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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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V.

Herzog Wilhelm von Weimar stand am Fenster seines Schreibgemaches und blickte zum Abendhimmel empor, der von düsterrotem Lichte übergossen war. Das Antlitz des Fürsten zeigte einen tiefbekümmerten Ausdruck, und das war kein Wunder, denn hinter ihm lag eine bitterschwere Stunde. Vor fünf Tagen waren zwei Ratsherren der guten Stadt Buttstätt vor ihm erschienen und hatten ihn kniefällig gebeten, ihre Gemeinde von jeder Steuerzahlung in diesem Jahre befreien zu wollen. Denn der Zustand ihres Gemeindewesens sei trostlos, und seitdem die sächsische Einquartierung ihren Einzug gehalten, spotte die Not und das Elend jeder Beschreibung. Darauf hatte der Herzog seinen Kammerjunker von Krosigk nach Buttstädt entsandt, damit er sehe, wie es stehe in dem Städtlein und in der ganzen dortigen Gegend. Eben vor einer Stunde hatte er nun den heimgekehrten Kommissar in Audienz empfangen und seinen Bericht entgegengenommen. Krosigk war kein Mann von weicher Gemütsart, aber während er seinen Vortrag hielt, hatte ihm mehrmals die Stimme merklich gezittert, denn was er verkünden mußte, war schrecklich und grauenvoll und mußte jeden empören, der noch ein menschliches Herz in der Brust trug.

Die Stadt Buttstädt war vor einigen Jahren, nachdem Herzog Wilhelm dem Prager Frieden zwischen Kursachsen und dem Kaiser beigetreten war, von den Schweden aus Rache fürchterlich geplündert, verwüstet, zum Teil in Asche gelegt worden. Nach Abzug Banérs und seiner Horden hatte man angefangen, die Häuser notdürftig wieder aufzubauen, und es war der gequälten Bürgerschaft eine kurze Zeit des Aufatmens vergönnt gewesen. Dann aber waren kursächsische Truppen dort ins Quartier gelegt worden und lagen nun schon mehrere Monate dort, und mit ihrem Einzuge hatte für die unglückliche Stadt und ihre Umgebung eine neue Leidenszeit begonnen. Denn was diese sogenannten Verbündeten von den Schweden unterschied, war nur, daß sie nicht brannten, im übrigen hausten sie wie in einer eroberten feindlichen Landschaft. Es war ja schon eine furchtbare Last für die kleine, heruntergekommene Landstadt, daß sie ein halbes Tausend Reiter mit ihren Rossen viele Wochen lang beherbergen und ernähren mußte, aber viel furchtbarer war es für die Bürger, daß sie außerhalb alles Rechtes und Gesetzes lebten. Jeden Tag geschahen gegen sie die schändlichsten Gewalttaten, kein Mann war auch nur eine Stunde seines Lebens und Eigentumes, kein Weib seiner Ehre sicher. Die höheren Offiziere konnten dem schändlichen Unwesen nicht steuern, denn sie hatten längst die Macht über die Mannschaften eingebüßt. Sie wollten es aber auch gar nicht, denn sie wußten, daß ihr Herr in Dresden den fürstlichen Vettern in Weimar abgünstig war. So ließen sie die Soldaten in der Stadt schalten und walten, wie es ihnen beliebte, und litten es, daß sie nächtliche Raubzüge auf die umliegenden Dörfer veranstalteten und dort wie die losgelassenen Bestien hausten. Nur das Niederbrennen der Häuser und Gehöfte war bei schwerer Strafe verboten, sonst war jede Quälerei der unglücklichen Landleute erlaubt. In fast jedem Dorfe um Buttstädt herum hatte Krosigk von solchen gehört, die zu Tode gefoltert worden waren, hatte zum Teil die unseligen Opfer viehischer Grausamkeit, die noch unbeerdigt in ihren Häusern lagen, mit eigenen Augen gesehen. Einige Dörfer waren fast menschenleer geworden, denn die Einwohner hatten sich in die dichten Wälder der Finnebergs geflüchtet. Wie sie dort eigentlich ihr Leben fristeten, wußten die Zurückgebliebenen nicht anzugeben; sie mochten sich wohl von Wurzeln, Beeren und erbeutetem Wilde nähren.

