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Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil. - Kapitel 10
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch, Junker Hans. 1. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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9.

Ein erquickender Frühlingsmorgen war über Wien aufgegangen. Der regnerische Nachtwind vom Wiener Wald herein war gegen Sonnenaufgang nach Südosten hinübergesprungen. Der sogenannte »untere Wind« wehte mild über das Leitha-Gebirge, den ungarischen Grenzwald, herüber und erfüllte die Luft mit jenen warmen, noch etwas feuchten Strömungen, welche den Menschen so üppig anmuthen, obwol sie kein sicheres Wetter versprechen.

Im Schatten eines tiefen Stallthors neben den Harrachschen Häusern auf der Freiung kauerten zwei Männer neben einander in der Ecke. Das heißt, sie saßen auf der Erde und lehnten sich halb aneinander, halb an die Stallthür. Sie schliefen. – Es war der Bart-Conrad und Tartsch, des Junkers Diener.

Ihre Nacht war sehr unbequem gewesen in nasser Luft am Michaelerplatze, wo sie des Signals gewartet, ob der Kaiser oben in der Stallburg verschieden sei; ob Odontius das geheimnißvolle Unternehmen, von welchem Jeder dem Andern seine Vermuthungen zuraunte, glücklich vollbracht habe; ob der mäßige Menschenzudrang sich hinreichend erweisen werde für einen Aufstand. Thonradl hatte im Fortgehen dazu ermuntert, und hatte versprochen, ein Quantum Ziegelstreicher, welche er bereit hatte, vom Ochsenmarkte(dem späteren Landstraßen-Glacis) hereinzusenden.

Aber der Verlauf oben in der Stallburg war nicht günstig geworden für ihre Erwartungen. Sie kannten auch jetzt diesen Verlauf noch nicht; nur so viel wußten sie gewiß, daß der Ausgang sie enttäuscht hatte. In solcher niederschlagenden Empfindung waren sie eingeschlafen.

Oben in der Stallburg nämlich war große Verwirrung entstanden bei dem Rufe des Junker Hans und dem unmittelbar darauffolgenden Zusammenstürzen des alten Ungars. Letzterer schien todt zu sein.

Lamormain rief dem Könige zu, er möge sich eiligst zurückziehen, denn aus jenem Rufe: »Wer ein Verbrechen fördern will, den verwirft Gott in Ewigkeit!« gehe hervor, daß irgend ein Frevel beabsichtigt werde. Pater Bartholomäus stimmte ihm bei, und der König selbst war derselben Meinung. Er ging hinweg nach dem Schwibbogengange, geleitet von den beiden Jesuiten. Es war ohnehin seine Absicht, die nächsten Stunden im Kloster zu verweilen und nur seiner Andacht obzuliegen.

Unterdessen hatte sich Baron Harrach mit dem bewußtlosen Odontius beschäftigt, hatte Diener herzugerufen und nach einem Arzte verlangt. Waldstein aber, die politische Hauptsache im Auge behaltend, hatte sich nach dem Schreiben gebückt, welches der Hand des Odontius entfallen war, und hatte es aufgehoben, Eggenberg, welcher die gleiche Absicht gehabt, zuwinkend und mit diesem zur Seite tretend, um dem Vertrauten des Königs die Kenntnißnahme vom Inhalte des Schreibens zu überlassen.

Während Eggenberg noch las, kam Lamormain zurück. Die Wichtigkeit des Schreibens war auch ihm eingefallen, und er verlangte es.

– Wahrscheinlich ist es gar nicht von Bethlen Gabor, sagte er hastig, und der Ungar hat es nur benützen wollen, um der Person des Königs nahezutreten und –

– Es ist von Bethlen Gabor, entgegnete Eggenberg.

– Es ist Bethlen's Handschrift, ich kenne sie, setzte Waldstein hinzu.

– Aber es enthält nichts weiter, fuhr Eggenberg fort, als die Vollmacht für jenen Abgesandten, im Namen und Auftrage Bethlen Gabors mit dem Könige von Ungarn zu sprechen und zu unterhandeln.

Nun sah man sich um, was aus diesem Abgesandten geworden sei. Die Diener hatten ihn auf eine Polsterbank an der Wand getragen und den Oberkörper aufrecht angelehnt. Carlo Blandini war herzugekommen und untersuchte den scheinbar Leblosen, um welchen Junker Hans zum eifrigsten beschäftigt war mit Oeffnung des Kleides und mit Waschung des Hauptes. Ein Diener hatte Wasser und Wein gebracht mit zitternden Händen; dieser Diener war der alte Hamm.

– Ein Schlagfluß? fragte der herzutretende Waldstein den Doctor Blandini.

– Ja, Signore.

– Ein völliger?

– Vielleicht nicht. An der frischen Luft wird sich's zeigen.

– Dann sogleich hinaus mit ihm; der Mann ist sehr wichtig.

Man befolgte die Weisung und trug ihn durchs Vorzimmer, um ihn im Stiegenraume an ein offenes Fenster zu bringen. Hans und Herr von Mitzlau gingen mit.

Ehe sie hinaus waren, hatte Gangelberger einen Entschluß gefaßt. Von seinem Falle sich erhebend und dem weiteren Vorgange zuschauend, war es ihm klar geworden, daß vor Allem der sächsische Junker nicht aus der Hand gelassen werden dürfe, wenn man diesem räthselhaften und wahrscheinlich verbrecherischen Vorgange beikommen wolle. Er war schnell einige Schritte vorgegangen, um von einem der gebietenden Herren den Befehl zu erwirken, daß Junker Hans ergriffen werde. Der ihm zunächst stehende war Pater Lamormain; aber Gangelberger's Widerwille gegen die Priestereinmischung in weltliches Regiment ließ ihn stocken. Darüber vergingen einige Minuten, und die Abziehenden waren bereits im Vorzimmer. In dem steigenden Bedürfnisse entschloß er sich endlich, dem Pater zuzurufen, man solle doch den jungen Mann nicht fortlassen, der ja sicherlich Auskunft geben könne.

– Ihr habt Recht! sprach Lamormain, und ging nach dem Vorzimmer hinaus, um die Zurückhaltung desselben zu bewerkstelligen.

Gangelberger wollte ihm folgen, ward aber von Eggenberg angeredet. Dieser kannte ihn, und wollte Nachricht von ihm haben, über die Stimmung in der Stadt, und ob wirklich ein Ausbruch zu besorgen stünde. Gangelberger konnte sich keine bessere Gelegenheit wünschen, alles das auszusprechen, was er in einer Audienz dem Könige selbst hatte sagen wollen. Denn Eggenberg war als ein redlicher Mann und als des Königs vertrautester Freund bekannt, dessen religiöse Frömmigkeit zwar nicht bezweifelt wurde, dessen Abhängigkeit von den Priestern aber allerdings zweifelhaft war. Gangelberger gab sich also völlig dieser erwünschten Unterredung hin, und wurde nicht gewahr, daß Pater Lamormain ihn mißverstanden hatte. Lamormain hatte unter dem »jungen Manne« denjenigen verstanden, welcher den alten Ungar geführt hatte, Mitzlau nämlich, und diesen ließ er festhalten.

Während dieser von einigen herbeigerufenen Trabanten aus dem Vorzimmer zurückgebracht wurde und dem Pater Lamormain lebhaft versicherte, daß er den kleinen Ungar gar nicht gekannt und nur aus Menschlichkeit unterstützt habe, ging draußen im Stiegenraume die Entwicklung mit Odontius sehr rasch von statten. Am offenen Fenster kam der bewußtlose Mann wirklich zu sich, und zwei der um ihn Beschäftigten, Junker Hans und der alte Hamm, begegneten sich in dem Wunsche, ihn eiligst aus dem Bereiche der Burg zu bringen. Ohne viel zu fragen, trugen sie ihn gemeinschaftlich die Treppe hinab. –

– Holla! rief ihnen Waldstein nach, wohin?

– Ganz ins Freie! Das wird ihn herstellen! erwiderte Hans, ohne sich im Transport aufhalten zu lassen.

– Gemach, junger Freund, ich brauche den alten Knaben noch! sprach Waldstein, und folgte raschen Schrittes die Treppe hinab bis in die Vorhalle. Dort holte er die Träger ein und legte seine Hand auf die Schulter des Junkers.

– Er soll Euch nicht entgehen, Graf Waldstein, sagte Hans, der sich dem Grafen ja verpflichtet fühlte und mit gutem Instincte zu unterscheiden wußte, daß Odontius in Waldstein's Händen viel weniger gefährdet sei, als in den Händen der Jesuiten. Indem er aber halblaut hinzusetzte, daß er den Aufenthalt des kranken Mannes kenne und den Grafen mit ihm in Verbindung setzen wolle, hatte der alte Hamm die leichte Last rüstig auf sich allein genommen und hinaus vors Thor getragen. Dort stürzten Pfeifer und Urban, welche in dem Haufen der Malcontenten lauerten, sogleich herzu und bemächtigten sich des Odontius, ihn fliegenden Schrittes nach dem Wagen zu tragen.

Ehe nun Waldstein noch inne wurde, daß der Gegenstand seines politischen Interesses verschwunden war, kam der Trabantenhauptmann klirrenden Schrittes die Treppe herab, mit dem Befehl, den sächsischen Junker wieder hinaufzubringen. Er war vom Pater Lamormain gesendet, welcher durch Gangelberger aufgeklärt worden war, daß er nicht den richtigen jungen Mann zurückgehalten habe.

Die Lage war für den Junker bedrohlich genug, am Eingange des Hafens noch zu scheitern, das heißt an der Schwelle des Ausgangs zur Freiheit. Die Trabanten unten in der Vorhalle waren ihrem Hauptmann zur Verfügung. Es waren diejenigen darunter, welche ihn von der Schranne daher neben der Sänfte escortirt hatten unter Anführung desselben Hauptmanns. All diesen bewaffneten Leuten war es also sehr einleuchtend, daß dieser fremde Junker streng zu behandeln sei.

Hans blickte nach dem Ausgange, der nur etwa noch sechs Schritte entfernt war, und faßte den Entschluß, sich mit dem Schwert in der Faust durchzuschlagen.

Waldstein bemerkte das und lächelte. Er hatte ihn ja einmal in Schutz genommen, und es wäre ganz gegen seine Natur gewesen, den jungen Fremdling, welcher ihm gefiel, den Maßregeln des Priesters zu überlassen. Er machte also jene unnachahmliche Handbewegung des Befehlshabers gegen den Hauptmann, welche ein Krieger am Kriegsobersten immer versteht, und sprach mit ganz ruhiger Stimme:

– Das ist ein Irrthum des Herrn Paters. Diesen jungen Herrn kennt er nicht. Es ist derselbe, den Herr Minister Trautson an mich überantwortet hat. Ihr wißt es ja. Sagt dem Herrn Minister, daß ich ihn mit mir in meine Wohnung genommen. Ade, Herr Hauptmann.

