denn die Entfernung war zu groß, und Herr Martinitz erreichte glücklich die Leiter. Die Knechte neben mir, während des Ladens aufschauend, erkannten, daß ihnen das Opfer entginge, und rannten nun nach einer Seitenthür, um in ein Zimmer zu gelangen, welches dem Hause mit der Leiter näher gelegen wäre. Ich hörte nichts mehr von ihnen. Wahrscheinlich haben sie verschlossene Thüren gefunden. Ebenso sah ich, daß der Volkshaufe oben am Damme forteilte, offenbar um einen besseren Zugang für die Verfolgung aufzusuchen. So war es plötzlich ganz still geworden, und der Geistliche konnte jetzt mit zwei Männern den verwundeten Slawata ungefährdet forttragen. Herr Martinitz hatte Kraft genug gehabt, die Leiter zu benutzen, und war schon verschwunden, als Herr Slawata am Fuße der Leiter ankam. Ich sah, daß einer der Träger den verwundeten Mann dem andern auf die Schulter lud, und daß dieser mit seiner Last die Leiter hinaufkroch.

Gleichzeitig entstand unten im Schloßhofe ein immer stärker anschwellendes Geschrei. Es war der Volkshaufe, welcher nicht in den Graben hinabgekonnt hatte und welcher zurückgeströmt war, als er die Opfer jeder weiteren Verfolgung entschlüpfen gesehen. Ich eilte die Stiegen, welche jetzt leer waren, eilig hinab, und sah die Herren von Thurn, Fels und Wilhelm Lobkowitz zu Pferde unter dem schreienden Haufen. Der Lärm war entsetzlich, und ich verstand wenig, besonders weil die Meisten czechisch sprachen. Ich erkannte nur an den bittenden Geberden jener Cavaliere, daß sie die Volksmassen von ihrem Vorhaben abzuwenden suchten. Ein junger Edelmann erklärte mir endlich, um was es sich handelte. Das Haus, in welches Martinitz und Slawata geflüchtet, war der Palast des obersten Kanzellars, des greisen Diepold von Lobkowitz. Dessen Gattin, Frau Polyxena, hatte die Unglücklichen aufgenommen und verweigerte die Auslieferung derselben. Die Volksmassen verlangten nun, daß dies Haus gestürmt, und daß außerdem alle katholischen Geistlichen niedergemacht würden. »Nein, nein!« schrien alle Cavaliere. »Ja, ja!« schrien die Volksmassen.

– Ja, ja! Das ist der Brauch rebellischer Haufen! rief Rath Gangelberger ingrimmig dazwischen.

– Still! Ruhig! dröhnte es wie aus einem Munde durch die ganze Stube, und Herr Hans fuhr langsam fort:

