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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 12
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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11.

Hans und Spath klommen langsam den Fußpfad hinauf, welcher sich an der steilen Bergwand hinschlängelte. Der Nebel verhüllte den Uebelstand eines schmalen Pfades, der wol Schwindel erregen konnte am hellen Tage. Sie schwiegen beide. Nicht mehr aus Vorsicht vor dem schlesischen Junker. Von diesem, hatte Spath leise erklärt, sei nichts mehr zu besorgen. Hier herauf finde er sich selbst am Tage kaum. Sie schwiegen, weil Jeder mit dem Gedanken beschäftigt war; daß eben nur die Nacht vor weiterer Nachforschung sicherstelle. Der hartnäckige Versuch des schlesischen Junkers, ihnen zu folgen, bekundete doch gar zu deutlich, daß er wahrscheinlich ihr Ziel kenne, daß er seine Anstrengungen am Tage fortsetzen, daß er endlich auch ans Ziel kommen werde. Mochte der Wiener Wald auch damals noch dichter bewaldet und unwegsamer sein, als er jetzt ist – und seine Waldung ist noch jetzt stattlich – eine Wohnung innerhalb desselben fand man doch aus, wenn man starke Mittel dafür in Bewegung setzte. Und nun gar diese Wohnung, dachte Spath, die kaum eine Stunde oberhalb Dornbach liegt! Ja, wenn der Graf sich weiter innen am Tulbinger Kogel, kurz, ebenso nahe am nördlichen Abhange des Waldgebirges, wo es nach Königstetten und Tulln hinabschaute, angesiedelt hätte, wie er sich nahe am südlichen Abhange niedergelassen, dann vielleicht – aber so! Irgend ein Holzbauer oder Kohlenbrenner kann ihn für ein Trinkgeld morgen schon hieher zum Eremitenhause bringen. 's ist vorbei damit, stöhnte Spath, als er oben auf der Wand angekommen war, und Herrn Hans seinen Stock entgegenstreckte zur leichteren Bewältigung der letzten steilen Stufe, vorbei!

Hans war derselben Meinung, als er erfahren hatte, es liege nur etwa noch eine Viertelstunde Hochwald zwischen ihnen und dem Eremitenhause. Der »Graf« müsse fort, und morgen Früh schon! war das Ergebniß ihres Meinungsaustausches.

– Er wird aber nicht wollen! sagte Spath, indem er langsam weiterging zwischen den hohen Buchen, in deren Bereich sie jetzt getreten waren.

– Warum nicht?

– Warum nicht? Er ist halt doch ein sehr alter, gebrechlicher Herr, der viel Ruhe braucht, der nicht mehr gut marschiren kann, dem der Wechsel zuwider ist, und nun gar –

– Was gar?

– Die Habseligkeiten, die eisernen Tonnen!

– Eiserne Tonnen?

– In denen sein Gold liegt. Genau weiß ich's nicht, man munkelt so im Hause bei uns. Da braucht's Fuhrwerk, Leute zum Aufladen, viel Leute, die Tonnen sollen schreckhaft schwer sein!

– Kann denn ein Wagen hier herauf?

– Auf großem Umwege über Dornbach, ja, zur Noth. Aber was macht das Alles für Rumor! Den schlesischen Herrn soll der Teufel holen! Und Ruhe wird er nicht geben, gelten's?

– Keine Stunde. Gerade die eisernen Tonnen sucht er, von denen weiß er.

– Und gehört er denn zu uns?

– Nein.

– Oi, oi! Also frei heraus mit ihm können wir nicht?

– Nein; ich trau' ihm gar nicht.

– Da bleibt nichts übrig, 's muß dem Herrn Grafen heut' noch gesagt werden.

Das Alles war nur zu richtig. Und nicht blos vom Herrn Rudolph von Mitzlau, von noch schlimmerer Seite war das Asyl des alten Grafen bedroht. Sein Namensvetter, jetzt Pater Norbert geheißen, war seit diesem Morgen, seit er einmal im Vorhause der Schottenabtei die Richtung entdeckt, in schärfster Thätigkeit auf dieses Ziel begriffen. Ihm aber standen durch seinen Orden außerordentliche Mittel zu Gebote, und von dieser Seite war nicht nur das Asyl des Grafen, war der alte Herr selbst in größter Gefahr. Denn auf dieser Seite pflegte man nichts halb zu thun.

– Da kommt der Zaun! rief plötzlich Spath. Jetzt müssen wir nach rechts. Hier ist kein Thor.

Sie gingen an einem sogenannten Prügelzaun, innerhalb dessen hohes Gesträuch stand, wol fünf Minuten nach rechts hinüber durch den hohen Wald. So fanden sie den schmalen Fahrweg, welcher in großem Umwege von Dornbach herauf und auf das »Staketthor« führte, wie es geheißen wurde, weil es von einzelnen dünnen Latten, Stakete genannt, zusammengenagelt war. Spath, mit allen nöthigen Handgriffen bekannt, schob durch die Lücken der Stakete seine Hand hinein, und hob einen innen befindlichen Riegel. Das Thor ging auf. Gleichzeitig erhob sich der Wind und jagte den Nebel hoch in die Lüfte, ihn hie und da völlig zerreißend. Der Mondschein zeigte Hans, daß er in eine Art Park getreten sei, und er gewahrte nach kurzer Wanderung zwei Häuser. Der breite Sandweg führte vom Lattenthore an gerade zwischen die beiden Häuser hinein, welche einander gegenüberstanden. Sie waren einstöckig, und nur aus dem zur rechten Hand schimmerte Licht.

– Dort wohnt, sagte Spath zum Junker, der Jäger Golling mit Frau und Tochter, dort vorne, von wo das Licht schimmert. Den andern, viel größeren Theil des Hauses bewohnt der Herr Graf. Im Hause links sind Stallungen und die Wohnung des Gärtners Trumm, der die Pflanzungen und die Wege in Stand halten muß. Der Pater Regens von den Schotten, der Special des alten Herrn Grafen –

– Wie?

– Ja, ja, 's klingt curios, aber 's ist nicht anders. Der kathol'sche Herr ist ein Special des Herrn Grafen. Der Herr Graf ist im Ganzen recht geduldig gegen manche Päpstliche. Das fiel uns anfangs auf, aber jetzt haben wir uns daran gewöhnt. Er hat so 'ne Art, daß man's nicht recht übel nimmt. Und der Pater Regens ist auch gegen uns schier gerade so, 's ist auch ein geduldiger Herr. Er hat die Anlage hier gemacht ums Jägerhaus, und das Haus rechts hat er ausbauen lassen. Ihr werdet sehen, daß es ganz sauber ist –

Durch ein grimmiges Hundegebell wurde Spath unterbrochen, und ein großer, gelblicher Wolfshund stürzte ihnen entgegen unter zweifellosen Anzeichen eines feindlichen Empfanges. Spath aber sprang ihm einige Schritte vor und schrie dem Hunde zu:

– Zahn, Zahn, sei kein Esel –!

Zahn erkannte den Gärtner Spath, und war kein Esel; er beruhigte sich und wedelte, und knurrte nur noch gegen Hans. Spath nahm ihn beim Kopfe und schüttelte denselben liebevoll, dabei immer weiterschreitend. So kamen sie in die Allee von Kastanienbäumen, welche sich zwischen den beiden Häusern hinzog, und in der ersten Thür des Hauses zur rechten Hand erschien eine weibliche Gestalt. Sie trat nicht weiter heraus, sondern rief nur:

– Zahn, geh' herein!

