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Der Dämon vom Walde

K. Labacher: Der Dämon vom Walde - Kapitel 5
Quellenangabe
authorK. Labacher
titleDer Dämon vom Walde
publisherVerlag E. Bartels
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zwei Brüder.

Deutsch von Jenny Piorkowska.

– Das Häuschen uns gegenüber ist vermiethet, und heute von seinem neuen Inhaber bezogen worden, sagte Anna Western, als sie sich zum Thee zwischen ihre beiden Brüder setzte.

– Hast Du ihn gesehen? fragte ihr Bruder Harry.

– Ihn! erwiderte Anna. Es ist kein »Er« sondern ein »Sie« … und noch dazu eine junge Dame, und was für eine Schönheit! Sie hat schwarzes Haar, dunkle Augen und trägt Trauerkleider; es ist noch ein weibliches Wesen bei ihr, die mir ihre Dienerin zu sein scheint.

– Wir wollen sie besuchen, sagte Georg und blickte seinen Bruder dabei an.

– Sie besuchen! wiederholte Anna verwundert.

– Ja, versetzte ihr Bruder, ich hatte heute Gelegenheit, ihr gefällig sein zu können. Der Mann, der ihre Koffer aus dem Gasthof in ihre Wohnung bringen sollte, ließ sie im Stich, und da ich gerade vorüberfuhr, fragte sie mich, ob ich ihr die Sachen nicht an Ort und Stelle fahren wollte.

– Wie? So hielt sie Dich wohl gar für einen Fuhrmann? rief Harry entrüstet.

– Ich riß sie aus ihrem Irrthum, als sie mir Zahlung anbot, sagte Georg, und nachdem ich ihr klar gemacht hatte, daß ich keine ganz unbedeutende Person sei …

– Sondern der Sohn eines Schiffbauers! warf Harry ein.

– Was thut Das? entgegnete Georg beschwichtigend. Sie dankte mir für den kleinen Dienst, den ich ihr geleistet hatte, und lud mich ein, sie zu besuchen. Wir wollen zusammen zu ihr gehen.

– Nein, mich bitte ich zu entschuldigen, sprach Harry. Ein Seemann ist ein schlechter Gesellschafter für Damen, und ich verstehe nicht galant zu sein.

– Pah! rief Anna. Frau Dorking sagt, mein Bruder Harry sei der schönste Mann, den sie kenne.

– Ich bin Frau Dorking sehr verbunden! erwiderte Harry. Bitte, Anna, reich' mir das Brod!

Damit hatte die Unterhaltung betreffs des neuen vis-à-vis ihr Ende erreicht. Erst nach einigen Tagen kam Georg wieder darauf zu sprechen.

– Du wirst mich heute Abend begleiten und Dich Fräulein Brantley vorstellen lassen, Harry? sagte er.

– Ich werde mit Dir kommen, erwiderte der Gefragte, doch kenne ich die Dame bereits.

– So? Woher? fragte Georg.

– Sie ging am Strand spazieren, sprach Harry, und hatte sich bis an die Landspitze gewagt …

– Bis an die Landspitze! wiederholte Georg erbleichend.

– Die Fluth kam mit Macht heran, fuhr Harry fort, und als sie sich zur Umkehr wandte, fand sie den Strand unter Wasser, während sie selbst auf einer Insel stand. Ich kam zufällig vorüber, lief, als ich sie sah, zurück, holte Grant's Boot und brachte sie glücklich an's Land. Nach zehn Minuten war auch die Landspitze, auf der sie stand, überschwemmt. Sie war froh, aus ihrer gefährlichen Lage gerettet zu sein, und forderte mich auf, sie zu besuchen.

– War sie nicht sehr ängstlich? fragte Georg.

– Nicht im geringsten, antwortete Harry. Sie rief mich, als ich vorbeiging, so ruhig wie Dich, als sie Dich um den Trägerdienst bat.

– Nun, so komm' … wir wollen den Abend bei ihr verbringen!

An Fräulein Brantley's Hause angelangt, wurden die beiden Brüder von einer bejahrten Dienerin in das kleine Wohnzimmer geführt. Am offenen Fenster saß eine Dame und beobachtete die See, die sich in einiger Entfernung vor ihrer Wohnung ausbreitete. Als die Brüder eintraten, ging sie ihnen entgegen.

