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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 11
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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10.

Als die brausenden Isabellenhengste spanischer Abkunft in die Gegend der sogenannten »Lucken« (die Hauptstraße der jetzigen Alservorstadt) gekommen waren, griff Junker Hans, sein Schwert in den Wagen fallen lassend, mit starker Hand in die Zügel, welche Ludmilla noch immer tapfer hielt, obwol sie für die wildgemachten edlen Thiere des Freiherrn von Jörger keine Zügel mehr waren. Er that dies mit so geschicktem, heftigem Ruck, daß die Pferde wirklich sogleich nachgaben und in ruhigen Schritt übergingen.

Nun schaute er besorgt nach Ludmilla. Sie war in großer Aufregung. Ein solches lebensgefährliches Abenteuer war ihr denn doch bei aller Tapferkeit des auf Jagd und Reisen nicht unerfahrenen Landfräuleins zum ersten Male begegnet. Ihre Nerven waren davon in stürmische Bewegung gesetzt, aber der kurze Ausbruch eines Lach- und Weinkrampfes in leichtester Form befreite sie binnen wenigen Minuten von dem überspannten Zustande. Ruhe und heiterer Ausdruck kehrten auf das schöne Antlitz zurück, und die Thränentropfen, welche zurückgeblieben, verschönten nur den Glanz ihres großen schalkhaften Auges, welches selbst jetzt die herausfordernde Zweideutigkeit des Muthwillens nicht ganz verloren hatte. Sie reichte ihm die Hand, und diese Hand drückte sanft und liebevoll die seinige. Dabei wurde der Blick ihres Auges, welcher dem seinigen voll begegnete, weich und hingebend, wie er ihn nie erlebt. Der ganze Himmel einer jungen Liebe durchströmte ihn.

O, genieße den Augenblick, Junker! Er wird kurz sein. Du hast alle möglichen Wetter lauter und stiller Feindschaft hinter Dir zurückgelassen in jener Stadt; sie folgen Dir alle nach wie die Luftströme, welche jäh oder langsam ihre Richtung streng einhalten. Sprich es aus, Dein Herz, um das entgegenschlagende von jeder Unsicherheit zu befreien und für eine offene Zusage zu gewinnen. Denn das Mädchenherz ist ein eigensinniges, welches in günstiger Stunde gefangen und gefesselt sein will!

Aber Hans war seiner innersten Natur nach schüchtern, wenigstens bescheiden. Er glaubte nicht leicht an sein Glück, viel weniger an seine Macht. Das Mädchen seiner Liebe sollte es eigentlich ihm zuerst – wie wunderlich dies klingt! – deutlich sagen, daß sie ihn liebe, oder doch mindestens, daß sie ihn zum Ausdruck seiner Liebe berechtige. Dafür war nun Ludmilla mit ihrer unzweifelhaften Anlage zur Coquetterie durchaus nicht angethan. So konnte es kommen, daß sie bei gegenseitiger Liebesneigung für einander den Moment voller Erklärung doch nicht finden oder doch nicht ergreifen mochten. Jedenfalls that Eile noth bei solchen Charaktern und bei dem kurzen Raume, der sie nur noch vom Hernalser Schlosse trennte. Denn wer weiß, ob dort Stimmung und Gelegenheit wiederum so günstig eintrat. Poldi war abgestiegen und vorn zum Handpferd gegangen, an dessen Vorderbug Blut herabrieselte über die feine gelbweiße Haut. Die Pike des Gardisten hatte nicht blos das Geschirr durchstochen, und Poldi untersuchte mit ängstlicher Hast, ob der Stich was zu bedeuten habe. Die Isabellen waren des Freiherrn von Jörger Lieblingsthiere, und der gebietende Herr war sehr ungeduldig, wenn ihnen etwas zustieß. Zu dem Ende hielt Poldi den Zügel des Handpferdes und ließ es nur sehr langsam schreiten – eine treffliche Gelegenheit für die jungen Leute, welche nun keinen Zuhörer mehr hinter sich hatten.

Junker Hans brachte es denn auch zu der Aeußerung:

– Wenn Ihr Euch ohne Nachtheil erholt von dem Schrecken, liebes Fräulein, so macht mich diese Morgenstunde sehr glücklich.

– O, ich bin ganz erholt und ich freue mich.

– Wahrhaftig? Das klingt mir wie die Seligkeit selbst. Ich habe Euch in Gefahr gebracht, und Ihr habt sie so tapfer bestanden.

– Bis auf die Nerven hinterher, die albernen Nerven! Aber in der Schlacht selbst – nicht wahr, man kann's eine kleine Schlacht nennen?

– Ein Treffen gewiß!

– Also im Treffen selbst habe ich nicht die mindeste Furcht verspürt, sondern nur Zorn, hellen Zorn, daß sie wieder Hand an Euch legen wollten –

– Liebes, gutes Fräulein!

– Und da hab' ich die Zügel ganz straff und fest und ganz genau geführt, denn das Thor ist eng, und wir sind – das müßt ihr zugestehen – weder links noch rechts angestrichen.

– Weder links noch rechts!

– Rechts war noch dazu an der Mauer ein Mann, wenn ich mich erinnere –

– Ja wohl.

– Und das Rad hat ihn gar nicht berührt!

– Gar nicht. Ich glaube, auch der, über welchen wir hinweggefahren sind – -

– Allmächtiger Gott, wir sind über Einen hinweggefahren?

– Aber mit wunderbarem Glück. Die Pferde, die bei solcher Gelegenheit immer gern den Huf zurückziehen, wenn sie auf etwas weiches Lebendiges stoßen, haben ihn nicht getreten, und Ihr habt so glücklich oder so geschickt gelenkt –

– Nur glücklich, hierbei nur glücklich!

– Daß er vollständig Platz fand zwischen den Rädern, und sicherlich ganz heil davongekommen ist.

– Das gebe Gott! Himmel, wie hat mich das erschreckt!

– Seid unbesorgt! Ich weiß gewiß, daß der Patron, dem ein kleiner Denkzettel nicht geschadet hätte, ganz heil davongekommen ist.

– Habt Ihr zurückgesehen?

– Ja wol. Der Bursche sprang frisch wie eine Stahlfeder in die Höhe.

– Ja? O, wie gut ist der liebe Gott für mich, für uns!

– Für uns, liebe Ludmilla?

– Ja, sagte sie leise, wol empfindend, daß mit dieser Wendung auf ein gemeinschaftliches Schicksal der Augenblick gekommen sei zu einem Geständnisse der Liebe, das längst Beiden auf den Lippen schwebte.

Das Schicksal wollte es nicht. Poldi, der Kutscher, blieb gerade jetzt stehen, um den Wagen vorüberzulassen und hinten wieder aufzusteigen. Er machte ein sehr klägliches Gesicht und kratzte sich in den Haaren, und ein stöhnendes Aechzen ging in die Worte über:

– Wenn nur der Handige nicht was weg hat!

– Was denn?

Sie waren vor der steinernen Brücke über den Graben vor dem Schlosse, die Pferde bogen links ein, und Poldi schlenkerte mit der Hand in die Luft, zum Zeichen, daß er's für schlimm halte und nur nicht gleich reden wolle.

Im Hofe entstand allgemeine Bewegung. Jedermann eilte herbei, den evangelischen Junker zu sehen, der aus den Klauen des religiösen Feindes befreit worden sei. Denn sein Schicksal hatte Hoch und Niedrig beschäftigt im Hernalser Schlosse während der letzten vierundzwanzig Stunden. Und das schöne böhmische Fräulein brachte ihn! Wie prächtig! Das ist ein Paar! Das hat der Himmel selbst für einander geschaffen! So war die einstimmige Meinung der Mägde, welche den bescheidenen Junker ganz »herzig« fanden. Auch Spath, der Gärtner, sah ihm sehr antheilvoll zu, als er Ludmilla die Hand bot, auf welche diese sich nur leicht stützte, um vom Wagen herabzuspringen und dem herzutretenden Freiherrn von Jörger geradezu um den Hals zu fallen. Sie war zwar immer etwas ausgelassen, aber so viel hatte sie dem würdevollen Cavalier doch kaum noch angethan. Er nahm es indessen allem Anscheine nach gar nicht übel, sondern lächelte wohlwollend und gab den herzhaften Kuß herzhaft zurück.

Auch die Frau Baronin kam in den Hof zur Begrüßung – ein sehr seltener Fall, denn sie war nur zu oft kränklich und mußte sich der Luft entziehen. So machte es denn einen nicht geringen Eindruck, als man sah, wie angeregt sie dem Junker Hans entgegentrat und ihm die Hand bot, die er respectvoll küßte.

Der Freiherr ließ sich in Eile mittheilen, wie die Befreiung vor sich gegangen. Sein Reitpferd wurde eben vorgeführt, er wollte eiligst nach der Stadt, wo im Landhause Zusammenkunft aller Standesherren stattfinden sollte über das Begräbniß des Kaisers und über das nächste Verhalten zu dem Nachfolger. Kopfnickend nahm er den geflügelten Bericht Ludmillas hin und indem er seinem Reitknechte winkte, fuhr er streichelnd mit der Hand über das erhitzte Gesicht des schönen Mädchens und sagte:

– Schön, schön, mein Schätzchen, und es wird wol nicht nöthig sein, daß ich Euch strenge Wachsamkeit für unsern eroberten Gast empfehle. Denn er darf zunächst nicht in die Stadt zurück, und muß sich auch hier außen in Acht nehmen; Ihr Frauen werdet aber wol ohne meine Empfehlung dafür sorgen, daß ihm das Innere von Schloß Hernals anziehend und genügend bleibe. Nicht wahr, Amalie?

– Wir wollen unser Bestes thun! entgegnete diese, indem sie Ludmilla anblickte, welche ganz roth darüber wurde.

So stieg der Freiherr zu Pferde, und die Damen gingen mit dem Junker ins Haus. Das Gesinde sah den letzteren befriedigt nach und kicherte ein wenig, als der Candidat jetzt erst – wie immer zu spät – herbeikam und von dem fortreitenden gnädigsten Herrn die Kunde erhielt, der Junker sei endlich befreit.

Frau Amalie führte die jungen Leute hinauf in ihr Zimmer, und setzte sich zwischen sie, um ausführliche Erzählung alles dessen bittend, was dem Junker Hans seit seiner Abreise von Prag begegnet sei.

Es war dies eine der glücklichsten Stunden des Junkers. Geist und Herz waren ihm in der schönsten Erregung, und vor dem liebenswürdigen Mädchen, welches mit leuchtenden Augen zuhörte, vor der trefflichen Frau, welche in jeder kleinen Aeußerung verrieth, daß sie geistig und herzlich an Allem theilnahm und aller Wendungen des Zusammenhanges kundig war, durfte er erzählen, schildern und Plane wie Hoffnungen entwickeln über das so geliebte und jetzt so verworrene, gespaltene Vaterland. Er hing an demselben mit all seinen Kräften und täuschte sich mit dem Ueberschwang der Jugend, daß alle die Wirren und Gegensätze mit gutem patriotischen Willen und mit nüchternem Verstande geschlichtet und versöhnt werden könnten. Alles knüpfte sich natürlich an die neue Kaiserwahl, und wenn diese gelänge, so sei die allgemeine Vereinigung in Staat und Glauben gerade jetzt erreichbar, wo durch die Auflösung in den österreichischen Erbländern eine ganz neue Gestaltung so wesentlich erleichtert sei.

Ein großer Compromiß in den Glaubenssätzen war der Kernpunkt, in welchem er sich mit der Baronin Jörger einig wußte. Er übergab ihr die Briefe, welche von Weimar, von Dresden und von Prag ihm anvertraut waren für sie, und welche er Gangelberger in der Schranne so tapfer vorenthalten hatte. In dem Briefe aus Weimar war ein gedrucktes Blatt eingeschlossen, welches in einer kurzen Reihe von Sätzen die neue Glaubenslehre enthielt. »Christliche Glaubensartikel« war die Ueberschrift dieses Druckblattes.

