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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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VII.

In einem der kleinen Häuschen aus Holz und Lehm, die Herzog Bernhard vor Breisach zu Schutz und Obdach seiner Krieger hatte errichten lassen, lag auf einem Strohlager der alte Obrist von Germar. Sein Haupt war mit breiten Leinenverbänden so verhüllt, daß nur die starke Nase, ein Auge und der Mund zu sehen waren. Beim Sturm auf die Jakobsschanze hatte der Wackere zwei Säbelhiebe über den Kopf und einen ins Gesicht erhalten. Diese Wunden hatten ihn viel Blut gekostet und waren hochgefährlich anzusehen, doch hatten sie nur seiner Leibesschönheit geschadet, ohne sein Leben ernstlich zu gefährden. Leider aber hatte er sich auch, während er vornüber fiel, die schwere Spitze eines Pallisadenpfahles in die Seite gerannt, und diese Wunde war weit gefährlicher als die drei andern zusammen. Sie hatte sich entzündet, und die Geschwulst nahm immer zu, so daß der Feldscher sehr bedenklich den Kopf schüttelte und dem Obristen riet, den Feldprediger kommen zu lassen. Wenn er das sagte, so wußte jeder, was die Glocke geschlagen hatte, und auch dem alten Obristen war es nicht verborgen, wenn er auch, zur Verwunderung seiner Umgebung, keine Anstalten machte, dem wundärztlichen Rate zu folgen. Er ließ sich vielmehr einen Schreiber kommen und diktierte dem seinen letzten Willen.

Da war es denn ein wunderbarer Zufall oder auch eine besondere göttliche Fügung, daß gerade, als dieser Akt zu Ende war, sein Sohn ins Lager eingeritten kam und sogleich zu seinem Vater geführt werden konnte. Dort setzte er sich an das Bett des Sterbenden, der bei vollem Bewußtsein und durchaus gefaßt auf sein nahes Ende war, das er offenbar mit größter Seelenruhe erwartete. Die Ankunft seines Sohnes schien ihn gar nicht zu verwundern, obwohl der Rittmeister von Germar fast ein Jahr lang in kaiserlicher Gefangenschaft gewesen war und kein Mensch hätte denken können, daß er gerade jetzt zurückkehren würde. Der Alte begrüßte ihn nur mit einem festen Händedrucke und sagte dann in knurrigem Tone: »Es ist gut, Junge, daß du endlich einmal kommst. Es scheint gerade, als wolle mich der Teufel holen. Da möcht' ich dir noch das und jenes sagen. Der Feldscher kann sich drücken!«

»Wir sind allein, Vater,« erwiderte der Sohn, dem es schwer wurde, seine Bewegung zu verbergen.

»Dann höre zu. Du wirst nach mir Erb-, Lehns- und Gerichtsherr auf Gorsleben. Verdammt, daß ich meinen Schieferhof nicht wiedersehe, aber es ist nun einmal nicht anders. Ich habe alles, was ich im Kriege gewonnen habe, in Basel niedergelegt bei sicheren Leuten. Mein versiegeltes Testament habe ich dem Herzog überbringen lassen. Das Geld lasse liegen, bis der Krieg vorbei ist, es sind über zehntausend Reichstaler, dreitausend schuldet mir noch der Herzog. Davon kannst du das Gut wieder hochbringen. Die Holkschen sollen übel dort gehaust haben. Gut, daß die Mutter schon drei Jahre tot ist!«

Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Wenn du dort Herr bist, so piesacke den Pastor und den Erbrichter, soviel du kannst. Die Halunken haben mir das Leben vergällt. Du weißt schon, wegen der Kanzel! Dem Pastor gibst du lauter alte, zähe Zinshühner, und die Zinseier, die er kriegt, läßt du anbrüten. Daß du ihm das schlechteste Korn gibst, versteht sich von selbst. Mit dem Erbrichter fängst du einen Prozeß an wegen der Bachwiese. Und sieh zu, daß die Kanzel doch noch dem Herrenstuhle gegenüberkommt.«

»Ach, Vater, da steht sie schon. Einer aus dem Dorfe hat mir's erzählt. Die Kirche ist ganz ausgebrannt, und als sie restauriert wurde, da hat der Pastor selbst darauf angetragen, die Kanzel dorthin zu setzen, wo du sie haben wolltest. Der Erbrichter ist übrigens schon voriges Jahr gestorben.«

»Was?« rief der Obrist erstaunt. »Der Pastor hat nachgegeben? Wer hätte das dem Dickschädel zugetraut! Ja, dann ist die Sache ganz anders! Dann werde ich auf der Stelle das heilige Abendmahl nehmen.«

»Was hat das damit zu tun?« fragte der Sohn verwundert.