– Wer hören und sehen will, mußte jetzt erkennen, daß die Anführer an jenem Tage einen Aufstand beginnen, aber die Leidenschaften nicht entzügeln wollten. Es ist nachträglich bekannt geworden, daß Slawata selbst verschont geblieben wäre, wenn er weniger herausfordernd am Kanzleitische sich vertheidigt hätte. Man wollte einen offenen Bruch mit dem Kaiser wegen des verletzten Majestätsbriefes, nichts weiter, und der Act gegen den verhaßten Statthalter Martinitz war dazu auserwählt worden im Sinne und Gebrauch böhmischer Art, welche einen Fenstersturz bei solcher Gelegenheit herkömmlich und allgemein verständlich findet. Deshalb lag den Cavalieren jetzt alles daran, weitere Ausbrüche zu verhindern. Es gelang ihnen zwar nicht, den Abzug der Haufen nach dem Lobkowitz'schen Hause ganz zu vermeiden, aber es gelang ihnen doch, den wilden Ungestüm zu bändigen, indem sie darauf bestanden: erst müsse der ganzen Stadt angezeigt werden, was geschehen sei, und dann erst dürfe man die Auslieferung der Gerichteten verlangen. »Vorwärts!« rief Graf Thurn, und wendete sein Roß nach der Kleinseite hinab. »Vorwärts!« schrien die Haufen und drängten nach. Die steile Höhe langsam hinunterreitend, gelang es den Cavalieren immer besser, durch Zusprache die Volksmassen zu beruhigen. »Die ganze Christenheit sieht auf uns«, sprach der alte Fels von seinem hohen Gaule herunter, »zeigt ihr, daß das Prager Volk einen großen Anfang mit Maß und Würde ins Werk setzt.« – So ging es immer stiller hinab bis auf den Ring der Kleinseite. Dort hielten die Reiter zum ersten Male und sprachen zur Bevölkerung, welche aus allen Häusern herbeiströmte. Man möge ruhig bleiben, hieß es, und auch die Katholischen sollten getrost sein; was geschehen sei, würden sie, die Thäter zu verantworten wissen. Dann ging es über die Brücke rechts in die Neustadt. Auf dem Roßmarkt hielten sie aufs Neue und sprachen dasselbe. Dann unter dem Roßthor hinein nach dem Altstädter Ring. Dort hielten sie wiederum und sprachen nochmals dasselbe. Einen Augenblick mochten sie nun hoffen, das Volk werde befriedigt sein und sich zerstreuen. Darin irrten sie aber. »Zur Auslieferung, zur Auslieferung!« schrie Alles, und sie mußten über die Brücke zurück nach dem Lobkowitz'schen Hause. Das war fest verschlossen. Natürlich begann der Lärm wie früher; die Cavaliere aber verfuhren energischer. Ihre Zahl war auf dem Zuge durch die Prager Städte immer größer geworden, und sie drängten jetzt mit ihren Rossen das Volk zurück, einen freien Halbkreis vor dem Hausthore absperrend. Kaum war dies geschehen, so öffnete sich im ersten Stocke ein Fenster, und eine alte Dame trat an die Brüstung desselben. Sie war schwarz gekleidet und winkte mit der Hand. Todtenstille trat ein. Es war Frau Polyxena von Lobkowitz, des Zdenko von Lobkowitz Gemalin. »Geht nach Hause«, rief sie, »und danket Gott, daß er den Mord von eurem Gewissen abgewendet hat. Die beiden Männer leben, und werden für immer verschwinden von ihren Aemtern und aus euren Blicken. Damit begnügt euch. So wahr ich Wratislaw von Pernstein's Tochter, Wilhelm von Rosenberg's Witwe und meines Zdenko getreues Eheweib bin, nur über meine Leiche geht der Weg zu jenen beiden Männern, die jetzt wehrlos und von Schmerzen gepeinigt auf dem Lager liegen.«

Es entstand eine Pause. Das nahekommende Geräusch galoppirender Pferde unterbrach dieselbe. Es war eine Dame mit Begleitern und berittenen Dienern, welche zu Roß auf den Platz sprengte, und welcher man ohne weiteres Raum gab bis zu dem offenen Halbkreise vor der Hausthür. »Die Gräfin Thurn! Die Gräfin Thurn!« flüsterte Einer dem Andern zu, und neben der alten Frau von Lobkowitz erschien oben am Fenster eine dritte Frau, welche zu der Reiterin herabrief: »Mathilde, rette meinen Herrn, um Gotteswillen!« Dies war die Gräfin Martinitz, eine in voller Schönheit prangende Dame, deren herabgestreckte Arme und in Verzweiflung starrendes Antlitz auf Jedermann einen erhebenden Eindruck machte.

»Sei getrost«, rief die Gräfin Thurn hinauf, »ich bitte meinen Herrn und alle Anwesenden für dich und deinen Gatten. Wer weiß, ob ich nicht in Kurzem das Gleiche von dir und den Deinen werde erflehen müssen für meinen Mann.«

Dieser Hinweis auf das wechselnde Parteienglück that seine Wirkung. Herr von Fels, ein derber und populärer Cavalier, wandte sich zum Volke und rief: »Jetzt mischen sich die Weiber hinein, jetzt gehen wir zum Mittagsessen!« Es folgte Gelächter und die Massen lockerten sich. »Halt da!« setzte Fels hinzu, »nur vergeßt mir die Hauptsache nicht, die Jesuiten!«

»Ho!« schrie Alles.

