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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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XIII.

In einer Fensternische des Schlosses Marienberg, das sich auf hohem Steine über dem Mainstrome erhebt, saß Kunigunde von Anhalt. Sie hatte eine Handarbeit im Schoße liegen, denn ganz unbeschäftigt herumsitzen und träumen galt auch der hochgeborenen Frau als nicht schicklich. Aber die Gedanken der Prinzessin waren nicht bei ihrer Arbeit, sondern ersichtlich ganz wo anders. Wenn sie einen Schritt im Vorzimmer zu hören glaubte, so blickte sie gespannt nach der Tür, stand auch hin und wieder auf und schaute hinaus. Endlich legte sie das Nähzeug vor sich nieder auf die andre Bank in die Nische, verschränkte die Hände über den Knien und blickte in tiefen Gedanken zu Boden. Es mochten wohl keine erfreulichen Gedanken sein, die durch ihre Seele zogen, denn auf dem feinen Antlitz lag ein tiefer Ernst, und zuweilen zuckte es um ihren Mund, als wolle sie in Tränen ausbrechen.

Da erscholl ein kräftiger Schritt auf dem Estrich des Vorsaals, und auf der Schwelle erschien Herzog Ernst, des Herzogtums Franken Verweser. Er war in tiefes Schwarz gekleidet, ebenso wie die Prinzessin, die bei seinem Eintritt aufsprang und ihm entgegentrat.

»Schläft er noch?« fragte sie hastig.

Der Herzog nickte. »Seit Bernhard in der Nacht eintraf, schläft er wie ein Toter, und ich glaube, wir tun wohl daran, wenn wir ihn schlafen lassen. Die erschöpfte Natur fordert ihr Recht. Und wenn er die Mittagsstunde verschlafen sollte, so möchte ich ihn doch nicht wecken. Die letzte Zeit muß furchtbar für ihn gewesen sein, wenn auch seine Wunde so rasch verheilt ist, daß man an ein Wunder Gottes glauben möchte.«

»Und ich kann ihn noch nicht sehen?« klagte die Prinzessin, die resigniert ihren Fensterplatz wieder eingenommen hatte. »Warum hast du mich nicht wecken lassen in der Nacht, als er ankam?«

»Er selbst verbot es sofort, und du brauchst dir das nicht leid sein zu lassen, liebe Gundel. Er war so müde, daß er fast vom Pferde fiel, denn er war zwölf Stunden hintereinander scharf geritten. Er hatte das geschlagene Heer, soviel noch beisammen war, vom Nördlinger Schlachtfeld nach Frankfurt geführt und kommt nur herüber, weil er weiß, daß du hier bist. Schon morgen in der Frühe muß er wieder fort.«

»Mein Gott!« rief die Prinzessin, »er muß sich doch zum wenigsten ein paar Tage pflegen und ausruhen!«

»Von pflegen und sich ausruhen wird für ihn nicht viel die Rede sein. Es müßte denn ein ganz absonderlicher Fall eintreten,« erwiderte der Herzog.

»Du meinst, wenn er krank würde?«

»Nein, ich meine etwas anderes. Es ist vor einer Stunde, wie du wohl weißt, ein Gesandter des Kaisers eingetroffen. Er war ihm nachgereist, hat ihn aber hier erst erreicht. Der bringt ihm vielleicht eine lange Ruhe.«

Die Prinzessin blickte ihn verständnislos an. »Ich verstehe den Sinn deiner Rede nicht! Denkst du an den Frieden?«

»Nicht an einen allgemeinen, aber an einen besonderen. Nachdem die Bataille bei Nördlingen so glorieuse für die kaiserlichen Waffen ausgefallen ist, scheint es der Intent der Kaiserlichen Majestät zu sein, die Gegner durch Güte zu gewinnen. Die Stadt Nördlingen ist trotz ihres furiosen Widerstandes zu Gnaden angenommen worden, wie übrigens auch schon vorher Regensburg. Möglich, daß der Kaiser auch denen Pardon und Amnestie anbietet, die wider ihn im Felde gestanden haben!«