»Ein honetter Christ«, erwiderte der Obrist, »nimmt das heilige Abendmahl nur dann, wenn er allen seinen Feinden vergeben hat. Ich hatte dem Pastor nicht vergeben und wollt' es auch nicht. Nun aber tue ich's, und dem Erbrichter will ich auch nichts mehr nachtragen, da er tot ist. Hole den Feldprediger, lange mach' ich's nicht mehr.«

Der Rittmeister sprang auf und eilte zur Tür. »Der Mann kriegt natürlich nun junge Hühner und frische Eier und gutes Korn!« rief ihm sein Vater nach.

»Wie? Wer soll Eier und Hühner und Korn kriegen?« fragte Herzog Bernhard von der Tür her, durch die er eben eintrat und wo er beinahe mit dem Rittmeister zusammenprallte. Hinter ihm kam der Feldprediger mit den heiligen Gefäßen.

»Mein Vater,« stammelte der jüngere Germar, »wies mich eben an, unserem Pastor daheim die richtigen Gefälle zu geben.«

»Ah, besteht dort so gute Harmonie zwischen der Gutsherrschaft und dem Pastor? Nun, lieber Germar, das ist recht, daß Ihr in so christlichen, löblichen Gedanken Euer Stündlein erwartet. Das freut mich von Herzen. Ich dachte mir's schon, als ich Euer Testament erhielt, daß Ihr nach dem Mahle unseres Herrn Verlangen trüget, und habe den Pfarrer gleich mitgebracht. Und vorher laßt Euch noch danken für alles, was Ihr in meinem Dienst getan. Ihr waret mir ein treuer und tapferer Feldobrist allezeit, und es schmerzt mich, daß ich Euch verlieren soll. Ihr werdet in meinem Gedächtnis fortleben als ein wackerer Mann, und Euren letzten Willen werd' ich redlich erfüllen, das gelobe ich Euch bei meiner fürstlichen Ehre! Auch will ich Euern Sohn fördern, wo ich kann.«

»Es ist mir ein absonderlich Pläsir, Eure Fürstliche Gnaden so reden zu hören,« erwiderte der Obrist, und ein Blitz zuckte über sein hageres Gesicht. »Es war mir immer eine Ehre, daß ich Ihnen dienen durfte, und ich wünsche Ihnen alle Fortuna, auch wenn ich nun nicht mehr dabei bin.«

Die letzten Worte sprach der Sterbende mit auffallend schwacher Stimme, und der Herzog wandte sich an den Feldprediger und sagte: »Waltet Eures Amtes. Macht's kurz!« Dann ergriff er die Hand des Obristen, drückte sie kräftig und rief laut: »Lebt wohl, Germar! Dort drüben sehen wir uns wieder. Gott verleihe Euch die ewige Seligkeit!«

Als er mit zuckenden Lippen ins Freie trat, kam ihm Erlach entgegen. Der General war nach kurzem Aufenthalt in Paris ins Lager zurückgekehrt und hatte hier in den letzten Monaten die wichtigste Rolle gespielt. Der Herzog war mehrmals sehr krank gewesen und hatte sich fern vom Heer aufhalten müssen. Inzwischen hatte Erlach das Kommando geführt. Dieselbe Stellung hatte er innegehabt, als der Herzog den kaiserlichen Entsatzheeren unter dem Lothringer und dem Grafen Götz entgegenzog und sie zerstreute. Er war jetzt Bernhards rechte Hand und stand ihm fast so nahe wie ehedem Taupadel, der sich leider noch immer in der Gefangenschaft des Kaisers befand.

»Lebt der Obrist noch?« rief er dem Herzog entgegen.