Dies sprechend, faßte er Hans unter dem Arm und führte ihn hinaus. Der Hauptmann verbeugte sich und blieb zurück.

Außen ankommend, vermißte Waldstein Odontius.

– Wo ist der alte Ungar?

– Beim Teufel! schrie der Bart-Conrad, welcher unter der Menge stand, und die Menge erhob ein johlendes Geschrei.

Aergerlich blickte Waldstein dem Junker ins Gesicht.

– Ihr wißt?

– Ich glaube zu wissen, wo man ihn finden kann, antwortete Hans halblaut.

– Also vorwärts!

Junker Hans meinte damit den Zufluchtsort des Odontius, welchen dieser bei Wien aufzusuchen pflegte, und welchen er ihm oben im Vorzimmer anvertraut hatte. Wo der »Alte« jetzt hingekommen, wußte er selbst nicht, und er sah sich forschend um, als er mit Waldstein eine kleine Strecke nach dem Kohlenmarkte zugeschritten war. Glücklicherweise war auch Tartsch unter der harrenden Menge, und dieser näherte sich rasch seinem Herrn.

– Wo ist der alte Herr hin? fragte Hans.

– Er ist dorthin getragen worden, erwiderte Tartsch mit halblauter Stimme, und zeigte nach dem Eingange des Kohlenmarktes, sah sich aber dabei scheu um.

Die Erscheinung des Junkers Arm in Arm mit dem gefürchteten Waldstein hatte unter der großentheils protestantischen Volksmasse einen Eindruck gemacht, welcher von Minute zu Minute ungünstiger wurde. Daß der fremde Junker ein Glaubensgenosse, war bald all den Versammelten bekannt; aber jetzt erschien er in offener Vertraulichkeit mit einem Kriegshaupte der katholischen Partei, und dies Haupt schien den ohnehin zerschlagenen alten Odontius zu suchen, und sicherlich nicht in guter Absicht zu suchen. – Das Murren wurde lauter und lauter, und brach plötzlich in lautes Geschrei aus. Dies Geschrei war indessen mehr fröhlich als drohend.

– Was ist's? fragte Hans.

– Es ist sein Wagen, antwortete Tartsch. Das Rasseln desselben haben sie gehört, er fährt fort! Hört Ihr's nicht durch den Lärm, wie die Steine fliegen? Er fährt, was die Pferde laufen können.

Dem war so. Der ungarische Wagen hatte gewartet, und hatte jetzt Odontius wieder aufgenommen. In der Richtung der jetzigen Herrengasse flog er von dannen.

– Ist das Alles, was Ihr von ihm wißt? sagte Waldstein nun streng zum Junker.

– Nicht Alles, erwiderte dieser. Ich glaube ihn auffinden zu können.

– Das will ich hoffen. Gehen wir rasch!

Und sie schritten durch die Menge, welche mehr und mehr zu höhnen und zu drohen begann, und sich mit ihnen fortwälzte. Als Waldstein, der auf all das um ihn her gar nicht zu achten schien, in den Kohlenmarkt einbog, blieb die Menge zurück, gleichsam als sei sie beruhigt, daß der lange Cavalier nicht weiter in der Richtung des Wagens fortschritt.

Waldstein ging nach der Freiung in seinen Gasthof zu den »drei Hacken«, und nahm Hans mit sich. Er hielt fest an dem Nebengedanken, den immerhin bedenklichen Junker sicherzustellen.

Tartsch war ihnen gefolgt; der Bart-Conrad hatte sich Tartsch angeschlossen. Der Morgen dämmerte, als sie zum Thor des Gasthofes kamen, wo mehrere Diener des Grafen auf ihren Herrn warteten. Während dieser einige Worte mit seinen Dienern wechselte, winkte Hans seinem Tartsch und flüsterte ihm zu:

– Warte auf mich. Sobald ich loskomme, eilen wir nach Hernals hinaus.

– Nun also, junger Herr aus Sachsen, unterbrach ihn Waldstein, Ihr seid zunächst mein Gast. Tretet ein!

Das Thor schloß sich. Tartsch stand verblüfft da. Conrad, welcher diese Worte gehört, kam näher herzu und sagte, ihn an der Schulter rüttelnd:

– Dein Herr ist im Handumkehren ein Freund und Gast des schlimmen Waldstein geworden. Dein Herr gefällt mir gar nicht mehr, und es scheint mir angezeigt, daß man ihn aufs Korn nimmt. Ich werd' bei Dir bleiben, Camerad, da's oben bei der Burg heute doch zu nichts mehr kommt – wach auf. Alter, da drüben im Thorwege zu Harrach's Pferden ist eine leidliche Schlafstelle, von wo man die »drei Hacken« im Auge behält, wenn man's aufmacht.

So waren sie in die Lage gekommen, welche jetzt der volle Tag und die glänzende Sonne beschien.

Drin in den »drei Hacken« wurde für die leibliche Bequemlichkeit des Junker Hans viel besser gesorgt. Ein Diener Waldstein's verstand den Wink seines Herrn vollkommen: daß er einen Gast zu übernehmen und passend vorzubereiten habe für das Frühstück. Waldstein war auch in seinem Haushalte ein großer Herr. Große Reisen und Kriegszüge in Ungarn und an der italienischen Grenze hatten die praktischen Kenntnisse für körperliche Behaglichkeit ausführlich in ihm durchgebildet, und da er klar und genau zu befehlen verstand, so war seine Dienerschaft auch unterwegs auf alle Bedürfnisse einexercirt, wie ein Regiment. Geldersparniß war der letzte Gesichtspunkt, welcher bei ihm in Rede kam, wenn er auch streng auf Ordnung hielt. Sorgfältige Abstufung der Beamten machte eine genaue Controle möglich, und so hatte in seinen Dienstkreisen doch Jeder die Scheu vor einem Netz, in welchem jede Masche geprüft und beaufsichtigt werde.

Es ließ der Diener dem Junker Hans ein wohlduftendes Bad bereiten, und sorgte dafür, daß frische Wäsche zur Hand, daß jedes Kleidungsstück gesäubert und alles sonstige bereit sei, was die Toilette erfordern könne. Dann führte er ihn in das Speisezimmer, wo ein reichliches Frühstück bereits aufgetragen war, und wo Waldstein selbst, ebenfalls umgekleidet, beinahe gleichzeitig eintrat.

Waldstein spielte von dem Augenblicke an ganz und gar den Hauswirth, welcher die höhere Stellung und die Rolle des Beschützers artig in den Hintergrund zu schieben wußte. Lächelnd und heiter kündigte er dem sächsischen Junker an, daß er ihn im Laufe des Vormittags seiner Braut vorstellen, und daß ihn diese wahrscheinlich sofort nach Hernals hinausfahren lassen werde; denn von dort stamme ja – sagte er mit schalkhafter Miene, indem er seinem Gaste spanischen Wein einschenkte – von dort stamme ja die Empfehlung, durch welche man auf den fahrenden Ritter aus Weimar aufmerksam geworden sei.

– Erzählt mir, junger Freund, von den sieben Söhnen Eurer Gebieterin zu Weimar, setzte er höflich hinzu, und was wir von dieser Männerschaar zu erwarten haben in dem sichtlich bevorstehenden Kriege. Zwei sind ja schon mannbar, Ernst heißen sie und Wilhelm, nicht wahr?

– Ja, entgegnete Hans, erstaunt über Waldstein's genaue Kenntniß.

– Und der dritte war eben flügge. Der heißt?

– Bernhard.

– Richtig. Das Haus ist recht wichtig für die Angelegenheiten des Reiches, denen offenbar große Umwandelungen bevorstehen. Es steht nur zu fürchten, daß es sich in kirchlichen Vorurtheilen verfangen und die politischen Vortheile, welche sich ihm darbieten, verscherzen wird.

Junker Hans erklärte, daß er diese Aeußerung nicht deutlich verstehe. Die religiöse Ueberzeugung sei denn doch am Ende wichtiger als Alles.

– Denkt was Ihr wollt, und seid überzeugt von was Ihr wollt, entgegnete Waldstein etwas herb, aber drängt diese Eure Gedankenwelt nicht um jeden Preis auf den politischen Markt. Und nun gar Ihr Protestanten mit Euren spitzfindigen Unterschieden unter einander! Ueberlaßt Dergleichen beschränkten Köpfen wie dem Kurfürsten in Dresden. Was nützt es Euch, zu beweisen, daß seine Linie die Kurmacht usurpirt und Euch geraubt habe? Verringert seine Macht, vergrößert die Eure; dann, nur dann werdet Ihr seiner Herr werden. Es kommt eine Zeit, welche mit den Rechts titeln kurzen Proceß machen, mit den Rechts mitteln aber zu Allem kommen wird. Eure weimar'schen Fürsten sollen das bedenken. Herzog Ernst gilt für ein Regierungstalent, Herzog Wilhelm soll Fähigkeit zum Kriegführen bekunden – wie gesagt, sie sollen sich frei halten von Vorurtheilen, sie sollen sich in Verbindung setzen mit uns, die wir unter den Katholischen für die Unbefangenen gelten.

– Aber wer gilt dafür? Die sich um den Bayer schaaren, die eine speciell katholische Liga bilden wollen –?

– Die wahrscheinlich am wenigsten. Reichsfürsten von der Größe des Bayern wollen sich auch nur vergrößern, wenn's an die neue, endliche Theilung geht – und an die wird's gehen. Ihr müßt Euch an die Hauptmacht halten, an die kaiserliche. Die wird am meisten zu gewinnen und auch am meisten zu vergeben haben.

– Der neue Regent Ferdinand gilt aber gerade für den vorurtheilsvollsten in Sachen der Religion –

– Er gilt dafür; ist's auch vielleicht.

– Was stünde also von ihm für einen sächsischen Herzog zu erwarten?

