Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/herder/cid/cid.xml
typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
Schließen

Navigation:

46

        Laut von Priestern und von Kriegern
Ward die Messe Cids gesungen
Und das heilige Geheimnis
Mit Drommeten laut begrüßt:
Zimbeln klangen, Pauken schallten,
Daß die heiligen Gewölbe
Bebten; aller Krieger Herzen,
Der dreihundert Unverzagten,
Füllt ein neuer Heldenmut
Zu dem Kampf entgegen Mauren,
Mauren in Valencia.

        Ais geweihet war die Fahne,
Nahm der Cid sie in die Hand.
Also sprach er: »Arme Fahne
Eines armen und verbannten
Kastilianers, nach dem Segen,
Den auf dich der Himmel legte,
Mangelt dir nur Spaniens Achtung;
Und die sag ich dir vorher.«

        Hiermit rollt' er auf die Fahne,
Hebt sie schwingend in die Lüfte:
»Sieg und Ruhm wird dich begleiten,
Fahne, bis vielleicht du fliegest
Neben Königes Panier.
Don Alfonso, Don Alfonso,
Unter der Sirenen Sange
Schlummerst du; dir drohet Unglück,
Wenn du, wenn du nicht erwachst.«

        »Krieger«, sprach er, »ist's nicht also?
Wir sind aufgeweckt. Entehret
Wären wir, die etwas wert sind,
Dort, wo keiner etwas taugt.
Achtung und Verdienst, sie haben
Nur an ihrer Stelle Wert.

        Eingewiegt von den Sirenen,
Schlummert dort der tapfre König;
Nutzen wir den tiefen Schlummer,
Die Boshaften zu erschrecken,
Nicht am Hofe, sondern fern!
Fürchterlicher ist den Bösen
Nichts als derer, die sie hassen,
Fern erworbner, schöner Ruhm.
Tausend edle Herzen seufzen,
Ingeheim, verfolgt von Bösen;
Glücklich, wem, sie zu enthüllen
Vor dem Angesicht des Weltalls,
Sich wie uns der Anlaß beut.

        Edle Fahne, in den Lüften
Flattre stolz, die Zuflucht aller,
Die das Laster seufzen macht!«

        Nieder senkt' er jetzt die Fahne:
»Tapfre Krieger, meine Freunde!
Rache des Vasallen gegen
Seinen angebornen Herrn,
Auch gerecht, erscheint sie immer
Nur als Aufruhr und Verrat.

         Die Beleidigung verschmerzen,
Ist das Merkmal höhrer Seelen,
Ob sie sie gleich tief gefühlt.
Gölt es Rache, mir entflöhen
Meine Feinde nicht; ich folgte
Ihnen nach zum Firmament.

        Hier, o Krieger, in des Friedens
Und der Liebe heil'ger Wohnung,
Hier blas ich jetzt in die Lüfte
Das Gedächtnis meiner Schmach.
Jegliches Gefühl der Rache
Geb ich atmend hier den Winden.
Einzig trag ich meine Waffen,
Die ich für mich selbst anlegte,
Einzig trag ich für Kastilien
Sie und für die Christenheit.
Hab ich Stärke gnug, so pflanz ich
Meine Fahne gen Toledo,
Und was dort ich dann erwerbe,
Heiße Neu-Kastilien.

        Unterdes für jetzt, ihr Freunde,
Da uns eine Herberg fehlet,
Ist uns baldigst die Erobrung
Eines kleinen Schlosses not.
Wer auf mehr als Ehre wartet,
Der verlasse mein Panier!«

        Hiemit hob er auf die Fahne:
»Edle Fahne, schwinge, schwinge
Dich entfaltend durch die Lüfte!
Klarinetten und Drommeten,
Tönt! Ihr Trommeln und ihr Pauken!
Euer Samtgehall erschrecke
Nur die Schwachen und die Bösen
Und der falschen Heuchler Zunft!«

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.