»Noch lebt er, aber wohl nur noch einige Minuten. Der Pfarrer ist bei ihm und gibt ihm das heilige Abendmahl.«

»Schade um ihn! Eure Durchlaucht verlieren in ihm einen tüchtigen Haudegen!«

»Nicht nur das,« erwiderte der Herzog. »Es geht mit ihm wieder einer meiner alten Thüringer dahin, einer von denen, die mit mir reden konnten über die Berge und Wälder und Menschen meiner Heimat. Es sind nur noch wenige davon im Heere, der Kreis wird immer kleiner, und jedesmal, wenn einer scheidet, fühle ich, wie sehr mein Herz noch an meiner alten Heimat hängt. Man sagt euch Schweizern nach, daß ihr euch nie ganz glücklich fühlen könnt fern von euren Bergen, und daß ihr immer wieder heimwärts strebt, wenn's euch auch noch so gut geht draußen in der Welt. Mit den Thüringern steht es wohl ähnlich.«

Er blickte eine Weile sinnend ins Weite und fuhr dann fort: »Er sieht sein Dorf nicht wieder, wo er geboren war, sein Hügel wölbt sich ihm in fremder Erde. Auch mir wird's so ergehen, und wer weiß, wie bald!«

Erlach fuhr auf. »So sollten Eure Fürstliche Gnaden nicht reden! Sie sind durch Gottes Gnade jetzt völlig wieder, hergestellt und stehen noch in der Kraft der Jugend!«

Der Herzog schien diese Worte gar nicht zu hören, denn er fuhr leise fort wie im Selbstgespräch: »Seine Hand hält ein wackerer Sohn in der Sterbestunde, und er darf hoffen, daß sein Geschlecht weiterblüht und vielleicht noch lange dauert. Ich aber würde, wenn der Herr mich jetzt riefe, dahingehen wie ein verdorrter Stamm, der kein Reis getrieben hat.«

Erlach blieb stehen und wagte es, des Herzogs Hand zu erfassen. »Herr!« rief er vorwurfsvoll. »Warum solche Worte? Ich kann sie nur mit Schmerzen hören. Warum wollten Sie am Leben verzagen? Sie stehen vor einem großen Erfolge, denn in der nächsten Woche muß sich Breisach Ihnen ergeben. Dann wird Eure Durchlaucht Landgraf im Elsaß und Herr im Breisgau, und was das Haus Österreich hier besessen hat, das fällt Ihnen alles zu! Sie können dann der Stammvater eines fürstlichen Geschlechtes werden, das mächtiger dasteht als Ihre Vettern und Brüder in der Mitte des Reiches. Wenn mir Eure Durchlaucht noch erlauben wollen, dies zu sagen: Eure Durchlaucht sollte heiraten!«

Der Herzog blickte ihn verwundert an. »Was sagt Ihr da, Erlach? Kennt Ihr mein Leben nicht? Wie kann ein Mensch heiraten, der tags im Sattel sitzt, nachts im Zelte schläft? Kann ich ein Weib mit herumführen auf meinen Kriegszügen?«

»Von jetzt an braucht das nicht mehr zu sein. Hat Eure Durchlaucht Breisach, so hat sie eine sichere Burg, wo eine fürstliche Frau wohl hausen könnte. Und man spricht ja allgemein davon, daß Eure Durchlaucht in der Heimat versprochen sei mit einer Dame fürstlichen Geblütes. Wollen mir Eure Durchlaucht nicht übel nehmen, daß ich mich unterwinde, so frei mit Ihnen zu sprechen.«

»Nein, Erlach, das verüble ich Euch nicht,« erwiderte der Herzog freundlich. »Ich weiß, daß Ihr in guter Gesinnung also redet. Und was Ihr sagt, ist wahr. Ich bin mit meiner Base versprochen seit vielen Jahren, und ich wollte sie heimführen, sobald Breisach gefallen sei. Aber wir liegen nun sechzehn Wochen davor. Ich meinte, ich würde das Nest haben, ehe der September zu Ende wäre; jetzt schreiben wir den neunundzwanzigsien November, und ich habe es noch nicht. Es muß ja bald unser sein, denn die Not drinnen ist schauderhaft. Aber kann ich die Prinzessin zu mir holen lassen in dieser harten Winterszeit? Ich muß nun wieder harren, bis es Frühling ist.«