Der unglückliche Fürst hatte den Bericht seines Kommissars schweigend bis zu Ende gehört. Auch Krosigk hatte sich, als er fertig war, nur schweigend verbeugt und war hinausgegangen. Beide Männer wußten, daß sie in Tränen ausgebrochen wären, wenn sie zu reden versucht hätten.

Als Krosigks Tritte draußen verhallt waren, hatte sich der Herzog zunächst in einen Sessel geworfen und das Gesicht in beide Hände verborgen. Wieder einmal, wie so manchmal schon in den letzten Jahren, litt er die bitterste Qual, die ein Fürstenherz erleiden kann, er empfand seine Ohnmacht. Der Fürst ist der Schützer seiner Untertanen, der Hüter von Ordnung und Recht im Lande. Was soll er in der Welt, wozu ist er noch da, wenn andere die Gewalt in seinem Lande an sich reißen und sie gebrauchen nach Gutdünken, und wenn er seine Untertanen in keiner Weise zu schützen vermag? Mit welchem Rechte verlangt er dann noch von ihnen, daß sie ihm zinsen und steuern und sich nach seinem Willen richten? Solche Gedanken hatten sich ihm in der jüngstvergangenen Zeit oftmals aufgedrängt, und er hatte darauf keine Antwort gefunden. Er nahm sein Fürstenamt ernst, wollte ein Vater seiner Untertanen sein. Wie kam es, und womit hatte er's verdient, daß Gott seine Macht immer mehr zu einem bloßen Scheine machte? War es eine Heimsuchung des Allmächtigen, durch die sein Glaube geprüft werden sollte, oder war's eine Strafe, die Gott um irgendeiner Schuld willen ihm auferlegt hatte?

Er grübelte lange darüber nach, aber er wußte sich keiner Schuld zu erinnern, die Gottes Zorn so hart hätte strafen müssen. Nur eine Torheit hatte er begangen, indem er dem Frieden von Prag beigetreten war, denn genau so, wie sein Bruder Bernhard es geweissagt hatte, war es gekommen. Neutralität gab es nicht, man mußte für den Kaiser oder für Schweden fechten. So hatte man nicht den Frieden gewonnen, sondern nur Freund und Feind vertauscht. Das Land hatte geradeso von den Schweden wie vorher von den Kaiserlichen gelitten, und als dann die Schweden – wer mochte wissen, auf wie lange – abgezogen waren, hatten die Kaiserlichen und Kursachsen ihren Einzug gehalten und raubten die Städte und Dörfer als Verbündete und Freunde genau ebenso aus wie früher, da sie als Feinde gekommen waren. Jedes Heer, das in ein Land kam, war des Landes Feind, es mochte sich nennen, wie es wollte, und so war es für die unglücklichen Untertanen ganz gleichgültig, ob ihr Herzog mit dem Kaiser Frieden gemacht hatte oder nicht.

