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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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XII.

Wo sich die Hänge des Ipfberges in das Tal des kleinen Flüßchens Eger herabsenken, hielt Herzog Bernhard hoch zu Rosse in der Mitte eines Vierecks von Pikenieren und Musketieren. Wer das Bild von ferne sah, der mochte wohl wähnen, er habe die Truppen zu einer fröhlichen Waffenübung herausgeführt, denn das grüne Banner, das der Fähnrich über seinem Haupte hielt, flatterte und blähte sich lustig im Morgenwinde, und die Speerspitzen der Knechte funkelten wie gleißendes Silber im Sonnenscheine. Wer aber näher kam, der sah, daß hier ein furchtbar ernstes Ding im Werke war. Denn neben dem Fürsten standen zwei Profoße in ihren blutroten Gewändern, und vor ihnen lagen auf den Knien acht Männer, deren Hände mit Stricken gefesselt waren. Reiter des gelben Regiments hatten sie ergriffen, als sie in einem nahegelegenen Dorfe scheußliche Gewalttat übten. Eine vierundsiebzigjährige Greisin und ein junges Ding von fünfzehn Jahren waren ihrer rohen Gier zum Opfer gefallen, ein zweijähriges Kind hatten sie in die Flammen der von ihnen angesteckten Scheune geworfen und den Bauer erstochen, der die Seinen hatte retten wollen. Darum war ihnen soeben aus dem Munde des Fürsten das Urteil gesprochen worden, daß sie sollten zur Rache für die beleidigte Majestät Gottes und für andere zu einem abschreckenden Exempel durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht werden.

»Dort hängt ihr sie auf!« rief der Herzog mit finsterer Miene. »Dort an die Weiden! An jeden Baum einen! Hauptmann Romrodt, Ihr meldet mir dann, daß die Exekution vollstreckt ist!«

Sieben der Verurteilten schienen sich in ihr Schicksal zu finden, denn sie blieben ohne einen Laut auf den Knien liegen und stierten stumpfsinnig vor sich nieder auf den Erdboden. Der achte aber, ein Kerl mit kohlschwarzem Haar und Bart, sprang trotz seiner gefesselten Hände schnell empor und brüllte auf wie ein wildes Tier.

»Wenn ich nun einmal sterben soll,« schrie er überlaut, »so will ich auch euch die Wahrheit sagen. Wer hat uns denn zu Räubern gemacht, Herzog von Weimar? Ihr selber und die andern Großen. Ihr werbet Soldaten an und bezahlt sie nicht! Sie sollen für Euch die Haut zu Markte tragen und dabei von der Luft leben! Betrüger seid Ihr alle und Bluthunde, und unser Blut komme über Euch!«

»Um eurer Räuberei willen lasse ich euch nicht hängen, Klaus Hempel,« erwiderte der Herzog mit eherner Ruhe. »Ich weiß wohl, daß der Soldat sich die Nahrung nehmen muß, wenn sie ihm nicht verabreicht wird. Ihr sterbt, weil ihr grausame Schandtaten verübt habt, die zum Himmel schreien! Auf, Profoße, an euer Werk!«

Damit wandte er sein Roß und ritt die Straße hin die nach dem Städtlein Bopfingen führte. Ihm folgte auf einem schweren Rosse sein alter Lehrer und Freund Hortleder, der gestern abend spät im Lager angekommen war und ihn nun in der Frühe aufgesucht hatte. Er kam von Würzburg, wo auf Bernhards Befehl die Universität wieder neu errichtet werden sollte. Dazu hatte er sein Gutachten geben müssen und war ins Lager gekommen, um dem Herzog darüber zu berichten. Außerdem barg er wichtige Briefe in seiner Manteltasche.

