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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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II

.Als Bernhard von seinem Besuche bei Richelieu in sein Quartier zurückkam, fehlte noch eine knappe halbe Stunde bis zur Mittagszeit. Er war daher nicht wenig erstaunt, als ihm unten vor der Tür seines Hauses schon gemeldet wurde, die vergoldete Prunkkarosse, die dort hielt, gehöre dem Bruder des Königs, dem Herzog von Orleans, der gekommen sei, ihm eine Visite abzustatten. Monseigneur sei erst vor ein paar Sekunden vorgefahren und eben die Treppe hinaufgestiegen, er werde ihn sicher oben antreffen. In der Tat traf Bernhart den hohen Herrn noch auf dem Vorsaale an und wurde sogleich von ihm mit einem wahren Schwall verbindlicher Worte und schmeichelhafter Höflichkeitsfloskeln überschüttet. Auch das Gespräch, das Monseigneur drinnen im Zimmer mit ihm zu führen geruhte, kam über Gemeinplätze und Redensarten nicht hinaus, bis der hohe Herr den Herzog in höchst selbstgefälliger Art fragte, ob er mit seinem Empfang in Paris zufrieden sei.

»Nicht in allen Stücken,« erwiderte der Herzog trocken.

Monseigneur sah ihn an, als habe er nicht recht gehört. »Wie?« stammelte er. »Hat etwas Eurer Durchlaucht Mißfallen erregt? Wie ist das möglich?«

»Ich wundere mich, daß Eure Hoheit fragt,« erwiderte Bernhard kühl. »Den Herzog von Parma, der vorige Woche hier eingetroffen ist, hat man im Louvre einquartiert, mich im Arsenal. Wie reimt sich das zusammen? Weiß man hier nicht, was für ein Unterschied ist zwischen einem Herzog zu Sachsen und einem Herzog von Parma? Meine Ahnen waren Könige und Kaiser und Kurfürsten. Mein Mut ist so vornehm wie das der Capet oder Valois. Und wer ist dieser Herzog von Parma? Der Enkel von Krämern, Monseigneur, die von meinesgleichen vor hundert Jahren gefürstet worden sind!«

Bernhard hatte das alles in ruhigem, fast selbstverständlichem Tone gesagt, aber der Franzose war dabei rot und blaß geworden. So deutlich sprach niemand am Hofe von Paris.

»Ist hier ein Fehler vorgekommen,« sagte er endlich kleinlaut, »so wolle Eure Durchlaucht darüber hinwegsehen. Er ist nur der Etikette zuzuschreiben, die von langer Zeit her gilt. Sie regelt die Aufnahme nicht nach der Vornehmheit des Blutes, sondern gibt dem regierenden Fürsten immer den Vorrang vor dem nicht regierenden, auch wenn dieser aus den höchsten Häusern stammt.«

»Dann dürfte es an der Zeit sein, diese törichte Etikette zu ändern,« versetzte Bernhard scharf. »Sonst könnte es eines Tages sich ereignen, daß der Bruder des Königs von Spanien weniger vornehm empfangen wird als der Graf von Leiningen.« Der Herzog von Orleans sah aus, als ob der schwerste Kummer an seinem Kerzen nage, ja, als ob er der Verzweiflung anheimfallen wolle. »Ich wäre untröstlich,« rief er, »wenn nicht jener Fehler gutzumachen wäre. Ich werde sogleich meinem Bruder, dem Könige, den Wunsch Eurer Durchlaucht vortragen, in den Louvre überzusiedeln. Es ist auch nicht der leiseste Zweifel, daß der König sehr glücklich sein wird. Eurer Durchlaucht damit gefällig sein zu können.« »Nimmermehr!« erwiderte Bernhard. »Das würde nur unnötiges und der Majestät schädliches Gerede im Volke hervorrufen. Ich bleibe, wo ich bin; nur für die Zukunft bitte ich bedenken zu wollen, was man meinem Range und Blute schuldig ist!« Das Gespräch rollte dann noch zehn Minuten auf ebenen Bahnen dahin, und Monseigneur empfahl sich, wie er gekommen war, mit vielen Bücklingen und Komplimenten und eitel Honig auf den Lippen.