Und ihm selbst, was hatte ihm der Beitritt zum Prager Frieden genützt? Nicht das Mindeste, er hatte ihm nur geschadet und seinen Brüdern ebenso. Den Ruf protestantischer Standhaftigkeit behauptete nur noch ihr Bruder Bernhard; sie galten vielen ihrer Glaubensgenossen, ja allen, die nicht selber die Versöhnung mit dem Kaiser gesucht hatten, als Abgefallene, und das schmerzte sie tief. Jeder von den dreien wäre lieber gestorben, als daß er seinen Glauben verleugnet hätte. Es gab keine redlicheren und treueren Protestanten als sie, und sie empfanden es als ein wunderliches und schreckliches Verhängnis, daß man sie mit dem Kurfürsten von Sachsen, dem »Judas von Meißen«, in einem Atemzuge nannte. Und nicht nur eine Minderung ihres Ansehens hatte ihnen die Verbindung mit dem feindlichen Namensvetter gebracht, sondern auch den schwersten materiellen Schaden, denn unter dem Deckmantel der Freundschaft ließ er ihr Land durch seine Truppen in Grund und Boden ruinieren. Mehr und mehr hatten die drei weimarischen Fürsten einsehen lernen, was ihnen Bernhard von jeher gepredigt hatte, daß der Vetter in Dresden insgeheim ihr ärgster Feind war, und seit Jahresfrist haßte ihn Wilhelm, der ihm früher am meisten vertraut hatte. Hätte er die Macht dazu gehabt, so hätte er die Sachsen mit den Waffen in der Hand aus seinem Lande gejagt. Aber daran war nicht zu denken, er konnte nur dann das Los seiner armen Untertanen bessern, wenn es ihm gelang, das Herz des Kurfürsten durch Bitten umzustimmen, und so bitter ihn das ankam, so entschloß er sich doch dazu um der großen Not seines Landes willen. Er erhob sich und trat ans Fenster, und indem er die Blicke zum Himmel emporhob, betete er in seinem Herzen, Gott möge ihn die rechten Worte finden lassen, das steinerne Herz des Bedrängers seiner Untertanen zu erweichen. Dann trat er ins Zimmer zurück und läutete dem Diener, der das Licht zu bringen hatte.

Der grauhaarige Alte erschien nach einer Weile und stellte es mit zitternden Händen auf den Schreibtisch seines Herrn. Der Greis glich einer Ruine, und er wurde nur deshalb nicht aus dem Dienst entlassen, weil er schon dem Vater des Herzogs gedient hatte. Es war ein Grundsatz Wilhelms, treue Diener auch dann noch zu behalten, wenn sie alt und schwach geworden waren, und so lange es möglich war, wurden sie noch mit kleinen Dienstleistungen betraut, damit sie das Gefühl behielten, in der Welt noch etwas nütze zu sein.

Nachdem der Alte wieder gegangen war, löschte der Herzog die eine der beiden Kerzen des Armleuchters aus, denn in diesen hochbetrübten Zeiten wollte er sparen, wo er es nur vermochte. Das Licht der einen Wachskerze erhellte zwar das Gemach nur spärlich, aber zu seiner Schreibarbeit däuchte es ihm völlig genügend zu sein. Mit einem tiefen Seufzer legte er sich einen Bogen zurecht und ergriff den Gänsekiel, um seine Bitten zu Papier zu bringen.

Da trat der alte Diener noch einmal ins Gemach und meldete: »Fürstliche Gnaden, der Herr Amtmann Hoffmann von Jena ist da und läßt fragen, wann er Eurer Fürstlichen Gnaden seine Aufwartung machen dürfe.«

Der Herzog fuhr lebhaft von seinem Stuhle empor. »Wie? Hoffmann ist wieder da? Wann ist er denn angekommen?«

»Ich weiß es nicht. Fürstliche Gnaden. Er meint, Eure Fürstliche Gnaden würden ihn wohl morgen in der Frühe empfangen, und er wollte nur die Zeit wissen.«

»Nein, er soll sofort zu mir kommen. Ich erwarte ihn.« In sichtlicher Erregung blickte der Fürst nach der Tür hin, durch die der Gemeldete eintreten sollte, denn er hatte ihn seit Wochen mit Ungeduld erwartet. Er und seine Brüder hatten den Jenenser Amtmann Johann Hoffmann, der vor langen Jahren Herzog Bernhards Sekretär gewesen war, vor fast drei Monaten an ihren Bruder nach dem Elsaß abgesandt. Nicht aus ihrem eigenen Antrieb war das geschehen, sondern auf den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers. Der wollte den Herzog, der ihm immer bedrohlicher und gefährlicher wurde, durchaus zu sich herüberziehen oder wenigstens zum Frieden bringen und hatte schon mehrfach insgeheim mit ihm deshalb verhandelt, aber ohne Erfolg. Nun war er der Meinung gewesen, wenn die Stimme des Blutes zu ihm rede, werde er sich leichter gewinnen lassen. Darum hatte er die sächsischen Herzöge mit allem Fleiß und Ernst ermahnt, ihrem kriegerischen Bruder recht beweglich zuzureden, daß er Frieden mache und wieder in des Kaisers und Reiches Devotion treten möge, und unter kaiserlichem Geleit war ihr Gesandter nach dem Süden des Reiches gezogen. Seitdem hatten sie nichts von Hoffmann gehört, er war wie verschollen gewesen. Was würde er nun bringen?