Die Prinzessin blickte mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen zu ihm herüber. »Und wenn dem so wäre,« rief sie, »meinst du, er würde Pardon und Amnestie annehmen?«

Herzog Ernst wiegte nachdenklich das Haupt hin und her. "Noch vor vierzehn Tagen hätte er's nicht getan, aber jetzt hat die Sache ein anderes Gesicht. Die Nördlinger Schlacht ist verloren, und Bernhard selbst hat mir gesagt: die Niederlage ist so arg, daß sie ärger nicht sein könnte. Er hat noch zehntausend Mann nach Frankfurt geführt, das ist alles. Die übrigen erschlagen, zersprengt, übergelaufen, Horn gefangen. Wir stehen da, wo wir standen, als Gustav Adolf im Reiche erschien.«

Die Prinzessin schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Der Herzog wandelte erregt im Gemache auf und nieder.

»Nach menschlichem Ermessen«, fuhr er nach einer Weile fort, »wird Deutschland bis herauf zum Thüringer Walde innerhalb der nächsten Monate wieder in des Kaisers Händen sein. Vielleicht widersteht Nürnberg, unsere mächtige und edle Stadt, noch länger, aber nach einem halben Jahre wird sie auch den Frieden suchen müssen. Und uns, liebe Gundel, uns bleibt nichts anderes übrig, als in den nächsten Tagen die Koffer zu packen und heimzufahren nach Weimar.«

Die Prinzessin schluchzte noch heftiger auf als vorher, erwiderte aber zunächst kein Wort. Der Herzog betrachtete sie eine Weile schweigend mit wehmütigen Blicken, dann sagte er weich: »Wir müssen uns demütigen unter unseres Gottes Hand und sprechen: Sein Wille geschehe. Sein Wille scheint aber zu sein, daß der Kaiser den Sieg behält, wenigstens wenn er klug ist und den Bogen nicht überspannt. Dann wird alles ungefähr wieder so, wie es vor dem unseligen Kriege war. Und gerade für dich, meine liebe Gundel, kann ja daraus ein Glück ersprießen. Denn wenn Bernhard gezwungen wird, das Schwert niederzulegen und heimzukehren, und wenn Friede wird und das Land wieder aufatmet, dann kommt wohl der Tag, an dem er dich heimführen kann. Freilich ist er dann nicht mehr ein stolzer Herzog in Franken, sondern er muß schlecht und recht auf ein paar Thüringer Ämtlein hausen und von ihnen seine Nahrung ziehen.«

Während dieser Rede, die der Herzog stockend und seine Worte bedachtsam abwägend vorbrachte, hatte die Prinzessin aufgehört zu weinen und ließ nun die Hände wieder vom Antlitz herabsinken. »Nimmermehr wird Bernhard sich unterwerfen!« rief sie. »Und täte er's, so würde er in der Enge ersticken.«

»Schwer wird es ihm werden, und blutsauer wird's ihn ankommen, aber er wird es tun, wie wir alle es tun müssen,« sagte Herzog Ernst nachdrücklich. Aber die Prinzessin schüttelte den Kopf. »Nimmermehr tut er's! Du bist sein Bruder und kennst ihn so wenig? Er sieht im Kaiser Gottes Feind und der deutschen Nation Verderber. Ihm unterwirft sich Bernhard nun und nimmer!«

»Da dürftest du, bei Gott, recht behalten!« erklang es plötzlich von einer Seitentür des Gemaches her, wo Bernhard ein paar Augenblicke hinter der schweren Samtportiere gestanden hatte und nun hervortrat. Er stand in Koller und Sporen da, denn ein anderes Gewand hatte er nicht mitgebracht. Um den Hals trug er ein Tüchlein von weißer Seide, um den Verband seiner Wunde zu bedecken.

Die Prinzessin stürzte auf ihn zu, und im Nu hielten sich die beiden fest umschlungen. Eine Zeitlang standen sie so in stummer Umarmung. Keines sprach ein Wort.

Herzog Ernst betrachtete ein paar Augenblicke schweigend das Paar, dann kehrte er sich rücksichtsvoll dem offenen Fenster zu und blickte angelegentlich hinaus.