Zahn verfügte sich zu ihr, und Spath sagte seinerseits zu Hans:

– Das ist die Nandl, des Jägers Tochter. – Grüß Gott, Nandl, setzte er lauter hinzu, ich bring' 'nen Gast für den gnädigen Herrn.

Dabei gab er ihr die Hand, und Nandl machte unter einem Knixe Platz zum Eintritt.

Durch einen geräumigen Vorsaal, der mit allerlei Wirthschafts- und Jagdgeräthen angefüllt war, kam Hans in das Zimmer des Jägers. Es standen drei Betten darin und zahlreicher hölzerner Hausrath, so daß es sich ziemlich eng ausnahm. Neben dem großen Kachelofen war, etwa drei Fuß vom Boden aufwärts, ein kleiner Kamin im Schornsteine angebracht, und in diesem brannten auf Ziegelsteinen kleine Kienspäne in lustigem rothgelbem Qualm, die Stube vollständig beleuchtend.

Die Jägersfrau, ein kleines, feistes Weibchen, trat in demselben Augenblicke aus der Küche ein, und wurde durch Spath unterrichtet, um was es sich handle. Sie knixte ebenfalls, schwieg aber, indem sie beflissen war, eine schmutzig gewordene Schürze abzuthun.

– Nun, liebe Frau, sagte Hans, wollt Ihr mich zum Herrn Grafen führen?

– 's geht nicht mehr, nahm Nandl das Wort, er ist schon aufi!

Hinauf hieß das. Eine wohl ausgebaute Dachstube war das Schlafzimmer des Grafen, und dorthin hatte er sich bereits zurückgezogen. Die Ordnung seiner Lebensweise galt in diesem Punkte für unerschütterlich: sobald er sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen, durfte ihm nichts mehr gemeldet oder gebracht werden.

Obein heute, setzte Nandl hinzu, sei er nicht ganz frisch; der Nebel bekomme ihm nicht. Tschirill werde sich nicht mehr rühren.

Tschirill, der Diener des Grafen, sollte gerufen werden. – Nandl öffnete die Thür, welche zwischen den Betten ins Innere des Hauses führte, und rief leise in einen helldunklen Raum hinaus:

– Tschirill!

Das Helldunkel entstand davon, daß aus dem entferntesten Zimmer ein Kaminfeuer leuchtete. Zwischen diesem letzten Zimmer und der Stube des Jägers lag ein schmales Zimmer und ein enger Treppenflur, dessen Stiege eben zum Schlafzimmer des Grafen hinaufführte.

Tschirill ließ warten. Spath wollte hinein; Nandl aber hielt ihn zurück. Es sei jedes Geräusch untersagt, und Tschirill werde auch schon schlafen; er habe aber ein feines Gehör und werd' es schon vernommen haben, obwol er oben vor der Thür des Herrn Grafen liege.

Wirklich kam er; barfuß, ganz unhörbar. Er hatte schon geschlafen und wischte sich die Augen; ein vierschrötiger kleiner Mensch, der aber mehr auf Mimik eingeübt zu sein schien, als auf Sprechen. Sein breites, slavisches Gesicht war dabei unzerstörbar freundlich und lächelnd, auch wenn er den grauen Krauskopf verneinend schüttelte. Spath setzte ihm unter Benützung slavischer Worte dringend auseinander, daß sein Herr Graf in Gefahr sei und fort müsse – es half nichts. Tschirill drückte die Thür zwischen den Betten vorsichtig ins Schloß, damit sein Herr oben ja keinen Laut höre, und dem Junker Hans nahetretend und ihm den Aermel küssend, sagte er mit heiter lächelndem Angesichte nichts weiter als:

– Heut' nix mehr! Morgen, Pane!

Hans nöthigte ihm einen Brief auf, welcher dem Grafen sogleich eingehändigt werden müsse. Umsonst! »Morgen!« war die unwandelbare Antwort.

Hans sah fragend auf Spath. Dieser kratzte sich in den Haaren und murmelte:

– Wir müssen ihn binden, den Tschirill, wenn wir ihn zwingen wollen. Stark wie ein Ochse ist er auch, und der Spectakel! Der Herr Graf wird grauslich erschrecken – frisch ist er ohnedem nicht.

– Ist der Jäger nicht da? fragte Hans.

– Der Herr (so nennen die Frauen in Oesterreich noch heute vorzugsweise ihren Mann) ist –

– Auf den Schnepf hinaus! ergänzte Nandl die immerdar wenig beredte Mutter. – Da kommt er! setzte sie hinzu. Zahn jauchzt und springt hinaus; der spürt ihn immer zuerst.

Zahn hatte Recht gehabt. Der alte Golling trat ein. Er war derselbe, welcher Herrn Rudolph von Mitzlau unten im Thale begegnet war, und er brachte also einen neuen Grund mit, den alten Grafen sicherzustellen. Denn auch ihm war es deutlich geworden, daß der Herr Rudolph nicht einen Augenblick zögern würde, die unterbrochene Spur da herauf mit dem nächsten Morgen wieder aufzunehmen.

Dennoch mochte auch er nicht rathen, den Tschirill zu beseitigen und hinaufzudringen. Wohin auch gleich in der Nacht mit dem greisen und sehr empfindlichen Grafen?! – Nach Wien hineinschicken und den Pater Regens fragen, der einen neuen Aufenthaltsort bestimmen könnte, das schien ihm das Rathsamste.

– Aber mitten in der Nacht, setzte er hinzu, nützt das nichts; die Thore sind verschlossen. In aller Frühe kann's und soll's geschehen.

Dabei mußte man sich beruhigen, und der alte Golling wendete sich nun an Tschirill mit dem bescheiden vorgetragenen Verlangen, das zunächst anstoßende einfensterige Zimmer zur Nachtruhe für den Herrn Junker abzutreten.

– Ein Bett steht drin aufgeschlagen, und Du siehst ja, daß der Herr Junker ein sicherer Freund des Herrn Grafen ist! setzte Golling hinzu.

Tschirill betrachtete mit unveränderlichem Lächeln den Junker und schwieg. Es schien, als wolle und müsse er seinen Herrn auch vor der unwahrscheinlichsten Gefährdung bewahren.

Aergerlich fuhr Golling fort: sonst müsse er den Herrn Junker ja doch hinüber zu dem – unheimlichen Gaste im Wirthschaftshause stecken, was doch auch der Herr Graf morgen gar nicht billigen werde.

– Was ist das für ein Gast? fragte Hans.

– Er ist gestern Nachts auf einem ungarischen Gefährt von Wien gekommen.

– Odontius?!

– Der Herr Junker kennt ihn?

– Freilich! Führt mich hinüber, führt mich zu ihm!

– Gnädiger Junker –

– Was ist?

– Thut's nicht zur Nacht. Es verdirbt Euch den Schlaf. Morgen Früh, wenn Ihr wollt. – Und fort muß der arme, kleine Mann auch, wenn's hier nicht mehr stille bleibt – der ist gar zu fremd und wunderlich, auch für unsereinen.

– Was ist ihm?

– Ja – der Verstand ist – zurückgetreten.

– Führt mich hinüber!

Es geschah. – In einem kleinen, unbehaglichen Stübchen, welches an die Wohnung des Gärtners stieß, saß auf dürftigem Lager Odontius. Er saß an die Wand gelehnt und war nur mit dem Hemde bekleidet – ein jämmerlicher Anblick! Noch den Tag vorher war er das frostigste Menschenkind gewesen, welchem dicke Pelze nicht Wärme genug verschaffen gekonnt; jetzt dampfte er von Fieberhitze. Das Auge war starr auf die Eintretenden gerichtet, aber es schien sie doch nicht zu sehen. Der Blick, der Sammelpunkt des geistigen Vermögens, fehlte. Gewissenspein hatte den Geist zerrüttet.