Herzog Wilhelm war so gespannt, daß er dem Eintretenden entgegeneilte und rief: »Nun, Hoffmann, was bringt Ihr für Zeitung? Wir haben lange auf Eure Rückkehr gewartet. Habt Ihr etwas erreicht bei meinem Bruder?«

Der Amtmann setzte eine kleine Ledertasche behutsam neben der Tür nieder und verneigte sich dann tief vor seinem Herrn. »Was ich erreicht habe, und ob ich etwas erreicht habe, das werden Eure Fürstliche Gnaden aus diesem Schreiben ersehen.«

»Setzt Euch, Hoffmann!« sagte Wilhelm, indem er den Brief seines Bruders aus den Händen des Boten nahm. Er selbst warf sich in seinen Arbeitssessel und begann zu lesen. Er saß dabei von dem Amtmann halb abgewendet, aber in einem gegenüberstehenden Spiegel konnte dieser die Züge seines Gesichtes genau beobachten. Sie drückten, während er das Schreiben bis zu Ende las, zwar tiefen Ernst, aber zugleich innerliche Befriedigung aus. Hoffmann, der in die geheimen Gedanken seines Herrn eingeweiht war, hatte das nicht anders erwartet.

Wohl eine halbe Stunde saß Herzog Wilhelm schweigend da, blickte von Zeit zu Zeit in das Schreiben und versank dann wieder in tiefes Nachdenken. Endlich wandte er sich nach seinem Boten um und sagte: »Es ist, wie ich mir's gedacht habe. Er nimmt den Prager Frieden nicht an, und daß wir ihm nur pro forma, der Kaiserlichen Majestät zu Gefallen, dazu geraten haben, das wißt Ihr ja, Hoffmann, und habt es ihm gesagt. Solange kein allgemeiner Friede zustande kommt, nützt uns kein Sonderfriede mit dem Kaiser oder den Schweden. Wir werden torquiert, molestiert und bis aufs Blut ausgesogen, so wie so. Darum möge er den Krieg weiterführen und den Feinden des Evangeliums Abbruch tun wie bisher. Soweit uns überhaupt noch etwas freuen kann in dieser jämmerlichen Welt, so freuen wir uns darüber. Ist es denn wahr, daß er nach seiner großen und herrlichen Viktoria bei Rheinfelden noch einen zweiten Sieg gewonnen hat über die kaiserlichen Heerhaufen?«

»Ja, Fürstliche Gnaden, es ist so. Der Duca von Savelli, den er bei Rheinfelden gefangen hatte, war ihm entflohen unter Bruch seines Ehrenwortes. In unbegreiflicher Verblendung hat ihm der Kaiser zum zweiten Male ein Heer anvertraut und ihn gegen Herzog Bernhard entsandt. Mit einem ansehnlichen corpus von lauter ältesten Regimentern, wohl zwölftausend Mann stark, ist dieser welsche Duca bei Wittenweier von Ihrem Herrn Bruder besiegt worden. Von seinem Heere sind kaum dreitausend Mann entronnen, die andern sind verwundet und erschlagen oder gefangen. Achtzig Fahnen und Standarten hat der glorreiche Sieger erbeutet, dazu die Kriegskasse und die Kanzlei der kaiserlichen Feldherrn Savelli und Götz.«