Bertha Brantley war eine große, schlanke Gestalt, mit regelmäßig schönem Gesicht, großen schwarzen Augen und dichtem dunkeln Haar, das, einfach über der Stirn gescheitelt, im Nacken in einen dicken Knoten geschlungen war. Sie trug tiefe Trauerkleider, aber der weiche Stoff fiel in anmuthigen Falten um ihre graziöse Gestalt und hob dieselbe nur vortheilhaft hervor.

Sie sprach zuerst mit Georg, reichte aber Harry die Hand, die derselbe mit so warmem Druck in die seine schloß, daß ihre Wangen sich mit einem leichten Roth übergossen.

– Seien Sie herzlich willkommen! begrüßte sie die Eintretenden. Bitte, Platz zu nehmen.

Hoffentlich haben Sie sich von Ihrem Schreck erholt, sagte Georg.

– Von welchem Schreck, Herr Western? fragte die Dame.

– Von heute Morgen … wie Sie ringsum von Wasser umgeben waren …

– O, ich hatte keine Furcht … ich kann schwimmen, und fühlte mich deshalb ganz sicher; doch habe ich es Ihnen zu danken, daß meine Kleider vor einem Salzwasserbad verschont blieben, setzte sie hinzu, während sich ihre großen schwarzen Augen Harry zuwandten. Ich habe manchen Sommer an der See zugebracht, fuhr sie fort, wenn auch bisher niemals allein. Seit ich zuletzt das Meer gesehen, habe ich beide Eltern verloren.

Und tiefe Trauer senkte sich in ihre ausdrucksvollen Augen.

Es trat eine momentane Stille ein, doch fand sie bald ihre Ruhe wieder und sagte nach dem Fenster deutend:

– Das ist hier eine herrliche Aussicht! Wie nennen Sie jene Anhöhe?

– Die Klippe der Liebenden, entgegnete Georg. Es existirt eine Sage, nach welcher zwei hoffnungslos Liebende von dem Felsen hinabsprangen, und seitdem sollen ihre Geister ruhelos dort wandeln. Des Abends müssen Sie jene Stelle meiden.

Bertha lächelte.

– Abgesehen davon, daß man den Geistern begegnen könnte, ist es wohl überhaupt rathsam, nicht da hinauf zu gehen, fuhr Georg fort. Der Felsen ist sehr hoch, und obwohl oben ein kleines Plateau ist, wäre ein Sturz von der Klippe doch sicherer Tod. Zur Zeit der Fluth ist das Wasser gerade dort sehr tief, und während der Ebbe ist der Boden mit Felsstücken bedeckt.

– Ich war heute dort, sagte Bertha. Der Weg führt von meiner Thür an so allmählig bergauf, daß ich mich, bevor ich es gewahr wurde, auf der hohen Klippe befand, während die See unter mir brauste, und der Felsen dicht vor mir so steil abfiel, daß mir bei seinem Anblick schwindelte. Aber von jener Stelle aus bietet der Horizont einen herrlichen Anblick.

Georg nannte ihr viele interessante Punkte in der Nähe ihres neuen Wohnorts, und dann wandte sich die Unterhaltung allgemeinen Gegenständen zu.

Bertha unterhielt sich fast ausschließlich mit Georg, doch beim Abschied war es wieder Harry, dem sie die Hand reichte, und auf ihm ruhte ihr Auge, als sie das Häuschen verließen.

Den kurzen Heimweg legten die beiden Brüder in völligem Stillschweigen zurück, und dann begaben sie sich mit einem kurzen »Gute Nacht!« ein Jeder in sein Zimmer.

– Harry hat sie zwei Mal die Hand gereicht, mir dagegen nicht ein einziges Mal! murmelte Georg, als er die Thür hinter sich schloß.

– Keine sechs Worte hat sie den ganzen Abend mit mir gesprochen, dachte Harry. Ich hätte eben so gut zu Hause bleiben können.

Und was waren Bertha's Gedanken?

– Er weiß liebenswürdig zu unterhalten und ist sehr hübsch, aber der Seemann hat mir das Leben gerettet. Wer weiß … mit meinen durchnäßten Kleidern hätte ich vielleicht nicht schwimmen können. Er rettete mir das Leben.