Plötzlich aber beugte er sich weit vor und trat dann erstaunt zurück. Die Klänge eines Marsches, den die finnländischen Reiter Gustav Adolfs mit nach Deutschland gebracht hatten, klangen von der Stadt herüber, und jetzt erschienen marschierende Truppen auf der Mainbrücke. »Bernhard! Sieh dorthin! Was ist das?« rief er laut.

Der Herzog löste sich aus der Umarmung seiner Braut und trat neben ihn. »Das sind meine Soldaten, die mir nachgezogen sind. Ich werfe zwei Regimenter Füsiliere in dieses Schloß.«

Ernst blickte ihm verdutzt ins Gesicht. »Wie – du denkst daran, Würzburg zu halten?«

»Was ist das für eine Frage?« rief Bernhard fast zornig. »Dachtest du, ich gäbe mein Herzogtum ohne Schwertstreich preis? Hältst du mich für ein altes Weib?«

»Ich denke, es ist alles verloren?«

Herzog Bernhard runzelte die Stirn. »Torheit,« sagte er ärgerlich. »Eine Schlacht ist verloren, eine furchtbar blutige Schlacht. Sie mag die schwersten Folgen haben. Aber ich lebe noch, und darum ist im Grunde nichts verloren.«

»Ja, Gott sei Dank und Preis! Du lebst!« rief Gundel und warf sich von neuem an seine Brust. In Herzog Ernsts Antlitz stieg eine leise Röte empor. Aus den Worten seines Bruders wehte ihm ein Geist entgegen, der seinem demütigen und bescheidenen Sinn zuwider war, und deshalb trat ein Zug des Unbehagens in sein Gesicht.

Bernhard bemerkte es auf der Stelle und ergriff schnell seine Hand. »Du meinst, lieber Ernst, ich überhebe mich und rede in sündhaftem Hochmut? Ich sehe dir's an, daß du so denkst. Aber du irrst dich. Ich rede so, weil ich weiß, daß Gott der Herr mit mir ist. Ich weiß das so gewiß, wie ich es weiß, daß du hier vor mir stehst und daß ich meine Gundel im Arme halte. Und daran macht mich nichts irre, auch nicht die Trübsal, die er mir sendet. Nein, sie gerade zeigt mir, daß er mich liebt. Denn es steht geschrieben: Weil du Gott lieb wärest, so mußte es so sein. Ohne Anfechtung solltest du nicht bleiben, auf daß du bewähret würdest.«

Aus Herzog Ernsts Zügen war während dieser Rede seines Bruders alles Mißbehagen gewichen, und er drückte seine Hand mit großer Wärme. »Sind deine Worte so gemeint,« sagte er, »so kann ich mich ihrer nur freuen. Sie sind dann nicht ein Zeugnis fleischlichen Hochmutes, sondern eines hohen Gottvertrauens.«

»Ja,« rief Bernhard, »nie ist mein Gottvertrauen fester und unerschütterlicher gewesen als in diesen letzten dunkeln Tagen! Ich floh verwundet aus der Nördlinger Stadt am späten Abend, nur wenige unserer Reiter waren bei mir, vor mir her wälzte sich das geschlagene Heer. Und wie da droben am Himmel Stern auf Stern aufblitzte, so blitzten in meiner Seele die alten Trostsprüche der Schrift auf, die wir als Kinder bei unserer Mutter gelernt haben. Ich hörte sie alle, als ob sie mir einer vorspräche, den, der ihr Lieblingsspruch war, besonders: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Da erkannte ich klar, daß Gott mich nur prüfen wollte, daß aber seine Gnade nicht von mir gewichen ist und ewiglich nicht weichen wird, denn er läßt nicht von denen, die er erwählt hat.«