Jetzt hub er zu reden an. »Es ist eine wahre Beruhigung,« sagte er, »daß eine solche Exekution in der Soldateska noch statthaben kann. Kein Mann erkühnte sich zu murren, als Ihr die Schufte zum Tode verurteiltet. In Weimar sagte man, die Befehlshaber müßten jetzt dem gemeinen Manne alles nachsehen, auch die greuelvollsten Taten. Ich sehe mit Freuden, daß die Disziplin denn doch noch nicht so auf den Hund gekommen ist.«

Der Herzog, der in schweren Gedanken, ohne seines Begleiters zu achten, des Weges dahingeritten war, zügelte sein Roß und wartete, bis er an seiner Seite war. Da sagte er mit einem tiefen Seufzer: »Es ist doch nicht unrichtig, was man Euch erzählt hat, Hortleder. Oft müssen wir den Kerlen durch die Finger sehen, wenn wir sie strafen möchten. Denn viel Wahrheit war in dem, was jene Bestie dort ausschäumte. Der Soldat ist verdorben worden, weil man ihm Sold und Nahrung nicht gibt und nicht geben kann. Darum muß er zum Räuber werden, ob er schon nicht will. So kann ich sie nicht schelten, viel weniger strafen, wenn sie auch wie die Raben stehlen. Aber wenn ich von den Scheusäligkeiten höre, die sie beim Rauben begehen, so fängt mir das Blut an zu sieden, und ich kenne keine Rücksicht. Und meuterte der Haufe – bei Gott, ich täte wie der Mansfelder, der in ein empörtes Regiment hineinritt und ein Dutzend vom Pferde hieb und so ihrer aller Trotz zerbrach!«

»Ihr wäret dazu imstande, Herzog Bernhard,« sagte Hortleder. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Die Verwüstung der Landschaften wäre sicher nicht so furchtbar, wenn nicht der ungeheure Troß den Armaden folgte. Aber da hat jeder Reiter seinen Jungen und jeder Offizier mehrere Knechte. Und die Weiber! Herr des Himmels, die Weiber! Jedes Lager wimmelt von Frauensmenschen!«

»Auch das kann ich nicht hindern,« erwiderte Bernhard. »Ich sehe nur darauf, daß sie ihre Eheweiber bei sich haben. Von Zeit zu Zeit lasse ich austrommeln, daß ich die Dirnen mit dem Staupbesen austreiben lassen wolle. Neulich tat ich das wieder einmal. Da liefen sie in die nächste Kirche und holten die Pastoren und Pfäfflein mit Gewalt herbei und ließen sich trauen, und es wurden ihrer ehelich an einem Tage mehr denn hundertundzwanzig.«

Hortleder schüttelte den Kopf. »Am besten wäre es, wenn sie gar keine Weiber mit sich führen dürften.«

Der Herzog lächelte. »Das sagt Ihr, weil Ihr graue Haare tragt. Wäret Ihr zwanzig bis dreißig Jahre jünger, so würdet Ihr bedenken, daß geschrieben steht: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will, spricht der Herr, ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.«

»Nun, Herzog Bernhard,« versetzte Hortleder, »Ihr selbst widerlegt durch Euer Leben Eure Worte. Ihr seid allein und habet keine Gehilfin um Euch, und ich höre mit Freuden und Wohlgefallen, daß Ihr allen Frauenzimmern aus dem Wege geht, wo Ihr auch hinkommt.«

»Da habt Ihr recht,« erwiderte der Herzog, »aber das hat seine absonderliche Ursache. Gott der Herr hat mir eine reine Liebe ins Herz gelegt, das ist der sicherste Schutz vor allen Versuchungen.« Er zog ein Medaillon hervor, das an einer feinen, goldenen Kette um seinen Hals gehängt war. »Hier, Hortleder, das Bild einer, die Ihr wohl kennt! Und hier« – er schlug an seine Brust – »die Briefe, die sie mir geschrieben hat. Die sind mein Talisman, Hortleder. Sie machen es, daß ich sonst kein Weib ansehe, ihrer zu begehren.«

Über das trockene, faltenreiche Antlitz des alten Gelehrten und Staatsmannes ging eine große Rührung, und mit feuchten Augen ergriff er des Herzogs Hand und sagte herzlich: »Da möchte ich Euch denn wünschen, lieber Herzog Bernhard, was unser Volk singt in seinem alten Liede:

