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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 3
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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2.

Mitzlau und Starschädel ritten langsam dahin auf dem schlechten Wege, welchen Frühjahrsregen obendrein durchweicht hatte, und welcher bis in die ersten Fünfziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts eine schlechte Straße geblieben ist. Ihr Gespräch war lebhaft geworden. Selbst Starschädel, aufgeregt durch die Scene an der Brücke und durch die immer größer werdende Nähe der ihm feindlichen Hauptstadt, war etwas mittheilsamer gegen den neuen Bekannten, welcher sich zu allen guten Diensten für ihn anbot, dafür aber doch etwas Näheres wissen wollte über die Zwecke eines Protestanten aus dem Reiche, welcher sich in so bedenklicher Zeit nach Wien verfügte.

Die öffentlichen Dinge im deutschen Reiche waren seit hundert Jahren in einer fortwährenden Spannung begriffen. Vor hundert Jahren – 1517 – hatte in Sachsen die sogenannte Reformation begonnen durch Dr. Martin Luther. Zwei Jahre nach ihm hatte Ulrich Zwingli in Zürich denselben Weg eingeschlagen, und Calvin hatte siebzehn Jahre später zu Genf in strenger dogmatischer Weise eine reformirte Kirche gegründet, wie die Grundsätze Luthers im Augsburger Bekenntnisse zu einer evangelischen Kirche gesammelt worden waren. Eine Vereinigung dieser beiden neuen Kirchen, welchen der katholische Glaube seiner Natur nach die Berechtigung absprach, war nicht gelungen, und die Streitigkeiten dieser neuen Glaubensbekenntnisse unter einander und mit der katholischen Kirche andererseits hatten die Gemüther, sowie die Staatsbehörden in eine endlose Reihe von Fehden und Kriegen verwickelt. Jeweilige Friedensschlüsse, wie der zu Nürnberg 1532, hatten sich immer nur als Waffenstillstand erwiesen, und Kaiser Carl V. hatte in der Mitte des Jahrhunderts einen großen Schlag versucht, mit überlegener Kriegsmacht diesen ganzen Aufruhr religiöser Neuerung niederzuwerfen. Der Moment war lebensgefährlich für die neue Lehre. Da erklärte sich Moriz von Sachsen, bis dahin ein Freund und Bundesgenosse des Kaisers, welcher durch den Kaiser auf Kosten der ernestinischen Linie zum Kurfürsten erhoben worden war, plötzlich gegen den Kaiser und gab dem Kriege eine für die Protestanten siegreiche Wendung. Die Folge davon war zunächst der Passauer Vertrag, welcher 1552 uneingeschränkte Religionsfreiheit festsetzte, und war drei Jahre später der Augsburger Religionsfrieden, welcher ein dauernder Frieden zu werden schien. Seinem Wortlaute nach sollte kein Reichsstand mehr wegen seiner Religion und Kirchengebräuche angefochten werden; Religionsstreitigkeiten sollte man nur durch christliche, freundliche und friedliche Mittel ausgleichen; die geistliche Gerichtsbarkeit sollte über den Glauben der Protestanten und ihren Gottesdienst keine Kraft haben; der Abzug aus einem Lande in das andere der Religion wegen sollte gestattet sein, und dieser Friedensstand sollte fortan unverbrüchlich gehalten werden, auch wenn ein wirklicher Religionsvergleich niemals zu Stande käme.

