Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Schreckenbach >

Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
Schließen

Navigation:

VIII.

»Ich sage Euch, Doktor, was zuviel ist, das ist zuviel! Sehe ich auch dieses Mal hinweg über das, was mein Bruder mir angetan hat, so verliere ich bei der Armee meine Reputation! Seit dem Tage von Lützen bildet er sich ein, er sei ein großer Feldherr, hinter dem alle andern zurückstehen müssen. Eine unbrüderliche Aktion über die andere hat er wider mich unternommen, und diese letzte ist die schlimmste. Fünfzehn meiner Regimenter hat er mir entführt, den Kern meiner Truppen. Das ist ein malhonettes Stückchen! Das werde ich ihm niemals vergessen!«

So sprach Herzog Wilhelm in großer Erregung, als er mit seinem alten Lehrer, Doktor Friedrich Hortleder, im Schlosse Hornstein in Weimar allein bei einem Vespertrunke saß. Hortleder war zurzeit ein weitberühmter Mann, als Historiker und Staatsrechtslehrer gleich angesehen. Er war von Jena herübergekommen, um der Hochzeit seines vorjüngsten früheren Schülers, des Herzogs Albrecht, beizuwohnen, und nachdem die fürstlichen und adeligen Gäste abgefahren waren, hatte Herzog Wilhelm den Professor noch einen Tag länger bei sich behalten, um alle möglichen Dinge mit ihm durchzusprechen. Denn Hortleder war der Lehrer der ernestinischen Prinzen und der Ratgeber ihrer frühverstorbenen Mutter gewesen, und die Liebe und Zuneigung seiner ehemaligen Zöglinge war ihm geblieben. Alle, die noch am Leben waren, standen mit ihm in Briefwechsel, suchten seinen Rat und ließen sich von ihm die Wahrheit sagen, wie sie den hochgeborenen Fürsten und Herren sonst niemand mehr sagte.

Der Herzog war bei seinen heftig hervorgestoßenen Worten aufgesprungen und hatte das Schreiben, das ihm kurz vorher von einem Reiter gebracht worden war, erst mit der Hand zusammengeknüllt und dann auf den Tisch geworfen. Hortleder, der ruhig in seinem Lehnstuhl sitzen blieb, nahm es auf, faltete es auseinander, glättete es umständlich und las es dann langsam durch. Inzwischen rannte der Herzog mit gefurchter Stirn und geballten Fäusten im Zimmer auf und nieder.

Erst nach einer geraumen Weile legte der Gelehrte das Blatt aus der Hand und sagte, seine durchdringenden Augen fest auf das erregte Gesicht des Fürsten heftend: »Es geht klärlich aus dem Briefe hervor, daß die Hinwegführung der Truppen auf bestimmte Order des schwedischen Kanzlers geschah.«

»Die Ordre hat er sich geben lassen! Der Kanzler befiehlt alles, was mein Herr Bruder will.«

Hortleder lächelte. »Da haltet Ihr Herrn Oxenstierna für dümmer, als er ist.«

»So? Nun, nach der Schlacht bei Lützen wünscht Bernhard den Oberbefehl über das Royalheer. Er erhält ihn, mich schiebt man beiseite. Neulich schlägt er dem Kanzler vor, die Obristen mit Land abzulohnen. Es geschieht, und nun wird er zum Gott dieser Leute, ihr Halbgott war er schon immer. Er wünscht ein Herzogtum Franken, sagt, der König habe es ihm versprochen. Es wird ihm geglaubt, die Schenkung wird perfekt, in vierzehn Tagen zieht er in Würzburg als Herzog ein. Nun entführt er mir meine Truppen! Das soll kein abgekartet Spiel sein? So kindisch bin ich nicht, daß ich das glaube, und Ihr, Hortleder, Ihr seid es auch nicht!«

Er warf sich in einen Sessel, streckte die Beine weit von sich und blickte anklagend zum Himmel empor.

»Liegt nicht die Wegführung Eurer Regimenter im höchsten Interesse der Krone Schweden?« fragte Hortleder bedächtig.