– Der greise Hortleder in Weimar, setzte der Junker begeisterungsvoll hinzu, unser verehrter Patriarch, ist der Verfasser. Er hat noch zu den Füßen Melanchthon's, unseres verehrungswürdigen Reformators, gesessen und die Milde einer Gottesverehrung eingesogen, welche nicht streitet und verdammt, sondern ausgleicht und befriedigt, welche also nicht Streitpunkte hervorhebt, sondern Vereinigungspunkte. Die abweichenden Meinungen, denen man das streitsüchtige Menschenthum nie entziehen kann, sollen hinausgedrängt werden aus dem Glaubensbekenntnisse. Sie mögen sich tummeln und sättigen in den Winkeln und Seitengassen; auf dem Markte der Völker aber sollen sie schweigen, damit der Preis Gottes und die Liebe, welche uns Alle gleichmäßig erheben, ungestört bleiben von den Störungen der Rechthaberei. Die geheimnißvollen Falten ewiger Fragen ergründet doch kein Menschenkind, auch nicht das gesegnetste, so verlange man denn auch nicht länger, daß es eine gleichmäßige Lehre gebe von diesen Falten des Geheimnisses, und verwehre auf der andern Seite Niemand, sich in der Stille seines Herzens, ja auch in der Stille seiner Freundeskreise, in diese Falten zu vertiefen nach Kraft und Maßgabe seines Geistes, seines Herzens und seiner Phantasie. Dann wird man zurückgekehrt sein zur Einfachheit des Evangeliums, und die Gemeinschaft der Christen wird wieder zur Einheit gelangen, von der sie ausgegangen im Worte des Heilandes: »Richtet nicht, so werdet Ihr nicht gerichtet, und was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thu' einem Andern auch nicht!« Dies waren die Grundsätze des liebevollen Melanchthon, und unser Hortleder hat aus den nachgelassenen Papieren des Reformators all das gesammelt, was diesem Werke der Vereinigung dienen kann. Er hat es in einer Geleitsschrift des neuen Bekenntnisses zusammengestellt, will aber diese Geleitsschrift nicht allsobald in die Oeffentlichkeit ausgehen lassen, damit sich nicht sofort wieder eine Controverse über Einzelheiten eröffne. Denn die Menschen, sagte er, sind des Streites bedürftig auch in der Versöhnung, und sie neiden das Verdienst jeder Persönlichkeit, auch wenn diese den Segen des Himmels über sie ausschüttet. Darum erheben sie solche Persönlichkeiten zur Höhe der Gottheit, um an sich selbst die Anforderung gleicher Höhe loszuwerden; oder sie zerren sie in den Schmutz des Zankes, um darzuthun, daß auch die edelsten Personen nichts Besseres seien denn sie. Die Lehre selbst in ihrer Kürze und Einfachheit – schloß er, als er mich entließ – stifte sich selbst zur universalen Kirche, und kein Name als der unseres Heilandes erscheine dabei als maßgebend.

Frau Amalie hatte mit voller Theilnahme zugehört, und blickte jetzt in das Blatt, welches in wenigen Sätzen die Grundlage für eine universale Kirche bieten sollte. Des Junkers Auge hing an ihren Mienen, ob sie Zustimmung oder Ausstellung ausdrücken würden.

Auch Ludmilla blickte voll Spannung auf das Antlitz der verehrten Tante, welche durch Geist, Bildung, Menschenkenntniß und Güte ein so außerordentliches Ansehen genoß, daß man auch in den höchsten Fragen eine Entscheidung von ihr erwartete.

Es möchte heut auffallen, daß ein junges, lebenslustiges Mädchen Verständniß und Theilnahme zeigen konnte für solche dogmatische Fragen. Und doch war dem so. Solche Fragen füllten damals alle höheren Gespräche in der Familie. Der Vater Ludmillas, wie frisch und weltlich er erscheinen mochte, war voll von dieser Gedankenwelt, und weihte seine Kinder ein in all diese Ideen. Wie man heutzutage politische Staatsformen allenthalben bespricht, und liberale oder illiberale Regierungsweise überall, auch in unreifem Munde, geläufig findet, so war in der zweiten Hälfte des sechzehnten und im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts die Lehre vom Abendmahl, die Lehre von der Gnadenwahl und vom freien Willen, die Ohrenbeichte, und ob Bilder oder nicht zu dulden seien in der Kirche, ein täglicher Stoff des Gespräches. Ludmilla war vollständig in alledem bewandert, und in diesem Augenblicke war sie doppelt dafür angeregt, da ihr geliebter Junker Hans – denn sie liebte ihn jetzt gewiß – gleichsam als Verfasser oder doch Vertreter einer neuen Lehre erschien. Die Liebe erzeugt ja unmittelbar den Enthusiasmus für alle Unternehmungen des geliebten Wesens, und so war der leuchtende Blick, welchen sie einen Moment lang mit Hans wechselte, ein rührender Beweis für diesen, daß sie seine Welt zu der ihrigen machte. Was er sonst nicht leicht gewagt hätte, das wagte er jetzt in der Erhebung zu großem, gemeinsamen Interesse: er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie ergriff sie lebhaft und drückte sie feurig. Es war eine Begegnung über die Liebe hinaus, und die doch die Liebe zur Voraussetzung haben konnte.

Frau Amalie war zu Ende mit der Lectüre des Blattes. Sie ließ es mit der Hand in den Schooß sinken und sah nachdenkend vor sich hin.

– Es ist gut! sagte sie endlich.

– Ja?

– Ah!

– Gut, weil es einfach. Auch der Graf wird's billigen, weil es große Freiheit läßt. Aber es zur Herrschaft zu führen, wird doch unsägliche Schwierigkeit haben.

– Da es aber doch einfach ist –! rief ungeduldig Ludmilla.

– Und große Freiheit gestattet –! setzte Hans hinzu.

– Trotzdem, oder vielmehr eben deshalb. Die Menschheit ist eben wunderlich. Sie schreit überall nach Freiheit, und in Kirche und Glauben will sie so viel als möglich Unfreiheit. Je enger sie da gebunden wird, desto sicherer fühlt sie sich, weil das Gefühl der Ohnmacht in recht viel und recht strengen Vorschriften auch recht viel und recht feste Stützen zu haben meint. Dieser Plan hat nur die Stärksten und Reifsten für sich, und er ist nur auszuführen, wenn die Sectenbildung freigegeben wird.

– Wie?!

– Ja wol. Die verschiedenen Kirchen werden wir nur los, und eine universale christliche Kirche tauschen wir nur dafür ein, wenn wir in dem weiten Rahmen derselben allen Bedürfnissen absonderlicher Bindung volle Gestaltungsfreiheit gestatten. Ich sag's Euch voraus, lieber Junker, ähnlich wird sich der Graf äußern – ich hab' ihn gestern gesprochen –

Sie hielt inne, indem sie auf Ludmilla blickte. Offenbar hatte sie vor ihr die letzten Worte nicht sagen wollen. Sie ließen voraussetzen, daß die erwähnte Person in der Nähe sei.

– Welcher Graf denn, liebe Tante? fragte auch Ludmilla sogleich.

– Sei doch so gut, Kind, und laß mir den Spath heraufschicken, den Gärtner. Ich hab' einen Auftrag für ihn und will ihm unsern Gast anempfehlen. Spath ist ein kundiger Mensch, und soll dem Junker zur Hand sein, wenn dieser etwa doch aus dem Gehöfte hinausgehen will, was sicherlich nicht ohne Gefahr ist. Außerdem soll er ihn vorsichtig mit unserem Candidaten bekannt machen. Er kann auch dies am besten. Götzinger hält viel auf den Gärtner, und ist nur durch die geschickteste Vorbereitung für dies Glaubensbekenntniß zu gewinnen, denn er ist sehr eigensinnig und rechthaberisch. Dann, liebes Kind, mach' Dich zurecht, wir wollen spazieren geh'n –

– Ah, wir?

– Ja, ich will mit hinaus, heut' wird mir's gutthun. Ich fühle mich heiter angeregt, und die Frühlingsluft lockt mich.

– Prächtig, prächtig! Ich fliege zu Spath und rüste unsere Hüte und Hüllen. Auf Wiedersehen!

Und so flog Ludmilla, mit den Händen fröhlich grüßend und mit den Augen nur langsam von Hans scheidend, zur Thür hinaus.

– Es ist besser, fuhr Frau Amalie halblaut fort, wir weihen sie noch nicht gleich ein in das Geheimniß des Grafen. Sie ist leichten Sinnes, und der Herr Rudolph von Mitzlau wird nicht lange auf sich warten lassen. Er sucht den Grafen wie eine Stecknadel, oder vielmehr er sucht dessen Gold, und arglos könnte Ludmilla etwas verrathen, was vor solcher Neugier verborgen bleiben soll.

– Auch mich bestürmt Mitzlau auf das dringendste um den Aufenthaltsort seines Oheims.

– Seid verschwiegen. Ich bin nicht eben eingenommen für diesen Herrn Rudolph, und erwarte in ihm keine Hilfe für unsere Sache. Bis jetzt seid Ihr übrigens wol selbst nicht im Stande gewesen, ihm Auskunft zu geben.

– Doch! Odontius hat mir in der Hast eine Mittheilung gemacht –

– Ah?! Wie lautet sie?

– Vom Maierhofe Ottakring gegen Norden aufwärts durch den Hohlweg in den Wald hinein bis zum Jägerhause, und dem Jäger das Wort »Brahma« ins Ohr flüstern –

– So? Nun, wir haben es näher. Unser braver Spath führt Euch direct hin.

– Ich glaube den alten Odontius auch da zu finden, und ich bin deshalb in Verlegenheit. Graf Waldstein will Näheres von ihm wissen, und hat mich dafür in Anspruch genommen –

– Nein, nein!

– Ich bin ihm Dank schuldig für meine Befreiung, und habe kaum ausweichen können, ihm binnen drei Tagen Nachricht zu geben –

– O nein, nein! Da müssen wir sorgfältig überlegen, was zu thun sei. Ich möchte Eure Dankbarkeit nicht gern verhindern, aber dorthin dürfen wir durchaus nicht die Aufmerksamkeit eines Mannes wie Waldstein lenken. Er und unser Graf sind aus Mähren principielle Gegner.

– Darf ich wol selbst um nähere Aufklärung über diesen geheimnißvollen Mann bitten? Es hat mir selbst unser Hortleder niemals Näheres über ihn anvertraut, obwol er seit seiner Jugend in engem Verkehr mit ihm gestanden. Er pflegte zu sagen: die Stellung des Grafen sei in den österreichischen Landen so delicat und gefährlich, daß er selten lange an demselben Orte verweile, und es in keinem Betrachte gerathen sei, die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken.

– So ist es, lieber Junker. Dieser alte Graf Zierotin ist die Seele unserer Unternehmung. Wirklich die Seele. Er verhält sich gleichsam körperlos. Er verlangt nichts, er will nichts für sich, auch nicht die Leitung, auch nicht die Herrschaft, auch nicht den Ruhm. Und doch stellt er uns all seine Mittel zur Verfügung. Diese Mittel sind sehr groß: eine ausgebreitete Kenntniß und Bildung, eine reine Menschenliebe und weite Tonnen voll Gold. Letzteres lockt Herrn von Mitzlau. Dieser sucht ihn, wie ihr gehört haben werdet, in einem Kloster Wiens, ein Irrthum, welcher absichtlich und nicht ohne Veranlassung verbreitet worden ist. Graf Zdenko Zierotin, von jahrelangen Reisen zurückkehrend, hatte sich in Mähren sehr feindlich gegen den Jesuiten-Orden erklärt, und war nahe daran, den Verfolgungen desselben zu unterliegen. Er hatte all seine großen Besitzungen veräußert und in Goldstücke verwandelt. Konnte man nun seiner Person habhaft werden, so wurde man auch unscheinbar Herr seines Vermögens. Das versuchte man, indem man ihn heute der ärgsten Ketzereien anklagen ließ und morgen für wahnsinnig ausgab. Man hatte ihn bereits so umgarnt, daß ihm nur übrig blieb, bei einem angesehenen katholischen Orden Zuflucht zu suchen, bei den Benedictinern nämlich, welche durch gelehrte Bildung und einen edlen frommen Sinn den Jesuiten noch hie und da einen erfolgreichen Widerpart halten. Die Abtei und das Kloster der Schotten ist in Wien ihr Sitz. Dorthin flüchtete Graf Zdenko. Dort hatte er auch einen persönlichen Freund, auf den er hoffen durfte. Glücklicherweise ist dieser der eigentliche Regens im Capitel, soweit es die Verwaltung aller den Schotten zugehörigen weltlichen Güter betrifft. In dieser Eigenschaft wurde es dem freundlichen Benedictiner möglich, den alten Grafen so unterzubringen, daß man nicht weiß, wo er ist. Diese Waldberge da drüben gehören den Schotten, und dort wohnt unser alter Weiser seit einiger Zeit unter dem Namen eines einsiedlerischen Benedictiners, der vom Berge Athos heimgekehrt sei und seinen gottgefälligen Studien lebe. Nur der alte Jäger dort, im Dienste der Schotten, aber von den mährischen Gütern Zierotin's stammend, ist im Geheimnisse, und dort ist er bisher allen Nachforschungen entgangen. Jetzt ist die Aufmerksamkeit der Jesuiten auf andere, dringendere Dinge gerichtet, und seit einiger Zeit scheint die ganze Angelegenheit verschollen. Ihr ermeßt also leicht, daß uns der lärmend auftretende und nach seinem Oheim suchende Mitzlau nicht eben willkommen ist, und daß wir im Verkehr mit dem alten Herrn die größte Vorsicht beobachten müssen. Der Gärtner Spath ist mein einziger Vertrauter in dieser Angelegenheit, selbst mein Gatte ist nicht ganz eingeweiht, und ich mache Euch deshalb die größte Vorsicht und Verschwiegenheit zur Pflicht.

Sie hatte eben diese Worte beendet, da klopfte es an die Thür. Es war Spath, der Gärtner. Bescheiden und nicht ungeschickt grüßend trat er ein, und fragte, an der Thür stehen bleibend, was die gnädigste Frau Baronin befehle.

Sie winkte ihn näher, und machte ihn mit dem Junker bekannt, klar auseinandersetzend, als ob sie es nicht mit einem Diener, sondern mit einem Standesgenossen zu thun hätte, was der Junker Hans in ihren gemeinschaftlichen Glaubenssachen zu bedeuten habe, und was Spath zunächst für ihn thun sollte.