Aber auch dieser Abschluß behielt seine wunden Stellen, die sich von Jahr zu Jahr ärger vergifteten, und die allmälig wieder in Schwärung ausbrachen. Zunächst schloß er die sogenannte reformirte Kirche aus, die calvinische. Diese aber hatte nicht nur in Frankreich, in England, in den Niederlanden und in Ungarn eine große Ausbreitung gefunden, auch im südwestlichen Deutschland war sie zahlreich vertreten, und sie hatte sporadische Bekenner in vielen andern Theilen des deutschen Reiches, namentlich in Böhmen, wo sie von manchem Eiferer dem Hussitenthum entsprechender erachtet wurde, als die evangelisch-lutherische Lehre des Augsburger Bekenntnisses. Sodann hatten die Protestanten verlangt, daß es auch den geistlichen Ständen freistehen sollte, zur Augsburgischen Confession überzutreten. Dagegen hatten die Katholiken erklärt, daß jeder zum Protestantismus übertretende Geistliche seines Amtes und Standes verlustig sei. Diesen Punkt verlangten sie als Vorrecht für den geistlichen Stand, und er hieß von da in der Geschichte kurzweg »der geistliche Vorbehalt«. Endlich blieb der Punkt streitig, ob der Protestant auch Religionsfreiheit genießen sollte, welcher im Lande eines katholischen Fürsten und katholischer Stände seinen Aufenthalt habe. Kaiser Ferdinand hatte zwar entschieden, daß ein solcher von seinem Glauben und Gottesdienste nicht verdrängt, sondern in Ruh' gelassen werden solle bis zur christlichen Vergleichung der streitigen Religion; aber hiemit war der entscheidende Begriff voller Gewissensfreiheit in der Schwebe gelassen worden, und den einzelnen Streitigkeiten blieb Thür und Thor geöffnet.

Diese Streitigkeiten hatten denn in den letzten fünfzig Jahren unter allen möglichen Schattirungen fortgezettelt und waren immer bedrohlicher geworden, weil sie mehr und mehr eine politische Form annahmen. Die Reichsfürsten, welche die Reformation beschützten, hatten dadurch eine ganz neue Stellung im Staate errungen. Sie wurden auch kirchliche Häupter in ihren Ländern, und der Begriff der Fürstlichkeit erhielt dadurch eine ganz neue Ausdehnung. Dies galt besonders von den obersächsischen Fürsten ernestinischen und albertinischen Stammes, deren Interesse Hans von Starschädel im Auge haben mochte, als er zu so kritischer Zeit sich nach Wien wagte. Das deutsche Reich war nach dem Absterben der großen kriegerischen Kaiser allmälig eine aristokratische Republik geworden, und die an Macht immer schwächer werdenden Kaiser waren in den Schatten jener Dogenämter gerückt worden, wie sie zu Venedig und Genua herkömmlich waren. Jetzt, mit der neuen kirchlichen Autorität bewaffnet, machten die Mächtigsten dieser Aristokratie einen Schritt weiter, und es schien eine Fürsten-Republik entstehen zu wollen. Seit der Niederlage Kaiser Carls V. waren die habsburgischen Kaiser nicht im Stande gewesen, etwas Entscheidendes dagegen zu thun. Die begabteren unter ihnen, Ferdinand I. und Maximilian II. – letzterer besonders war ein geistvoller Mann gewesen – hatten der Feststellung ihrer Hausmacht, hatten den stets unruhigen Ungarn und den furchtbar zudrängenden Türken die größte Aufmerksamkeit zuwenden müssen, und ihre Nachfolger Rudolph II. und Mathias hatten nicht die Fähigkeit, sich im »Reiche« geltend zu machen. Zudem waren sie als älterer und jüngerer Bruder in der übelsten Stellung zu einander gewesen. Rudolph war mißtrauisch gegen den jüngeren Bruder, und dieser jüngere Bruder Mathias rechtfertigte dies Mißtrauen in vollem Maße dadurch, daß er an der Spitze aller Unzufriedenen den allerdings träg und launisch oder gar nicht regierenden älteren Bruder mit gelinder Gewalt und friedlicher Kriegsmäßigkeit von seinen Thronen in Ungarn, Oesterreich und Böhmen verdrängte. Das hatte denn Zustände erzeugt, welche allen möglichen Uebergriffen im »Reich« und in den Erbländern die Wege bahnten, und die oberste Macht an allen Ecken und Enden abschwächten. Diese Zustände hatten sich besonders in Böhmen gegipfelt, weil dies Königreich auch noch besonders darauf pochte, daß es kein Erbreich des habsburgischen Hauses, sondern daß es ein Wahlreich sei, und die Uebermacht der protestantischen Stände in Böhmen hatte im Jahre 1609 dem erschöpften Kaiser Rudolph jenen »Majestätsbrief« abgenöthigt, welcher eine Fahne wurde für alle Parteien, welcher von Mathias bestätigt ward, und welchen selbst der steirische Ferdinand 1617 in einem Reverse zusagen mußte, um die Nachfolge in Böhmen sich zu sichern. Dieser Majestätsbrief verlieh dem Lande Böhmen eine vollständige Religionsfreiheit, und machte denn natürlich auch im Reiche draußen das größte Aufsehen. Für die Protestanten schien hiemit der Moment gekommen zu sein, welcher unter rascher und tapferer Benützung einen vollständigen Sieg ihres Glaubens anbahne. Sie waren ohnedies durch die Gründung und Ausbreitung des Jesuitenordens, welcher direct gegen die Reformation gerichtet war, im höchsten Grade aufgestachelt, und Ferdinands consequente Vertreibung der Protestanten aus Steiermark unter Beihilfe der Jesuiten hatte längst ihre Augen und Waffen auf die Schritte des habsburgischen Hauses gerichtet. Die Katholiken andererseits fühlten nicht minder, daß eine Entscheidung näher und näher rücke, und daß sie sich um Führer zu schaaren hätten, welche der Himmel für sie sende: um diesen steirischen Ferdinand und um den bayrischen Maximilian, welcher alle Anlage zeigte zu einem Halt und Führer in schwerer Zeit.