»Wie meint Ihr das?«

»Da die Welt nun einmal voller Verrat und Tücke ist, lieber Herzog Wilhelm, so wird schon längst einer den Schweden hinterbracht haben, daß Ihr mit Dresden liebäugelt. Was Wunder, wenn es Euch die Regimenter wegnimmt, bevor Ihr sie von ihm wegführt.«

»Ihr wißt, Hortleder, weshalb ich zum Kurfürsten neige. Wahrlich, nur um des Friedens willen! Wir müssen den Frieden haben, sonst geht alles zugrunde. Land und Leute sind schon fast bis auf den Grund verderbt. Es kann und darf nicht so weiter gehen. Die Fremden, die Schweden, wollen den Frieden nicht. Aber der Kurfürst will ihn, wie ich ihn will, und wenn die deutschen evangelischen Fürsten sein Direktorium anerkennen, so werden wir mit ihm den Frieden vermitteln, den Kaiser und die Schweden zwingen, sich zu vertragen. Und nach diesem Tage sehnt sich mein landesväterliches Herz.«

»Euer landesväterliches Herz in Ehren, Herzog Wilhelm! Aber Eure Rechnung ist falsch. Auch wenn noch zehn kleine deutsche Fürsten dem Sachsen zufielen, ist er nicht stark genug, den Frieden zu vermitteln. Er kann sein Schwert für den Schweden oder den Kaiser in die Wagschale werfen, aber zum Frieden zwingen kann er keinen von beiden. Das könnte vielleicht der König von Frankreich, wenn er ehrlich wollte, aber nimmermehr der Kurfürst von Sachsen!«

»Ihr unterschätzt –« begann der Herzog, aber er verstummte plötzlich. Vom Hofe herauf klang Trompetengeschmetter, und Rossestritte hallten auf dem steinernen Pflaster.

»Was ist das? Reitet ein Reichsfürst ein drei Tage nach der Hochzeit?« rief Wilhelm und eilte nach dem Fenster. Auch Hortleder erhob sich neugierig von seinem Armstuhle und trat hinter ihn. Aber kaum hatten sie einen Blick in den Hof hinabgeworfen, so stießen beide einen Ruf der Überraschung aus. Erstaunt, fast bestürzt, starrte Herzog Wilhelm seinem alten Mentor ins Gesicht.

»Das ist doch – sollte man's glauben – das ist doch, bei Gott, mein Bruder Bernhard!« stammelte er.

»Ja, wahrhaftig, er ist es,« sagte Hortleder ernst, »und sein Kommen wird ohne Zweifel nicht von ungefähr sein. Er wird, so acht' ich, sich sagen, daß die Wegführung der Regimenter Euer Gemüt stark alteriert hat, und wird mit Euch reden wollen wegen der Irrungen, die zwischen Euch und ihm entstanden sind.«

Des Herzogs Antlitz lief düsterrot an, und er zerrte heftig an seinem starken Schnurrbarte. »Wäre er geblieben, wo der Pfeffer wächst!« murrte er. »Beim Himmel, er findet bei mir keine günstige Statt! Am liebsten möcht' ich ihn gar nicht sehn!«

»Das wäre unchristlich, Herzog Wilhelm, und es wäre knabenhaft,« sagte Hortleder mit der schonungslosen Wahrhaftigkeit, die ihn ebenso ehrte wie den Fürsten, dem gegenüber er sie entfalten durfte.

Der Herzog sah ihn ein paar Augenblicke wütend an, aber der Gelehrte hielt dem Blicke furchtlos Stand und fügte noch hinzu: »Ihr werdet das selber einsehen, so Ihr's Euch recht überlegt.«

Das brachte den Herzog sogleich zur Besinnung. »Ihr habt recht, Hortleder! Es war nicht überlegt, was ich sagte. Aber,« er faßte ihn am Arme, »sehet, was soll das bedeuten?«

»Ja, was soll das bedeuten?« wiederholte Hortleder und blickte ebenso wie der Fürst in den Hof hinunter.

Dort war Herzog Bernhard vom Pferde gesprungen und schüttelte zwei herbeieilenden grauhaarigen Dienern leutselig die Hand. Dann ließ er sich einen riesigen, sehr ungeschickt gewundenen Kranz von bunten Feldblumen reichen, den einer seiner Reiter vor sich auf dem Sattel trug.

