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Der Dämon vom Walde

K. Labacher: Der Dämon vom Walde - Kapitel 2
Quellenangabe
authorK. Labacher
titleDer Dämon vom Walde
publisherVerlag E. Bartels
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Der Dämon vom Walde

Buchschmuck

I.

Die Wittwe Crellen bewohnte mit ihren beiden Kindern, dem Erbsohn Michael und der hübschen, jugendfrischen, hellblonden Mai ein Haus, das in jedem andern Lande nur eine schlechte Hütte genannt worden wäre, in dem dürftigen Livland aber für einen der stattlichsten Bauernhöfe galt.

Eine finstere Szenerie umgab den Wohnsitz der Crellens. Ein dichter, unwirthlicher Wald, dessen mooriger Boden nur im Hochsommer austrocknete, dehnte sich an der einen Seite zur unübersehbaren Größe aus. Ein schwärzlicher, unbewegter See zeigte gegen Westen seinen trüben Wasserspiegel und die wenigen, halbverfallenen Bauerngüter, unter die südwärts gelegenen, kümmerlich nährenden Felder verstreut, belebten nur unvollständig dieses öde Gemälde.

Es war an einem Sonntagsmorgen im Frühling des Jahres 18.. Die Sonne hatte sich gerade durch die schweren Dämpfe gekämpft, die noch von der Nacht her über dem Walde lagen; sie funkelte klar und goldig vom Himmel herab und blickte neugierig in die niedrige Wohnstube der Crellens hinein. Die Wittwe konnte schon seit Langem das Bett nicht verlassen, ein schweres Gichtleiden hatte sie allmählich des Gebrauches ihrer Glieder beraubt; entkräftet und mit der Ruhe, welche die Gewöhnung an das Leiden hervorbringt, lag sie in ihren Kissen. Um so emsiger machte sich Mai mit Staubtuch und Kehrbesen zu schaffen.

– Aber Mai, warum bereitest Du Dich nicht zum Gange in die Betstunde? sagte die Wittwe Crellen endlich zur rastlosen Tochter. Es ist hohe Zeit dazu und Du mußt hinüber. Genug, daß ich armes Weib das Wort des Herrn schon lange nicht hören kann!

– Mutter, verlang' es nur heut' nicht! erwiderte Mai scheu und bittend. Laß mich zu Haus. Vielleicht gehe ich nächsten Sonntag in die Betstunde.

– Was soll denn das heißen, Mai? Du warst sonst eine der Frömmsten beim Gottesdienst. Jetzt aber suchst Du immer öfter nach einer Ausrede, um wegzubleiben, und heute sagst Du kurz und gut: »Laß' mich zu Haus, Mutter!« … Das hat seine Ursachen, und die wirst Du mir eingestehen, wenn Du eine gute Tochter bist.

– O Mutter, denke nicht, daß ich ungern bete! Ich habe die Hilfe Gottes ja jetzt nöthiger als je, entgegnete Mai, während es feucht in ihren blauen Augen schimmerte. S' ist nur des Pedo wegen. Er merkt so sehr auf mich in der Betstunde. Immer meint er, ich hätte dem oder jenem einen Blick gegönnt. Und da giebt's dann Vorwürfe und bittere Worte hinterher. Heute vollends kommt er zu uns, er hat mich gebeten, daheim zu bleiben. Wenn ich's nicht thu', glaubt er, daß ich ihm trotzen, ihm nicht zu Gefallen sein will.

– Immer und immer der Pedo! murmelte die Wittwe. Immer er und seine Wildheit, sein blinder Zorn! … Ich hätt' nicht einwilligen sollen, trotz Deinem Weinen und Bitten. Ich weiß, Du wirst unglücklich mit ihm … und ich hab' Dir doch nicht widerstehen können. Ich fürcht', das wird noch schwer an Dir und mir gestraft werden.

Mai eilte zu ihrer Mutter und sank vor dem Bett auf die Kniee hin.

– Bereu' die schöne Stunde von gestern Abend nicht! flüsterte sie schmeichelnd und erröthend. Hast Du nicht auch gesehen, wie unsinnig lieb er mich hat? Nicht mein Weinen hat Dich gerührt, nein, seine Bitten, sein aufrichtiges Wort, daß er nicht leben kann ohne mich, daß er hinunter springen müßt' in den tiefen See, wenn ich einem Andern gehören sollt'! Da sind Dir die Thränen in die guten Augen gekommen, Du hast den armen Burschen bei der Hand gefaßt und hast gesagt: »Gut, Pedo! nimm die Mai, aber sei nie so wild gegen sie wie gegen die anderen Leut', mach' nicht, daß ich meine Weichherzigkeit bereu'!« Und wie er dann gerufen hat: »Wild gegen die Mai? Eher möcht' ich mir die Zunge herausreißen, wenn sie der Mai ein böses Wort sagen wollt'!« Es war eine schöne Stunde, Mutter, bereue sie nicht, wenigstens jetzt noch nicht! Laß mir mein ungetrübtes Glück, so lang es dauert!

– Ich kann's eben noch immer nicht verwinden, Mai, daß Du gerade den Pedo gewählt hast. Es ist etwas gar Eigenes in seinem ganzen Wesen. Wie er Dich gestern nach meiner Einwilligung in die Arme genommen und geherzt und geküßt hat, als ob er Dich ersticken wollt', da hab' ich mich des Gedankens nicht erwehren können: Gerade so wild und unbändig er in der Lieb' ist, so muß er auch' sein, wenn er Einen nicht leiden mag. Und weh' meiner armen Mai, wenn einmal die Lieb' vorbei ist oder wenn sein Zorn Herr wird über seine Lieb'! Wehe meiner armen Mai!

– Ja, wehe mir, Mutter, wenn er mich nicht mehr lieb hätte, dann wär's mit allem Glück vorbei! Aber warum machst Du mir das Herz so schwer? Ich hoff', ich bau' auf Pedo! Er wird halten was er versprochen hat. Und wenn nicht, so ist's eben mein Schicksal. Lassen hätt' ich doch nicht können von ihm. Wenn er mich anschaut mit seinen lieben Augen, die so traurig sind, dabei aber doch so gut und treu, wenn sich sein finsteres Gesicht aufhellt, sowie ich nur ein Wort zu ihm red' oder unvermuthet in seine Nähe komm', da weiß ich, daß ich für ihn bestimmt bin vom lieben Gott! Andere Burschen können ruhig weiter leben, wenn sie ihre Lieb' verlieren, mein Pedo hat aber nur mich auf der ganzen Welt, darum muß ich zu ihm halten und darf seine einzige Hoffnung nicht betrügen.

– Er könnt' aber mehr haben auf der Welt, wenn er sich mit den Menschen besser vertragen wollte, wandte die Wittwe ein. Gegen Alle ist er feindselig oder mißtrauisch, nicht einmal mit seinen eigenen Eltern kann er in Frieden leben.

– Seine Eltern haben nie mit ihm umzugehen gewußt, vertheidigte Mai. Sein Vater hat Alles mit harten Worten und Schlägen bei ihm richten wollen. Und das geht einmal beim Pedo nicht, der …

– Still! sagte Frau Crellen. Ich glaub', er kommt schon über die Flur.

– O nein! entgegnete Mai aufhorchend. Das ist Pedo nicht, das ist ein fremder Schritt.

Und Mai behielt Recht. Nicht der schwarzlockige Esthe Pedo trat in die Stube, sondern ein Jüngling blond und blauäugig wie Mai selbst. Sein vertraulich leichter Gruß, sein sicheres Auftreten, seine bäuerisch stolze Miene, Alles verrieth einen Menschen, der sich im Besitz von so und so viel Acker Landes und nebenbei eines wohleingerichteten Hausstandes fühlte und mit seinem Besuch eine Ehre zu erweisen glaubte.