Gott führe sie zusammen,
Die füreinander sein!«

Bernhard drückte die Hand des alten Vertrauten kräftig. »Das ist mein Gebet an jedem neuen Morgen,« erwiderte er, »und die nächsten Tage müssen entscheiden, ob wir auf eine baldige Erhörung hoffen dürfen.« »Ihr wollet Nördlingen entsetzen?«

»Wir müssen!« rief der Herzog. »Ich hab' es geschworen bei meiner fürstlichen Ehre, bei Treu und Glauben. Ja, ich habe meine Seligkeit dafür zum Pfand gesetzt. Tue ich's nicht, hab' ich den Bürgern sagen lassen, so solle mich Gott am jüngsten Gerichte strafen, und sie sollten Rache über Rache schreien.«

»Das ist ein furchtbar Wort, Herzog Bernhard, das hätt' ich nicht gesagt,« versetzte Hortleder bekümmert.

»Mein Gott!« rief der Herzog, »konnt' ich denn anders? Hätten sie sonst eine Besatzung von uns in ihre Mauern genommen? Hätten sie nicht allsogleich einen Akkord mit dem Feinde geschlossen? Und die Stadt muß sich halten, sie muß! Ach, Hortleder, es ist ja in den letzten Monden alles traurig und kläglich ergangen. Mit des Friedländers Tode fing das Unheil an. Ich wollte nach Böhmen einbrechen und das Heer angreifen, das er hinterlassen hatte. Aber konnt' ich's mit meinen paar tausend Mann? Ich schrieb an den Kanzler, an Horn, an den Kurfürsten – überall Worte, Worte, Worte! Keine Hilfe von irgendeiner Seite. Der Feind aber verstärkte seine Macht immer mehr und kam zuletzt mit solcher Übermacht gegen mich heran, daß ich retirieren mußte. Nach Regensburg werfe ich ein paar tausend Mann hinein, vermeinend, nun endlich werde Hilfe kommen und ich könnte mit Horns Beistand die teuerwerte Stadt wieder entsetzen. Aber auch dazu war der Mensch nicht zu kriegen, und als ich ihn endlich soweit hatte, da war's zu spät. Weil sie kein Mehl und kein Pulver mehr drin hatten, mußte Niels Kage sich ergeben, obschon er sich gewehrt hatte wie ein Held. Regensburg, mein Regensburg ging wieder verloren! O der großen Schmach und Schande!«

Ein Zittern ging durch seine Stimme wie von verhaltenen Tränen. Noch einmal faßte Hortleder seine Hand. »Auf Euch fällt keine Schmach, Herzog Bernhard. Auch nicht ein Schatten davon. Daß Ihr ein Held seid, das weiß die Welt.«

»Ach, daran ist mir wenig gelegen!« erwiderte der Herzog heftig. »Ich kann des Beifalls der Menge entbehren. Mir liegt nur am Erfolg, an der realen Potentia, und die verlieren wir mit jedem Tage mehr. Regensburg ist über, der Schlüssel zu Bayern und Österreich. Jetzt berennt der Feind Nördlingen, den Schlüssel zu Schwaben. Fällt die Stadt, so ist Württemberg dahin! Und wie müßte der Fall im Reiche widerhallen! Vor allem die Städte müßten alle fiduciam auf uns verlieren. Wir müssen hier an den Feind, wir müssen. Es geht nicht anders.

»Aber sind nicht die Kaiserlichen weit stärker als unser Heer, auch nachdem Ihr Euch mit Horn konjungiert habt?«

»Ja, um fast zwanzigtausend Mann!«

»Gerechter Himmel!« rief Hortleder und erbleichte. »Wie könnt Ihr da auf den Sieg hoffen?« »Wir waren bei Lützen in der Minderzahl und haben gesiegt. Ich hatte vor Regensburg eine Hand voll Leute und habe die Stadt genommen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich, lieber Hortleder, und die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie die Adler.«

»Aber, nehmt mir das Wort nicht übel, es sieht auch geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.«

