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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 41
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
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40

        Um zehn Uhr am frühen Morgen
Putzt Ximene ihre Töchter,
Doña Sol und Doña Elvira;
Schönre Kinder sah man nie.

        Schmückte sie mit art'gem Kopfputz
Und mit feinen Linnenkleidchen,
Übersät mit seidnen Blumen,
Die Ximene selbst gestickt,

        Ließ dann ihre edlen Knappen
Anziehn ihren reichsten Anzug;
Denn die Liverei der Diener
Zeigt des Herrn Reichtum und Stand.

        So geputzet schickt Ximene
Ihre Kinder der Infantin,
Die zu sehen sie begehrt.
Sie selbst ging nicht mit den Kindern;
Denn des Cids Gemahlin hält sich
Nach der Vorschrift des Gemahls.

        Seinen Rang beliebt zu machen
Bei Geringeren, bei Höhern
Ihn behaupten, war sein Wort.

        Auch die wildsten Herzen rühret
Schon der Anblick dieser Kinder
Und erfreut den Schauenden.
Tränen fließen der Infantin,
Wenn die Kleinen ihr zulächeln.
Man weiß nicht, ob sie sie hasse
Oder liebe. Wie im Unmut
Stößt sie sie zurück und zieht sie
Liebender zu sich heran.

        Fast verschlingt sie sie mit Küssen,
Und wenn sie sie still betrachtet,
Steigen Seufzer ihr empor;
Nennt sie bald die schönsten Kinder,
Die die Erde sah, und findet
Dann in ihren Zügen etwas,
Das das Bild des Vaters stört.

        Dann verändert ihren Putz sie,
Als ob er durch ihre Hände
Schöner würde; oh, wie manches
Ging im Herzen der Infantin,
Ihr selbst unbemerket, vor.

        »Wem gehören diese Kinder?«
Fragt Alfonso. – »Einem Krieger,
Der verbannt ist, den die ganze
Christenheit mit Wunsch zurückruft
Und die Maurenwelt mit Wünschen
Von sich treibet. Das Gerücht geht,
Daß der Cid in allen Städten
Furcht verbreite. Seht die Kleinen,
Seht die Liebenswürd'gen, Bruder!
Die sind nicht so fürchterlich.«

        »Kinder«, sprach Alfonso lächelnd.
»Bittet was von mir! Was wünscht ihr?« –
»Euer Wohlsein, großer König,
Wünschen wir«, antworten beide. –
»Hört Ihr«, sprach des Königs Schwester,
»Was sie wünschen? Ihren Vater
Bitten sie zurück.«

                                »Das hör ich«,
Sprach der König, »daß Uraca
den Verbannten noch ein wenig
Lieb hat.« – »Nein, ich schwör Euch, Bruder,
Daß ich ihn von Herzen hasse.« –
»Nehmt in acht Euch«, sprach Alfonso,
»Daß Ihr nicht aus lauter Hasse
Ihn bis zur Anbetung liebt.«

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