Mai erschrack vor ihrem Gaste, als habe sie statt eines hübschen Jünglings ein Ungeheuer erblickt. Gerade er mit seinen unverhehlt verliebten Blicken hielt sie ja fern von der Betstunde, weil Pedo noch dazu diese Blicke bemerkt und dem blonden Milchgesicht eine derbe Zurechtweisung zugeschworen hatte. Und wenn Pedo jetzt kam und den ungebetenen Eindringling fand, was mußte er argwöhnen, was konnte daraus enstehen? …

Die Wittwe Crellen wußte aber von diesen kleinen Heimlichkeiten der Mai nichts, die Alles sorgfältig verhehlte, was Pedos Heftigkeit vor den Augen der Mutter noch deutlicher machen konnte. Deshalb sagte sie ganz unbefangen zu dem Eingetretenen:

Habt wohl ein Geschäft mit meinem Michael, Holtsybauer? Der ist nicht daheim, er hat beim Richter zu thun wegen unseres Knechtes, der gestern weggezogen ist. Müßt schon ein andermal bei uns einsprechen.

– Nein, ich komm' anderer Dinge wegen, sagte der Holtsybauer, während sein Auge fortwährend an Mai hing, die das letzte Stäubchen vom kleinen Spiegel fortwischte. Ich hab' mit Euch selber reden wollen, Crellen, darum hab' ich mir keinen Fürsprecher genommen. Ich denk' eben, der Holtsybauer braucht nicht scheu zu thun; wo der anklopft, da wird ihm schon aufgemacht.

– Was meint Ihr damit? fragte die Crellen und sah verwundert auf Mai, die plötzlich hochroth im Gesicht geworden war und eine Bewegung machte, als wollte sie aus dem Zimmer entfliehen.

– Gleich sag' ich's, was ich will, Mutter Crellen, Eure Mai begehr' ich. Das Mädchen thut zwar gewaltig stolz und spröd gegen mich, aber das ist nun einmal die Art aller Weiber. Nein sagen wird sie doch nicht, denn das schönste Mädchen paßt für keinen als für den reichsten Bauern.

– Ist mir leid, Holtsybauer! sagte die Crellen mit aufrichtigem Bedauern. Die Mai hat sich gestern mit dem Pedo, Orravas Sohn, versprochen. Und wenn sie sich die Sache nicht vielleicht doch noch überlegen will, dann, seht Ihr, kann ich Euren Wunsch nicht erfüllen.

– Nein, Mutter, ich hab' nichts zu überlegen! sagte Mai, sich muthig aus ihrer Verwirrung aufraffend. Der Pedo hat mein und Dein Wort und dabei bleibt's. Ihr, Holtsybauer, hättet Euch den vergeblichen Gang ersparen können. Ich habe nichts versäumt, Euch zu zeigen, daß ich nie und nimmer etwas von Euch wissen will.

– So! Also mit dem Pedo bist Du versprochen, Mai? Mit dem Betteljungen, mit dem niedrigen Knecht, dem Herumstreicher, der in keinem Haushalt gut thut? … Ich gratulier' Dir zu der Parthie! Kannst später einmal mit Deinem Pedo und einem Haufen Kinder herumziehen und Bettelbrod suchen. Wird Dir besser schmecken als beim Holtsybauern die geachtete Hausfrau sein. Eine saubere Partie, ha, ha! Und Ihr, Crellen, als eine vernünftige Mutter, wollt das zugeben?

– Ich kann nicht anders, die Mai will's! Ich kann das arme Kind nicht weinen seh'n. War von jeher mein Fehler, die Weichherzigkeit!

– Geht jetzt! sagte Mai, ängstlich auf die Uhr blickend. Ich besinn' mich gewiß nicht anders. Und Ihr habt kein Recht, meinen Pedo zu beschimpfen. Er wird nicht immer ein Knecht bleiben, wir gründen uns einen eigenen Hof, daß Ihr's nur wißt. Wenn der Pedo in der Näh' wär', hätt' Euch ohnehin der Muth gefehlt, so verächtlich von ihm zu reden.

– Oho, Mai! Ich sollt' mich wohl gar noch fürchten vor dem lumpigen Pedo, vor dem Habenichts, dem lumpigen Knecht?

– Sag' mir das noch einmal in's Gesicht! rief plötzlich eine tiefe Stimme.

Pedo war unbemerkt an die Thürschwelle getreten und heftete seine schwarzen, funkelnden Augen auf den etwas betretenen Holtsybauern.

Die Crellen kreischte auf. Mai eilte zu Pedo hin und flüsterte ihm beschwichtigende Worte in's Ohr. Er schob sie fast unsanft bei Seite.

– Dich frag' ich erst später, was der Bauer da bei Dir will! sagte er. Zuerst muß ich mit ihm fertig werden.

Holtsy hatte sich nun völlig wieder gefaßt.

– Ja, ich sag' Dir's in's Gesicht! schrie er. Lump, Herumstreicher … Esthenhund!

Diese letzte Bezeichnung wirkte wie ein entehrender Schlag auf Pedo. Er hatte von jeher nur mit knirschendem Grimm die Verachtung und Zurücksetzung getragen, die in Livland auf dem langsam aussterbenden, esthnischen Volksstamm lag. Diese direkte nationale Beschimpfung, noch dazu aus dem Munde eines verhaßten Nebenbuhlers, floß wie ätzendes Gift in seine Seele und entflammte ihn zu unzähmbarer Wuth. Mit geballter Faust schlug er dem Holtsybauer in's Gesicht. Dieser, aus Mund und Nase blutend, stieß ein heiseres, unartikulirtes Gebrüll aus, griff nach seinem Messer und zückte es auf Pedo. Aber nicht den Esthenjüngling traf der scharfgeführte Stoß, sondern die Brust der armen Mai, die sich laut aufweinend zwischen die beiden Männer geworfen hatte. Pedo fing die Hinsinkende in seinen Armen auf. Der Holtsybauer schlich sich erschrocken und verwirrt aus dem Hause fort.

II.

Der Holtsybauer lief geraden Weges zu seinem Hofe zurück, in die große Wohnstube, wo feine alte Mutter spinnend am Fenster saß.

Sie errieth mit einem einzigen Blick, daß dem Sohn etwas Ungewöhnliches begegnet sein mußte, fand aber keine Zeit zu einer besorgten Frage, denn er rief ihr schon an der Schwelle entgegen:

– Rathe, hilf mir, Mutter! Der Pedo muß mir auf den Fersen sein … ich hab' Streit mit ihm bekommen wegen der Mai, und mein Messer hat im Handgemeng' die Mai getroffen. Der Pedo sticht mich nieder wie einen Hund wenn er mich erwischt. Gegen den hilft in seiner Wuth keine Abwehr. Hilf mir, Mutter, wo soll ich hin, was soll ich anfangen?

Statt zu antworten zog die alte Bäuerin ihren verstörten Sohn mit sich in eine Nebenkammer, deren Thür sie dann verriegelte.

– So! Für den Augenblick bist Du sicher, sagte sie. O über die hitzige Jugend, die nicht von bösen Händeln lassen kann und sich immer wegen eines glatten Weibergesichtes in den Haaren liegt! Ja, was nun anfangen? Der Pedo ist bös in seinem Zorn. Du bist hin, wenn er Dir jetzt begegnet. Und am End' hetzt er Dir auch den Bauernrichter oder gar die Stadtpolizei an den Hals, wenn er Dir nicht anders beikommen kann. D'rum mußt Du fort. Aber wohin? Ah, jetzt kommt mir's! Der, ja der kann Dir helfen und Dich in Schutz nehmen … der hat einen mächtigen Arm! Du weißt ja, was ein Tark ist?

Die Alte bekreuzte sich.