Die beiden Brüder, unwissentlich auf einander eifersüchtig, betraten Bertha's Haus nicht wieder zusammen, aber es verging kaum ein Tag, wo nicht Einer oder der Andere von ihnen Fräulein Brantley sah.

Da Harry auf einen langen Urlaub zu Hause war, hatte er mehr Zeit, sich der jungen Dame gegenüber liebenswürdig zu machen. Während Georg den Tag über seinem Geschäfte nachging, besuchten Harry und Bertha in einem kleinen Boote die verschiedenen interessanten nahegelegenen Punkte, oder sie promenirten nach der Klippe der Liebenden und sprachen über die Gefahren der Tiefe an der Stelle. Der junge Seemann wußte seiner schönen Zuhörerin viel Interessantes aus seinem eigenen Leben zu erzählen.

Zwei Monate verstrichen.

Georg Western schritt in seinem Zimmer auf und ab und berieth sich mit seinem Herzen:

– Ich liebe sie … sie ist die Erste, die ich je geliebt habe … und sie … sie ist stets freundlich, herzlich und gütig gegen mich. Sie bewillkommnet mich stets mit frohem Lächeln und sieht mich ungern scheiden. Ich muß mit ihr sprechen. Ich will … ja, noch diesen Abend will ich zu ihr gehen. Ich bin noch jung, habe ein gutes Einkommen … ich will heirathen!

Und dann malte er sich Bertha in dem neuen Heim aus, das er ihr schaffen wollte, und die Brust voll froher Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, begab er sich nach ihrer Wohnung.

Die Thür stand offen, und ohne Zögern schritt er auf das kleine Wohnzimmer zu.

Mit stockendem Athem, fest aufeinander gepreßten Lippen und bleichem Gesicht taumelte er voll Schreck und Verzweiflung zurück.

Wenige Schritte von ihm standen sein Bruder Harry und Bertha. Harry's Arm lag um die Taille des jungen Mädchens, seine Augen senkten sich zärtlich und stolz in die ihrigen, während sie mit leidenschaftlicher Liebe zu ihm aufschaute: und als sein Blick glühender wurde, lehnte sie ihren Kopf an seine Brust, und ohne ein Wort des Widerstands drückte er heiße Küsse auf ihren Mund.

Tiefes Stöhnen rang sich von Georg's Lippen.

Die Liebenden blickten auf.

Harry kam auf seinen Bruder zu, der seine Aufregung gewaltsam unterdrücke.

– Bist Du krank? fragte Harry.

– Nein … es ist nur ein vorübergehender Schmerz, gab Georg zur Antwort. Mir ist schon wieder besser. Ich fürchte hier zu stören, sprach er in sanftem Tone weiter, doch … habe ich kein Anrecht auf des Bruders Vertrauen?

Harry zog Bertha innig an sich, legte ihre Hand in Georg's Hand und sagte:

– In wenigen Wochen ist sie meine Frau!

– Und meine Schwester! sprach Georg, indem er sich verbeugte und einen Kuß auf ihre weiße Stirn drückte.

Wenn derselbe wärmer war als sonst die Liebkosung eines Bruders, so war Bertha doch zu erregt, um es zu bemerken.

Bevor die beiden Brüder sich zur Ruhe begaben, ging Harry zu seinem Bruder, um ihm sein Herz auszuschütten.

Georg lauschte der langen Liste von Bertha's Tugenden und guten Eigenschaften und der Schilderung der Wonne und des Glückes ihres Verlobten, bis er die Qualen in seiner eigenen Brust nicht länger zu beherrschen vermochte.

– Harry! Bruder! rief er. Beklage mich!

Harry, erschreckt über den Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, schaute seinen Bruder betroffen an. Dann trat er schnell auf denselben zu, ergriff schweigend seine Hand, und als des Bruder's Haupt auf dieselbe Stelle sank, an der vor einer Stunde Berthas Haupt geruht hatte, und heiße Thränen über Georg's Wangen rollten, da stand der Seemann schweigend da, voll tiefer, ernster Theilnahme für den Kummer, der so leicht auch ihn getroffen haben konnte!

– Vergieb mir! stammelte Georg endlich. Es ist kindisch.