Spath nahm diese Zeichen von Achtung und Vertrauen in seiner Weise dankbar auf. Er war dies Wohlwollen, welches nicht im Mantel der Herablassung rauschte, an seiner gnädigsten Frau gewohnt, und er verehrte sie deshalb stark und vollständig. Ein jeweiliges Nicken mit dem Kopfe und der unausgeführte Versuch eines Fußscharrens deuteten an, daß sein Herz nach dem Ausdrucke einer Erwiderung suche, denn das Feuchtwerden seiner Augen hielt er für unbemerkbar. Er wischte sie hastig aus, um sich den Junker sorgsam zu betrachten. Dann erst – er war ein bedächtiges Naturell – erklärte er einfach und trocken:

– Werde Alles so gut ich kann besorgen. Soll ich den jungen Herrn jetzt gleich hinaufführen?

– Nein, Spath, das würde auffallen. Erst zum Abend. Ich werde jetzt bis zur Bildbuche im Dornbacher Hohlwege spazieren gehen, damit er den Weg bis dahin genau kennen lerne und in der Dämmerung allein finde. Dort an der Buche magst Du ihn nach Sonnenuntergang erwarten und zum Grafen hinaufführen.

– Nur nicht zu spät, gnädigste Frau Baronin. Ihr wißt, daß der Herr Eremit – so nannte man den alten Herrn da oben von Seiten der Holzbauern, welche ihn zuweilen sahen – mit den Hühnern zu Bette geht.

– Also vor Sonnenuntergang, lieber Junker, von hier ausgehen. Still! Nichts weiter davon. Da kommt Ludmilla – –

*

Es war gar sehr nöthig, daß Frau Amalie so vorsichtig verfuhr. Die Gefahr stieg bereits wie ein Gewitter empor in der Stadt Wien. Rudolph von Mitzlau und Herr Norbert bildeten dies Gewitter.

Norbert hatte bei dem Anblicke der unzweifelhaften Neigung zwischen Ludmilla und dem Junker Hans furchtbare Schmerzen empfunden. Das schöne Mädchen hatte sich all seiner Sinne, hatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt. Nichts sah er vor sich als dies Auge, welches schalkhaft und üppig, klug und verführerisch in seine Seele, in seine Sinne hineindrang. Als ihr beim Fortgehen in rascher Wendung das leichte Tuch einen Augenblick von der Schulter glitt und das frische blendende Fleisch des Nackens und der Schulter enthüllte, als der widerwärtige fremde Junker es aufhalten und ihr über die Achsel breiten durfte, da war es Norbert, als ob ein glühendes Eisen durch seine Brust gestoßen würde. Er fühlte sich fassungslos und – zu Allem entschlossen, was diese verführerische Gestalt, wenn auch nur für einen Moment, in seine Arme drängen könne.

War diese Fassungslosigkeit, war dieser lodernde Brand die Rache für ein Jugendleben ohne irgend welche Empfindung? Es schien so. Sein Kopf allein hatte bis jetzt gelebt, und so stieg denn auch jetzt kein Scrupel in ihm auf, daß er gegen seinen Stand und Beruf sündige in diesem Verlangen nach der Umarmung eines Mädchens. Sein Stand und sein Beruf war ihm ein bloßes Geschäft gewesen, ein diplomatisches Geschäft im Interesse der Kirche. Kein Herzensbedürfniß war dabei in Rede gekommen, wie sollte ihm jetzt ein Scrupel entstehen, da sein Herz zum ersten Male in convulsivische Bewegung gerieth! Die aristokratische Erziehung kam ihm übrigens zu statten in seinem Drange nach Befriedigung. Diese Erziehung war ja doch von dem Grundsatze ausgegangen, daß Alles, auch das Höchste und Beste, für ihn vorhanden und erreichbar sei – so schwankte er keinen Augenblick, alle Mittel anzuwenden, welche ihm dieses Mädchen in die Arme führen könnten, und als Waldstein seiner Braut auf dem Vorsaale entgegenging, schritt er festen Schrittes an dieser vorüber an das Treppengeländer hin, um die zauberhafte Gestalt Ludmillas so lange als möglich noch zu verschlingen.

Wunderbare Welt, welche im Reiche der Neigung so oft alle Vorzüge überspringt und das Unscheinbare beglückt! Der bereits mächtige, reiche und innerlich bedeutende Waldstein mußte sich – er hatte ein scharfes Auge für das Innere der Menschen – er mußte sich ärgerlich gestehen, daß seine Braut voll Sympathie sei für jenen einfachen sächsischen Junker, voll einer Sympathie, welche ihm so ganz und gar nicht entgegenkam, und der zu großer Laufbahn aufschreitende mährische Graf Zierotin im geistlichen Kleide, welches gerade ihm alle Machtpforten der Welt öffnete, mußte in Neid und Unmacht hinter dem dürftigen Junkerlein herblicken, welches noch vor ein paar Stunden ein gefangenes und zum äußersten bedrohtes Nichts gewesen war!

Nun denn, in einigen Minuten ist es wieder ein also bedrohtes Nichts, dachte er, und du wirst das Deinige thun, daß er nie wieder jene weiße Schulter berühre. Dies denkend schritt er rasch die Stiege hinab. Er hatte ja oben in der Burg, wenn auch nur mit halber Aufmerksamkeit, vernommen, daß der Junker am Schottenthor wieder eingefangen werden solle. Das wollte er jetzt von fern mit ansehen vor der Thür des Harrachschen Hauses.

Es kam anders. In dem Angriffe verschwand der Wagen, und es entwickelte sich ein Volksauflauf, da die Gardisten auf Medardos Zuruf wenigstens etwas zuwege bringen und den Bart-Conrad fangen wollten. Der Raschmacher Urban, welcher gerade eine solche Scene wünschte, um die Stadt in Bewegung zu bringen, schrie wie besessen, und brachte denn auch ein Getümmel zu Stande.

Dies Getümmel wälzte sich gegen die Freiung herab. Norbert, welcher sich zu weit vorgewagt hatte, um den Angriff auf den Wagen des Junkers näher zu beobachten, befand sich plötzlich nur noch etwa hundert Schritte entfernt von der schreienden und kämpfenden Masse, und hatte doch nicht die geringste Neigung in unmittelbare Berührung mit derselben zu gerathen. Sein schwarzes Jesuitenkleid war von gefährlicher Anziehungskraft in solcher Situation. Er sah rückwärts, ob die Thür des Harrachschen Hauses ihn wieder aufnehmen könne – sie war verschlossen; der Thürsteher hatte den heranziehenden Lärm gemerkt. Kurz und rasch im Entschlusse ging er also schnellen Schrittes nach rechts hinüber, wo die Gebäude der Schottenabtei eine Zuflucht boten. Der Pförtner wollte zwar soeben auch das Seitenpförtchen schließen, aber er konnte doch nicht verweigern, daß der junge vornehme Jesuit schnell noch eintrat. Er kannte ihn und seine vornehme Abkunft sehr wohl, denn Pater Norbert war erst kürzlich in Sachen seines verschwundenen Oheims, des Grafen Zdenko, in der Abtei gewesen. Die erste Frage des höflichen Pförtners ging also dahin, ob der hochwürdige Herr Pater seit jener Zeit so glücklich gewesen sei, den alten Herrn Grafen aufzufinden.

Norbert hatte mit keiner Sylbe an den Oheim Zdenko gedacht. Diese Frage aber fiel doch auf fruchtbaren Boden. Der fixe Gedanke, sich jenes schönen Mädchens zu bemächtigen, wucherte natürlich nach allen Möglichkeiten hinaus, welche sich der Phantasie darboten. Für jede dieser Möglichkeiten, mochten sie Entführung heißen, oder Glaubenswechsel, oder sonstwie, war jener Oheim Zdenko ein Anhaltspunkt. Die großen Geldmittel desselben auf der einen Seite, die Freigeisterei, deren man ihn bezichtigte, auf der andern Seite, erschienen dem Neffen plötzlich von weiter Bedeutung. Er sah schweigend dem alten Pförtner ins Antlitz, und setzte durch dies Schweigen und durch sein glühendes Auge den Mann von Minute zu Minute in peinlichere Verlegenheit. Zufällig wußte nämlich dieser Pförtner so viel von dem Grafen Zdenko, daß er gar wohl den Neffen auf die Spur des Oheims hätte leiten können. Er hatte ja das Thor geöffnet, als der Pater Regens beim Morgengrauen seinen Freund, den Grafen Zierotin, hinausgefahren aus der Abtei; die städtischen Maulthiere hatten ausgeschlagen, als sie jählings rechts gelenkt wurden nach dem Schottenthore; der Pater Regens war nach drei Stunden allein zurückgekehrt, und hatte zwei Finger auf den Mund gelegt, als er an dem demüthig grüßenden Pförtner vorübergefahren war in den Hof hinein. Der Pförtner, ein alter Laienbruder, war wohl geschult in Vorsicht und Verschwiegenheit, war ganz wohl unterrichtet über die feindliche Stellung, welche das Benedictinerthum und das Jesuitenthum gegen einander einnahmen, und er war in diesem Augenblicke durchdrungen von der Ueberzeugung, der furchtbar schweigende und ihn mit dem Blick durchbohrende Jesuitenpater sei hinter das Geheimniß gekommen und wolle jetzt die letzte Aufklärung aus ihm herauspressen.

Norbert, wohlgeübt im inquisitorischen Verfahren, deutete sich geschickt die ängstlichen Gesichtszuckungen des Pförtners, und sagte endlich langsam, aber mit drohender Betonung:

– Du weißt, wo mein Oheim ist!

– Nein, Hochwürden, wahrhaftig nicht!

– Er ist hier im Kloster!

– Nein, Hochwürden, er ist nicht mehr hier!

– Nicht mehr?! Er war also hier –

Die letzten Worte, welche Norbert vor sich hin gesprochen, wurden unterbrochen. Der Pförtner, vom Anblicke Norberts betroffen, hatte die Thür nicht ins Schloß geworfen, sondern nur angelehnt – sie flog jetzt auf, und zwei Männer stürzten herein. Der eine von ihnen, Niemand anders als die »rothe Feder«, hatte die Gewandtheit, die Thür ins Schloß zu werfen. Man hörte wirres Geschrei draußen, aus welchem nur folgende Aeußerungen zu verstehen waren:

– Schlagt die Pforte ein, das ist der Hauptlump!

– Thut's nicht, wir sind in der Freiung, die Schotten sind oft genug eine Zuflucht gewesen für unsere armen Teufel; die Schotten sind brav, ehrt ihre Freistätte!

– Dummes Zeug von braven Schotten und Freistätte! Aber aufhalten wollen wir uns nicht hier im leeren Winkel; in die innere Stadt hinein müssen wir, sonst geht uns der angefangene Aufstand wieder aus dem Leim. Vorwärts!

– Vorwärts! antwortete der Haufe dem letzten Redner, dessen Stimme dem Raschmacher Urban gehörte, und der Lärm entfernte sich nach dem Heidenschusse hinauf.

– Der Raschmacher hat Recht, Hochwürden, flüsterte die »rothe Feder« noch ziemlich athemlos, jetzt steht die ganze Stadt auf dem Spiele, denn die Cavaliere sprengen zu allen Thoren herein nach dem Landhause. Es soll eine Protestsitzung geben gegen den neuen Herrn und ein Verweigern der Huldigung. Wenn das mit dem Volksaufstande zusammenklappt, alsdann –

– Possen! Wien ist katholisch! sagte mit kalter Energie Pater Norbert. Schafft den Mann da auf eine Lagerstatt, Pförtner, er fällt ja um, und kommt mit mir Medardo.

Unter diesen Worten ging Norbert in dem gewölbten Gange des Flurs weiter nach hinten dem Hofe zu. Die »rothe Feder« folgte ihm. Jener erschöpfte Mann aber, der alte Pudel aus der Schranne, ward vom Pförtner in die offen stehende Thorstube geleitet. Der Mangel an »Bülldung« der Straßenwelt hatte ihn garstig belästigt, und er lallte ununterbrochen vor sich hin:

– Der wüste Conrad war's, der »ungebülldete« Holzknecht, pfui!

Pater Norbert behielt ungestört sein Ziel im Auge und den Weg, auf welchen ihn zufällig der erschrockene Pförtner geleitet hatte: Ludmilla und seinen verschwundenen Oheim mit den Goldstücken, den alten Grafen Zdenko. Er fragte also rasch den aller Stadtdinge kundigen Medardo, ob er vermuthen könne, wohin dieser aus der Schottenabtei gebracht worden sei.

Die »rothe Feder« schwieg und dachte nach. Es fehlte an Anzeichen; denn was da geschehen sein konnte, war unter Hilfsmitteln der geistlichen Herren, der Schotten, geschehen, war also von den Genossen Medardos, den Gardisten und andern Aufpassern, nicht beachtet worden.

Nach manchem Hin- und Herrathen kamen Pater Norbert und Medardo dahin überein, daß Graf Zdenko wahrscheinlich auf einem Besitzthume der Schotten verborgen weile. Nun wurden diese Besitzthümer besprochen. Penzing war die wichtigste. Dort sollte nachgespürt werden. Aber auch nordwärts von Penzing, weithin über Berg und Wald, gehörten weite Landstrecken den Schotten, welche vor einem halben Jahrtausend vom Herzoge Heinrich Jasomirgott als schottische und irische Mönche bei Wien angesiedelt und von ihm, sowie von seinen Nachfolgern reich dotirt worden waren.