– Der wilde ungarische Kutscher, sagte Golling mit leiser Stimme zum Junker, hat ihn umgeworfen drüben am Bühel, und da ist er wol mit dem Kopfe an den Wellbaum aufgeschlagen. Er kam schon erbärmlich an. Aber zum Herrn Grafen hat er doch noch eine ganze Weile geredet; dann hat er plötzlich geschrien, als ob er am Spieße stecke, und seitdem ist er hin und weiß kein Wort mehr. Das hat den Herrn Grafen sehr angegriffen, und er hat sich deshalb heute noch zeitiger als sonst niedergelegt.

Hans erbebte innerlichst vor schmerzlicher Theilnahme, und trat ganz nahe zu dem Leidenden, mit sanfter Stimme den Namen »Odontius« aussprechend. Nur ein erhöhtes Zittern war die Folge davon. Dann sagte Hans leise: Freund Hortleder läßt Euch grüßen! – Ein Ruck wie von einem Erdbeben ging durch den schlotternden Leib, ein völliger Stillstand jeder Bewegung trat ein, dann brach der Arme in ein herzzerreißendes Wimmern aus, und ein Strom von Thränen stürzte aus seinen Augen. Eine halbe Minute etwa dauerte das, und Odontius brach zusammen und fiel zuckend aufs Lager.

– Deckt ihn zu, Trumm! sagte Golling. Lange treibt der's nicht mehr.

Trumm, der wetterbraune Gärtner, that wie ihm geheißen worden, und erschüttert ging Hans in die Wohnung des Jägers zurück.

Dort empfing ihn Nandl mit der Nachricht, daß Tschirill nachgegeben habe in Betreff des Schlafzimmers. Die Thür zum Treppenflur sei zugemacht, das Lager gerichtet, und Tschirill warte jetzt auf den Brief, den er morgen ganz früh dem Herrn Grafen einhändigen werde. Tschirill kam wirklich und bestätigte Alles, und nahm mit seinem unwandelbaren Lächeln den Brief, welchen Hans mechanisch hingab. Hans selbst war in traurige Gedanken versunken, und vergaß, der Jägerfamilie gute Nacht zu wünschen, indem er langsam eintrat in das einfenstrige Zimmer, und sich den Dienstleistungen Tschirill's beim Auskleiden schweigend überließ.

Die Jägerfamilie und Spath standen um den hellleuchtenden Kamin, und sahen einander fragend an, als Tschirill die Thür zwischen den Betten zuzog, und den Eintritt der Nachtruhe hiemit gleichsam ankündigte.

Nur Spath blieb eingedenk der Gefahr und des Hauptzweckes, und sagte fast stöhnend zu Golling:

– Aber Ihr geht vor Tage nach Wien hinein?

– Freilich! Mit der Sicherheit ist's morgen vorbei.

*

So war es auch. Von zwei Seiten wurde um dieselbe Zeit der Ueberfall vorbereitet: von Seiten Rudolphs und von Seiten Norberts.

Als Herr Rudolph ins Hernalser Schloß zurückgekehrt war von seiner Irrfahrt, hatte ihn der Candidat Götzinger, welcher zufällig über den Hof ging, respectvoll begrüßt und mit saurem Lächeln gefragt: ob er den heidnischen Weisen aufgefunden.

– Ihr wißt? – Ihr kennt ihn?

– Gott sei Dank, nein. Ich weiß nur, daß solch ein mächtiger Freigeist in der Nähe ist und Unkraut in unseren evangelischen Samen wirft. Die Frau Baronin verkehrt leider mit ihm, und ich merkte es wohl bei Tische, daß der Junker aus Sachsen nach ihm trachtete, und ich sah Euch ihm nachgehen. Hütet Euch davor, wenn Ihr die reine Lehre rein bewahrt sehen wollt in Euch. Hier im Hause hat seine Nähe schon Unheil genug angerichtet: die Frau Baronin horcht auf ihn, und selbst gemeine Leute, wie der Gärtner, zappeln an seiner Angel.

– Der Gärtner kennt ihn?

– Sicherlich. Und der neue Gast, der Herr von Trotha, neigt offenbar auch nach dieser falschen Seite der Reformation. Er hat mich eben aufgesucht und nach dem Aufenthaltsorte des sogenannten »Grafen« befragt. Hütet Euch vor ihm! Da kommt er –

Hinter einer großen Stalllaterne, welche vom Poldi, dem Kutscher, getragen wurde, kamen der Freiherr von Jörger und Herr von Trotha aus dem Nebenhofe hervor, und schritten nach dem Haupteingange. Sie waren auf Poldis Anzeige in dem Pferdestall gewesen und hatten das verwundete Handpferd betrachtet. Der Freiherr war sehr schlechten Humors. Die spanischen Rosse lagen ihm sehr am Herzen, und er verwünschte in sich den sächsischen Junker, welcher sein schönstes Thier in solche Fährlichkeit gestürzt.

– Glaubt Ihr wirklich, sagte er gepreßten Tones zu Herrn von Trotha, daß Buglähme entstehen kann?

– Sie ist schon da, erwiderte dieser. Sehne und Nerv sind verletzt. In acht Tagen erst kann man sagen, wie stark die Verletzung. Eine Schwäche bleibt jedenfalls zurück, und eine sorgfältige Schonung des Thieres ist unerläßlich.

– Sieh da, fuhr Herr von Trotha fort, der schlesische Junker! Wo wart Ihr denn hin? Das Fräulein von Loß hat nach Euch gefragt.

Rudolph antwortete ausweichend. Man trat ins Schloß. Der Freiherr, seinen Aerger über die Last seiner Gastfreunde niederzwingend, empfahl den Herren das Speisezimmer, wo sie ein Brettspiel und einen Imbiß zur Nacht fänden, und verließ sie.

Herr von Trotha sah ihm lächelnd nach, und winkte dann einem Diener.

– Gebrannten Wein ins Speisezimmer! sagte er in herrischem Tone zu diesem, verabschiedete mit einer kurzen Pantomime den Candidaten, und schritt mit Rudolph nach dem Speisezimmer.

Es lag in alledem etwas Befehlshaberisches, etwas Hartes, aber auch etwas Mächtiges. Rudolphs Aufmerksamkeit wurde unwillkürlich geweckt, und der Gedanke stieg ihm auf, daß dieser Herr von Trotha ein Mann von Bedeutung sein müsse.

– Ihr schaut mich ja an, als ob ich ein Mädchen wäre, und Ihr meine Reize ergründen wolltet! sagte lachend Herr von Trotha, als sie ins Speisezimmer traten. – Ich bin nicht abgeneigt, Euch entgegenzukommen, setzte er hinzu, wenn Ihr so unternehmend seid, als Euer Auge ankündigt. Nehmen wir das Brettspiel zwischen uns, und jagen wir den horchenden Dienstboten hinaus.

Dies geschah.

– Nun also, mein junger Herr von Mitzlau, so wißt zunächst: ich kenne Eure Familie und ihre Verwandtschaften in Böhmen. Ich sehe, daß Euch meines Freundes Loß Töchterlein sehr wohl gefällt, und ich setze voraus, daß Ihr das reiche Mädchen erobern möchtet. – Auf dergleichen braucht Ihr mir nicht zu antworten; ich komme mit trockeneren Fragen. Loß hat mir Euch genannt, aber als einen Katholiken. Hier finde ich Euch in traulichem Verkehr mit lauter Evangelischen. Sogar mit dem hartmäuligen Candidaten da unten scheint Ihr auf freundschaftlichem Fuße zu stehen. Seid Ihr denn übergetreten? Das ist eine trockene Frage. – Euer Zögern hat sie schon beantwortet. Ihr seid nicht übergetreten. Ihr speist, oder nascht wenigstens von beiden Tafeln. Wie lange, junger Herr?