»Das heißt nicht Gott versuchen,« sagte Bernhard ernst, »wenn man im Vertrauen auf seinen Beistand tut, was Pflicht und Ehre gebieten. Aber auch nach weltlichem Raisonnement steht unsere Sache nicht so verzweifelt, wie es aussieht. Erstens ist unser Volk viel besser als das, was die da drüben haben. Zweitens ist der römische König, der Kaisersohn, der dort befiehlt, ein unerprobter Jüngling, und Gallas, der ihn berät, ist kein Feldherr. Hier aber befehlige ich!«

»Wie?« rief Hortleder, »hat also doch der Starrtopf Horn sich Euch untergeordnet?«

»Nein,« erwiderte Bernhard, »dazu ist er nicht zu bewegen gewesen. Seit unsere Truppen vereinigt sind, wechseln wir mit dem höchsten Befehl Tag um Tag.«

»Und kann bei solchem Wechsel das Heer prosperieren?

»Auf die Dauer ginge das nicht. Aber eine Woche lang kann eine Armada auch dann bestehen, wenn zwei Köpfe ihr gebieten. So kann ich doch wenigstens eine Entscheidung erzwingen. Morgen ist mein Tag, und länger als vierundzwanzig Stunden dauert eine Schlacht ja in keinem Falle.« –

Sie waren während dieser Reden in das Städtlein Bopfingen eingeritten und hielten bald vor dem Rathause. Hortleder sah mit Verwunderung, wie sich des Herzogs eben noch so sorgenvolles und düsteres Gesicht mit einem Male verklärte, und erschrak fast, als sein fürstlicher Freund in ein lautes Lachen ausbrach, denn er konnte die Ursache der plötzlichen Heiterkeit nirgends erspähen.

»Doktor!« rief Bernhard, »sehet dort hin über die Tür! Die Schwaben sind doch wahrlich ein witziges Volk!« Hortleder entzifferte, die Augen mit der Hand beschattend, die Schrift, die dort in riesengroßen, bunten Lettern prangte: Senatus populusque Bopfingensis.

»Es muß von altersher ein stolzer Sinn in diesem Gemeinwesen herrschen!« sagte er, nun gleichfalls lachend.

»Ja, diese Hand voll Spießlinge, es mögen ihrer mit Weib und Kind noch nicht zweitausend sein, ahmen das weltbeherrschende Rom nach,« versetzte der Herzog. »Wenn ich so etwas sehe, mein lieber Doktor, so gibt es mir sogleich die gute Laune wieder, auch wenn mein Gemüt noch so verstimmt war. Es ist ein Segen Gottes, daß es so viele närrische Leute gibt in der Welt, die dazu helfen, daß man das Lachen nicht verlernt. Nun aber, Hortleder, müssen wir uns trennen bis zur Mittagsstunde. Ich habe hier Kriegsrat zu halten mit Horn und den anderen Befehlshabern. Gebt mir die Briefe meines Bruders, die Ihr mir bringt, und stellt Euch um zwölf Uhr bei mir zum Essen ein.«

Hortleder knüpfte die innere Tasche seines Mantels auf, übergab ihm ein umfangreiches versiegeltes Paket und ergriff dann des Fürsten dargebotene Rechte. »Ich wünsche Euch Gottes Beistand und Erleuchtung, Herzog Bernhard,« sagte er mit einem festen Händedrucke. Dann ritt er langsam mit seinem schweren Gaule nach seinem Quartier im güldenen Eber.