»Die müssen fort, und denen müßt Ihr's Geleit geben über die Brücke morgen in der Früh! Verstanden?«

»Verstanden!« jubelte Alles und zog von dannen.

Dies war der Hergang des Prager Fenstersturzes, und man mag übrigens darüber denken was man will, Niemand kann sagen, daß dem würdigen Alter eine Mißhandlung angethan worden sei.

Mit diesen Worten schloß Herr Hans seinen Vortrag, und setzte sich nieder.

Da der Schluß ziemlich unerwartet und plötzlich eingetreten, so entstand eine augenblickliche Stille. Der Raschmacher Urban aber und der Bart-Conrad faßten sich sogleich, als sie des Schlusses inne wurden, erhoben sich und brachten dem Sprecher ihrer Sache ein lebhaftes Hoch aus. Unbekümmert um Sinn und Deutung stimmte die ganze Schänkstube ein. Die Menschen fassen alles am leichtesten persönlich auf. Die Persönlichkeit des fremden jungen Mannes beschäftigte jeden Zuhörer. Herr Hans hatte einfach und natürlich gesprochen, und in einer fremden, lauteren Mundart, welche nichts bekannt Provinzielles verrieth. Der Respect vor einer reinen Schriftsprache, vor dem was man schon damals »reines Deutsch« nannte, übte seine Macht auch schon damals auf ein Wiener Publicum, und der allgemeine Beifallsruf hatte einen ganz unbefangenen liebenswürdigen Charakter.

Raschmacher Urban war der Erste, welcher diesen Charakter vergiftete. Er rief: Solche Mäßigung wie in Prag ist nur denkenden Christen möglich. – Und wir sind die Gedankenlosen? sprach Rath Gangelberger schneidend, indem er aufstand und sich neuerdings zum Fortgehen anschickte. – Ja! schrie Conrad, dessen wildes Naturell den Sieg ausbeuten wollte – kurz, in der nächsten Minute flogen Rede wie Gegenrede gleich vergifteten Pfeilen hin und wieder, und als die vornehmste Person, Rath Gangelberger, mit einer abschmeckenden Bemerkung zur Thür hinausging, und bei dieser Gelegenheit die »rothe Feder«, Signor Medardo, welcher hastig dem Rathe folgen wollte, zum Vorschein kam, da brach der letzte Damm entzwei. Der wälsche Spion, hussah! schrie Conrad, welcher den schmalen Polizeimann bis jetzt nicht entdeckt hatte, aber offenbar recht genau kannte. Faßt ihn beim Schopf und spedirt ihn durchs Fenster, wie in Prag!

Gesagt, gethan. Der Tumult wurde handgreiflich. Die Katholischen mochten sich wol ihres Glaubensgenossen annehmen – und da sie die Mehrzahl waren, so hätte das genügt – aber das Wort »wälsch« und »Spion« übte seine lähmende Macht, und Niemand schien den kleinen Friauler zu mögen. So wurde er denn unter schwachem Widerstande den furchtbaren Fäusten Conrad's überlassen, und da Tartsch hastig das Fenster geöffnet, so flog die »rothe Feder« wirklich wie eine Puppe auf das Pflaster des Salzgrieses hinaus bis in die Mitte der Straße. Kaum war dies jedoch geschehen, so fanden die Katholischen, daß sie sich zu viel gefallen ließen, und es entwickelte sich eine allgemeine Schlägerei. Sie war im besten Gange, und Herr und Frau Riedl, solcher bewegten Scenen nicht ganz ungewohnt, trösteten eben die Herren im »Extraplatzl« mit der Versicherung, daß es nicht so böse gemeint sei, und ihnen und ihrem Nachtmahle keine Störung verursachen solle – als eine Runde der Stadtguardia, vier Mann hoch, in der Thüre erschien und ihre Spieße in das Zimmer hineinstreckte. Dies änderte Alles. Die feindlichen Parteien machten flugs gemeinschaftliche Front gegen den officiellen Störer ihres Unfriedens. Die Stadtguardia, wenngleich seit 1533, also fast ein volles Jahrhundert bestehend, war doch bei allen Parteien, welche in dieser »Tag- und Nachtwache« eine Beeinträchtigung ihrer alten Privilegien über die ausschließliche Bewachung der Stadt durch die Bürger sahen, äußerst unpopulär, und als der nun vollständig aufgeregte Conrad mit beiden Händen nach zwei vorgestreckten Spießen griff und die Träger derselben nach dem Hausflur zurückdrängte, schloß sich die Masse an und wälzte sich mit dem Vorkämpfer hinaus aus der Wirthsstube. –

