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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 2
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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1.

Es war ein milder Abend im Monat März des Jahres 1619. Den Tag über hatte es mitunter leichte Regenschauer, wol auch zierliche Hagelkörner, sogenannte »Graupen«, geworfen, wie es gewöhnlich erst im April zu geschehen pflegt. Die Jahreszeit schien sich diesmal früh zu entwickeln, und die Gesträuche schwollen in ihren Spitzen bereits grüngelb an, so daß der Blick über das Weidengebüsch der Flußniederung schon weiche, ein wenig gefärbte Rundungen zeigte, und nicht mehr die spitzen Gerten der todten Jahreszeit.

Diese Flußniederung war dergestalt unabsehbar bewachsen und verwildert, daß man den Fluß selbst nicht entdeckte. Jenseits desselben, gegen Südwesten, schimmerte, von der Abendsonne beschienen, ein Berg; hinter ihm, etwas höher, ein zweiter. Der nicht sichtbare Fluß mußte dicht am Fuße dieser Berge vorübergehen, so nahe schauten sie herüber auf zwei Reiter, welche auf der Landstraße hielten, und in die Gegend hineinblickten, wie Leute, welche diese Landschaft zum ersten Mal erblickten.

– Das wird der Leopoldsberg und der Kahlenberg sein, denke ich, sagte der jüngste von den zwei Reitern; und dort, richtig, sieh hin, Tartsch, dort im Süden über dem Weidenwalde sticht der schwarzblaue Thurm wie eine Nadel in den Himmel; das wird der Stephansthurm sein. Dort also liegt Wien, und es ist nicht mehr weit, wir können mit untergehender Sonne dort eintreffen.

Tartsch gab einen unklaren Ton von sich, den man für einen Seufzer halten mochte.

– Hör' auf mit Deinem Gestöhne! rief unwillig der Jüngere. Wir sind nun einmal so weit, und das ewige Aechzen und Grollen und Sorgen verdirbt Einem nur die Laune, die man wahrhaftig braucht, um den Kopf oben zu erhalten.

– Das weiß der liebe Gott, murmelte Tartsch, und setzte etwas lauter hinzu: Wer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um.

– Wir gehen ja nicht zu unserem Vergnügen hin, sondern im Dienste unserer Fürsten, unseres Landes und unseres Glaubens.

– Den sie uns anstreichen werden, dort unter dem blauen Thurme! stieß Tartsch heftig hervor, heftiger als einem Diener, der er zu sein schien, zustehen sollte. Er hatte ein schlichtes, wetterhartes Aussehen, dieser Tartsch, und die lichtgrauen Augen unter den buschigen hellbraunen Augenbrauen sahen etwas starr in die Welt hinein.

Sie kamen die Straße von Stockerau über Korneuburg daher, und ritten nach den paar Worten langsam weiter auf ein Gehöft zu, wo die Landstraße rechts abbog, gerade in der Richtung auf den Stephansthurm. Dies Gehöfte war damals wie jetzt ein beliebtes Wirthshaus »zum Spitz« geheißen, weil es die Spitze bildete für alle Straßen und Wege, welche nördlich von der Donau auf die nach Wien führende Brücke münden. Von Nordwesten her die Straße von Stockerau, welche die böhmische Straße genannt wurde, von Norden her die Brünner Straße, welche über Pyrawarth und Wolkersdorf aus dem Herzen von Mähren kommt, und von Osten her die Marchfeld-Straße, welche aus dem südöstlichen Mähren und aus Ungarn kommt – alle treffen hier zusammen, und die Fuhrleute halten hier ihre letzte Rast, am liebsten noch ein Nachtquartier, ehe sie die letzte kleine Station über die Brücken und Inseln der Donau nach Wien hinein antreten.

Vor der Wagenburg und dem Fuhrmannsgetümmel am »Spitz« gab Tartsch seinem schweren Rosse, welches mit einigem Gepäck des jüngern Reiters belastet war, einen Spornstreich und schob sich solchergestalt vor diesen, indem er die Hand an den Zügel des überholten leichteren Pferdes legte.

– Was willst Du? rief etwas unmuthig der jüngere Reiter.

– Uebernachten wir hier, junger Herr.

– Warum nicht gar!

– Ueberlegt noch einmal gewissenhaft, ob es – ob es rathsam ist, da hinein zu reiten in die Höhle unserer grimmigen Widersacher und Feinde. Besserer Rath kommt über Nacht –

– Du bist nicht bei Troste.

– Das bin ich wirklich nicht.

