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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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IV.

Ein Tag und eine Nacht und wieder ein Tag waren vergangen, seit Gustav Adolfs Leiche in der Marienkirche zu Weißenfels aufgebahrt worden war. Man hatte sie aus dem rohgezimmerten Sarge, den der alte Schulmeister von Meuchen gefertigt hatte, herausgenommen und in einen prächtigen Metallsarg gelegt, und kunstreiche Ärzte hatten sie einbalsamiert. Denn sie sollte eine weite Reise antreten über Land und Meer in die ferne nordische Heimat. Dort sollte sie ruhen in der Ridderholmskirche, wo die steinernen Särge der schwedischen Könige standen.

Es war in einer Nachmittagsstunde. Die frühsinkende Sonne des Novembertages goß eben im Scheiden ein fahlgelbes Licht aus über die grauen Mauern des Gotteshauses und über die Menschenmenge, die sich aus den Portalen herausdrängte. Es waren unter den Kirchgängern viele Bürger der guten Stadt zu sehen, die stumm und feierlich in ihren dunklen Trauergewändern dahinschritten, aber die Mehrzahl bildeten schwedische und deutsche Offiziere aller Grade und Waffengattungen. Das war nicht verwunderlich, denn in der Kirche hatte in Gegenwart der Königin ein Abschiedsgottesdienst stattgefunden. Noch am Abend sollte der Sarg verlötet werden, und auf den nächsten Morgen war seine Abfahrt festgesetzt. Die schweren småländischen Reiter waren dazu ausersehen worden, die sterblichen Reste des Helden mit der Königin und ihrem Gefolge nach dem Meere zu geleiten.

Der Menschenstrom, der aus der breiten Tür herausflutete, verlor sich rasch in den nahe liegenden Gassen. Heute waren die Leute viel zu ernst gestimmt und zu bedrückt in ihren Gemütern, als daß sie hätten schwatzen und stehenbleiben und Neuigkeiten austauschen mögen, wie das wohl sonst beim Heimwege aus der Kirche geschah. Nur eine kleine Gruppe hoher Offiziere, Obristen verschiedener deutscher Regimenter, stand noch vor den Stufen beisammen, und ein kleiner Herr, dessen kühnes Gesicht mit dem eisgrauen Schnurrbart von Säbelnarben wie zerfetzt erschien, sprach leise, aber eindringlich und lebhaft gestikulierend auf sie ein. Er schien sich in großer Aufregung zu befinden, sprang aber doch behend zur Seite und verneigte sich tief mit den andern, als die Kirchentür noch einmal sich öffnete und an Herzog Bernhards Arme die Königin heraustrat. Maria Eleonore war tief verschleiert, so daß von dem stolzen, schönen Antlitz nichts zu erkennen war, und ihre hohe Gestalt erschien wie in sich zusammengesunken. Mit unsicheren Tritten und sich fest auf ihren Begleiter stützend, schritt sie zu der schwarzverhängten Staatskarosse, die in der Nähe hielt. Der Herzog half ihr hinein, und nachdem ihre Hofdame Platz genommen hatte, verschwand auch er im Innern des riesigen Kastens, und das ungefüge Prunkgefährt rasselte von bannen.

Die vier Obristen blickten nachdenklich hinter ihm drein. »Schwerer Dienst für den Herzog!« brummte der lange Waldau und strich sich den roten Bart. »Gott straf mich! Zehnmal lieber jeden Tag eine Attacke auf den Feind, als den halben Tag lang die Weiber mit ihren Tränen und Heulereien!«

»Der Düwel hol mer! Tu hast recht, Bruder!« knurrte der dicke Mitzlav. »Tut mer alle Mal in der Seele weh, wenn ich einen Kriegsmann mit den Hofdamen zusammen sehen muß! Aber der Herzog ist schlau, ach, der ist schlau! Der nimmt die Majestät jetzt ganz für sich ein, daß sie ihm den Oberbefehl bestätigt und ihn zum Generalissimus macht! Meint Ihr nicht auch, Pfuel?«