– Ich suche Ueberzeugung.

– Die sucht Ihr nicht. Ihr seid ein Weltkind, und das Bedürfniß nach Religion macht Euch wenig zu schaffen. Das sprüht aus all Euren Nähten. Laßt's gut sein! Aber vergeßt auch nicht, daß man Euch das an beiden Tafeln übelnimmt, und daß Ihr Euch zwischen zwei Stühle setzt – zu garstigem Hinfallen! Glaubt mir das. Wie?

– Ich glaub' Euch.

– Ich bin kein Proselytenmacher! aber reine Farbe brauch' ich. Darum rath' ich Euch, rasch zu wählen. Wohin neigt Eure Wahl? – So? So? – Ihr wägt nicht sowol die Glaubenssätze als die Vortheile, welche in der Wagschale liegen könnten; viel Ruhe bei so viel Jugend –

– Herr von Trotha!

– Was? – Ja so! – Nun, man sagt uns nach, daß wir am wenigsten glaubten – ich bin Calviner – daß wir am nüchternsten wären und nur eine politische Religion hätten. Der reiche Loß ist auch Calviner, und die schöne, capriciöse Ludmilla ist seine Tochter. Wenn Ihr noch eine Weile getaumelt seid, werdet Ihr wol zu uns herübertaumeln. Taumelt nur rasch! Wenn's noch lange dauert, so beachtet man's nicht. Und der Betteltanz geht los, der wirkliche Krieg beginnt; taumelt rasch!

Jetzt ward der glühende Wein gebracht, und zu Trotha's unangenehmer Ueberraschung erschien gleichzeitig Fräulein Ludmilla. Sie grüßte leichthin, und gab vor, ein Taschentuch liegen gelassen zu haben. Schweigend suchte sie alle Ecken und Winkel ab, und nahm es gleichgiltig hin, daß Rudolph mit galanter Beflissenheit ihr suchen half. Sie schien sehr ärgerlich zu sein, daß sie das Gesuchte nicht finden konnte, und ging rasch wieder von dannen.

– Wißt Ihr, wo das Taschentuch hingegangen ist nach der Tafel? fragte Trotha den Junker Rudolph.

– Das Taschentuch?

– Es hat die Gestalt eines Junkers aus Sachsen! Ihr seid garstig im Hintertreffen, Herr Vetter aus Schlesien, und die Aussicht auf diese kleine, lebhafte Hand ist für Euch verteufelt zweifelhaft. Und das ist keine Kleinigkeit. Das Mädchen hat eine große, selbstständige Erbschaft von ihrer verstorbenen Mutter –

– Wie das?

– Ja, die Welt weiß nichts davon; ich aber weiß es zufällig von einer Gerichtsperson. Ihre Mutter hatte Anwandlungen zum katholischen Glauben, und hatte Furcht vor Krieg und Kriegeszeiten. »Ihr werdet noch einmal Gut und Leben verlieren in Euren Streitigkeiten« – pflegte sie zu ihrem Manne zu sagen – »und mein Kind kann eines Tages eine Bettlerin werden. D'rum lass' mich mein Eingebrachtes selbstständig der Ludmilla zuschreiben.« – Loß ist ein seelenguter Knabe, der auf Geld und Geldeswerth einen ungebührlich niedrigen Werth legt; er ließ es geschehen, und so ist diese Ludmilla unter allen Umständen eine ganz sichere, reiche Partie. Das wußtet Ihr nicht?

– Nein.

– Nun, jetzt wißt Ihr's und könnt's als neues Gewicht brauchen. Ohne uns aber, zu denen der brave Loß ganz und gar gehört, ist der Schatz nicht zu heben. Faßt also Euren Entschluß. Ich rücke damit heraus, weil ich Euch brauchen kann für unsere Zwecke, und weil Ihr mich und den Loß verpflichten könnt. Ihr wißt: ich komme von Horn herab und mit Aufträgen von Loß. Wir haben Eile, und die Frau Amalie hier im Hause hält mich hin. Sie ist eine Gelehrte und mag mich nicht. Ich bin ihr zu roh. Sie verweigert mir die Auskunft, welche ich nothwendig brauche, und es entsteht nun die Frage, ob Ihr mir zu der Auskunft verhelfen könnt.

– Ich?

– Ihr. Ich habe feine Ohren. Aus gewissen Aeußerungen bei Tisch, namentlich vom Jörger und von der Ludmilla – die Letztere sprach ohneweiters vom »Grafen«, den der sächsische Junker aufsuchen wolle – hab' ich mir Folgendes zusammenbuchstabirt: Der »Graf« kurzweg ist der alte Zdenko von Zierotin. Der sächsische Junker weiß seinen Aufenthalt, und ist von der Tafel hinaus zu ihm. Die Ludmilla machte es so deutlich, als ob es gedruckt stünde. Ihr seid hinter ihm her, um bei der Gelegenheit den goldenen mährischen Vetter geschwind zu entdecken. Jörger macht kein Hehl daraus, daß Ihr deshalb nach Wien gekommen seid. Widersprecht nicht unnütz! Das liegt auf der Hand. Ihr seid aber allein und recht verdrießlich zurückgekommen: der Sachse ist Euch entwischt. Jetzt entsteht die Frage: Wie weit seid Ihr auf der Spur? Und wollt Ihr Euch mit mir und Loß verbünden? – Ueberlegt's rasch! – Noch Eins! Euch locken die Tonnen Goldes, welche man dem Oheim Zdenko nachsagt, und Ihr möchtet deshalb alle übrigen Parteien von ihm fernhalten. Das begreift sich, hat aber im Augenblicke doch keinen Sinn. Zunächst ist der Oheim in Händen, die ihm näher am Herzen liegen, als Eure Verwandtschaft. Erst müßt Ihr ihn gewonnen und für Euch allein sichergestellt haben. Dann mögt Ihr sorgen, daß er keine neue Bekanntschaft mache. Unsere Bekanntschaft aber – ich spreche von Loß und mir – hat nichts mit Geld und Gut zu schaffen. Wir brauchen den Religionseinfluß des alten Grafen, wir brauchen seine schwer wiegende Stimme, sonst nichts. Und das will ich Euch erklären. Laßt nur Euren Wein nicht kalt werden; bei solchem Nebel ist er probat. – Also: in diesem Augenblicke rücken unsere Truppen unter Thurn in Mähren ein, in ein paar Tagen ist Mähren mit Böhmen vereinigt, und die Hauptfrage kommt aufs Tapet. Für diese Hauptfrage brauchen wir die Stimme des alten Grafen Zdenko, welche in Mähren ein entscheidendes Gewicht hat. Diese Hauptfrage ist die Frage ums Oberhaupt. Daß wir Ferdinand drüben in Wien nicht brauchen können, weiß die ganze Welt. Daß wir eine aristokratische Republik mit all den Ländern vom Erzgebirge bis an die Siebenbürger Pässe und vom Riesengebirge bis ans adriatische Meer zusammenstellen wollen, sagt man uns nach, wenigstens uns Calvinern. Zunächst ist das nicht wahr. Auch wir gestehen zu, daß es ein König sein muß, wenn auch ein streng verbriefter, der durch den Adel regieren muß. Welcher aber? Da liegt die Streitfrage. Ein Theil von uns, den Andreas Schlik an der Spitze, ist für den sächsischen Kurfürsten in Dresden. Zu diesem Theil gehört die Mehrzahl der Lutherischen unter uns. Der andere Theil, der calvinische, aber ist für den rheinischen Kurfürsten in Heidelberg, und zu diesem Theile gehören wir, der Loß und ich, und wir sind ziemlich sicher, daß wir das in Böhmen durchsetzen. Der alte Zdenko aber soll es uns auch in Mähren sichern. Und das wird er, wenn wir ihn beizeiten finden. Das heißt: wenn ihn die Lutherischen unter Frau Amalie und dem fremden Junker nicht vorweg verderben, oder die Römischen ihn nicht mit Haut und Haar wegschnappen. Versteht Ihr jetzt?