– Ueberlegt ist es längst, und wenn wir des Morgens hineinkämen, so zögen wir die Aufmerksamkeit viel mehr auf uns, als wenn wir in der Abenddämmerung – Lass' los! Dort kommen zwei Reiter getrabt, welche wahrscheinlich ebenfalls nach Wien hinein wollen. Schließen wir uns ihnen an; sie haben leichtlich ein besseres Wiener Gewissen als wir, und mit ihnen ans Thor kommend werden wir weniger bemerkt.

In der That kam unter wirbelndem Märzstaube auf der Brünner Straße ein ähnliches Reiterpaar, ebenfalls Herr und Diener, in raschem Tempo daher, und der vorausreitende ebenfalls junge Herr parirte sein Pferd, als er die stillhaltenden zwei Reitersmänner sah.

– Seid Ihr über den Weg unsicher, werther Herr, rief er in leichtem Tone, so kann ich Auskunft geben.

– Ich danke für die Freundlichkeit; ich will nach Wien –

Tartsch grunzte und nahm sein Pferd zurück, und der neue Ankömmling sprach lachend:

– Das könnt Ihr nicht mehr verfehlen, noch vermeiden; diese Straße führt geradeaus zum Rothen Thurm. Ist's Euch genehm, so schließt Euch an. Ich war in meiner Jugend hier und hab' ein gut Gedächtniß. Ihr kommt aus dem Reich, wie es scheint?

– Aus dem Reich.

– Ueber Böhmen?

– Ueber Böhmen.

– Ah, da beneid' ich Euch. Böhmen ist jetzt das unterhaltendste Land Europas; das strotzt ja von Leben und Bewegung, und macht seinem Könige in Wien verzweifelt zu schaffen.

– So scheint es allerdings.

– Ich will später selbst hin. Jetzt konnt' ich nicht. Ich komme von Breslau, und mußte eines wichtigen Familiengeschäftes halber nach Mähren. Ein Geschäft mit Pfaffen. Das führt denn hierzulande nach Wien, wie sonst alle Wege nach Rom führen.

Tartsch horchte hoch auf und ließ den herankommenden Diener unbeachtet, sich so nahe als möglich zu seinem Herrn drängend, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte. Der Ausdruck »Pfaffen« hatte Tartsch einiges Vertrauen eingeflößt zu dem neuen Begleiter, und dieser schien es auch zu verdienen; wenigstens war er ungemein offenherzig, und fuhr mit lauter Stimme und heiterem Tone fort, als spräche er die unverfänglichsten Dinge:

– Ja, lieber Herr, Ihr werdet diese sogenannten Erblande des Kaisers ganz anders finden, als man sie bisher draußen im Reiche geschildert hat. Wir sind mit beiden Beinen endlich in die Bewegung hineingesprungen, welche Ihr im vorigen Jahrhundert begonnen habt. Die protestantische Lehre in Staat und Kirche – auch im Staate, Herr! – macht sich nun auch in diesen Landen unwiderstehlich geltend, und nur Wien will sich nicht ergeben. Das muß man in der Nähe ansehen; es kann der Mühe lohnen. Der alte Kaiser ist dem Tode nahe, und solch ein Todesfall pflegt ein Leichenbegängniß zu haben, das weit und breit verspürt wird.

– Verspürt wird es werden, entgegnete der junge Reitersmann aus dem Reiche mit trockener, ernster Stimme, aber kein Mensch weiß wie. Der Nachfolger, Erzherzog Ferdinand, soll ein streng katholischer und sehr entschlossener Herr sein. –

– Freilich.

– Und wie er in der Steiermark gegen die Protestanten vorgegangen ist, streng und unerbittlich, das deutet auf schweren Sturm.

– Freilich. Und darauf freuen wir uns eben. Diese träge Schwüle unter Mathias lähmte ja alle Entwicklung. Heut' bewilligte er, morgen nahm er's wieder, und übermorgen verglich er mühsam das Gewonnene mit dem Bewilligten. Damit verliert man Zeit und Kraft, und damit wird am Ende sogar der Prager Fenstersturz wieder ausgeglichen. Das steht von Ferdinand nicht zu fürchten. Der ist fanatisch; der wird Nein! sagen und Nein! und wird die überall glimmenden Kohlen zur allgemeinen Flamme anfachen.

– Seid Ihr selbst Protestant?