So hatten sich denn in Süddeutschland zwei Bündnisse gestaltet, welche nur das Signal zu erwarten schienen, um die Waffen des religiösen Bürgerkrieges, die seit dem Augsburger Religionsfrieden geruht hatten, entschlossen wieder zu schwingen. Das protestantische Bündniß hieß »die Union«, und ihr Mittelpunkt war in Heidelberg, wo der Pfalzgraf Friedrich, der oberrheinische Kurfürst, residirte, welchem man die Absicht zuschrieb, daß er König von Böhmen werden wolle. Das katholische Bündniß hieß »die Liga«, und ihr Mittelpunkt war in München, wo Kurfürst Maximilian alle Kräfte und Interessen der katholischen Reichsstände in starker Hand vereinigte.

Drohend hatte man sich jahrelang beobachtet, da brach das Gewitter denn auch wirklich in Prag los, im Kern des Landes, welches die Hussitenkriege entzündet, welches den Majestätsbrief erzwungen hatte: auf dem Hradschin in Prag waren zwei kaiserliche Statthalter aus dem Fenster gestürzt, war der Aufstand ins Werk gesetzt worden, weil eben jener Majestätsbrief auf Anstiften der Jesuiten verletzt und gebrochen worden sei.

– Das ist doch, fuhr Starschädel in langer Rede obigen Inhalts fort, das ist doch wahrhaftig Veranlassung genug, sich die Dinge und Personen in der Nähe anzusehen. Ist dieser Ferdinand, der morgen regierender König dieser großen Ländermasse, der übermorgen Kaiser sein kann – denn unser Kurfürsten-Collegium ist durch den Dresdener Herrn noch immer unzuverlässig für unser protestantisches Interesse – ist dieser Zögling der Jesuiten wirklich ein starker Herr oder nicht? Ist der Widerstand Eurer protestantischen Stände in Oesterreich wirklich von ausreichender Macht oder nicht? Sind die ungarischen Kräfte, und besonders der laute Ruf des siebenbürgischen Bethlen Gabor, wirklich zu reiner Verfügung für protestantische Zwecke oder nicht? Sind die Widerstandsmittel gegen das anrückende Böhmen wirklich so gering als es heißt? Und ist endlich die spanische Linie der Habsburger bereit oder nicht, alles dranzusetzen für die Unterstützung der deutschen Habsburger und des katholischen Glaubens? Das Alles kann man mit einiger Sicherheit doch nur in Wien erfahren. Es war zuerst nur meine Absicht, bis Prag zu gehen. Aber dort fand ich eine solche Aufregung der Gemüther, daß ich mich auf keine Auskunft verlassen mag. Ist man einmal im Aufstande und Kampfe, so vergrößert man sich Alles; man sieht mit überspannten Augen, und wenn man den Grafen Thurn hört, der alles Habsburgische mit Stumpf und Stiel und mit leichter Mühe auszurotten gedenkt, so wird man doppelt mißtrauisch, wenn man, wie ich, aus kleineren Landesverhältnissen kommt, und wenn man, wie ich, von kühlem, vielleicht etwas nüchternem Naturell ist. Ich muß selbst sehen und hören und aufmerksam prüfen, wenn ich meinen Herren – will sagen den Meinigen – Bericht und Rath ertheilen soll, ob es schon an der Zeit sei, sich vorzuwagen und sich einzulassen. Deshalb, und nur deshalb gehe ich nach Wien.