»Ach, dann werden Eure Durchlaucht wohl nur wenig Zeit haben, den Hochzeiter zu spielen, denn dann geht's ins Reich. Der Banér dringt vor auf Prag, und Eure Durchlaucht sehe ich schon auf Wien vordringen.«

»Ja, Erlach, wenn mir Frankreich die Mittel dazu gibt! Könnt' ich nach Bayern rücken, an der Donau erscheinen, dem Banér die Hand reichen, den Krieg in des Kaisers Erblande tragen – wahrlich, dann hätten wir im Herbste den Frieden, nach dem die ganze Welt schreit!«

In diesem Moment kam ein Reiter die Lagergasse, in der sonst schnelles Reiten untersagt war, im Galopp herangesprengt, parierte sein Pferd dicht vor dem Herzog, salutierte und meldete mit fliegendem Atem: »Fürstliche Gnaden, zwei Parlamentäre aus der Festung sind da! Sie halten vor dem Quartier Eurer Durchlaucht!«

»Kommt, Erlach!« rief der Herzog und eilte hastig vorwärts. Sein Antlitz strahlte. Er ahnte, was die beiden bringen würden.

Neben zwei unglaublich mageren Gäulen, von denen niemand begriff, wie sie sich selber auf den Beinen halten, geschweige einen Reiter tragen konnten, standen vor dem Feldherrnquartier, einer großen Holzhütte, zwei kaiserliche Offiziere in ernster Unterhaltung mit dem Obristen Wietersheim. Den jüngeren kannte Bernhard nicht; er war, wie sich herausstellte, ein Kapitän Grandmont. Der ältere aber war ein bekannter und geachteter Führer der feindlichen Armee, Obrist Mercy, dem Herzog seit langem wohl bekannt. Er war früher ein Mann von beträchtlichem Leibesumfang und großem Gewicht gewesen und hatte eines besonders schweren Rosses bedurft. Jetzt hatte ihn die dürre Schindmähre hierher getragen, denn seine weinroten Wangen waren gelblich und hager geworden, und die Kleider schlotterten ihm um den Leib. Er bot ein wahres Bild des Mangels dar, der in der Stadt und Festung Breisach herrschte.

Er überreichte dem Herzog, als er seiner ansichtig ward, mit einer tiefen Verneigung ein versiegeltes Schreiben. Der Herzog erbrach es, und während er es überflog, funkelten seine Augen auf in Stolz und Freude. Reinach, der kaiserliche Kommandant von Breisach, der bisher trotz der furchtbarsten Not der Besatzung und der Bürgerschaft jede Aufforderung zur Übergabe mit eiserner Unbeugsamkeit abgewiesen hatte, bat, in Kapitulationsverhandlungen eintreten zu dürfen.

Dem Herzog hämmerte das Herz in der Brust, und nur mit der allergrößten Mühe gelang es ihm, die überwältigende Freude, die ihn erfüllte, wenigstens soweit zu verbergen, daß sie die tapfern Besiegten, die vor ihm standen, nicht verletzte.

Er sprach zunächst kein Wort, knöpfte umständlich seinen Rock auf, steckte das Schreiben in die Brusttasche und knöpfte den Rock wieder zu. Dann sagte er: »Wietersheim, führe die Herren in mein Haus. Sie werden eine kleine Kollation nicht verschmähen, indessen ich noch einen wichtigen Gang zu tun habe. Kommt, Erlach, Ihr begleitet mich!«

Als er nach einer halben Stunde wiederkam, stand der Obrist Wietersheim vor dem Zelte und machte ein Gesicht, als habe er ein Wunder geschaut. »Fürstliche Gnaden,« flüsterte er, »es ist kaum zu glauben, was diese Leute gegessen haben: eine ganze Wurst, so lang wie mein Arm, und einen Haufen kaltes Fleisch und einen ganzen Laib Brot. Sie äßen wohl immer noch, wenn wir ihnen mehr gäben.«