– Holla! rief plötzlich Medardo.

– Was?

– Heut' Morgen ist uns gemeldet worden, daß der ungarische Wagen, welcher heut' Nacht am Ausgange des Kohlenmarktes gehalten, und wahrscheinlich den Odontius –

– Odontius – wie?

– Hochwürden, ich lasse mir's nicht nehmen, daß der räthselhafte Alte, welcher heut' Nacht in der Stallburg das Aufsehen gemacht, der Odontius selbst gewesen ist.

– Ah?!

– Und mir wissen aus Olmütz, daß dieser Hauptketzer in Verbindung steht mit dem Grafen Zdenko.

– Nun?

– Nun, dieser ungarische Wagen heut' Nacht ist zum Schottenthor hinausgefahren. Wie kommt ein ungarischer Wagen da hinaus?! Was aber noch deutlicher spricht, der wachestehende Gardist, mein Landsmann, der Battista, ein aufgeweckter Kopf, hat draußen an der Grabenbrücke drei Worte gehört, die einen Fingerzeig geben –

– Welche?

– Der Kutscher hat einen Augenblick stillgehalten und seinen Kopf zurückgewendet nach dem verdeckten Wagen, offenbar weil er nicht gewußt hat, ob er rechts oder links fahren solle. Da hat eine schwache Stimme im Wagen gesagt: Links zum Grafen!

– Links? Das geht nach Hernals.

– Jörger in Hernals ist aber Baron, und »Graf« kurzweg wird bei den Ketzern Graf Zdenko überall genannt.

– Also dahinaus –?

– Dahinaus liegt höchst wahrscheinlich der Schlupfwinkel des Grafen Zdenko. In Hernals nicht. Dort hab' ich meinen Aufpasser, der nie etwas davon gemeldet. Aber – richtig! – mein Aufpasser sagte neulich: Die Frau Baronin, eine Hauptketzerin, mache seit einiger Zeit gegen ihre sonstige Gewohnheit häufig Spaziergänge in den Wald hinauf. Sollte sie nicht, die sehr klug und mit aller Welt in Verbindung –

– Gut, gut. Dahin unsere Netze!

– Schwer, schwer, Hochwürden. Draußen jenseits des Grabens ist das Ketzerthum allmächtig, und die Cavaliere machen wenig Umstände mit unseren Leuten.

– Muß aber doch geschehen.

Damit trennten sie sich. Norbert rief den alten Pförtner zu sich, und trug ihm auf, den Platz draußen zu überschauen. Die Nachricht lautete: er sei leer; die Tumultuanten seien im Heidenschußgäßchen verschwunden, die Gardisten aber hätten sich – nach Aussage eines Gassenkehrers – in den Tiefen Graben hinab zurückgezogen; aus der inneren Stadt wisse und höre man nichts.

Norbert trat hinaus auf den freien Platz. Er wollte zu Waldstein hinüber, den er noch im Harrach'schen Hause vermuthen durfte, um diesem mitzutheilen, was er über den Grafen Zdenko erfahren, und vielleicht einige Reiter Waldstein's in Anspruch zu nehmen. Denn in Betreff des Oheims Zdenko war er sicher, kräftige Unterstützung bei Waldstein zu finden, da dieser ein persönlicher Gegner Zdenkos war.

Ehe Norbert jedoch den Platz ganz überschritten hatte, kam ein Reiter aus dem Tiefen Graben heraufgesprengt und ihm entgegen. Es war Rudolph von Mitzlau, der sich endlich von Gangelberger losgewunden, sein Pferd im »Löwen« geholt hatte und jetzt nach Hernals hinauseilen wollte.

Norbert blieb stehen. Er wußte, daß dieser schlesische Junker sich ein besonderes Geschäft daraus machte, den ihm ebenfalls verwandten Zdenko auszuspüren.

– Wohin, Herr Junker? rief er ihm zu.

Mitzlau hielt sein Pferd an und zögerte mit der Antwort. Daß er zu den Ketzern hinauseile, stimmte nicht gut zu der Rolle, welche ihm die vergangene Nacht aufgedrängt worden war. Norbert aber war sehr geneigt, ihm die Antwort zu erleichtern. Das geschah am besten, indem er sie ihm ersparte.

Norbert trat also nahe zu Mitzlau hinan und sprach lächelnd weiter:

– Ich hab' Euch ja gestern Abend da oben (nach den Harrach'schen Fenstern hinaufblickend) beobachtet. Ihr wart mit der schönen Ketzerin gekommen, und sie ärgerte Euch offenbar mit ihrer Sorge um den gefangenen Sachsen – laßt's gut sein mit Protestiren! Die Hauptsache ist: er hat sie vor einer Viertelstunde, oder richtiger: sie hat ihn vor einer Viertelstunde da hinausgefahren –

– Wie?

– Ja wol. Eure Anstalten – denn sie gingen ja doch von Euch und Gangelberger aus! – sind ungenügend gewesen; er ist hinaus mit ihr, und jetzt lachen sie draußen im Schlosse über uns. Aber nützen könnt Ihr uns da draußen doch, uns und Euch.

– Das heißt?

– Das heißt – und das Folgende sprach er gesammelt und nachdrucksvoll, wenn auch nicht mit sehr lauter Stimme – das heißt, wenn Ihr Euch beizeiten entschließt, Einem Herrn zu dienen.

Einem Herrn –?

– Bis jetzt dient Ihr zweien. Ich kannte Euch, ehe Ihr nach Wien kamt. Wir sind ja Verwandte, und Oheim Zdenko ist unser gemeinschaftlicher Vetter. Ihr kamt, um ihn aus den Händen der räuberischen Pfaffen zu befreien, die sein Geld in Beschlag genommen und Euch entzogen. Still, still! Wir kennen Euch ganz gut, und wir wissen es auch zu würdigen, daß Ihr Euch heute Nacht – ich will nicht untersuchen warum – für uns entschieden habt. Aber bleibt nun stracks und fest auf dem Pfade, welchen die Fügung des Himmels Euch heute Nacht angewiesen. Uns täuscht Ihr nicht, und wir wissen zu lohnen und – furchtbar zu strafen. Genug! Erwidert nichts. Ich allein kenne Euch ganz. Ueberzeugt mich in der nächsten Zeit, daß Ihr Euren Eintritt dahier auslöschen gewollt, und ich stehe Euch für eine glänzende Laufbahn. Besucht mich in jeder Woche zweimal; ich wohne in der Burg. Um Euch gegen die Hernalser sicherzustellen, kommt des Abends. Ich komme übrigens auch hinaus –

– Wie?

– Ich bin nicht furchtsam, und mein Kleid ist nicht unerläßlich. Aber ich rathe Euch, mich nicht zu vernachlässigen. Täuscht Euch nicht über die Zukunft. Was jetzt hier lärmt, das ist hohl. Und die Schätze Oheim Zdenkos können nur wir Euch verschaffen. Er ist in keinem Kloster, in keiner Gewalt von Pfaffen. Im Gegentheil. Er ist frei, ist von Mönchen unterstützt und ist allen Ketzern zugänglich. Gebt mir die Hand zum Zeichen, daß Ihr uns treu sein wollt, und ich bringe Euch auf seine Spur.

– Hier ist meine Hand, sagte, wenn auch nicht eben entschlossen, Rudolph von Mitzlau.

Norbert theilte ihm nun mit, was er soeben entdeckt hatte, und machte ihn besonders aufmerksam, daß Frau von Jörger's Spaziergänge ihn am leichtesten zum Ziele führen könnten. Und so entließ er ihn, nochmals streng auf sofortige Mittheilung dringend.

Ziemlich betäubt ritt Herr Rudolph hinaus. Er war gleichsam im Handumkehren in so gefährliche Lage gerathen, daß er beiden Parteien dienen mußte, von beiden Parteien außerordentlich bedroht sein, von beiden Parteien aber auch großen Vortheil ziehen konnte. War dies seinen Charakteranlagen so ganz unangemessen? Er meinte es. Er meinte auch diese doppelte Aufgabe so bald als möglich abzuschütteln. So bald als möglich! Der Zufall habe sie ihm aufgehalst, die nächsten Begebenheiten würden ihn wol auch davon befreien. Zunächst standen nur zwei Zielpunkte vor seinen Wünschen: die schöne Ludmilla und der reiche Oheim. Der Wink über den Aufenthalt des letzteren war doch unschätzbar. Der gefährliche Pater Norbert sollte nach Umständen wol das Nachsehen kriegen, wenn man sich des Oheims und seiner Schätze ohne ihn bemächtigen könne!

Dies war der Schluß seiner Gedankenreihe, als sein Roß über die Brücke und ins Schloßthor von Hernals schritt.

Die Herrschaft war nicht daheim. Der Herr Baron in Wien, die Frau Baronin mit Ludmilla und dem fremden Junker auf einem Spaziergange.

– Auf einem Spaziergange?! Nach welcher Richtung?

– Nach Dornbach hin, und dort wahrscheinlich links in den Wald hinauf zur Bildbuche –

Also richtig! dachte Herr Rudolph, und in der sicheren Hoffnung, den geheimnißvollen Weg zum Oheim Zdenko in dieser Weise rasch zu entdecken, forderte er hastig und ziemlich befehlend einen der im Hofe verweilenden Dienstleute auf, ihn nach der Bildbuche zu führen. Dieser entschuldigte sich zwar, weil er das Pferd besorgen müsse, ein Anderer aber trat vor und übernahm die Führung des Herrn von Mitzlau.

Der Wald oberhalb Dornbach und Ottakring, welcher sich jetzt nur auf den Höhen zwischen diesen beiden Ortschaften hinzieht, reichte damals noch weiter herab in das Thal, und die Bildbuche stand oberhalb der jetzigen Bieglerhütte auf einer kleinen Waldwiese. Den Namen hatte sie, wie es noch jetzt häufig vorkommt, von einem Muttergottesbilde, welches in den Stamm eingefügt war. Candidat Götzinger im Hernalser Schlosse hatte dafür gesorgt, daß es ausgebrochen worden. In der Kirche duldete er als Lutheraner einige Bilder, aber übrigens nannte er sie einen Götzendienst, dem man steuern müsse. Trotzdem behielt natürlich die Buche ihren Namen, und auf einer plumpen Holzbank an ihrem Fuße saßen in prächtigem Sonnenscheine Frau Amalie, Fräulein Ludmilla und der Junker Hans, sich an der schönen Aussicht weidend, welche man von dort genoß. Diese Abhänge des Wiener Waldes bieten dem Blicke ein reizendes Panorama: links die Donau mit ihren bewaldeten Inseln vom Marchfelde hinab bis zum Berge von Theben unweit Preßburg, gleichsam dem Wartberge Ungarns, an welchen sich linkshin die kleinen Karpathen schließen. Rechtshin legte sich eine andere, wenn auch niedrige Mauer vor das Ungarland, das Leithagebirge, welches bis an die Vorberge der Alpen reicht. Als Wartberg dieser Alpen schließt hier der prächtige Schneeberg den Horizont, ein Granitkegel, dessen Schneerinnen hereinglänzten in die liebliche Ebene des Wiener Beckens. Wie eine Perle in dieser großen Muschel lag vorne Wien vor den schweigsam Hinabschauenden.

– Dort unten hinter den starren Wällen entscheidet sich vielleicht noch in diesem Jahre das Schicksal Europas, sagte endlich Frau Amalie, indem sie hinabzeigte.

– Ich glaube, die Entscheidung fällt in Böhmen! sagte bescheidenen Tones Junker Hans.

– Vielleicht eine Kriegsentscheidung. Sie ist nicht die letzte. Die regierende Seele für den weiten Länderkreis, welcher sich von den fernsten Bergen herab um die Donau gruppirt, wird immer da unten wohnen in jener Hofburg.

– Unsere Cavaliere in Böhmen pflegen aber doch auszurufen, sagte Ludmilla, daß Böhmen keinen Zusammenhang brauche mit den österreichischen Ländern. Es sei ein geschlossener Burgfrieden von mächtigem Umfange, der sich selbst genüge –

– Geschlossen ist er im Osten durch das Riesengebirge, im Norden durch das Erzgebirge, im Westen durch den Böhmerwald. Hierher nach Süden aber ist Böhmen offen, hierher wird es immer gezogen werden, wie es sich auch sträube. Die Völker sind abhängig von den Wellen und Flächen des Erdbodens. – Sieh', da unten sproßt das erste gelbe Blümchen des Frühjahrs!

– Ich hol' es Dir, Tante!

Sie flog hinab, und Frau Amalie benützte ihre Abwesenheit, um den Junker über den Weg zu unterrichten, welcher in den tieferen Wald hinauf zum Grafen führe. Es war nur ein Fußsteig. Fahrwege, nur für Holzwagen gebraucht, gab es wol zwei. Einer von dem Vorwerke Ottakring hinauf, und einer durch Dornbach hinauf. Diese beiden Fahrwege bögen aber ab in der Nähe des Waldhügels, in dessen dichtem Schatten der Graf seinen Aufenthalt habe. Nur dieser Fußweg führe bis zur Schwelle seiner Wohnung. »Hier also erwartet heut' Abend den Spath; in einer kleinen halben Stunde gelangt Ihr dann hinauf.«

Ludmilla brachte das Blümchen, kniete vor ihr nieder und überreichte es ihr lächelnd. Glück und Heiterkeit und süße Befriedigung ruhten auf den lieblichen Zügen des Mädchens. Diese drei Menschen waren in wohliger, ja in seliger Stimmung. Die jungen Leute sahen einander vertrauensvoll in die Augen, gegenseitiger Zuneigung sicher ohne ein Wort. Frau Amalie aber freute sich innerlich dieser Uebereinstimmung junger, schön gebildeter Geschöpfe.

