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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 13
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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12.

Leichte Winde waren sehr geschäftig in dieser Nacht. Sie spielten nach allen Richtungen der Windrose und jagten den Nebel in die Höhe. Aber sie zerstreuten ihn nicht. Als der Mond untergegangen, senkte er sich wieder abwärts in Gestalt von leichten Wolken, und tröpfelte als milder Regen auf den Wiener Wald herab, eine ersehnte Gabe für all die tausend Knospen der Sträucher und Bäume, welche ihrer Entfaltung entgegenharrten.

Es war um die vierte Stunde, als Spath, der Gärtner, aus Trumm's Wohnung trat, in welcher er auf einer Streu von Laub geschlafen. Am Wassertroge wusch er sich im Dunkeln Gesicht und Hände. Er wollte aufbrechen hinab nach Hernals, denn die Frühjahrszeit mußte benützt werden zu den Gartenarbeiten, und wenn er sich auch für die »Sachen des Glaubens« mitunter eine Stunde abmüßigte, er war doch ein zu gewissenhafter Mann, als daß er ohne große Noth seine Berufsarbeit darüber vernachlässigt hätte. Der Junker von Starschädel sollte überdies den Tag über oben bleiben, und wenn er früher hinab wollte, so konnte und sollte ihm Nandl den Weg weisen. Nandl! Das war Spath's Sorge. Sie war sein Schatz. Aber gesagt hatte er ihr noch wenig von seiner Neigung. – Dort drüben am zweiten Fenster innen stand ihr Bett. Er ging leise hinüber zu diesem Fenster, das von außen mit einem Laden verschlossen war. Er legte sein Ohr an den Laden, als ob er ihren Athem hören wollte. Er spürte auch einen warmen Athem, aber an seiner herabhängenden Hand: Zahn, der Wolfshund, war aus seiner Hütte herbeigekommen, um den wohlbekannten Freund still zu begrüßen. Zahn! sagte Spath leise, und streichelte den Kopf des Hundes, und bald darauf glaubte er von innen ein leises Knarren des Fensters zu hören, der Haken des Ladens ward langsam in Bewegung gesetzt, Nandl mußte das Wort »Zahn!« gehört haben, sie war im Begriff zu öffnen – da ging die Hausthür auf, und der Jäger Golling mit Caro trat heraus.

– Was macht Ihr denn da am Fenster, Gärtner?

– Ich wollte horchen, ob Ihr auf wär't, und ob wir zusammen hinuntergehen könnten.

– So gehen wir.

Golling war ein strenger Mann. Er ging lange schweigsam neben Spath einher. Endlich stieß er einen Seufzer aus und sagte:

– Das ist doch ein schreckliches Kreuz, was da mit den Glaubensstreitigkeiten über uns gekommen ist. Und das wird ein Ende nehmen mit Schrecken.

– Wer weiß!

– Wer weiß! Ich weiß es. Zeit meines Lebens bin ich ein ordentlicher Mann gewesen, und 's ist mir kein Zweifel aufgestiegen. Seit ich aber öfters die Gespräche angehört habe zwischen dem Herrn Grafen und unserem Herrn Pater Regens, da fallen mir Dinge bei, wenn ich Abends in der Einsamkeit auf dem Anstand sitze, Dinge, vor denen mir die Seele im Leibe erschrickt. Und so unrecht kann's doch unmöglich sein, wenn ein Mann, wie unser Herr Pater Regens ruhig davon spricht, als ob's der Rede werth wäre und nichts Gotteslästerliches. Zum Exempel: es wär' halt nicht genug, daß Einen der Geistliche freispräche –

– Das ist auch nicht genug.

– Halt's Maul! Von Dir will ich's nicht wissen; ich weiß ja leider Gottes, daß Du ein Ketzer bist, 's ist schade um Dich, Spath! Denn bild' Dir ja nicht ein, daß Dir ein ordentlicher Vater sein Mädel zum Weib geben könnte, wenn Du ein noch so gutes Auskommen im Hernalser Schlosse hast, das thut er nicht. Erstens wegen des Seelenheils von seinem Mädel nicht, und alsdann – das ist ja ein Elend mit solchen Kindern, die nicht wissen, wohin sie gehören, und geradezu Wechselbälge werden. Das geht nimmermehr, und da siehst Du, was es für'n Kreuz ist.

Spath schwieg.

Nach einer langen Pause nahm Golling seinen Gedankengang wieder auf und fuhr fort:

– Man müßte – und das sagt sogar der Herr Pater, nicht etwa der Herr Graf – man müßte sich erst selber freisprechen können, heißt das: nicht so dreistweg frei, nein, man müßte inwendig fertig sein mit dem Fehler und mit der Sünde, was man sagt fertig, sowie man's Essen verdaut hat, verstehst Du?

– Freilich!

– Na, so leicht ist's nicht. Ich hab' Wochen gebraucht, eh' ich aufs Verdauen gekommen bin. Und unruhig macht Einen die Wirtschaft mit den Gedanken, unruhig und unzufrieden. D'rum kommt auch jetzt wieder Krieg und Schwerenoth, und die Pestilenz wird nicht ausbleiben. – Der arme, alte Herr Graf! Hat so viel geseh'n in der Welt, bis ins Asien hinein ist er gekommen, nach Sodom und Gomorrha und wo's Paradies gestanden ist, und Gold hat er wie Heu, und 's nutzt ihm doch nichts. Wir armen Leute müssen ihm helfen; ja, das müssen wir. Heut' ist er vielleicht noch sicher –

– Wer weiß!

– Ach, so fix geht's nicht. Erst finden! Und dann sind die Feinde auch keine Hexenmeister. Ich hab' mir was ausgedacht, das will ich jetzt gleich dem Herrn Pater Regens vorschlagen.

– Was denn?

– Kommt Zeit, kommt Rath. Vielleicht erfährst Du's einmal.

Also sich unterredend, stiegen sie bergab bergauf durch den noch dunklen Wald langsamen Schrittes dahin, und trennten sich an der Brücke des Alserbaches vor dem Hernalser Schlosse.

Der Tag graute lichter und lichter. Dennoch mußte Golling vor dem geschlossenen Schottenthore noch eine zeitlang warten, bis es knarrend geöffnet wurde.

Die unruhige Zeit verschärfte die Vorschriften des Festungsdienstes.

Auch beim Pförtner in der Schottenabtei ging einige Zeit verloren, ehe sich der verdienstliche Thorhüter den Schlaf aus den Augen gerieben und Golling's Anfragen verstanden hatte. Zwei Waldschnepfen, welche Golling für den Pater Regens ablieferte, erkannte er bei alledem sogleich, und endlich besann er sich auch, daß der Pater Regens seit einigen Tagen nicht ganz wohl sei, und deswegen und wegen des Rechnungsabschlusses um die Osterzeit vor acht Uhr des Morgens keine Audienz gebe. Dies nöthigte Golling, weiterzugehen. Verdrießlich brummte er dem Pförtner ins Gesicht:

– 's ist schade!

– Was?

– Na, das. 's ist schade um jede Stunde, die noch länger gewartet werden muß. Denn das Unglück steht vor der Thüre.

– Was für ein Unglück?

– Das kann ich nur dem Herrn Pater Regens sagen. Ich komme also wieder. Gelobt sei Jesus Christ!

– In Ewigkeit.

Verdrießlich schritt Golling nach dem Salzgries, um dort eine dritte Schnepfe – sie war auf dem Grenzwege geschossen und gleichsam freies Eigenthum des sonst sehr gewissenhaften Golling – dem feisten Riedl im »weißen Löwen« zu übermitteln. Hier fand er aber auch Stoff zu Verdrießlichkeit. Denn der beim Frühstück schon redselige Riedl erzählte, wie er einem Hauptmann von der Stadtguardia erst gestern das »Vieh« und die stattliche Behausung des Schottenjägers auf dem Wiener Walde herausgestrichen habe. Golling fand dies in solchem Augenblicke nicht erbaulich, da er des Grafen wegen lieber sein Haus in eine dicke Wolke gewickelt hätte!

Unterdeß war es lichter Tag geworden, und die Gaststube des »weißen Löwen« füllte sich zum Erstaunen Riedl's und seiner Gattin mit einer großen Anzahl etwas wunderlich ausschauender Frühstücksgäste. Es waren lauter rüstige Männer, deren Kleidung so gewiß aussah, als ob sie nicht genau auf die betreffenden Körper gehöre. Sie wollten gemeinschaftlich frühstücken, und zwar Fleisch. Frau Riedl wendete vergeblich ein, daß so früh am Tage kaum genügender Vorrath im Hause sein werde.

– So nehmt's, was da ist! Die Jungen sind nicht heikel! sagte lachend derjenige, welcher die Bestellung für Alle machte.

– Herr Jesus, das ist ja Signor Medar –

– Stille, Frau Riedl, unterbrach geschwinde die »rothe Feder«, ganz stille, Papa Riedl! Keinen Namen aussprechen, überhaupt gar nichts verlautbaren. Staatsgeschäfte! Und diesmal einträgliche. Die Jungen sollten guten Humor kriegen und dazu gut beköstigt werden.

– Jesus! Wie ein Cavalier aus dem obern Lande schauen der Herr aus!