Der kleine Mann, der vorhin so eifrig geredet hatte, warf ihm einen mitleidigen Blick zu und hüpfte von einem Bein auf das andere. »Mit Verlaub zu sagen: Unsinn, werter Herr und Freund! Die Majestät hat im Felde gar nichts zu sagen, oder sie hat nur eine Stimme unter vielen. Denn in Schweden regieren von nun an die Reichsstände, und die Königsgewalt wird nur ein Popanz. Und der wahre Regent von Schweden wird der Kanzler Oxenstierna – paßt auf, ihr Herren, so wird's! Und nun kann ich fortfahren, wo ich vorhin aufgehört habe. Wir kommen unter das Regiment eines Federfuchsers, ihr Herren, eines Federfuchsers, der kein Herz hat für die Soldaten, am wenigsten für die deutschen. Und was wird der Kerl tun? Sein Schwiegersohn ist der General Horn. Dem wird er den obersten Befehl zuschieben wollen. Der hat erst recht kein Herz für uns. Herren! Herren! Was wird die Folge sein? Wir werden nicht zu unserem Gelde kommen. Den Teufel auch! Was die tote Majestät uns noch schuldig war an Sold und Gage und Traktement, das wird uns nicht bezahlt werden. Und wir können unsere Soldaten nicht bezahlen, und da ziehen uns eines Tages die verwetterten Kerle die Kleider vom Leibe und mit den Kleidern das Fell! Paßt auf, ihr Herren, so wird's!«

Er war während dieser Rede beständig von einem Bein auf das andere gesprungen, so daß es aussah, als verführe er eine Art von Tanz, und hatte, mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd, die merkwürdigsten Grimassen geschnitten. Aber keiner seiner Zuhörer verzog den Mund zu einem Lächeln, denn seine Worte hatten an eine schwere Sorge gerührt, die jeder von ihnen tief im Herzen trug. Sie, die Obristen, hatten die Mannschaften für den König von Schweden angeworben, sie hatten den Leuten monatlich ihren Sold auszuzahlen. Nun konnte keiner der kriegführenden Potentaten seine Obristen regelmäßig befriedigen, denn keines Fürsten Einnahme war dazu groß genug. Auch Gustav Adolf hatte das nicht vermocht bei aller seiner Sparsamkeit und Rechtlichkeit. Sie hatten dem Kriegsherrn Geld vorgeschossen, damit der gemeine Mann entlohnt werden konnte, sie hatten, wie das in allen Heeren Brauch war, ihr Vermögen in ihre Regimenter gesteckt wie in ein Geschäft. Nun war der König tot, auf dessen Wort sie gebaut hatten! Würde die Krone Schwedens seine Verbindlichkeiten gegen sie auch redlich erfüllen? Würden sie alles zurückerhalten, was sie ausgegeben hatten, und würde für sie auch ein erklecklicher Gewinn herausspringen? Potz Wetter! Man legte sein Geld doch nicht in so unsicheren Werten an, um schließlich das ungeheure Risiko für nichts getragen zu haben. Man lag nicht Jahr für Jahr im Felde und trug in hundert Affären seine Haut zum Markte, um ohne Vorteil in die Heimat zu ziehen, wenn endlich der Friede kam! Man konnte es am wenigsten darauf ankommen lassen, daß die Soldateska meuterte, die immer wilder und zuchtloser wurde, denn dann konnten die Herren Obristen auch noch um das kommen, was sie besaßen, und mußten mit höchster Gefahr Leibes und Lebens wie gerupfte Hühner aus dem Lager stieben. Jeder der Wackeren hatte solche und ähnliche Gedanken in seinem bekümmerten Geiste gewälzt, nachdem die Schlacht vorüber war mit ihrem Lärmen und Tosen. Nun brachte der flinke Teufelskerl, der kleine Pfuel, mit seinen Worten ihnen erst recht zum Bewußtsein, was sie allesamt bedrückte. Deshalb hatten sie sich, während er redete, bedeutungsvoll zugenickt, die Barte gestrichen und sich hinter den Ohren gekratzt. Nun, da er zu sprechen aufhörte und mit einem kühnen Satze von der Stufe herabsprang, auf der er gestanden hatte, stießen sie alle drei wie auf Kommando ihre Schwerterscheiden grimmig auf den Steinen auf. »Mohrendonnerwetter und Blitz und Brand !« schrie Waldau. »Es könnte kommen, wie der Herr Bruder sagt.« Er wurde grünlich blaß dabei, denn der Gedanke erregte ihn gewaltig, weil er mit am meisten zu verlieren hatte.

Pfuel hüpfte wieder auf die Stufe hinauf und fuhr fort: »Drum, Herren, sage ich: Der Herzog von Weimar ist die einzige Rettung für uns. Kein Schwede darf das oberste Kommando kriegen, keiner, am wenigsten Horn. Aber auch des Herzogs Bruder nicht, mag er auch ein guter Mann sein, denn er setzt nichts durch, ist viel zu zaghaft und bescheiden, sucht alles durch Beten und Singen vom lieben Gott zu erlangen. Uns aber liegt daran, daß wir zu unserm Gelde kommen, und das muß uns der Schwede geben, nicht der liebe Gott!«

»Ja, zum Donnerwetter! Das wollen wir! Wir wollen zu unserm Gelde kommen!« riefen die andern. »Und wenn uns der Teufel dazu verhelfen müßte!« fügte Waldau hinzu.