– Sing' uns Dein Dorflied, Ludmilla! Alle Lüfte schweigen; es wird lieblich und weit klingen.

Und Ludmilla sang ohneweiters ein böhmisches Volkslied. Seine Weise war nicht ohne Melancholie, aber die frische Stimme verlieh ihm eine sehnsüchtige Kraft. Hans fühlte seine Augen übergehen von Thränen, und als sie geendet, reichte er ihr tief ergriffen die Hand, um sie emporzuheben. Sie reichte ihm beide Hände, und ließ sich von ihm aufrichten, fast die ganze Schwere ihres Körpers seiner Kraft überlassend. Wie eine Fluth von Wärme und Elektricität strömte es ihm zum Herzen, und sie wären vielleicht einander in die Arme gesunken trotz der Tante, wenn nicht ein plötzliches »Hollah« aus der nahen Schlucht unten sie gestört hätte.

Dieses »Hollah« ging von dem Begleiter Rudolphs aus, welcher die Ankunft eines Fremden bei Zeiten melden wollte. Es war der Gärtner Spath selber, welcher sich zur Begleitung erboten hatte, und jetzt wol verhindern wollte, daß seine Herrin überrascht würde.

Man kann nicht sagen, daß Herr Rudolph irgend Jemand willkommen war, und der Empfang war denn so kahl wie der Wald, in welchem er stattfand. Das Behagen war gestört, und Frau Amalie fand, daß die junge Frühlingsluft denn doch einen sehr kalten Untergrund habe, um dessenwillen der Heimweg zu suchen sei. Junker Hans fand, daß der von Mitzlau auch in anderer Beziehung zudringlich sei. Er hielt ihn nämlich beim Hinabsteigen durch die Schlucht am Arme zurück, und fragte ihn zwar leise, aber kurzweg: ob dies der Pfad zu seines Oheims Aufenthalt sei, und ob Herr Junker Hans von Starschädel ihn hingeleiten wolle, wie er versprochen habe? Hans sah ihm nicht ohne Schrecken ins Angesicht – dies Angesicht lächelte unangenehm, der Kopf nickte und der Mund sprach:

– Allerdings bin ich plötzlich unterrichtet, daß Graf Zdenko in dieser Gegend haust, und ich hoffe, Ihr werdet Euer Wort halten –

– Erst müßte ich selbst unterrichtet sein, entgegnete Hans, denn ich habe in der vergangenen Nacht eben nur eine Andeutung erhalten. Dieser werde ich nachforschen. Mehr habe ich nicht versprochen, und mehr konnte ich nicht versprechen. Es scheint ja auch, als wüßtet Ihr selbst schon mehr als ich –

– Ah, Ihr sperrt Euch? Nun wir sprechen weiter! Dies sagend, sprang er zu den Damen hinab, ihnen seine Unterstützung anzubieten für den etwas abschüssigen Weg.

Nur Fräulein Ludmilla fand nach einiger Zeit, daß der störende Vetter doch artig und heiter sei. Er erzählte die Vorgänge der letzten Nacht unter einem andern, recht lebensvollen Gesichtspunkte, und verwendete mehr freie Laune auf die Schilderung der verschiedenen Persönlichkeiten, als Junker Hans gethan hatte. Dabei beschäftigte er sich vorzugsweise mit dem Fräulein, da Frau Amalie durchwegs schweigsam verblieb, und fand dazwischen immer wieder eine Veranlassung, für die zuhörende schöne Muhme Artigkeiten einfließen zu lassen, welche ihr zuerst ein Lächeln und später kleine Erwiderungen abnöthigten.

Zu Hans hatte sich der Gärtner Spath gesellt, um seine Besorgniß auszudrücken über den Herrn von Mitzlau. Es habe dieser geradezu vom »Grafen« gesprochen, der da oben im Walde wohne, und zu dem er geführt sein wolle. Das sei übel, denn die Frau Baronin habe ihm schon gestern mit einem kurzen Worte eingeschärft, vor dem jungen Herrn auf der Hut zu sein. Sein »Herr Oheim« trage gar kein Verlangen nach diesem Neffen. Deshalb habe er, der Spath, sich vorhin gleich zugedrängt als Führer, damit nichts Ungeschicktes geschehe. Heute Abend sei nun aber doppelte Vorsicht nöthig. Der Herr Junker von Starschädel möge nur ja trachten, unbemerkt aus dem Schlosse zu kommen, denn der Herr von Mitzlau sehe ganz danach aus, als würde er sich »anvettern« wollen. Er, Spath, werde bei Sonnenuntergang hier in der Schlucht unter der Bildbuche warten. Herr von Starschädel aber möge nun die einbrechende Dunkelheit abwarten, damit Herr von Mitzlau ihn nicht vielleicht vom Fenster aus gehen sehe. Wird's nun auch für's erste Mal etwas später – schloß er – und finden wir den Herrn Graf schon beim Schlafengehen, so ist doch heute noch der erste Schritt geschehen für die Bekanntschaft und für die Briefschaften.

Junker Hans war ganz damit einverstanden. Auch Frau Amalie hatte ihm neuerdings gesagt, daß er keinen Tag Zeit verlieren möge, und so bestellte er Spath für diesen Abend ganz positiv zu der Expedition.

Er fühlte sich wie niemals im Strome des Glückes, und hatte nicht die entfernteste Ahnung, daß dies Glück nur im lieblichen Aufschwunge und Gedeihen seiner Neigung zu Ludmilla wurzle, von allen Seiten aber bereits gefährlich unterhöhlt sei.

Der Lauf dieses Nachmittags schon brachte ein kleines Ereigniß nach dem andern, welches ihn hätte bedenklich machen sollen, wenn ein Liebender nicht eben das unbedachteste Wesen unter der Sonne wäre.

Am Brückenthor erwartete ein reitender Bote die Frau Baronin Amalie und Fräulein Ludmilla. Ludmilla erkannte ihn von fern, winkte ihm und eilte auf ihn zu. Es war Prokop, ein alter Reitknecht ihres Vaters. Er kam aus dem obern Lande über Krems herab, und brachte die Nachricht, daß der gnädige Herr Vater, Freiherr von Loß, heute und morgen noch nicht eintreffen werde. Im Städtchen Horn sei er aufgehalten. Dort habe sich ein Ausschuß der Landstände versammelt, der des Freiherrn Rath in Anspruch nehme.

Ludmilla beklagte dies lebhaft. Junker Hans mit ihr. Und doch ahnte Letzterer nicht, daß gerade ihm die baldige Ankunft des Freiherrn am nöthigsten sein würde, denn der Freiherr von Loß war des Junkers zuverlässigster Gönner.

Nun wurde dem Junker ein Zimmer angewiesen auf der Nordwestseite, also gerade auf der Seite, von wo man den Weg nach der Bildbuche übersehen konnte, und unmittelbar neben ihm wurde Herr von Mitzlau einquartiert.

Herr von Mitzlau hatte denn auch nichts Eiligeres zu thun, als den Junker nochmals dringend an die Zusage zu erinnern, welche er ihm oben im Gedränge der Burg gegeben hatte: vermittelst des alten Ungars ihm den Aufenthalt seines Oheims Zdenko nachzuweisen. Das konnte und durfte nun Hans ganz gewiß nicht. Aber Herr Rudolph, ohnedies schon gereizt durch die sichtbare Gunst, in welcher Hans bei Ludmilla und Frau Amalie stand, wurde herb und herber in seinem Zudringen, sprach von gerechtfertigtem Mißtrauen in die Versprechungen des sächsischen Junkers, und trieb es zu einer Scene, welche für Hans herzlich unangenehm war. Auch eine halbe Zusage war für seine Gewissenhaftigkeit eine Verpflichtung, und es quälte ihn, daß er unzuverlässig erscheinen solle. Fast drohend verließ ihn Herr Rudolph von Mitzlau.

Kaum war dieser hinweg, so trat Candidat Götzinger in des Junkers Zimmer.

Er begrüßte den jungen Apostel aus dem gelobten Lande – so nannte er Sachsen – mit einem steifen Schwall biblischer Phrasen, und drückte seine unangenehm schmeichlerische Freude darüber aus, daß der junge Apostel, wie er von der verehrlichen Freifrau und Hausfrau vernommen, ausgerüstet sei mit den neuen dogmatischen Vorschlägen, welche wiederum von Sachsen ausgehen sollten. Seine Seele dürste danach, und er sei gekommen, um sich letzen zu lassen.

Frau Amalie hatte unterlassen, den Junker Hans vor diesem Candidaten zu warnen, er war ein verknöcherter Lutheraner, und der Gedanke einer Union unter den protestantischen Richtungen war ihm widerwärtig, ja verbrecherisch. Seine Augen sperrten sich also weit auf, und seine Nasenflügel geriethen in wilde Bewegung, als der unvorsichtige Junker auf einige Einwendungen vom Standpunkte des Katechismus in Eifer gerieth, und den Grundgedanken der Union, äußerste Beschränkung der dogmatischen Sätze, immer eifriger und wärmer entwickelte. Der unbedachte Jüngling sah es nicht, daß Candidat Götzinger immer magerer und spitziger wurde in seinem knochigen Angesichte, daß seine fleischlosen großen Fäuste sich immer ingrimmiger ballten, und daß der Moment immer näher rückte, welcher eine Verfluchung dieser lästerlichen Unionsbestrebungen von den krampfhaft zusammengekniffenen Lippen des fanatisch orthodoxen Candidaten lösen werde. Hans sah dies Alles nicht und er ahnte nicht, daß er sich wiederum einen Feind, einen grimmigen Feind fertig mache; denn er besaß in seiner uneigennützigen Hingebung an die Ideale seiner Seele ein ausgesprochenes Talent, alle persönlichen Rücksichten zu übersetzen und sich Feindschaft zu erwecken links und rechts.

Zufällig unterbrach Tartsch, welcher mit den Pferden angekommen war, des Junkers unheilbringende Unionspredigt. Candidat Götzinger ergriff diese Gelegenheit, seinen Besuch zu endigen. Er wußte, daß die Freifrau diesem gefährlichen Junker sehr wohlwollend gesinnt sei – sie selbst war ja in Götzinger's Augen ein sehr zweifelhaftes Glied der lutheranischen Heerde! – und aus Rücksicht auf sie, welche ja doch augenblicklich noch seine Brodherrin war, bezwang er seinen Ingrimm und ging schweigend von dannen, sich fest vornehmend, dem Freiherrn von Jörger selbst eine flammende Vorstellung über diese Gräuel in feierlicher Form zu versetzen, denn der Freiherr war im dogmatischen Punkte streng und genau.

Hans, welcher sich warm gesprochen, bemerkte von alledem nichts, und fragte den alten Diener unbefangen, warum er so lange in der Stadt verweilt.

– Weil der Teufel überall los ist! entgegnete dieser verdrießlich.

– Das heißt?

– Der Aufstand unserer Leute drin ist wieder entzweigegangen. Es haben sich nicht Leute genug dazugeschlagen, und das Ganze hat sich verlaufen. Der Conrad und der Raschmacher kamen in den »Löwen«, und es war Alles elend. Das hab ich abwarten wollen, und darüber ist die Zeit vergangen. Am Ende kam auch noch die Nachricht, daß sich die Studenten für den neuen Herrn erklärt haben und sich bewaffnen wollten gegen uns. Der Raschmacher sagte, es seien halt Jesuiten-Jungen, und von dem dummen Volke hier sei nichts zu erwarten. Der Raschmacher hat Recht; machen wir, daß wir fortkommen aus dieser Gegend, hier ist für uns nichts zu holen, ich hab's ja immer gesagt, und für Euch, Herr Junker, am allerwenigsten!

– Für mich?

– Ja für Euch gerade. Daß Ihr mit dem Walsten oder Waldstein, wie er nun heißen mag, Freundschaft geschlossen, das haben unsere Leute sehr krumm genommen, und wenn Ihr noch einmal – kurzum, machen wir, daß wir hier wegkommen!