– O ja, recht gut! sagte der junge Bauer begierig. Ein Weiser, der weiß, wie man mit den Geistern redet und sich den Teufel dienstbar macht. Du meinst, ich soll zu einem Tark, damit er mir hilft, den Pedo abwehren?

– Wenn ich andere Hilfe wüßte, möcht' ich Dir den Rath nicht geben, flüsterte die Alte. Der Tark, den ich mein', der war früher ein Bauer wie Du, und ich war mit ihm versprochen. Aber sündige Geldlust hat ihn verlockt, ein Teufelsbeschwörer ist in diese Gegend gekommen, der hat ihm den Sinn verkehrt, daß er abgefallen ist von seinem Herrgott. Die Leut' haben gesehen, wie der Teufel bei ihm ein- und ausgegangen ist. Darauf hab' ich mich losgemacht von ihm, und er ist fort aus seinem Hof, tief in den Wald hinein. Zuvor aber ist er noch einmal vor mein Fenster gekommen und hat hineingerufen: »Du hast Dich von den Leuten beschwätzen lassen und bist mir treulos worden, Anno, aber ich vergeß Dich doch nicht. Und wenn Du mich brauchst, dann komm' zu mir, ich thu' Alles für Dich, und auch das Schwerste!« … Ich hab' den Tark bis jetzt noch nicht gebraucht. Für Dich, für mein einziges Kind, wird mir's der Herr nicht als Sünde anrechnen. Da nimm die Halskette! Der Tark hat sie mir geschenkt in seiner unschuldigen Jugend … sag' ihm, er soll Dir rathen und Dich behüten vor Schäden … die Anno wird ihm ewig dankbar dafür sein … Den Weg wirst Du freilich nicht ganz leicht finden, er soll kreuz und quer durch den Wald gehen, bis zu einem Platz, wo sechs uralte Eichen stehen, die alle mit einander ganz verwachsen sind. Dort hat der Tark seine Hütte, und von weit und breit kommen die Leut' und holen Medizin für Menschen und Vieh von ihm. Geh' jetzt durch die Hinterthür in den Wald! Behüt' Dich Gott und komm' nicht wieder bis Dir der Tark Sicherheit gegen den Pedo versprochen hat.

Die Angst vor Pedos Rachewuth war ein guter Wegweiser für den Holtsybauer. Ohne gerade allzuweit abzuirren, fand er den Pfad zu des Tarks einsamer Hütte, die, an die mächtigen Eichen angelehnt, unter ihrem hochgewölbten Schutzdach stand.

Der Weise oder Tark, wie Livlands Bauern ihren Zauberer nannten, stand mit gleichgiltiger Miene vor seiner Thür und erwiderte den Gruß seines Besuchers nur durch ein leichtes Kopfnicken. Er bot einen durchaus eigenartigen Anblick; schon die Kleidung, aus gegerbten Wolfsfellen gefertigt, mußte unheimlich auffallen. Dazu die hohe, ausgetrocknete Gestalt, das verwilderte, lang herabwallende, weiße Haupthaar, die tiefeingesunkenen Augen, der höhnische Mund und der Todtenkopf, der an einer Schnur um seine Hüften baumelte … es war eine Erscheinung, wohl geeignet, dem Aberglauben ein übernatürliches Prinzip zu repräsentiren.

Der Holtsybauer schlug unwillkürlich ein Kreuz, obwohl er durchaus nicht zu den Gläubigsten in seiner Gemeinde zählte.

– Meine Mutter schickt mich mit einem Zeichen zu Dir, mächtiger Tark! sagte er scheuen Blickes. Sich, die Mutter meint, Du wirst das wieder erkennen.

Dabei hielt er dem unheimlichen Greise das unscheinbare Kettchen hin, das er fest in seine Hand gedrückt, wie einen Talisman durch den Wald getragen hatte.

Und der Tark erkannte das Zeichen. Es arbeitete sichtlich in seinen eingeschrumpften Zügen, die fast nicht mehr fähig waren, eine menschliche Rührung auszudrücken, sondern sich nur seltsam verzogen und verzerrten.

– Anno! Anno! flüsterte er mit zitternder Stimme. Warum hast Du mich verlassen!

– Ich bin ihr Sohn, sagte der Holtsybauer, um die weiche Stimmung des Andern zu benützen. Ich bin in Lebensgefahr, ich bin verfolgt, ich hab' in der Hitze des Zornes ein Verbrechen begangen.

– Annos Sohn?! … Ja, Du hast ihre Augen! Komm', komm', sie soll mich nicht vergebens um Hilfe bitten. Wer ist da im weiten Umkreis, der Dir bei mir Uebles zufügen dürfte?

– Aber ich kann nicht immer bei Dir bleiben, großer Tark. Habe Haus und Hof daheim, die den Herrn brauchen. Auch schauert mich's hier in dem finstern Wald.

– So erzähle, Knabe, und ich will sehen, wie ich Dir auf andere Weise helfen kann, sagte der Tark ruhig.

Nachdem der Holtsybauer seinen kurzen Bericht gegeben hatte, schwieg der Alte einige Augenblicke nachdenklich, dann stand er auf und ging in seine Hütte. Er brachte einen breitkrämpigen Hut und einen dicken Stock heraus, in welchen zahllose grinsende Thierfratzen geschnitzt waren.

– Bleib' Du hier, ich gehe zu Deinem Heile aus, sagte er zu dem jungen Bauer. Wenn die Sonne untergeht und ich bin nicht zurück, dann suche getrost Deine Mutter, Dein Haus wieder auf … Noch Eins: sage ihr, der Anno, daß ich nie mit dem Teufel in Gemeinschaft war, daß ich nur von einem geschickten Mann gelernt habe, wie man Heilkräuter bereitet und Gesundtränke kocht. Und dafür haben mich die undankbaren Menschen in die Wildniß getrieben, darum nennen sie mich einen Teufelsbeschwörer, darum hat mich Anno verlassen! Die Anderen mögen es glauben, daß ich mit dem Teufel im Bunde bin, ich benütze ihren Aberglauben, ich bin der mächtigste und gefürchtetste Mann auf zehn Meilen Entfernung. Nur die Anno soll's nicht glauben … hörst Du's Knabe? … nur die Anno soll's wissen, daß ich von meinem Gott nicht abgefallen bin. Sag' ihr's, zum Dank dafür, daß ich die Gefahr von Dir abwende. Leb' wohl und grüß' die Anno tausendmal von mir!

Darauf schritt der Alte hastig in das Walddickicht hinein. Er richtete sich strammer empor, als er den blonden Holtsybauer nicht mehr vor sich sah, und sein Gesicht bekam wieder seinen natürlichen, dämonisch harten Ausdruck. Die flüchtige Bewegung erlosch in dem lange verstummten Herzen, er war wieder der Tark, der gehaßte, gefürchtete Weise, dessen Schutz doch so gesucht und hochgeschätzt war, der jetzt Annos Sohn einen Beweis seiner weithinreichenden Macht geben sollte.

Mitten im Walde kam ihm ein Mann entgegengelaufen.

Es war Pedo. Aber nicht der bildschöne Pedo mehr, an dessen Antlitz nicht nur die sanfte Mai, sondern auch gar viele andere Mädchen ein heißes, räthselhaftes Gefallen fanden … ein rasender, entstellter Mensch war's, der mit schäumendem Munde vor dem Tark in die Kniee sank.

– Hilfe! Hilfe! stammelte er. Tark, meine Mai stirbt! Nur Du kannst sie heilen … Hilfe! Hilfe!

– Ich weiß, ich weiß … steh' auf mein Sohn! sagte der Alte gütig. Deiner Mai zu helfen bin ich auf dem Wege.

– Du weißt es? fragte Pedo staunend. Woher aber, mächtiger Tark?

– Du fragst und nennst mich doch Tark? sagte der stolz. Wem die Hölle dient, der ist gut berichtet in allen Dingen.