– König Ferdinand ist kein Kriegsfürst. Er wird die Schlachten nicht schlagen, welche über kurz oder lang geschlagen werden müssen. Wer sie aber schlägt, der wird Einfluß auf ihn gewinnen. König Ferdinand ist ein verständiger Herr. Er will natürlich Kaiser werden; er wird es werden, und er wird als Kaiser kein unmächtiger Mathias oder Rudolph sein wollen. Seine Kriegsführer werden ihm neue Wege zeigen, wie man zu größerer Macht gelangen könne, und wenn die Dinge einmal im Fluß sind, da ergreift ein verständiger Herr das, was er eben halten und fördern kann. Macht Eure Herren in Weimar nur aufmerksam! Weist sie an mich, wenn sie Anknüpfungen suchen, welche in Sachen der Religion unverfänglich sind. Ich bin der Meinung, daß die Physiognomie des Reiches binnen wenig Jahren eine sehr veränderte sein wird. Wer Muth hat und Verstand, dem werden die Veränderungen zu statten kommen. Wer verstockt ist, der wird untergehen. Ihr scheint für Euer Alter schweigsam zu sein, das ist gut. Ihr habt mir die Bekanntschaft des curiosen kleinen Ungars versprochen, der da oben so verdächtig aufgetreten und dann so hastig zum Teufel gefahren ist. Ihr macht aber keine Miene, mich einzuweihen –

– Bis jetzt weiß ich selbst nur Vorläufiges, und muß erst nachfragen –

– Ich tadle Euch ja nicht. Im Gegentheile. Es gefällt mir, daß Ihr Euch retten laßt, und nur »Vorläufiges« dafür einsetzt. Aber ich glaube, es wird auch in Eurem Interesse sein, wenn Ihr mir binnen drei Tagen – denn ich bleibe vielleicht nicht länger hier – Weiteres mittheilt. Nicht aus Dank. Den Dank seid Ihr meiner Braut schuldig, die sich für Euch verwendet hat. Nein, aus Klugheit. Es wird Euer und der Eurigen Schaden nicht sein, wenn Ihr meine Bekanntschaft pflegt. Ich hoffe also Euch binnen drei Tagen hier in diesen Zimmern nochmals zu sehen. Kommt zur Nachtzeit, denn Ihr seid jetzt weniger als je sicher. Was Ihr vom Aufstande der Protestanten hier hofft, das hilft Euch nicht viel. Man greift Euch heraus aus den Aufständischen, auch wenn die Unruhen von einiger Bedeutung werden sollten, was ich kaum glaube. Man ergreift Euch und läßt Euch verschwinden. Seid also vorsichtig und wagt Euch nur des Nachts auf die Straße. Wahrscheinlich wollt Ihr nach Hernals hinaus zu Jörger?

– Ja.

– Gut. Ich bring' Euch selbst aus der Stadt. – Wenzel!

Ein Diener trat rasch herzu.

– Geh' hinüber ins Harrach'sche Haus. Entbiete der jungen Baronin meinen Gruß und meine ergebene Anfrage, ob ich ihr den jungen Herrn aus Sachsen vorstellen könne, den sie gestern gerettet sehen wollte.

Waldstein stand mit diesen Worten auf und sah, dem Junker Hans nahetretend, diesen eine ziemliche Weile schweigend an. Es lag etwas Durchdringendes, fast Drohendes in dem Blicke, welcher sich gleichsam einbohrte.

Hans war in Verlegenheit. Er empfand, daß der so entgegenkommende mächtige Herr irgend eine Zusage, wenigstens ein Eingehen in die ausgesprochenen Wünsche erwarten könne von dem hilfsbedürftigen ausländischen Jünglinge. Und doch widerstrebte dies dem Charakter des Junkers. Er war durchaus nicht der Meinung, daß die großen Lebensfragen des Vaterlandes, namentlich die religiösen, so cavaliermäßig erledigt werden könnten. Er schwieg; und je länger die Pause dauerte, desto peinlicher empfand er, daß Waldstein unwillig werden und ihm den angebotenen Schutz entziehen könne.

– Habt Ihr nichts zu sagen? sprach endlich Waldstein mit halber Stimme.

– Nichts Genügendes, entgegnete Hans zögernd. Nichts, was Euch und mir genügen könnte. Ich bin ziemlich unerfahren und bin auch, wie Ihr vorhin sagtet, ziemlich vorurtheilsvoll. Meine Meinungen sind noch eng und schroff neben den Eurigen, und mein religiöser Glaube beschränkt mein Gewissen ganz und gar. Ich bitte Euch, mir Zeit für Ueberlegung zu lassen.

– Drei Tage. Dabei bleibt's. Und jetzt gehen wir hinüber. Meine Braut pflegt früh aufzustehen, wir werden sie nicht stören.

Der Morgen war in vollem Sonnenglanze aufgegangen über Wien, und der Platz der Freiung glänzte in lichter Pracht. Conrad und Tartsch waren eben erwacht und machten vor einem Stalleimer ihre Toilette, als Waldstein und der Junker aus dem Gasthause traten und über den Platz schritten. Conrad bemerkte sie sogleich und murrte grunzend in Tartsch hinein:

– Da haben wir's! Arm in Arm der Jesuitensoldat und Dein Junker! Pfui Teufel, mit dem haben wir uns geschnitten, der wird noch kathol'sch, eh' das Frühjahr um ist.

– In alle Ewigkeit nicht! stöhnte Tartsch und näherte sich seinem Herrn, um etwaige Befehle anzuhören.

Junker Hans rief ihm denn auch zu, er möge auch jetzt noch hier auf ihn warten, sie wollten alsdann nach Hernals hinaus.

– Nicht so laut, Junker, sprach Waldstein kurz dazwischen. Eure Verfolger werden längst wissen, daß Ihr bei mir seid, und ihre Aufhorcher werden auf der Freiung nicht fehlen.

Und so war es auch. Pater Lamormain war in der Burg nicht unthätig gewesen. Der Trabanten-Officier war zur Rede gestellt, und Gangelberger war um Mittheilung ersucht worden. Wie ungern er sie an den verhaßten Pater geben mochte – er hatte sie gegeben, und der Amtstrieb hatte ihn bei dem Hin- und Herreden veranlaßt, den verdächtig gewordenen Herrn von Mitzlau ins Verhör zu nehmen.

Mitzlau war in schlimmer Lage. Der ärgsten Dinge verdächtig, stand er inmitten eines Kreises von Männern, welche eben eine Scene erlebt hatten von furchtbar geheimnißvoller Bedeutung. Das Geheimnißvolle daran erschreckte am tiefsten. Und doch war die Hauptperson, der alte Ungar, ihnen unter den Händen entschlüpft, mitten aus der Burg hinaus, die von loyalen Anhängern gefüllt war, entschlüpft! und mit ihm der räthselhafte Fremde, welcher schon im Gefängniß gehalten worden, und welcher auf den alten Ungar eine so schlagende Wirkung geäußert hatte.

Lamormain, Norbert, Gangelberger und herbeigerufene Trabanten umringten Mitzlau unter allen Anzeichen gefährlicher Aengstlichkeit und Erbitterung. Er hatte den alten Ungar in die Burg hineingebracht – das war klar geworden durch die ersten hastigen Fragen und Antworten. Gangelberger, ein geübter Fachmann, hatte sich sofort des Verhörs bemächtigt, und trieb Herrn Rudolph dergestalt in die Enge, daß dieser sich bald entschließen mußte, die Wahrheit auszusagen. Gerade dies aber entschied – vielleicht für sein ganzes Leben – die zwiespältige Stellung, welche er von nun an zwischen den Parteien einnehmen mußte.

– Ihr seid ein Ketzer? rief Lamormain.

– Nein, ich bin Katholik, entgegnete Mitzlau ebenso rasch, als er vor einigen Stunden sich einen Protestanten genannt hatte, aber diesmal mit größerer Zuversicht.

– Und Ihr beharrt dabei, nahm Gangelberger wieder das Wort, daß Ihr ganz zufällig beim Hereintreten in die Stadt mit dem sächsischen Junker bekannt geworden seid?

– Es ist so.

– Und was wißt Ihr von den Zwecken und Absichten dieses Fremden?

– Nichts Sicheres.

– Ihr habt aber mit ihm gewohnt unten im »Löwen«; Ihr seid, wie Ihr selbst eben angegeben, mit ihm auf dem Wege nach Hernals gewesen –?

– Ja. Aber von da an hab' ich nichts mehr mit ihm zu schaffen gehabt.

– Ihr seid nicht mit ihm nach der Stadt zurückgekehrt?

– Nein.

– Wo habt Ihr den gestrigen Abend verbracht?

– Im Hause des Baron Harrach.

– Das ist wahr; ich habe ihn dort gesehen, schaltete Norbert ein.

– Dieser Herr – und dabei deutete Mitzlau auf Lamormain – war ja auch da.

– Wo seid Ihr von da hingegangen? inquirirte Gangelberger weiter.

– In eine Schänkstube nahe an der Schranne.

– Was hat Euch dazu veranlaßt?

– Die Bitte eines Fräuleins, welche in der Gesellschaft beim Baron Harrach war –

– Fräulein von Loß? fragte Pater Norbert lebhaft.

– Fräulein von Loß. Sie bat mich, nachzuforschen, wie es um den sächsischen Junker stehe.

– Sie kennt ihn? fragte Norbert weiter.

– So scheint es.

– Weiter! Was habt Ihr da erfahren?

– Daß der Junker in einer Sänfte hieher in die Burg gebracht worden sei.

– Und dann, was habt Ihr dann gethan?

– Ein Haufe gemeiner Leute hat mich in Beschlag genommen.

– Wie das?

– Aus meiner Nachfrage um den Fremden haben sie gefolgert, daß ich zu ihm und zu ihrer Partei gehöre, und da es mir nicht gerathen schien, sie aufzuklären, habe ich mich gleichsam fortschleppen lassen.

– Wohin?

– Das weiß ich nicht genau zu sagen. Es war finster und regnerisch, und ich bin nicht so bekannt in Wien.

– In welcher Richtung?

– Am Stephan vorüber abwärts.

– Weiter!

– Ich sah mich plötzlich in einen Hof gedrängt und in ein Kellergeschoß hinabgestoßen. Dort befand ich mich unversehens in einer Versammlung –

– Von Ketzern?

– Offenbar. Denn man fiel über mich her mit Fragen und Drohungen, wie ich in ihre Mitte käme, und man bedrohte mich mit dem Tode, wenn ich dem kleinen alten Manne aus Ungarn nicht meinen Arm böte und ihn hieher in die Burg geleitete. Es blieb mir gar keine Wahl, denn man ging mir nicht mehr von der Seite, bis wir hier unten eintraten.

– War der alte Mann bewaffnet?

– Er trug einen Säbel, wie Ihr ja selbst gesehen habt.

– Hatte er sonst eine Waffe bei sich?

– Das weiß ich nicht.

– Könnt Ihr vermuthen, was der Zweck seines Herkommens war?