Er verschwieg dabei noch das Weitere. Das Mißtrauen, dieser unvermeidliche Schlangensame bei jeglicher Parteigährung auf der Erde, war auch bereits in den Diensthof des Hernalser Schlosses eingeschleppt. Kutscher Leopold hatte ja eine zeitlang unten gehalten mit den Isabellenhengsten am Harrach'schen Hause, und Conrad hatte ihm einen kurzen Besuch gemacht vom Wirthshause in der Schottengasse. An diesem Wirthshause waren ja die Isabellen mit dem schönen Fräulein vorbeigetrabt, als sie in die Stadt gekommen waren, und Conrad hatte sich bemüßigt gefühlt, einen Augenblick hinabzuschlendern aus der Kneipe, wo doch noch nichts zu thun war, und dem Poldi zu stecken, daß er wol mit den Hengsten in einen Spectakel hineingerathen würde. Er sollte sich dabei nur um die Hengste und um das Fräulein kümmern, den fremden Junker aber nur getrost seinem Schicksale überlassen. Denn dieser Junker sei ein Zweischneidiger, um den's nicht schade sei. Er schlecke mit den Katholiken umher und zeige sich »pilzig«, Poldi könne es getrost weiter sagen. – Poldi hatte das auch redlich gethan, besonders da er wegen des handigen Hengstes dem schönsten Verdrusse beim Herrn Baron entgegensah. An der Verwundung des Hengstes war ja doch Niemand schuld als der »pilzige« Junker, und der Schmied hatte den Kopf geschüttelt und zunächst ein Haarseil für nöthig erachtet, und das kannte man schon, wenn's mit einem Haarseile anfing; kurz der fremde Junker sei nicht »koscher«, und es wäre besser, der Hernalser Hof wäre ihn wieder los. Diese Reden und diese Stimmung hatte Tartsch vernommen und bemerkt, und was noch schlimmer war, er selbst war mißtrauisch gegen seinen jungen Herrn. Denn dieser hatte ja früher nie mit Katholischen verkehrt – freilich aus dem einfachen Grunde, daß es in Sachsen gar keine Katholischen gegeben, und in Prag die Gegenpartei derselben der einzige Umgang des Junkers gewesen – und jetzt war er am hellen Tage Arm in Arm mit dem abscheulichen Waldstein über den Platz gegangen. Es war mit Einem Worte Tartsch selber höchst bedenklich über seinen jungen Herrn, und dieser war im Handumkehren von lauter Widersachern umgeben, und hatte einen Boden unter den Füßen, der überall hohl und zum Einsturze vorbereitet war.

Das Schlimmste war, daß Hans keine Ahnung hatte von alledem, daß er also ohne Vorsicht und ohne jegliche Schutzwaffe weiterging. Er betrachtete die Welt noch blos mit den Augen des Herzens. So geht es ja allen guten Menschen, bis die Enttäuschungen eintreten und ihnen die Wahrnehmung aufdrängen, der Mensch sei ein mannigfach zusammengesetztes Wesen, und müsse sich auch der mannigfachen menschlichen Kräfte versichern, um nicht von Irrthum in Gefahr und von Gefahr in Verzweiflung zu gerathen.

Ohne Mißtrauen gegen den schweigsam verschwundenen Candidaten, ohne Aufmerksamkeit für den mürrischen Tartsch, war der sonst so einfache und für seinen Anzug sorglose Hans damit beschäftigt, sich stattlich zu kleiden und Haar und Bart mit ungewöhnlicher Sorgfalt zu strählen. Er verlangte mehr aus dem kleinen Mantelsacke, als darin war, und Tartsch wurde dadurch nur noch ärgerlicher. Putz und Flitter, meinte er innerlich, sind eben auch katholisch! Blöder Tartsch! Jedes Männlein und Weiblein ist sofort darauf bedacht, sich sauber und gefällig auszustatten, wenn eine Liebesneigung eingekehrt ist, und wie Hans jetzt für die Mittagstafel seine Erscheinung herauszustaffiren trachtete, weil er Ludmilla dort begegnen würde, so that Ludmilla ihrerseits desgleichen, weil sie Hans erwartete. Sie that es in noch viel höherem Grade, denn sie war gefalllustig, auch wenn sie nicht liebte.

Sie waren auch beide die ersten, welche bei den munteren Tönen der Tafelglocke sich in hastige Bewegung setzten, um keinen Moment zu verlieren. Es gelang ihnen auch, sich einander zu begegnen, auf dem Treppenflure vor dem Speisezimmer. Er vom westlichen Flügel kommend, sie vom nördlichen, wo sie neben Frau Amalie ihre Zimmer hatte. Hans war berauscht von ihrem Anblicke. Ein schneeweißes Gewand umfloß die schöne Gestalt, ein leichter Florshawl nur zitterte um die kräftige Büste, und das schöne Antlitz, von wallenden schwarzen Locken eingerahmt, lachte mit den Augen wie ein Schalk ihm entgegen. O, diese Augen! Als er ihr die Thür öffnete, flog die Befangenheit der immerdar schüchternen ersten Liebe wie ein Sommerschatten über diese Augen hin. Sie senkten sich. Doch als beide eingetreten waren, hoben sich die Augen alsbald wieder langsam und halb fragend. – Hans hätte jauchzen und weinen mögen in Einem Athem! Dieser Aufschlag der Augen war ihre verführerische Macht. Sie öffneten sich so allmälig, als legten sie vorsichtig Feuer, und das eine Augenlid schien etwas länger zu zögern als das andere, und jener so lieblich falsche Blick täuschte eine halbe Secunde lang über den wahren Ausdruck des heißen Strahles, um gleich darauf in volle Flammen überzugehen. Hans widerstand nicht. Er ergriff ihre Hand, er zog diese warme Hand zum ersten Male an seine Lippen – da ging die Thüre wieder hinter ihnen auf, und Herr Rudolph trat ein. Er hatte seinen Zimmernachbar fortgehen hören und war ihm eilig gefolgt.

Hans war blutroth. Ludmilla aber faßte sich schnell und begrüßte den Herrn Vetter mit heiterer Verbeugung. Sie fand auch rasch heitere Worte, und Hans segnete diese Fassung.

Diesen Segen hätte wol mancher Zuschauer voreilig genannt, denn Ludmilla ging mit gar zu großer Bereitwilligkeit auf Herrn Rudolphs Unterhaltung ein, und diese Unterhaltung war durchwegs die der Schmeichelei. Er besaß die Unbefangenheit, Lob und Preis auszuschütten über die junge Dame, als ob er einen Auctionskatalog zu verherrlichen und jede einzelne Nummer des Kataloges in glänzendes Licht zu stellen hätte. Der schöne Arm, der schöne Fuß, die schöne Stimme, das schöne Haar, Alles erhielt seine Würdigung. Hans gerieth anfangs in Verlegenheit darüber, denn es liegt etwas Schamloses in solchem zudringlichen Lobe des Schmeichlers. Aber es war nicht zu leugnen: Herr Rudolph wußte durch eine graziöse Form diesen ersten Eindruck bald zu verwischen. Eine geschickte Wendung um die andere, ein glücklicher Ausdruck um den andern machte seine Reden anziehend, und Ludmilla hatte bald keine Veranlassung mehr, vor seinen dreisten Worten ein wenig zurückzutreten, sie konnte bald lächelnd ein Lob einschränken, eine Uebertreibung verspotten, und allmälig der Unterhaltung eine feinere Wendung geben. Die Unterhaltung selbst mußte doch einiges Behagen für sie entwickeln, denn wo ist der Mensch, den es nicht angenehm anmuthet, sich selbst in allerlei Abwechslung zum Gegenstande enthusiastischer Betrachtung gemacht zu sehen? Und nun gar ein junges Mädchen! Ein junges Mädchen, welches Geist besaß, und den Schmeichler nöthigen konnte, seine Schmeicheleien zu begründen und zu rechtfertigen.

Junker Hans erschien bald wie nicht vorhanden. Diese Form des Gesprächs war ganz außerhalb seiner Natur. Man konnte ihm tadelnd nachsagen, daß er überhaupt karg sei mit persönlichem Lobe; schmeicheln konnte er gar nicht. Er stand wie verloren da, und es schien ihm eine Erleichterung, daß der Freiherr mit seiner Gemalin eintrat. Er ging ihm entgegen und dankte mit schlichten Worten für die gastliche Aufnahme im Schlosse.

Der Freiherr verbeugte sich steif und war wortkarg.

– Du bist verstimmt zurückgekommen? fragte Frau Amalie.

– Allerdings. Die Dinge werden weit aussehend und tief gefährlich. Es wird Alles ärger, als ich gehofft hatte. Setzen wir uns.

– Einen Augenblick bitte ich noch zu warten! sagte Frau Amalie. Vetter Loß hat uns von Horn herüber einen Gast gesendet, der soeben erst vom Pferde gestiegen ist – da kommt er.

Ein dunkel gekleideter Mann mittlerer Größe trat in den Speisesaal und schritt auf den Freiherrn zu. Dieser schien zu erschrecken. Frau Amalie sagte ihm leise einige Worte und ging dem Fremden einen Schritt entgegen.

– Mein Mann! – Herr von Trotha! sprach sie alsdann, den Fremden mit dem Hausherrn bekanntmachend.

Gegenseitige Verbeugung, und man setzte sich zu Tische.

Auch Hans war etwas betroffen. Er erinnerte sich, diesen Mann einmal in Prag gesehen zu haben, und zwar als einen Mann von großer Bedeutung. Aber nicht unter diesem Namen. Und doch schien ihm ein Irrthum sehr unwahrscheinlich. Die Physiognomie war zu scharf, als daß man sie verwechseln konnte. Kurz geschorenes Haupthaar von blendender Schwärze, ein großer Vollbart mit einzelnen Streifen weißer Haare, eine feine Stumpfnase mit weiten Nüstern und ein Paar stechende, graue Augen, von denen das eine fast immer durch das niedergezogene Augenlid geschlossen war.

Der Fremde erhielt den Ehrenplatz zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau, und man sah, daß leise zwischen ihnen gesprochen wurde.

Ludmilla saß zwischen Hans und Rudolph. Candidat Götzinger, welcher sich geräuschlos eingestellt, saß zwischen Hans und der Frau Amalie an der runden Tafel.

Anfangs wollte kein Tischgespräch aufkommen. Der neue Gast schien unheimlich einzuwirken. Wenigstens auf den Hausherrn, welcher sonst gern mit einer so gewiß herablassenden Heiterkeit die Unterhaltung in Gang zu bringen pflegte, indem er an die einzelnen Tischgenossen das Wort richtete. Sein Schweigen drückte heute, und nur der neue Gast, der Herr von Trotha, schien darüber unbekümmert: er verschlang die Suppe und that dem Rindfleische mit Kreen, wie man schon damals den norddeutschen Meerrettig nannte, ausgiebige Ehre an. Man durfte ihm gesunden Hunger, guten Appetit und gute Nerven zutrauen, wenn man ihn unbefangen ansah. Der gepeinigte Hausherr schien ihm ungemein gleichgiltig, und als er sich endlich einen Augenblick Ruhe gönnte, um das Fett am Barte abzuwischen und sein Wasserglas mit Götzinger's geschmähtem Weidlinger Weine zu füllen, zog er auch das linke Augenlid in die Höhe, und schaute mit einem nichtswürdigen Blicke auf den Hausherrn. Am Ende schonte er dies linke Auge nur und ließ es ausruhen, damit es, einmal in Thätigkeit gesetzt, doppelte Malice spräche. Das deutsche Wort Bosheit würde zu viel sagen, denn Herr von Trotha lächelte dabei und zeigte kleine vortreffliche Zähne.

– Aber verehrter Freiherr Helmhardt von Jörger, sprach er mit Betonung jeder Silbe, – Ihr werdet mir doch eine Schilderung der heutigen Vorgänge in Wien nicht versagen? In Horn war man sehr gespannt darauf, was am ersten Tage nach des Kaisers Tode im Landhause zu Wien vorgehen werde.

– Wenn die Herren in Horn, entgegnete der Freiherr gereizten Tones, nicht dort in dem kleinen Städtchen ein separates Landhaus errichteten, sondern nach Wien kämen, wohin sie gehören, so wüßten sie so gut wie ich, was heute vorgegangen, und setzten uns nicht der Verdrießlichkeit aus, den katholischen Landständen gegenüber alle Unkosten allein zu tragen.

– Ah, diese Unkosten können nicht groß sein! Die Katholischen sind ja nur eine kleine Minorität, selbst wenn die Horner in Eurer »Herrengasse« fehlen, und es hat ja doch einen wichtigen Zweck, daß sie sich dort oben unweit der böhmischen Grenze zusammenfinden. Sie sind freier in ihren Entschlüssen, unbehelligt vom Hofe und von der katholischen Hauptstadt –

– So unbehelligt, daß sie sich Extravaganzen hingeben, und unsere gemeinschaftliche Sache durch Uebertreibung verderben werden.

– Fürchtet Ihr?

– Allerdings fürchte ich das. Ein Theil der Unserigen erwies sich heute Morgen schon übel angesteckt von den Horner Umtrieben, und sprach von völligem Versagen der Huldigung.

– So?

– Ja wol. Wohin soll das führen? Zu Eurer Lage in Böhmen!

– Mit der wir ganz zufrieden sind.

– Wir sehnen uns aber nicht darnach in Oesterreich. Wir wollen pactiren mit dem regierenden Herrn; wir wollen volle Freiheit unseres evangelischen Glaubens; wir wollen nicht weniger, aber auch nicht mehr.

– Wenn das nur allein zu haben ist!

– Es wird zu haben sein. Die Mehrzahl unter uns ist lutherisch, und wir Lutheraner halten zur Monarchie und theilen die überspannten Plane der Calviner keineswegs –

– Der Reformirten, wollt Ihr sagen –

– Der Calviner, hab' ich gesagt. Wir sind nicht übermäßig eingenommen für die schweizerischen und holländischen Staatsformen und schwärmen nicht für die republikanisch einzurichtenden Erbländer unserer Dynastie.

– Republikanisch?! In Böhmen spricht man aber von einem Könige!