»Potztausend, was soll das?« fragte Herzog Wilhelm noch einmal mit einem spöttischen Lächeln. »Will der Herr Bruder etwa die alten Schäferspiele erneuern, die wir spielten, als wir junge Leute waren? Denkt er daran, wie wir Szenen aus der Asträa aufführten und uns mit Blumen und Bändern schmückten? Die Academie des vrais amants von damals ist längst in alle Winde zerstreut, und Blumen und Bänder muten uns an wie Firlefanz und Narreteidinge!«

»Nicht alle,« erwiderte Hortleder. »Eine lebt im Schlosse, die jeden Tag an die Zeit zurückdenkt, die immer noch Clarissa ist und ihren Aristander von damals nicht vergessen hat. Das ist Euch wohl bewußt!«

»Ah!« rief Wilhelm und schlug sich gegen die Stirn. »Um ihretwillen kommt er, und ihr bringt er den Blumentand, und ich hatte wohl nicht nötig, nachzudenken, ob ich ihn sehen und sprechen will.«

»Es scheint doch nicht an dem, seht hin!«

Bernhard schritt unten, während seine Reiter von den Rossen stiegen, von den Dienern gefolgt, nach dem andern Flügel des Schlosses. Das Haupt hielt er gesenkt, zu keinem der Fenster flog sein Blick empor.

»Seht Ihr nun, wem er die Blumen bringt?« fragte Hortleder ernst. »Da drüben liegt die Gruft Eurer Eltern, und heute ist Eurer Mutter Geburtstag. Dessen hat er sich wohl unterwegs, erinnert. Sonderbar, was alles Platz hat in diesem eisengepanzerten Herzen!«

In Herzog Wilhelms Zügen arbeitete es wunderlich, und er wandte sich halb von dem Sprechenden ab. »Wird er mich wohl dazu holen lassen? Will er mich so rühren und weich machen?« murmelte er.

Hortleder schüttelte den Kopf. »Ihr meint eine larmoyante Szene am Grabe? Ach, Herzog Wilhelm, wie wenig kennt Ihr ihn! Der führt keine Szene auf! Er wird dort wohl ein kurzes Gebet verrichten, und dann, denke ich, wird er zu Euch kommen.«

»Wollt Ihr dabei zugegen sein, Hortleder? Es wäre mir nicht unlieb.«

»Nein, Herzog Wilhelm. Wenn ein Bruder mit dem andern Frieden und Versöhnung sucht, so soll kein Dritter dabeistehen, auch kein Freund. Doch lasse ich Euch etwas zurück, nämlich die Erinnerung an den Spruch, den ich Euch gelehrt habe, als Ihr ein Knabe waret: Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Haltet ihn Euch gegenwärtig!«

Er verneigte sich und ging festen Schrittes aus dem Gemache. In großer Erregung blieb der Herzog zurück. Das Verhältnis zwischen ihm und Bernhard war schon seit der letztvergangenen Weihnachtszeit kein gutes, denn der Jüngere handelte in allen Dingen auf eigene Faust, kümmerte sich in keiner Weise um die Generalleutnantschaft, die Gustav Adolf dem Ältesten der weimarischen Herzöge übertragen hatte, und fand dabei die Unterstützung des Reichskanzlers. Einmal hatte ihn Wilhelm persönlich zur Rede gestellt, ohne viel zu erreichen. Man war damals höflich kühl voneinander geschieden. Dann flogen wieder scharfe Briefe zwischen den Brüdern hin und her, der Ton ward immer gereizter, denn Bernhards Übergriffe nahmen überhand, und was ihm nun heute gemeldet worden war, die Entführung seiner Regimenter, das hatte hellen Zorn in ihm entfacht. Er war im Grunde eine friedfertige Natur, stürmische und heftige Auftritte waren ihm äußerst zuwider, und nun schien der jüngere Bruder einen solchen Auftritt geradezu herbeiführen zu wollen. Denn er mußte sich sagen, daß er den Bruder aufs tiefste gereizt und verletzt haben mußte, und daß ein Fürst und General solch eine Kränkung nicht ruhig hinnehmen konnte. Warum also erschien er jetzt persönlich? Etwa um sich zu rechtfertigen? Das sah seinem hochfahrenden Sinne nicht ähnlich.

Mehrmals war der Herzog in Versuchung, durch eine hintere Tür das Zimmer und das Schloß zu verlassen und der schlimmen Szene aus dem Wege zu gehen. Aber er verwarf den Entschluß doch jedesmal wieder, denn es hätte dann scheinen können, als habe er vor Bernhard die Flucht ergriffen.