»Da seht Ihr, Wietersheim,« entgegnete der Herzog, »wie da drin die Offiziere mit den gemeinen Leuten die bittre Not geteilt haben. Da mag sich jeder ein Exempel daran nehmen! Wahrlich, der Graf Reinach ist ein Mann, wie es in der ganzen Armee des Kaisers keinen zweiten gibt. Sein Herr mag ihn für seine übermenschliche Tapferkeit zum Fürsten machen. Am liebsten setzt' ich ihn gefangen und ließ ihn während des Krieges nicht wieder los. Aber er hat's wohl verdient, daß man ihn und seine Leute mit den größten Honneurs abziehen läßt.«

Dieses ausgezeichnete Urteil des Herzogs über seinen hartnäckigsten Gegner erfuhr nun allerdings in den nächsten Tagen eine gewaltige Änderung. Da fortwährend die Boten und Parlamentäre hin und her ritten, hörte er manches aus der Stadt, was er kaum für möglich gehalten hätte. Er hatte sich's ja sagen können, daß die Not in Breisach fürchterlich sein müsse, denn von was man da drin gelebt hatte in den letzten Wochen, darüber hatte er sich mit seinen Offizieren oft den Kopf zerbrochen. Wahrscheinlich hatte man erst die Pferde geschlachtet, dann Hunde und Katzen, endlich Ratten und Mäuse verzehrt. Solches war in belagerten Städten schon manchmal vorgekommen. In Breisach aber war der Mangel so furchtbar, daß die Leute sich von Pferde- und Rinderhäuten nährten, und diese Speise war so begehrt, daß ein Stück gekochter Pferdehaut, das nicht größer war als die Fläche einer Hand, mehr als einen Schilling kostete. Die Menschen kratzten den Kalk aus den Mauern, um damit ihren Hunger zu stillen, und aßen sogar die Hufe der geschlachteten Zugtiere, nur um etwas im Leibe zu haben. Wer solche Kost nicht vertrug, mußte sterben. Hunderte gingen zugrunde, besonders unter den Weibern und Kindern hielt der Tod eine schreckliche Ernte.

Das Entsetzlichste aber ward erst offenbar, als die weimarischen Gefangenen aus der Stadt entlassen wurden und ins Lager kamen.

Ein kleiner Trupp hohläugiger, völlig entkräfteter Menschen, die kaum noch zu gehen vermochten, wankte heran. Der Herzog ließ sofort Brot unter sie verteilen, das sie gierig verschlangen. Dann trat er zu ihnen hinaus und redete sie an.

»Wie kommt es,« fragte er, »daß mir der Kommandant nur etwa die Hälfte sendet von denen, die in seiner Hand gehalten sind? Hat er sich etwa an den andern wider alles Kriegsrecht freventlich vergriffen?«

»Die andern sind gestorben!« rief eine heisere Stimme aus dem Haufen.

»Großer Gott! Hat er euch so schändlich gehalten? Hat er euch nicht Trank und Speise gegeben?«

Da trat ein alter Doppelsöldner vor und wickelte ein schmutziges Tuch mit zitternden Händen auf. Eine blutige Leber und eine Menschenhand kamen zum Vorschein. »Das war unsere Speise. Wir haben die gefressen, die vor Ermattung starben.«

Der Herzog schrie auf. »Das ist nicht wahr!«

»Das ist wohl wahr, Herr! Viele Menschen sind da drin gefressen worden. Auch seine Leute haben Weiber und Kinder gefressen!«

Bernhard blickte sich im Kreise seiner Obristen um, die vor Grauen starr dastanden. Sein Antlitz war blaß, und in seinen Augen war ein so schreckliches Funkeln, wie es noch niemand wahrgenommen hatte. »Ihr Herren,« sprach er endlich, als er wieder Worte fand, »Ihr Herren, was dünket Euch? Sollen wir dieser Bestie den Akkord halten, den wir mit ihr geschlossen haben? Mit Tigern und Wölfen kapituliert man nicht. Die schlägt man tot, wenn man sie totschlagen kann. Der Schurke hat den deutschen Namen befleckt. Er verdient den Tod.«