Aber als er unten in seinem Wagen saß, lachte er hämisch vor sich hin. Er fuhr auf der Stelle zu seinem königlichen Bruder, um ihm brühwarm alles zu hinterbringen, was der Herzog gesagt hatte. Er wußte, daß der König sich ärgern würde, und daß ihm der Ärger vor Tische stets sehr schlecht bekam, aber gerade dieser Gedanke bereitete ihm ein großes Vergnügen. Denn zwischen den beiden bestand ein höchst unbrüderliches Verhältnis. Sie zankten und stritten sich, wo sich nur immer eine Gelegenheit dazu bot, und wenn sie irgendeine Bosheit widereinander ausüben konnten, so waren sie dazu jederzeit mit Freuden bereit.

So war es dem Herzog ein nicht geringes Pläsir, zu sehen, wie sein Bruder nach seinem Bericht in Zorn geriet, wütend im Zimmer auf und nieder rannte, dabei eine kostbare Vase zertrümmerte und den herbeieilenden Diener mit einer Maulschelle bedachte. Er betrachtete ihn mit zufriedenem Schmunzeln von der Seite und dachte vergnügt: »Das ist dir zu gönnen. Das wird deinem Leberleiden gut tun, du Dickwanst!«

Endlich warf sich der König in einen Sessel und schnaufte, indem er zornig mit der Hand auf die Lehne schlug: »Die Anmaßung, der Hochmut dieses deutschen Bettelfürsten sind unerträglich! Am liebsten würfe ich ihn hinaus! Verflucht, dreimal verflucht, daß wir ihn so nötig brauchen! Richelieu hält ihn sogar für unentbehrlich.«

»Das ist er auch, wenn wir nicht Rohan ans Licht bringen wollen,« warf Orleans ein.

»Schweig mir von dem!« rief der König noch zorniger. »Hab' ich dir nicht gesagt, du solltest mich ein für allemal mit dem Menschen in Ruhe lassen?«

»Ich schweige schon. Es ist ja meines ganzen Lebens Ziel und Zweck, Eurer Majestät die Ruhe zu sichern, die gallen- und leberleidenden Menschen so unentbehrlich ist,« sagte Orleans unterwürfig.

Der König blickte ihn erbost an, erwiderte aber nichts. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schimpfte leise vor sich hin. Endlich sagte er mit einem schweren Aufseufzen: »Wenn sich das deutsche Tier zurückgesetzt fühlt, so müssen wir es streicheln, damit es gut gelaunt wird. Zum Teufel, auch der König von Frankreich muß zuweilen in einen sauren Apfel beißen! Wir wollen seinen Groll in Festen und Lustbarkeiten ersticken, und die Damen werden hoffentlich das Ihre dazu tun, ihm den Aufenthalt in Paris angenehm zu machen.« So kam es, daß Herzog Bernhard während seines Aufenthaltes in Paris, mit Ausnahme des ersten Tages, auch nicht einen Mittag zu Hause speiste, auch nicht einen Abend in seinen vier Wänden verbringen konnte. Denn der Hof veranstaltete jeden zweiten Tag ihm zu Ehren ein Fest, und dazwischen luden ihn die Großen des Landes in ihre Paläste ein, und die Staatsräson machte es untunlich, eine dieser Einladungen abzulehnen.

»Ponikau, so geht es nicht länger,« sagte er eines Morgens zu seinem Rate, als er mit ihm bei einem sehr einfachen Frühstück saß. »Nach Mitternacht bin ich erst heimgekommen von einem sehr scharfen Gelage beim Herzog von Alençon, Mittag speise ich bei der Königin, am Abend ist Feuerwerk angesagt im Parke von Saint Germain! Ein abscheuliches Schwelgerleben! Ich werde krank dabei! Wäre ich. doch erst wieder im Felde!«

Der grauhaarige Rat blickte besorgt auf seinen jungen Herrn. »Eure Fürstliche Gnaden scheinen in der Tat Strapazen und Entbehrungen besser auszuhalten als dieses Leben. Wenn mir's zu sagen erlaubt ist: Sie sehen nicht gut aus und sollten sich ein paar Tage schonen. Melden Sie sich krank bei den Majestäten, dann haben Sie Ruhe.«

»Es widersteht mir, zu lügen,« gab der Herzog zur Antwort.