– Die Hölle! rief Pedo schaudernd.

Sogleich fügte er aber hoffnungsvoll hinzu:

– Du willst also die Mai retten?

– Unter gewissen Bedingungen, ja! sagte der Tark mit imponierender Ruhe. Du weißt, daß die Unterirdischen nicht umsonst ihre Dienste herleihen.

Wieder durchfröstelte eisige Kälte Pedos Glieder.

– Was … was verlangen die da unten? stammelte er tonlos.

– Dreierlei, Pedo! Zuerst, daß Du ihnen das Liebste zu opfern versprichst, was Du außer Mai besitzest. Wann die Unterirdischen es auch verlangen, Du mußt es geben.

– Ich habe nichts Liebes außer Mai, erwiderte der Esthe.

– Gut, jetzt oder später, gleichviel … das Liebste was Du außer Mai hast oder haben wirst, sonst stirbst Du eines jämmerlichen Todes und Deine Seele ist denen unten verfallen! Du versprichst es?

– Ja, ja! sagte Pedo hastig.

– Zweitens darfst Du keine Rache nehmen an … Demjenigen, der Deine Mai mit dein Messer' niederwarf. Die Unterirdischen lieben ihn, kein Haar darf ihm gekrümmt werden, weder von Dir noch von der weltlichen Gerechtigkeit. Du wirst ihm kein Leid zufügen und ihm auch nicht bei dem Bauernrichter verklagen … hörst Du?

– Was verlangst Du von mir?! schrie Pedo auf. Mein ist die Rache!

So stirbt Mai!

– Gott, Gott, das kann ich nicht ertragen! … Gut, er soll leben, wenn Mai lebt.

– Drittens sollst Du den Unterirdischen einen Sack Getreide und ein Goldstück opfern. Das wirst Du zu meiner Hütte schicken.

– Gern, gern! erwiderte Pedo, dieses Mal fast gedankenlos.

Er schritt nun stumm an der Seite des Tarks durch den Wald, dem Hofe der Wittwe Crellen zu. An der Schwelle sagte er plötzlich, mit einem scheuen Flüstern:

– Wenn ich mich eingelassen habe mit Denen da unten, kann ich jemals wieder frei werden?

– Wenn Du die Bedingungen erfüllst … ja!

Der Tark traf bei den Crellens Alles so wie er erwartet hatte. Kein Arzt befand sich bei der bewußtlosen, blutenden Mai. Nur nach ihm, dem Weisen, der, wie die Bauern meinten, mehr wußte als alle Doktoren der Welt, war der verzweifelte Pedo gelaufen.

Die Wittwe Crellen streckte ihm bei seinem Eintritt jammernd die Hände entgegen, während Mais Bruder, der jugendliche Michael, in stummem Flehen seine Kniee umschlang.

Der erfahrene Tark untersuchte das verwundete Mädchen. Er sah, daß keine unmittelbare Lebensgefahr vorhanden war; dennoch schüttelte er bedenklich den Kopf.

– Irdische Hilfe käme hier zu spät! sagte er. Wir müssen auf allmächtigern Beistand bauen.

Die Crellen faltete verstohlen die Hände und betete:

– Herr, vergieb uns schwachen Menschen die Sünde!

Pedo verhüllte sein Antlitz mit den Händen. Sein Urtheil war gesprochen. Er fühlte seine Seele verstrickt in den Bund mit der Hölle. Würde sie ihn je wieder loslassen aus ihren unzerreißbaren Fesseln? …

III.

Der Tark ging täglich aus und ein im Hause der Crellen, und Mai war bald wieder so weit hergestellt, daß sie das Bett verlassen durfte. Aber bleich und schwach blieb sie trotz aller Stärkungsmittel ihres Helfers, vor dem sie eine so bange Scheu empfand, daß sie eines Tages ihre Mutter mit gefalteten Händen anflehte, den bösen Zauberer nicht mehr zu ihr zu lassen. Wenn sie nicht gesunden könne mit Gottes Hilfe, wolle sie lieber sterben! Zaubersprüche und verhexte Tränke anzuwenden sei eine schwere Sünde: wenn sie gleich anfangs bei Bewußtsein gewesen wäre, hätte der Tark nie und nimmer an sie rühren dürfen.

Die Crellen mußte ihrer Tochter den Willen thun und den Tark durch die höfliche Versicherung, die Mai sei wieder gesund und wohlauf, vom Hause fern halten. Und nebst dem jungen Mädchen schien auch Pedo sehr erleichtert, als der finstere Mann aus dem Walde ihm nicht mehr täglich vor Augen kam. Er wurde gegen alle Leute offener und zutraulicher und suchte zuweilen sogar die Gesellschaft von Seinesgleichen absichtlich auf, ein Bestreben, das ihm früher gänzlich fremd geblieben war. Nur über seinen Augen lag es wie ein trüber Schleier, hinter dem ein düsteres Geheimniß lauerte, ein Schleier, der selbst der arglosen Mai nicht entging, so daß sie ihn eines Tages geradezu fragte:

– Was ist's mit Dir, Pedo? Was verbirgst Du mir? Es liegt irgend etwas schwer auf Dir und Deine Mai weiß nichts davon. Ist das gute Sitte unter Menschen, die so zu einander stehen wie wir zwei?

– Du bist so blaß, Mai, sagte er ausweichend. Wenn Du wieder gesund bist, so wie früher, und frisch und munter, dann wird auch mir der Schrecken aus den Gliedern geh'n. Ich hätt' Dich verlieren können, Mai … der Gedanke will mir nicht aus dem Kopf, und obendrein der Haß gegen den Holtsybauer.

O, das ist's nicht, Pedo! beharrte die Mai. Der Haß würde Dich wild machen und nicht so trüb und ruhig. Was fehlt Dir? Wie soll ich glauben, daß Du mir gut bist, wenn Du mich zu hintergehen suchst?

– Ich bin Dir gut! schrie er fast aus und preßte die erschrockene Mai in seine Arme. Du mußt bald mein Weib werden, bald, damit Niemand mehr ein Recht an Dich hat … dann wird mir's wohler da innen sein. Hörst Du, Mai, bald, in drei Wochen … langer warte ich nicht mehr!

– Das mußt Du der Mutter und dem Michael sagen, flüsterte die Mai erröthend, indem sie sich sanft von seinen Armen befreite. Ich kann und mag wegen der Zeit nichts darein reden.

Und Pedo mußte sehr nachdrücklich mit der Wittwe Crellen gesprochen haben, denn nach drei Wochen war die sanfte, blonde Mai wirklich seine Frau.

Sie sollten Beide noch so lange bei den Crellens wohnen, bis sich ein passendes kleines Bauerngut zum Kaufen für sie fand.

Unterdessen arbeitete Pedo nach wie vor als Knecht und verdiente mehr als sie zum Lebensunterhalte brauchten.

Er konnte bald zu der Hütte des Tark wandern, um ihm das versprochene Goldstück zu bringen. Die Mai selbst drängte Pedo zu diesem Gange; glaubte sie ihn doch dann frei von aller Verpflichtung gegen den unheimlichen Mann im Walde.

Aber Pedo wußte das besser. Nur zwei der ihm gestellten Bedingungen hatte er erst erfüllt; in welcher Weise sollte die dritte von ihm eingefordert werden?

Der Tark antwortete ihm ausweichend und nachlässig auf diese Frage. War es ihm damals doch nur darum zu thun gewesen, Pedo völlig in seiner Macht zu haben und eine doppelte Sicherheit für seinen Schützling, den Holtsybauern, zu erlangen. Für jetzt aber, so lange die Mai lebte, bedurfte er dieser Waffe gegen Pedo nicht.