Nein, nein, ich verstehe, wie Du leiden mußt, sagte Harry. Bruder, glaube mir, ich hatte nie eine Ahnung davon.

– Ich weiß es, versetzte Georg. Sie mußte Dich ja lieb gewinnen. Sieh, es ist schon vorüber. Jetzt ist sie meine Schwester und soll mir so theuer sein wie unsere kleine Anna. Weiß es unser Vater?

– Ja. Ich habe es ihm soeben gesagt … er ist sehr erfreut darüber, antwortete Harry.

– Gute Nacht, Harry! sprach sein Bruder. Gott beschütze Dich und Deine Braut.

Mit feierlicher Ruhe wandte Georg sich von Harry ab, der im Bewußtsein, welche Ueberwindung seinem Bruder diese Segensworte gekostet haben mußten, das Zimmer verließ.

Drei Jahre stillen Glückes gingen über die Häupter der Bewohner in dem Häuschen drüben hin, denn Harry hatte an seinem Hochzeitstag das Haus gekauft, in dem er seine Braut schätzen und lieben gelernt hatte, und da lebten sie.

Er hatte eine lange Seereise gemacht, und bei seiner Heimkehr fand er einen neuen Bewohner in seinem Hause: einen muntern rosigen Knaben, der Georg hieß, vor Angst über seines Vaters großen schwarzen Bart schrie und sich dann damit amüsirte mit seinen kleinen weißen Händchen daran zu ziehen und zu zupfen.

Nachdem er sechs Monate bei Frau und Kind geblieben war, segelte »Die Seemöve« mit dem Kapitän Western wieder in ferne Lande, um niemals heimzukehren.

Harry's Abschiedsworte zu Georg waren gewesen:

– Du wirst für Bertha sorgen bis ich zurückkomme.

Und die Antwort lautete:

– Wie für meine eigene Schwester.

Die »Seemöve« hatte seit drei Monaten die Anker gelichtet, als die schreckliche Nachricht in die Heimath gelangte, das Schiff sei auf offener See verbrannt und alle an Bord Befindlichen dabei umgekommen.

Georg war der Erste, der diese Trauerbotschaft erfuhr, und ihm lag es ob, Bertha die bittere Mittheilung davon zu machen.

Wer vermag sich die Qualen vorzustellen, die er litt, als er seine Schritte dem Häuschen zulenkte! Dieser kurze Gang schien ganze Jahre zu verdunkeln!

Bertha kam ihm entgegen, ihn zu begrüßen, blieb aber betroffen stehen als sie sein Gesicht sah.

– Was ist geschehen? stammelte sie bestürzt.

– Ich bringe traurige Nachrichten, Bertha! versetzte er.

– Was ist's? hauchte sie. Rede! Harry … ist er todt?

Georg neigte bei dieser Frage stumm bejahend den Kopf, und trat dann rasch herzu, um die ohnmächtig Werdende in seinen Armen aufzufangen.

*

Die Zeit, die alles Weh lindert, gab der jungen Wittwe, wenn auch keinen Trost, so doch Ergebung in ihr Schicksal.

Die Liebe Georgs, die derselbe gewaltsam unterdrückt hatte, erwachte jetzt in seinem Herzen um so stärker, sie wuchs mit jedem Tage, und als ein Jahr vergangen war, seit die Nachricht von Harry's Tode sie erreicht hatte, bat er Bertha, die Seine zu werden.

– Ich habe Dich von Anfang an geliebt, Bertha, sprach er. Harry wußte von meiner Liebe, und ich glaube, wenn sein Geist über uns schwebt, segnet er unsere Verbindung.

– Mein Herz gehörte Harry, entgegnete Bertha. Nie kann ich wieder lieben wie ich ihn geliebt habe. Wenn Du Dich mit aufrichtiger Achtung und Freundschaft begnügen willst und nicht die warme jugendfrische Liebe verlangst, die ich für Deinen Bruder hegte, will ich die Deine sein.

Sie wurden getraut.

Anna Western war anfangs entrüstet darüber, wie wenig man das Andenken ihres Lieblingsbruders ehre – wie sie sagte – als sie aber sah, wie glücklich es Georg machte, söhnte sie sich allmählig mit der Heirath aus.