– Das kann ich nicht. Sobald ich nur konnte, hab' ich mich von ihm losgemacht – er war mir unheimlich – und habe mich umgeschaut, ob ich einen Bekannten fände, den ich aufmerksam machen könnte auf den verdächtigen Alten. Der eintretende Tod des Kaisers aber nahm unmittelbar darauf alle Aufmerksamkeit in Beschlag, und ich wurde erst wieder an den Alten erinnert, als er mich anrief, ihn zu stützen. –

Es entstand eine Pause. Pater Lamormain und Norbert blickten gespannt und fragend auf Gangelberger. Halblaut sagte dieser vor sich hin, als ob er den unmittelbaren Bericht an die geistlichen Herren vermeiden wollte:

– Das kann im Ganzen, wenn auch nur im Ganzen, richtig sein. Man vermuthet schon lange einen Conventikel der Ketzer auf der Seilerstatt. Der Ungar, der Fremde, die Scene dahier – es liegt wahrscheinlich eine völlige Verschwörung zum Grunde und die Absicht eines mörderischen Attentats –

Diese Aeußerung des herben Gerichtsbeamten, welchem man eine große Kenntniß der Wiener Stimmung zutraute, machte einen starken Eindruck auf Lamormain und Norbert. Wie sehr sie in der Weltlichkeit wirkten, innerlich waren sie doch überzeugt, daß ein Mann wie Gangelberger die weltlichen Dinge besser kenne als sie. Wie oft auch Lamormain den Ausdruck »Verschwörung« gebraucht hatte, jetzt aus dem Munde Gangelberger's machte er ihm doch einen erschreckenden Eindruck. Und nun gar im Zusammenhange mit einem Attentate! Bisher hatte er dergleichen nur abstract gefolgert oder gar nur erfunden, um dem Regenten strenge Zugeständnisse abzuringen, jetzt brachte die trockene Wirklichkeit eine Bestätigung seiner Phantasiegebilde – er erschrak durch und durch. – In der Hast wollte er eigentlich Gangelberger fragen, was er für Unterlagen habe in Betreff eines Attentats. Aber er faßte sich. Nach außen sollte der Schleier nicht gelüftet werden. Das ausgesprochene vieldeutige Wort war nicht zurückzunehmen; aber es sollte eben vieldeutig und unklar bleiben. Allein und einsam wollte er mit Gangelberger darüber sprechen. In diesem Sinne faßte er sich, und bat nach längerem Stillschweigen Gangelberger, die Verfolgung dieser Dinge und Personen in die Hand zu nehmen.

Gangelberger sah ihm streng ins Gesicht. Wie wichtig ihm auch die Angelegenheit erschien, er wollte nicht von dem »Geistlichen« beauftragt sein.

Lamormain schien Gangelberger's Zögerung zu verstehen und setzte halblaut, aber sehr verständlich für Gangelberger hinzu:

– Es ist dies Alles nicht meines Amtes. Aber die Mittheilung solcher Gräuel, namentlich dessen, was Ihr Attentat nennt, diese Mittheilung an den König ist eine schwere, peinliche Aufgabe. Die Zeit darf nicht verloren gehen, bis ich sie gelöst habe. Uebernehmt, Herr Rath, als Patriot die ersten Einleitungen, und kommt um zehn Uhr hinüber in die Kammer des Königs. Nach der Messe werde ich dem regierenden Herrn einen vorläufigen Bericht abstatten, und werd' ihn bitten, Euch, Herr Rath, weitläufiger darüber zu hören. Jetzt zögert nicht mit den Einleitungen, des alten Ungars und des sächsischen Junkers wieder habhaft zu werden.

Nach kurzem Austausch der Meinungen über Mittel und Wege trennte man sich. Gangelberger war geschmeichelt, und versprach sich das Gründlichste von seinem Vortrage beim Könige selbst. Zunächst bat er sich Herrn von Mitzlau aus, um bis auf einen gewissen Grad über ihn verfügen zu können in der einzuleitenden Verfolgung. Mitzlau war nicht sehr erbaut davon, mußte aber doch froh sein, so wohlfeilen Kaufes aus der üblen Klemme zu kommen, und folgte Gangelberger die Stiege hinab.

Lamormain und Norbert blieben allein zurück. Lamormain war nachdenkend und schweigsam, und wurde erst nach längerer Weile aufmerksam, daß die Diener an den Thüren auf den endlichen Abschluß dieser Nacht harrten.

– Lieber Norbert, sagte er dann langsam, ich hätte es lieber vermieden, Euch ferner in Berührung zu sehen mit den Weibern, welche in Harrach's Haus kommen –

– Wie? sagte kaum hörbar Norbert, und erröthete.

– Später davon. Jetzt heischt es aber der Dienst. Waldstein muß ergründet werden. Er hat den Junker fortgebracht. Erforscht von seiner Braut: wohin? Bringt mir bis Mittag Bescheid. Friede mit Euch!

Norbert verbeugte sich leicht und ging. Nun winkte Lamormain einem Hauptmanne der Wache, und ließ sich berichten, wie es in den Straßen der Stadt aussähe, und als die Nachricht beruhigend lautete, wendete auch er sich zum Gehen. Er wollte dem Könige ins Kloster folgen. Vor der Thür am Schwibbogen-Corridor blieb er in Gedanken versunken nochmals stehen. Er war bereits so weit gefaßt, daß er überdenken konnte, welch einen Vortheil jene Verschwörung und gar jenes Attentat bringen müsse. Der Eindruck auf den regierenden Herrn, wenn er die wirkliche und so entsetzlich nahe Gefahr hören würde, dieser Eindruck sei doch unschätzbar für die Zukunft –

– Warum zitterst Du so? sagte er am Schluß dieser Gedankenreihe zu dem Diener, welcher mit der Corridorthüre in der Hand tief gebeugt wartete.

– Alter – Müdigkeit! stotterte dieser.

Es war der alte Hamm, welcher verrathen zu sein fürchtete, als der schreckliche Geistliche so lange schweigend vor ihm stehen blieb.

Wirklich stieg auch dem klugen Pater etwas Aehnliches zu Sinne. Seit längerer Zeit in der Burg, hatte er auf alle Diener ein aufmerksames Auge, und es war ihm nicht entgangen, daß Hamm niemals als Beichtkind gemeldet worden war. Heute in der Nacht aber, als der König zum Königin-Kloster hinüber gewollt, war in Gegenwart des Paters nach Hamm gerufen worden, der vorleuchten sollte, und – Hamm hatte gefehlt.

– Wo bist Du denn in dieser Nacht gewesen? fragte der Pater also mit gutem Fug, denn »Verschwörung und Attentat« forderten unmittelbar auf zur strengen Beachtung der Dienerschaft.

Hamm schwieg. Pater Lamormain wiederholte die Frage mit erhöhter Stimme.

– Verzeihung, Hochwürden, mein Gehör wird etwas hart. Gewesen? Immer an meinem Platze.

– Nein, Du fehltest!

– Ach, eine Viertelstunde, ja – der Drang des Herzens – die hochselige Majestät, der Kaiser, dem ich so lange gedient, lag im Sterben – für ihn beten war ich beiseit gegangen, und sehen wollt' ich den gnädigsten Herrn noch einmal – kaum eine Viertelstunde wird's gedauert haben.

– Kanntest Du den alten Ungar?

– Hochwürden –

– Ich fürchte, Du stellst Dich tauber, als Du bist. Wir sprechen weiter. Jetzt zieh' die Thür an Dich! ich kann ja nicht durch.

Er ging in den Schwibbogengang hinein.

Der alte Hamm aber klappte zusammen wie ein Taschenmesser, und brach in ein klägliches Schluchzen aus. Der alte Mann erlag unter der Last halber Lüge und steter Verstellung. Um seiner innersten Ueberzeugung gerecht zu werden, war er vor einigen Jahren zur lutherischen Kirche übergetreten, und seit der Zeit, jetzt aber mehr als je, sah er sich genöthigt, Tag für Tag, ja Stunde für Stunde auf seiner Hut zu sein, und von einer lügnerischen Ausflucht in die andere zu stürzen. Das brach ihm endlich das Herz, und der arme Mann glaubte sich außer Stande, diese Verworrenheit seiner moralischen Existenz länger zu ertragen. Wie hatte er sonst Odontius verehrt, und auf welchem furchtbaren Wege hatte er heute diesen Fanatiker leiten müssen! War es ein Wunder, daß der von Hause ehrliche Greis rathlos zusammenbrach und wie ein Kind stöhnte? Nein. Es war auch begreiflich, daß er nicht daran dachte, der leise fortschreitende Pater Lamormain könne dies Gestöhne noch vernehmen und könne umkehren. Dem war aber so – der schwarzgekleidete Jesuit war zurückgekehrt, und sah von der Stufe, die zum Schwibbogengange hinaufführte, unheimlich hinab auf den verzweiflungsvollen Hamm, der sich am Boden krümmte.

Das dauerte mehrere Minuten. Dann erhob sich der alte Diener mühsam, und als er endlich zitternd aufrechtstand, sprach er halblaut vor sich hin:

– Das muß ein Ende nehmen. Ehrlich währt am längsten, und die Wahrheit nimmt ihr Kreuz auf sich. Ich weiß zwar nicht, wovon ich und meine Kathi satt werden sollen, wenn ich meinen Dienst aufgebe, aber Gott wird sorgen – Gott wird sorgen. –

Unter diesen Worten schritt er wankenden Ganges in den öden Saal hinein auf das Vorzimmer zur Hauptstiege zu. Er hatte keine Ahnung, daß der Jesuit regungslos dastand und ihm nachblickte. – Der Tag schien herein in den unheimlich gewordenen Raum, wo noch einzelne Wandleuchter mit ihren Kerzen brannten, und wo nur noch zwei Trabanten vor den Thüren des kaiserlichen Sterbezimmers saßen und in tiefen Schlaf gesunken waren.

Hamm ging die große Stiege hinab und hinaus. Zu seiner Kathi wollte er, zu seiner Tochter. Er liebte sie zärtlich, und ihr Schicksal bereitete ihm schwere Sorge. Sie war verheiratet, und doch auch nicht verheiratet; sie war glücklich, und doch unglücklich. Sie war nämlich katholisch, und ihr Ehemann niemand Geringerer als der Bart-Conrad, der niemals eingewilligt hätte, seine Ehe dem »Pfaffen« – wie er sich auszudrücken pflegte – zu überantworten. So hatte nur eine Einsegnung in der Stille von Seiten des Hernalser Candidaten stattgefunden, und das nagte der Kathi schwer am Herzen. Sie liebte ihren Conrad auf das herzlichste, und er liebte sie ebenso. Aber er war und blieb ein leichtsinniges Blut, dem Vagabundiren unerbittlich zugethan und mit einer Neigung zu Lärm und »Krakehl«, welche der sanften Kathi wildfremd und sehr peinlich war. Dazu kam die Sorge um das Kind, welches sie ihm geboren. Die kleine allerliebste Josepha war das Herzblatt Conrads, aber ehe er zugegeben hätte, daß seine »Peppi« katholisch erzogen würde, eher hätte er sie in den Wallgraben geschleudert. So rief er jede Woche einmal im Zorne aus, und erschreckte damit die geängstigte Mutter, welche nur in ihrer Kirche das Seelenheil ihres Kindes erblicken konnte. Frau Kathi war die Sauberkeit, Ordnung und Gewissenhaftigkeit selber, und sie litt bitterlich unter einer Ehe, welche ihr nicht vollgiltig erschien, und welche eine so schwere Sorge über die Zukunft der Josepha mit sich brachte, der wüsten Lebensweise ihres Conrads gar nicht zu gedenken. Denn offen und sicher konnte er schon lange nicht mehr zu Frau und Kind kommen, weil die Behörden immer alle auf ihn fahndeten. Und wie sehr er auch Frau und Kind liebte, es litt ihn immer nur kurze Zeit in der kleinen Wohnung. Das war ihm Alles zu eng, und »hier hat man«, rief er ungeduldig, »zu wenig Ausgang, wenn die Hunde den Fuchs stellen wollen im Bau!«