Pfuel hüpfte auf eine noch höhere Stufe. »Der Teufel soll uns nicht dazu verhelfen, sondern der Herzog von Weimar. Bleibt er an der Spitze, so kann er dem Kanzler Bedingungen stellen. Und darum muß er an der Spitze bleiben. Ich habe gestern mit Redern und Brandenstein gesprochen, heute früh mit Lohusen und Bulach. Sie sind alle derselben Meinung: Bleibt der Herzog oben, so wird er uns zu unserm Gelde verhelfen. Muß er in der obersten Gewalt dem Horn weichen, so haben wir das Nachsehen und sind ruinierte Leute. Sie haben mir deshalb die Kommission gegeben, in ihrem Namen den Herzog zu bitten, daß er unser Sprecher werde bei der Krone Schwedens. Dafür geloben wir ihm, nimmermehr zu dulden, daß ein anderer ihm vorgezogen wird. Herren und Freunde, wollt auch Ihr mir diese Permission erteilen? Einer muß doch das Ding in die Hand nehmen. Viel Zeit haben wir nicht. Es geht um große Dinge, Herren. Wie dünkt Euch?«

»Mich dünkt. Ihr seid der klügste Kerl, der zur Zeit auf deutscher Erde herumtrampelt!« rief Waldau. »Hier meine Hand! Traktiert die Sache mit dem Herzog, wie Ihr wollt. Ich geb' Euch Vollmacht!«

»Ich auch!« fiel Mitzlav ein. »Und ich nicht minder,« sagte bedächtig der Dritte, der bisher geschwiegen hatte, ein großer, breitschultriger Mann mit einem mächtigen Kopfe und einem höchst eigenwilligen Ausdruck im Gesicht. Das war der alte Heinrich von Germar, der sein Gut in Gorsleben an der Unstrut verlassen hatte und in hohen Jahren zu dem Kriegshandwerk seiner Jugend zurückgekehrt war. Denn er hatte böse Hände bekommen mit seinen Bauern und feinem Ortspfarrer, weil er in seiner Kirche die alte Kanzel hatte ansägen lassen, um den Prediger zu zwingen, seinen Sermon auf einer neuen Kanzel zu halten, die er sich zur größeren Bequemlichkeit gerade seinem Patronatsstuhle gegenüber hatte bauen lassen. Aber der Pastor wollte nicht, und die Bauern wollten auch nicht, und Sonntag für Sonntag stützten die Dickköpfe die alte Kanzel mit ihren Armen, so daß der Pfarrer dem Gutsherrn zum Trotz darauf predigen konnte. Das war einem hochwürdigen kurfürstlichen Konsistorium hinterbracht worden, und das verstand in solchen Dingen keinen Spaß. Es hatte sich ganz auf die Seite der Bauern geschlagen und den Landesherrn veranlaßt, den Patron mit einer strengen Pön zu bedräuen und die Wiederherstellung der alten Kanzel ihm anzubefehlen. Da war Herr Heinrich von Germar tief gekränkt und schweren Ärgers voll zu den Schweden gegangen und ließ daheim sein Weib auf dem Schieferhofe schalten und walten und wurde trotz seiner sechzig Jahre einer der tapfersten Haudegen der Armee.

Er kniff jetzt, wie er beim Reben zu tun pflegte, die kleinen schwarzen Äuglein zusammen und sagte: »Gewißlich stimme ich Euch zu, Pfuel. Aber wird der Herzog auch wollen? Er hat sich ausdrücklich nur auf so lange wählen lassen, bis die Krone Schwedens den Oberbefehl vergibt. Er scheint also den Herren sich beugen zu wollen, wenn sie es befehlen.«

Der kleine Pfuel drehte sich fast um sich selber. »Bester! Wertester!« sprudelte er aufgeregt hervor. »Was redet Ihr da? Der Herzog ist doch kein Kind, das seine Gedanken ausplappert vor aller Welt! Er wird wollen, darauf verlaßt Euch. Denn pro primo schuldet ihm selbst die Krone vieles Geld. Das kann er in den Rauchfang schreiben, wenn er nicht an der Spitze bleibt. Vor allem aber: er hat Ehrgeiz. Er weiß, daß er der beste Führer ist, der jetzt im Felde steht. Warum sollte er einem Geringeren weichen? Und endlich pro tertio«...