Der schwerblütige Esthe vermochte sich nicht zu beruhigen; die noch unerfüllte Verpflichtung lag lastend auf seiner Seele, feine schwache, unerhellte Intelligenz bemühte sich vergebens, zu ergründen, was noch, jetzt oder später, von ihm verlangt werden könnte … bis eines Tages ein schauerliches Licht durch sein Gehirn zuckte und ein Grauen darin zurückließ, welches von da ab nimmer von ihm weichen sollte.

Die Mai lehnte eines Tages, über und über erröthend, ihren Kopf an seine Brust.

– Wir müssen für eine Wiege sorgen, Vater, flüsterten ihre bebenden, widerstrebenden Lippen.

Zuerst blickte er sie in Freude und Ueberraschung glühend an.

– Mai, ist's wahr? stammelte er, und nie hatte er einen so innigen, so liebevollen Kuß auf ihren Mund gedrückt.

Dann aber strich, er sich, jäh erbleichend, mit der Hand über die Stirn, wie Jemand, der eine quälende Vorstellung verscheuchen will, stieß die Mai fast rauh zurück und stürzte hinaus in das beginnende Abenddunkel, in den schon völlig nächtigen Wald, der sich bis an die Hinterthür des Hauses heranzog.

Erst dort, auf dem nassen, kalten Moose liegend, unter dem schwarzen Schatten der uralten Bäume, fand er den Gedanken wieder, der ihn fortgetrieben hatte von der Brust seines schönen, geliebten Weibes. Nun war ihm das Räthsel der Zukunft gelöst, nun sollte er bald etwas Liebes außer Mai besitzen, etwas, das er opfern konnte auf dem Altar der Unterirdischen. Und die Hölle würde nicht zögern, ihre Schuld einzufordern! Das glaubte er zu wissen, das grub sich wie mit Flammenschrift in sein schauderndes Bewußtsein ein.

Keine heitere, unbefangene Miene sah die arme Mai nun mehr an ihrem Pedo. Keine ihrer bald scheuen, bald dringenden Fragen erhielt eine Antwort; selbst seine Zärtlichkeit, feine bis dahin immer wache Liebe für sie schien in der tiefen Schwermuth untergegangen zu sein, die seine Stirne immer mehr umnachtete.

Als ein Bauernhof ausgeboten wurde, nicht unerschwinglich im Preise für die jungen Eheleute, und die Wittwe Crellen und Michael ernstlich auf den Kauf drangen, da schüttelte Pedo mit finsterer Energie den Kopf.

– Ich thu's nicht! sagte er. Habe an andere Dinge zu denken als Haus und Hof in Ordnung zu erhalten. Es wär' ohnehin kein Heil und Segen dabei. Ich bleib' was ich bin. Ich will mir nicht noch mehr Sorgen und Noth aufladen als ich schon tragen muß!

Welcher Art aber die anderen Dinge waren, an die Pedo zu denken hatte, erfuhr nicht einmal Mai, noch weniger aber die Wittwe Crellen und ihr Sohn.

Darüber entstand böser Zank und Unfrieden in der Familie, der damit endete, daß Pedo seine willenlose Mai an der Hand nahm und sie hinausführte aus dem elterlichen Hause mit dem lauten Schwur, so lange er Athem habe, sollten weder sie noch er jemals wieder dahin zurückkehren …

Vierzehn Tage später gab die von Seelenschmerz und Aufregung kranke Mai einem schwächlichen Knaben das Leben.

Pedo hielt das neugeborene Kind lange in seinen Armen und seine Thränen überflutheten das kleine, unschöne Gesichtchen. Dann kniete er neben Mai nieder und fragte mit stockender, halberstickter Stimme:

– Würde es Dich sehr schmerzen, Mai, wenn Du das Kleine weggeben müßtest? Wenn es nicht anders sein kann, wirst Du geduldig und ergeben sein, nicht wahr?

– Mein Gott, Pedo, was meinst Du denn? rief die junge Frau, sich voll Entsetzen aus der Lethargie ihrer großen Schwäche aufraffend.

Bald blickte sie ängstlich in die glühenden Augen ihres Mannes, bald auf das Kind, das er wieder an ihre Seite gelegt hatte.

Er hatte noch so viel Besinnung, um ihre Aufregung zu bemerken, und die Gefahr für ihr Leben zu überlegen.

– Es war nur eine plötzliche Furcht, Mai, der Herr könnte uns das Kind nehmen … es ist so schwach, sagte er beschwichtigend.

– Gott ist über uns, erwiderte sie ruhiger. Sein Wille geschehe! Aber er wird mir mein einziges Gut nicht nehmen in seiner Barmherzigkeit.

– Dein einziges Gut? fragte Pedo schmerzlich.

– Früher hatte ich noch eins, antwortete sie und legte ihre matte Hand auf Pedos schwarze Locken. Früher hatte ich Deine Liebe. Die ist verloren.

– Nein, nein: versicherte er fast stöhnend. O, wenn Du wüßtest, Mai, was mich quält und drückt …

– Was? Was? … Sei jetzt aufrichtig, mein Pedo!

Aber er bereute es schon wieder, ihr sein trauriges Geheimniß auch nur angedeutet zu haben! Fest und trotzig schloß er die Lippen und ging aus dem Zimmer, die arme Mai in neuer Angst und neuen Zweifeln zurücklassend.

Und es wurde nun immer schlimmer und schlimmer mit Pedo. Seine frühere, stets rege Arbeitsliebe hatte sich in eine maßlose Trägheit verwandelt; seine schweigsame Gemüthsart war zur völligen Menschenscheu ausgeartet. Sein Jähzorn, seine Heftigkeit nahm zu und selbst die unglückliche Mai hatte jetzt oft darunter zu leiden und trug ihren Kummer um so schwerer, als sie gerade zu dieser Zeit ihre Mutter, ihre einzige Freundin und Trösterin, durch den Tod verlor.

Gegen sein Söhnchen, den kleinen Michael, schien Pedo geradezu einen Widerwillen zu hegen; der Knabe durfte ihm kaum vor die Augen gebracht werden und hatte die väterliche Stimme noch nicht anders als scheltend und drohend zu sich sprechen gehört.

Mai vergoß die bittersten Thränen darüber und suchte ihr Kind durch verdoppelte Zärtlichkeit zu entschädigen. Mehr zu thun vermochte sie nicht, sie hatte keinen Einfluß mehr auf Pedo … sie mußte es geschehen lassen, daß er nicht nur keinen Gedanken zur Gründung einer eigenen Wirthschaft mehr hegte, sondern auch seinen Dienst verließ und nunmehr ziellos im Walde umherlief, ohne daran zu denken, daß Geld und Gut immer weniger werden mußten, wenn eine ganze Familie ausschließlich davon zehrte. Er hatte überhaupt nur wenig andere Gedanken außer dem einen, wie er die Hölle doch noch um sein Kind betrügen könnte.

– Ich mag den Jungen nicht leiden! schrie er oft auf seinen nächtlichen Streifereien in eine Waldschlucht hinein. Er ist nicht mein Liebstes nach Mai, ihr dürft ihn nicht von mir verlangen!

Nach drei Jahren hielt Mai ein zweites Kind im Arm, wieder einen Knaben, aber einen schönen blondlockigen, der noch immer reizenden Mutter frischeres, holderes Ebenbild.

Pedos Zustand wurde für Mai immer besorgnißerregender.

Er blieb jetzt öfter zu Hause, er wiegte seinen Zweitgeborenen, er sprach wieder sanft und liebevoll zu seiner Frau. Dann aber schien ihn plötzlich eine unsichtbare Macht von seinem Stuhle aufzureißen und mit dem wilden Schrei: »Es ist Lüge, es ist Heuchelei, ich mag das Kind nicht!« eilte er wie ein Rasender fort, um oft erst mit dem Anbruch des nächsten Tages zurückzukehren, bleich, erschöpft, wie Einer, der einen schweren körperlichen und seelischen Kampf gekämpft hat.