Ponikau verzog den Mund. »Es wird ja so viel gelogen in Paris, Fürstliche Gnaden, da schadet ein bißchen mehr oder weniger auch nichts.«

»Sagt dreist: es wird nur gelogen in Paris. Aber gerade darum möchte ich mich nicht beim Lügen ertappen lassen! Ach, wenn wir den Staub dieser Stadt von unsern Füßen schütteln könnten! Aber sie halten mich von Tag zu Tag hin mit der Auszahlung des Geldes, und ohne Geld kann ich nicht zu den Truppen zurück.«

»Ja, ich möchte wissen, woran es hängt,« sagte Ponikau bedächtig. »Der König will, der Kardinal will, aber es kommt nichts zustande.«

Bernhard lächelte bitter. »Vielleicht ist das Rätsel leicht zu lösen: sie haben wirklich kein Geld.«

»Aber Fürstliche Gnaden! Eine halbe Million sollen sie zunächst aufbringen. Ist das nicht ein Kinderspiel für einen König, dessen Hof jährlich viele Millionen kostet?«

»Vielleicht gerade deshalb nicht, Ponikau! Die Unterhaltung dieses Hofes kostet ungeheuerliche Summen, die Verschwendung grenzt an Wahnsinn. Da gibt es Hunderte von Hofchargen, Kammerherren und Damen, Lakaien, Jäger, Gardisten und sonstiges unnützes Volk. Da gibt es Gehälter und Pensionen für Ämter und Ämtchen aller Art, deren Namen wir nicht einmal kennen, geschweige daß wir begreifen, wozu sie da sind. Da vergeht keine Woche ohne die größten Schwelgereien. Das Feuerwerk am vorigen Samstag kostete allein zwanzigtausend Livres. Da könnt Ihr Euch ausrechnen, was das verschlingt. Lebte der König von Frankreich ein Jahr lang wie ein sparsamer Mann, so könnte er ein Heer von sechzigtausend Mann auf zwei Jahre besolden.«

Der Rat nickte. »Wohl möglich. Fürstliche Gnaden!«

»Wohl uns, daß er's nicht tut!« fuhr der Herzog fort. »Er würde sonst bald der Herr der Welt, auch der Herr und Gebieter Deutschlands werden, wenn auch nicht auf lange Zeit.«

»Warum nicht auf lange Zeit, Fürstliche Gnaden?«

»Weil die deutsche Nation nach spätestens einem Jahrzehnt so voller Ekel und Abscheu gegen die Welschen sein würde, daß sie sich aufraffen und sie zum Teufel jagen würde. Ein Arminius würde sich schon finden.«

Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Dieses Volk, dieses Volk! Unter allen, die ich kennen gelernt habe, auch nicht ein gerader, ehrlicher Kerl. Alles Schmeichler, Heuchler, Lügner! Und alle Buhler und Weiberjäger! Schmutzig in Gedanken, Worten und Werken!«

»Und die Damen, Fürstliche Gnaden?«

»Nun, die vollends! Ich glaube, in Paris ist kein Mädchen über vierzehn Jahre, das nicht zu jedem Liebesabenteuer bereit wäre! Seht sie Euch doch an, wenn sie mit Männern zusammen sind! Diese Blicke, dieses Lächeln und diese Unterhaltung! Nichts als galante Zweideutigkeiten herüber und hinüber! Wißt Ihr, was dieses welschen Volkes eigentliche Religion ist, Ponikau? Die Anbetung und Verehrung der Venus! Pfui Teufel!«

Der alte Rat seufzte. »Ach, auch bei uns verfallen die guten Sitten mehr und mehr!« rief er klagend.