Es trat eine Pause ein nach diesen Worten, eine Pause der Unbehaglichkeit. Rudolph von Mitzlau schien zu empfinden, der neue Bekannte, welchem er mit Lebhaftigkeit entgegengekommen, halte mit seinem Vertrauen zurück und sage ihm nur allgemeine, nicht viel bedeutende Gründe.

Starschädel empfand seinerseits wol, daß er einen solchen Eindruck mache, konnte sich aber doch nicht entschließen, ein Wort weiter zuzusetzen. So ritten sie eine Weile schweigend neben einander. Der Mond war aufgegangen, und ein leichter Nebel wallte über die Gebüsche dahin. Es war ganz still in der Natur, und man hatte keine Ahnung, daß man auf dieser Waldinsel und auf der großen Landstraße nur noch etwa eine Viertelstunde von einer Hauptstadt entfernt sei. Diese nördliche Gegend von Wien war damals sehr öde. Vielleicht darum, weil der Donaustrom in früheren Jahrhunderten mehrmals seinen Lauf geändert und deshalb einen breiten Landstrich unsicher und wüst gelegt hatte. Er macht bekanntlich oberhalb Korneuburg eine plötzliche Biegung nach Süden, und hat wol einst die letzten Berge des Wiener Waldes gewaltsam durchbrochen. Wenigstens schaut auf seinem rechten Ufer der Leopoldsberg, auf seinem linken Ufer der Bisamberg einer zum andern hinüber, wie Brüder, welche man durch eine Katastrophe getrennt habe. Noch zur Zeit der Babenberger ist die Donau von hier aus direct auf die Höhe von Wien losgegangen, welche das kleine Alt-Wien getragen hat, auf die Höhe, welche von den ältesten Kirchen, der Kirche von Maria-Stiegen und von Sanct Rupertus, gekrönt wird. Die Maria-Stiegen-Kirche hat auch deshalb Maria am Gestade geheißen, weil unten im jetzigen »Salzgries« der Hauptstrom des Flusses unmittelbar am Fuße der Stadt vorübergefluthet ist. Zu der Zeit jedoch, in welcher diese Erzählung spielt, waren die Stromverhältnisse schon ungefähr so, wie sie jetzt sind. Der Hauptstrom hatte sich von Wien abgewendet, und war von Nußdorf ostwärts in sein jetziges Bett gedrungen; ein großer Nebenstrom, jetzt das Kaiserwasser genannt, hatte sich südöstlich abgezweigt, um sich erst unterhalb Wiens wieder mit dem Hauptstrome zu vereinigen, und in dem alten verlassenen Bette der Donau war ein Canal gegraben worden, welcher noch heute besteht. Nur in der unmittelbaren Nähe der alten Stadt war dieser Canal etwas weiter nach Norden gelegt worden, um dem Salzgries, den Befestigungen und einem Arsenalbau Platz zu bieten. Diese Vertheilung des Wassers hat jene großen Inseln hervorgebracht, welche den nördlichen Zugang Wiens so lange verwildert haben. Zunächst an der Stadt die Insel der jetzigen Leopoldstadt, welche damals der »Untere Werd« hieß, und jenseits des Kaiserwassers die Insel, welche jetzt »Zwischenbrücken« heißt, und auf welcher unsere Reiter im Mondenschein daherkamen.