– Ja? Na, dann ist's recht. – Wer ist der Mann da?

– Na, wie sich das curios trifft, entgegnete Riedl ebenso halblaut, wie alles Vorhergehende gesprochen worden, das ist ja derselbe Jäger von den Schotten oben am Wald, von dem ich Euch gestern erzählt –

– Ah!

Und nun ließ sich die »rothe Feder« ihr Frühstück neben dem alten Golling anrichten, und knüpfte ein wohlwollendes Gespräch mit dem Jäger an. Dieser Jäger sollte ihm, willig oder unwillig, als Wegweiser dienen. Denn die Schaar von zwanzig hungrigen Frühstücksgästen bestand aus Stadtguardisten, welche ihre Amtstracht ausgezogen und sich in geborgte Kleider gesteckt hatten. Sie waren auf dem Wege hinaus, und »am Lande draußen«, wie man in Wien sagt, waren sie als Guardisten nicht am Ort. Draußen herrschte der Cavalier, und der Cavalier war in seiner Mehrzahl ketzerisch. Hinter Dornbach am »Kreuzbühel« war für die Expedition, welche aus mehreren Parteien zusammengesetzt werden sollte, die Zusammenkunft angeordnet, und es wäre ein Meisterstreich der »rothen Feder« zu nennen gewesen, wenn er den Jäger selbst dorthin hätte mitbringen können zum Wegweiser in den Bergwald hinauf. Diesen Streich auszuführen, wollte er jetzt alle seine Mittel der Verschmitztheit in Bewegung setzen.

*

Draußen über dem Walde war indessen ein goldiger Morgen aufgegangen. Der leichte Frühregen war wie die Fruchtbarkeit selbst auf Zweige und Gräser gefallen, und war dann der strahlenden Sonne gewichen. Es glitzerte, glänzte und dampfte gelb und blau aus den Thälern, und die Vögel, nachdem sie die letzten Tröpflein abgeschüttelt, erhoben sich zwitschernd, rufend und jubelnd überall. Es schwirrte nur so wie lustiger Morgengruß von der Lerche im Blachfelde bis zu den Rothkehlchen und Rothschwänzchen oben an der »hohen Wand«.

Graf Zdenko von Zierotin, genannt der Eremit, war wie immer vor Aufgang der Sonne von seinem Lager aufgestanden in der wohl verwahrten und mit Fußteppichen belegten Dachstube. Das leichthin gesprochene Wort »Tschirill« hatte genügt, den treuen Diener hereinzurufen ins Zimmer, obwol er entfernt unten im großen Gemache mit Feuerung und Lüftung desselben beschäftigt gewesen war. Das Gehör Tschirills war für jeden Athemzug seines Herrn wunderlich geübt. Er war diesem alsdann beim Ankleiden behilflich gewesen, und hatte ihm, wie stets, mitgetheilt, welches Wetter draußen herrsche und was seit gestern Abend etwa Bemerkenswerthes sich ereignet habe. Die Ankunft des fremden Junkers, die Schilderung desselben und die Anzeige, daß unten auf der Tafel ein Brief desselben liege, war die heutige Mittheilung gewesen.

Dann war Graf Zdenko langsam die kleine Treppe hinabgestiegen. Tschirill leuchtete dazu, denn im Morgengrauen war das Innere des Hauses immer noch dunkel.

Rechts sich wendend und in das große Gemach eintretend, war wie immer der alte Graf langsam auf die offene Fensterthür zugeschritten, und war inmitten derselben stehen geblieben. Sein Auge blickte stets zuerst gen Himmel, seine Hände falteten sich und seine Lippen bewegten sich leise. Großer Geist, der Du die Himmel und die Erden gedacht und denkst, sei gegrüßt von Deiner Creatur in Verehrung, Dankbarkeit und Liebe! – So lauteten täglich seine Worte. Hinter ihm kniete Tschirill. Das weite Gemach war dabei beleuchtet vom Feuer eines großen Kamins, in welchem lange Scheiter hell und fröhlich brannten.

In dieser Stellung hatte er einige Minuten verharrt, die ersten Lichtfunken der kommenden Sonne waren zuckend am Himmel emporgefahren, der Windhauch bei Sonnenaufgang hatte sich erhoben, der alte Herr war zurückgetreten und hatte sich an den Kamin gestellt, auf dessen Sims zwei Kerzen brannten. Jetzt erst hatte ihm Tschirill den Brief überreicht, welchen Junker Hans mitgebracht.

Die lesende hohe Gestalt hatte etwas Ehrwürdiges und Gutes. Eine weiße Mönchskutte von feinem Wollenstoff bedeckte bis auf die Füße den stattlichen, offenbar schlanken Körper, dessen Haupt leise nach vorwärts neigte. Dies Haupt war nur noch von dünnem, ganz dünnem weißen Haar bedeckt wie von einem leisen Schneeanfluge; aber der Bart, ebenfalls schneeweiß, wallte in glänzenden Wellen bis auf die Brust hinab. Nur schwarze Augenbrauen und große schwarze Augen und eine gesunde röthliche Gesichtsfarbe hoben sich hervor aus der weißen Fläche des Gewandes und Bart- wie Haupthaares. Der Kopf war klein, der Schnitt des Antlitzes edel. Die Nase schön geformt und leicht geschwungen, der Mund klein, und nur daß er etwas einwärts gefallen war trotz wohlerhaltener Zähne, und daß leichte Falten um Stirn und Wangen lagerten, verrieth dem geübtesten Kenner: es schreite diese Gestalt wol schon siebzig bis achtzig Jahre durchs Leben.

Tschirill hatte mit Vergnügen gesehen, daß die Lesung des langen Schreibens seinem Herrn wohlgethan, und hatte ein kleines Zimmerchen geöffnet, welches rechts von der offenen Fensterthür an das große Gemach stieß. Dort war jeden Morgen ein Bad gerüstet in einer hölzernen Wanne und dorthin war auch heute der alte Herr geschritten, nachdem er den Brief durchgelesen und sorgfältig auf eine große, mit Büchern und Papieren bedeckte Tafel gelegt, welche unweit des Kamins stand. Im Hinschreiten hatte er zu Tschirill gesagt:

– Das wird ein angenehmer Tag. Mein Herz ist voll Freude über das Schreiben und über den Ankömmling. Der junge Mann muß ein liebes Aussehen haben, ja?

– Ja, Pane.

– Schau nach ihm, Tschirill, daß er beim Aufwachen Alles finde, was er braucht. Aber wecke ihn nicht. Die Jugend braucht viel Schlaf. Sei lauter Güte für ihn; ich liebe ihn; er ist brav. Und rüste ein reichliches Morgenmahl für ihn und mich; die Jugend nimmt reichlich ein.

Mit diesen Worten war Graf Zdenko in das kleine Zimmer geschritten, und Tschirill hatte die Thüre hinter ihm zugemacht.

Schöne Morgenstunden waren darauf über dies Waldhaus gezogen. Der Greis und der Jüngling hatten sich kennen gelernt; sie liebten sich wie Vater und Sohn, als die Sonne über den hohen Buchenwald, der gen Osten an das Haus grenzte, emporgestiegen war.

Die Luft war warm geworden, und sie traten hinaus durch die Fensterthür ins Freie. Dort stand eine Riesenfichte, an deren Fuße eine hölzerne Bank angebracht war. Auf dieser Bank war man, wie im Zimmer des mächtigen Baumes, vor den Sonnenstrahlen geschützt, denn die lang behangenen Zweige des Nadelholzbaumes, welcher auch im Winter sein langes Haar behält, bildeten ein undurchdringliches Dach. Darunter hin aber sah man gen Süden in die Berglandschaft hinaus, und genoß eine entzückende Fernsicht. Eine Wiese erstreckte sich von der Riesenfichte noch einige hundert Schritte abwärts, dann fiel steilab eine jähe Wand in die Tiefe, und weithin rauchte gleichsam in dem feuchten Dämmer der Bäche eine breite Schlucht, eingerahmt zwischen den Berghalden des hohen Buchenforstes. Jenseits der Schlucht thürmte sich Waldberg auf Waldberg, und über diesen am fernen Horizonte standen schneeweiß die ersten Alpenhäupter der Steiermark, die viel später erst ihr winterliches Kleid abzuschütteln pflegen.

– Gottes Erde ist hier absonderlich schön, nicht wahr? sprach Graf Zdenko, indem er sich auf die Bank unter der Fichte niederließ und Hans zu sich einlud. Schau, schau, die Rothkehlchen und Rothschwänzchen sind über Nacht angekommen, und die gelben Ammern alle, und die kleinen Sylvien! O, wie schön ist es, ein neues Frühjahr zu erleben, wenn man schon so viele erlebt hat, und alle die kleinen Unterschiede der Wiederkehr zu schätzen weiß! Die Wiederkehr von Gottes unwandelbarer Gnade, unwandelbar, weil sie auf der Treue ewiger Gesetze, auf der Treue ewiger Liebe beruht. – Bring' Brod herbei, Tschirill, damit wir unsern gastlichen Herd eröffnen für die gefiederten Kleinen, das erhöht ja unsere tägliche Morgenfreude, wenn wir die Brosamen austheilen können für den standhaften Appetit dieser geschäftigen Sänger oder Schwätzer. Ja wol, du kecker Spatz gehörst zu den Schwätzern.