»Das ist leider wahr. Aber es ist doch ein großer Unterschied. Bei uns schämt sich das Laster noch und kriecht in die Winkel. Hier fährt es ungescheut in goldenem Wagen durch die Straßen, und alles betet es an. Gott bewahre unsere Nation davor, daß sie jemals diesem Volke ähnlich werde!«

Ponikau räusperte sich, rutschte auf seinem Sessel hin und her und öffnete mehrmals hintereinander den Mund, ohne jedoch etwas zu sagen. Er fand offenbar die Worte nicht, die er suchte. Endlich platzte er ganz unvermittelt heraus: »Wenn Eure Fürstliche Gnaden so über die Franzosen urteilen, so werden Sie sich doch nicht die Gemahlin aus diesem Volke holen!«

Der Herzog blickte ihn erstaunt an und lachte. »Nein, Ponikau, wahrlich nicht. Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?«

Der alte Rat rang noch verlegener als vorher nach Worten. »Man munkelt allerlei. Fürstliche Gnaden,« stotterte er. »Ihre mehrfachen Besuche bei der Herzogin von Rohan – man sagt, die Prinzessin sei eine der größten Schönheiten des Landes –«

»Ach, man meint, ich möchte mich mit der Prinzessin verbinden?« »So ist es. Fürstliche Gnaden.«

»Nun, Marguerite von Rohan ist allerdings die einzige reine Lilie, die in diesem Sumpfe steht, und ihr Vater ist der ehrenwerteste Mann und der tüchtigste Soldat, den Frankreich hat. Aber –« er blickte seinem Rate fest in die Augen – »sagt mir einmal ganz ehrlich, Ponikau: Würdet Ihr es im Herzen gutheißen, wenn ich die Dame heimführte?«

Der Rat hielt dem Blicke seines Herrn ruhig stand und erwiderte: »Nein, Fürstliche Gnaden!«

»Und warum nicht?«

»Erlauben mir Fürstliche Gnaden, ganz offen zu reden?«

»Sprich frei von der Leber weg, Ponikau!«

»Ich möchte nicht, daß sich das Blut der Herzöge zu Sachsen mischte mit dem Blute dieses welschen Volkes, das mir so widerwärtig ist wie Ihnen. Ich möchte nicht, daß der lutherische Fürst eine Calvinistin heiratet. Ich möchte endlich nicht, daß Eure Fürstliche Gnaden ein gegebenes Wort bräche, denn wie ich weiß, sind Sie daheim versprochen. Der Ehrenschild Eurer Fürstlichen Gnaden strahlt so hell wie keines anderen Fürsten Ehrenschild, nur Ihre erlauchten Brüder sind mit Ihnen zu vergleichen. Verletzten Eure Fürstliche Gnaden gelobte Treue, so würde mir das wie ein Flecken auf diesem Schilde erscheinen. Verzeihen Fürstliche Gnaden einem alten Diener Ihres Hauses diese kühnen Worte.«

Ponikau hatte kaum geendet, als der Herzog aufsprang und mit beiden Händen seine Rechte ergriff. Sein Antlitz leuchtete. »Ich habe Euch immer für einen wackeren Mann gehalten, Ponikau,« rief er, »aber erst jetzt erkenne ich die ganze Redlichkeit Eures Gemütes. Seht, das ist deutsch! So redet ein deutscher Edelmann mit seinem Fürsten! Der König von Frankreich hat unter allen seinen Schranzen sicherlich keinen, der so zu ihm spräche wie Ihr zu mir! Und seid unbesorgt, Ponikau. Ich denke nicht an eine Liaison mit der Prinzessin, habe auch nie daran gedacht. Was mich veranlaßt hat, sie mehrfach zu besuchen, ist etwas ganz anderes. Habt Ihr sie einmal gesehen?«

»Ich hatte nicht die Ehre, Fürstliche Gnaden. Ich habe nur gehört, sie sei sehr schön und tugendsam.«