»Hängt ihn auf, Fürstliche Gnaden!« riet Wietersheim. »In den Rhein mit ihm!« schrie Oehme, und die andern nickten Beifall. Nur Erlach widersprach. »Der Graf hat eine Tat getan,« sagte er, »die selbst den Türken und Mohren Abscheu einflößen würde. Das ist wahr. Eure Durchlaucht aber haben ihm die Kapitulation beschworen, und Sie sind nicht sein Richter. Gott wird ihn zu finden und zu richten wissen. Ich ließe ihn ziehen, wenn ich an Eurer Durchlaucht Stelle wäre, und gäbe den Feinden nicht den Vorwand, überall auszuschreien, Eure Durchlaucht hätten aus Rachsucht Ihr fürstliches Wort gebrochen.«

Die Offiziere murrten, und der Herzog gab zunächst keine Antwort. Er stand mit gesenkter Stirn und geballten Fäusten da; man sah ihm an, daß er einen schweren inneren Kampf durchkämpfte. Endlich sagte er: »Es sei. Ich halte, was ich geschworen habe. Aber ich will das Scheusal mit Augen sehen und ihm noch ein paar Worte in sein Gewissen stoßen. Er zieht nicht auf Rheinschiffen ab, wie er's haben will, er defiliert mit seiner ganzen Mannschaft an mir vorüber!«

So geschah's. Wie sehr sich auch Reinach sträubte, persönlich vor dem Sieger zu erscheinen, so mußte er doch in den sauren Apfel beißen. Am andern Morgen ritt Herzog Bernhard zum Eisenberge und stellte sich mit allen seinen Offizieren hoch zu Roß an der Straße auf, die aus der Stadt zum Hafen hinab führte. Die weimarischen Soldaten bildeten links und rechts der Straße Spalier, und bald nahten die besiegten Verteidiger dieser Stadt, die laut der abgeschlossenen Kapitulation mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen, Ober- und Untergewehr und brennenden Lunten ausziehen durften. Es war ein jammervoller und erschrecklicher Anblick, als die vierhundert Mann, die noch übrig waren, gefolgt von mehreren Hundert bleichen, abgezehrten Weibern, daherwankten.

Graf Reinach ritt auf einem mageren Klepper inmitten seiner Schar dahin. Als er des Herzogs ansichtig wurde, ließ er sich aus dem Sattel zur Erde gleiten, nahte sich ihm mit tiefer, oftmals wiederholter Reverenz und küßte ihm die Stiefel. Die Augen wagte er nicht zu ihm aufzuschlagen.

»Herr Graf von Reinach,« redete ihn Bernhard an, der finster auf ihn herniederblickte, »ich hätte allen Grund, Euch den Akkord nicht zu halten, Euch auch nicht als einen Kavalier zu behandeln. Ich habe Euch mehrfach angeboten, die Gefangenen auszuwechseln. Ihr aber habt das nicht getan, sondern sie Hungers sterben lassen. Ja, Ihr habt die Lebendigen gezwungen, Tote zu essen, um ihr Leben zu erhalten. Das ist eine unerhörte, schändliche, krudelische Tat, die Ihr nicht einmal vor dem Kaiser verantworten könnt, und die der gerechte Gott nicht ungestraft lassen wird.«

Darauf erwiderte Reinach, immer mit gesenktem Blick: »Ich habe von meinem Herrn, dem Kaiser, Befehl erhalten, den Platz zu halten, und das habe ich getan. Was geschehen ist, mag verantworten, wer es befohlen hat. Hätte ich Eurer Durchlaucht die Gefangenen herausgeschickt, so hätten Sie schon vor Wochen gewußt, wie es hier stand, und hätten die Stadt ohne Zweifel mit Sturm genommen.«

Der Herzog biß die Zähne zusammen und knirschte. »Wäret Ihr ein Mensch, so hättet Ihr wenigstens alle die Pferde schlachten lassen, die Ihr da mit Euch führt. Aber ich will nicht mit Euch rechten. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten! Ihm befehle ich die Rache, er wird Euch nicht ungestraft lassen. Denkt daran auf Eurem Totenbette! Und nun geht! Geht und befreit mich von Eurem Anblicke!«

Reinach wankte seinen Truppen nach, die inzwischen langsam vorbeigezogen waren. Ihm folgte eine wunderliche Gestalt, ein Mann im schwarzen Kleide, der einen weißen Stab in der Hand hielt. Er glich einem Geistesgestörten, denn er verdrehte, während er sich vorwärts bewegte, in einem fort die Augen, klapperte mit den Zähnen, knickte in die Knie und gebärdete sich ganz und gar unsinnig. Als er den Herzog auf seinem Rosse erblickte, warf er sich der Länge nach zur Erde hin und stöhnte und winselte.

