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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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X.

Ungefähr tausend Schritte vor dem Preprunner Tore der alten Reichsstadt Regensburg hielt Herzog Bernhard auf seinem Rappen, umgeben von einer Suite höherer Offiziere. Er blickte angestrengt hinüber nach der Stadt, deren Umrisse mit jeder Minute deutlicher zu erkennen waren, denn das Dunkel der Herbstnacht war im Entweichen, und ein schmaler, glühroter Streifen am östlichen Himmel kündete schon das Erscheinen der Sonne an.

Vom jenseitigen Ufer der Donau her erklang dröhnender Kanonendonner. Dort hatten die Herzoglichen vor einigen Tagen die Vorstadt »Am Hof« erstürmt und Kanonen drin aufgepflanzt, und die halbe Nacht hindurch waren die Kugeln nach Regensburg hinübergeflogen. Denn die Besatzung der Stadt sollte nicht zur Ruhe kommen, sollte müde und mürbe gemacht werden durch das nächtliche Feuern.

»Was meint Ihr, Taupadel,« fragte Herzog Bernhard den neben ihm haltenden General, »sollen wir die dort drüben noch einmal spielen lassen?« Er wies auf eine Batterie großer Belagerungsgeschütze, die vorgestern Nürnberg gesandt hatte, und die dicht neben der Landstraße hinter Schanzen aufgestellt ihre gefahrdrohenden Mündungen der Stadt zukehrten. Links und rechts davor stand je eine Kompagnie Musketiere. Taupadel, der scharf hinübergespäht hatte, schüttelte den Kopf. »Wäre ums Pulver schade. Fürstliche Gnaden! Sie haben denen da drüben Schaden genug getan gestern nachmittag. Seht hin, die Breschen sind nicht ausgefüllt. Die Sonne braucht noch nicht hoch zu stehen, da können wir stürmen.«

»Ihr habt recht, Taupadel! Sie scheinen die Nacht rein gar nichts getan zu haben, um die Lücken auszufüllen. So eröffnen wir denn um acht Uhr noch einmal die Kanonade hier und dort drüben mit aller Macht, und dann zum Sturm! – Ihr Herren,« wandte er sich dann an die andern Offiziere, »reitet ins Lager zurück und lasset die Regimenter vorrücken. Die Kavallerie sitzt ab und stürmt mit. Nur das blaue und das gelbe Regiment bleibt zu Pferde. Und nun noch eins: Es ist dem gemeinen Manne kund zu tun, daß jede Gewalttat und jeder Versuch einer Plünderung mit dem Tode bestraft wird. Ihr Herren, es gibt da keine Ausnahme und keine Fürbitten. Wer stiehlt, der hängt. Wir kommen in eine protestantische Stadt. Die Bürger sind unsere lieben Glaubensgenossen. Sie hätten uns gerne geholfen mit bewehrter Hand, wenn die bayrische Besatzung und die Bischofsknechte sie nicht entwaffnet hätten, bevor wir kamen. Wir kommen als Befreier der Reichsstadt vom bayrischen und katholischen Joche. Also wehe dem, der sich hier wie in Feindesland, benimmt. Auf Wiedersehen, Ihr Herren!«

Die Obristen und Hauptleute sprengten von dannen. »Es wird ein heißer Tag werden, Taupadel,« sagte Bernhard zu dem General, der noch an seiner Seite hielt und von neuem nach der Stadt auslugte. »Der Sturm wird uns wohl vier- bis fünfhundert Leute kosten.«

»Ohne Zweifel, Fürstliche Gnaden. Aber das Blut ist ja gut angewendet. Der Gewinn von Regensburg bedeutet so viel wie die Viktoria in einer großen Schlacht. Es ist unbegreiflich, daß die Feinde diesen festen Hauptplatz nicht besser armiert haben!«

»Sie hatten wohl nicht darauf gerechnet, daß ich so bald schon davor erschien. Sie meinten, ich würde erst Ingolstadt berennen. Derweil bin ich daran vorbeimarschiert.«