Hans hielt diesen Augenblick für geeignet, seine Mittheilung anzubringen: daß der geheimnißvolle Aufenthalt hier oben wol heute noch entdeckt sein könne, und daß diese Entdeckung sicherlich schwere Gefahr in ihrem Schooße berge; daß der alte Graf sich also rüstig entschließen möge, noch heute diese Wohnung zu verlassen.

Der alte Herr schwieg auf diese Mittheilung, und sah wehmüthig in das Antlitz Hansens, welchem das ehrlichste Mitgefühl eingeprägt war.

– Ich traue diesem Eurem Vetter aus Schlesien nicht eben das Beste zu, und ich fürchte, er reißt Eure Ruhe auf den Markt eines unlauteren Treibens! setzte Hans zögernd hinzu.

– Ja wol, mein lieber junger Freund, ja wol! Ich weiß genug von diesem Vetter Rudolph, um Deine Besorgniß zu theilen. Laß mich Du zu Dir sagen! Diese einfache directe Anrede ist mir im Oriente und im langen Leben zum Bedürfniß geworden, unentbehrlich für diejenigen, denen ich Gutes zutraue. Deine Miene sagt mir, daß Du das Beste für mich empfindest. Reich' mir die Hand zum Troste für die schmerzliche Empfindung, welche Deine Nachricht in mir erregt hat.

Ja, fuhr der alte Graf fort, trotz so langer Uebung hab' ich mich nicht freimachen können von der Schwäche der Furcht. Die Natur hat mich nicht stark genug ausgerüstet, und kein Wissen, keine Weisheit überwindet die Sensationen unserer körperlichen Beschaffenheit. Dieser Vetter Rudolph will nichts von mir, als äußeren Vortheil. Um den zu erreichen, wird ihm jedes Mittel recht sein, auch das, mich ins Gewühl meiner Feinde hineinzuschleudern.

– Also brechen wir auf, sobald der Jäger heimkehrt mit den Rathschlägen Eures Gastfreundes bei den Schotten.

– Das nicht, lieber Hans, das nicht. So leicht, wenigstens, so rasch geht es nicht mit einem Greise, der nur durch strenge Regelmäßigkeit und Schonung den morsch gewordenen Leib zusammenhält. Langsame Fassung thut mir noth für Alles, was Thun und Handeln heißt. Habe Geduld mit mir! Allmälig finde ich immer noch einen höheren Standpunkt für die Peinlichkeiten, welche an mich herantreten. Nach ein paar Stunden vielleicht hab' ich ihn schon. Lass' mich ihn suchen. Sei mir behilflich. Hör' mich an! Ich mache mir in solchen Lagen gern den größeren Zusammenhang meines Lebens klar. Das erhebt mich gewöhnlich! ich fühle mich dann leichter und stärker, wenn ich mir klar mache, daß die Schicksale ergiebig sind für mich selbst, auch wenn sie wehthun, und daß es immer nur kleine Schritte sind, wie geräuschvoll sie auch anheben. Willst Du mich hören?

– Wie gern!

– Du stehst mir viel näher als Du ahnst. Hortleder hat mir seit Jahren von Dir geschrieben. Du bist mir bestimmt worden seit Jahren, und ich habe sehnsüchtig auf Dich gewartet. Du wunderst Dich? Es wird Dir einleuchten, wenn Du meinen Lebenslauf vernommen. Es kennt ihn Niemand ganz; auch Hortleder weiß eigentlich nicht viel von mir. Er ahnt es kaum, daß mein Aufenthalt in Jena vor sechzig Jahren der Ausgangs- und Mittelpunkt meines Lebens geworden ist. Nun wird es hohe Zeit – ich habe die Achtzig überschritten – es wird die höchste Zeit, daß ich mein Vermächtniß einem lebenden, einem tüchtigen Geschöpfe mittheile. Mein Vermächtniß! Nicht mein Gold. Das wird wahrscheinlich auch an Dich übergehen. Aber was ist das! Ein äußerlicher Kram, der nichts von mir an sich trägt, der unkenntlich von Hand zu Hand wandert. Meine Lebensgeschichte ist mein Vermächtniß. Meine Gedanken, die sich bewährt oder nicht bewährt haben in meinen Schicksalen. Ich habe sie aufgezeichnet; sie liegen da drinnen in einer großen grünen Mappe. Aufgezeichnet, so gut ich konnte. Denn das ist schwer. Nichts ist schwerer, als wahr gegen sich selbst zu sein, wahr vor sich selbst. Die Eigenliebe ist unser stärkster Freund und unser stärkster Feind. Sie verwandelt Alles, was uns selbst betrifft, sie bescheint Alles mit der Entschuldigung der Eitelkeit, mit der Verschönerung der Eitelkeit. Auch ich bin dieser Eitelkeit gewiß oft erlegen, aber ich kann mir nachsagen, daß ich redlich dagegen gekämpft. Schau, da ist sie schon wieder! Ist's nicht auch Eitelkeit, was ich mir da nachsage? Nun, ich kann nicht mehr, als ich kann, und ich glaube gern, daß es stärkere Menschen giebt. Die Race, von der ich stamme, die slavische, hat gewiß gute Eigenschaften, aber ihre Charakterkraft ist kaum so stark, als die Euch angeborne ist. Wir sind gewandter und rascher, Ihr von germanischer Herkunft seid tiefer und nachhaltiger. Ergänze Du mich also und lass' Dich von mir ergänzen. Dann hinterlasse ich einen Sohn, der uns Beide darstellt und mit gedoppelter Eigenschaft die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft fördert. Diese Förderung war das Ziel meines Lebens. Ich glaube, es ist das Höchste, was sich der Mensch zum Ziele setzen kann, denn die reinste eigene Ausbildung ist eingeschlossen; sie ist unerläßliche Vorbedingung. Ich hab' es nicht weit gebracht, das muß ich leider eingestehen, und unser religiöser Plan hat wenig Aussicht, ins Werk gesetzt zu werden. Du siehst, wie die Menschen schon wieder die Hand ans Schwert legen. Aber es ist doch etwas, Großes gewollt zu haben. Dieser Wille klärt uns und kann wol einen begabten Menschen verklären.

Höre denn, wie ich zu diesem Willen und in Folge dessen zu meinem Lebenslauf gekommen bin. Höre es in Kürze. Mich wird Sammlung überkommen, wenn ich es kurz zusammenfasse, und wer weiß, ob jene grüne Mappe voll leicht zerstörbaren Stoffes so lange dauert, bis Du sie Deinem Gedächtnisse eingeprägt.

Wir waren zwei Brüder; ich war der jüngere. Mein Vater war streng, meine Mutter war launenvoll, unser Besitz groß. Eine edle Tradition herrschte in unserer Familie und lebte stark in meinem Vater: Die Zierotins seien von Osten eingewandert aus dem Lande der Reussen, wo das Christenthum bekämpft und verfolgt worden sei. Unser Ahnherr sei Christ gewesen und habe sich und die Seinen der heidnischen Uebermacht entziehen wollen. All' seine weiten Ländereien mit dem Rücken ansehend, sei er der Sonne nachgezogen bis in das liebliche Hügelland, welches Mähren heißt; Frau und Kind mit ihm, und einige getreue Diener. Dort in einem weiten Thalbecken Mährens, wo sanfte Menschen wohnten, die ihm gefielen, sei er stillgestanden und habe sich angebaut. Fleißig und redlich habe er gearbeitet und gleichzeitig den Boden wie die Herzen jener Landschaft gepflügt. Die Bewohner jener Landschaft seien durch ihn Christen, der Boden ergiebig, er selbst ein reicher und glücklicher Mann geworden. Reich an äußeren Gütern, noch reicher an innerem Segen durch Ausbreitung christlicher Gedanken.