Nach dieser kleinen Wohnung rechts vom Schottenthore wanderte jetzt langsam der alte Hamm. Am Eingange der Herrengasse rief Jemand seinen Namen. Es war der Raschmacher Urban, welcher den Kohlenmarkt heraufkam. Er kam hastig und schien sehr ergrimmt zu sein. Hamm war wenig erbaut von dieser Begegnung; er liebte Urban an und für sich nicht. Das fanatische, schonungslose Benehmen des Raschmachers paßte nicht zu Hamm's Naturell, und konnte außerdem durch die ihm geläufige Indiscretion den alten Hofdiener in jedem Augenblicke schwer compromittiren. Und doch mußte er jetzt auf den Anruf stehen bleiben, er durfte den ohnedies ergrimmten Raschmacher nicht reizen. Der Raschmacher war aber so ergrimmt, weil der Aufruhr trotz all seiner Anstrengungen nicht zu Stande gekommen war. Von den Volkshaufen vor der Stallburg, welche ungenügend und viel zu zahm gewesen, war er mit Thonradl hinaus auf die »Landstraße« gelaufen, um die dortigen Arbeiter in hellen Haufen hereinzuführen. Das war mißlungen, vorzugsweise durch Thonradl's Schuld, der keine besondere Anstrengung darangesetzt und schon am Stubenthor Kehrt gemacht hatte, um mit seinen Standesgenossen noch eiligst zu berathen, ob gleich loszuschlagen oder eine Sitzung im Landhause abzuwarten sei. Voll Gift gegen das Cavalierwesen kam jetzt der Raschmacher zurück, in der schwachen Hoffnung, es könne sich doch vor der Stallburg noch etwas zusammengeballt und einen Angriff bewerkstelligt haben. Der menschenleere Kohlenmarkt hatte ihn bereits über die Thorheit seiner Hoffnung belehrt, und jetzt sah er über den Platz, der von Sturmhaufen strotzen sollte, nur den alten Hamm einsam dahinhumpeln. Voller Galle schrie er also den Alten an und verlangte Auskunft. Hamm erzählte mit wenig Worten, was vorgegangen mit Odontius, und wollte weiter. Die Sonne war aufgegangen, und er wollte nicht gesehen werden mit dem als Ketzer und »Stänkerer« bekannten Raschmacher. Dieser aber blieb neben ihm; er wollte Näheres wissen über die Maßregeln, welche die Jesuiten etwa beschlossen oder verrathen hätten. Hamm mußte das Verhör des Rudolph von Mitzlau erzählen, und daß Gangelberger neuerdings wieder auf den sächsischen Junker fahnden werde. –

– Laßt mich mit dem sächsischen Junker aus, kreischte Urban, das ist auch ein Leisetreter und wahrscheinlich gar ein unreines Gefäß. Es hat mir eben Einer erzählt, daß ihn der Waldstein selber Arm in Arm herausgeführt. Der »Sachse« versucht's offenbar mit allen Parteien. Den lassen wir fahren. Als Regenwurm am Angelhaken woll'n wir ihn jetzt geschwind noch einmal brauchen. Dabei kann er verschluckt werden; uns aber verhilft er vielleicht noch einmal zu einem Zusammenlauf, und aus dem Zusammenlauf entsteht vielleicht das Weitere. Was vor der Stallburg mißglückt ist, das glückt vielleicht am Schottenthor.

Hamm fragte ängstlich, was er damit meine, und bereute gleich darauf, daß er die Frage gethan; denn er hatte gleichzeitig bemerkt, daß Herr Norbert hinter ihnen herkam. Nun wollte der Alte hastig weiter, um vom Pater neben dem anrüchigen Raschmacher nicht erkannt zu werden; aber die Kräfte reichten kaum zu, und der Raschmacher hatte auch keine Lust, seiner Auseinandersetzung den Athem zu entziehen durch hastiges Laufen. Er faßte im Gegentheil den alten Mann unter den Arm – ein sehr unangenehmes Zeichen der Vertraulichkeit in diesem Augenblicke – und erklärte ihm mit seiner scharfen Stimme den Zusammenhang.

Auf dem Rückwege vom Stubenthore war er am »Winter«-Gasthause vorbeigegangen, um etwaige Salzknechte und ähnliche handfeste Bursche, die dort zum Frühstück eingekehrt wären, mitzunehmen nach der Stallburg hinauf, doch dort im »Winter« hatte er Niemand gefunden, als den alten Jobst. Dieser hatte den Rath Gangelberger, den Herrn von Mitzlau und einen Trabantenhauptmann den Kohlenmarkt herabgehen sehen. In der Meinung, Herr von Mitzlau werde als Gefangener abgeführt, war er flugs hinter der Gruppe hergegangen, um etwas zu erhorchen. Beim Unterthor sei er ihnen vorausgeschritten, voraussetzend ihr Weg ginge zur Schranne; und dies sei so gut gelungen, daß er immer nur einige Schritte vor ihnen, wie ein harmloser Mann seines Weges gegangen sei, und ihre Gespräche fast ganz gehört habe. Im Landskrongassel sei er ins »Winter«-Gasthaus getreten, während jene Drei an der Schranne stehen geblieben und die Glocke gezogen hätten. Im Fenster des Wirthshauses habe er weiter zugeschaut und gehorcht, kurz er habe im Wesentlichen Folgendes zusammengebracht: Der sächsische Junker, den Waldstein mit sich genommen, stecke jetzt gewiß in den »drei Hacken«. Von dort werde er durch's Schottenthor nach Hernals entkommen sein. Am Schottenthor müßten Leute aufgestellt werden, die ihn fangen könnten. Die Schwierigkeit sei nur, diesen Leuten Jemand mitzugeben, welcher den Junker persönlich kenne, um ihn den Häschern zu bezeichnen. Gangelberger aber habe gesagt, daß er weder Zeit noch Beruf zu so untergeordnetem Dienst habe, und Herr von Mitzlau habe stolz erklärt, sein Beruf sei das auch nicht. Da sei denn der alte Pudel aus der Schranne bestimmt worden, versteckt am Schottenthore aufgestellt zu werden und den Häschern das Signal zu geben.

– Und dies wird soeben ins Werk gerichtet, fuhr Urban fort, zu unserm eigenen Vortheil. Jobst ruft zusammen, was er von unseren Leuten findet, und ich desgleichen. Der lange Esel denkt, es geschieht, um den Junker zu befreien; ich aber denke, den Junker kann dabei der Teufel holen, wenn wir nur den Aufruhr wieder in Trab bringen.

– Still, um Gotteswillen! der Pater Norbert ist dicht hinter uns! stöhnte Hamm, der unter triefendem Angstschweiß den Schritt des Paters näher und näher gehört hatte, und dabei machte er sich gewaltsam los vom Raschmacher und schlüpfte in die zunächst offene Hausthür, sorgfältig vermeidend, sich umzusehen, damit der Pater sein Gesicht nicht anschauen könne.

Urban blieb überrascht stehen, und sah wirklich das vornehme Antlitz Norberts neben sich.

Urban grinste ihm höchst unwirsch entgegen, und murmelte zwischen den Zähnen: Vornehmer Pfaff! rasch in sich überlegend, ob es nicht gerathen sei, diese verhaßte Ordenstracht auf der Stelle anzupacken. Solchergestalt wäre ja der zu entzündende Aufruhr mit dem günstigsten Brennstoffe versehen.

Norbert dagegen war mit seinen Gedanken ganz wo anders. Im Harrach'schen Hause war gestern Abend zum ersten Male die Frauenschönheit in sein Herz gefallen; die Jugend machte zum ersten Male ihr ganzes Recht geltend, und Papst Gregor VII., welcher die Priester-Ehe verboten hatte, beschäftigte den Kopf dieses geistlichen Cavaliers. Sein Auge ruhte nur ganz zerstreut auf dem Raschmacher, und sein Ohr hörte kaum den herausfordernden Titel, welchen ihm Urban beilegte. Er schritt weiter. Nach dem Harrach'schen Hause wollte er. Ob sie heute wiederkäme, ob er sich dreist hinauswagen solle in das Ketzernest Hernals – dies und Aehnliches als unklare Frage trieb ihn.

Der Raschmacher folgte ihm auf dem Fuße. Hier in der Herrengasse war's zu still für eine Scene, wie er sie wünschte. Draußen auf der Freiung waren vielleicht schon Glaubensgenossen zu finden, die bereits auf dem Wege nach dem Schottenthore sein konnten, um die Gelegenheit eines Ausbruchs beim Schopfe zu fassen. So ging er denn wie das grimmige Unglück hinter dem träumenden Norbert her in das Strauchgassel hinein, welches nach der Freiung hinüberführte.

Sie kamen just auf den Platz, als Waldstein den Junker ins Harrach'sche Haus geleitete. Urban sah es, und seine Hand ballte sich gegen den trügerischen Junker, für welchen er erst vor einigen Stunden auf dem luftigen Balken sein Leben ausgesetzt. Aber da er außer dem Bart-Conrad nur den Diener des Junkers auf dem Platze erblickte, so wurde er zweifelhaft, ob der Scandal mit dem Jesuiten schon zu wagen sei.

So kam es, daß Norbert ohne weitere Behelligung dem Waldstein folgen und ins Harrach'sche Haus eintreten konnte. Eine Grimasse und einen höhnischen Ruf Conrads, welcher ebenfalls den jungen Jesuiten-Cavalier nicht ohne ärgerlichen Ausbruch vorüberlassen mochte, bemerkte er nicht oder wollte er nicht bemerken.

Conrads Aufmerksamkeit wurde übrigens sogleich von ihm abgelenkt durch eine curiose Figur, welche durch den engen »Heidenschuß« herabschwankte. Die Morgensonne tanzte wie schäkernd auf dem burlesken Patron, welchen Conrad auf der Stelle erkannte und mit einem Jubelschrei begrüßte. Es war Niemand anders als Pudel, der auf den Wachtposten am Schottenthore zusteuerte.

Ehe er herankam, hatte der Raschmacher Conrad unterrichtet, um was es sich handle, und nun gab es kein Mittel, die ausgelassene Natur Conrads abzuhalten von dem vielversprechenden Schabernak, der sich darbot. Auch Vater Hamm, welcher jetzt langsam herbeigekommen, vermochte nichts über ihn. Geradezu jauchzend ging er dem Opfer seiner Laune entgegen. Und dieses Opfer, Pudel senior, bot wirklich alle Blößen dar, welche ein Spaßvogel wünschen konnte. Er glich vollständig einem Uhu, den man ans Tageslicht schleppt, um alles mögliche Geflügel herbeizulocken. Wie den Uhu blendete ihn die Sonne, welche niemals in sein Erdgeschoß des Landskrongassels drang, und die Sorge um den Hausdienst in der Schranne stimmte ihn auch nicht behaglicher. Dieser Hausdienst war dem Natzi aufgegeben worden. Gangelberger hatte gesagt: wenn der Bursch immer dafür ausgegeben würde, ein brauchbarer Thürhüter zu sein, so könne er's jetzt beweisen. Pudel war durchdrungen davon, daß Natzi nichts beweisen würde, als eine außerordentliche Dummheit; aber er konnte doch allenfalls hoffen, es werde sich am frühen Morgen wenig Gelegenheit darbieten zu solchem Beweise. Unter diesem schwachen Troste war er aufgebrochen, und seine trüben Ahnungen dünkten ihm nur zu gerechtfertigt, als er den heillosen Bart-Conrad auf seinem Wege erblickte.