Taupadel lachte. »Ja, darauf ist keiner von den Herren verfallen, weil keiner von ihnen derselben Kühnheit fähig wäre, der Friedländer am wenigsten. Sie haben sie alle verblüfft, Herr, und völlig überrumpelt.« »Doch leider nicht völlig,« erwiderte der Herzog. »Leider ist mein Anmarsch ein paar Tage zu früh hier kund geworden. Wären wir ganz und gar unerwartet eingetroffen, so hätte die brave Bürgerschaft sich erhoben und uns in die Stadt gelassen. Dann wäre kein Blutvergießen nötig gewesen.«

»Und das scheint auch jetzt nicht weiter nötig zu sein, Fürstliche Gnaden!« rief Taupadel, und ein großer Triumph leuchtete in seinem ehrlichen Reiterantlitz auf. »Seht hin, Herr! Sie ziehen über dem Tore die weiße Fahne auf!«

»Wahrhaftig!« murmelte Bernhard. »Ist das zu glauben? – Und dort, Taupadel, dort kommen die Parlamentäre!«

Eine kleine Gruppe von Männern löste sich drüben aus dem Schatten des Tores und kam eilfertig die Straße hergeschritten. Drei Männer in kriegerischer Tracht, deren mittelster eine weiße Fahne trug, gingen voraus; ihnen folgten in ziemlicher Entfernung drei andere, in denen der Herzog ihrer langen, talarartigen Gewänder wegen Ratsherren der Reichsstadt vermutete.

»Es ist wirklich an dem, Taupadel, sie bringen die Unterwerfung!« rief Bernhard mit glänzenden Augen.

Ernst, fast scheu, blickte der General seinem jungen Herrn ins Gesicht. »Sie haben ein Glück im Felde, Fürstliche Gnaden, wie kein anderer. Es hat freilich auch kein anderer dieselbe Kühnheit wie Sie. Heil mir, daß ich mit Ihnen habe ziehen dürfen! Lassen Sie mich nun der Erste sein, der Sie beglückwünscht!« Bernhard griff nach der Hand des Getreuen und drückte sie kräftig. »Ich danke Euch, Taupadel! Gott gebe, daß wir beide noch manch ähnliches Stücklein zusammen ausführen! Als Soldaten und als Menschen schätze ich Euch höher als alle meine Offiziere, und wenn ich Euer Gesicht sehe, so ist mir's wie ein Gruß aus der Heimat.«

Dem bejahrten Kriegsmanne traten bei dem hohen und unerwarteten Lobe seines Fürsten die Tränen in die Augen; auch stand ihm bei seinen Worten mit einem Male seine Thüringer Heimat vor Augen, das kleine Dörfchen am Rande des Tautenburger Forstes, wo er, einer der vielen Söhne eines blutarmen Junkers, als Knabe die Kühe gehütet hatte. Er wischte sich mehrmals verstohlen mit dem harten Büffelhandschuh übers Gesicht und bemühte sich dann, recht streng auf die feindlichen Offiziere zu blicken, die eben von den Wachen herangeführt wurden.

Der Sprecher, der die Fahne trug, ließ sich auf die Knie nieder, und die beiden andern folgten ungelenk seinem Beispiele.

»Steht auf,« befahl der Herzog, »und sagt mir stehend, was ihr zu sagen habt!«

»Wir bringen die Kapitulation, durchlauchtigster Fürst. Das Dokument, das Euer Gnaden gestern abend in die Stadt schickten, hat Herr Oberst Troibreze unterschrieben. Er ist die Nacht von einer Kugel schwer verwundet worden.«

»So? Dann spreche ich ihm mein Beileid aus. Steht es schlimm mit ihm? Kann er transportiert werden?«

»Das wird wohl möglich sein. Fürstliche Gnaden.«

»So gebt das Papier her, das ihr in der Hand tragt. Und dann geht sofort nach der Stadt zurück. Punkt acht Uhr zieht die Garnison aus, mit Sack und Pack, Ober- und Untergewehr und schlagendem Spiel, aber ohne Munition, wie ich's bewilligt habe. Aber sagt dem Obristen, der ganze Akkord ist null und nichtig, wenn er irgendetwas an Geld oder Proviant, das verdächtigen Personen gehört, mit herausnehmen will!«

Die Offiziere verneigten sich schweigend und wandten sich wieder der Stadt zu. Inzwischen hatten sich die drei andern genähert, und Bernhard sah mit Erstaunen, daß sie nicht Ratsherren, sondern Mönche waren.

