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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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V.

Der sechste Schlag der Weißenfelser Turmuhr war eben verklungen, als Herzog Bernhard wieder vor der Tür des Geleitshauses stand. Er trug das Haupt hoch, seine Augen blitzten, und sein Antlitz war vor innerer Aufregung gerötet. Er ging ja zu dem geliebten Mädchen, dessen Bild ihn überall begleitet und nach dem sich sein Herz gesehnt hatte Jahre lang. In einer halben Minute durfte er sie an seinem Herzen halten. Und er kam zu ihr mit einer neuen großen Hoffnung auf Glück, mit einer Hoffnung, die ihn fast berauschte. Er hatte gewähnt, der Tod des Königs sei das schwerste Unglück, das ihn treffen konnte. Jetzt mit einem Male war ihm eine Ahnung aufgegangen, daß die verhängnisvolle Kugel von Lützen ihm möglicherweise den Weg freigemacht hatte zu einer unerhörten Laufbahn. Wunderbar, wie das Schicksal seinen geheimsten Wünschen entgegenkam! Er war entschlossen, den obersten Befehl des Heeres festzuhalten selbst gegen den Willen des Kanzlers. Aber wenn dem die Obristen und Generale nicht zustimmten, so konnte er es nur erreichen durch den gemeinen Mann. Er mußte dann das ganze Heer zusammenrufen und abstimmen lassen. Das dünkte ihm ein bedenklicher und gefährlicher Weg zu sein, den er höchst ungern und nur unter dem Zwange der äußersten Not beschritten hätte. Ganz anders lag die Sache, wenn er sich auf die Führer der Armee stützen konnte – und siehe, sie boten sich selber ihm dar. Während er mit Lohusen und Bulach den Feldzugsplan der nächsten Tage entworfen hatte, war Pfuel erschienen, und die drei hatten ihn dann bestürmt, ihr Sprecher und Vorkämpfer zu werden bei der Krone Schwedens. Dafür wollten sie ihn im obersten Befehl halten und nicht dulden, daß ein anderer an seine Stelle gesetzt werde. Er hatte sie um Bedenkzeit gebeten bis morgen früh, aber das war nur der Form halber geschehen, denn er hatte Mühe gehabt, seine freudige Erregung zu verbergen, als er ihr Anerbieten vernahm. Wenn er die Hand ergriff und festhielt, die ihm jetzt das Glück entgegenstreckte, so gelang es ihm vielleicht, auf dem Kriegstheater die Rolle dessen zu übernehmen, der bei Lützen gefallen war. Ward er aber der erste Mann auf protestantischer Seite, führte er das Heer, das der König geführt hatte, dann bei Gott, dann sollte auch ein Fürstentum sein eigen werden! Gewaltige Gebiete hatte man ja den Feinden entrissen im Süden des Reiches. Dort sollte eine neue ernestinische Herrschaft entstehen, viel größer und bedeutender als das kleine Land, das seinen Brüdern und ihm gehörte, und trug er dort den Herzogshut, so konnte er auch ein Haus gründen und die Geliebte heimführen.

Alle diese Gedanken und Pläne wirbelten ihm durchs Hirn, als er vor dem Haufe angekommen war, in dem die Königin und seine Liebste wohnten. Aber er besaß die Eigenschaft, daß ihm nichts in seiner Umgebung entging, auch wenn sein Geist mit den größten und wichtigsten Dingen beschäftigt war. So erkannte er jetzt in dem wachthabenden Soldaten, der zur Seite stand und den Spieß vor ihm senkte, einen Mann aus der Thüringer Heimat, den er hier nicht gesucht hätte, und trat lebhaft auf ihn zu. Das trübe Licht der über der Tür hängenden Laterne fiel gerade auf das finstere Gesicht des Hellebardiers.