– Ich verstehe.

– Da habt Ihr denn lauter blanken Vortheil auf unserer Seite. Wir können Euch bei der Ludmilla und beim Oheim Zdenko bestens unterstützen, und könnten Euch an einen neuen Hof in Prag bringen, der Euch, so wie ich Euch beurtheile, ganz besonders zusagen wird. Der Kurfürst Friedrich ist ein junger Herr, welcher Glanz und Herrlichkeit liebt, und er hat eine junge Frau, welche ihm darin ganz ähnlich ist, und einen hochfliegenden, prächtigen Ehrgeiz noch voraus hat. Als Tochter des Königs von England und Enkelin der Maria Stuart, hat sie vornehmen Geschmack, dreiste Phantasie und herzhafte Unternehmungslust. Sie wird den Pragern was zu schauen geben und junge Cavaliere und junge Frauen in Athem versetzen. Nach diesem Hofe auf dem Hradschin, das sag' ich Euch voraus, fliegen alle Wünsche Ludmillas, und wer sie da hinaufführen kann, der wird ihr Mann sein. Ist das ein Trumpf, he? Punctum. Ich bin müde, und der Wein hat mich noch müder gemacht. Ich frag' nicht weiter, ich sag' nichts weiter als: Habt Ihr die Richtung entdeckt, nach welcher Graf Zdenko eine Stunde von hier – so viel weiß ich von Loß – wohnhaft ist? Habt Ihr sie?

– Eine halbe Stunde weit –

– Das genügt. Ist's ein Schloß, ein Bauernhaus –?

– Ein Jägerhaus.

– Bravo. Das wollen wir in ein paar Stunden haben. Abgemacht. Mit Sonnenaufgang ruf' ich Euch, und wir brechen auf. Gute Nacht!

Und damit ging er hinweg. Rudolph blieb etwas betäubt sitzen. Er war so zu sagen überritten worden. Aber es war ihm recht. Dem Gedankengange dieses Herrn von Trotha war er aufmerksam gefolgt, und es hatte ihm vollständig eingeleuchtet, daß hier diejenige Partei an ihn heranträte, welche ihm am besten zusage und welche ihm die besten Aussichten biete.

Und doch war Rudolph in einem Hauptpunkte getäuscht. Es war der Geldpunkt. Dieser Herr von Trotha, wie er sich in der Geschwindigkeit benannt, hatte es auf nichts abgesehen als auf die Tonnen Goldes des alten Grafen. Dieser wollte er sich um jeden Preis bemächtigen für seine Calviner-Partei, zu welcher er allerdings gehörte, ja deren Führer er war.

Gar nicht unzufrieden mit dieser letzten Abendstunde ging Rudolph nach seinem Zimmer. Unterwegs fragte er den mit dem Lichte vorausgehenden Diener: ob der Gärtner noch zu haben sei.

– Der Spath?

– Der Gärtner.

– Das ist der Spath.

– Ruf ihn zu mir herauf.

Das Licht zurücklassend, ging der Diener. Rudolph wartete auf dem Gange. Es war ihm eingefallen, daß der Candidat Götzinger des Gärtners erwähnt hatte, als desjenigen, welcher mit dem Grafen in Verbindung sei. Wenn es nicht derselbe wäre, der den Junker von Starschädel geführt – denn allein war der Starschädel nicht gewesen – so konnte der Bursche vielleicht benützt werden.

Unerwartet rasch kam der Diener zurück, und ein Mann neben ihm. Der sah aber nicht wie ein Gärtner aus, eher wie ein verbrauchter Kriegsknecht.

– Der Spath ist nicht daheim, berichtete der Diener, aber dieser Mann fragte nach Euer Gnaden, er hätte was abzugeben.

Der Kriegsknecht schlurfte heran – einer seiner Füße schien nicht seine volle Schuldigkeit zu thun – und überreichte dem Junker einen zusammengefalteten Zettel. Rudolph las ihn sogleich. Er lautete: »Herr Pater Norbert läßt Euch vermelden, daß Ihr ihn morgen Vormittag im Hernalser Schlosse erwarten mögt. Er ist dem bewußten geheimen Aufenthalte auf der Spur. Im Hernalser Schlosse selbst liegt der Schlüssel zu dem Geheimnisse. Die Frau und ein Gartenknecht sind im Besitze desselben. Verschafft ihn Euch von Eurer Seite. Der Herr Pater hat noch einen weiteren Zugang entdeckt, und wird mit Euch morgen vergleichen, welcher Weg und welches Hilfsmittel vorzuziehen sei. Die Expedition muß auf der Stelle ins Werk gesetzt werden. Es sind von hier aus alle Vorbereitungen getroffen. Man erwartet andererseits, daß Ihr der guten Sache alle Kräfte widmen werdet. Solltet Ihr Euch dessen weigern – was man nicht erwartet – so werden die Anklagen Eures gestrigen Betragens in der Burg furchtbar lebendig, und das Gericht ereilt Euch über Nacht«.

Rudolph starrte noch einen Augenblick auf den Zettel, nachdem er ihn gelesen. Das »Betragen in der Burg« bezog sich auf Odontius und auf Rudolphs wahrscheinliche Mitwissenschaft. Dieser schlimmste Verdacht also war nicht völlig ausgelöscht. Man verlangte neue Proben – man wird ihrer fortwährend verlangen! Ist's da nicht an der Zeit, das Schaukelsystem, in welches man hineingerathen, resolut aufzugeben, und sich der protestantischen Partei ohne Rückhalt anzuschließen? Allerdings. Aber es braucht ja dazu keiner Ankündigung, keiner Herausforderung. Man weicht aus, das ist genügend. Man hinterläßt eine Nachricht, daß man im Dienste derselben Sache nothwendigerweise fortgemußt – ja wol.

Also denkend, sah Herr Rudolph in das harrende Faunengesicht des Kriegsknechtes, welcher nicht ohne Behagen den schönen Junker musterte. Denn es war niemand anders als der alte Brémont aus dem Arsenale, welcher sich mit Lächeln ausmalte, was man mit solch einem prächtigen Wuchs und Angesichte für gute Beute einheimsen könne unter den Weibsen.

– Eure Antwort, schönster Junker? Schriftlich oder mündlich?

– Ein Wort: Es sei Alles in Ordnung.

– Weiter nichts?

– Das genügt.

– Bis auf das Trinkgeld, welches ein so stattlicher Herr einem alten Kriegsmanne nicht versagen wird bei so ungesundem Wetter. –

Rudolph gab ihm ein Silberstück, und Ehren-Brémont schlurfte unter militärischem Gruße rückwärts.

Er hatte Auftrag, die Antwort sogleich in die Burg zu bringen. Dort erwartete ihn die »rothe Feder« in der Trabantenstube. Eine Stiege hoch über der Trabantenstube erwartete in seinem Gemache der Pater Norbert die »rothe Feder«.