»Ei!« rief er lachend, »wen sehe ich da? Meine Lieblinge unter den Menschenkindern, auf die das Wort der Schrift Anwendung findet: »Sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater nähret sie doch‹. Oder wie dünkt Euch, Taupadel? Sollte hier nicht noch ein anderes Schriftwort am Platze sein? Ich meine die Frage des Täufers: »Ihr Otterngezüchte, wer hat euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorne entrinnen sollt?«

Da er dabei lachte und Taupadel in ein donnerndes Gelächter ausbrach, so verzogen auch die drei Mönche ihre Gesichter zu einer lächelnden Grimasse. Aber ihre Augen fuhren dabei scheu und argwöhnisch umher, denn es war ihnen bei dem Lachen der beiden bösen Erzketzer gar nicht recht geheuer.

»Nun im Ernst, Ihr Herren, was sucht Ihr bei mir?« fragte sodann der Herzog, indem das Lächeln aus seinen Zügen verschwand.

Mit einer tiefen Verneigung zog der eine ein umfangreiches, versiegeltes Schreiben aus seiner Kutte hervor. »Wir sind von Seiner Bischöflichen Gnaden an Eure Durchlaucht mit diesem Briefe gesandt.«

»Von was für einer Bischöflichen Gnaden?«

Der Mönch sah ihn verdutzt an. »Nun, von dem Herrn Bischof von Regensburg.«

»Bischof von Regensburg? Der hat Euch keinen Brief an mich gegeben, hat auch gar keine Ursach', an mich zu schreiben, denn der bin ich ja selbst.«

Die drei Mönche blickten ihn bei diesen Worten so hilflos an, daß Taupadel von neuem zu lachen anhub. Der Herzog aber fuhr mit unerschütterlichem Ernste fort: »So ist es in der Tat. Nach dem ius belli bin ich kraft meines Schwertes von heute an Bischof von Regensburg. Das sagt dem Freiherrn von Torring, der bisher Bischof von Regensburg war. Er siedelt mit seiner ganzen Klerisei sofort in das Dominikanerkloster über, und ich werde das Lösegeld bestimmen, das er und seine Pfaffheit zu zahlen hat, wenn sie von dannen ziehen wollen. Es wird nicht klein ausfallen, denn ihr seid reich. Wollt' ich an euch all das rächen, was ihr an meinen Glaubensverwandten getan habt, alle die Plackereien, Verfolgung und Drangsal, so müßt' ich euch mit eurem Oberhaupte hängen lassen. Das wird ja nicht geschehen, es wird nichts unbilliges über euch verhängt werden, aber zahlen sollt ihr mir und meinem Heere, daß euch die Augen übergehen! Und nun marschiert nach der Stadt zurück und sagt das dem Torring. Seinen Brief nehmt wieder mit, ich lese ihn nicht.«

Die Mönche wagten solchen Worten gegenüber keine Widerrede, zumal der Herzog in sehr entschiedenem Tone gesprochen hatte. Mit gesenktem Haupte schlichen sie den Weg wieder zurück, den sie gekommen waren. »Die Kirchen, die ihr den Evangelischen weggenommen habt, werden auf der Stelle zurückgegeben!« rief ihnen der Herzog noch nach. Sie verstanden aber seine Worte nicht und hielten sie wahrscheinlich für eine Aufforderung zum schnelleren Laufen, denn plötzlich rafften sie ihre Kutten hoch und jagten davon, als ob der böse Feind hinter ihnen her wäre.