Pedo rang in solchen Nächten wirklich mit mächtigen Gewalten; er rang mit den Schrecken des Aberglaubens um das entschwindende Licht seines Verstandes, er kämpfte mit den Phantomen der Unterwelt um sein geliebtes Kind, seinen süßen, kleinen Jaan.

Mai brach unter Schmerz, Sorge um die Zukunft und der geheimen, nagenden Angst wegen Pedo endlich zusammen. Sie war seit dem Messerstich, der ihre Lunge gestreift hatte, ohnehin nie mehr schmerzlos und gesund gewesen. Nun überfröstelten unausgesetzte Fieberschauer ihren ermatteten Körper. Pedo sah sie oft mit staunenden Blicken an. Wie waren ihre Augen so glänzend, ihre Lippen und Wangen so roth, ihre Stirn so marmorklar und wie von einem inneren Licht verklärt! Aber lange vermochte ihn auch diese jäh wieder auflebende Schönheit seines Weibes nicht zu fesseln; es zog ihn von Neuem hinab in den Abgrund von Grauen und Verwirrung, der in seiner Seele gähnte.

Und dann kam eine Zeit, in der Mai nicht mehr in dem kleinen, ärmlichen Hause, das sie mit Pedo bewohnte, schaffen und ordnen konnte. Bleich wie eine Lilie lag sie in ihren Kissen.

Pedo kauerte auf einem niedrigen Schemel neben ihrem Bette mit glanzlosen Augen und stummem Munde. Er wußte es nicht zu fassen, was um ihn her vorging, ebensowenig als der kleine, blonde Knabe Jaan, der auf dem Fußboden spielte. Der unglückliche Pedo verstand nicht das Gehen und Kommen der mitleidigen Nachbarn, nicht die Worte und priesterlichen Handlungen des Predigers, der einer Sterbenden die letzten Gaben der Religion reichte. Erst als Mai, mit schwacher Hand nach ihm tastend, ihren Kopf an seine Schulter legte und flüsterte: »Pedo, ich gehe fort von Dir, vergiß mich nicht, denk' an mich in meinen Kindern!« … da fuhr er wie aus einem schweren, dumpfen Traum auf, da sah er sie an und sah die Farbe des Todes in ihrem Gesichte, sah, wie sich ihr brechendes Auge, mit einem letzten Aufblicken zu ihm, langsam schloß. Aber er glaubte es nicht … er riß Hut und Jacke vom Nagel herab und schrie:

– Zum Tark, zum Tark! Die Hölle soll ihr Opfer haben!

IV.

Der Tark ließ gerade Goldstücke zählend durch seine Finger gleiten, als Pedo zu ihm hereinstürzte. Erschrocken warf er seinen breiten Hut über die Schätze hin. Aber Pedo hätte auch ohne das nichts gesehen, dem schwebte nur ein Bild, das bleiche Todtenantlitz seines jungen Weibes vor Augen, ihm die ganze übrige Welt verdeckend.

– Tark, Du und Deine bösen Geister, ihr habt nicht Wort gehalten! ächzte er. Mai will sterben! Aber ich leid' es nicht, Du mußt helfen, Tark, oder ich acht' Dich und Deine Teufel nicht und erwürg' Dich mit diesen Händen! Und auch der Holtsybauer stirbt, merk' es Dir, der Schuld ist an dem ganzen Jammer. Wäre der Holtsybauer nicht gewesen mit seinem verdammten Messer, o wie glücklich hätt' ich mit der Mai sein können, hätt' keinen Bund mit dem Teufel schließen müssen! Alle die Angst und Qual und Verzweiflung wär' nicht in mein Herz gekommen. Hilf, Tark, hilf, oder Du und der Holtsybauer, Ihr Zwei müßt d'ran, und dann mag die Hölle mich haben, den armen kleinen Jaan und Alle!

– Schweig'! herrschte der Tark dem Sinnlosen zu. Du beleidigst die Unterirdischen.

Aber sein Ton verrieth mehr die Furcht des alternden Mannes vor der Kraft und dem Zorn des fast riesenmäßig aussehenden Pedo, als Vertrauen zu dem Schutz der Geister, auf die er sich berief. Und Pedo hörte das heraus oder war überhaupt in jener Gemüthsstimmung, die weder Angst noch Hoffnung kennt.

– Ich fürcht' mich nicht … schick' sie her, Deine bösen Geister, einen, zwei, auch drei, wenn Du willst. Ich will kämpfen mit ihnen um mein Weib! Sie wollen mir meine unschuldige Mai entführen. Weg die Hände von ihr! Du bist auch einer davon, Tark! Gieb mir meine Mai wieder zurück, oder ich zerquetsche Dich wie eine giftige Kröte!

Keinem Menschen mehr sah Pedo ähnlich in seiner steigenden Wuth. Gleich einem gereizten Thier des Waldes zeigte er seine weißen Zähne, krümmte die starken Nägel und stellte sich wie zum tödtlichen Sprunge bereit.

Der Tark sah nur eine Rettung vor dem Rasenden sich bieten: List und Betrug. Mit ganz ruhiger Stimme sagte er:

– Aber wenn Du mich tödtest, wie willst Du, daß ich Deiner Mai helfen soll? Komm', sei vernünftig, laß uns Alles klug überlegen! Du sagst, daß Deine Mai sterben will? Es wird wohl so gefährlich nicht sein. Und wenn selbst … ja, wenn sie schon halb gestorben wäre … weshalb nennt Ihr mich Alle einen Weisen, einen Tark, als weil ich dort helfen kann, wo nichts Anderes mehr hilft?

– Hast Recht, Tark! murmelte Pedo, halb besänftigt, halb durch die Gewaltsamkeit seiner Gefühle erschöpft. Ich will noch zuseh'n, will noch warten. Thu' was Du kannst. Die Mai darf nicht sterben!

– Vor Allem muß ich die Unterirdischen befragen, sagte der schlaue Alte. Du oder Mai, Eines von Euch muß sie erzürnt haben.

– Freilich, freilich, es ist so! sagte Pedo und seine Zähne schlugen hörbar aneinander. Ein's, was Du mir vorgeschrieben hast, das that ich noch nicht. Sie fordern es schon lange, sie reißen und nagen an mir und wollen mir jetzt mein Weib nehmen, weil ich ihnen nicht opfern kann, was sie begehren, meinen süßen, armen Jaan. Frage sie, Tark, ob sie nichts Anderes für den Jaan nehmen … Alles, Alles sonst, mein wenig Hab' und Gut, den Michael, Alles, nur den Jaan nicht!

– Gut! Ich will fragen, entgegnete der Alte. Aber Du mußt mich jetzt fortlassen, ich brauche Zeit dazu … Zeit und die gehörigen Vorbereitungen.

– Warum nicht gleich, warum nicht hier? fragte Pedo argwöhnisch.

– Was weißt Du von den Gesetzen, die Jene da unten vorschreiben? rief der Tark verächtlich. Geh', geh', Mann an Jahren, Knabe am Verstande, wenn Du willst, daß Mai lebe! Sieben Tage muß ich unter strengem Fasten in der tiefsten Höhle dieses Waldes zubringen, ehe mich die da unten hören. Darum laß mich, wir verlieren Zeit!

– So geh'! sagte Pedo nach einer kurzen Ueberlegung. Aber wenn die sieben Tage verflossen sind, dann werde ich Dich finden, Tark, und weh' Dir, wenn Du Dein Versprechen nicht erfüllst!

Er ging mit unsicheren Schritten, wie Einer, der im Fieber ist, aus der Hütte.

Der Tark blickte ihm leise hohnlachend nach.