Norbert hatte im Laufe des Tages seinen Entschluß gefaßt. Er wollte Alles daran setzen, eine Leidenschaft zu befriedigen, welche ihn wie ein Gewitter überraschte. Die schöne Ludmilla hatte sich seines Wesens bemächtigt, wie eine dämonische Macht, und es kam jetzt zu Tage in ihm, daß sein Verhältniß zur Kirche ein rein äußerliches, sozusagen ein politisches verblieben war. Er hatte keinen Kampf zu bestehen mit seinem Gewissen, nur eine Auseinandersetzung über formelle Pflichten fand in ihm statt. Zunächst wollte er den engeren Eintritt in den Orden, welchen seine Mutter so sehnlich wünschte, bestimmt ablehnen. Das Weitere werde sich gestalten je nach der Gestaltung seines Verhältnisses zu Ludmilla. Die Ausbildung dieses Verhältnisses aber wollte er, von leidenschaftlicher Sehnsucht gestachelt, um keinen Tag verzögern. Er hatte sich also fest vorgenommen, das ketzerische Schloß Hernals zu besuchen, obwol er dort weder willkommen, noch sicher sei. Den Vorwand dazu bei Pater Lamormain sollte die Auffindung seines Oheims Zdenko bieten. Er wußte, welchen Werth der Orden darauf legte, dieses freigeistigen Grafen und seiner Schätze habhaft zu werden. Diese Schätze waren am Ende doch auch für ihn selbst nicht gleichgiltig, wenn seine Neigung zu Ludmilla einen günstigen Verlauf nähme. Nahm er die Leitung der Expedition in die Hand, so war's ja auch in seine Hand gelegt, den endlichen Ausgang dieser Expedition für seinen persönlichen Vortheil auszubeuten.

In diesem Sinne war er noch am Morgen, als er auf der Freiung von Rudolph geschieden, zu Pater Lamormain gegangen und hatte diesem Mittheilung gemacht von den Anzeichen über den Aufenthalt des Grafen, welche er in der Schottenabtei plötzlich aufgefunden, sich erbietend, diese Anzeichen auf der Stelle energisch zu verfolgen. Zu dem Ende sei nöthig, daß ihm alle Mittel bewaffneter Macht zu Gebote gestellt würden, und daß er selbst sein geistliches Kleid ablege, um sich als Cavalier in die Landschaft hinaus zu begeben.

Lamormain hatte mit leuchtendem Auge zugehört. Daß die Benedictiner ihm den Grafen entzogen, auf welchen er es längst und ernstlich abgesehen, das war ohnedies ein empfindlicher Punkt für ihn gewesen. Er hatte nur dazu geschwiegen, weil seine Spürleute keine Anknüpfung entdeckt hatten. Jetzt war die Anknüpfung da, und er ging mit voller Kraft darauf ein. Norbert – obwol Lamormain seit gestern Vorwürfe für ihn bereit hatte – war ihm doch in dieser Angelegenheit ein willkommenes Werkzeug, weil der alte Graf ein Verwandter Norberts war und der etwa entstehende Lärm damit beschwichtigt werden konnte, es handle sich um Schritte, welche von der Familie selbst ausgingen.

Lamormain hatte also sogleich alle seine Agenten zusammenberufen und ihnen die erforderlichen Aufträge gegeben. Abends neun Uhr sollten sie ihm Bericht erstatten. Unter diesen Agenten hatte die »rothe Feder« nicht gefehlt, und ihrer hatte sich beim Fortgehen Norbert bemächtigt mit dem Auftrage, einen sicheren Boten zu stellen, welcher im Dunkel des Abends einen Brief nach Hernals bringen könne. So war der heitere Brémont, dessen sich die »rothe Feder« gern zu Aufträgen über Land bediente, weil ihm ein kleiner Klepper im Arsenal zu Gebote stand, nach Hernals hinaus gesendet worden.

Während Brémont jetzt auf seinem ungarischen Rößlein nach der Stadt zurücksprengte, stand Norbert am Fenster seines Zimmers, auf den Schlag der Thurmuhr harrend, welcher die neunte Stunde verkünden und die Zusammenkunft der Agenten bringen sollte. Die Burg, wie schon erwähnt, bestand damals nur aus dem massiven Viereck, welches den »Schweizerhof« einschloß, und einem kleinen Anbau auf der Nordwestseite. Rings war ein tiefer Graben, und auf dieser Nordwestseite, also da, wo jetzt der Franzensplatz, war damals wie jetzt der Haupteingang über eine Zugbrücke, welche den Burggraben überwölbte. Rechts unter dem Thor war die Trabantenstube, dicht dahinter, ebenfalls rechts, führte eine Hauptstiege zu den Gemächern des neuen Königs; links im Hofe führte eine zweite Stiege in den nordöstlichen Theil des Viereckes. Neben ihr, näher am Thorwege, war ziemlich versteckt und unscheinbar eine schmale Nebentreppe, die zu dem Halbstock geleitete, in welchem die geistlichen Räthe ihre Wohnungen hatten: Lamormain, der alte Bartholomäus und der junge Norbert. Norberts Zimmer war das kleinste, aber es war wohnlich und angenehm am Tage, weil es von dem weiten, freien Raume gegen den Cillihof hinüber volles Licht empfing. Jetzt hatte sich der Nebel langsam in die Höhe gezogen, und der Blick auf den freien Raum war ganz eigenthümlich: in der Höhe eines Hauses der milchweiße Nebeldunst vom Mondlichte geklärt, und darunter reine, halbhelle Luft. Die einzelnen Gestalten, welche auftauchten und über die Zugbrücke schritten, hatten etwas Wunderliches, wie aus einem Schattenspiele. Wien war damals viel stiller und um diese späte Stunde schon fast todt, besonders in dieser Gegend, welche durch einen breiten, leeren Raum von der Stadt abgesondert lag, und es war ein weiter Platz zu überschreiten bis zu den Schaufellucken und den ersten Häusern des Kohlenmarktes. Diese einzelnen Gestalten waren auch wirklich nur die Agenten des Jesuitenpaters, welche um diese Stunde bestellt waren. Norbert glaubte in der einen Gestalt die »rothe Feder« zu erkennen, und wollte eben hinabgehen, um ihn zu sprechen – da meldete ein Hofdiener: daß der hochwürdige Herr Pater Lamormain ihn augenblicks zu sprechen wünsche, und zwar oben in der Conferenzstube.

Diese Stube, ein großer Raum, lag gerade über diesem Halbstock, und wurde jetzt zum ersten Male wieder – denn Kaiser Mathias hatte drüben in der Stallburg regiert – zu einer Sitzung benützt. Ein großer, runder Tisch, mit grünem Sergetuch bedeckt, stand in der Mitte; metallene Armleuchter brannten auf demselben, und einzelne Armleuchter in den Ecken waren ebenfalls angezündet. Diese Beleuchtung reichte indessen nicht hin für den großen Raum, und das hohe Gemach war in einzelnen Theilen von dunklen Schatten bedeckt. Die Sitzung mochte aus dem Stegreife angesagt sein, und man konnte auch daran erinnert werden, daß die Hofhaltung noch neu und in sehr sparsamem Stile eingerichtet war.

Für Norbert selbst war die Berufung an diesen Ort überraschend. Er trat neugierig ein, und entdeckte in dem leeren Saale erst nach einer Weile den schwarzen Pater Lamormain, welcher in einer wenig beleuchteten Ecke stand und langsam hervortrat.