Der Fürst stieg inzwischen, von einem Stadtknechte geleitet, die steinernen Stufen zum Rathaussaale empor. Er fand den ziemlich großen Raum noch ganz leer, und deshalb trat er in eine Fensternische und erbrach das Schreiben, das mit dem großen Siegel seines Hauses verschlossen war. Es kam von seinem Bruder Ernst, den er zum Statthalter des ihm verliehenen Herzogtums Franken eingesetzt hatte und der jetzt auf dem alten Bischofsschlosse residierte. Er selbst war nur einige Tage dort gewesen, um die Huldigung der Städte entgegenzunehmen. Dann hatte er sich wieder in die Kriegswirren stürzen müssen, wo er unabkömmlich und unersetzlich war. Er wußte, daß sein Bruder das Fürstenamt so führte, wie er selbst es nicht besser vermocht hätte, denn er hatte ein weises und landesväterliches Gemüt, und die Natur hatte ihn mit einer ganz ungewöhnlichen Fähigkeit zu herrschen und zu ordnen ausgestattet. Bernhards Augen glitten nur flüchtig über die großen Bogen dahin, die mit der kräftigen Handschrift seines Bruders bedeckt waren. Er konnte sich jetzt nicht in das alles vertiefen, was ihm Ernst schrieb über den Zustand der Kirchen und Schulen, des Gerichts- und Steuerwesens in dem neugeschaffenen Staate. Das mochte Zeit haben bis nach der Sitzung oder auch bis nach der Schlacht, auf die er hoffte.

Er wollte eben das Schreiben wieder zusammenfalten, als ihm ein kleines, versiegeltes Briefchen entfiel. Als er es vom Boden aufhob, entfuhr ihm ein Ruf des Staunens, denn die Aufschrift zeigte die Hand seiner Braut.

»Mein liebstes Herz«, las er, »wird sich höchlich verwundern, aber, wie ich verhoffe, mir nicht zürnen, daß ich nach Würzburg gereiset bin. Seine Liebden, Herr Bruder Ernst, war des frauenlosen Haushaltes überdrüssig und hat die Tante Schwarzburg gebeten, zu ihm zu kommen und ihm das Haus zu führen, sintemalen sich meines liebsten Schatzes Anwesenheit von Monat zu Monat hinauszögert. Mit ihr bin ich hergefahren, und wir haben eine gute Reise gehabt, also daß ich nichts habe auszustehen gehabt unterwegs, und sind also wohlbehalten vor dreien Tagen hier angekommen. Die Stadt und das Schloß gefallen mir über die Maßen wohl, und ich bete täglich wohl zehnmal zum lieben Gott, er wolle dieses Land in seiner Gnade meinem liebsten Herzen erhalten, auf daß wir dereinsten, wenn der Friede kommt, hier mit Freuden hausen können als Eheleute, so wie es ihm gefällig ist.«

Der Herzog ließ das Blatt sinken und blickte mit einem bitteren Lächeln zum Himmel empor. Die liebe Gundel! Sie schien nicht zu ahnen, wie seit Regensburgs Fall die Dinge standen. Hätte man ihn kräftig unterstützt, so wäre vielleicht der Friede nahe gewesen. Jetzt war dieser Traum vorbei. Die gewaltige Übermacht des Feindes konnte wohl in einer Feldschlacht besiegt und zurückgeworfen werden, aber sie zu zersprengen, zu vernichten, war keine Aussicht. Alle die Arbeit des vorigen Jahres mußte selbst nach einem Siege von neuem getan, die verlorenen Städte und Gebiete, besonders Regensburg, mußten wieder erobert werden, und inzwischen formierte sicherlich der Feind neue Heere. Siegte man aber nicht, so war überhaupt nicht abzusehen, was geschah. Sein Herzogtum Franken war dann fürs erste verloren. Die dort auf dem Würzburger Schlosse zusammensäßen, waren dann nicht mehr lange vor den Kaiserlichen sicher.

Noch stand er in solche Gedanken verloren, als die Tür sich öffnete und Horn hereintrat, gefolgt von mehreren höheren Offizieren.

Bernhard verbarg rasch die Papiere in seiner Brusttasche und erwiderte die höfliche Verneigung des eintretenden Feldmarschalls mit derselben Höflichkeit. Eine weitere Begrüßung zwischen den beiden unterblieb, denn ihr gegenseitiges Verhältnis war in den letzten Tagen fast in offene Feindschaft übergegangen.

