Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/herder/cid/cid.xml
typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
Schließen

Navigation:

44

        »Undankbar-grausamer König,
Undankbarer Don Alfonso!«
Also rief in ihrem Schlosse,
Rief Ximene zu Bivar.
»Mir gehört's, dich anzuklagen;
Denn allein der Weiber Herzen
Geben der Empfindung Laut.

        Unglück, Unglück dir, o König,
Daß du meinen Cid beleidigt!
Zwar mit Worten nur; du durftest
Es nicht anders; mit dem Degen,
Mit ihm redet mein Gemahl.
Müßig wär er in der Scheide
Nicht geblieben, wärst, o König,
Wärest du ein Edelmann.

        Du verbannst ihn – welche Einfalt!
Überall in der Verbannung
Schafft sich Cid ein Vaterland.
Lässest beißen ihn vom Neide;
Der zerbeißt an ihm die Zähne:
Mein Cid ist bedeckt mit Stahl.
Lassest ziehn ihn mit dem Degen;
Wohl, du wirst zurück ihn wünschen,
Wünschen in der ersten Schlacht.
Eher schätzet man das Gute
Nicht, als bis man es verlor.

        Was denkst du, das ihn gereue?
Reut ihn etwas, oh, so ist es,
Feinde sich gemacht zu haben
Um Freundschaft der Könige;
Ihrer Ohnmacht aufzuhelfen,
Furchtbar sich gemacht zu haben;
Deine Staaten zu vergrößern,
Tat er alles, was er tat.
Ohn ihn wären deine Reiche
Nur Asturiens Felsen noch.

        Und wie hat er dir gedienet?
Hätt er es getan wie jene
Hofeskrieger, die dir schmeicheln,
Dich erheben, dich belügen,
Jetzt noch war er dir gar teuer,
Seine Dienste wohlbelohnt.
Sahst du ihn dagegen aber
Lieber geben als empfangen –
Undankbare Fürsten drücket,
Drückt und dränget nichts so schrecklich
Als großmüt'ger Untertanen
Edelmut – auch gegen sie.
Geht dann, gehet, Don Alfonso,
Euer Bann sei denen Strafe,
Die an Hofe, Müßiggänger,
Fürchterlich sind – nicht den Mauren,
Aber manchem edeln Mann,
Dessen Weib sie seitwärts locken,
Locken wie die jungen Hirsche,
Wenn der Mann für Lieb und Ehre
Kämpfet und zu Felde liegt.

        Unglück, Unglück dir, o König!
Gunst und Wahrheit waren einmal
Nur beisammen in der Welt.
Du, du gehst umringt von Hunden,
Hunden, die dir heute schmeicheln,
Morgen bei dem ersten Fehltritt
Dich anfallen, dich zerreißen.
So umgeben ist ein König,
Der, von Günstlingen verblendet,
Seiner Seele Blick verlor.«

        Also sprach in ihrem Zorne
Cids Gemahlin, nie ablassend
So zu reden, als wenn Tränen
Hemmten ihrer Klage Ton.

 << Kapitel 44  Kapitel 46 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.