»Bernhard!« rief die Prinzessin mit leuchtenden Augen, »so wie du, denke ich auch und glaube es fest, daß nach den Trübsalswolken wieder die Sonne seiner Gnade scheinen wird.« Und Ernst legte ihm mit Tränen in den Augen die Hand auf die Schulter und sagte bewegt: »Du bist doch ein echter Sohn unseres Hauses! Aber was willst du nun beginnen? Du willst, wie ich sehe, dem Kaiser auch fürderhin noch widerstehen. Worauf willst du dich da stützen? Du hast eine kleine Armada zurückgebracht, aber darfst du auf sie zählen?«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine,« stammelte Ernst verlegen, »ob man sie dir lassen wird, weil du – trotzdem du – nach dem Unglück von Nördlingen –«

»Ach, du denkst, man würde mir nun den Befehl entziehen, weil ich die Schlacht verloren habe? Sprich es nur getrost aus. Ja, ich habe diese Schlacht verloren. Ich will da nichts beschönigen oder bemänteln. Es fällt mir nicht ein, etwa die Schuld auf Horn abzuwälzen. Er hat den Angriff widerraten und hat nachher trotzdem seine Schuldigkeit getan. Aber nun glaube nicht, daß man mir deshalb nicht mehr vertraut. Daß ein Feldherr einmal eine Schlacht verliert, ist nicht zu vermeiden. Wohl noch niemals hat ein Mensch das Glück beständig an seine Fahnen gefesselt. Das haben der Kanzler und die Stände in Frankfurt eingesehen und mich vorgestern zum Generalissimus des Heilbronner Bündnisses erwählt.«

Ernst machte eine Gebärde des Erstaunens, aber ehe er reden konnte, fuhr Bernhard fort: »Das ist zurzeit nicht viel. Mit meinen zehntausend Mann, die das Vertrauen auf ihre Kraft erst wiedergewinnen müssen, kann ich nichts ausrichten. Aber sieh, in der höchsten Bedrängnis bietet sich mir ein Helfer an. Der König von Frankreich hat an mich geschrieben.«

»Wie?« rief Ernst erschrocken. »Du willst in Frankreichs Dienste treten?«

»In Frankreichs Dienste nimmermehr,« erwiderte Bernhard stolz. »Aber verbünden werde ich mich mit Frankreich wider den Kaiser.«

Gundel stieß einen leisen Schrei aus und blickte erschrecken zu ihm empor. Herzog Ernst aber hob beide Hände zum Himmel und rief im Töne tiefster Bekümmernis: »O du armes Deutschland, wie ergeht dir's! Noch eine fremde Macht erscheint, um in deinen Eingeweiden zu wühlen. Schweden, Spanier, Ungarn, Wallonen, Kroaten zerstampfen deine Fluren, jetzt kommen die Franzosen hinzu. Bernhard, Bernhard, graut dir nicht vor solchen Bundesgenossen? Das Blut der Hugenotten, unserer Glaubensbrüder, klebt an den Händen des Franzosenkönigs und seines Ministers. Schauderst du nicht davor zurück, diese Hände zu ergreifen?«

»Mir bleibt keine Wahl,« entgegnete Bernhard düster.

»Wenn du den Krieg fortsetzen willst, vielleicht nicht,« sagte Ernst. »Aber wenn dir nun der Kaiser selbst die Hand zum Frieden böte?«

Bernhard zuckte die Achseln. »Wer denkt daran?«

»Und wenn ich dir nun sage, daß ein Gesandter des Kaisers dir hierher nachgereist ist, der – –«

»Potz Wetter!« unterbrach ihn Bernhard, »das sagst du mir erst jetzt? Ein Gesandter des Kaisers? Wer ist's?«

»Ein Obrist, Namens Henderson.«

»Henderson? Richtig, den habe ich schon gesehen, er war schon einmal bei mir einer Auswechslung halber. Bitte, gib Befehl, daß er zu mir gebracht werde.«

»Wo willst du ihn empfangen?«

»Hier und in eurer Gegenwart. Ich habe keine Geheimnisse mit der Majestät in Wien.«