Auf dieser Sage ruhte und trieb die Tradition unseres Hauses. Das Christenthum der ersten Jahrhunderte in seiner Einfachheit und seinem evangelischen Sinne war das Ideal der Zierotin'schen Familie; und wie sehr sich im Laufe der Jahrhunderte Ritus und Dogma der Kirche ausweitete, überlastete und überspitzte, auf den Landgütern der Meinigen blieb der Drang nach Einfachheit und nach Werkthätigkeit der herrschende Grundton. So fand die Reformationszeit meinen Großvater, dessen ich mich noch deutlich erinnere. Er litt schwer von dieser Entwickelung. Ein strenger und sehr ordentlicher Mann, mochte er sich nicht zum Uebertritt entschließen, obwol seine Seele geneigt war, den Reformatoren Recht zu geben. Seinem Lehns- und Landesherrn treu ergeben, mochte er diesem nicht das Aergerniß bereiten, daß er als reichster Vasall des Landes mit öffentlichem Glaubenswechsel voranginge. Dieser innere Widerstreit machte ihn unglücklich; gegen das Ende seiner Lebenszeit wurde er tief melancholisch und er sprach höchst selten noch ein Wort. Ich hab' es nie vergessen, wie ich eines Abends zu seinen Füßen saß; ich liebte den stummen Greis. Er streichelte mir das Haar, er zog mich an seine Brust, seine Thränen fielen auf mein Antlitz, und zu meinem Erschrecken brach er in die Worte aus! »Folg' nur Deinem Herzen in dieser Welt, Zdenko, alles Andere ist eitel!«

In der Nacht starb er. Mein Vater hatte seinen Sinn geerbt, und wäre sicherlich übergetreten, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre. Er liebte sie zärtlich, und sie war eine gläubige Katholikin. Sie beschwor ihn, der katholischen Kirche treu zu bleiben und uns in ihren strengen Formen erziehen zu lassen. Er folgte ihr darin, daß er Katholik blieb, aber er beschwichtigte ihre Sorge um unsere Erziehung. »Die Buben sollen alles lernen,« sagte er bestimmt, »damit sie im Stande sind, das Beste zu wählen. Ist unser Glaube der einzig richtige, so werden sie durch eigene Wahl ihm angehören.« Und so sorgte er für unseren Unterricht auf eine ausgiebige und freisinnige Weise. – –

Höre aufmerksam zu, mein Sohn, ich komme jetzt schon an einen wichtigen Wendepunkt. – Ihr Germanen rühmt Euch gern, daß die Urzeit Eurer gesellschaftlichen Formen auf Freiheit und Gleichheit begründet gewesen sei, und Ihr seid leicht geneigt, auf uns Slaven geringschätzig herabzusehen in diesem Betreff. Ihr thut uns Unrecht, Ihr beurtheilt unsere ursprünglichen Sitten und Zustände falsch. Unter den Slaven ist von Hause aus die Gleichheit ein tiefgehender Grundgedanke. Die Titel und die Rangunterschiede waren uns immer fern und fremd. Das Unheil, welches uns bei Staatenbildungen verfolgt, beruht nur darin, daß unsere zahlreichen Stämme einander unterjocht haben, und daß die Unterjochten vernachlässigt oder tyrannisirt worden sind. Solchergestalt ist die Grundmasse in unserer Landbevölkerung einem Heloten- und Sklaventhum verfallen und für die slavischen Staaten zum Bleigewichte geworden. Ich weiß nicht, ob das noch zu bessern ist. Mein Vater hoffte es, und handelte auf seinen Gütern dieser Hoffnung gemäß, indem er die armen Leute zu heben und in ihrem Dienstverhältnisse bis auf einen gewissen Grad selbstständig zu machen suchte. In diesem Sinne nahm er auch einen Bauerknaben in unser Haus und ließ ihn mit meinem Bruder und mir erziehen. Der junge Bursch, auf unsern Pferdewaiden aufgewachsen, war ihm zu wiederholten Malen aufgefallen durch sein anstelliges und sehr unternehmendes Wesen, durch seine raschen und klugen Antworten und durch die geistige Kraft, welche aus seinem Antlitz leuchtete. Es war dies Antlitz sonst gar nicht einnehmend; der gemeine slavische Typus mit vorstehenden Backenknochen und großem Munde kennzeichnete ihn im Gegentheile als einen von der zahlreichen Masse, die von dem edleren Stamme unterjocht worden war. Aber, wie gesagt, eine große Energie in ihm schob die unschönen Formen in den Hintergrund und bestach meinen Vater. Der Knabe hieß Methodius, und er wuchs nun neben uns zum Jünglinge heran. Im Umgangswesen behielt er etwas Rauhes und Wildes, ich möchte sagen, etwas Grobes, und war deshalb meiner Mutter immer unangenehm. In allen Kenntnissen machte er reißende Fortschritte, und wir, mein Bruder und ich, waren kaum im Stande, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Namentlich in allen abstracten Wissenschaften, wie Mathematik und Logik. Er entwickelte dabei eine Fähigkeit des trockenen Denkens und Folgerns, daß jeder Streit mit ihm endlos wurde, weil er ihn in unabsehbare Spitzfindigkeiten hinausflocht und nie um eine neue überraschende Wendung verlegen war. Der kernige Inhalt des Streites ging dabei immer verloren, und der Eindruck wurde stets ein unbehaglicher; die Welt zerfiel Einem unter seinen Händen. Dem entsprechend war er anmaßend und durchaus nicht liebenswürdig. Dies hatte denn bald eine furchtbare Folge.

Methodius stammte von Einwanderern aus Galizien, welche zur griechischen Kirche gehörten. Meine Mutter wünschte, daß er zur katholischen übertrete, und da sie ein junges Bürgermädchen, Namens Anna, aus Wien mit sich gebracht hatte, welches im lutherischen Glauben auferzogen war und welches gleichzeitig zum katholischen Glauben übertreten sollte, so wurde auf Anordnung meines Vaters eine tägliche Religionsstunde angesetzt, in welcher vorzugsweise der Unterschied dieser drei kirchlichen Bekenntnisse gelehrt und erwogen werden sollte. Der alte Pfarrer unseres Städtchens übernahm die Aufgabe dieser Lehrstunde.

Der Pfarrer war ein bejahrter, von der Gicht geplagter Mann, dem es sehr beschwerlich wurde, täglich auf's Schloß hinaufzusteigen. Mein Vater sagte deshalb: das junge Volk kann täglich hinabgehen, und die Stunde kann in der kleinen Sacristei abgehalten werden. So wanderten wir denn täglich – mein Bruder, ich, Anna und Methodius – den schattigen Schloßberg selbander hinab nach der Sacristei und ließen uns dort belehren und examiniren. Zuweilen kam auch der Vater und hörte zu. Dann war der alte Pfarrer, ein sehr unterrichteter und begabter Mann, doppelt interessant und liebenswürdig und wußte das Thema durch merkwürdige Beispiele aus der Kirchengeschichte zu beleben. Er war ein listiger und geschickter Mann, der seinen Vortrag ganz nach dem Geschmacke der Zuhörenden einzurichten wußte. So kam es, daß ein so schwerer Stoff, wie der dogmatische, uns jungen Leuten anziehend und mir vielleicht von da an für's ganze Leben geläufig gemacht wurde.

Die Wirkung war aber für alle Vier eine vierfach verschiedene.

Mein Bruder, eine fröhliche, harmlose Natur, fand sich leicht damit ab. Er fand die Begründung jeder Confession anziehend, und hielt es nicht für nöthig, sich für eine derselben zu entscheiden.

Ich entschied mich für die protestantische Richtung und kränkte leider dadurch meine Mutter, obwol ich ihr gegenüber meine Vorliebe nur leise betonte. Um so lebhafter disputirte ich mit Methodius, der meines Erachtens ganz zur protestantischen Richtung gehörte, sie aber mit allen spitzfindigen Waffen der Bemängelung angriff.

Methodius entschied sich für das katholische Glaubensbekenntniß. Er that dies in geistvoller Weise, indem er die oft nur angedeuteten Ideen des Pfarrers geschickt und eigenthümlich ausführte. Dem Pfarrer gefiel dies sehr, und er wendete dem jungen Manne eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Meinem Vater schien es weniger zu gefallen, und es war mir zuweilen, als betrachte er den Pfarrer und Methodius mit mißtrauischen Blicken.

Anna endlich war nicht dahin zu bringen, daß sie eine entscheidende Aeußerung gethan hätte. Es war dies offenbar nicht Unverstand, sondern Zurückhaltung. Sie war ganz wohl begabt, und ihre Fragen und Antworten zeugten von klarer starker Auffassung; aber wenn es zum letzten Worte kommen sollte, schwieg sie hartnäckig.

Meine Mutter fand dies unverzeihlich und ließ es das arme Mädchen bitter entgelten.

Ich fand es reizend und liebenswürdig. O, welch' schöne Zeit war dies für mich – es war der Blüthen- und Fruchtkern meines Lebens. Ich war achtzehn Jahre alt, und die Welt gefiel mir, wohin ich blickte. Die Wanderungen hinab ins Städtchen nach der kleinen Sacristei waren mir ein unerschöpflicher Reiz. Daß die dunkelblonde Anna daran den größten Antheil hatte, wußte ich kaum. Erst ein leichter Anflug von Eifersucht machte mir's allmälig klar. Durch eine Lindenallee mit tiefem Schatten wanderten wir täglich da hinunter, und das schlanke Mädchen mit seiner Ernsthaftigkeit war der immerwährende Mittelpunkt all unserer Aufmerksamkeiten. Mein Bruder war überhaupt galant; es fiel mir nicht auf, daß er um Anna beflissen war. Methodius war sonst nichts weniger als galant, er war im Gegentheile rauh und ungefällig. Es mußte mich endlich befremden, daß er sich zu ihr drängte, daß er eifrig in sie hineinsprach, daß er ihr die Hand bot bei jeder Wurzel, bei jedem Wasserstreifen im Wege. Sie nahm die dargereichte Hand niemals an, aber er ließ nicht ab mit Zudringlichkeit. Ich ertappte mich auf einer unwilligen Empfindung gegen ihn, und weil ich von früh auf gewohnt war, mir über meine Empfindungen Rechenschaft abzulegen, so entdeckte ich das egoistische Bedürfniß in mir: Anna möge Niemand als mich in Anspruch nehmen für kleine Dienste, ja, Anna möge Niemand berühren als mich, sei's auch nur mit der Spitze des Fingers. Dazu kam ein Blick von ihr, ein Blick aus ihren großen blauen Augen, der mir wie elektrisch die Seele berührte. Es hatte uns ein Gewitterregen überrascht, sie war unter das Thürdach eines Weinkellers im Felde geflüchtet, und Methodius hatte sich ganz nahe zu ihr gestellt. Sie konnte nicht ausweichen. Da sah sie über seine Schulter nach mir herüber, der ich unter einem nahen Baume stand. Sie sah blos, aber ich meinte, sie spräche, sie spräche die rührendste Bitte aus: Schütze mich! Du allein, Zdenko, sollst mich schützen! – O, wie sprang ich hinüber, reichte ihr die Hand, zog sie hinüber unter den Baum, wo es besser sei, als unter dem Thürdache des Kellers! Ihre Hand hatte sich fest in die meine geschlossen, und als sie unter dem Baume losließ und purpurroth wurde, da war ich ein seliger Mensch. Ja, mein junger Freund, die Liebe ist der unmittelbare Hauch Gottes auf Erden! von diesem Blicke habe ich über sechzig Jahre gelebt und Entzückung gesogen, er hat mir seine Zauber nie versagt in der Erinnerung.