Die Geistesgegenwart verließ ihn jedoch keineswegs; er war eben ein alter Praktiker, und als solcher übersah er schnell die Vortheile und Nachtheile des Schlachtfeldes. Er wußte, daß seine Hilfstruppen zur Festnehmung des fremden Junkers von der Thorwache des Rothen Thurmes, also durch den »Tiefen Graben«, heraufkommen sollten. Damit sie nun womöglich den Blicken Conrads und Urbans, die ihm jetzt entgegenschritten, entzogen würden, machte er einen plötzlichen Rückzug in dem engen Heidenschußgäßchen aufwärts nach dem »Hof« hinauf. Dieser Rückzug ging allerdings langsam von statten und sah einer schmählichen Flucht ähnlich, da er Conrad den reichlichsten Anlaß bot zu schnöden Ausdrücken, aber – und dies war für den abgebrühten Praktiker die Hauptsache – er führte zum Ziele. Während dieses Rückzuges nämlich marschirte wirklich ein Piket der Stadtguardia, ungesehen von den beiden Angreifern, unten über die Freiung vorüber und in die Schottengasse hinein. Pudel wußte, daß sie sich dort zur Rechten am Thore ins letzte Haus einlegen würden, und sobald sie seinem weitsichtigen Auge entschwanden, unterbrach er seinen Rückzug und hielt plötzlich Stand. Seine bisher blöde dreinschauenden Kalbsaugen wurden fest und starr, seine durch Conrads Zudringlichkeit rückwärts geschobene Kappe wurde festgerückt, sein immerwährendes »Bitte, bitte!« in ein bestimmtes »Basta!« verwandelt, und er marschirte plötzlich wieder stramm vorwärts, durch den »Heidenschuß« hinab und über die Freiung in die Schottengasse hinein.

Dort befand sich wie heute im letzten Hause links ein beliebtes Gasthaus. In dies schritt er hinein, und dort setzte er sich ans offene Fenster, von wo aus er – der Verabredung gemäß – der gegenüber versteckten Stadtguardia das Signal geben konnte, sobald der sächsische Junker vorbeipassirte. Das Alles that er übrigens schweigsam, trotz aller Herausforderung Conrads, ganz wie ein Mann höherer Pflicht, welcher jegliches Wetter auf sein Haupt herabfahren läßt und unerschüttert seinem Ziele zuschreitet. Nur als er saß, und Conrad auch das herbeigebrachte Frühstück antasten wollte, übermannte ihn die Leidenschaft, und er rief mit dem empörten Stolze einer Standesperson: der Krug gehe so lange zum Wasser, bis der Henkel breche, und die Geduld auch eines »gebülldeten Mannes« könne ein Ende nehmen mit Schrecken.

Unterdeß war Waldstein sammt dem Junker Hans trotz der frühen Tageszeit von Isabella Harrach empfangen worden. Sie war wirklich eine Frühaufsteherin. Wenn man die Menschen eintheilt in rothe und weiße Menschen, so gehörte sie zu den rothen, bei denen eine durchsichtige, rosige Hautfarbe, ein leichtes Circuliren des Blutes, eine freundliche Stimmung, ein frühes Zubettgehen und frühes Aufstehen zu finden sind, während die weißen Menschen zu gelblicher Färbung neigend, eine ungleiche Stimmung, ein vorherrschendes Nervenleben, und demgemäß eine Neigung haben, in die Nacht hinein zu wachen. Morgen-Menschen und Abend-Menschen; Waldstein gehörte zu diesen, seine Braut zu jenen. Und jetzt war Isabella doppelt angenehm erregt, da sie die Bitte ihrer Freundin Ludmilla so rasch erfüllt und den gefangenen Junker befreit sah. Sie trat also im weißen Morgenkleide den beiden Männern sehr heiter entgegen und bot ihrem Bräutigam mit liebenswürdiger Dankbarkeit die Hand.

Es lag ein Schmelz des Liebreizes über der vollen, schönen Gestalt, der einen anmuthigen, ruhigen Eindruck ausübte: den Eindruck einer milden, liebenswürdigen Weiblichkeit. Das lichtbraune Haar, der feine Mund, das blaue Auge, welches so wohlwollend blickte, die weiche Stimme, Alles das trat dem Junker wie eine Harmonie entgegen, welche beglückt, ohne zu berauschen. Er athmete tief auf, als ob er seit langer Zeit zum ersten Male in reine Luft träte; und als ihn Isabella mit seinem Danke an ihre Freundin, an Ludmilla von Loß verwies, welche Alles in Bewegung gesetzt habe ihn zu befreien, da war ihm zu Muthe wie einem Seligen. Also Ludmilla selbst hatte für ihn gehandelt! Ihr zündender Blick, den seine Seele in diesem Augenblicke empfand wie einen elektrischen Funken, trieb ihm das Blut in die Wangen, und Isabella Harrach sah deutlich vor sich, was sie bei Ludmillas leidenschaftlicher Theilnahme geahnt: daß zwischen den beiden jungen Leuten die Liebe walte mit all jener Spannung einer kräftig entspringenden Leidenschaft.

Isabella blickte dem glühenden Junker lang und fest in die Augen. Wollte sie ergründen, ob er treu und fest, und geeignet sei, die Freundin zu beglücken? Oder lag nicht vielleicht noch ein Nebengedanke in diesem fragenden Blicke? Wenigstens schweifte er eine kurze Zeit wie unsicher hinüber zu ihrem Bräutigam Waldstein, welcher dem eintretenden Norbert entgegenging. Dann senkte sich dieser Blick und trat gleichsam in das Innere zurück, in das Innere einer Mädchenbrust, welche nicht zu seufzen und nicht zu hoffen wagt.

Isabella ging langsam nach der andern Seite des großen Gemachs, um sich dort niederzulassen. Junker Hans folgte ihr und setzte sich, leise dazu aufgefordert, ihr gegenüber. Sie schien plötzlich nachdenkend geworden zu sein. Einsilbig fragte sie nach seinen Lebensschicksalen. Sie wollte hören, um nicht sprechen zu müssen.

Allmälig belebte sich denn auch wieder ihre Theilnahme; das gute Herz konnte sein Mitgefühl nicht lange versagen, und als Junker Hans mit seiner Erzählung in Prag angekommen war, fragte sie lebhaft, wie und wo er Ludmilla kennen gelernt habe. Er gab Auskunft, und vertiefte sich in die Schilderung, wie er den trefflichen Freiherrn von Loß, welchem er empfohlen worden, zwischen seinen beiden Töchtern angetroffen. An einem Sommermorgen sei es gewesen, in einem großen Zimmer seines Palastes auf der Kleinseite; durch die offenen Fenster habe man auf die Moldau hinabgeschaut, welche in der Sonne golden geschimmert –

– Und Ludmilla war heiter und lustig, daß Euch das Leben frisch und blühend entgegensprang, nicht wahr?

– Ja, so war sie.

– Möge das kühne Wesen, das ihr die Natur verliehen, zum Glücke ihres Lebens gedeihen! Ich kann mich nicht immer der Besorgniß entschlagen, daß ihr der Uebermuth einmal das Werthvollste verscherzen könne. Gebt Ihr mir Unrecht?

Ehe Hans antworten konnte, ward die Thür aufgerissen, und man hörte Ludmillas Stimme. Sie trat hastig ein und flog auf Isabella und den Junker Hans zu. Reizend und bezaubernd war die Erscheinung. Das leichte Gewand flog um die jugendlichen Glieder, das lockige Haar um das schöne Mädchenantlitz. Sie sprach nichts als: »Dank! Dank!« und umarmte Isabella mit fast leidenschaftlichem Ungestüm. Ein ruhiger Beobachter mochte denken, die Umarmung gelte nur zur Hälfte der Freundin, und nur die Schicklichkeit bringe sie ihr ganz. Thränen der Freude glänzten in den Augen des schönen Mädchens, und mit einem Ausdrucke des Glücks, welcher tief rührend war, reichte sie dem Junker Hans ihre Hand, und sprach fast athemlos und fast schüchtern:

– Ich freue mich herzlich, Euch in Freiheit und – Euch wiederzusehen.

Hans küßte ihre Hand und fühlte sich unbeschreiblich glücklich.

Isabella empfand, daß sie diese Begegnung nur stören könne. Mit einem Blicke, der Theilnahme und stillen Schmerz in sich barg, ging sie langsam hinüber zu den beiden Männern, nicht ahnend, daß diese Männer – Waldstein wie Norbert – nicht minder starke Eindrücke von dieser Scene empfingen. Waldstein's scharfes Auge erkannte den »stillen Schmerz« im Blicke seiner Braut, und Norbert war vom Blitze der Eifersucht getroffen, daß ihm die Sehkraft des Auges versagte. Hans verlor in diesem Augenblicke den unbefangenen Antheil eines so mächtigen Mannes wie Waldstein, und zog sich den aufkeimenden Haß Norberts zu, welcher bis jetzt leidenschaftslos einem eigenthümlichen und nur vom Verstande eingegebenen Berufe gelebt hatte. Der junge Cavalier hatte bisher jenem weiten Zwecke seine persönlichen Wünsche untergeordnet, weil diese Wünsche unklar gewesen waren. Der Ehrgeiz etwa hatte sich noch am stärksten gemeldet, und hatte in den großen Aufgaben eine hinreichende Befriedigung gefunden. Jetzt war der Funke einer Liebesneigung zum ersten Male eingedrungen in dies bis dahin trocken verharrende Gemüth, und er bewies mit rasender Schnelligkeit, daß die Liebesneigung die mächtigste Regung in jedem Menschen sei.

Hans und Ludmilla ahnten nichts von alledem. Sie hatten sich neben einander gesetzt, und fragten und erzählten sich gegenseitig in fliegenden Worten alles das, was ihnen seit der Trennung in Prag begegnet war. Darein mischte sich kein Wort von gegenseitiger Liebe. Sie war offenbar vorhanden, aber weder er noch sie hatten den Muth oder auch nur das Bedürfniß, sie beim Namen zu nennen. Volle Theilnahme am Schicksale des Andern ersetzte sie.

– Und der Vater kommt heute mit der kleinen Marie! rief sie in die Hände klatschend. Wie wird er sich freuen über Euch und Eure Erlösung! Wir wollen gleich hinaus, nicht wahr?

– Auf der Stelle.

– Oheim Jörger's Wagen hat mich hierhergebracht und wartet unten. Fahren wir, was die Pferde laufen können, aus der garstigen Stadt hinweg.