Herzog Ernst verließ das Gemach, und die Liebenden blieben allein. Aber Gundel warf sich jetzt nicht in Bernhards Arme, wie sie vorhin, unbekümmert um die Gegenwart eines Dritten, getan hatte. Sie blickte unsicher und mit einem gequälten Ausdruck zu ihm auf und fragte mit leiser Stimme: »Ist mein liebstes Herz jetzt wirklich auf dem rechten Wege? Ist es recht, die Franzosen zu Hilfe anzurufen wider den deutschen Kaiser?« »Rufe ich sie denn?« fragte Bernhard. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Sie nahen sich mir ganz von selbst. Frankreich ist Habsburgs alter Feind. Nun hat der Habsburger in Wien große Besitzungen im Elsaß, und der Habsburger in Spanien sitzt noch immer in den Niederlanden fest und beherrscht die Franche Comté. Wird Habsburg seiner Feinde ledig, so hat Frankreich an seinen Grenzen im Osten und im Westen einen übermächtigen Nachbar. Lothringen, das sie in Paris von altersher begehren, wird dann die Beute Spaniens. Das weiß der kluge Richelieu sehr wohl, und deshalb kann er nicht dulden, daß der Kaiser uns niederwirft. Gehe ich auf seinen Antrag nicht ein, so paktiert er mit Schweden, und ich werde beiseite geschoben. Die Reiter brausen über Deutschland hin, von denen Sankt Johannes in seiner Offenbarung redet. Es kann ihnen niemand in die Zügel fallen. Wer es versucht, der wird zur Seite geschleudert.«

»Und wenn du nun mit freiem Willen zur Seite trätest und deinen Frieden machtest mit dem Kaiser?«

Die Frage war der Prinzessin fast wider Willen über die Lippen geschlüpft, und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, so kam sie die Reue an. Denn sie sah, wie er erbleichte und wie sein Antlitz einen tiefschmerzlichen Ausdruck annahm.

»Auch du?« fragte er trübe. »Auch du sprichst mir von Frieden und Unterwerfung?«

»Nein, nein! rief Gundel. »Verzeihe mir das Wort. Es fuhr mir nur so heraus. Es entspricht nicht meines Herzens Meinung.«

»Ach, es ist ja so natürlich,« fuhr Bernhard fort. »Du bist ein Weib – wie solltest du dich nicht nach Ehe und Hausstand sehnen? Sind sie doch für das Weib des Lebens Erfüllung. Und ich kann dir beides noch nicht bieten, vielleicht auf Jahre hinaus nicht. Tue ich nicht ein schweres Unrecht damit, daß ich deine blühende Jugend an mich gekettet halte und dir jede Möglichkeit nehme, in einem anderen Ehebunde – -«

»Bernhard!« schrie die Prinzessin, »sprich nicht weiter! Du zerreißt mir das Herz mit solchen Worten. Wie kannst du solchen Gedanken Raum geben in dir, wenn du mich noch liebst? Oder liebst du mich nicht mehr?«

Der Herzog riß sie an sich. »Ich werde nie aufhören, dich zu lieben. Du bist meines Lebens Krone. Aber du wirst unglücklich dabei.«

»Mein Glück ist, von dir geliebt zu sein! Ein anderes Glück kenne ich nicht. Und wenn ich noch zehn Jahre warten müßte, ehe ich dein Weib werden könnte, so würde ich nie einem andern folgen. Aber ich bin ein schwaches Weib. Zuweilen überwältigt mich der Schmerz, daß Gott uns so hart prüft. Und habe Nachsicht, wenn ich mich in deine Gedanken nicht immer auf der Stelle finden kann. Sie sind hochfliegend und kühn, daß sie auch kluge Männer nicht sogleich verstehen können.« Der Herzog beugte sich zu ihr nieder und küßte sie heiß auf die Lippen. Aber bevor er etwas zu erwidern vermochte, kündete ein Geräusch im Vorzimmer, daß sein Bruder zurückkehre. Gundel entwand sich sofort seinen Armen und trat schnell in den halbdämmerigen Hintergrund des großen Gemaches zurück, damit niemand die heftige Bewegung ihres Gemütes wahrnehme.

Herzog Ernst trat über die Schwelle, ihm folgte eine hünenhafte Gestalt in der Rüstung der Piccolominischen Kürassiere. Den Beschluß machte der Rat von Ponikau.