»Das ist sie, Ponikau. Und sie hat eine wunderbare, ich möchte sagen, eine unnatürliche Ähnlichkeit mit der Prinzessin Kunigunde von Anhalt, mit der ich versprochen bin. Nur bei einem Zwillingspaare in Jena habe ich schon etwas von dieser Art gesehen.«

Der alte Herr zog die Stirn hoch und sah den Herzog bedenklich an. »Dann vergönnen mir Eure Fürstliche Gnaden einen noch viel dreisteren Rat: Gerade deshalb sollten Sie ihre Nähe meiden! Das sind Fallstricke, die der Teufel besonders liebt!«

»Auch darin habt Ihr recht, Ponikau!«

Der Rat nahm ein Aktenbündel von einem Seitentischchen auf. »Eure Fürstliche Gnaden wollen mir erlauben, daß ich mich zur Arbeit zurückziehe. Und ich danke Eurer Fürstlichen Gnaden, daß Sie mir die gnädige Permission gegeben haben, meine Meinung ungeschminkt zu sagen. Was Sie mir geantwortet haben, das hat mir einen schweren Stein vom Herzen genommen.«

Er verbeugte sich und ging. Als der Herzog allein war, wanderte er aufgeregt im Zimmer auf und nieder. Das offene Wort seines wackeren Rates hatte ihn in große Unruhe versetzt. Er sah ein, daß er einen Fehler begangen hatte, und dachte darüber nach, wie er ihn wieder gut machen könne.

Er hatte schon am zweiten Tage seines Hierseins den Rohanschen Damen einen Besuch abgestattet. Das war in der Ordnung gewesen, die Gattin und Tochter Heinrichs von Rohan hatten das zu beanspruchen, und es wäre eine große Taktlosigkeit gewesen, wenn er es unterlassen hätte. Aber während er kein anderes Haus zum zweiten Male betreten hatte, außer auf besondere Einladung hin, war er in dieses Haus vier-, nein fünfmal wieder eingekehrt. Weshalb? Er konnte es nicht wegleugnen, es war um der jungen Marguerite Willen geschehen. Oder eben doch nicht um ihretwillen, sondern weil er in ihr das leibhaftige Ebenbild einer andern sah. Denn ihre Ähnlichkeit mit seiner Gundel war mehr als wunderbar, sie hatte etwas Dämonisches. Sie erstreckte sich nicht nur auf die Züge des Gesichts und die Haltung der Gestalt, auch das Lächeln war dasselbe und vor allem die Stimme. Schloß er die Augen, so konnte er meinen, seine Liebste zu hören, zumal die Prinzessin von Nohan nicht so schnell und hastig sprach, wie die meisten ihrer Landsmänninnen, sondern ruhig und ohne Überstürzung wie ein deutsches Mädchen. Er hatte sie oft zum Sprechen veranlaßt, nur um diese Stimme zu hören.