Wie ein mystisches Heiligthum steht in dieser Erinnerung die kleine Sacristei. Sie hatte ein einziges, eng vergittertes Fenster, durch welches man auf einen Rasenabhang zum Flusse hinab und über diesen hinweg in ein hügeliges, von Fruchtbarkeit strotzendes Land blickte, so weit das Auge blickte, unser Eigenthum. An einem großen runden Tische von Eichenholz saßen wir neben dem alten Pfarrer; rechts von ihm mein Bruder, neben ihm Anna, links von ihm ich, neben mir Methodius. Wenn ein Sonnenstrahl durch das vergitterte Fenster hereindrang, so zitterte er auf Annas lichtbraunem Haare wie Gold, und ihre großen klaren Augen leuchteten wie verklärt. Sie hatte die weißeste Haut, und ihr Antlitz war leicht geröthet. Niedergesenkten Auges hörte sie zu, offenbar immer gesammelt. Nur wenn sie gefragt wurde, hoben sich die Augenlider, und der erste Blick traf immer mich, als ob sie mich um Unterstützung bitten wollte für ihre Antwort. Denn in den Grundregeln, welche ihr die protestantische Mutter eingeflößt, felsenfest und unerschütterlich, war sie immer im Widerspruche gegen die Lehren des Pfarrers, und hielt diesen Widerspruch standhaft aufrecht, wenn sie auch nicht die Fähigkeit zu Streitreden hatte und sich mit einfachem, einmaligem Ausdrucke ihrer Ansicht begnügte. An mich also wies sie immer stillschweigend die Führung des Streites, und ich übernahm ihn stets mit Bereitwilligkeit. Denn das ist ja das Wesen der Liebe, daß man sich immer bereit fühlt, beizustimmen oder wenigstens zu helfen. Vielleicht bin ich nur dadurch so früh und so ganz zur Parteinahme für die religiösen Reformfragen gedrängt worden, weil ich mein geliebtes Mädchen unterstützen wollte. Das Beste unseres Geistes wächst ja immerdar aus unserm Herzen.

Ach, die Katastrophe rückte dadurch nur um so eiliger heran. Der Pfarrer klagte bei meiner Mutter über das starrsinnige Mädchen, und meine Mutter, zum Fanatismus geneigt, überhäufte Anna mit Vorwürfen.

Ich fand das arme Mädchen in Thränen und suchte vergeblich sie zu trösten. Sie verrieth mir kaum, weshalb sie weine, weil sie um keinen Preis die Veranlassung werden wollte, daß der Sohn gegen seine Mutter in die Schranken trete. Sie verrieth mir noch weniger, welch' andere Pein auf ihr laste. Viel später erst erfuhr ich durch einen Diener, daß Methodius die arme Anna mit Zudringlichkeiten verfolge, noch später – und als es schon zu spät war für jede Hülfe – kam es zu Tage, daß er dem armen Mädchen Anträge gemacht, sie zu entführen, damit sie mit einem Male all diesen Anforderungen meiner Mutter entrissen werde. Sie könne dann ungehindert bei ihrem Glauben verbleiben, ja er selbst wolle zu demselben übertreten und sie heiraten. In Böhmen, wo die neue Lehre an vielen Orten allmächtig sei, werde man ihn als übertretenden Gottesgelehrten – denn er war wirklich wissenschaftlich dafür ausgebildet – mit offenen Armen aufnehmen und als Prediger anstellen. Es blühe ihnen dann eine gesicherte, glückselige Häuslichkeit, unabhängig von den Gnadengaben vornehmer Leute, welche sein und ihr Herz schon lange erniedrigten.

Als dies Alles abprallte an dem starren Widerwillen, welchen Anna gegen ihn hegte, war er zu meiner Mutter gegangen und hatte ihr unter heuchlerischer Betrübniß hinterbracht: es bestehe offenbar ein Liebesverhältniß zwischen mir und Anna, und ich hätte ihr unter feierlichem Schwur die Ehe versprochen und meinen Uebertritt zur evangelischen Kirche. Das Verhalten meiner Eltern brauche sie nicht zu bekümmern. In der nächsten Zeit freilich könnte ich's diesen nicht eingestehen und nicht zugeben, aber ich sei bald mündig, und dann würde ich handeln. Ich würde nach Sachsen reisen und würde sie unter sicherem Geleite nachkommen lassen. Deshalb sei ich schon jetzt mit einem Vetter Annas, einem Theologen Hortleder zu Jena, in brieflicher Verbindung.

Letzteres war begründet. Der Vater Annas war aus Sachsen eingewandert, und Anna hatte einige Male hinausgeschrieben »ins Reich«, um einer kleinen Erbschaft wegen anzufragen. Von einem jungen Gelehrten, Namens Hortleder, welcher zu dieser Verwandtschaft gehörte, hatte sie Antwort und Auskunft erhalten, und er hatte sie allerdings auch ermahnt, ihrem Glauben treu zu bleiben. Einen solchen Brief hatte sie mir einmal auf meine Bitte mitgetheilt, und mich hatte, wie dies bei jungen Enthusiasten zu gehen pflegt, die Schreibart und der Charakter des fernen Gottesgelehrten eigenthümlich angesprochen. Schwärmerisch für die Entdeckung des rechten Glaubens, wie ich war, hatte ich an ihn nach Jena geschrieben und einen Briefwechsel über das kirchliche Thema mit ihm eingeleitet. Redselig, wie ein schwärmerischer Jüngling zu sein pflegt, hatte ich so viel davon gesprochen, daß Methodius den Zusammenhang errathen hatte, und aus diesem losen Faden hatte er kaltblütig den Strick gedreht, welcher mich und Anna erwürgen sollte.

Es war ein trüber Herbstabend, als mich der Diener ins große Wohnzimmer beschied. Der Vater und die Mutter wollten mich sprechen. Mein Weg führte durch einen gewölbten Gang am Zimmer Annas vorüber. Zu meiner Ueberraschung stand sie an der halb geöffneten Thür. Sie sah wie erstarrt aus, und ihr Antlitz hatte etwas Steinernes.

»Was ist Dir, Anna?« fragte ich erschreckt.

»Ich warte auf Dich«, erwiderte sie mit kaum hörbarer Stimme. »Man hat auch mich ins große Zimmer beschieden zu Deinen Eltern. Man wird Gericht über mich halten.«

»Warum?«

»Weil ich ein ausgestoßenes, verlorenes Geschöpf bin, und weil Methodius mich verklagt haben wird.«

»Methodius?«

»Er hat mich heute Mittag hier in meinem Zimmer überfallen, hat mir wie ein Wilder von seiner Zuneigung gesprochen, hat, da ich ihn zurückwies, die Hand an mich gelegt –«

»Um Gotteswillen!«

»Ich hab' ihn zurückgestoßen und wollte entfliehen. Die Thür war verschlossen – er verfolgte mich – ich sprang aus dem Fenster –«

»Anna!«

»Du siehst, ich bin am Leben; nur der Kopf ist mir erschüttert, und ich zittere noch. – Als ich nach längerem Zögern wieder ins Haus kam, sah ich ihn ins Zimmer Deiner Mutter treten. Nach einer Stunde erst ist er wieder herausgekommen. Ich kenne ihn: er hat mich angeklagt. Dann hörte ich, wie Dein Vater gerufen wurde, dann – nach langer Pause – kam der Diener zu mir. Von mir ging er zu Deinem Bruder und zu Dir. Man will Gericht über mich halten – in Gottes Namen! Ich hab' auf Dich gewartet, um Dich zu bitten –«

»Bitte mich nicht, Anna! Es wäre ja empörend, wenn Du mich bitten müßtest, daß ich mich Deiner annehmen solle. Das versteht sich ja von selbst. Vernichten will ich den Buben, und meinem Vater wie meiner Mutter will ich –«

»Das ist's eben, was ich bitte, lieber Zdenko – Du sollst Dich nicht mit Deinen Eltern verfeinden um meinetwillen. Das wäre mein größter Schmerz. Deine Mutter haßt mich einmal, es wäre alles umsonst, und Du würdest nur mit hineingezogen –«