Der kaiserliche Obrist neigte sich tief vor dem Herzog. »Der Herr hat eine kaiserliche Botschaft an mich?« fragte Bernhard. »Ist's ein mündlicher oder ein schriftlicher Auftrag? Doch ich sehe, Ihr habt einen Brief. Ist er von der Majestät selbst?«

»Ich weiß es nicht, Fürstliche Gnaden. Der Geheime Rat von Trautmannsdorff hat mir das Schreiben gegeben mit dem Auftrage, es in Eurer Fürstlichen Gnaden Hände zu legen und um eine geneigte schriftliche Antwort zu bitten.«

»So gebt es her,« gebot der Herzog, nahm den Brief aus der Hand des Gesandten entgegen und trat ans Fenster. Mit größter Spannung hingen Ernsts und der Prinzessin Augen an seinen Zügen, während er las, aber sie konnten nichts weiter wahrnehmen, als daß mehrmals eine fliegende Röte in seinem Antlitz aufstieg.

Als er zu Ende gekommen war, wandte er sich ruhig und ohne irgendeine Bewegung zu verraten, an den Obristen und sagte: »Ich bitte den Herrn jetzt abzutreten. Die Antwort werde ich in einer halben Stunde selber in seine Hände legen. Ponikau, geleitet den Herrn.«

Mit einer abermaligen tiefen Verneigung entfernte sich der Obrist. Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, wich die Starrheit aus Bernhards Zügen, und er brach in ein lautes Lachen aus.

Herzog Ernst blickte ihn verwundert an, und Gundel eilte neugierig auf ihn zu und fragte: »Was schreibt dir der Kaiser?«

»Der Brief ist vom Pater Lamormain.«

»Nicht vom Kaiser?« fragte Gundel enttäuscht.

»Ach Kind, was der Pater schreibt, gilt mehr, als was der Kaiser schreibt. Denn der ist des Kaisers Herr. Er lenkt als Beichtiger sein Gewissen. Auch schreibt er nur deshalb an seines hohen Beichtkindes Statt, damit des Kaisers Majestät, wenn ich etwa ablehne, nicht kompromittiert werde.«

»Und was will er? Bietet er dir Pardon und Frieden an?« rief Herzog Ernst.

»Viel mehr,« erwiderte Bernhard. »Er will, daß ich zum Kaiser übertrete und sein Generalleutnant werde. Er verspricht, mich in diesem Falle an die Spitze eines selbständigen Heeres von zwanzigtausend Mann zu stellen. Er garantiert mir den Besitz meines Herzogtums Franken, das noch vergrößert werden soll, und er fragt mich, ob ich weitere Wünsche äußern wolle.« Die Prinzessin stand da, als habe sie das Gehörte noch nicht völlig begriffen. Sie war vollständig konsterniert. Herzog Ernst dagegen war tief erblaßt. »Das ist Wahrheit?« rief er mit zitternder Stimme.

»Lies selbst!«

»Nein, nein! Ich glaube dir ja! Aber mein Gott, das ist ja gar nicht zu begreifen! Das ist ja eine furchtbare, eine grauenvolle Versuchung für dich!«

Bernhard schüttelte den Kopf und erwiderte ruhig und gelassen: »Nicht zu begreifen, sagst du? – Nein, sehr, sehr zu begreifen. Gallas und der Kaisersohn haben uns bei Nördlingen besiegt. Sie werden sich wohl hinterher selber höchlichst darüber verwundert haben und nicht wissen, wie sie eigentlich dazu gekommen sind. Es war für sie ein unerhörter Glücksfall. Er dürfte sich schwerlich wiederholen. Daß sie beide keine Feldherren sind, das weiß der Kaiser sehr wohl, und seine klugen Räte wissen's noch besser. Es gibt da drüben seit des Friedländers Tode überhaupt keinen Feldherrn, denn auch Johann von Werth ist nur ein rühriger Reitergeneral. So sucht der Kaiser sich einen Feldherrn zu kaufen. Ich soll an Stelle des ermordeten Wallenstein treten. Ich denke, das ist sehr verständlich. Und eine Versuchung nennst du das? Eine Versuchung? Wie doch der Mensch oft gerade von denen am wenigsten gekannt wird, die ihm am nächsten stehen!«

»Nun, bei deinem großen Ehrgeiz,« begann Ernst, aber Bernhard schnitt ihm mit einer hastigen Gebärde das Wort ab.