Noch grübelte er und schwankte unschlüssig hin und her, da öffnete sich die Tür, und Bernhard trat ein. Sein Antlitz zeigte nicht die geringste Spur von irgendeiner Verlegenheit oder auch nur Befangenheit, während Wilhelm bei seinem Anblick abwechselnd errötete und erbleichte. Mit freundlicher, fast herzlicher Gebärde streckte er dem Bruder die Hand entgegen und rief: »Gott zum Gruße, Wilhelm!«

Wilhelm tat, als sähe er die ausgestreckte Rechte nicht, und blickte zur Seite. Dann fragte er mit einer Stimme, die vor unterdrückter Erregung heiser klang: »Was suchst du hier?« »Unter andern dich,« entgegnete Bernhard, während ein leises Lächeln um seinen Mund Zuckte.

Herzog Wilhelm trat an den Tisch heran, nahm das Schriftstück auf, das dort lag, und schleuderte es ihm heftig zu. »Lies das!« sagte er schroff, wandte ihm den Rücken und trommelte aufgeregt an den Fensterscheiben.

Bernhard nahm das Blatt, las flüchtig darüber hin und ließ es dann wieder auf den Tisch fallen. »Du weißt es schon? Das ist mir leid. Ich hoffte, der erste zu sein, der dir's meldete.«

»Du treibst die Insolenz weit!« rief Wilhelm wütend und drehte sich um.

»Ich will dieses Wort nicht gehört haben,« sagte Bernhard kalt, »denn ich möchte, so wahr Gott lebt, einen Bruderzwist vermeiden. Kein anderes fürstliches Haus hat so durch Uneinigkeit seiner Glieder gelitten wie das unsere. Ich wollte dir's als erster melden, weil ich der Nachricht den Stachel nehmen und dir eine Satisfaktion anbieten wollte.«

»Ich bin in Wahrheit darauf begierig,« antwortete Wilhelm eisig und drehte sich wieder dem Fenster zu.

»So wisse: Ich mußte die Regimenter nehmen, denn nahm ich sie nicht, so bekam sie Horn. Der Kanzler wollte sie dir auf alle Fälle aus den Händen nehmen.«

Herzog Wilhelm schlug wütend auf das Fensterbrett. »Der Schurke!« hörte Bernhard ihn murmeln und noch etwas Undeutliches, das klang wie: »Hol ihn der Teufel!« »Und weißt du, weshalb der Kanzler so handelt? Weil er sichere Kunde hat, feste Beweise, daß du mit dem Kurfürsten in Dresden gegen Schweden konspirierst!«

Jetzt fuhr Wilhelm herum, als hätte ihn ein giftiges Insekt gestochen, und brach los: »Konspirierst? Das sagst du mir? Ich verbitte mir solche Worte. Ich konspiriere nicht gegen Schweden, ich will von Schweden los! Ja, da ist es heraus: ich will von Schweden los! Ich will mich als deutscher Fürst nicht ducken unter die Befehle eines schwedischen Edelmannes. Bekämpfen will ich die Schweden nicht, denn sie sind unseres Glaubens. Aber ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, ich will frei von ihnen sein.«

»Und du willst also dem Kaiser dienen?«

»Auch dem nicht, denn er ist unseres Glaubens Feind. Aber der Habsburger wird mit sich handeln lassen. Eine Scheinherrschaft mag er in Gottes Namen behalten und sich weiterhin römischer Kaiser nennen!«

»Ha,« rief Bernhard, »dieser Habsburger niemals! Dem ist der Schein ganz gleichgültig, der will den Kern. Denn in seinen Augen seid und bleibt ihr verfluchte und verdammte Ketzer, auch wenn er euch jetzt aus Not und Bedrängnis den Frieden gewährt. Sobald er zu Kräften kommt, fängt er wieder an. Denn die Ausrottung der Ketzerei ist ihm Gottesdienst. Hört jetzt das Würgen und Brennen auf, so geht es in acht oder zehn Jahren wieder los.«

»Acht oder zehn Jahre sind eine lange Zeit!« rief Wilhelm. »Derweilen kann er gestorben sein.«

»Dann fährt sein Sohn da fort, wo der Vater aufgehört hat. Denn die Fürsten dieses Hauses sind nichts anderes als Puppen, die gelenkt werden von der Hand der Väter Jesu. Die sind die Herren am Hofe zu Wien und werden's bleiben.«

»Und wenn's so wäre – jetzt, jetzt brauchen wir den Frieden, sonst gehen unsere Länder zugrunde. Das Volk ersäuft im Blut und erstickt im Brande. Du stehst im Felde, bist nicht Landesvater, hörst nicht das Jammern der Witwen und Waisen, das Ächzen der Gemarterten.«

»Ich werde demnächst Landesherr sein wie du,« unterbrach ihn Bernhard.