Lamormain war ersichtlich von Gedanken angefüllt, und stand eine zeitlang vor Norbert, ohne zu sprechen. Endlich sagte er wie nebensächlich und wie vor sich hin:

– Ihr müßt unsere Leute selber vernehmen, ich habe keine Zeit; es ist eine Sitzung des Staatsraths für diese Stunde anberaumt worden – unerwartet – es sind schwere Nachrichten eingelaufen – aus Mähren –

– Aus Mähren?

– Ja. Die böhmischen Rebellen sind dort eingefallen, und dieses bisher noch verschonte Land kann in ein paar Tagen für uns verloren sein. Der nichtswürdige Thurn steht in Iglau, seine Vorhut schwenkt nach Znaim, und in wenigen Tagen kann Brünn in seinen Händen sein. Waldstein hat Boten über Boten erhalten und dringt auf Maßregeln. Hierin mit Recht. Nicht nur seine Güter sind verloren, wir Alle werden im Herzen bedroht, denn wer steht dafür – ich nicht! – daß der Zug nicht dem Erzherzogthume, daß er Wien gilt?! Es müssen Entschlüsse gefaßt, es müssen Grundlinien gezogen werden ein- für allemal –

– Ist das heut' Nachmittag nicht geschehen?

– Nein. Der König hat die traurigen Berichte aus dem Landhause angehört und – hat geschwiegen; er hat all unsere Plane und Vorschläge zu einem großen, entschlossenen Gange angehört und – hat geschwiegen.

– Sollte er –?

– Das glaub' ich nicht. Er ist fest in unseren Bahnen; er liebt es nur nicht, Weitaussehendes rund auszusprechen, wenn es die Dinge des Staates betrifft. Dazu kam der Bericht über die Kassenbestände, welche aus der Stallburg herübergebracht wurden. Es sind 82,253 Gulden vorhanden, nicht mehr, nicht weniger, und dabei rückständige Besoldungen aller Art! 82,253 Gulden, um ein großes, in allen Theilen aufgelöstes, in rebellischen Waffen stehendes Reich zur Ordnung und Pflicht zurückzuführen! Wer mag da eilen mit großen Worten! Und doch müssen sie gesprochen werden. Sie sind unsere Aufgabe, und in dieser Stunde müssen sie gesprochen werden – aber da kommen die Räthe! Eilt hinab, hört die Leute an, schafft einen Plan, und kommt dann wieder herauf, um dort im Vorzimmer auf mich zu warten und mir Bericht zu erstatten. Die Angelegenheit des alten Heiden Zdenko ist fast so wichtig, wie dieser wichtige Staatsrath. Könnten wir in ein paar Tagen seiner Geldmittel habhaft werden, so könnten wir uns alsbald zu ganzen Maßregeln entschließen gegen Ketzerei und Rebellion. Geht und bringt mir trostreichen Bescheid.

Er trat zum Tische, um welchen sich die Eggenberg, Harrach, Meggau gruppirt hatten, unter welche soeben auch Waldstein in raschem Gange schritt. Er war reisig angethan, seine Sporen klirrten, seine Bewegungen waren rasch, sein ganzes Wesen entschlossen. Während alle Anderen halblaut mit einander gesprochen, rief er mit lauter Stimme:

– Es bestätigt sich Alles! Mein Oberstwachtmeister, der Nachod, ist eben angekommen aus Brünn. Die falschen Herren treten schaarenweise über zu dem Prahlhanse Thurn, der Lundenburger Zierotin an der Spitze – ich will hin; in der nächsten Stunde – da kommt der König!

Norbert sah noch im Hinausgehen, daß König Ferdinand von der entgegengesetzten Seite eintrat. Sein Aussehen war freundlich, und in seiner wohlwollenden, einfachen Begrüßung der Räthe deutete nichts auf die furchtbaren Sorgen und Gefahren, welche auf ihm lasteten. Ein milder Ernst ruhte auf dem wohlgefärbten Antlitze, und er machte eine zustimmende Handbewegung gegen den greisen Pater Bartholomäus, der hinter ihm ging und leise Ermahnungen in ihn hineinzusprechen schien.

Norbert, obwol von leidenschaftlichen Wünschen erfüllt, konnte sich doch eines starken Eindrucks nicht erwehren, als er mit einem scheidenden Blicke aus diesem Saale schritt, wo die Frage europäischen Wohles und Wehes erörtert werden sollte.

Er fand unten auf dem Corridor vor Lamormain's Gemache die Agenten, fünf an der Zahl, und nahm sie mit sich in sein Zimmer.

Einer nach dem andern schilderte seine Erlebnisse und seine Ergebnisse.

Vier hatten geendigt, und nur die »rothe Feder« war noch übrig.

Das Resultat war durchaus verneinend. In keinem der Güter und Häuser, welche den schottischen Benediktinern in der Umgebung Wiens gehörten, war eine Spur zu entdecken gewesen von einem Gaste wie Graf Zdenko.

Enttäuscht und ärgerlich sah Norbert vor sich hin, der »rothen Feder« geradezu vergessend.

Diese räusperte sich.

Norbert wurde aufmerksam und fragte:

– Ist der Brief draußen abgegeben, und ist Antwort da?

– Sie kann unten sein. Soll ich nachfragen?

– Allerdings.

Vielleicht hatte der Junker draußen etwas entdeckt! Dies war Norberts einzige Hoffnung, als die Agenten sämmtlich hinaus waren.

Die »rothe Feder« kam rasch zurück und berichtete die Antwort Brémont's, welcher pünktlich eingetroffen war.

– Glaubst Du, Medardo, daß der Junker glücklicher sein kann als wir?

– Nein. Denn Hochwürden haben mich noch gar nicht befragt.

– Dich? Wenn's in der Stadt wäre! Draußen bist Du fremd.

– Doch nicht. Ich bin scharf auf der Fährte.

– Wie?!

– Unten im Salzgries ist ein Gasthaus »zum Löwen«. Dort sprech' ich täglich ein, und ich komme eben von dort. Der Wirth war früher Fleischhauer, und ist als solcher rings in der Gegend überall herumgekommen, Kälber und Lämmer, Schweine und Ochsen kaufend. Ich bracht' ihn auf dies Capitel, die feinen Kälber und Lämmer der Schottenhöfe rühmend, von denen er offenbar jetzt noch sein Fleisch beziehe, denn man kriege im »Löwen« das zarteste Kaliber. Dies that ihm wohl, und er wurde gesprächig. Bergweide, meinte er, sei die Hauptsache. Darauf müsse man sehen beim Einkauf des Jungviehes. Deshalb trachte er immer nach dem Wiener Walde. Wild und Jungvieh von da oben sei dem Vieh in der Ebene vorzuziehen.

»Dort oben haben ja aber die Schotten keine Gehöfte!« warf ich ein.

»Aber große Waldantheile«, entgegnete er, »wohin von Hütteldorf und Dornbach das Vieh zur Weide getrieben wird.«

Das war der Faden, an dem ich weiter kletterte. Von jener Waldgegend hat keiner der vier Agenten gesprochen, weil dort oben kein größeres Gehöft ist, und doch liegt wahrscheinlich dort oben unser Has' im Pfeffer!

– Wie das?

– Der Wirth im »Löwen« kam schwatzend denn auch darauf, daß seine Hasen und Rehe die delicatesten seien, der Wildtauben, Haselhühner und Schildhühner gar nicht zu gedenken, denn die kriege man unten gar nicht. Dies beste Wild aber käme ihm just von den Schotten. Sie hätten – und dies ist die Hauptsache – links oberhalb Dornbach einen alten Jäger, das sei ein Matador. Und dieser alte Golling habe seine Einkehr bei ihm und liefere ihm Alles frisch.

»'s mag ein Hundeleben sein da oben Winter und Sommer in der Wildniß!« schaltete ich ein, um Näheres zu hören.

