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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 54
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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53

        Angekommen itzt zu Burgos,
Küssete die Hand dem König
Alvar Fañez von Minaya,
Antolinez neben ihm.

        »Untertänige Geschenke
Überbring ich, großer König,
Von dem stolzesten Vasallen,
Den Ihr aus dem Reich gebannt.

        Und mich selbst in dieser Sendung
Nicht zu täuschen, so erlaubet,
Daß ich Euch die Worte sage,
Die er zu mir selbst gesagt;
Denn wo Cid nicht ist, bin ich.

        Also sprach er: ›Aus Valencia
Send ich, was von dem Vasallen
Seinem Oberherrn gebührt.
Das Andenken an die Härte,
Die Ihr, König, mir erwiesen,
Längst ist es aus meiner Brust.
Vielmehr segn ich alles, alles,
Was daher zu meinem Ruhme
Und für Euer Reich entsprang.
Überreichen wird Euch Fañez
Hundert ritterliche Pferde
Mit den Decken und Geschirr,
Hundert Sklaven, die sie führen,
Und im Kasten dreißig Schlüssel
Von den Städten und den Schlössern,
Die hiemit Euch der Verräter,
Die der Cid Euch übergibt.

        Stolz bezahl ich meine Schulden,
König, mit den Gütern reicher
Überwundner Könige.
Einem Armen und Vertriebnen,
Dem Ihr nichts, o König, ließet,
Blieb nichts übrig, als auf Kosten
Andrer Euch befriedigen.

        Alvar Fañez, mein Gesandter,
Ist ein Krieger, der sich selber
Sein Gut zu erwerben weiß;
Er begehret nicht Geschenke,
Nur daß Ihr ihm, König, zusprecht,
Wie es seiner Ehre ziemt.
Was ich nie von Euch erlangte,
Wahrlich, das verdienet Er.

        Ehrenworte kosten wenig,
Und sie sind so reich einträglich
Einem guten Könige;
Sie gewinnen ihm die Herzen,
Wenn bei ungerechten Worten
Sich das treuste ihm entzieht.
Daß der Cid Euch treu blieb, König,
Traut, o trauet nicht dem Beispiel!
Viele sind vielleicht an Mute,
Wen'ge ihm an Großmut gleich.
Edel hielt er's, Euch zu dienen;
Andre könnten's edel halten,
Sich zu rächen für die Schmach.
Wer den Dolch Bellido reichte,
Kann ihn dreißig andern reichen,
Wenn er sie dafür bezahlt.
Fing Bellido nicht mit Schmeicheln
Seinen Trug an bei Don Sancho,
Den sein Dolchstich endete?

        Wer einmal den Schmeichlern wohltut,
Leget sich die harte Not auf,
Immer ihnen schönzutun.
Schmeichler sind es, die sich rächen;
Aus dem Honig ihrer Lippen
Machet Euch ein Bollwerk, König,
Und Ihr werdet es erfahren,
Wie dies Euch verteidige.‹

        Werdet Ihr vielleicht mir sagen:
Aus dem ungestümen Munde
Cids ergehen nichts als Lehren?
Freilich ging wohl mancher König
Irre durch zu viele Lehren;
Aber der war stets verloren,
Dem kein Rat gefällig war.«

        Spottend hob ein Graf die Stimme,
Sprach mit höhnischem Gelächter:
»Klar ist's, lieber heut als morgen
Wünscht der Cid sich her nach Burgos,
Um hier fortzupredigen.«

        Alvar Fañez stieß im Zorne
Rückwärts sich den Helm, und knirschend
Rief er: »Wer hier wagt zu mucken –
Wo der Cid nicht ist, bin ich!«

        Alles schwieg; und Antolinez,
Er begann mit süßer Rede;
Seine sanften Worte rührten
So die Seele des Monarchen,
Daß er augenblicks Ximenen
Frei es stellte, zum Gemahle
Hinzuziehn, zum großen Cid.

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