»Ja, ich bin ehrgeizig. Das leugne ich nicht!« rief er mit starker Stimme. »Aber weit über alles, was meine Person angeht, steht mir Gottes Sache. Wollten doch meine Brüder das einmal endlich begreifen! Seit Gustav Adolf tot ist, führe ich an seiner Stelle des Herrn Kriege, und mein Schwert ist Gottes Waffe in der Welt. Dazu hat mich Gott der Herr berufen und auserwählt. Wie sollte ich da auch nur einen Moment zaudern und schwanken? Der Kaiser und sein Jesuit erhalten die Antwort, die sie verdienen, nämlich daß ich das Anerbieten als eine Beleidigung empfinde und zurückweise. Aber ich fordere dann auch Glauben und Vertrauen von euch in andern Dingen, zum Exempel, wenn ich mit Frankreich paktiere. Ich tue das nicht um meinetwillen, sondern um der Sache Gottes Willen. Es geht nicht anders. Die Franzosen sind eine Heuchlerbrut in meinen Augen wie in den deinen. Aber ich muß ihre Hilfe annehmen und kann ihrer nicht entraten. Die Feinde des Evangeliums müssen es retten helfen. Wir müssen sie gebrauchen und benutzen.«

Gundel legte beide Arme um seinen Hals. »Ich vertraue dir, Bernhard, und glaube an dich in allen Stücken. Du wirst stets das Rechte tun,« sagte sie innig und schmiegte sich an seine Brust.

»Und du, Ernst?« rief Bernhard. »Daß deine Gedanken höher fliegen als die meinen, und daß dir Gott größere Gaben verliehen hat als mir, das sehe ich,« gab Herzog Ernst zur Antwort. »Auch glaube ich, daß du das Rechte willst. Ob es das Rechte ist? Ich weiß es nicht. Ich sehe täglich des Landes Not und habe nur noch ein Gebet: Gib Frieden, Herr, gib Frieden. Niemals wieder nehme ich das Schwert auf, das ich früher wie du geschwungen habe. Lieber will ich leiden und dulden, Schmach und das Martyrium auf mich nehmen, als daß ich den Frieden hindere. Ich vertraue darauf, daß Gottes Wort doch nimmermehr untergehen kann, auch wenn die Feinde wüten und toben. Es wird zuletzt auch seine Widersacher überwinden und herrlich triumphieren auf der ganzen Erde.«

»Glaube nur nicht,« rief Bernhard finster, »daß irgend etwas in der Welt von selber emporkommt und wächst.«

»Nun, wächst nicht das Saatkorn von selbst, mit dem der Herr so oft sein Wort verglichen hat?«

»Es wächst, wenn man zuvor den Schoß der Erde aufreißt mit dem blanken Stahl und das Unkraut ausreutet. Allem Wachsen und Werden geht ein Kampf voraus.«

»Auch dulden heißt manchmal kämpfen,« erwiderte Herzog Ernst. »Aber warum sollen wir streiten? Wir suchen wohl beide, dem Herrn zu dienen, jeder auf seine Weise. So behüte dich denn Gott der Herr auf deinen Wegen, auf denen ich dir nicht folgen kann, und er kehre alles zum besten.«

Damit nickte er seinem Bruder freundlich zu und schritt aus dem Gemache.

Bernhard blickte ihm düster nach, und als sein Schritt im Vorzimmer verklang, sagte er laut und fest: »Du suchst den Frieden um jeden Preis, mir ist der Preis zu hoch. Denn ob ihr's einsehet oder nicht, ihr Friedensrufer – der Preis ist das Evangelium. Kommt der Habsburger wieder zur Macht, so ist es verloren. Darum – ob tausend fallen zu meiner Rechten und zehntausend zu meiner Linken – ich bleibe aufrecht! Ich bleibe im Harnisch!«

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