– Gut, gut! murmelte er vor sich hin, während er seine Goldstücke hastig in einen Säckel warf. Für jetzt ist der Satan von einem Esthen abgeschüttelt. Ich muß die Zeit benützen, ich darf sein Wiederkommen nicht abwarten. Der Tark muß aus dieser Gegend verschwinden … in einer andern taucht er wieder auf, um mehr Schätze zu sammeln, seine einzige Freude! Gehab' Dich wohl, Pedo, und sieh zu, wie Du es anstellst mit Deiner Mai, daß sie Dir nicht dahinstirbt! Hat's ohnehin lang' genug ausgehalten, das junge Weib. Und Du, Schlupfwinkel, alte, morsche Hütte, sei mir eine Fackel auf meinem Weg! Brenne hell und lustig auf, damit die Bauern meinen, der Tark sei in dieser Stunde zur Hölle gefahren!

Er hatte inzwischen den Geldsäckel über die Schulter geworfen und seinen breiten Hut auf den grauen Kopf gedrückt. Nun nahm er ein glimmendes Scheit vom Herde und trat so in den Wald hinaus. Mit einem scharfen, sichern Wurf brachte er das brennende Holz auf das Strohdach der Hütte. Er sah, wie die Funken weithin zerstoben, da und dort zündeten, daß kaum eine Minute verfloß, bis die Flammen hell aufloderten und an den engverwachsenen Eichen, welche des »Zauberers Asyl« überwölbten, gierig hinaufleckten.

Rasch wandte er sich nun waldeinwärts … die Brandfackel, die er sich angezündet hatte, erleuchtete hell seinen ungebahnten Weg …

Und die Bauern, die im weiten Umkreis wohnten und den Feuerschein über dem Walde sahen, sie sagten wirklich:

– Dort bei dem Tark ist wohl die Höll' los! Der Teufel ist bei ihm und holt ihn hinunter. So ein Tark muß ja seine Seel' und Seligkeit verschreiben für den höllischen Beistand. Geschieht ihm Recht, daß er jetzt leiden muß in Ewigkeit!

Nur die Mutter des Holtsybauern wischte sich verstohlen eine Thräne aus den eingesunkenen alten Augen, als sie das Feuer sah und die Verwünschungen ihres Gesindes hörte. Der Tark war ja einst ihr Verlobter gewesen, ihre erste, ihre einzige Liebe!

V.

Als Pedo nach dem nächtigen Gange wieder in seine Stube trat, war es still und dunkel darinnen. Das kleine Lämpchen, welches auf dem Tische brannte, vermochte kaum einige Spannen Raumes zu erhellen; bis zu dem Winkel, in welchem die Betten der Familie standen, sendete es keinen einzigen Lichtstrahl.

Pedo tastete sich bis zu dem Lager der Mai.

Ja, sie lag darauf, er fühlte ihr reiches Haar zwischen den Fingern, und jetzt strich seine Hand über ihr schmales Antlitz hin …

Erschrocken fuhr er zurück.

Wie war diese Stirn so eisig kalt, wie starr widerstrebten diese sonst so weichen Lippen und Wangen seiner sanften Berührung!

– Todt! schrie er gellend auf und sank mit diesem Rufe an dem Bette nieder.

Niemand hörte ihn, Niemand kam ihm zu Hilfe in seiner grauenhaften Beängstigung, in seinem ungeheuren Schmerze. Nur der kleine Jaan, der in dem Bettchen nebenan schlief, fing aufgestört zu weinen an und rief klagend nach der Mutter. Pedo hörte nicht auf ihn. Er rüttelte an dem regungslosen Körper der Mai, er schrie ihr Schmeichelnamen in die Ohren, er fluchte, er betete, er schalt und flehte in wirrer Abwechslung.

Ueber dem wüsten Lärm erwachte auch Michael.

– Vater, was willst Du denn? fragte er ängstlich.

– Licht! Licht stöhnte Pedo. Mache Licht an, Michael!

Gehorsam sprang das Kind aus seinem Bette, entzündete an dem Lämpchen eine Talgkerze und trug diese zu dem Vater hin.

Pedo nahm das Licht und ließ dessen Strahl über die starre Gestalt der Mai hinfallen. Da lag sie, die Geliebte seiner Jugend, die einzige Blume auf seinem kahlen Lebenswege! In allen Reizen einer kaum erst halbverwelkten Schönheit bot sich ihm ihr friedlich lächelndes Antlitz dar … aber starr, kalt, todt!

– Nein, nein, nicht todt … nicht wahr, Michael, sie lebt, sie athmet … siehst Du es nicht? Das Tuch an ihrem Halse bewegt sich … nicht wahr, lieber Michael!

Pedo sprach in angstvoller Eile, flehend und gebietend zugleich.

– Sie schläft, Vater! sagte Michael, wie es ihm die Leute auf seine Fragen versichert hatten.

– Sie schläft! jauchzte Pedo auf. Sie schläft, sie wird wieder aufwachen, die gute Mai! Die schöne, liebe Mai! Die Hölle wird ihr Versprechen halten!

– Mutter, Mutter! wimmerte der kleine Jaan stärker auf.

– Was willst Du noch hier? flüsterte Pedo, den Knaben mit dem Blick des ausbrechenden Wahnsinns betrachtend. Du gehörst nicht mehr mir, Du gehörst den Unterirdischen. Entweder Du oder die Mai, so haben sie's ausgesprochen. Und Du sollst's sein, Du! Jaan, mein Sohn, mein liebes Kind, weine nicht! Es muß ja sein. Ich kann ohne die Mai nicht leben.

Er nahm Jaan aus dem Bette und setzte sich mit ihm auf einen Stuhl. Von dort aus sah er bald zu der todten Mai, bald liebkoste und streichelte er das Kind auf seinem Schooße. Seine Hände zitterten sichtbar, große Schweißperlen fielen von seiner Stirn herab.

Plötzlich legte sich's wie ein blutiger Schleier vor seine Augen, er sah die Leiche nicht mehr und nicht mehr sein Kind. Die hagere Gestalt des Tark stand vor seiner zerrütteten Phantasie und wirr vermischte Stimmen schienen ihm in das Ohr zu schreien:

– Jaan oder Mai, eines müssen wir haben! Jaan oder die Mai!

Da riß er jäh das Messer aus dem Gürtel und stach mit blinder Hast auf das Kind in seinen Armen ein, bis es, blutüberströmt und entstellt, seinen letzten Athemzug verhauchte …

– Vater, Vater! schrie Michael. Du thust dem Jaan wehe! Vater, sei gut mit dem armen Jaan!

Mit einem Blick, aus dem die Furien des Wahnsinns züngelten, wandte sich Pedo gegen Michael, daß dieser eingeschüchtert schwieg. Dann schleuderte er den kleinen, blutenden Leichnam von sich. Jetzt war's gethan, jetzt hatte er seinen Vertrag mit der Hölle erfüllt, jetzt mußte die Mai aufwachen. Fort, zum Tark, damit er den Unterirdischen erzählte von Pedos muthiger, ungeheurer That!

VI.

Aber statt des Tark fand Pedo nur dessen völlig zu Asche verbrannte Hütte. Der Esthe suchte den Zauberer und schrie nach ihm unter schauerlichen Flüchen. Endlich, nach mehreren Stunden fruchtlosen Umherstreifens, mußte er doch begreifen, daß der Tark entweder in den Flammen zu Grunde gegangen war oder sich nicht finden lassen wollte. Seine Gedanken richteten sich nun nach einem andern Punkte.

– Jetzt zum Holtsybauern! flüsterte sein schäumender, verzerrter Mund.

Und zum Hofe des Holtsybauern lief er, daß seine Brust keuchte, die Adern an seinen Schläfen zu springen drohten. Aber es war tiefe Nacht und das Haus des Holtsybauern wohl verschlossen und von großen, bösen Hunden bewacht, die unter wüthendem Gebelle an ihren Ketten zerrten, als der fremde Mann ans Thor kam und so ungestüm daran rüttelte.