»Sprich nicht so, Anna! Oder weißt Du nicht, was mein Herz Dir –«

»Sag's nicht laut, lieber Freund, mein einziger Freund auf dieser Welt, sag's nicht laut«, und dabei wurde ihre Stimme zum leisesten Flüstern, und sie drückte meine Hand, »sag's nicht laut, daß Du mir Dein Herz schenkest. Ich weiß es – es ist mein Glück auf dieser Erde. Aber es soll's Niemand erfahren, Zdenko, Niemand. Wenn's laut würde, brächte es Dir Unglück –«

»Anna!«

»Versprich mir, daß Du Dich nicht hineinmischen, daß Du Dich schweigend verhalten willst! Nichts ist mir so schrecklich, als daß ich Dich mit Deinen Eltern entzweien sollte. Das könnte mich zum Aeußersten treiben. – Dort kommt Dein Bruder, geh'!«

Sie war in ihr Zimmer zurückgetreten und hatte die Thür hinter sich zugezogen. Ich weiß noch heute nicht, wie ich fortgekommen; wahrscheinlich hat mich mein Bruder weggeführt. Ich erinnere mich nur, daß bald darauf in dem großen Raume, den meine Mutter bewohnte, ein förmliches Gerichtsverfahren im Gange war, daß mein Vater in heftigem Zorne hin- und herging, daß Methodius neben meiner in einem Lehnstuhle sitzenden Mutter stand, daß mein Bruder neben mir war und mich an der Hand hielt, und daß Anna inmitten des Raumes bleich und zitternd und schweigend sich verhielt bei der langen Anklagerede, welche ihr meine Mutter entgegenschleuderte.

Diese Anklage schloß damit, daß Anna, falschen, verstockten Gemüthes, darauf ausgehe, die jungen Männer des Hauses durch gefallsüchtige Kunststücke an sich zu ziehen und unter einander zu verhetzen.

Ich wollte vorspringen und sprechen; aber mein Bruder hielt mich an der Hand fest und flüsterte: »Warte!« Anna ihrerseits machte eine ablehnende Bewegung mit der Hand gegen mich und schüttelte leise ihr Haupt.

Meine Mutter bemerkte beides und gerieth dadurch völlig außer sich. Eine geheime Uebereinstimmung zwischen uns erschien ihr offenbar. Mit größter Heftigkeit rief sie: »Nun denn, wenn der Herr der Familie hier nicht einschreitet, so bin ich genöthigt, das Haus zu verlassen, damit dies unmoralische Treiben wenigstens nicht vor meinen Augen fortgesetzt wird«.

»Wanda!« entgegnete mein Vater mit starkem, gebieterischen Tone, den meine Mutter selten zu hören hatte, den sie aber fürchtete. Sie schwieg. Mein Vater trat jetzt zu Anna und fragte sie mit gedämpfter Stimme: »Hast Du diese Vorwürfe verdient?«

Anna zitterte. Man sah, daß ein heftiger Kampf in ihrem Innern vorging.

»Hast Du diese Vorwürfe verdient?« wiederholte er in gesteigertem Tone, welchem man abmerkte, daß die Zögerung Annas ihn in der üblen Meinung von ihr bestärkte, welche er nicht fassen gewollt hatte bei der leidenschaftlichen Anklage meiner Mutter.

Wieder trat eine kurze Pause ein nach der wiederholten Frage, dann bewegten sich, zuerst tonlos, Annas Lippen, und endlich bildeten diese Lippen ein Wort, und der Athem gab diesem Worte einen matten Laut, und diesen Laut verstanden wir Alle, er hieß: »Vielleicht!«

Ein allgemeiner Aufschrei war die Antwort der Zuhörer. Mein Vater war erstaunt und entrüstet, meine Mutter triumphirte, Methodius mochte höchlich überrascht sein, mein Bruder war betroffen, und ich war überzeugt, daß Anna um jeden Preis ein Ende machen und sich opfern wolle. »Ihr foltert sie so«, rief ich entrüstet, »daß sie zur Unwahrheit flüchtet, um nur dieser unwürdigen Behandlung ein Ende zu machen!«

»Du schweigst, Zdenko!« donnerte mir mein Vater zu, und an Methodius sich wendend, fuhr er fort: »Was weißt Du von alledem? Rede!«

Methodius, ein kaltblütiger Bursche, nahm sich Zeit, und entwickelte dann in langsamer Rede ein erschreckend künstliches Netz von Verdächtigung. Allerdings habe Anna keine Anlage zu religiösem Sinn, allerdings habe ihr statt dessen die Natur eine eigenthümliche Kraft der Verlockung zugetheilt, allerdings bediene sie sich derselben gegen die Männerwelt mit einer verwirrenden Flatterhaftigkeit. Aber ihr soeben vernommenes »Vielleicht!« verrathe doch auch, daß sie selbst bereits der üblen Wurzel inne geworden, und wahrscheinlich fernerhin zur Vorsicht und Enthaltsamkeit geneigt sein werde.

Ich habe kaum je eine solche Pein empfunden, als bei Anhörung dieser langen Rede. Immer wollte ich dazwischen hineinrufen, und immer wieder entzog mir der tückische Redner die Möglichkeit, indem er die falsche Aussage mit einer wahrhaftigen Bemerkung in Sicherheit stellte. Als er schloß, war das arme Mädchen eingesponnen in die Verdächtigung, wie eine Mücke in das Gewebe der Spinne.

Die Angelegenheit des armen Mädchens war jetzt in größter Gefahr, denn ihre Rettung beruhte nur auf der Thatkraft meines Vaters. Er besaß diese Thatkraft, aber er wurde jetzt irre an Annas Charakter. Unsicher blickte er auf sie, blickte er auf mich, blickte er auf Methodius. Endlich faßte er sich kurz und herrschte unwillig Methodius an, indem er sagte: »Das sind unklare Reden, die Du da vorbringst. Sie verdunkeln, statt aufzuhellen. Nenne Thatsachen!«

»Ich will sie Dir nennen!« fuhr meine Mutter dazwischen. »Dieses ketzerische Mädchen unterhält Liebschaften mit diesen drei jungen Menschen. Am liebsten gewänne sie unseren Aeltesten. Er hat sich aber am gleichgiltigsten gezeigt –«

»Um Gotteswillen, Mutter«, unterbrach sie mein Bruder, »wie kommst Du zu diesem Irrthume?«

»Unterbrich mich nicht! Du weißt in Deiner Unerfahrenheit gar nicht, was um Dich vorgeht, und Du selbst hast nicht bemerkt, was Andere bemerkt haben. Kurz, weil Du Dich gleichgiltig verhieltest, ist sie mit ihrer Coquetterie zu Zdenko übergegangen und hat bei diesem all das Entgegenkommen gefunden, das sie gesucht hat –«

»Mutter!«

»Schweig, Zdenko!« sagte streng mein Vater.

»Ein Entgegenkommen in allen Richtungen, auch in denen der Ketzerei«, fuhr meine Mutter fort. »Sie hat ihn in Verbindung gesetzt mit luther'schen Geistlichen in Deutschland, welche ihre Sendlinge hierher schicken sollen auf unsere Herrschaften, um unsere Unterthanen vom katholischen Glauben abfällig zu machen. Sie hat ihm ihre Liebe versprochen unter der Bedingung, daß er zum Lutherthum übertrete und sie heirate, und zu dem Ende hat sie verlangt, daß er sie entführe und sich in Brünn mit ihr copuliren lasse von einem luther'schen Missionär, welcher dort sein Wesen treibt. Zdenko ist mit allem einverstanden gewesen, weil er leider wirklich eine sträfliche Schwäche hegt für ketzerische Lehren. Aber so schwach wie er in diesem Punkte ist, so schwach ist er auch in der Fassung eines Entschlusses und in der Ausführung desselben. Er hat geschwankt und gezögert, und sie hat sich nach Hilfe umsehen müssen. Diese Hilfe hat sie in Methodius zu finden geglaubt. Und diesen zu gewinnen, hat sie ihm auch ihre Neigung in Aussicht gestellt, und ihm begreiflich gemacht, daß er die größten Vortheile finden werde, wenn er Zdenko in Ausführung des Unternehmens kräftig unterstütze. Du, der Vater, würdest Zdenko wegen eines solchen Schrittes nicht übermäßig zürnen, denn auch Du sei'st im Punkte des Glaubens neutral, und Du würdest Zdenkos Erbschaft oder Aussteuer um nichts verkürzen. Im Gegentheile: um hier im Hause Frieden zu haben, würdest Du ihm sogleich eine entfernte Herrschaft zum Eigenthum übertragen. Dort würde Methodius, nachdem er ebenfalls zum Lutherthum übergetreten, als sogenannter Superintendent der neuen Lehre eingeführt, und mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten könnte er, von der Herrschaft geschützt, eine Apostelrolle beginnen, welche ihn zu Macht und Ehren führen müsse. Das Alles sollte nächster Tage ins Werk gesetzt werden und wäre vielleicht auch ohne ihn ins Werk gesetzt worden, wenn mir nicht heute Methodius, von seinem Gewissen bedrängt, ein volles Bekenntniß all dieser Umtriebe abgelegt hätte. Nun weißt Du, regierender Graf Zierotin, an welchen Abgrund Deine Familie gebracht worden ist durch dies verschmitzte Ketzerkind, und wirst nun meine unüberwindliche Antipathie gegen dies Geschöpf, wirst meinen Zorn, wirst mein Verlangen nach energischem Handeln begreifen.«

Mir war während dieser Rede meiner Mutter und unmittelbar nach derselben, als ob der ganze Himmel in Feuerströmen niederregne auf die Erde, und Alles verzehre und zerstöre. Das Ganze für Lüge haltend, erschrak ich doch ein Mal um das andere vor der furchtbaren Aehnlichkeit der Phantasien, welche ich im Traume, ja selbst wol im halbwachen Zustande gehabt. Was wahr, was unwahr, was möglich, was unmöglich, was wirklich, was nur gedacht sei in meinem Leben, es flogen die wirren Bilder wie Feuerströme durch meinen Kopf, und mitten durch Alles hindurch sauste auch der abscheuliche Gedanke: du bist ein unerfahrener, junger Mensch, am Ende ist ein Mädchen doch etwas ganz Anderes als du ahnst; am Ende hast du all diese Anfänge und Plane nur nicht erkannt, und am Ende sind sie doch alle vorhanden gewesen.