– Nach neuerm Zuschnitt. Wir kennen das. Wir sind auch für ständische Macht, und zwar für volle. Aber Eure böhmischen Wege, und wie Tschernembl die in Linz leitet, und wie es in Horn angefangen wird, mein werther Herr von Trotha, das wird hungarisch, und danach sind wir nicht lüstern. Das Neueste von dort von heute Morgen ist: daß Bethlen Gabor sich mit seinen Horden aus Siebenbürgen in Bewegung setzt, und daß er mit Euch in Prag unterhandelt, und mit König Ferdinand in der Hofburg und mit dem Großtürken desgleichen, kurz, daß die ganze wüste Wirtschaft wieder unterwegs ist, die nichts bringt als Landverheerung und beständige Unsicherheit.

– Was ist denn also beschlossen worden im Landhause?

– Gar nichts. Alle Köpfe waren voll davon, daß gestern Abends ein Abgesandter Bethlen's in der Hofburg erschienen sei, und ein räthselhaftes, gräuliches Aufsehen gemacht habe. Man raunt sich zu, er habe dem Könige einen Pact antragen wollen, und wenn der König den verweigere, sei er bereit gewesen, ihn zu ermorden.

– Ah! riefen Alle.

– Wer mag das wissen! Andere sagen, der Odontius selber sei es gewesen.

– Das ist eine nichtswürdige Verleumdung! schrie Götzinger.

– Ich glaub' es auch nicht, fuhr der Freiherr fort. Aber Alles das trug dazu bei, unsere Partei zu verstören. Ein Fremder soll dazwischen gesprungen sein, ein junger Mann, und dadurch sei der ganze Hergang unterbrochen worden. Nun schilt Alles auf den jungen Mann; die Welt ist nun einmal so. Es giebt unmoralische Menschen in allen Parteien. Diese murmeln in sich hinein: Was hatte sich der junge Mensch da einzumischen, was hatte er ins Rad des Schicksals zu greifen! Die Anderen aber rufen grollend: Die Sage von dem Attentate ist eine Sage, eine Lüge, und die unberufene Einmischung des fremden jungen Mannes allein hat ihr zu einer widerwärtigen Wahrscheinlichkeit verholfen. Der junge Mann mag sich vorsehen, er hat Alle gegen sich.

Das Auge des Freiherrn ruhte dabei ärgerlich auf Junker Hans.

Herr von Trotha folgte aufmerksam diesem Blicke, und sagte dann wegwerfend:

– Der junge Mann hat den Evangelischen mehr genützt als den Katholischen.

– Weil er uns die Schmach erspart –?

– Das mein' ich nicht. Der Ferdinand, mein' ich, ist unschätzbar für die Evangelischen. Den soll man sich erhalten. Sein fanatischer Eifer bringt das in Bewegung, was der Umschwung an Bewegung braucht.

Eine allgemeine Stille folgte auf diese wegwerfend ausgesprochene Bemerkung, und das Gespräch wurde zunächst nicht wieder allgemein.

Herr Rudolph benützte dies, seiner schönen Nachbarin mit erneutem Aufwande den Hof zu machen. Er verstand dies wirklich sehr gut, und hatte eine beneidenswerthe Fähigkeit, auch den unscheinbarsten Gegenstand im Anzuge, im Aeußeren überhaupt und im Charakter der Dame dreist zu benennen und durch Redewendungen zu verherrlichen. Sein Redefluß stockte nie, und unterschied sich darin vollständig von der Schwerfälligkeit des Junkers Hans, der nicht im Stande war, leicht und obenhin zu sprechen, unbekümmert um die Wahrhaftigkeit und Stichhaltigkeit des Gesprochenen. Natürlich bemächtigte sich auf diese Weise Herr Rudolph Ludmillas immer mehr auf Kosten Hansens. Lob schmeckt so süß und öffnet unser Wohlwollen. Man will doch auch ein wenig dankbar sein, man lobt den Lober, man giebt sich hin, sei's nur in Tändelei, und als die Tafel zu Ende ging, erschrak Ludmilla fast darüber, daß sie eigentlich nur mit dem Nachbar zur Rechten gesprochen. Sie sagte beim Aufstehen erröthend zu Haus: er sei ja besorglich schweigsam.

– Das ist einer meiner vielen Fehler, entgegnete dieser mit bescheidener Traurigkeit und winkte dabei dem Gärtner Spath zu, welcher an der Thüre erschienen war und nun sofort wieder verschwand, um nach der Bildbuche vorauszugehen.

Der Tag war gesunken und verhüllte die dem Untergang nahe Sonne in einen jener Frühjahrsnebel, welche mit leichtester Feuchtigkeit und gelblichen Farben unsere Sinne umspielen und unsere Phantasie erwecken.

Hans hatte vor, dem Spath sogleich zu folgen, damit ihn nicht der herabsinkende Nebel denn doch irreführe. Er erschrak also nicht wenig, als Ludmilla, die neben ihm geblieben, mit weicher Stimme zu ihm sagte:

– Wir wollen uns entschädigen, und den Abend singen und musiciren.

Es klang der lieblichste Zauber aus ihrer Stimme, der Zauber voller Liebe. In Hans erzitterte jede Fiber. Und doch war er ein so pflichtgetreuer Mensch – vielleicht muß man sagen »Pedant« – daß er gar nicht zweifelhaft war, er müsse auf dieses Glück in diesem Augenblicke verzichten. Mit einem tiefen Seufzer also entgegnete er, indem er ihr treuherzig in die Augen sah:

– Wie neidisch ist mir das Glück! Ich muß fort!

– Wie?

– Sprechen wir nicht laut; es darf's Niemand erfahren. Ich muß fort in einem wichtigen Auftrag. –

– Auch wenn ich Euch bitte?

– Meine liebe Freundin! O Gott, was gäb' ich darum!

– Eine Stunde übertriebener Pünktlichkeit, weiter nichts!

– Der Bote ist schon voraus, die Zeit drängt außerordentlich –

– Außerordentlich?!

– Ach, erschwert mir nicht, liebe Ludmilla – so kurzweg bei ihrem Namen hatte er sie nie zu nennen gewagt – was mir ohnedies ein so peinliches Opfer ist!

– Nicht doch! Nicht doch! sagte sie schnell, und ein deutlicher Zug von Zorn und Aerger drückte auf das Auge, welches so leicht ein wenig falsch blickte.

Sie ging rasch von ihm hinweg. Haus blieb betroffen stehen, und sah mit Schmerz, daß sie sich mit heiterer Stimme wieder zu Rudolph wendete.

– Zögert nicht, Junker, sprach leise Frau Amalie im Vorübergehen zu ihm, zögert nicht! Spath ist schon fort, und ich brauche Bescheid vom Grafen. Sagt ihm: der scharfe Wilhelm aus Prag sei da und wolle zu ihm. Ich glaube nicht, daß er ihm willkommen sei, und verschweige ihm den Aufenthalt des Grafen. Der Graf möge mir sagen lassen, ob ich recht thue.

Sie ging weiter. Hans wendete sich nach der Thür. Ehe er sie erreichen konnte, ging Ludmilla mit Rudolph lustwandelnd vor der Thür vorüber und ließ ein kleines Bouquet von Schneeglöckchen fallen, welches sie in der Hand getragen. Hans hob es auf und reichte es ihr. Kaum hörbar flüsterte sie:

– Ich hoffe, wir singen.

Und tänzelnd ging sie weiter. Hans sah ihr nach und – ging zur Thür. Da kehrte sie um, ihre Augen fanden sich. Starr und böse sahen die ihrigen nach den seinigen – er empfand einen scharfen Schmerz und eilte hinaus. Ein lautes Lachen Rudolphs begleitete ihn.

Herr Rudolph hatte eiligst einen Scherz hingeworfen über das betroffene Aussehen Hansens, und hatte ihn vorsichtig selbst belacht. Denn er übersah die Lage der Verhältnisse ganz gut, und wußte, daß Ludmilla kaum auf ihn hörte. Es lag ihm aber auch daran, jetzt sogleich mit guter Manier von ihrer Seite hinwegzukommen, und so schritt er unter diesem Gelächter seitwärts zum Candidaten Götzinger, welcher sich eben mit steifem Bückling bei der Hausherrschaft empfohlen hatte, und fragte ihn, immer weiter lachend, halblaut: ob er das curios verzogene Angesicht des sächsischen Junkers beobachtet habe.

– Ich habe seine Seele beobachtet, leider Gottes! und kümmere mich nicht mehr um sein Gesicht.

Dies »leider Gottes!« überraschte Rudolph sehr angenehm, und da er ohnedies durch den Candidaten hinausgelootset zu sein wünschte, ohne daß Ludmilla Gelegenheit finden konnte, ihn durch Zuruf oder Frage aufzuhalten, so faßte er den verdrießlichen Lutheraner unter den Arm und ging mit ihm unter wiederholten: »leider Gottes! leider Gottes!« zur Thür hinaus. Er wollte dem Junker Hans kaum eine Minute Vorsprung gestatten.

Der Candidat meinte freilich einen dogmatisch Gleichgesinnten in ihm entdeckt zu haben, weil Herr Rudolph so ausdrucksvoll ins »leider Gottes!« eingestimmt, und wollte nun den stilleren Vorsaal benützen, sich über die ungläubige theologische Richtung des jungen Sachsen zu verbreiten. Aber Rudolph nahm nur in Eile Notiz von dem Zerwürfniß, welches sich da aufthat zwischen Hans und dem Candidaten, und machte nach kurzer Weile wenig Umstände mit der knochigen Hand Götzinger's, welche sich zur Festhaltung in sein Wamms eingenestelt hatte.

– Morgen, Herr Candidat, morgen bitt' ich um ausführliche Mittheilung, sagte er mit gepreßter Stimme, jetzt aber muß das fremde Menschenkind, das befremdliche, im Auge behalten werden. Ich erzähle Euch davon. – Und so hatte er sich losgemacht und eilte die Stiege hinunter, den Candidaten Götzinger, der von langsamer Gedankenbewegung war und einigermaßen verblüfft nachsah, auf dem Vorsaale zurücklassend.

Herr Rudolph hatte auch wirklich Eile, denn der Abendnebel war dicht geworden, und Hans war scharf ausgeschritten.

Rudolph that desgleichen, weil er vor Beginn des Waldes seiner ansichtig werden mußte. Im Walde selbst fand er ihn gewiß nicht, und nur in großer Nähe hatte er dort Aussicht, ihm folgen zu können.

Das Glück begünstigte ihn. Als er vor Dornbach an die Waldhöhe kam, ging der Mond auf und machte den Nebel durchsichtig. Gar nicht weit vor sich sah er Hans, der zur Bildbuche hinaufstieg.

Der Gärtner Spath kam Hans entgegen. Hans rief ihm einen Gruß entgegen.

– Still! flüsterte dieser. Ich höre Jemand kommen – richtig, da, ich seh's! Eure Hand!

Und hastig zog er Hans ins Dunkel einer kleinen Schlucht, die neben dem Fußsteige lag. Dort verhielten sie sich ganz still. Rudolph stieg arglos vorüber in dem breiten Fußwege aufwärts.

Als er hinreichend fern war, flüsterte Spath:

– Es ist der schlesische Junker, ich hab' ihn erkannt. Nun ist unser Fußweg abgeschnitten, was thun?

– Bleibt der Fußweg überall so breit, und kann er sich auf demselben allein hinfinden?

– Nein, das ist unmöglich. Wenn er zuschreitet, so findet er sich diese Nacht nicht mehr aus den Waldbergen heraus.

– Was thun wir?

– Wir schneiden ab. Der Fußweg macht einen großen Bogen um den Berg herum bis zur Gaiswiese. Ehe er bis dahin tappt, sind wir g'rad über den Berg am untern Ende der Wiese – ist's Euch recht, Herr Junker?

– Ja wol.

– Also vorwärts und schnell!

Sie hasteten über den Berg, und waren in zehn Minuten unten an der Wiese.

Dort hielt Spath den Junker zurück, und streckte selbst nur den Kopf aus den Bäumen heraus, die Wiese aufwärts blickend. Sie glitzerte weiß und qualmend im Mondenscheine.

– Er ist noch nicht da, rasch hinüber!

In weiten Schritten liefen sie über die schmale Wiese, und als sie drüben im Schutz der Bäume waren, hielt Spath wieder an. Er wollte abwarten, bis Rudolph oben an der breiter werdenden Gaiswiese erschiene, um zu sehen, wohin er seine Richtung nähme.

– Da ist er. Er steht still. Er weiß jetzt, daß er Eure Spur verloren. Wenn er g'scheidt ist, kehrt er jetzt um, jetzt findet er sich noch heim – nein, er geht weiter! – Jetzt steht er wieder. Ja, rechts oder links? Das muß man halt wissen! Donnerwetter, er geht richtig links!

– Geht da der Fußweg aufwärts?

– Ja; aber er kriecht schmal durch die niedrigen Büsche, man kann ihn bei Tage kaum – holla! er kehrt um, nun ist er fertig. Es liegen zwei Schluchten und lauter enges Stangenholz noch vor der Wand, heut' und morgen find't er sich nicht aus dahin, aber garstig bleibt's, daß er so weit weiß – vorwärts, Herr Junker!