– Eigentlich noch nicht. Ich bin dem äußeren Bekenntnisse nach noch katholisch. Meiner Mutter wegen. Sie hängt an alten Gebräuchen und an ihrer Kirche. Ich wollte ihr den Schmerz ersparen. In der Ferne macht sich so was leichter. Ich bin ein Edelmann aus Schlesien, Rudolph von Mitzlau ist mein Name, und – setzte er mit einer anmuthigen, leichten Beugung des Hauptes hinzu – es würde mich sehr freuen, in Euch einen Verfechter der guten Sache kennen gelernt zu haben.

– Ich heiße Hans von Starschädel und – bin ein Protestant.

– Kann ich Euch in Wien irgendwie nützlich sein, so gebietet über meine Dienste. Ich habe dort Verwandte und mannigfaltige Anknüpfungen.

– Das nehme ich sehr dankbar an, denn, offen gestanden, ich reite nicht ohne Besorgniß nach Wien hinein. Man hat mir in Prag eine Schilderung gemacht, welche mich fast abgehalten hätte, die Reise überhaupt zu unternehmen. Kaiser Mathias soll schon so geschwächt sein, daß nicht mehr sein Einfluß, sondern der seines Nachfolgers die Stadt beherrscht. –

– O ja, das sieht dem »Grazer« ähnlich!

– Damit ist aber sehr viel gesagt. Man spricht von der bereits um sich greifenden Inquisition der Jesuiten. –

– Zweifle gar nicht.

– Spricht von heimlicher Festnehmung einzelner Personen, die urplötzlich und man weiß nicht wie verschwinden. –

– Solch ein Fall führt mich her.

– Wie?

– Nicht in Wien, aber in Mähren ist ein steinreicher Oheim von mir, ein kinderloser Greis, von dem ich stattlich zu erben hoffte, urplötzlich und man weiß nicht wie verschwunden. Man zeiht die Jesuiten dieser That. Die reiche Erbschaft – Oheim Zdenko hatte alles in Baarem – soll sie verlockt und zu einem Gewaltstreiche ermuthigt haben. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sie ihn zu Wien in ein Kloster gesteckt. Und das will ich ermitteln, das werd' ich ermitteln, verlaßt Euch darauf.

– Dabei lauft Ihr aber große Gefahr.

– Ah bah! Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Lernt nur Oesterreich und Wien erst näher kennen, und Ihr werdet entdecken, daß die neue Lehre nicht nur mächtig, nein, daß sie übermächtig ist. In Oberösterreich bildet sie die Mehrzahl, in Niederösterreich gehören zwei Dritttheile des Adels zu ihr, und im »Landhause« gebietet sie. Laßt's nur kommen! Ein neuer Herrscher braucht Anerkennung, braucht Huldigung von den Ständen. Die Huldigung erfolgt nur unter Bedingungen. Dazu ist Böhmen in vollem Aufstande begriffen, Mähren schwierig, Schlesien größtentheils protestantisch, Ungarn desgleichen und wie immer aufständisch – das sind nicht Zustände, um am ersten Tage mit herausfordernden Gewaltmaßregeln aufzutreten. In den nächsten Wochen beißt man in Wien nicht. Später wol, wenn sich die Stände jeder Landschaft einzeln haben heranziehen lassen, wie das zu geschehen pflegt, und wie es vielleicht diesmal nicht gelingt. Ich werde mich nicht einschüchtern lassen in meinen Maßregeln.

– Ja, Ihr gehört hierher, Ihr steht auf heimatlichem Boden. Ein Fremder aber –

– Das ist wahr, Ihr müßt etwas vorsichtig sein.

– Halt, wenn's gefällig! riefen gleichzeitig zwei rauhe Stimmen, und hielten den Reitern lange Spieße vor die Brust der Rosse, so daß diese erschreckt ein wenig scheuten und prallten.

Die Reisenden waren an der seit der Hussitenzeit bestehenden Schanze vor der großen Donaubrücke angekommen und sollten Namen, Stand und Geschäft dem Wachtposten angeben, welcher dort stationirt war.

– Das ist etwas ganz Neues! rief Herr von Mitzlau. Seit wann ist denn hier außen an der Wolfsschanze schon ein visitirender Wachtposten?

– Seit acht Tagen! antwortete ein Bewaffneter, welcher Befehlshaber der zwei Spießträger zu sein schien, und der aus einer Bretterhütte innerhalb des Brückenkopfes hervorgetreten war.

Er gehörte zu einer neuen Stadtgarde, welche der Kaiser, wie es hieß, auf Antrieb des Erzherzogs Ferdinand, kürzlich errichtet hatte, und wiederholte in etwas höflicherem Tone die Frage nach Namen, Stand und Geschäft. Herr Rudolph von Mitzlau that der Anfrage mürrisch und kurz Genüge.