Alles schwieg; nur ein leises Stöhnen Annas, jeweilig aus ihrer Brust hervorbrechend gegen ihren Willen, unterbrach die Stille. Sie war so in sich zusammengesunken, daß man von ihrem Auge nichts mehr sah, ja daß selbst ihr niedergeknicktes Antlitz durch das vorfallende Seitenhaar fast ganz verdeckt wurde.

Mein Vater, uns alle der Reihe nach ansehend, unterbrach endlich die Stille und sagte zu Methodius: »Tritt vor! – Du, Bursche«, fuhr er fort, »hast das Alles meiner Frau erzählt?«

Bei diesen Worten kam ich zu mir, denn ihr Ton deutete an, daß mein Vater zweifelte.

Ich sah zum ersten Male, daß der sonst immer dreiste Methodius, als er auf diese Anrede meines Vaters vortrat, erblaßte; ich schöpfte tiefen Athem, als ob ich wieder in die Bedingungen der Wirklichkeit zurückversetzt würde.

»Du mußt Dich besinnen, Bursche, ob Du Ja oder Nein sagen sollst?« setzte mein Vater noch schärfer hinzu, indem er ganz nahe an Methodius hintrat und – wie es einen Augenblick schien – die Hand nach ihm ausstrecken wollte.

»Ja oder Nein?« sagte Methodius mit einer an ihm unerhörten matten Stimme.

»Nun? Vorwärts!«

»Der Herr Graf hat's getroffen«, begann Methodius stockend, »Ja oder Nein ist hier nicht so weit auseinander, als es sein sollte –«

»Wie?!« rief meine Mutter.

»Ruhe!« gebot mein Vater. – »Fahr' fort!«

»Ich habe gewiß dies Alles gesagt, ich habe wahrscheinlich noch viel mehr gesagt, denn ich bin seit gestern in fieberhafter Aufregung, die ich mein Lebtag nicht gekannt. Unwahres habe ich nicht gesagt, aber vielleicht Unkluges.«

»Deutlicher!«

»Das Auge dieses Mädchens – ich muß es in Zerknirschung bekennen – übt auf all meine Sinne, auf all meine geistigen Kräfte eine berauschende Kraft aus. Was ich höre und sehe, während sie mich anblickt, das höre und sehe ich wie hinter einem Berge, wie hinter einem von Sonnenstrahlen durchschimmerten Schleier. Ich kann es nicht genau wiederholen, denn es ist immer undeutlich für mich gewesen. Was ich davon der gnädigsten Gräfin berichtet, ist also vielleicht nicht wörtlich genau gewesen. Aber sein Inhalt ist gewiß richtig, ist wenigstens richtig. Die ärgsten Dinge habe ich gar nicht auszusprechen gewagt, um der armen Anna nicht Unrecht zu thun. Ich muß nämlich zu meiner Beschämung eingestehen, daß meine Phantasie immer in ungeheuren Sprüngen mitgeeilt ist, wenn sie mir von Planen der Zukunft sprach – ich war eben berauscht – und jetzt hinterher scheint es mir unmöglich, genau das auszusondern, was sie gesagt, und was ich hinzugedichtet. Eine Entführung und Heirat Zdenkos, ein Uebertritt zum Lutherthum, eine Bekehrungsmission im nördlichen Mähren, dies war das Geringste und Nüchternste, was in Rede stand. Das Weitere hab' ich verschwiegen, weil es vielleicht nur meinen Verzückungen angehört hat. Das ganze Land, das ganze Reich sahen wir auf Plätzen und Angern in Sonntagskleidern; es jauchzte uns entgegen als einer Apostelfamilie, uns Dreien: dem Zdenko und mir, welche die Anna einherführten als die Geliebte unserer Herzen, als die Königin eines neuen Babylon, als die Begründerin einer neuen Ehe von zauberhafter Ausdehnung. Sie war uns die Wiedertäuferin, eine Johanna von Leyden, welche die Vielweiberei des Propheten von Münster umwandelte nicht in Vielmännerei – der Ausdruck klang zu profan – aber doch in eine ganz andere, weitere Form, in welcher das Weib die herrschende und freie Rolle übernähme. Alle Frauen nahmen Partei für unsere Lehre und folgten uns von Ort zu Ort. Das ganze Leben wurde eine allgemeine Wallfahrt im milden Sonnenscheine, alle Unterthanenbande lösten sich, alles Gold und Geld wurde uns zugetragen –«

»Verrückter Bursch', hör' auf!« unterbrach ihn mein Vater. »Was sollen uns die Auswüchse Deines sinnverwirrten Hirns?!«

»Sie sollen Euch, gnädigster Herr Graf, zeigen, daß ich außer Stande bin, einfach Ja oder Nein zu sagen auf die Frage, ob ich der Frau Gräfin die Wahrheit berichtet. Sie sollen zeigen, daß ich eher zu wenig, als zu viel gesagt. Ja, sie ist eine Zauberin, und wir jungen Leute unterliegen ihrer Macht, sicherlich, weil wir in Verstandesüberhebung von unserer Religion entfernt worden sind. D'rum habe ich für meinen Theil heute mit Sonnenaufgang ein Gelübde gethan, mich für mein Leben lang in die Zelle eines Ordens zurückzuziehen, und die Sünden meiner sinnlichen Phantasie abzubüßen. Dies Gelübde hat mir die verlorene Fassung zurückgegeben, und frei von jeder Befangenheit kann ich jetzt rufen: Anna, geh in Dich und sage Dich los vom Ketzerthum. Denn aus ihm strömt der höllische Zauber, welcher von Dir ausgeht und die Männer zu Frevelthaten fortreißt; aus ihm entspringt Dein Ehrgeiz, die Hand und den Reichthum des jungen Grafen Zdenko an Dich zu reißen. Und Dir, Zdenko, rufe ich zu: Laß ab von der leichten Beweglichkeit Deiner Gedanken, welche nichts Festes anerkennen und auch für den Glauben einen alltäglichen Beweis verlangen, lass' ab und bescheide Dich; denn dies Mädchen ist Dir nur bestimmt, wenn sie im Schooße unserer Kirche gereinigt worden von den Schlacken des Hochmuths und der Begehrlichkeit, und wenn Du selbst wieder eingekehrt bist in die Hütten –«

»Schweig' still, Du Bursch, von pfäffischer Gewandtheit,« unterbrach ihn mein Vater. »Deine Windungen sind mir offenbar, und Deine heuchlerischen Rathschläge werf' ich zum Fenster hinaus, wie Dich zur Thür. Verlass' mein Haus auf der Stelle und folge Deinem Berufe; er wird Dir leicht werden, denn Du bist ein geborner Pfaff!«

»Ladislaus!« rief meine Mutter in größter Ueberraschung und Empörung und sprang von ihrem Sitze auf.

»Steigere meine Entrüstung nicht durch Einwendungen,« entgegnete mein Vater blitzschnell. »Du hast in mir das Haupt der Familie zur Entscheidung aufgerufen, nun trage sie. Ich durchschaue diesen verschlagenen Burschen ganz und gar. Seine eigene Zudringlichkeit gegen das Mädchen hüllt er in überspannte Redensarten, und um diese wirksam und wichtig zu machen, zerrt er in all seine Ausflüchte die religiösen Fragen hinein, welche in Wahrheit gar nichts damit zu schaffen haben. Nebenbei verhetzt er uns als Familienglieder gegen einander, und spielt eine herzlose Ueberlegenheit vor uns ab, die solchem lügnerischen Burschen gar nicht zusteht. Darum hinaus mit solchem Störenfried auf Nimmerwiederkehr!«

»Dem widersetze ich mich mit all meinen Kräften!« erwiderte meine Mutter in gedrücktem Tone zorniger Aufregung. »Methodius ist der einzige Mensch in diesem Schlosse, welcher unserer heiligen Kirche wahrhaft angehört. Ihr seid alle Zweifler und dem Unglauben näher, als dem Glauben. Ich will nicht den einzigen Trost entfernt sehen, welcher mir unter solchem Unglück zur Seite stehen kann.«

»Wanda!«

»Ich bestehe darauf. Die Dirne soll hinaus, Methodius bleibe.«

»Nun denn –!«

Hier stockte der greise Erzähler. Die schmerzliche Erinnerung an diese Scene seiner Jugend übermannte ihn. Er hielt die Hand vor die Augen, und sein Haupt sank auf die Brust.