Der Saal füllte sich nun rasch. Die Vornehmsten nahmen am Tische Platz, die andern stellten sich rings an den Wänden auf. Horn saß obenan, denn er führte an diesem Tage den Oberbefehl. Der Herzog ließ sich rechts von ihm nieder, aber zwischen beiden blieben zwei Stühle leer.

»Ihr Herren!« rief Horn, indem er sich erhob, mit heller, durchdringender Stimme in deutscher Sprache, die er ganz gut beherrschte. »Ihr Herren, unser Konvent beginnt. Ein jeder wisse, worüber wir ratschlagen wollen. Es ist der Wunsch Seiner Fürstlichen Gnaden des Herrn Herzogs von Weimar, daß wir die Armada des Kaisers attakieren möchten, die Nördlingen belagert. Wir können uns darüber nicht einigen, denn ich bin dem Plane stracks zuwider. So wollen wir die Meinung der Herren Generale und Obristen hören. Ein jeder sage ungescheut, was er denkt!«

Diesen Worten folgte ein tiefes Schweigen. Endlich rief der tapfere General Schusselitzky: »Ich denke, man hat mich mit meinen zwei Regimentern deshalb in Eil' hierher entboten, weil die Stadt entsetzt werden soll. Denn warum sonst?«

Beifallsgemurmel rings umher. Zwischen Horns Brauen erschien eine drohende Falte und vertiefte sich noch, als er sah, daß auch der schwedische General Niels Kage, der eben noch in den Saal getreten war und die Worte Schusselitzkys gehört hatte, heftig mit dem großen Kopfe nickte und etwas Beifälliges brummte. Sogar die schwedischen Häupter waren also von der Tollkühnheit dieses deutschen Herzogs angesteckt! Es war kaum zu glauben!

Das Blut stieg ihm vor Ärger in den Kopf, und er sagte in gereiztem Tone: »Ich konnte Eure Worte nicht verstehen, Herr General Kage. Wollt Ihr eine Meinung äußern, so äußert sie deutlich!«

»Deutlich? Wenn der Herr Feldmarschall will, werde ich mich ganz deutlich äußern!« erwiderte Kage, indem er sich wieder von dem Stuhle erhob, auf den er sich soeben breit und schwer hatte niederfallen lassen: »Mit einem Worte: Ich bin des Retirierens satt. Ich habe Regensburg verteidigt und hätte es gehalten, wenn rechtzeitig Sukkurs kam. Er kam nicht. Ich mußte abziehen. Ich zog Euch zu und dem Herrn Herzog. Ihr waret retiriert aus Schwaben, der Herr Herzog aus der Oberpfalz. Zusammen sind dann die beiden Heere retiriert bis hierher. Von hier aus sollen wir weiter retirieren? Gott straf mich, das geht nicht! Mir dreht sich das Herz im Leibe herum, wenn ich die blaugelben Schwedenfahnen immer auf der Flucht sehe. Wenn das der große König erlebt hätte! Mord und Brand! Er wäre vor Scham gestorben! Es geht nicht länger so! Wir können nicht immer nur fragen: Was fordert die Vorsicht? Wir müssen auch fragen: Was fordern Ehre und Reputation?«

Der tapfere Verteidiger von Regensburg hatte diese Worte in einem Gemisch von deutsch und schwedisch herausgepoltert, aber er war von allen verstanden worden. Denn als er sich jetzt wieder niedersetzte, erscholl brausender Beifall von allen Seiten.

Horn stand da, als wäre er erstarrt. Grimm und Überraschung lähmten ihm die Zunge. So weit war es also gekommen, daß ihm einer der Generale, noch dazu ein Schwede, den versteckten Vorwurf der Feigheit ins Gesicht schleuderte! Der Herzog von Weimar mußte ja insgeheim kräftig für seinen Plan gewirkt und die Autorität seines Mitbefehlshabers gänzlich untergraben haben! Und dabei saß dieser Mann da, als ginge ihn die Sache gar nichts an, und redete leise mit dem hinter ihm stehenden Obristen Rosen, der nun mit einem Male den Saal mit schnellen Schritten verließ.