Wohlgelaunt blickte ihnen Bernhard nach. »Ist es nicht wunderbar, Taupadel, was aus einem Menschen werden kann? Das ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, daß ich sollte in drei Stiftern Bischof werden, und nun bin ich's in Würzburg und Bamberg und Regensburg. Freilich: mein Bischofsstab ist und bleibt vor der Hand das hier!« Er schlug an sein Schwert. »Darauf steht jetzt alle Gewalt auf Erden. – Und nun reitet hin zu den Obristen, Taupadel! Sie sollen die Regimenter hier links und rechts von der Landstraße aufstellen!«

Taupadel salutierte und sprengte davon. Der Herzog blieb allein zurück und wendete sein Antlitz wieder der Stadt zu, und wie nun da drüben die Zinnen und Dächer und Türme im Morgensonnenlichte aufglänzten, schwoll immer heißer und mächtiger das Dankgefühl gegen Gott in seinem Herzen empor. Wunderbar hatte ihm die Gnade des Allmächtigen seinen verwegenen Handstreich gelingen lassen. Mit nur zehntausend Mann war er in das feindliche Land eingebrochen, hatte eine starke Festung einfach beiseite liegen lassen gegen alle Regeln der Kriegskunst, und die Besatzung hatte ihn, als wäre sie gelähmt gewesen, ohne einen Finger zu rühren, an ihren Mauern vorbeiziehen lassen. Dabei wußte jeder bayrische Musketier, der ihm von Ingolstadts Wällen nachschaute, wohin er zog, und was an Regensburg verloren ging. Von hier aus bedrohte man Wien und München zugleich, von altersher war es der wichtigste Platz an der Donau. Erscholl die Kunde seiner Eroberung in die Welt hinaus, so mochten der Papst in Rom und der Kaiser in Wien trauernd ihr Haupt verhüllen, und in der Hofburg mochte manches Herz erzittern, aber durch alle evangelischen Lande mußte ein Jauchzen und Frohlocken gehen. Und vor seinem Bruder in Weimar, dem er den Oberbefehl entrissen und die Truppen entzogen hatte, war er gerechtfertigt durch diese Tat, denn Wilhelm war klug und einsichtig genug, sich zu sagen, daß er zu solcher Kühnheit nie und nimmer fähig gewesen wäre. Und endlich – wie würde sich seine Liebste freuen, wenn diese Nachricht in dem stillen Schlosse zu Weimar einlief!

"Das ist von dem Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen," murmelte er und faltete die Hände zum Gebet, und in diesen Minuten festigte sich in seiner Seele das Gefühl, das ihn schon manchmal durchschauert hatte, daß er ein auserwähltes Werkzeug Gottes sei, und steigerte sich in ihm zur unbedingten Gewißheit. Und mit glühendem Antlitz und funkelnden Blicken zum Himmel emporschauend, stieß er mit tönender Summe die Worte hervor: "Ist Gott für uns, wer vermag wider uns zu sein?"

"Hörst du?" sagte ein nahestehender Musketier und stieß einen andern an. "Hörst du? Wird er nicht dem Könige immer ähnlicher? Der betete auch so manchmal für sich, wenn er auf seinem Gaule saß, wenn keiner von uns ans Beten dachte."

Der andere brummte: "Gott straf mich, deshalb gelang ihm auch alles, und dem da gelingt auch alles. Gott straf mich, wären wir frömmer, so würde's uns auch besser gehen in der Welt." Er dachte dabei mit Seufzen an die zwei Reichstaler, die man ihm gestern im Lager beim Spiel abgenommen und die er noch nicht verschmerzt hatte, und tief in seines Gemütes Innerstem faßte er den Entschluß, sowie es sich heimlich tun ließe, wieder einmal zur Beichte zu gehen. Denn er war ein biederer Katholik aus Straubing, der früher in des Eichstädter Bischofs reisigem Heere gedient hatte, aber in der Hoffnung auf größere Beute schon mehrmals zu einem andern Heer gelaufen war. Geriet er dabei in eine Ketzertruppe, so machte er einstweilen von seinem katholischen Glauben keinen Gebrauch, ohne je im mindesten daran zu denken, ihn abzulegen. Er vertraute vielmehr in allen Lagen des Lebens fest auf den Beistand des heiligen Antonius von Padua, dessen Bild er beständig auf der Brust zu tragen pflegte.