»Was ist denn das für ein Mensch?« fragte der Herzog verwundert. »Hat er etwa durch die große Trübsal den Verstand verloren?«

»Eure Fürstliche Gnaden,« sagte einer der Deputierten der Bürgerschaft, die inzwischen herangekommen waren, »das ist der erzherzogliche Kanzler Doktor Isaak Volmar.«

»Ah! Der wider mich geschrieben und mich einen Bärenhäuter geschimpft hat?« rief der Herzog. »Ihr Herren, was machen wir mit dem?«

»Hängen Sie ihn auf, Fürstliche Gnaden!« erklang's in tiefem Baß aus der Mitte der Obristen.

Der im Staube Liegende richtete sich mit halbem Leibe auf und ächzte: »Gnade, Gnade, Hochfürstliche Hoheit! Der Teufel hat mir die bösen Schmähreden gegen Sie in die Feder gegeben!«

»Derselbe Vogel,« erwiderte der Herzog, »hat sie Euch ins Herz gegeben, daraus sie in die Feder geflossen. Was tun wir mit Euch?«

»Hängen Sie ihn auf, Fürstliche Gnaden!« erdröhnte dieselbe Baßstimme wie vorher.

»Nein. Ich habe viehische Grausamkeit nicht mit dem Leben gestraft, soll ich böse Worte also strafen? Wenn ich Recht ergehen ließe, Kanzler, so würde freilich der Baum dort Euer Kirchhof.«

»Gnade, Gnade!« wimmerte Volmar in den höchsten Tönen.

»Ja, Ihr sollt Gnade haben. Macht Euch fort, Reinach nach! Und wißt Ihr etwas von Dankbarkeit, so sorgt dafür, daß Doktor Martin Chemnitz frei wird, der in Regensburg gefangen sitzt.«

Der Kanzler, der in Todesangst um sein Leben gebangt hatte, blickte zum Herzog empor, als traue er seinen Worten nicht. Aber als er sah, daß der Fürst ihm ruhig und hoheitsvoll mit der Hand abwinkte, da raffte er sich auf und floh mit so gewaltigen Sprüngen von dannen, daß alles lachte.

Jetzt drängten sich die Deputierten der Stadt heran, und der Sprecher der Bürgerschaft begann zu reden. »Weil Eure Fürstliche Gnaden,« sagte er, »die Festung durch Gottes Verhängnis in Ihre Gewalt gebracht –«

»Schweigt!« unterbrach ihn Bernhard zornig. »Nicht also müßt ihr reden. Ich habe sie durch Gottes Hilfe und Gottes Beistand. Und nun merket wohl auf, ihr Männer von Breisach! Ich weiß, daß ihr in eurem Herzen kaiserlich seid, und ich verlange nicht, daß ihr eure Gesinnung wechselt wie man einen Handschuh aus- und anzieht. Erst die Zeit kann euch andere Gedanken ins Herz geben. Aber was ich von euch fordere, ist dies: Ihr haltet euch nach dem Eide, den ihr mir nachher schwört, als eurem neuen Herrn. Hütet euch, ihn zu verletzen! Hütet euch vor Intrigen und Umtrieben! Hütet euch, gegen mich und meine Soldaten zu konspirieren! Ihr würdet's schwer büßen müssen. Und nun spart euch alle weiteren Worte! Ich sehe euch an, daß ihr voller Falsch seid. Macht euch fort! Zum Eide werdet ihr gerufen werden.«

Die Bürger schlichen beiseite, und der Herzog wandte sich den Seinen zu. »Reitet mit dem blauen Regiment voraus, Wietersheim!« gebot er. »Besetzt die Tore und Wälle, und wenn's neun Uhr schlägt, laßt alle Geschütze donnern und alle Glocken dröhnen. Dann ziehe ich ein in Breisach. Mit Gottes Hilfe hab' ich's gewonnen, Gottes Gnade wolle mir's erhalten!«

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