Der Herzog schlug erstaunt die Hände zusammen. »Das ist ja ein gewaltiger Sieg, Hoffmann! Dann kann ihm ja der Kaiser im Süden des Reiches ganz und gar nicht mehr widerstehen! Ich muß das sogleich meiner Gemahlin und meiner Schwägerin zu wissen tun. Wartet hier, Hoffmann, ich komme bald zurück.«

Der Amtmann lächelte vergnügt, als er den Herzog so eilfertig dahinschreiten sah, und sein Gesicht verklärte sich noch mehr, als er bemerkte, daß an der Wand des fürstlichen Schreibgemaches das Bild des Herzogs Bernhard hing. Er war seit Jahren in die Verhältnisse des hohen Hauses völlig eingeweiht und wußte, wie tief die Brüder eine Zeitlang einander entfremdet gewesen waren. In früheren Jahren war der offene Bruch zwischen dem Ältesten und dem Jüngsten mehrmals nur mit Mühe vermieden worden, und lange Zeit hatte es Wilhelm nicht überwinden können, daß Bernhard im Kriege die Rolle spielte, die er selber gern gespielt hätte. Dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem die drei weimarischen Herzöge den Prager Frieden annahmen, und von da an hatte jede Verbindung zwischen ihnen und dem fernen Bruder wie von selbst aufgehört. Er schrieb nicht mehr an sie, und sie schrieben nicht mehr an ihn; eine Zeitlang war's, als wäre er aus ihrem Leben ganz und gar verschwunden.

Aber das war schon längst nicht mehr so. Hoffmann wußte das wohl. Herzog Wilhelm bereute insgeheim, daß er dem Prager Frieden beigetreten war. Herzog Ernst, der zurzeit in Gotha weilte, und Herzog Albrecht, der zu Eisenach Hof hielt, waren darin mit dem ältesten Bruder ganz einig. Je mehr aber diese Reue in ihnen wuchs, um so mehr vermochten sie ihrem jüngsten Bruder gerecht zu werden, um so höher wuchs auch die Achtung vor ihm in ihren Herzen. Er hatte ihnen immer abgeraten, Kursachsen zu trauen und mit dem Kaiser Frieden zu machen. Er hatte ihnen stets die schlimmen Folgen friedseliger Nachgiebigkeit und Schwäche vorausgesagt, die nun eingetreten waren. Er war also klüger, weiterblickend gewesen als sie. Aber nicht nur seine Klugheit nötigte ihnen Achtung ab, sondern noch viel mehr seine fast übermenschliche Standhaftigkeit und Unbeugsamkeit. Sie sahen endlich ein, was die Welt schon längst wußte, daß ihr jüngster Bruder der Größte unter ihnen war und daß sie stolz sein konnten auf ihn. Die Einsicht war ihnen spät gekommen, was ja nicht unbegreiflich war und ihnen nicht zum besonderen Vorwurf gemacht werden konnte, denn der Prophet gilt nun einmal nichts in seinem Vaterlande, und auch der größte aller Menschenkinder war in seiner göttlichen Herrlichkeit am spätesten von denen erkannt worden, die ihm am nächsten standen. Nachdem aber den fürstlichen Brüdern die Augen aufgegangen waren, hatten sie, wenigstens ihren Vertrauten gegenüber, aus ihrer veränderten Gesinnung gegen den Bruder kein Hehl gemacht. Als der Sieg von Rheinfelden bekannt geworden war, war heimlich im Schlosse zu Weimar ein kleines Fest gefeiert worden, und Wilhelm hatte dem Sohne, der ihm gerade damals geboren worden war, den Namen Bernhard gegeben. Das war ja wohl ein sicheres Zeichen dafür, wie sich seine Meinung über den Bruder geändert hatte, und jetzt hing sogar ein Bild von ihm in seinem Zimmer. Wahrscheinlich, überlegte sich Hoffmann, hatte der Hofmaler das Bild nach einem der Stiche entworfen, die in neuerer Zeit im Reiche umherliefen, und die Farben seinem eigenen Gedächtnisse entnommen, wohl auch das Porträt mit Liebe gemalt, denn es war trotz mancher künstlerischer Mängel sehr ähnlich und nicht ohne Leben.