Indessen kamen die Regimenter heran und nahmen die Aufstellung, die der Feldherr befohlen hatte. Als sie standen, nahm der Herzog seinen Platz vor der Front des gelben Regimentes ein und winkte Taupadel und einige Obristen zu sich heran. Drüben in der Stadt schlug es acht Uhr. In den letzten Tagen und Nächten waren auf Befehl des Kommandanten die Schlagwerke auf allen Türmen abgestellt gewesen. So war denn der hallende Klang der ganzen Bürgerschaft ein Zeichen dafür, daß der bayrische Obrist in der Reichsstadt nichts mehr zu sagen hatte.

Kaum waren die letzten Schläge verklungen, so öffnete sich das Tor, und der Auszug der Garnison nahm seinen Anfang. Zuerst ritten zwei Abteilungen Reiter heran und überreichten dem Herzog die Fahnen, die er erbeutet hatte. Sie waren zugebunden, er aber ließ sie aufbinden und frei im Winde schwenken. So war es ein Zeichen, daß er sich der Fahnen bemächtigt hatte, auf die die Knechte geschworen hatten, und eine Frage, ob sie nun dem neuen Herrn ihrer Feldzeichen folgen wollten. Und siehe, es traten ihrer so viele zu ihm über, daß der verwundete Obrist, der in einer Kutsche aus dem Tore gefahren wurde, von seinem Fußvolke nur zwei Kompagnien übrig behielt. Mit ihm und dem größeren Teile der Reiter zog er betrübt stromaufwärts nach Ingolstadt.

"Wenn das so weitergeht, Taupadel," sagte Bernhard zu dem Vertrauten, "so wird mein Heer wie eine Schneelawine anwachsen, wenn ich nach Wien ziehe."

"Das kann wohl kommen. Fürstliche Gnaden," erwiderte Taupadel und zog den Mund in die Breite. "Die Aasvögel machen es alle so, ziehen dem zu, bei dem sie Sieg und Beute wittern. Haben wir einmal Pech, und fängt sie ein anderer, so laufen sie dem zu!"

Der Herzog nickte. Wie sein erfahrener Feldhauptmann sagte, so war es. Ein großer Teil der verwetterten Kriegsknechte fragte schon längst nicht mehr danach, für wen und gegen wen gefochten und geschlagen ward, und trat in jedes Herrn Dienst, in dem er Gutes zu finden hoffte. So kam es, daß ein siegreiches Heer nach der Schlacht trotz großer Verluste oft stärker war als vorher, weil es seine gelichteten Reihen aus den Gefangenen wieder ergänzen konnte. So widerwärtig dem Herzog solch gesinnungsloses Gesindel war, mußte er doch mit ihm rechnen, wie jeder andere Feldherr.

Kaum war man damit fertig geworden, die Überläufer zu formieren, so zeigte sich drüben im offenen Tor der Rat der Stadt und die evangelische Geistlichkeit, die den Herzog begrüßen wollten. Als Bernhard die Herren gewahrte, gab er an Taupadel den Befehl über die Truppen ab, die vor der Hand noch außerhalb der Mauern verbleiben sollten. Er selbst ritt an der Spitze seines Leibregimentes der Stadt zu, hörte freundlich an, was der Stadtsyndikus Doktor Georg Halbritter im Namen des weisen, fürsichtigen und edelen Rates zu seiner Bewillkommnung sagte, und richtete dann selbst ein paar kräftige Worte an die Herren, in denen er sie an Gottes große Taten erinnerte und zur Treue und Standhaftigkeit ermahnte. Dann winkte er einem Herrn, der in der vordersten Reihe stand und der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

»Euch, Herr, kenne ich doch! Aber wo soll ich Euch hintun?« fragte er.