Das mußte nun ein Ende haben, denn es war doch ein gefährliches Spiel mit dem Feuer gewesen, wie er jetzt mit Schrecken erkannte. Es gab ihm einen leisen Stich durchs Herz, wenn er daran dachte, daß er sie von nun an meiden müsse, und daran erkannte er am deutlichsten, in welcher Versuchung er gestanden hatte. Mehr noch aber als um seinetwillen mußte er um ihretwillen dem Haufe Rohan fernbleiben. Er hatte den Klatschmäulern von Paris Stoff zu pikanten Mutmaßungen gegeben. War doch schon seinem alten Rate das Gemunkel zu Ohren gekommen. Was mochte man alles zischeln und tuscheln in den eleganten Salons! Mit ganz besonderer Wonne würden wohl alle die Lebemänner und Lebedamen der Stadt die Pfeile übler Nachrede gegen die Dame dieses Hauses richten. Die Abneigung der vornehmen Kreise gegen die Hugenotten rührte ja vor allem daher, daß sie reiner, frömmer, besser sein wollten als die andern. Sie machten die allgemeine Liederlichkeit ihres Volkes nicht mit und deuteten das schon in ihrer Kleidung an. Die hugenottischen Männer gingen in schlichter dunkler Tracht, ihre Frauen und Mädchen vermieden es, nach der Mode der Zeit Hals, Brust und Nacken entblößt zu zeigen, und hüllten sich stets, auch bei Festlichkeiten, in streng geschlossene Gewänder. Das war dem leichtlebigen und schönheitsfrohen Volke von Frankreich ein viel größeres Ärgernis, als ihre Abweichung von den Glaubenssätzen der heiligen katholischen Kirche, denn es verstieß gegen das oberste Glaubensgesetz der Nation, das von alters her nie anders gelautet hatte als: Leben und leben lassen! Mit Vorliebe dichtete deshalb der vornehme und geringe Pöbel den Hugenotten allerlei Schändliches an und verleumdete und begeiferte sie, wo es nur anging. Das mochte denn auch hier geschehen sein. Wahrscheinlich galt er für den geheimen Liebhaber der jungen Prinzessin oder auch ihrer Mutter, die eine noch immer schöne und stattliche Frau war. Bei diesem Gedanken stieg ihm das Blut ins Gesicht, und er biß zornig die Zähne aufeinander.

Mit einem Male blieb er stehen, denn ein plötzlicher Schreck durchzuckte ihn. War es nicht möglich, daß er mit seinen Besuchen noch ganz anderes Unheil angerichtet hatte? Er war nicht eitel, aber er hatte es doch oft erfahren, daß er für die Frauen etwas Anziehendes besaß, und nie war ihm das mehr zum Bewußtsein gekommen als eben hier. Die Herzogin von Alençon und die junge Witwe des Herzogs von Aquillon, des mächtigen Kardinals Nichte und, wie man ganz im geheimen raunte, seine frühere Geliebte, die beiden glänzendsten Damen des Hofes, hatten ihm mehr als deutlich zu verstehen gegeben, daß sie für ihn entflammt waren. Konnte er da nicht in der Brust des jungen Mädchens ein verhängnisvolles Feuer entfacht haben, ohne daß er es wußte und wollte?

Aber je angestrengter und ernstlicher er sich alles ins Gedächtnis zurückrief, was er im Rohanschen Hause erlebt hatte, um so freier atmete er auf. Nein, ihr Benehmen war niemals das eines Mädchens gewesen, das sein Herz verschenkt hat. Ihre Augen hatten niemals aufgeleuchtet, wenn er eintrat, sie war niemals errötet, wenn er mit ihr redete; freundlich und höflich, aber kühl hatte sie sich mit ihm unterhalten, mehr noch sich von ihm unterhalten lassen, denn sie sprach nicht viel, sondern hörte meist still und mit gleichmütigem Gesichtsausdruck zu.

Aber gleichviel – seine Besuche mußten aufhören! Das stand fest. Noch einmal wollte er hingehen, oder wenn sich sein Aufenthalt hinzögern würde, auch zweimal, damit sein Fortbleiben nicht auffiel und zu Gerüchten anderer Art Anlaß gab.

Während er das überlegte, war es ihm mit einem Male, als drehe sich einen Augenblick das Gemach mit ihm im Kreise herum, und ein heftiger Frostschauer rann ihm über den Rücken.

»Mein Gott!« murmelte er, »sollte ich krank werden? Es wäre wahrlich zu ungelegener Zeit! Herr Gott, laß mich nicht krank werden!« Aber die Schauer wiederholten sich, und schließlich ergriff ihn ein heftiger Schüttelfrost. Er schwankte nach der Tür des Nebengemaches und erschrak, als er dabei sein Antlitz im Spiegel sah, denn es war schneebleich und gleich darauf von einer fliegenden Röte Übergossen.

»Ponikau!« rief er, »ich muß mich niederlegen! Ich bekomme das Fieber, das ich schon zweimal hatte. Laß einen Arzt holen und sorge dafür, daß bei der Königin abgesagt wird. Ich kann's jetzt, ohne daß ich lügen muß!«

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