– Was die Pferde laufen können, mein liebes Fräulein – nur bedanken wollen wir uns noch beim Grafen Waldstein und seiner Braut.

– Ja, das wollen wir! Und damit stand sie lebhaft auf, blieb aber sogleich vor ihm, der ebenfalls aufgestanden, lächelnd stehen.

– Was giebt es zu lächeln? fragte Hans.

– Ich freue mich Eures martialischen Anblicks. Die Frühjahrssonne hat Euch gebräunt, und der Bart ist größer geworden. Wie kommt Ihr denn zu der spanischen Hemdkrause, die ich nie an Euch gesehen?

– Der Kammerdiener Waldstein's hat mir frische Wäsche aufgenöthigt –

– Aber Junker, wer wird sich fremde Leibwäsche aufnöthigen lassen!?

– Wer aus dem Gefängnisse kommt, dessen eigene unsauber geworden und dessen Mantelsack nicht zur Hand ist.

– Wenn auch!

– Und wenn es vorkommt, daß die neue Leibwäsche noch von Niemand getragen worden ist.

– Wenn auch! Eure sächsische Sauberkeit greift gar zu gern nach Allem, was nur frisch gewaschen. Dies spanische Gekraus kleidet Euch gar nicht. Euer Kopf, Eure Miene ist so gewiß einfach und – ehrlich. Ihr braucht einen glatten Kragen. Diese Halskrause verwirrt mir das Bild Eures Charakters. Die müßt Ihr gleich ablegen.

– Gleich?

– Silbenstecher! Sogleich.

– Dann muß der Tartsch ins Wirthshaus hinübergeschickt werden, um meinen Mantelsack zu holen –

– Freilich! Ich fürchte, meine Erziehung hat noch immer nicht viel gefruchtet bei Euch; Ihr gebt noch immer nicht genug auf die zierliche äußere Erscheinung –

– Nicht so viel wie eine Dame.

– Das ist's eben. Der Mann muß das auch an sich ins Werk setzen, was ihm an uns gefällt –

– Und den Sinn eines Frauenzimmers an sich bethätigen –

– Nein, den Sinn eines geschmackvollen Mannes. Ihr habt noch immer die schönste Lust, darin zu widersprechen, worin Ihr mir folgen, worin Ihr Euch ergänzen sollt!

– Ich widerspreche ja nicht; ich frage und bemerke blos.

– Ich kenn' Euch schon, und kenne auch den abschmeckenden Zug da um Euren Mund, wenn solche Dinge zur Sprache kommen. Das sind Nichtigkeiten! sagt der Zug. Und ich widerspreche nur nicht, sagt er, weil's nicht der Mühe lohnt.

– 's ist ein abscheulicher Zug!

– Das ist er.

– Wenn ich ihm nur beikommen könnte ohne Spiegel; man weiß ja nicht immer gleich, was auf unserm Gesichte vorgeht.

– Man hört's aber von einer aufmerksamen Freundin!

– Und hört es aufmerksam.

– Und ändert's doch nicht! Der spöttische Zug ist noch immer da – er soll fort, fort, fort!

– Ist er jetzt fort?

– Ja – aber nun seht Ihr sauertöpfisch aus.

– Mein armes Gesicht! Aber es paßt vielleicht zu der Bemerkung, daß wir wol nicht länger so abgesondert bleiben dürfen von unseren Wirthen, denen wir –

– Ah, das Alleinsein mit mir wird Euch schon lästig?

– Aber, mein liebes Fräulein –

– Gut, gut, machen wir ein End'! Vorwärts, vorwärts! Oder dünkt's Euch vielleicht auch unschicklich, daß Ihr mit mir allein hinausfahren sollt?!

– Ludmilla!

– Genug, genug! Wir wollen uns erst unterwegs zanken. Uebrigens habt Ihr Recht; gehen wir! – Hab' ich Euch schon wieder verstimmt?

– O nein.

– Wirklich nicht? – Seid Ihr gut?

– Ich bin's.

– Ganz gut?

– Ganz gut.

Der Abschied war kurz. Ludmilla umarmte ihre Freundin, dankte mit wirklich graziöser Liebenswürdigkeit im Namen ihres Oheims und ihres Vaters dem Grafen Waldstein für die Freundlichkeit, welche er einem Schützlinge der Ihrigen habe angedeihen lassen, und verbeugte sich höflich vor dem Pater Norbert, dessen Augen die schöne Mädchengestalt verschlangen. Ludmilla schien etwas von der Bewegung zu bemerken, welche aus dem Antlitze des jungen Jesuiten sprühte. Eine leichte Röthe flog über ihr Antlitz, und sie ergriff mit einer gewissen Hast den Arm Isabellas, welche die Freundin hinausgeleiten wollte.

Junker Hans dankte Waldstein ebenfalls, und nahm keine Notiz von Norbert, der ihn düster betrachtete. Waldstein verhielt sich kühl, unterließ aber doch nicht, den Junker mit kurzen, trockenen Worten an dessen Versprechen »binnen drei Tagen« zu erinnern.

Hans empfand die Herbheit des Ausdrucks, und da er nicht wußte, was das zu bedeuten habe, so schritt er gedankenvoll auf den Vorsaal hinaus, wo Ludmilla und Isabella an der Treppe Abschied nahmen. Letztere versprach, baldigst hinauszukommen nach Hernals, und sich nach Hans umwendend, setzte sie mit fast stockender Stimme hinzu:

– Dem Junker rathe ich, die Stadt Wien in nächster Zeit sorgfältig zu meiden. Eure Feinde sind mächtig und – zahlreich!

Hans verbeugte sich und sprach einige Worte des Dankes, die einfach und schlicht waren, aber sehr ehrlich und aufrichtig klangen. Sie machten einen sichtlichen Eindruck auf Isabella.

– Nicht wahr, 's ist ein guter Bursch, unser verfolgter Fremdling? rief Ludmilla.

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern flog die Treppe hinunter. Hans folgte ihr, und Isabella ging langsam ins Zimmer zurück, an dessen offener Thüre ihr Bräutigam und der Jesuit sie erwarteten. Beide hatten von dort dem Abschiede zugesehen und – zugehört.

Unten am Hausthore wartete Tartsch seines Herrn, und hörte nicht ohne Verdrießlichkeit den Auftrag an, daß er sogleich nach dem »Löwen« gehen und Pferde wie Mantelsäcke nach Hernals hinaus bringen solle aufs Schloß.

Er schlug vor, die Herrschaft nur bis vors Thor zu geleiten und dann erst zurückzukehren nach dem »Löwen«.

– Warum das?

– Ich trau da oben – er zeigte nach dem Schottenthore hin – dem Landfrieden nicht. Es hat sich in der letzten Viertelstunde allerlei Volk dahingezogen; ich wollte, Herr Junker, setzte er leiser hinzu, Ihr wärt erst glücklich hinaus. Denn auch unsere bisherigen Freunde, der Conrad und der Raschmacher, sind auf einmal –

– Aufsteigen, aufsteigen, Herr Junker! Die Pferde werden unruhig, und ich will Euch selber fahren! rief Ludmilla, welche wie ein Vogel auf den offenen, kleinen Wagen gesprungen war und dem nach rückwärts verwiesenen Kutscher die Zügel abgenommen hatte.

Hans folgte ohne Verzug ihrem Rufe, weil er ihrer leichten Hand allein die lebhaften Pferde nicht anvertraut sehen mochte, und Tartsch blieb ohne weitere Berücksichtigung.

Und doch wäre dieselbe gar sehr am Ort gewesen, denn am Schottenthore war alles Mögliche geschehen, dem Junker den Austritt aus der ihm so gefährlichen Stadt zu verlegen.

Nicht Pudel und die Stadtguardia waren so gefährlich, auch Conrad nicht und Urban, welche allerdings nicht mehr günstig zu sprechen waren auf den Junker, und ihn ganz gern als Veranlassung eines Tumultes geopfert hätten, seit er sich als ein Schooßkind katholischer Cavaliere offenbart hatte – wol aber die »rothe Feder«, welche ein wenig später erst durch Gangelberger zur Commandoführung auf den Schauplatz des Hinterhalts geschickt worden war. Gangelberger hatte diesen durchtriebenen Friauler scharf vorgenommen in Sachen des räthselhaften alten Ungars, und hatte ihm die ehrenrührigsten Dinge darüber gesagt, daß solch eine Figur, solch ein Conventikel auf der Seilerstatt, solch ein freches Eindringen in die Burg selbst seiner Wachsamkeit hatte entgehen können. Einen »Dummkopf« hatte er ihn genannt, und sogar von Absetzung und Entlassung gesprochen. Die »rothe Feder« war also zu großer Anstrengung entschlossen. Der sächsische Junker schien ihm der Schlüssel für den Aufenthalt jenes alten Ungars, und er wollte Alles daransetzen, seiner wieder habhaft zu werden. Nur eine heimliche Furcht belästigte ihn. Es war die Furcht vor dem Bart-Conrad. Seit dem Wurfe aus dem Fenster im »Löwen« schüttelte ihn eine Ahnung, daß von diesem brutalen Oberösterreicher einmal die blanke Vernichtung auf ihn fallen könne. Auf dem Wege zum Schottenthor hatte er sich deshalb erst versichern wollen, ob der Bart-Conrad nicht anderswo untergebracht sei. Er hatte vor einiger Zeit Wind bekommen, daß Conrad öfters des Nachts in der Nähe des »Kegels« spurlos verschwinde. Er müsse dort eine Liebschaft haben, die ihn beherberge. Vielleicht, hoffte die »Feder«, ist er nach der wüsten Nacht dort eingekehrt und schlummert dort. Für alle Fälle wollte er dort recognosciren, da der »Kegel« auf seinem Wege zum Schottenthore lag. Es war und ist dieser »Kegel« das höchst gelegene Haus auf der Schottenbastei. Oestlich unter ihm breiteten sich die Gebäude des Arsenals bis zum kleinen Hafen im Wallgraben, wo dieser in den Canal mündete. Medardo hatte als officieller Mann allenfalls Zutritt im Arsenal, und schritt denn vom Salzgries neben dem Tiefen Graben vorüber tapfer in das Arsenal hinein. Wenn er den Commandanten, den alten Santhelier, bei guter Laune traf, so ließ ihm dieser wol das Pförtchen öffnen, welches an der Westseite hinaufführte auf die Bastei, gerade da, wo der Hügel anstieß, welchen der »Kegel« krönte, an welchem vorüber ein enges Gäßchen zum Schottenthor führte, – dasselbe Gäßchen, dazumal »Basteigäßl«, jetzt »Schottenbergl« genannt, welches damals Tartsch und Conrad betreten hatten, und wo Conrad eine zeitlang verschwunden war. Das Gäßchen war von ärmlichen Wohnungen bedeckt, und in mehreren derselben hatten leichte Frauenspersonen ihre Zufluchtsstätte. Dort vermuthete die »Feder« ihren gefürchteten Gegner, und dies Häuschen im Vorübergehen zu ermitteln und, wenn dies gelänge, es unmittelbar nach beendigter Affaire am Schottenthore kurzweg mit den Stadtguardisten zu besetzen, um den frechen Widersacher ein für alle Mal festzunehmen – das war das Endziel des Recognoscirungsplanes.