Jetzt gerieth Frau Riedl außer sich. Solch eine Mischung mit der bewaffneten Macht selber ging über eine hergebrachte Unruh' im Wirthshaus weit hinaus, und wurde für Wirthshaus und Wirthsleute gefährlich. Sie rannte an die offene Thür und schrie in den Tumult auf dem Hausflur gellend hinein – natürlich umsonst. Sie brauchte aber Wirkung, und wendete sich nun rückwärts ins Zimmer herein gegen den ohnedies leidenden Riedl, welcher inmitten des Zimmers stand und sich unter dem grünen Käppchen mit unbehaglicher Hast die Haare rieb.

– Ich hab' Dir's gesagt, ich hab' Dir's vorausgesagt! Du bist und bleibst aber –

– Misericord! drang schneidend ein Schrei aus dem Hausflur herein. Todtenstille trat einen Augenblick ein, und bald darauf vernahm man, daß sich Alles aus der Hausthür hinausdrängte.

– Schau nach! sprach halblaut Frau Riedl, der ein Unglück schwante, zu ihrem schwer erschreckten Gatten.

Dieser aber brachte die Hand nicht aus den Haaren, und die resolute Frau entschloß sich endlich, selbst ein Licht zu nehmen und nachzusehen. Sie unterließ im Herausgehen nicht, ihrem Töchterlein, welches noch im Katheder saß, zuzurufen, sie möchte auf der Stelle ins Bett gehen.

Während Resi zur Küchenthür neben dem Katheder folgsam hinausschlüpfte – nicht ohne einen scheuen Blick auf die saubern jungen Herren im Extraplatzl – schritt Frau Riedl über die Thürschwelle in den Hausflur, ihr Licht weit von sich haltend.

Das Erste, was sie sah, war der Bart-Conrad, dem das Blut übers Antlitz rann, und dem Tartsch mit einem groben Sacktuche die Augen auswischte, wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob das Blut blos darüber weggelaufen, oder das Auge selbst verletzt sei.

– Habt Ihr »Misericord!« geschrien? fragte Frau Riedl.

– Dummheit! polterte Conrad dagegen, riß dem Tartsch das Sacktuch aus der Hand und ging stolpernd aus der Hausthüre hinaus.

Sonst schien Niemand mehr da zu sein.

– Jesus Maria, kreischte aber plötzlich Frau Riedl, da liegt der Stadtguardist! Ist er todt?

– Weiß ich's? antwortete mit halber Stimme Tartsch, und ging eilenden Schrittes in die Schänkstube zu seinem Herrn, diesem hastig ins Ohr raunend: Es wäre gut, geschwind noch in der Nacht ein ander Wirthshaus zu suchen. Denn hier würde bald der Teufel los sein, weil draußen Einer niedergeschlagen liege, und die Stadtguardia nicht lange ausbleiben würde, um den Cameraden zu holen und – aufzuheben, was sonst noch Verdächtiges »im weißen Löwen« geblieben sei. Herr Hans aber habe die lange Rede gehalten, nach welcher der Betteltanz losgegangen – folglich –

Frau Riedl hatte mittlerweile die beiden Hausknechte genöthigt, den leblosen Gardisten aufzuheben und in die Schänkstube zu tragen.

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