»Es wäre fast ein Wunder zu nennen,« erwiderte der Angeredete, »wenn Eure Fürstliche Gnaden sich meiner noch erinnern sollte. Ich habe Anno neunzehn in Jena die Gottesgelahrtheit studiert und hatte die hohe Ehre, dazumal mit Eurer Fürstlichen Gnaden zugleich bei unserm großen teuren Lehrer Herrn Johannes Gerhard zu Tische geladen zu sein!« »Salomon Lenz! Natürlich! Candidatus Theologia Jenensis! Daß ich Euch auch nicht gleich erkannte! Und Ihr seid hier das Haupt der Geistlichkeit geworden? Sieh da, was aus einem Menschen werden kann! Ihr seid wohl absonderlich froh, daß ich gekommen bin?«

Der Superintendent hob beide Hände zum Himmel empor. »O Fürstliche Gnaden, eines Engels Ankunft könnte die Diener am Wort in dieser Stadt nicht höher erfreuen als die Ihre! Wir wurden verfolgt täglich, wir waren geachtet wie Schlachtschafe. Schon war der Tag bestimmt, an dem man uns alle austreiben wollte, und der Domprediger Ernst, unter den Füchsen, die den Weinberg des Herrn verwüsten, der böseste, hat an die Tür meines Pfarrhofes ein Paar Stiefel annageln und »zur glücklichen Reise‹ darunter schreiben lassen.«

Der Herzog lachte, und ein Blitz fuhr über sein Antlitz. »Führet sogleich«, befahl er dem Syndikus, »das freche Pfäfflein vor die Herberge, die Ihr mir gütigst anweisen werdet, und die Stiefel laßt auch dort hinschaffen!«

Auf einen Wink Halbritters verschwanden zwei Hellebardiere in einem Nebengäßlein, und nun setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam ritt der Herzog durch die engen Gassen, umdrängt und umjubelt von einer ungeheuren Volksmenge; die Glocken läuteten von allen Türmen, aus allen Häusern hingen Fahnen heraus, und es erscholl ein so gewaltiges Jauchzen und Freudengeschrei, als ob die ganze Stadt eine Hochzeit feire.

Vor dem gastlichen Hause »Zum goldenen Kreuz« hielt der Zug, denn hier sollte der Herzog Quartier nehmen. Dort war Halbritters Tochter, die schöne Barbara genannt, erschienen und kredenzte ihm den besten Wein, den die Keller des Rates noch bargen, in einem vergoldeten Silberpokal, und unter dem Jubel des Volkes und dem Beifallsnicken der trunkfesten Ratsmannen leerte er, noch auf dem Rosse sitzend, das stattliche Gefäß bis auf den Grund.

Eben, als er sich aus dem Sattel schwingen wollte, ward der Domprediger Ernst herbeigebracht, dem die Knechte die Stiefeln über die Schultern gehängt hatten. Er war kein sehr großer, aber weidlich umfangreicher Herr, dessen zwei listige Augen wie ein Paar schwarze Schlehen aus dem erdbeerfarbenen feisten Antlitz hervorlugten.

»Mann Gottes!« sagte der Herzog mit strengem Blick, »habt Ihr wirklich dem hochwürdigen Magister Salomon Lenz die Stiefeln hier an seine Tür geheftet und ihm glückliche Reise gewünscht?«

Das Pfäfflein sank in die Knie. »Allerdurchlauchtigster, allergroßmächtigster« – begann es – –

»Laßt die Faxen! Habt Ihr's getan oder nicht?«

»Gnade, Herr! Ja, ich hab' es getan.«

»So entledigt Euch sofort Eurer Schuhe und zieht diese Stiefeln an!« Unter Ächzen und Stöhnen und viel Gelächter der Umstehenden gehorchte das Pfäfflein, und nachdem es mit dem Werke zustande gekommen war, hüpfte es von einem Bein auf das andere.

»Sie drücken Euch?« erkundigte sich der Herzog in wohlwollendem Tone.

"Ach; gar sehr, hohe Fürstliche Gnaden und Durchlaucht!« ächzte der Pfaff.

»Das soll Eure wohlverdiente Strafe sein. In diesen Stiefeln wandelt Ihr hinter Euren Glaubensgenossen her sogleich aus dem Tore nach Ingolstadt. Und merkt Euch wohl das alte Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!«

Da lachte alles Volk hell auf, denn das war ein Schwank nach dem Herzen der Regensburger. Mit diesem groben Scherze hatte der Herzog die Gemüter der kleinen Bürger mehr gewonnen, als wenn er Silbergeld hätte auswerfen lassen, und unter Lachen und Beifallsrufen des gesamten Volkes betrat er sein Quartier.

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