Der Holtsybauer erschien am vergitterten Fenster und fragte barsch, was draußen los sei.

– Was los ist? schrie Pedo unter irrem Lachen aus. Dich will ich erwürgen, wie ich den Tark erwürgen werd', weil er mich betrogen hat. Heraus, heraus, Holtsybauer! Die Mai ist todt, der Jaan ist todt, jetzt mußt Du daran! Heraus!

– Daß mich Gott behüt'! erwiderte der Holtsybauer schaudernd. Mit Dir will ich nichts zu schaffen haben. Geh' heim, Pedo, gieb Dich darein. Hast ja die Mai schlecht genug behandelt, so lang' sie gelebt hat. Warum thust jetzt so närrisch, weil sie todt ist? Kannst sie nicht mehr aufwecken damit. Wär' sie meine Frau geworden, ich glaub' gewiß, sie müßt' jetzt noch nicht ins Grab hinein.

– Heraus, heraus, damit ich Dich erwürg'! rief Pedo wieder und rannte mit seinem Kopfe gegen das Thor, als wollte er es so einbrechen.

Der Holtsybauer erwiderte nichts mehr; er verschloß das Fenster und überließ es Pedo, wie lange er noch draußen toben wollte.

Da sprang plötzlich einer der Hunde, der sich durch sein zorniges Zerren und Umherspringen von der Kette befreit hatte, auf den unglücklichen Esthen los und faßte ihn mir den scharfen Zähnen am Arme.

Gellend schrie Pedo auf:

– Der Teufel, der Teufel! Was willst Du noch von mir? Hab' ich Dir nicht Alles gegeben, Alles?

Mit beiden Händen ergriff er die Kehle des Hundes und schleuderte diesen nach wenigen Minuten erwürgt zur Seite.

Dann blickte er wirr um sich.

– Noch Einer? Wie viele? lachte er. Alle her, Alle! Mich kriegt ihr nicht, mich nicht! So viel? Alle auf Einen? Fort, Pedo, entwisch' ihnen, fort, laß' Dich nicht fangen!

Und nun jagte er wie ein gehetztes Wild dahin, mit den Armen heftig um sich stoßend, in der weiten, dunkeln Ebene ziellos herum. Erst als die vollständige Erschöpfung seinen Körper übermannte, als er fühlte, er müsse in den nächsten Minuten zusammenbrechen, zog die dunkle Sehnsucht nach einem Asyle, nach einem bekannten Menschenantlitz durch seine Sinne.

Er schlug die Richtung nach seinem Vaterhause ein; lange, lange hatte er es nicht betreten, lange war sein Wunsch, sein Gedanke nicht dahin geschweift. Jetzt, mitten im Ausbruche des Wahnsinns, begehrte sein Herz nach heimathlicher Umgebung, nach der Stimme der Mutter.

O, wie sie aus dem Schlafe auffuhr, Orravas Frau, als sie den Ruf des als moralisch verkommen und verloren beweinten Sohnes draußen vor ihrem Fenster vernahm! Zitternd öffnet sie; Pedo tritt in ihre Kammer, das eilig angezündete Talglicht beleuchtet einen Blutbefleckten, einen Sinnverwirrten!

– Pedo! schreit die Matrone auf. Woher kommst Du? Was ist das für ein Blut an Deinen Kleidern?

– Ich hab' den kleinen Jaan umgebracht, sagt er, sich auf einen Stuhl hinsetzend, ruhig. Der Teufel hat's verlangt von mir. Hätt' ich's früher gethan, so wär' die Mai nicht todt, die arme, liebe Mai!

Auf den entsetzten Schrei der alten Frau kommt Orrava selbst, des Pedo Vater.

Auf alle Fragen hat Pedo nur eine Antwort:

– Ich hab' den armen Jaan umgebracht, der Teufel hat's gewollt. Die arme Mai!

– Weißt Du, was wir jetzt thun müssen, Weib? sagte Orrava endlich mit bleichen, festen Zügen. Den Bauernrichter rufen! Wer tödtet, soll wieder getödtet werden, heißt es!

– Und kannst Du ihn denn verrathen? fragte die Matrone bebend. Er ist Dein Sohn! Ein schlechter, mißrathener Sohn, aber doch unser Kind!

– Ich kann's! erwiderte Orrava. Es heißt in der Schrift: »Wenn Dich Dein Auge ärgert, so reiß' es aus.« Ihn aber hab' ich längst aus dem Herzen gerissen. Er ist die Sorge und Schande seiner Eltern.

Orrava zog sein Weib aus der Kammer, in welcher Pedo, sein Sohn, noch immer regungslos auf dem Stuhle saß, und versperrte sorgfältig die Thür.

Dann warf er sich auf sein Lager.

Er schlief nicht mehr ein; er hörte seine Frau die ganze Nacht durch leise schluchzen. Von Pedo vernahm er keine Bewegung, keinen Laut.

Als der Morgen dämmerte, kleidete sich Orrava an und ging fort; den Schlüssel der Kammer, in welcher sich Pedo befand, nahm er mit sich.

Sein Weib wußte, wohin er ging.

Sie hatte nie einen Einspruch gegen seine Entschlüsse gewagt, auch heute blieb sie stumm.

Nach mehreren Stunden erst kam Orrava wieder in seinen Hof zurück, mit dem Bauernrichter und einigen Gerichtsdienern.

Pedo blickte blöde auf, als der Richter Hand an ihn legte und ihn fragte, ob er gestehe, den entsetzlichen Mord an seinem eigenen Kinde verübt zu haben?

– Ja, wohl hab' ich's gethan! lallte er. Der Teufel hat's von mir verlangt!

Orravas Frau warf sich weinend an die Brust ihres unglücklichen Sohnes, ehe er hinausgeführt wurde aus dem elterlichen Hause ins Gefängniß.

Orrava selbst stand, blaß zwar, aber unbewegt, daneben.

Er hatte einen harten, unbezwinglichen Sinn; von diesem harten Sinn, von diesem kalten Herzen ins Joch gebeugt, war der Knabe Pedo verwildert und jedes weichen Gefühles entwöhnt worden. Nun ging er in Ketten aus dem Heimathshause, von dem Vater verrathen und dem Gericht ausgeliefert …

Da das Geständniß Pedos sich in allen Theilen bestätigte, wurde er sehr bald dem Kriminalgericht des Kreises übergeben; aber schon bei dem ersten Verhör sprach der Untersuchungsrichter seinen Zweifel an Pedos Zurechnungsfähigkeit aus.

Nun wurde ein Arzt zur Beobachtung des Mörders beigezogen, der seinerseits wegen Unkenntnis der esthnischen Sprache einen Dollmetsch verlangte. Als solcher meldete sich freiwillig ein esthnischer Prediger, derselbe, welcher Pedo in dessen Kindheit den Religionsunterricht ertheilt hatte. Aber Richter, Arzt und Priester, sie Alle brachten aus dem Unglücklichen nichts als ein wirres Chaos von sinnlosen Worten heraus, in dem sich der Tark, die todte Mai, der Teufel und der arme kleine Jaan auf die wunderlichste Weise vermischten.

Auch als man ihn vor die Leiche seines ermordeten Kindes führte, blieb Pedos Auge ausdruckslos und blöde, und er fragte nur, ob denn die Mai nun nicht bald wieder aufwachen werde?

Das ärztliche Gutachten lautete endlich auf völlige, unheilbare Geisteszerrüttung des Angeklagten.

Die Richter bestätigten dieses Urtheil.

Pedo starb auf Alexanderhöhe, einer Heilanstalt für irrsinnige Sträflinge.

Sein letztes Wort war:

– Tark, wann soll die Mai wieder aufwachen?

Buchschmuck
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