– Kommen über Böhmen? fragte der Gardist.

– Nein, über Mähren.

– Und Euer Gnaden! indem er sich zu Herrn von Starschädel wendete.

– Hans von Starschädel.

– Kommen?

– Aus dem Reich.

– Ah! Und sind wol auch –

– Aus dem Reich.

– Aus welchem Kreise?

– Aus dem obersächsischen.

– Schau, schau, also wol lutherisch?

Und der Gardist betonte, wie es zulande üblich, das u, nicht aber das e, wie es im Norden gebräuchlich. Der Ausdruck seines Gesichtes belebte sich dabei, und man erkannte, daß dieses fast glatt rasirte Antlitz, beherrscht von einem schlauen schwarzen Auge und einer spitzen langen Nase, nicht besonders stimmen mochte zu dem groben Lanzenknechtkoller. Die rothe Hutfeder beschattete vielmehr einen Kopf, welcher eine gewisse Bildung verrieth, und die Hand, welche einen schmalen und dünnen Kinnbart streichelte, sah gar nicht aus, als ob sie jemals grobe Arbeit verrichtet hätte.

Hans von Starschädel, welchem diese Bemerkungen entgegentraten, ward deutlich inne, daß er bereits der wichtigsten inquisitorischen Anfrage gegenüberstünde, und zögerte, halb ergrimmt, halb besorgt, einen Augenblick mit der Antwort. Er fühlte wol, daß die eintretende Pause die Schwierigkeit nur erhöhte, und machte eine kurze verweisende Handbewegung gegen Tartsch, dessen grunzender Ton, wenn auch ein wenig unterdrückt, hinter ihm vernehmlich wurde – da erhielt die Aufmerksamkeit plötzlich eine ganz andere Richtung. Ein donnerähnliches Geräusch drang vom »Spitz« her zu Aller Ohren; eine Staubwolke kam geflogen, dicht und undurchdringlich, Peitschen knallten wie Schüsse, und als der Verstand begriff, daß dies von einem heranbrausenden Reitertrupp herrühren müsse, flogen zwei Reiter aus der Staubwolke hervor, die langen Peitschen dergestalt schwingend, daß jedermann klar wurde, es sei auf eine schleunige Räumung des Weges abgesehen, und es seien dies Vorreiter einer wichtigen Person. »Platz! Platz!« schrieen sie, den gestreckten Galopp ihrer Rosse nicht im geringsten mäßigend vor dem Zugange zur Brücke. Die vier Reiter, Mitzlau und Starschädel mit ihren Dienern, sowie die Gardisten, hatten die größte Eile, auf die Seite zu kommen, wenn sie nicht gehauen und überritten sein wollten. Im Nu waren die Vorreiter über die noch herabgelassene Zugbrücke der Schanze, und sprengten über die große Brücke weiter, und hinter ihnen in gestrecktem Rosseslaufe flog ein offenbar vornehmer Reitersmann an den erstaunten Zuschauern vorbei, sie keines Blickes würdigend. Sein hohes schwarzes Thier wieherte laut an den Pferden der Reisenden vorüber, und kaum hatte man den Eindruck eines lang gewachsenen Mannes, der stolz und gleichgiltig im Bügel saß, in sich aufgenommen, so donnerte ein Trupp von wenigstens dreißig geharnischten Männern dicht nach ihm in die Brücke hinein, welche für die sechs Mann breit Dahersprengenden kaum breit genug zu sein schien. Wohl ein Dutzend Diener mit ledigen Handpferden und bepackten Maulthieren folgte ihnen unmittelbar. Die Brücke wankte und polterte unter den Hufschlägen, und wie ein anziehendes Gewitter entfernte sich gleichmäßig der betäubende Lärm, verschönt von dem Blitzen der Harnische, als der Trupp aus dem Staube hinaus in die Strahlen der Sonne kam, welche hinter dem Kahlengebirge unterging und über die breite Wasserfläche der Donau ihren Schimmer glitzernd auf die Panzerreiter warf.

– Das ist der Teufel selber, sagte Tartsch halblaut zu seinem Herrn. Habt Ihr die Augen des Mannes gesehen? Wie glühende Kohlen stachen sie vor sich hin. Und noch leiser setzte er hinzu: Kehren wir um, Herr Hans!

Die Uebrigen sahen und horchten schweigend dem Zuge nach, und erst nach einer Weile rief Herr von Mitzlau:

– Wer war das?