»Hast du mir nicht vor fünf Jahren mein Pferd beschlagen?« fragte der Herzog. »Bist du nicht der Schmied von Zwätzen an der großen Heerstraße hinter der Thingstätt?«

»Das war ich, Herr.«

»Und wie kommst du hierher?«

»Die Schmiede liegt in Trümmern.«

»Holte mir nicht damals dein junges Weib einen Trunk aus der Schenke? Wo hast du sie gelassen?«

In das Gesicht des riesenhaften Mannes trat ein furchtbarer Ausdruck. »Sie ist hin, Herr,« sagte er kurz und hart. »Sie und mein kleines Mädchen. Die Kroaten waren im Dorfe.«

Der Herzog legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm voller Teilnahme in die Augen. »Da hat dich Gott der Herr schwer heimgesucht, lieber Kriegsgeselle! Trag's wie ein evangelischer Christ! Und es ist recht von dir, daß du der Fahne gefolgt bist. Wer jetzt zwei Fäuste hat, der muß helfen, daß das welsche Gesindel verjagt wird von der deutschen Erde.«

Der Soldat stieß ein schauerliches Lachen aus. »An mir soll's nicht fehlen, Herr! Mir ist nur wohl, wenn ich Blut sehe.«

Bernhard trat rasch durch die Tür ins Haus, und der Schauer, der ihm durch die Glieder rann, kam nicht von der kalten, kellerartigen Luft des Hausflurs her, die ihm entgegenschlug. Ein Entsetzen hatte ihn ergriffen, wie so manchmal schon, wenn er über die blutgetränkten Schlachtfelder oder durch die verbrannten Dörfer und Städte geritten war. Er entsann sich der Schmiede von Zwätzen ganz genau, des freundlichen kleinen Anwesens unter hohen, alten Linden, er entsann sich auch des schmucken blonden Weibes, das ein rosiges Kind im Mantel getragen hatte. Nun lag dort ein Schutthaufe, die junge Frau hatten die Kroaten zu Tode mißhandelt, und das Kind war mit umgekommen. War es ein Wunder, daß ein Mann, der solches erleben mußte, zur Bestie wurde? und Leute, die Ähnliches, vielleicht noch Grauenvolleres erlebt hatten, gab es ja schon zu Tausenden und Abertausenden, und ihrer wurden mehr mit jedem Tage. Was hatte nur die deutsche Nation verbrochen, daß Gottes Zorn so furchtbar auf ihr lag? Hörte er nicht bald auf zu zürnen und zu strafen, so ging wohl die eine Hälfte des Volkes elendiglich zugrunde, und die andere Hälfte vertierte!

Sein Antlitz war noch blaß vor innerer Erregung, und zwischen seinen Brauen stand eine tiefe Falte, als er droben ins Zimmer trat. Gundel, die ihm mit einem Freudenschrei entgegenflog, ließ plötzlich ihre ausgestreckten Arme sinken und blickte erschrocken in seine erblichenen Züge. »Um Gottes willen, Bernhard, was ist dir? Bringst du eine böse Kunde? Oder bist du krank?« Er machte eine heftige Bewegung, als ob er eine Last von seinen Schultern abwerfen wollte, und zog sie dann stürmisch in seine Arme. »Verzeihe, daß ich dich mit meiner finsteren Miene so erschreckt habe! Ich bin nicht krank und habe nur gute Zeitung für dich, aber ich hatte eine Begegnung hier vor der Tür, die mir das Gemüt verstörte.«

»Erzähle mir das!« bat sie, und als er ihr gewillfahrt hatte, warf sie sich weinend an seine Brust. »O Bernhard, der schreckliche Krieg! Wann wird endlich Gott mit uns Erbarmen haben?«

»Das weiß Er allein!« versetzte der Herzog düster.