Endlich raffte sich der Feldmarschall auf. Er schoß einen wütenden Blick auf den Herzog und einen noch wütenderen auf den General und rief mit vor Erregung und Entrüstung zitternder Stimme: »Ich will nicht hoffen, Niels Kage, daß Ihr mir vorwerfen wollt, ich hielte nichts auf Ehr' und Reputation!«

»Das habe ich nie behauptet. Jeder weiß, Ihr seid ein tapferer Mann,« versetzte der General mürrisch. »Aber ich will, daß es endlich zum Schlagen kommt.«

»Den Teufel auch!« schrie Horn und führte einen wütenden Hieb in die Luft. »Ich will ja auch schlagen! Aber erst soll der Rheingraf da sein. Die Übermacht des Feindes ist sonst zu groß.«

»Der Rheingraf rührt sich nicht. Man hört nichts von ihm,« klang eine Stimme von der Wand her.

»Ehe er kommt, fällt die Stadt!« rief ein anderer.

»Die Stadt kann und wird sich noch eine Woche halten,« sagte Horn mit großer Bestimmtheit.

»Nein, Herr Feldmarschall,« rief der Herzog, sich erhebend, »da seid Ihr falsch berichtet. Sie hält sich kaum zwei Tage noch.«

»Woher weiß das Eure Fürstliche Gnaden?«

»Das werdet Ihr sogleich erfahren. Einstweilen aber dies, ihr Herren: Es handelt sich hier nicht um die eine Stadt, es handelt sich um das Herzogtum Württemberg. Es gehet ferner um das Heilbronner Bündnis überhaupt. Wenn die Städte und Reichsstädte sehen, daß wir eine nach der andern preisgeben, so werden sie sich dafür bedanken, in diesem Bündnisse zu bleiben. Sie werden ihren Sonderfrieden mit dem Kaiser machen. Die billigen Bedingungen, die Regensburg erhalten hat, sind ein Köder für die Ängstlichen. Sie sollen sehen, daß der Kaiser auch Gnade üben kann. Und endlich: es steht wirklich so, wie der Herr General Kage gesagt hat. Unsere Ehre ist engagiert. Sie geht verloren und sinkt in den Staub, wenn wir immer vor der Übermacht retirieren. Ihr Herren, hat der selige König nicht allezeit wider die Übermacht gefochten? Und hat er nicht allezeit gesiegt? Sollen wir uns fürchten? Da sei Gott vor! Er ist mit uns, wer mag wider uns sein?«

Noch redete er, da öffnete sich die Tür, und Obrist Rosen trat wieder ein. Vor sich her schob er einen Menschen, der nach Antlitz und Tracht ein Kroat zu sein schien.

Bei seinem Anblick unterbrach Bernhard sogleich seine Rede, und indem er auf ihn deutete, fragte er: »Erkennt Ihr den Mann, Herr Feldmarschall?«

»Ich kenne ihn,« entgegnete Horn kurz und blickte finster auf die Eingetretenen.

»Es ist der Mann aus Nördlingen,« erklärte der Herzog, »der, wie die Herren wissen, schon vor fünf Tagen sich zu uns durchgeschlichen hatte. Er ist diese letzte Nacht wiedergekommen. Nun, Jäcklein, sage, wie es in der Stadt steht.«

Der Kroat, der in Wahrheit ein Bauer aus Goldburghausen war, rief hierauf mit lauter Stimme: »Gnädiger Herr, der Teufel hol mich, es tut große Not, daß Ihr bald kommt. Sie haben noch vierzig Zentner Pulver und für zwei Tage Brot. Das heißt, die Besatzung hat das Brot, die Leute in der Stadt nähren sich von Kleie und Rinde und allerlei Zeug. Die Pest greift um sich, und der Hunger tötet die Menschen.«

»Geht's nicht eine Woche noch zu ertragen?« fragte Horn.