– Ein böhmischer Cavalier! antwortete der Gardist mit der rothen Feder.

– Und warum fragt Ihr den nicht nach Namen, Glauben und Geschäft?

– Den kennen wir, klang die Antwort.

– So? fuhr Mitzlau fort, geärgert durch die Ungleichheit der Behandlung. Wie heißt er?

– Waldstein.

– Waldstein? Der böhmische Landhofmeister Adam?

– O nein, der reitet nicht so. Der sogenannte »tolle Waldstein« war's, der in Olmütz liegt mit seinen Cürassieren, ein freigebiger Herr.

– Ein unheimlicher Herr! setzte Herr Hans kaum verständlich hinzu.

Mitzlau aber hatte gesehen, daß der Mann mit der rothen Feder die Hand so gewiß bedeutungsvoll geöffnet hatte bei dem Ausdrucke: »ein freigebiger Herr«. Herr Rudolph nahm deshalb rasch ein Silberstück aus seiner Tasche, drückte es in die offen verbliebene Hand der rothen Feder, und ahmte den böhmischen Cavalier nach, indem er sein Pferd herumwarf, Starschädel mit einem Blicke verständigte und mit den Worten! »Die Sonne geht unter, vorwärts!« in die Brücke einlenkte. Starschädel folgte sogleich, die Diener schlossen sich an, und die rothe Feder erhob weiter keine Einsprache. Sie sah ihnen eine Weile nach und sprach vor sich hin:

– Hinein muß ich doch; er läßt mich immer vor, und –

Das Weitere murmelte er in den Bart, indem er einen Schritt vortrat und den Fremden noch einen prüfenden Blick nachsendete. Dann wendete er sich kurz um nach der Holzhütte, aus welcher während dieses Vorganges ein ihm ähnlich gekleideter Gardist vorgetreten war, der wahrscheinlich seine Stelle vertrat während jeweiliger Abwesenheit, und herrschte diesem in ziemlich hohem Tone zu: er möge sein Pferd vorführen.

Dieser gehorchte sogleich, und brachte ein unansehnliches falbes Rößlein aus dem Gebüsche hinter der Holzhütte vorgeführt. Während er den Sattel des Rößleins festschnallte, wobei der kleine Falbe quietschte, biß und ausschlug, zog der Mann mit der rothen Feder eine kleine Schreibtafel aus dem Wams, notirte etwas hinein, sah dann ein Weilchen gedankenvoll nach der Brücke hinaus, und winkte endlich nach seinem Rößlein.

Als er aufstieg, flüsterte der wahrscheinliche Stellvertreter, der ihm die Zügel und Bügel hielt:

– Signor Medardo, der Blasse war offenbar ein Ketzer, und zwar von der Art, die –

Signor Medardo machte eine abweisende Handbewegung, die zu sagen schien: »Ich weiß das besser als Du, und werd' ihn nicht aus den Augen verlieren!« Alsdann schwang er sich mit seinem geschmeidigen Körper leicht in den Sattel, und eh' er seinem Rößlein den Sporn gab, sprach er halblaut:

– Sollte noch so was Verdächtiges zur Nacht kommen – aufhalten und nach dem »Spitz« weisen! Mit dem Frühesten bin ich wieder da.

Und so ritt er langsam in die Brücke hinein, nur noch einen Augenblick auf derselben stillhaltend, bis Mitzlau und Starschädel in den Gebüschen und hinter den wüsten Erdschanzen jenseits des Stromes ganz verschwunden waren. Jene Auen nämlich, Wolfs- und Tabor-Au genannt, zeigten noch zahlreiche Spuren von Verschanzungen, namentlich aus den Hussitenkriegen, und der Name Tabor hat sich von den Taboriten, welche Wien bedrängten, bis auf den heutigen Tag erhalten. Es schien Medardo nicht wünschenswerth, von den Fremden nochmals gesehen zu werden, und als er am jenseitigen Ufer ankam, bog er sogleich unter dem Schatten des Erdwalles vom Hauptwege ab und schob seinen kleinen Falben in einen der zahlreichen Nebenpfade, welche durch die dicht bewachsene Au zum nächsten Donauarme, den man jetzt Kaiserwasser nennt, hinüberführten. Die Dämmerung zog sich bereits wie ein Schleier über die niedrigen Gebüsche hin, und nur die hohen Baumgruppen – Pappelweiden, Espen und Erlen – waren noch oben in ihren Kronen vom scheidenden Tageslicht beleuchtet.

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