»Ist keine Aussicht, daß jetzt bald Friede wird?«

»Warum denn gerade jetzt. Liebste?« »Weil die Armada des Kaisers geschlagen ist!«

»Ach, du meinst, unser Sieg bei Lützen werde den Kaiser dazu bewegen, den Frieden nachzusuchen? Glaube mir, man wird in Wien die Niederlage wie eine große Viktoria empfinden, weil der König gefallen ist. Nun erst recht wird der Habsburger alles daran setzen, sein Dominat über Deutschland aufzurichten.«

»Meinst du nicht, daß er sich heimlich nach Frieden sehnt? Könnten die deutschen Fürsten nicht mit ihm paktieren, daß jeder etwas nachließe von seinen Forderungen, und daß so Friede werden könnte?«

»Nein,« erwiderte der Herzog hart, »da gibt es kein Paktieren. Er kann nicht anders, und wir können nicht anders. Mit ihm reden wundertätige Bilder, und er hört Stimmen von Heiligen, die ihm befehlen, die Ketzerei auszurotten auf Erden. In seinem Hirne glüht der Wahnsinn, den die Väter Jesu in Menschenschädeln zu entfachen wissen. Darum ist der deutsche Kaiser zurzeit der ärgste Feind der deutschen Nation. Sie hat keinen schlimmeren. Denn er will die Gewalt haben nicht nur über die Leiber, sondern auch über die Seelen. Er will uns das reine Evangelium nehmen, das Luther uns gegeben hat, und er will den deutschen Geist erdrosseln und uns zu Spaniolen machen. Lieber sterben, als ihm gehorchen!«

Er blickte eine Weile düster vor sich nieder, dann warf er mit einer jähen, ungestümen Gebärde den Kopf zurück und schlang von neuem die Arme um sie. »Was nützt es, davon zu reden, wo wir doch nichts ändern und bessern können! In der halben Stunde, die uns gehört, wollen wir von dem uns besprechen, was uns beide angeht, dich und mich.«

Er zog sie neben sich auf eine Bank nieder, die in der Nähe des Fensters stand. »Du hast gehört, Gundel, daß mich das Heer zu seinem obersten Feldherrn ausgerufen hat?«

»Die Königin selber hat mir's erzählt, und sie meinte, es sei keiner würdiger als du.«

»So will ich dir sagen, was ich für Pläne seitdem im Kopfe trage. Du bist der einzige Mensch, dem ich sie anvertrauen möchte. Und weil die Wände häufig Ohren haben, so lehne dich ganz nahe an mich, denn sie müssen unser beider Geheimnis bleiben.« Er begann hastig-flüsternd auf sie einzureden, manchmal in der Erregung die Stimme erhebend, dann wieder sie dämpfend. Immer mehr röteten sich, während er sprach, die Wangen des Mädchens, immer stürmischer wogte ihre Brust, und als er geendet hatte, ließ sie ihre Blicke mit staunender Vewunderung auf seinem Antlitze ruhen. »Das sind ungeheure Gedanken, Liebster. Ich kann sie kaum fassen. Sie verwirren mich,« – stammelte sie.

»Hältst du sie für unmöglich?«

»Nein. Dir nicht unmöglich, nicht unerreichbar! Du bist ein Held! O Bernhard, was bist du geworden, seit wir uns mit dem Palmenorden schmückten und Schäferspiele spielten in Weimar und in Bernburg! Damals hießest du mit deinem Ordensnamen Aristander, mich nannten sie Clarissa. Du bist nun geworden, was der Scherzname bedeutet, der beste, der größte Mann, und ich bin die arme, kleine, unscheinbare Clarissa geblieben. Passe ich eigentlich noch zu dir? Kann ich dir noch irgend etwas sein? Bin ich dir nicht ein Bleigewicht an deinen Füßen?«

Der Herzog verschloß ihr den Mund mit einem Kusse. »Sprich nicht so töricht,« sagte er dann ernsthaft. »Mein Leben wäre unmenschlich, wenn ich dich nicht hätte, es wäre nur Kampf und Streit und nirgends ein Ausblick auf Glück am häuslichen Herde, wonach meine Seele sich sehnt. So aber träumt mir manchmal, wenn ich über die blutigen Felder reite, es käme der Friede, und du stündest neben mir als Herrin über ein weites Land, und wir heilten die Wunden, die wir jetzt schlagen müssen, und die Untertanen segneten unsere Herrschaft, wie sie die meines Vaters und meiner Mutter segneten.«