»Wenn Ihr noch mehr sprechen wollt,« unterbrach ihn Germar, »so laßt uns in die Trinkstube da drüben in der Nebengasse gehen. Dort gibt's ein höllisch gutes Bier, und mir klebt die Zunge am Gaumen!«

Der Vorschlag fand allerseits Anklang, und die vier Obristen verschwanden gleich darauf um die Ecke.

Unterdessen hatte Herzog Bernhard die Königin heimgeleitet. In trübem Schweigen wurde der kurze Weg zurückgelegt. Auch als er sie die Treppe hinaufführte, sprach sie kein Wort. Erst oben in ihrem Gemache schlug sie den Schleier zurück und reichte ihm die Hand und sprach, während sie ihn mit unbeschreiblich traurigen Augen ansah: »Herr Herzog, Sie werden morgen früh vor aller Welt von mir Abschied nehmen. So lassen Sie mich Ihnen heute sagen, was ich Ihnen nicht vor aller Welt sagen kann: Ich danke Ihnen, daß Sie mir die furchtbare Botschaft so schonungsvoll beigebracht haben, wie ein Bruder seiner Schwester. So viel an Ihnen lag, haben Sie mir das Schwere leicht gemacht. Das werde ich Ihnen niemals vergessen! Gott geleite Sie durchs Leben und lasse Ihnen gelingen, was Sie sich vornehmen! Meine Dankbarkeit und Achtung folgen Ihnen, wo Sie auch hingehen.«

Der Herzog blickte ihr bewegt ins Gesicht. Die stolze, gerade und tapfere Brandenburgerin war ihm von jeher sympathisch gewesen; auch wußte er, wie hoch und wert sie der König gehalten hatte, und er ahnte, daß er sie wahrscheinlich im Leben niemals wiedersah.

»Ich habe getan, was meine Pflicht war als Christ und Kavalier, und kann keine Dankbarkeit beanspruchen,« erwiderte er, indem er sich über die ihm dargereichte Hand der Königin beugte. »Gott segne und schütze die Majestät und lasse Sie Freude erleben an Ihrem Kinde!«

Die Königin neigte das Haupt. »Meine kleine Tochter ist das einzige Liebe, was mir noch geblieben ist. An ihrem Glücke werde ich mich noch freuen, eigenes Glück begehre ich nicht mehr. O Herzog, wie seltsam ist doch die Welt! Fünf Jahre nur bin ich älter als Sie, und das Leben liegt hinter mir. Vor Ihnen aber liegt noch das ganze Leben mit all seinem Glücke.«

»Vom Glücke, Herrin, habe ich bis jetzt wenig empfangen im Leben,« entgegnete der Herzog mit gefurchter Stirn. »Mein Vater starb früh, die Mutter, die ich über alles liebte, folgte ihm bald. Meine Kindheit war vielfach getrübt, meine Jugend nicht leicht. Ich bin ein nachgeborener. Prinz aus nicht reichem Hause – doch genug. Was soll ich Ihnen vorklagen! Noch habe ich meinen guten Degen und die Kraft, ihn zu schwingen.«

Die Königin blickte ihn ernst, fast zürnend an. »Und sonst hätten Sie nichts an Glück? Ist es nicht ein hohes Glück, das Herz eines Weibes zu gewinnen, wie Kunigunde von Anhalt ist?«

»Das wissen Sie?« fuhr er auf.

»Sie hat es mir selbst gestanden, und bei Gott, lebte der König, ich würde alles tun. Euch beiden den Weg zueinander zu ebnen. Nun aber bin ich eine arme Witwe.«

»Doch eine Güte könnte die Majestät mir antun. Ich habe meine Braut nur immer auf Minuten gesehen und immer nur vor fremden Leuten. Morgen reist sie mit meinem Bruder ab, und ich spräche sie gern unter vier Augen. Gott weiß, wann ich sie wiedersehe! Jetzt habe ich Kriegsrat mit Lohusen und Bulach, aber in einer Stunde könnte ich wieder hier sein. Würde die Majestät erlauben, daß ich sie hier einmal sprechen darf ohne Zeugen? Ich habe ihr so viel zu sagen.«

»Das will ich gern arrangieren, Herzog Bernhard. Seien Sie um sechs Uhr hier. Und nun zum letzten Male: Gott mit Ihnen!«

Sie reichte ihm noch einmal die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte. Dann verneigte er sich tief und verließ das Gemach.

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