Die letzte Spur von Groll schwand, als das kleine Mädchen, mit dem Georg's Heirath gesegnet wurde, ihren Namen empfing.

Es war Anfang Juni, an einem klaren schönen Abend; Bertha saß in ihrem Zimmer, und schaukelte singend die kleine Anna auf den Knieen hin und her, und Georg saß nicht weit von ihr und schrieb, als die Dienerin in das Zimmer trat; ihre Züge kämpften mit heftiger Aufregung, sie zitterte an allen Gliedern, und ihre Stimme klang rauh und heißer.

– Frau Western! Frau Bertha! stieß sie hervor.

– Treten Sie zurück! sprach eine klare männliche Stimme. Ich brauche mich bei meiner eignen Frau nicht anmelden zu lassen.

– Das Kind! rief die alte Dienerin und sprang gerade zu rechter Zeit hinzu, um die kleine Anna, die aus Bertha's kraftlosen Armen fiel, aufzufangen.

Harry's Blick fiel auf das Kind, dann auf seine Frau, die todtenbleich, steif, fast starr vor ihm stand, dann auf Georg, der ebenso blaß war und heftig zitterte.

– Wie! Was ist Das? Frau, Bertha, ist Das Dein Kind?

– Ja, entgegnete die alte Dienerin für ihre Herrin. O Herr, hören Sie … lassen Sie sich erzählen!

– Wieder verheiratet! stieß dieser hervor. Hättest Du nicht etwas länger warten können? Bertha! Bertha! Und Dein Mann?

Georg trat einige Schritte näher.

– Du! … Du, mein Bruder, dem ich so völlig vertraute! Du! schrie Harry. Fluch …

– Nein! Nein! rief Bertha. Nein, Harry, Du darfst Deinem Bruder nicht fluchen.

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, er aber schüttelte dieselbe ab und stürzte aus dem Hause. Georg folgte ihm.

Bertha rief mehrmals:

– Harry! Harry!

Dann sank sie bewußtlos zu Boden.

Am nächsten Morgen wurde Georg Western's lebloser Körper auf den Felsen am Fuße der »Klippe der Liebenden« gefunden.

Bald hatte sich die Geschichte von des Seemanns Heimkehr in der Stadt verbreitet, und Harry Western wurde verhaftet, als er sich eben nach Amerika einschiffen wollte.

Die Leute sprachen offen über seine Schuld, und er wurde vor Gericht gestellt.

Als man ihm sagte, daß man die Leiche seines Bruders gefunden habe, verlor er das Bewußtsein, doch seine Flucht und die Verhältnisse der ganzen Sachlage machten ihn fast mit Bestimmtheit zum Brudermörder.

Die langen Tage, während welcher das Verhör dauerte, konnte mau im Vorzimmer des Gerichtssaales eine kleine Gruppe in tiefster Seelenqual beobachten – Bertha, die alte Dienerin, Anna und der arme Vater des Ermordeten und des vermeintlichen Mörders.

Alles sprach entsetzlich gegen ihn. Die Dienerin, die von der Unterredung der beiden Brüder aussagte … der Nachbar, der sie Beide nach der Klippe hatte gehen sehen … die Lage der entstellten Leiche, die von jener furchtbaren Höhe herabgestürzt sein mußte … die Flucht des Mörders … Alles Das bestätigte die Schuld des Gefangenen.

Es war am dritten Tage des Verhörs. Die Anklage gegen den Gefangenen war erhoben worden, und der Anwalt trat zu seiner Vertheidigung aus. Er sprach von der Liebe, die stets zwischen den beiden Brüdern bestanden hatte, und daß der Gefangene, als er heimgekehrt war und seine Frau wieder verheirathet fand, keinen andern Gedanken hatte, als zu fliehen, um niemals wiederzukehren. Seine Worte begegneten nur Zweifel und Unglauben. Es wurden Zeugen zu seiner Vertheidigung ausgerufen … Niemand antwortete. Der Richter wandte sich eben zu den. Geschworenen, als eine schrille Kinderstimme durch das Gesumm der Versammelten drang.

– Ach, laßt mich herein! Bitte, laßt mich durch! Ich habe Alles gesehen! Gewiß, ich weiß Alles!