Die Prinzessin umschlang mit nassen Augen seinen Hals und lehnte ihre Stirn gegen seine Brust. »Ach Bernhard, Geliebter, Gott lasse uns bald diese Zeit erleben!«

»Bald wird sie schwerlich erscheinen. Es mögen wohl noch etliche Jahre bis dahin ins Land gehen. Aber wir sind ja noch jung, du und ich, und können noch auf das Glück warten. Und ich meine, du wirst mir die Treue halten wie ich dir.«

»Bernhard!« rief die Prinzessin. »Nicht mit dem kleinsten Gedanken bin ich dir jemals untreu gewesen, und niemals werd' ich's sein!«

Der Herzog strich ihr leise mit der Hand über das blonde, wellige Haar. »Das glaube ich dir und habe nie daran gezweifelt. Aber jetzt kommt für dich die härteste Prüfung. Denn der Weg, den ich nun gehe, ist deshalb so schwer, weil er mich von allen entfernt, die mir nahestehen. Meinen Bruder Wilhelm muß ich bitter kränken, denn ich muß ihn aus seiner Stellung verdrängen um des gemeinen Nutzens willen. Dadurch werde ich mir vieler Menschen Gemüter entfremden, wahrscheinlich auch die Herzen meiner beiden anderen Brüder, Ernsts und Albrechts.«

»Sie werden mit der Zeit begreifen, daß du das Beste willst und das Höchste kannst, und daß dir also auch das Höchste gebührt!« rief die Prinzessin mit blitzenden Augen.

»Das hoffe ich mit Zuversicht. Vor der Hand aber kann ich wohl von mir sagen, was der Herr Christus sagen mußte: Sie werden sich alle an mir ärgern. Und wenn ich das von allen ertragen muß, von dir ertrüg' ich's nicht. Darum habe ich dir im voraus gesagt, wie ich die Krone Schwedens zwingen will, mir ein Herzogtum Franken zu geben, und wie ich das Heer an mich ketten will, daß ich eindringen kann in des Kaisers Erblande. Sie sollen dir nicht einreden dürfen, ich sei ein Abenteurer ohne Ziel, oder ein Ehrgeiziger, der aus gemeiner Selbstsucht die Rechte anderer mit Füßen tritt. Wohl sehe ich auch auf meinen Nutzen. Aber hat nicht Gustav Adolf das auch getan? Und wer nicht so tun wollte in dieser furchtbaren Zeit, der würde gar bald nicht einen Deut mehr gelten. Aber mein oberstes Ziel ist immer der Sieg des reinen Evangeliums und die Befreiung der edlen deutschen Nation vom päpstlichen und hispanischen Joche. Dafür wollt' ich mein Blut hingeben. Ich denke, es kommt eine Zeit, wo das alle Welt erkennen wird. Einstweilen ist mir's genug, wenn du es glaubst.« »Immer werde ich an dich glauben, Bernhard, immer. Mag die Welt sagen, was sie will. Und wenn deine Brüder gegen dich sprechen – ich halte deine Partei!« Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach sie. Gleich darauf steckte eine Kammerfrau der Königin den grauen Kopf ins Zimmer.

»Herr Graf Knipphausen sucht Seine fürstliche Gnaden. Es sind wichtige Rapporte vom Feind gekommen.«

Sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war, und noch einmal preßte der Herzog die Geliebte an seine Brust. »Lebe wohl, meine Gundel! Gott gebe uns bald ein Wiedersehen!«

Sie schluchzte wild auf. »Schon muß ich dich wieder lassen! Lebe wohl, Liebster, der Herr behüte dich!«

Noch ein letzter heißer Kuß, und dann verließ der Herzog mit schnellen Schritten das Gemach. –

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