Sie verschwanden im Dunkel des jungen, dünnen Holzes, welches diesen Berg bedeckte, und Herr Rudolph strengte umsonst Auge und Ohr an, er sah und hörte nichts von ihnen.

Der Gedanke kam ihm natürlich, ob es nicht gerathen sei, umzukehren. Aber er war ein verwegener Mensch, und es schien ihm doch möglich, daß die Wohnung seines Oheims ganz nahe wäre. Vielleicht läge nur der eine Waldberg noch zwischen ihm und den Tonnen Goldes, welches der Alte bei sich haben sollte. Versuchen wir's! sagte er zu sich und schritt ins Gebüsch hinein, gerade in der Richtung, welche Hans und Spath quer durchschneiden mußten. Wenn er rasch zuwege kam, so konnte er ihren Marsch kreuzen, ihnen also begegnen. Und er ließ es an Raschheit nicht fehlen, wenigstens nicht an rascher Anstrengung. Man ist ja nie hastiger und stürmischer, als wenn man über Weg und Ziel im Unklaren ist. Man will dann um jeden Preis ins Klare kommen.

Aber die noch jungen Buchenbäumchen standen hier so dicht an einander, daß es ein sehr mühseliges und aufreibendes Beginnen war, zwischen ihnen hindurch zu kommen. Der Hut wurde öfters vom Kopfe gestreift, der Aermel blieb hängen, das Gesicht erhielt widerwärtige Schläge. Rudolph war jedoch ein kräftiger Jüngling und arbeitete aufwärts und aufwärts, obwol ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Da – da hörte er eine Menschenstimme! Es war wirklich die des Junker Hans, der über eine Wurzel gestrauchelt, auf Spath getaumelt war und sich dabei einer unwillkürlichen Aeußerung nicht enthalten hatte. Spath war sich genau bewußt, daß der schlesische Junker gerade jetzt in ihrer Nähe sein konnte, wenn er gerade aufwärts geschritten war; er drückte also ziemlich unsanft seine breite Hand auf Hansens Mund, und hielt diesen fest, ihn mit einem leisen Tone zu völliger Stille und Unbeweglichkeit auffordernd. Es that noth. Rudolph stand nur etwa zwanzig Schritte von ihnen entfernt in dem engen Stangenholze und horchte – beide Parteien regten sich nicht. Da brach ein trockenes Aestchen, auf welches Rudolph sich gestützt, um den Kopf vorzustrecken. Dabei machte er selbst, in seiner Stellung erschüttert, einen geräuschvollen Schritt. Spath hörte beides genau, und drückte heftig den Arm seines Junkers, zum Zeichen, daß fest ausgehalten sein müsse.

Herr Rudolph, mit Wald und Jagd vertraut und wol wissend, daß ein ganz vereinzeltes Geräusch ohne weitere Folgen nicht viel zu bedeuten habe im Holze, wo oft ein absterbender Ast von selber fällt, blieb ebenfalls unbeweglich stehen. Man hörte eine lange Weile nichts als den leisen Wind oben in den unbelaubten Aesten und den fernen Ruf eines Käuzleins, welches vom Frühlingsodem angeregt war. Der Nebel war dichter geworden, der Mond drang nur dunkelbraun durch bis unter die eng bei einander stehenden Buchenstangen – da ward Hans von einem Hustenkitzel überrascht und übermannt, der Laut kam an die Luft, und Rudolph erkannte ihn auf der Stelle als einen menschlichen, wohl vertraut mit dem gröberen Hustenlaute eines Stückes Rothwild. Stracks und heftig schritt, ja stürmte er auf die Richtung los.

Hans war indeß nicht minder mit Jagd und Wald vertraut, war keinen Augenblick im Zweifel, was das zu bedeuten habe und was zu thun sei. Das Geräusch, welches der nahende Verfolger selbst machte, war zu benützen. Während der Verfolger selbst heftig heraneilte, konnte er die Schritte des Gegners nicht hören – Hans riß also jetzt Spath vorwärts in der Richtung, welche sie gekommen waren, und welche sie in scharfem Winkel von dem Verfolger entfernte. Die Aufgabe war nur, früher still zu stehen als jener, damit dieser sie nicht hörte beim eigenen Stillstehen. Nach zehn Schritten also hielt Hans schon an und nöthigte Spath dasselbe zu thun, hinaushorchend, ob er das Geräusch des Verfolgers noch höre. Ganz wie bei der Auerhahnbalz, wo der anspringende Jäger wieder feststehen muß, wenn der Hahn hoch oben noch seine letzten Balztöne in die Lüfte schleift. Es war gelungen: Hans hörte noch das Geräusch des Nahenden, welcher genau auf den Ort zustürmte, von wo der Hustenlaut gekommen war. Jetzt stand auch Rudolph. Sie waren nur zehn Schritte auseinander. Aber Rudolph konnte nicht wohl ahnen, daß sein Weg direct gekreuzt worden war, er horchte nach der Richtung hinaus, in welcher er gekommen war, nicht aber nach seiner linken Seite hin, wo Hans und Spath in den braunen Nebel eingehüllt standen. –

Beide pirschgerechte Jäger wußten, was Geduld und langes lautloses Harren einzubringen pflege auf der Pirsch, sie regten sich nicht endlos scheinende Minuten lang. Spath, der eine aufgedrungene, sehr unbequeme Stellung einnahm, litt sehr dabei. Hans hatte ihn in dem Augenblicke stillgehalten, wo der vorausschreitende Fuß in eine Vertiefung getreten war. Der andere plötzlich zum Stillhalten genöthigte Fuß war auf die Zehen des bereits stehenden Fußes gerathen, und auf diesen Zehen blühten einige Leichdornen. Diese waren sehr unangenehm überrascht von der Geduldprobe, welche ihnen so unerwartet auferlegt wurde, und da kein Aendern der Stellung, ja nicht einmal ein erleichterndes Aechzen gestattet war, so litt Spath beträchtlich, in der Tiefe seines Herzens die Ausdauer jenes schlesischen Junkers innigst verwünschend.

Die Stellung selbst war außerdem höchst kritisch, da die Füße so nahe an einander gerathen waren und die Erhaltung des Gleichgewichts bitter erschwerten. Spath sah den Augenblick kommen, wo er nach einem Anhaltspunkte greifen und Geräusch verursachen müßte.

Da endlich verzweifelte Rudolph. Nur noch einige Minuten setzte er sich aus zum Horchen. Sie vergingen, auch für den gequälten Spath; es rief der Kauz noch einmal etwas näher, und es entstand Geräusch – Rudolph setzte sich vorsichtig in Bewegung den Berg hinab, nach jedem sorgfältig gesetzten Schritte stillhaltend. Er tastete den Berg hinunter, denn es war dies Alles auf der Höhe desselben vorgegangen, immer noch hoffend, in den Pausen des Stillstandes ein Zeichen zu erlauschen, daß jenes Husten von keinem Stück Rothwild ausgegangen sei. Umsonst!

Spath und Hans blieben stehen, so lange sie noch das mindeste Geräusch von ihm hörten. Dann gingen sie ruhig in der eingeschlagenen Richtung links von ihm abwärts. Es war die Richtung, welche sie brauchten, um wieder auf den verlassenen Fußweg zu gelangen.

Rudolph erreichte das Ende des Stangenholzes, und stand auf einer welligen Hochebene, welche mit Gesträuch bedeckt war, was man in Oesterreich ein »Maas« nennt und wahrscheinlich »Mais« schreibt. Ein Windstoß wirbelte den Nebel und ballte ihn zu fliehenden Gestalten. Ein heiserer Laut, vielleicht von einem Fuchse, deren es auf dem Wiener Walde immer in großer Menge gegeben und noch heute giebt, erhöhte die Täuschung seiner erhitzten Einbildungskraft; er glaubte menschliche Gestalten vor sich fliehen zu sehen; er eilte ihnen hastig nach durch das Mais hindurch, welches große Lücken bot für den bereits stolpernden Fuß! Er eilte, er lief am Ende trabend, und stürzte schließlich, so lang er war, zu Boden.

Mit dem bloßen Fall war's nicht gethan: er rollte abwärts. Die Hochebene fiel nämlich hier steil ab in eine beträchtliche Tiefe. Glücklicherweise war der Absturz hie und da noch von Sträuchern besetzt, und diese hielten den rollenden Körper auf. Zerrissen und zerschunden stand er endlich wieder auf den Beinen, und kroch gedankenlos bis zur Thalsohle hinab, mehr aus Bedürfniß, glatten Boden unter sich zu haben, als in der Absicht, die vermeintlichen Gestalten einzuholen.

Es war ein schmales Thal, in dem er stand. Ein Bach rieselte mitten hindurch. Hier sammelte er seine Gedanken. Verirrt war er nun vollständig, darüber machte er sich keine Täuschung. Der Rückweg schien fast so mißlich als das Vorwärtsdringen. Also lieber vorwärts! rieth sein hartnäckiges Wesen. Er schritt durch den Bach, dessen wol noch mit Schnee getränktes Wasser geeignet war, seine Stiefel innerlichst zu erforschen und ihn zu ernüchtern. Er fluchte und schritt weiter. Aber schon nach wenigen Schritten mußte er stillestehen. Er stand vor einer Bergwand, die steil und kahl senkrecht aufstieg. Da ging's nicht weiter, wenn man nicht wie Spath und Hans viel weiter oben die Ersteigung antrat mit Hilfe eines sich langsam aufschlängelnden Fußsteiges.

Jetzt gab Rudolph die Entdeckung auf und lehnte sich rathlos an die Bergwand. Erhitzt, mit durchnäßten Füßen die bereits kalt wehende Nacht im Walde zubringen? Oder über die Waldberge zurück? Wenn er die Richtung nicht traf, so konnte er vielleicht die ganze Nacht – halt! der plätschernde Bach kann vielleicht als Wegweiser dienen. Er geht ja doch in die Ebene hinab. – Ehe er dies ausgedacht, war ihm, der sonst gar nicht furchtsam, ein Schreck zugetheilt: er fühlte an seiner Hand den lebendigen Athem eines Thieres, er hörte einen drohenden Laut! Jäh sprang er zur Seite, aber er war gehalten, der Rachen des Thieres hatte ihn am Beine gefaßt. Ein Wolf! dachte er, indem er sich faßte und sein Schwert aus der Scheide riß.

– Halt! Holla! drang jetzt eine Menschenstimme an sein Ohr, und: Wer da? wurde hinzugesetzt ganz nahe bei ihm.

Wölfe werden doch nicht von Menschen begleitet! war Rudolphs nächste Folgerung, und er erkannte, daß ihn ein Hund am Stiefelrande gefaßt hielt, und daß ein Jägersmann herzutrat, welcher sein Gewehr zwischen den aufgehobenen Arm mit dem Schwerte und dem hartnäckig festhaltenden Hund streckte.

An der Kleidung Rudolphs mochte der Jägersmann abnehmen, daß »Caro« abgerufen werden könne.

Dies geschah, und es erfolgte nun langsam eine Verständigung.

Der Jäger kam vom Anstande auf Schnepfen, welchen der Nebel zunichte gemacht, und schien nicht sehr erbaut zu sein über den nächtlichen Wanderer. Dieser war auch in keiner freundlichen Laune, und so gab es anfangs ein recht barsches Herüber und Hinüber.

– Basta! rief endlich Herr Rudolph. Du sollst trotz Deiner Grobheit ein Goldstück verdienen, wenn Du mich an Ort und Stelle führst.

– Wohin denn?

– Zum Waldhause der Schotten, in welchem der alte Graf Zierotin wohnt.

– Kenn' ich nicht.

– Du kennst es!

– Wo soll denn das sein?

– Da oben wahrscheinlich. Wenn ich's genau wüßte, brauchte ich Dich nicht. Der alte Graf ist mein Oheim, und ich muß ihn heute noch sprechen.

– Ich versteh' das nicht, sagte nicht ohne Zögern der Jägersmann.

– Und doch sagst Du, Du seist hier auf Deinem Revier?

– Das bin ich auch.

– Du bist also im Dienste der Schotten!

– Das bin ich.

– Also ist mein Oheim bei Dir!

– Warum nicht gar! Ein Graf in meiner Hütte – Ihr seid curios. – Aber ich hab' zu schaffen. Caro herein! Wenn Ihr nicht hier schlafen wollt, so könnt Ihr mit mir gehen nach Dornbach hinunter – hier 'rein, Caro!

Und damit ging er am Bach entlang.

Herr Rudolph war der Meinung, dieser mürrische Jäger wisse mehr, als er verrathen wolle, und indem er langsam hinter ihm herschritt, überlegte er, ob es nicht gerathen sei, den schon bejahrten Mann rücklings niederzuwerfen und durch lebensgefährliche Drohung das Geheimniß aus ihm zu pressen. – Er unterließ es aber doch, weil der niedergeworfene Mann wol Alles versprechen, der wegweisende aber entwischen und nichts halten könne.

Nun versuchte es Rudolph mit freundlicher Unterredung.

Der Jägersmann ging nicht darauf ein und blieb wortkarg.

So kamen sie an den Waldrand und an ein Haus.

– Dies ist Dornbach; dort geht die Straße. Rechts darauf fort, und in einer halben Stunde seht Ihr die Lichter im Hernalser Schlosse! sagte trocken der Jägersmann und – war hinter dem Hause verschwunden sammt seinem Caro.

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