Als diese nicht mehr weit entfernt waren von der Brücke, welche sie über das Kaiserwasser zu passiren hatten, brach Starschädel endlich das peinlich gewordene Schweigen.

– Ihr seid also, Herr von Mitzlau, in Wien bekannt?

– Das bin ich.

– Seid öfters dagewesen?

– Ich habe ein ganzes Jahr da verlebt im Hause von Verwandten, weil ich Italienisch lernen und mich in der Musik ausbilden wollte.

– Kennt Ihr zufällig das Haus des Freiherrn Helmhardt von Jörger?

– Zufällig ganz genau.

– Ah!?

– Gerade dies ist das Haus meiner Verwandten, in welchem ich das Jahr über gelebt habe. Die Frau von Jörger ist eine Verwandte meines verstorbenen Vaters; sie stammt von der Schlesisch-Lausitzer Grenze und ist eine geborene Wolfersdorf.

– Wahrhaftig?! Nun, das sieht wie Bestimmung aus. Gerade an diese Frau habe ich ein Empfehlungsschreiben.

– Ah!?

– Der tüchtigste Mann, welchen ich in Prag kennen gelernt, der Freiherr von Loß –

– Otto von Loß?

– Otto von Loß hat mich an diese Dame gewiesen und mir einen Brief an sie geschrieben. Seiner Schilderung nach ist sie die Seele des protestantischen Lebens in Wien –

– Das ist sie, das ist sie. Meine Tante Jörger leitet Alles, und das Jörger'sche Schloß in Hernals –

– Richtig, eine halbe Stunde von Wien?

– Ja wohl. Dies Schloß von Hernals ist die feste Burg der Protestanten unter der Enns. Dort strömen die Wiener des Sonntags hin, um evangelischen Gottesdienst zu halten, der ihnen öffentlich in Wien nicht gestattet wird, und dort versammeln sich alle Hauptführer des Landhauses, um ihre Maßregeln für die Sitzungen zu besprechen und zu vereinbaren.

– Das sind Eure Verwandten?!

– Allerdings; und es wird mir ein Vergnügen sein, Euch morgen dort einzuführen. Unter uns gesagt, mich führt noch ein Nebenzweck hierher und nach Hernals. Herr Otto von Loß hat seine älteste Tochter bei meiner Tante, und meine Tante hat meiner Mutter mitgetheilt, es sei dies ein sehr glücklich begabtes Mädchen, welches ich kennen lernen sollte, und – na, Ihr versteht wohl, was Frauen damit zu meinen pflegen.

Diese letzten Worte schienen einen lebhaften Eindruck auf Hans von Starschädel zu machen. Er hatte das junge Fräulein von Loß in Prag kennen gelernt, und dies begabte schöne Mädchen hatte wahrscheinlich ihr Bild dauernd und tief in sein Herz geprägt. Wenigstens griff seine Hand so krampfhaft in den Zügel, daß sein Pferd stehen blieb.

– Was ist Euch? fragte Mitzlau.

– Ah, entgegnete Hans nach kurzer Pause, ein melancholischer Gedanke, der mich seit einiger Zeit immer befällt, wenn ich von Planen der Liebe, von Planen ehelichen Glückes reden höre. Die Zukunft in unserm Vaterlande starrt mir entgegen, wie ein Wald von Lanzen und Schwertern.

– Liebe und Ehe gedeihen zu allen Zeiten.