Da antwortete der Bauer mit einem schrecklichen Lächeln: »Gestern wurde eine Frau dabei erwischt, wie sie aus dem Arme einer Leiche Fleisch fraß. In einer Woche müssen sie alle solches Fleisch fressen.«

Ein Schrei des Schreckens drang aus mehrerer Obristen Munde, und mit bleichen Gesichtern sahen die Herren einander an. Auch dem Härtesten unter diesen harten Kriegsleuten war der Schrecken in die Glieder gefahren.

»Und wir zaudern noch?« rief der Herzog.

»Herren,« sagte Horn, »das ist furchtbar. Aber dann muß die Stadt mit dem römischen Könige akkordieren. Es geht nicht anders. Wir sind fünfundzwanzigtausend gegen fünfundvierzigtausend! Wer will das verantworten? Es geht nicht! Es geht nicht!«

Da richtete sich der Herzog hoch auf, und mit einer Stimme, die immer lauter und markiger anschwoll, sprach er den dritten Vers des Liedes: Verzage nicht, du Häuflein klein:

So wahr Gott Gott ist und sein Wort,
Muß Teufel, Welt und Höllenpfort,
Und was dem tut anhangen,
Endlich werden zu Schand und Spott:
Gott ist mit uns und wir mit Gott,
Den Sieg woll'n wir erlangen.«

Und als er damit zu Ende gekommen war, rief er noch lauter und mächtiger: »Ihr Herren, wißt Ihr noch, wer uns das vorgebetet hat? Wißt Ihr es nicht mehr? Habt Ihr seiner vergessen? O gedenket des Helden, der so in seine Schlachten ritt! Gedenket Eures, unsres großen Königs!«

Dann blickte er ruhig und hoheitsvoll im Kreise umher, und es war totenstill im Saale. Das Wort, das sie so oft aus ihres Königs Munde gehört hatten, übte eine unbeschreibliche Wirkung auf alle aus. Manchem war es, als hätte er eine Vision, als stünde dort der König selbst und er hörte noch einmal die Stimme des Toten. In vielen Augen glänzten Tränen, einige schlugen sich gegen die Brust, der General Lohusen war vorn über den Tisch gesunken und hatte sein Gesicht in den Händen verborgen.

»Ich denke, wir fechten morgen!« tönte es nach einer Weile wieder aus des Herzogs Munde.

Da wich der Bann, der die Herzen gefangen hielt. »Ja! Ja! Wir fechten!« erscholl es von allen Seiten, und ein lautes, wirres Getöse brach los. Die Obristen und Generale schüttelten sich untereinander die Hände, und jeder suchte des Herzogs Hand zu drücken, und schwedisch und deutsch schwirrten die Stimmen durcheinander.

Horn stand während des freudigen Lärmens stumm da. Um seinen Mund spielte ein verächtliches Lächeln, und aus seinen Augen sprühte der Zorn, aber er machte keinen Versuch, den Ausbruch der Begeisterung zu dämpfen und Stille zu gebieten. Erst als sich die hochgehenden Wogen etwas gelegt hatten, rief er laut: »So ist es denn der Herren Wunsch und Wille, daß wir morgen die Stadt entsetzen, und es geschehe also. Ich schließe den Konvent.«

Dann trat er dicht an den Herzog heran und sagte: »Ich habe das Spiel verloren, Herr Herzog von Weimar, und Ihr habt es gewonnen. Ich beglückwünsche Euch, Ihr versteht es meisterlich, zu bewirken, daß den Menschen der kühle Verstand entschwindet. Mich aber berauscht Ihr nicht. Ich weissage Euch, auch wenn alle Euch bejubeln, daß Ihr werdet morgen abend darüber trauern, daß Ihr Eurem stürmischen Temperament gefolgt seid und nicht der trockenen Weisheit Gustav Horns.«

»Ich folge nicht meinem Temperament, ich tue, was Pflicht und Ehre gebieten, der Ausgang steht in Gottes Hand,« erwiderte der Herzog kalt und wandte sich mit einer kurzen Verneigung von ihm ab.

Da schritt der Feldmarschall, ohne nach rechts und links zu blicken, mit einem heiseren Lachen aus dem Saale.

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