– Laßt das Mädchen näher treten! sagte der Richter, und der Gefangene hob den Kopf, während Anna zu Bertha an die Thür trat, damit ihr auch kein Wort entgehe.

Harry, der bisher bleich und regungslos geblieben war, blickte jetzt mit leicht geröthetem Gesicht auf. Wenn Jemand Alles gesehen hatte, war er frei.

Die Richter bemerkten den Strahl der Hoffnung auf seinem Gesicht und wechselten bedeutungsvolle Blicke

Dem neuen Zeugen, einem Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, wurden die gewöhnlichen Fragen vorgelegt, aber es schien ängstlich und eingeschüchtert.

Laßt das Kind die Sache in seiner Weise erzählen, sagte der Richter, als er ihr vor Eifer und Furcht bleiches Gesicht sah. Jetzt, Kind, sprich!

– Ich war eben oben auf der Klippe, hub das Mädchen an, und erwartete eine Bekannte, um ihr Lebewohl zu sagen, weil ich andern Tages abreiste, als ich Herrn Harry Western nach der Felsenspitze kommen sah. Ich erschrack entsetzlich … ich meinte, es sei sein Geist, denn ich glaubte ihn ja todt, und ich verhielt mich ganz still. Kurz darauf kam auch Herr Georg. Als der Andere seinen Bruder sah, schrie er laut: »Komm' nicht in meine Nähe! Verleite mich nicht, zu einem Kain zu werden!« … Das waren seine eigenen Worte … ich erinnere mich ihrer genau … und dann kehrte er um und lief davon. Herr Georg ging noch lange hin und her und sprach laut mit sich selbst.

– Was sagte er? fragte der Richter.

– Ein Mal sagte er: »Sie rief Harry … nicht mich … nicht mich! Sie liebt nur ihn!« Und nach einer Weile rief er wieder: »Bertha, ich will nicht länger mehr zwischen Dir und Deinem Glück stehen!« … und dann … dann sprang er von der Felsenklippe hinab … ich aber lief nach Hause.

– Warum kamst Du nicht früher hierher? wurde sie darauf gefragt.

– Ich war in L… und hörte erst gestern davon … da bin ich so schnell ich konnte hergekommen.

Alle Kreuz- und Querfragen vermochten das Kind in seiner Erzählung nicht schwankend zu machen.

Die Geschworenen zogen sich zurück, und das Urtheil lautete:

– Nicht schuldig!

– Frei, Bertha, frei! schluchzte Anna, als sie das Urtheil vernahm.

Aber Bertha rührte sich nicht. Mit in's Leere starrenden Augen und gefalteten Händen saß sie da und schien für Alles ringsum taub zu sein, bis der Ruf: »Bertha, meine Frau!« an ihr Ohr klang.

Dann sprang sie mit einem lauten Schrei auf, und Harry schloß sie in seine Arme.

– Vergieb mir! schluchzte sie.

– Alles! Alles! rief er. Meine Briefe erreichten Dich nicht, und der arme Georg liebte Dich immer. Mein Weib!

*

Harry's Geschichte ist bald erzählt.

Er war bis zuletzt auf dem brennenden Schiffe geblieben und war dann hinab in das Wasser gesprungen. Am folgenden Tage nahm ihn ein Schiff, das nach China fuhr, auf: dort war er geblieben und hatte auf eine passende Gelegenheit gewartet, in guter Stellung auf einem Schiffe heimzukehren. Er hatte oft an Bertha geschrieben, aber die Briefe waren nie an ihre Adresse gelangt.

Als er sie wieder verheirathet fand, hatte er, wie von Wahnsinn getrieben, nur einen Gedanken: das Vaterland für immer zu verlassen.

Die Nachricht von seines Bruders Tod hatte ihn fast betäubt, und da das Verhör gleich darauf folgte, sah er Bertha erst nach seiner Freilassung wieder.

Sie sollten nie wieder vereint werden.

Ein heftiges Fieber warf Bertha bei ihrer Heimkehr aus das Krankenbett nieder, von dem sie sich nicht wieder erheben sollte. Die kleine Anna aber und ebenso Georg wurden von Harry und dessen Schwester Anna zu brauchbaren braven Menschen erzogen.

Buchschmuck

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