– Meint Ihr? Na, gutes Glück, wenn die Zeit dafür angethan bleibt, ein häuslich Leben zu gründen. Herr von Loß hat mir einige Aufträge an seine Tochter mitgegeben. Das trifft sich ja sehr gut, und so werd' ich meiner politischen Aufgabe in Wien rasch nahe gebracht werden. –

Der wunderliche grunzende Ton von Tartsch, Starschädel in allen Nüancen wohl bekannt, unterbrach ihn bei diesen Worten. Die diesmalige Nüance hieß: »Vorsicht!« und so wie Tartsch gethan, that Starschädel: er hielt sein Pferd an. Mitzlau und sein Diener thaten in Folge dessen desgleichen und sahen fragend auf die Sachsen. Es entstand eine augenblickliche völlige Stille, und bald darauf hörte man ein Geräusch im Gebüsch zur Linken.

– Vielleicht ein Hirsch, sagte halblaut Mitzlau. Das Jagdgehege des Kaisers drüben im Praterwalde ist nicht weit.

– Pst! quetschte Tartsch hervor.

Man horchte, und vernahm wirklich nach vorwärts den gellenden Klang eines Pferdehufeisens, welches an einen Stein schlug.

Es war in der That Signor Medardo gewesen, welcher auf Fußpfaden neben den Fremden unbemerkt daher geritten war und sie behorcht hatte. Tartsch mit seinem weitsichtigen Auge erkannte im Mondnebel die rothe Feder, als der Falbe durch eine Lichtung des Gebüsches dahinflog, und sein stöhnender Ausruf: »Die rothe Feder, Herr Hans!« schien mit Beredsamkeit den früheren Rath zu wiederholen, daß sein Herr den Eintritt in eine Stadt vermeiden möge, welche sich so unheimlich ankündigte.

Die rothe Feder selbst aber flog spornstreichs über die zweite Brücke, die über das Kaiserwasser in das »Untere Werd« hineinführte, welches damals noch großentheils wüst und unangebaut war. Nur das alte Stadtgut lag unter Bäumen versteckt, die Taborstraße war im Entstehen begriffen, und der Bau des Barmherzigen-Brüder-Klosters ward in seinen Fundamenten begonnen. Medardo sauste auf dem noch ungepflasterten Erdboden daran vorüber, und war bald an der Schlagbrücke, welche ein wenig abwärts von der heutigen Ferdinandsbrücke über den Canal führte. Bei dem dortigen Posten der Stadtgarde hielt er einen Augenblick an und gab dem Anführer des Postens kurze Andeutungen über die Fremden, welche binnen einer Viertelstunde an der Schlagbrücke eintreffen würden. Ein Stadtgardist sollte ihnen in die Stadt hinein folgen, damit Medardo sogleich erfahren könnte, wo sie eingekehrt seien.

– Nach den »drei Hacken« sendet mir binnen einer halben Stunde den Rapport! schloß er, und trabte ins Rothethurmthor hinein, den Salzgries entlang, den Tiefen Graben hinauf, und wendete sich dann, auf der Freiung angekommen, rechts hinüber zu dem Gasthause, welches jetzt »zum römischen Kaiser« genannt wird, und damals »zu den drei Hacken« hieß. Er wußte genau, daß er dort den »tollen Waldstein« finden würde, der am liebsten auf der Freiung abzusteigen pflegte, weil er dort in der Nähe der freiherrlich Harrach'schen Wohnung war. Nächst den gebietenden Herren in der Burg war für Waldstein nämlich zu damaliger Zeit Freiherr von Harrach die wichtigste Person. Freiherr von Harrach war reich und mächtig, war ein vertrauter, eng befreundeter Rath des Erzherzogs Ferdinand, und war der Vater einer schönen Tochter, welche der verwitwete Albrecht Waldstein zur Ehe wünschte.

Medardo hatte sich auch nicht geirrt. Der ganze Gasthof schwirrte und dröhnte von den dort untergebrachten Dienern und Reitern des großen Cavaliers, welcher das ganze Haus für sich in Beschlag genommen hatte.