Hans wagte es nicht, die traurige Stimmung durch ein Wort zu unterbrechen. – Ein leichter Windhauch fächelte durch die Zweige der großen Fichte; einzelne abgestorbene Nadeln lösten sich in der wärmer werdenden Frühlingssonne und fielen zwischen die schweigenden Männer herab. –

Nach langer Pause ermannte sich der Greis, nahm die Hand von den thränenfeuchten Augen, richtete sich empor, und sah über die besonnte Schlucht hinaus nach den fernen Bergen.

Der Blick kehrte allmälig in das starrende Auge zurück, und er streckte dem besorgt zusehenden Hans die Hand entgegen, leise sprechend:

– Die Sonne kehrt immer wieder, mit ihr der Frühling, Gott ist ewig, unsere Schicksale und Schmerzen sind kaum ein Staubkorn in seiner Welt; wir müssen uns bescheiden in unserer Kleinheit. – Ein gewöhnliches Menschenleben, eine Zeit von mehr als sechzig Jahren ist seit jenem Auftritt vergangen, und doch bin ich, mein lieber junger Freund, noch im Stande, die einzelnen Ausdrücke wieder zu geben, welche nun folgten. Alle verhaltenen Leidenschaften kamen zum Ausbruch. Mein Vater verlor die mühsam erhaltene Fassung, als er sah, wie meine Mutter ihre ganze Familie hintansetzte, um einem aufgestachelten Glaubenseifer zu dienen; er gab einer Wildheit Raum, welche in ihm wohnte und welche sonst immer streng und kräftig von ihm gezügelt wurde, er vergriff sich körperlich an dem heuchlerisch dreinsprechenden Methodius – vorüber, vorüber, es zerstört mich, diese fürchterlichen Scenen in Worte zu fassen! Meine Mutter, fanatisch wie sie war, vergaß, daß mein Vater auf solchem Höhepunkte der Gereiztheit keinen Widerspruch vertrug, sie wollte sich des Methodius annehmen – vorüber! Sie flüchtete zu uns, zu ihren Söhnen, und schmähte doch mich, während sie dies that, und mußte von meinem Bruder hören, daß er sie schützen werde mit seinem Leibe, daß er aber ihre bigotte Einmischung ins Familienleben tief beklage – kurz, unsere Familie, übrigens so gut und lieb, bot plötzlich das Schauspiel rohester Zerrissenheit, und ich mußte es als ein Glück betrachten, als mein Bruder endlich die Mutter hinweggeführt hatte.

Mein Vater war ans Fenster getreten, das er aufriß, um Luft zu schöpfen, Anna erhob sich mühsam vom Boden. Willenlos nahm sie meine Hand zur Hilfe an, willenlos ließ sie sich von mir hinausgeleiten bis an die Thüre ihres Zimmers. Dort erwachte sie gleichsam erst, ein Ruck flog durch ihren ganzen Körper, sie sah mich an mit einem Blicke des Schmerzes, den ich nie vergessen habe, und fiel mir plötzlich unter einem markerschütternden Schluchzen um den Hals, mich krampfhaft an sich pressend. Das sonst so scheue, zurückhaltende Mädchen!

Ich erschrak im Innersten, und eine gräßliche Ahnung stieg in mir auf.

»Anna, um Gotteswillen!« rief ich.

»Still, Zdenko, still,« flüsterte sie, »es kommt nicht wieder. Das Schlimmste, was ich immer gefürchtet, ist eingetreten: ich habe dies Haus meiner Wohlthäter und Freunde und – meiner Liebe zerstört – sag' nichts dagegen, lieber Zdenko, ich weiß es, ich fühle es zu tief – thu' Alles, thu' Alles, ich bitte Dich herzlich, den Frieden wieder herzustellen, und – denke meiner in – Wohlwollen und – Güte!«

Mit dem letzten, kaum verständlichen Worte hatte sie ihre Thüre geöffnet und war hineingetreten, und – hatte sie hinter sich geschlossen.

Bang, unsicher wankte ich fort.

Der Abend und die Nacht waren von ärgster Pein. Jedermann blieb auf seinem Zimmer, und die Diener fragten verstört, ob die unberührt gebliebene Abendtafel abgeräumt werden sollte.

Ein heftiger Regen goß vom Himmel die ganze Nacht hindurch, spät erst, spät, ich weiß nicht wann, war ich angekleidet aufs Lager gefallen, und ein dumpfer Schlaf hatte sich meiner bemeistert. –

Als ich aufwachte, stand meines Vaters alter Leibdiener vor mir. Er hatte mich aufgerüttelt, und hielt mir ein Blatt Papier entgegen. Ich griff darnach; es war Annas Handschrift. Die Worte lauteten! »Lebe wohl, Zdenko, Du Geliebter meiner Seele, lebe wohl für diese Erdenwelt. Ich vergebe Deiner Mutter, ich danke Deinem Vater, ich grüße Deinen Bruder, und gehe gefaßt von hinnen, damit diesem Hause der Frieden wiederkehre. Meinen Glauben, der einfach aufschaut zu Jesu Christo unserm Heiland und seinem himmlischen Vater, hätte ich niemals verläugnen können, und auf die Dauer hätte ich doch auch nicht verläugnen dürfen, daß ich alles Andere für Abgötterei halte. So wäre ich für Deine Mutter stets ein Störenfried und böses Wesen geblieben. Uebernimm Du, der mir sein Herz geschenkt, und dem ich mit dem ganzen Blute meines Herzens angehöre, übernimm Du die Erklärung meines Opfers, wenn es ein Opfer heißen darf, und erzähle meinem treuen Vetter Hortleder in Jena, wie Alles gekommen ist, wie Alles nothwendigerweise also hat ausgehen müssen. Suche ihn auf, ich bitte Dich darum, höre seine Lehren aufmerksam an in meinem Gedächtniß. Seine Lehren sind rein und gut, sie werden Dir wohlthun, und durch Dich der Welt. Ich scheide als Deine Braut, und wenn Du einst eine Frau zum Altare führst, so sage ihr, daß ich sie segne. Für Zeit und Ewigkeit – Deine Anna.«

Die Stimme brach dem Greise, als er diese Worte langsam gesprochen. Zwei große Zähren rollten über seine Wangen, und er griff in sein Gewand über der Brust, eine Kapsel hervorziehend, welche an einer seidenen Schnur hing. Ein Druck seines Fingers öffnete die Kapsel. Eng zusammengefaltet, vergilbt und morsch durch die Länge der Zeit, lag jenes Blatt Papier darin. Mit zitternder Hand entfaltete er dasselbe. Die Zähren fielen darauf.

– Lang wird sein dürftiger Stoff nicht mehr bestehen, sagte er leise vor sich hin, aber mein Leben hat er doch ausgedauert, und Du, lieber Hans, den meiner Anna treuer Vetter mir noch vor dem Abscheiden gesendet hat, Du sollst ihn an Dich nehmen, wenn meine Stunde gekommen ist, die mich mit ihr vereint. Ein Talisman, ein Talisman der Ergebung, wird er Dir wohlthun Dein Leben lang. –

Hans küßte ihm voll Rührung die Hand und wagte nicht, zu fragen. Nach kurzer Pause fuhr der Greis – nicht ohne Anstrengung – in seinem Berichte fort:

– Erschrocken zum Aeußersten sah ich dem alten Diener fragend ins Angesicht. Er hob den Arm und zeigte nach dem Fenster. Mein Zimmer lag über dem Zimmer Annas. Die Aussicht ging auf einen parkartigen Wald. Ganz vorn an demselben, nur etwa hundert Schritte vom Schlosse, war ein runder tiefer Weiher von Schilfpflanzen eingeschlossen. Entsetzt verstand ich die Armbewegung des Dieners, sprang auf und stürzte zum Fenster. Da lag es vor mir, das Unglück. – Wie zum Spott brach eben die Morgensonne durch den nachlassenden Regen, und ich sah den Leichnam meiner Anna auf dem Gewässer schwimmen, das bleiche Antlitz oben, wie gen Himmel gekehrt, das Haar aufgelöst und von einer Seite die Brust bedeckend. Ein Kahn stieß eben vom Ufer ab, um sie zu holen – ich fiel in Ohnmacht. Als ich zu mir kam, stand mein Vater und mein Bruder bei mir –

Bei diesen Worten trat Tschirill, der Diener, aus dem Hause und unterbrach den Erzähler mit der Nachricht, daß des Försters Tochter, Nandl, drüben im Hochwalde zwei Herren angetroffen, welche gefragt hätten, ob nicht hier in der Nähe eine Försterei der Schotten gelegen sei. Das Mädchen habe ausweichend geantwortet. Da seien die Herren zudringlich geworden, und sie sei ihnen mit genauer Noth entkommen; es stünde zu fürchten, daß die Herren, welche sie verfolgt, den Zaun entdeckten und hier eindrängen. –

*

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