»Beim alten Golling nicht«, entgegnete der Riedl, »denn sein Haus ist an einem sonnigen Aussichtspunkte gelegen, und – horchen Hochwürden nur! – der sogenannte Pater Regens von den Schotten hat sich vor Jahren dort oben ein solides Sommerhaus gebaut unter einem Dache mit dem Jäger, und kommt viel zum Besuche hinauf, und da fällt Mancherlei ab an Bequemlichkeit« – basta! Dies ist, soll mir Gott helfen, die Wohnung des alten Grafen, die wir suchen, wie?

Norbert stimmte bei. Das Geheimniß schien gelöst, und nun war festzustellen, wie und mit welcher Macht der alte Graf dort oben aufzuheben sei.

Medardo mußte warten. – Pater Lamormain sollte in Kenntniß gesetzt werden.

Norbert ging eilig wieder hinauf.

Am Vorzimmer indessen stand er plötzlich still. Der Gedanke kam ihm: Wäre es denn nicht zu wagen, diese Expedition auf eigene Hand zu unternehmen? Die »rothe Feder«, welche Jedem dient, der hoch bezahlt, könnte man – Aber die genaue Kenntniß von der unendlichen Kette des Ordens, welche überall hinreiche, sagte: Nein! Jetzt noch nicht. Vielleicht dann, wenn die schöne Ketzerin erst – still!

Er trat ins Vorzimmer.

Die Thür zum Conferenzsaale war halb offen. Der Staatsrath saß noch.

Einer der Räthe, dessen Anblick ihm durch die nur halb offene Thür entzogen war, sprach langsam und mit pedantischer Betonung folgende Worte, wahrscheinlich den Schluß einer längeren Rede:

– All diese Aussichten sind fern und unsicher. Aus Spanien, aus Neapel, aus Florenz, aus Brüssel mag das Beste zu erwarten stehen mit Geld und Truppen; aber können wir warten, wenn wir jetzt durch scharfe Worte Alles auf die Schneide des Schwertes gestellt? Und lehrt uns nicht die Erfahrung, daß diese Hilfeleistungen, aus Spanien und Italien wenigstens, immer nur in zersplittertem Maße und meist zur Unzeit zugekommen sind? Auf Ungarn aber hat sich das Erzhaus nie verlassen können. Heut' verheißt uns Forgach, der Palatinus, gute Dienste, und es bietet der Siebenbürger Bethlen ein Bündniß an; aber morgen ist der Palatinus durch einen Wirbelwind stimmlos, und Bethlen Gabor enthüllt sich als treuloser Mithridates, wie ihn die Welt zubenennt. Was bleibt also Erreichbares zu Händen? Zwei sichere Leute hinauszusenden in die vorderen Lande, und im Burgauischen eine Summe aufnehmen zu lassen, so groß, als dies kleine Ländchen sie leisten kann, was bedeutet das bei so großem Bedürfniß?! Und doch ist es das Einzige, das im Laufe eines Mondes in Wahrheit erreichbar ist. Darum bin ich zunächst für ausweichende Schritte und Worte.

Norbert sah und hörte, daß sich Waldstein rasselnd schüttelte.

Niemand erwiderte, wie es schien, weil König Ferdinand eine abwehrende Handbewegung machte gegen Lamormain, welcher ihm zunächst saß.

Endlich sagte der König mit ruhiger und milder Stimme: Schließen wir. Ich danke Allen für gute Rathschläge. Sie sind zwar gar verschiedenartig, aber sie entspringen doch alle aus guter und kluger Meinung. Die Ruhe der Nacht und die Sammlung des Sinnes im Angesichte Gottes wird mir Entscheidung bescheeren. Euch, lieber Waldstein, gebe ich den Urlaub, den Ihr begehrt, damit Ihr in Mähren rettet, was zu retten ist. Euch, lieber Harrach, gebe ich Vollmacht, meinen niederösterreichischen Ständen anzukündigen, daß ich nächster Tage selbst im Landhause erscheinen und zu ihnen reden werde, Worte des Friedens und gegenseitiger Verträglichkeit. Euch, meine geistlichen Räthe, die Ihr mir ebenfalls verschiedene Wege weist – Pater Bartholomäus den der Nachgiebigkeit, Pater Lamormain den der Beharrlichkeit – euch will ich morgen nach der Frühmetten eröffnen, was mir Gott ins Herz gelegt. Er wird nicht zulassen, daß die höchsten Güter Schaden leiden, weil das Geringere nur zaghaft geopfert werden will. Euch, mein lieber Eggenberg, erwarte ich eine Stunde nach der Messe. Allen aber sage ich zur Richtschnur: unsere geheiligte Religion darf nirgends verkürzt werden, müßten wir auch statt des Scepters den Bettelstab in die Hand nehmen.

Hiemit stand er auf, grüßte Alle mit Kopf und Hand freundlich und ging dahin, von wo er vor einer Stunde gekommen.

Waldstein war der Erste, welcher ins Vorzimmer herauseilte. Sein Antlitz war düster, und er nahm keine Notiz von Norbert, welcher ans Fenster hinübergetreten war. Unverweilt klirrte er die Stiegen hinab und warf sich unten aufs Roß. Sein Reiterzug hatte sich dort aufgestellt und folgte ihm jetzt in dröhnendem Trabe nach dem Kohlenmarkt hinab. Der Morgen sollte sie durch Gänserndorf der mährischen Grenze zureiten sehen.

Schweigend zerstreuten sich die anderen Räthe. Keiner wurde Norberts gewahr. Nur der letzte sah sich im Vorzimmer um. Dies war Lamormain. Auch sein Gesicht war unfreundlich zusammengezogen. Der neue Herrscher machte auch ihm Sorge. Bei aller Frömmigkeit folgte dieser Ferdinand nicht unbedingt den andringenden Rathschlägen des wallonischen Jesuiten. Er bewahrte sich in Ruhe und Milde die eigene und letzte Entscheidung. Lamormain sah voraus, daß es nicht leicht sein werde, ihn ganz zu unterjochen, denn dieser Ferdinand sei kein Jüngling mehr, sondern ein Mann, ein vierzigjähriger Mann, welcher seine praktische Schule in der Steiermark durchgemacht. Sein Beichtvater, Bartholomäus Willer, welchen er von dort mitgebracht, war dem Lamormain eine Warnung und ein Dorn. Ein Dorn, weil dieser weiche Greis die politischen Principien des Ordens ganz außer Acht ließ; eine Warnung, weil er mit seiner Sanftmuth einen tiefen Einfluß auf Ferdinand erlangt hatte.

Endlich nahm Lamormain die Hand von den Augen, welche er sich zugedrückt hatte, als wollte er den herantretenden Norbert nicht sehen.

– Sprecht! sagte er matten Tones.

Norbert erzählte.

Lamormain wachte völlig auf aus seiner Ermattung, als der Bericht so nahe und sichere Aussicht eröffnete auf die Ergreifung des Grafen.

– Vortrefflich! rief er am Schluß mit festem Tone. Das kann den Nachdruck bringen, der uns abgeht. Eine Tonne Goldes ist in diesem Momente mehr werth, als – Kommt! Ich will den Medardo sprechen und belohnen. Die Maßregeln sollen kühn, sollen ganz getroffen werden. Volle Gewalt, wenn sie nöthig wird! Und unmittelbar in unser Collegienhaus unten am Stubenthore mit dem Alten, hört Ihr! Keine Zwischenhaft. Außen um die Stadt der Transport und erst beim Stubenthor herein. So wird jedes Aufsehen vermieden. Kommt!

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