Soweit war Hoffmann in seinem Gedankengang gekommen, als die Tür sich öffnete und die drei fürstlichen Personen hereintraten. Die Züge der Herzogin zeigten die höchste Neugier, das Antlitz der Prinzessin aber leuchtete vor Glück und war von einem rosigen Schimmer übergossen.

Mit ausgestreckter Rechte eilte sie auf den Amtmann zu. »Das ist ja eine wundervolle Zeitung, die Ihr uns bringt!« rief sie. »Ich wollte, es stünde in meiner Macht, Euch fürstlich dafür zu belohnen!«

»Meiner gnädigsten Herrschaft etwas berichten zu können, was derselben Freude macht, ist mir der schönste Lohn!« erwiderte der gewandte Amtmann.

»Und sagt mir vor allem: Wie habt Ihr den Herzog gefunden? Ist er gesund? Geht es ihm wohl? Wie sieht er aus?«

»Er ist, Gott sei dafür gepriesen, recht wohl und gesund. Das ist recht eigentlich ein Wunder des Höchsten, denn die Offiziers, mit denen ich täglich speiste, erzählten von beinahe mirakulösen Strapazen, denen er sich ausgesetzt habe. So ist er zweimal durch den Rhein geschwommen in voller Rüstung, anderer Stückchen nicht zu gedenken.«

Die Prinzessin machte eine Gebärde des Erschreckens, und der Herzog runzelte die Stirn. »Das höre ich nicht gerne,« sagte er, »und das gefällt mir nicht an ihm. Er sollte doch bedenken, was jetzt an seiner Person hängt. Ist keiner um ihn, der ihm darüber Vorstellungen macht?«

»Ich fürchte, es ist keiner da, Fürstliche Gnaden, seitdem General Taupadel bei einem wilden Ritte in die Hände der Kaiserlichen geraten ist.«

»Wie? Unser alter Taupadel ist gefangen? Das weiß ich ja noch gar nicht!« rief der Herzog. »Ich will nicht hoffen, daß er schwer verwundet ist?«

»Unverwundet haben sie den Taupadel natürlich nicht gekriegt, Fürstliche Gnaden, aber seine Wunden sollen nicht schwer sein. Er wird wohl auch bald ausgewechselt werden, denn Herzog Bernhard hat kaiserliche Generale und Obristen in Menge gefangen.«

»Da ist zum Exempel der Jan von Werth!« warf der Herzog dazwischen. »Den, Fürstliche Gnaden, hat Herzog Bernhard dem Könige von Frankreich geschenkt. Er sitzt zu Paris in einem vergitterten Käfig und spielt drin mit seinen Offizieren den ganzen Tag Karten und alle trinken Tabak, daß es aussieht, als ob ein Brand ausbrechen solle, und die Pariser stehen davor und staunen sie an, als ob sie Menschenfresser oder wilde Tiere wären.«

Der Herzog lachte. »Ja, so sind die Welschen, wie die großen Kinder! Es sollte mich übrigens wundern, wenn der König nicht Geld dafür erhöbe. Sie verstehen dort, aus allen Dingen Geld zu machen.«

»Und habt Ihr, Herr Amtmann, dem Herzog nicht selbst Vorstellungen gemacht wegen seiner zu großen Kühnheit?« fragte die Prinzessin. »Das hätt' Euch wohl angestanden als seinem alten, vertrauten Diener.«