Wilhelm lachte spöttisch. »Ja, du hast's erreicht. Ich wünsche Glück dazu. Du wirst's als Vasall der Schweden.«

Bernhard stieg das Blut ins Gesicht, aber er bezwang sich. »Das geht zuvörderst nicht anders,« erwiderte er ruhig. »Besser ein Vasall der Schweden, als ein Vasall des Albertiners und des Habsburgischen Pfaffenkaisers.«

»Der Dresdener hat mir nichts zu sagen. Er bittet mich und buhlt um meine Gunst, bietet mir alles Mögliche.«

»Das glaub' ich gern. Er tut's, weil er dich braucht, und du bist ihm voller Vertrauen auf seine Leimstange geflogen!« »Noch ist nichts unterschrieben!« rief Wilhelm trotzig. »Ich will erst feste Zusagen.«

»Noch nicht?« Bernhards Augen leuchteten auf. »Noch nicht? Wilhelm, dann laß dich warnen! Sieh her –« er tat ein paar schnelle Schritte zur Seite und riß eine Tür auf. »Blicke hin! Dort steht noch der Tisch, an dem vor achtzehn Jahren unser ältester Bruder Johann Ernst, der nun in Gott ruht, die schändliche Quittungsnotul unterschreiben mußte, durch die der Albertiner unser Haus in eine knechtische Abhängigkeit von sich bringen wollte. Dort stand unsere Mutter und weinte vor Zorn und Scham, und dort standen wir Brüder und dort die kursächsischen Kommissare. Weißt du das nicht mehr, Wilhelm? Wir haben dann die Kette abgestreift, als die Zeit günstig war. Willst du sie dir wieder überwerfen lassen? Derselbe Kurfürst herrscht noch in Sachsen – meinst du –, meinst du, dieser Mensch werde uns jemals wohl gesinnt sein? Niemals, sage ich dir, nicht er und keiner von seinem Hause. Denn sie wissen wohl, daß sie schmählich an uns gehandelt haben, trauen uns nicht, werden uns auch nie trauen. Ihre alte Schuld steht zwischen uns und ihnen!«

Mit starker Stimme und immer sich steigernder Eindringlichkeit hatte Bernhard gesprochen, und seine Worte waren ersichtlich nicht ohne Eindruck geblieben. Herzog Wilhelm war in einen Stuhl gesunken und starrte finster vor sich nieder. Die schmachvolle Szene, an die sein Bruder ihn gemahnte, mochte wohl deutlich vor seiner Seele stehen.

So entstand eine kleine Stille. Dann begann Wilhelm mürrisch, ohne seinen Bruder anzusehen: »Wohl möglich, daß er's nicht ehrlich mit mir meint! Aber du und dein sauberer Kanzler, meint ihr es ehrlich mit mir? Ihr nehmt mir, was mir zusteht. Jetzt wieder – ich darf nicht daran denken!« Er ballte die Fäuste und runzelte finster die Stirn.

»Ich sagte dir schon, ich komme, dir Satisfaktion dafür anzubieten.«

»Wie?« rief Wilhelm und richtete sich schnell auf. Zum ersten Male sah er seinem Bruder ins Gesicht. »Satisfaktion? Was heißt das? Willst du refüsieren? Willst du mir den Befehl verschaffen über das Hauptheer?«

»Das steht nicht in meiner Macht!«

»So? Warum nicht? Du stehst mir doch allein im Wege!«

»Nein,« sagte Bernhard fest. »Wäre ich's nicht, so wäre Horn General der Royalarmee, und das wäre den Schweden das Liebste. Wäre er's nicht, so wäre es der Pfalzgraf oder Banèr. Du auf keinen Fall, denn der Kanzler liebt dich nicht und traut dir nicht. Auch mich würde er wohl am liebsten heimschicken, aber mich hält das Heer. Wagte er's, mich anzugreifen, so meuterte die ganze Armee. Bei dir, das weißt du selbst, wäre das nicht zu befürchten.« »Nun denn, zum Henker, sprich mir nicht von Satisfaktion!«