Sich abstäubend und nach Kräften säubernd, stieg Medardo die Stiege hinauf und suchte im Vorsaale, wo der zahlreiche Dienertroß ganz leise, fast lautlos in den Einrichtungsgeschäften hin und her eilte, nach demjenigen Kammerdiener, welcher die besonderen Meldungen auszurichten hatte. Er war augenblicklich in den Zimmern des Cavaliers, welcher sich badete und umkleidete, beschäftigt, und ein anderer Diener flüsterte Medardo zu: er möge warten. Medardo nickte schweigend mit dem Kopfe und suchte sich in einem Winkel einen Sitz. Er kannte die Hausordnung des »tollen« Herrn. In seiner Nähe mußte die größte Stille herrschen, und seine vertrauten Diener waren so wohl geschult, daß sie unter den vielen Zufragenden diejenigen immer herausfanden, welche zugelassen werden durften. Schon aus dem Kriege im Friaul, wo Signor Medardo Spionsdienste geleistet, war er dem Waldstein bekannt, und seit er mit den Leuten des Erzherzogs aus Graz nach Wien übergesiedelt und mit sogenannten politischen Geschäften betraut war, durfte er beim Herrn Albrecht stets des Empfangs und einer vollen Börse versichert sein. Herr Albrecht pflegte dabei nicht gerade freundlich zu sein, aber er hörte aufmerksam zu und wußte mit ein paar kurzen Fragen alles zu erledigen, was sich ereignet hatte, seit er den Berichterstatter das letzte Mal gesehen.

Die Thür ging auf, der erwartete Kammerdiener erschien. Medardo ging ihm entgegen. Der Diener erkannte ihn sogleich, nickte und wendete sich eben wieder, um ihn beim Herrn zu melden – da ward die Vorsaalthür geöffnet, und ein schlanker geistlicher Herr trat ein. Ah! flüsterte der Diener vor sich hin, und eilte unter höflichem Bücklinge zu dem Eintretenden. Medardo schaute sich um, und trat sogleich in seinen etwas dunklen Winkel zurück. Es lag ebensoviel Vorsicht als Höflichkeit in diesem schnellen Rückzuge. Es schien Medardo nicht gerade wünschenswerth, daß ihn der geistliche Herr sähe. Dieser aber hatte ihn doch gesehen, und als der Diener in die Zimmer eilte zur Meldung, schritt der geistliche Herr langsam auf den Winkel zu, in welchen sich Medardo gestellt hatte. Nun blieb der rothen Feder nichts übrig, als dem Unvermeidlichen entgegenzueilen. Er that es, indem er das Gewand des Geistlichen ehrfurchtsvoll küßte.

– Du kommst von draußen? sprach dieser halblaut, aber in sehr klar accentuirter Sprache.

– Ja, hochwürdiger Herr. Herr Albrecht von Waldstein war einpassirt und hatte mir einen Wink gegeben. Ich wollte sogleich von hier zu Euer Hochwürden, um Meldung zu machen.

Das feine, schöne Gesicht des Paters – er war ein junger Mann – ruhte fast lächelnd auf den unruhigen Augen Medardos, dann sah er sich im Vorsaale um, der plötzlich ganz leer geworden war, und nickte dem rückkehrenden Diener zu, welcher respectvoll die Thür weit öffnete zum Eintritt.

– Ist sonst was von Bedeutung einpassirt? fragte der geistliche Herr Medardo mit noch leiserer Stimme.

– Ja, ein Ketzer aus dem Reich mit einem Diener.

– Ein namhafter?

– Hans von Starschädel nennt er sich, aus dem obersächsischen Kreise –

– Aus Weimar – kommt über Prag.

Medardo war wie vom Donner gerührt bei dieser Notiz, welche seine Bemerkung und Meldung überholte.

Der sogenannte Pater sah ihn unverwandt lächelnd an und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: Aufpassen! Morgen Näheres über den Mann aus Weimar.

Dann nickte er obenhin mit dem Haupte und ging leichten, festen Schrittes in die Zimmer hinein zum Herrn Albrecht von Waldstein.

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