»Ach, gnädigstes Fräulein, das habe ich auch gewißlich versucht, aber ich habe es bald bleiben lassen. Wenn er einen so ansieht mit seinen glänzenden Augen, so hält man schon den Mund, und wenn er dann zu reden anhebt und ihm die Worte so gewaltig von den Lippen fließen, so kommt man sich wie ein rechter Narr vor, daß man sich unterwunden hat, einem so hocherleuchteten Haupte einen Rat zu geben. Und doch hab' ich's noch einmal versucht in der Audienz, die er mir zum Abschied erteilte. Da hielt er mir eine mächtige Rede, daß der Feldherr den Soldaten, die immer schlechter würden, in allen Stücken ein Beispiel sein müsse, auch in der Verachtung des Todes. Und dann lächelte er mit einem Male und sagte: »Nun, Hoffmann, vielleicht wird auch aus mir noch ein vorsichtiger Tugendbold, nämlich dann, wenn ich ein Ehemann werde. Und die Zeit, daß ich es werden kann, scheint mir mählich heranzurücken, und ihr, die mein Ehegemahl werden soll, bitt' ich Euch, etwas mitzunehmen.««

»Ich hab' es gehofft,« sagte die Prinzessin leise.

»Und ich frage Eure Fürstliche Gnaden,« wandte sich Hoffmann an den Herzog und die Herzogin, »ob ich in dero Gegenwart dem durchlauchtigen Fräulein übergeben darf, was mir Herzog Bernhard für sie anvertraut hat?«

»Freilich, freilich!« riefen beide wie aus einem Munde.

Der Amtmann schritt zur Tür hin und entnahm der Tasche, die er dort auf den Boden gestellt hatte, ein Schreiben und eine kleine, stählerne Kassette. »Hier ist der Brief seiner Fürstlichen Gnaden und hier der Schlüssel!«

Die Prinzessin erbrach das Siegel und las. Es war ein langer Brief, und sie ward nicht schnell damit fertig, weil ihr alle Augenblicke hervorquellende Tränen das Weiterlesen unmöglich machten. Aber geduldig verharrten die andern in achtungsvollem Schweigen, bis sie zu Ende gekommen war.

Dann erhob sie sich, trat an den Tisch, auf dem die Kassette stand, und nachdem sie sich mühsam etwas gefaßt hatte, sagte sie mit bebender Stimme: »Bernhard zieht nach Breisach. Er hat in der Schlacht bei Wittenweier über tausend Wagen Proviant erbeutet, und so meint er bestimmt, die Stadt überwinden zu können durch Hunger. Und wenn er sie hat, gedenkt er mich heimzuführen, und das hier sendet er mir zur Ausstattung.«

Sie steckte den Schlüssel ins Schloß und drehte ihn herum. Der Deckel sprang auf, und ein ansehnliches Häuflein Gold schimmerte der Überraschten entgegen. Es waren fünftausend Reichstaler in lauter neugeprägten Louisdors.

»Dafür soll ich mir Kleider und Geschmeide kaufen, wenn ich zu ihm ziehe,« sagte sie. »Aber ich achte die Summe dazu viel zu hoch. Ich denke, wir teilen das Geld in drei Teile, den einen behalte ich, den andern geben wir den Armen, den dritten verwenden wir dazu, das Schloß wieder herzustellen.«

Die Herzogin fiel ihrer Schwester gerührt und erfreut um den Hals. Vor Monaten hatte ein Brand den einen Flügel des Schlosses verwüstet, und noch hatte man nicht die Mittel gefunden, seine Spuren zu tilgen. Der Anblick der Fensterhöhlen, die man notdürftig verhangen hatte, drückte jeden Tag wieder einen Stachel in das stolze Gemüt der fürstlichen Frau ein und erinnerte auch den Herzog täglich in schmerzlicher Weise daran, in welch armseliger und unwürdiger Lage er sich zurzeit befand. Daher war auch er sehr erfreut über das hochherzige Anerbieten seiner Schwägerin und faßte ihre Hand mit kräftigem Drucke. »Du bist in Wahrheit eine gute Seele, Gundel,« sagte er, »und wert des tüchtigsten Mannes. Gott gebe, daß mein Bruder Breisach wirklich nimmt und daß sich dann eurem Glücke nichts weiter in den Weg stellt!«

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