»Lieber Wilhelm,« sagte Bernhard ganz freundlich und langmütig, »wer das größte Stück der Beute nicht bekommen kann, braucht deshalb nicht auf alles Verzicht zu leisten. Ich biete dir immerhin viel im Namen des Kanzlers, wenn du von deiner Verbindung mit Sachsen abständest oder sie wieder fahren ließest, wie Herr Oxenstierna sagte. Du sollst das Fürstentum Eichsfeld als erbliches Lehn erhalten und dreimalhundertausend Taler als Entgelt für deinen Aufwand. Entschlage dich des Gedankens, du könntest den Frieden herbeizwingen mit Kursachsen im Bunde! Neutralität gibt's für keinen mehr in deutschen Landen. Schließt heute der Kurfürst seinen Frieden mit dem Kaiser, so fällt morgen Banér als Feind in sein Land. Drum nimm, was dir geboten wird, Bruder, ehe es zu spät ist. Greif zu! Greif zu!«

Er streckte ihm die Hand hin, als hielte er in ihr das gebotene Fürstentum. In Wilhelms Zügen spiegelte sich der Kampf wider zwischen Groll, Mißtrauen und Begehrlichkeit, und noch einmal siegte das Mißtrauen.

»Wer bürgt mir, daß es der Kanzler ehrlich meint?« stieß er zwischen den Zähnen hervor.

»Dafür bürge ich dir mit meinem fürstlichen Worte und gelobe dir's bei meiner Seele Seligkeit. Meinst du, ich ließe mich zu einem Bubenstücke gebrauchen? Hielte der Kanzler nicht, was er versprach, so wäre ich von Stund' an sein Feind. Also noch einmal: greif zu, Bruder!«

»Nicht jetzt! Nicht gleich. Hortleder ist hier. Eine Fügung Gottes! Wir wollen ihn rufen lassen – –«

»Ich will ihn dir hereinsenden,« unterbrach ihn Bernhard. »Besprich dich mit ihm und sage mir dann Bescheid. Ich hoffe zu Gott, einen guten!« Ehe Wilhelm etwas erwidern konnte, war er zur Tür hinaus. Er hatte schon vorher den alten Rat seines Hauses, der auch sein Lehrer gewesen war, auf der Treppe sehr herzlich begrüßt und ihn gebeten, nach der Prinzessin Kunigunde Umschau zu halten. Er würde ihn wohl auf dem Korridor treffen, der sich vor dem herzoglichen Vorzimmer dehnte. Hortleder, das wußte er, würde seinem Bruder gut zureden, und so konnte vielleicht noch im Laufe des Abends eine Versöhnung mit Wilhelm zustande kommen. Daran war ihm immerhin viel gelegen, nicht nur, weil Wilhelm nun einmal sein Bruder war, sondern weil er in ihm auch den tüchtigen Menschen und vortrefflichen Regenten schätzte.

Er schritt durch das Vorzimmer, in dem zwei Pagen aufsprangen und sich tief verneigten. Sie waren jeder in einer Fensternische postiert, und der eine gähnte über Arndts »Wahrem Christentum«, der andere über desselben Verfassers »Paradiesgärtlein«. Die beiden Bücher lagen in dem fürstlichen Vorzimmer zur Erbauung der dort Harrenden beständig aus.

Bernhard nickte ihnen freundlich zu, aber das Lächeln, das er dabei auf den Lippen trug, galt nicht ihnen. Es entsprang dem Gedenken an ein Wort, das der kluge Kanzler vor einigen Tagen ausgesprochen hatte: »Die wenigsten Menschen wissen, mit wie geringer Weisheit die Welt regiert wird.« Es war so. Mit immer denselben wenigen Mitteln lenkte man die Gemüter der Menschen, nicht nur der dummen, auch der klugen; Furcht mußte man erregen oder die Begehrlichkeit entfesseln oder den Ehrgeiz kitzeln. Eins dieser Mittel half fast immer, und half es nicht, so mußte man mehrere vereinigen.

Hortleder erwartete ihn wirklich, wie er es gedacht hatte, auf dem Korridor und trat lebhaft auf ihn zu. »Eure Miene verkündet Gutes. Ist's Euch wahrhaftig gelungen?«

»Mein Bruder ist auf dem besten Wege. Er will sich mit Euch beraten. Nun geht rasch hinein, damit er kein Mißtrauen faßt! Ich brauche Euch nicht zu instruieren. Wir haben uns ja oft geschrieben.«

»Herzog Bernhard, Ihr seid ein – – Es ist schier unheimlich, was Ihr fertig bringt. Aber ich gehe schon!«

»Wißt Ihr, wo Prinzeß Gundel ist?«

»Bei ihrer Frau Schwester im Garten.«

»Dann sucht mich dort, wenn Ihr mit meinem Bruder im reinen seid.« Er nickte ihm noch einen Gruß zu und sprang rasch die beiden Stufen hinab.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.