Das Glück schien ihn zu begünstigen. Der alte Commandant saß in der Morgensonne mitten im Hofe, und schaute aufmerksam den Arbeiten seiner Leute zu, welche Kanonen putzten. Er war ein knochiger Mann von mittlerer Größe mit schneeweißem Haar und schneeweißem Kinn- und Knebelbarte. Scharfe graue Augen stachen unter dicken, eisgrauen Brauen hervor, und musterten die »rothe Feder«, welche er als spionartigen Agenten ganz wohl kannte und nicht eben mochte. Er stammte aus den spanischen Niederlanden, welche in damaliger Zeit und noch anderthalb Jahrhunderte lang dem Hause Oesterreich eine außerordentliche Anzahl begabter und tüchtiger Diener geliefert haben. Die wallonischen Kriegsleute, Tilly an der Spitze, welcher dem Kaiser zwar nicht unmittelbar diente, aber doch als Feldherr der Liga der kaiserlichen Sache ein kostbarer Feldhauptmann war, Boucquoi und Dampierre, welche jetzt eben die schwachen kaiserlichen Truppen im Budweiser Kreise zusammenzogen, sie sind allgemein bekannt. Auch im Civildienste zeichneten sich die Männer jener Landschaften, welche das heutige Belgien bilden, sehr vortheilhaft aus durch Anstelligkeit und Tüchtigkeit, und aus diesem festen Holze war denn auch dieser alte Santhelier (vielleicht aus St. Hilaire verdeutscht, wie die Oesterreicher von jeher fremde Laute einfach zu germanisiren pflegen), welcher ziemlich unbeachtet da unten am Wasser in seinem Arsenale saß, dem Herrscher oben in der Burg ein treu gewärtiger, entschlossener Mann, unwandelbar im Glauben seiner katholischen Väter, welche die Prüfungszeit religiöser Streitigkeiten längst durchgemacht hatten im niederländischen Kriege.

Der alte Commandant hörte schweigend das Begehren der »rothen Feder« an, und winkte nach kurzer Ueberlegung einem lahmen Invaliden, daß er den Schlüssel hole und das Pförtchen öffne. Dieser Invalide, Namens Brémont, war der »Feder« sehr erwünscht. Dies Lütticher Kind hatte bis in seine alten Tage eine unverlöschliche Neigung für die »Weibsen«, und war sicherlich genau unterrichtet über die lustigen Dirnen im Kegelgäßchen. Und darin hatte sich die »Feder« nicht geirrt. Der lüsterne Brémont schilderte ihm schnalzend alle die lustigen Vögel da oben, während sie durch die Höfe des Arsenals zum Pförtchen schritten. Auch den Conrad kannte er, – aber, setzte er stehen bleibend hinzu, seine Schöne ist keine solche Schöne, wie die Anderen. Es ist die sauberste im ganzen Viertel, das ist wahr; aber trübselig ist sie, läßt Niemand an sich heran, hat sogar mir einmal eine Maulschelle – angeboten, als ich – kurzum, die gehört eigentlich nicht hieher. Dort, seht Ihr – fuhr er fort, nachdem er das Pförtchen geöffnet – dort in dem braunen Häuschen wohnt sie, dort wo die Hoflivrée just eintritt –

– Eine Hoflivrée, hier?!

– Ja, ich habe den alten Knaben schon öfter hier gesehen. Weiß nicht, was er da sucht. Er ist von der Burg selber.

Diese Hoflivrée war der alte Hamm, welcher seine Tochter besuchte. Bei der letzten Wendung in die Hausthür wurde er von der »rothen Feder« erkannt.

– Was hat das zu bedeuten? sagte die »Feder« vor sich hin, und blieb stehen.

– Der Conrad ist übrigens nicht d'rin, sagte der alte Brémont.

– Woher wollt Ihr das wissen?

– Weil die Hausthür angelweit offen steht. Die schließt er immer fest zu, wenn er dableibt.

– So? – Ich danke schön, Papa. Auf Wiedersehen!

– Abends müßt Ihr uns hier besuchen, da ist's unterhaltender beim »Kegel«, sagte Brémont noch faunisch lächelnd, und trat, die Pforte verschließend, zurück.

Die »rothe Feder« stieg den steilen Hügel zum Kegelgäßchen hinauf, blieb eine Weile an der Thür des braunen Häuschens horchend stehen, und schritt dann langsam das steil nach dem Schottenthore abfallende Gäßchen hinab. Es war nichts zu hören gewesen als ein lustiges Kindergeschrei. – Unten in der Schottengasse ankommend, sah er durch das offene Fenster des Wirthshauses den unglücklichen Pudel unter den Händen seiner Widersacher. Sie hatten ihn vom Fenster hinweggenöthigt, und zupften und zerrten ihn im Zimmer umher. Unter diesen Widersachern war aber auch auf den ersten Blick der Bart-Conrad bemerklich, eine Entdeckung, welche die »rothe Feder« lebhaft traf. Halb Schreck, halb Schadenfreude stieg in der »Feder« auf. Ein furchtbarer Gegner allerdings bei dem wahrscheinlichen Handgemenge, aber auch die Gelegenheit, seiner habhaft zu werden! Acht Gardisten waren ja doch bereit; sollte es denn nicht gelingen können, den Conrad sammt dem Junker festzunehmen? Und wenn es gelänge, den Transport nicht durch die Hauptstraßen der Stadt, sondern das Kegelgäßchen hinauf ins Arsenal hinunter, ja! – Dies überlegend wollte die »Feder« soeben in das Haus zu den Gardisten schlüpfen, um diese zu instruiren, da hörte sie einen Wagen, in rasselnder Eile von der Freiung her in die Schottengasse kommen, und erkannte mit geübtem Auge den erwarteten Junker neben der rosselenkenden Dame. –

Mit einem Satze sprang nun Medardo, seiner rothen Feder alle Ehre machend, in den Hausflur, welcher die Gardisten barg, rief sie mit schneidender Stimme »heraus!« und war ganz mit der Leichtigkeit einer Schwungfeder auch sogleich wieder vor der Hausthür, nach dem Thor hinüberrufend: der Wachtposten solle auf der Stelle das Fallgatter herunterlassen.

Diese Maßregeln wirkten aber nur halb. Die Gardisten stürzten auf die Straße heraus, aber der Wachtposten im Thor befand sich augenblicklich nicht vorn auf der Stadtseite, sondern war in seiner Promenade eben nach der Außenseite des Thores begriffen, und hatte den Zuruf Medardos nicht gehört. Wol aber hatte man ihn im Wirthshaus gegenüber gehört, und der Bart-Conrad war augenblicklich am Fenster. Medardo, ein strategisch gebildeter Mann, war keinen Augenblick im Zweifel, daß die Verrammlung des Thores das entscheidende Hilfsmittel sei, um den gegen Erwartung zu Wagen ankommenden Junker zu fassen. Er zeigte also den Gardisten nur eiligst den herbeirasselnden Wagen mit den Worten: das ist er! und flog ins Thor hinüber, um den Wachtposten zu rufen, damit das Fallgatter herabgelassen, oder das Thor selbst zugeschlagen werde.

Conrad, ein nicht minder kundiger Gesell für jeden Handstreich, erkannte im Nu, was vorgehen solle, und war mit einem Satze aus dem Fenster. Der alte Groll gegen die »rothe Feder« Medardo schlug wie eine Lohe auf, und erwies sich viel stärker als das junge Mißtrauen gegen den Junker Hans.

Den zweideutigen Junker mögen sie kriegen oder nicht, dachte Conrad in der Geschwindigkeit, den wälschen Spion kriegst aber du vor Allem, und dies denkend, war er mit ein paar Sätzen hinter ihm her ins Thor hinein und hatte ihn beim Kragen.

Die Gardisten hatten aber mittlerweile auch ihre Schuldigkeit gethan und querüber die Straße eingenommen, dem heranbrausenden Gespann ihre Piken entgegenstreckend und ein allgemeines »Halt!« zurufend, so daß die feurigen Pferde erschreckt aufbäumten und die Zügelführung Ludmillas auf die gefährlichste Probe setzten.

Hans war zunächst mehr von der Gefahr ergriffen, welche von den bäumenden und rückwärts stauenden Pferden das Gefährte und mit ihm Ludmilla bedrohte. Er zog also die Hand vom Schwerte zurück und griff nach den Zügeln. Ludmilla aber hatte sich schnell vom ersten Schreck erholt und rief: Laßt, laßt! und hastig sprach sie zu dem hinten sitzenden Kutscher: Vorwärts, Poldi, die Peitsche, die Peitsche! Der Kutscher zögerte, seine Rosse in die Piken hineinzutreiben, bis das rückwärts drängende Stauen ein Brechen oder Umwerfen des Wagens immer wahrscheinlicher machte, und daß die hitzigen Thiere dann doch durchgehen würden, schien ihm außer Zweifel. Während also Junker Hans, welchen zwei Gardisten ergreifen wollten, sein Schwert zog und die Zudringlichen mit Hieben, denen sie doch ausweichen wollten, zurücktrieb, entschloß sich Poldi zu einem »Lungenhiebe«, wie er's nannte, und erzielte auch vollständige Wirkung. Die Rosse flogen vorwärts; ein Gardist, dessen Pike ins Geschirr hineingefahren war, wurde umgeworfen, die andern prallten vor den Hufen der Thiere und dem sehr deutlichen Schwerte des Junkers auf die Seite, und das Gefährt flog in den Thorweg hinein, wo die »rothe Feder« unter den fleißigen Fäusten des Bart-Conrad am Boden stöhnte. Aufgeschaut! schrie Poldi, und Conrad hatte nicht mehr Zeit, hinreichend auf die Seite zu springen. Die Vorderhufe des Handpferdes unterstützten den verspäteten Sprung nachdrücklich; er flog wie ein Ball an die Gewölbmauer, und bekam zur Ermunterung noch einen voll zugemessenen Peitschenhieb Poldis über Kopf und Gesicht. Ueber die »rothe Feder« aber, die am Boden lag, sausten Rosse und Wagen wie eine Windsbraut hinweg – der Wachtposten am äußeren Ende des Thores trat eiligst zur Seite vor dem, wie er sich's zurechtlegte, durchgehenden Gespann, auf welchem merkwürdiger Weise ein Ritter mit dem funkelnden Schwerte stand, eine erhitzte wunderschöne Dame mit den Zügeln in der Hand saß, und ein verrückter Kutscher die ohnedies durchgehenden Pferde unaufhörlich peitschte. Höchst erstaunt sah dieser Wachtposten dem Gefährte nach, welches draußen in der Sonne wie ein Meteor dahinflog.

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