Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/herder/cid/cid.xml
typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
Schließen

Navigation:

36

        Nah der Mauer von Zamora
War zum grausen Todeskampfe
Zubereitet schon der Platz.
Schon durchritt ihn Don Diego,
Mit der Stärke des Alkiden
Seine jungen Feind erwartend.

                Schweigt, unglückliche Drommeten!
        Eines Vaters Eingeweide
        Wenden sich bei eurem Hall.

        Wer den väterlichen Segen
Erst empfing: es war Don Pedro,
Er, der Brüder ältester.
Als er vor Diegos Antlitz
Kam, begrüßt' er ihn bescheiden
Als den ältern Kriegesmann:

        »Möge Gott, Euch vor Verrätern
Schützend, Eure Waffen segnen,
Don Diego! Ich erschein hier,
Von dem Schimpfe des Verrates
Mein Zamora zu befrein –«

        »Schweig!« erwidert Don Diego,
»Denn Verräter seid ihr alle!«
Und so trennen beide sich,
Raum zu nehmen; beide rennen
Mächtig los; es sprühen Funken –
Ach, das Haupt des jungen Kriegers
Trifft Diego; er zerspaltet
Seinen Helm, durchbohrt sein Hirn –
Pedro Arias stürzt vom Rosse
In den Staub hin.

                                 Don Diego
Hebt den Degen und die Stimme
Fürchterlich hin gen Zamora.
»Sendet einen andern!« rief er,
»Dieser liegt.« Es kam der andre,
Kam der dritte, der auch fiel.

                Schweigt, unglückliche Drommeten!
        Eines Vaters Eingeweide
        Wenden sich bei eurem Hall.

        Tränen flossen, stille Tränen,
Auf des guten Greises Wangen,
Als er seinen jüngsten Sohn,
Seines Lebens letzte Hoffnung,
Waffnete zum Todeskampf.

        »Auf«, sprach er, »mein Sohn Fernando!
Mehr, als du an meiner Seite
Noch im letzten Kampf geleistet,
Mehr verlang ich nicht von dir.
Eh du in die Schranken eintrittst,
So umarm erst deine Brüder,
Und dann blick auf mich zurück –«

        »Weint Ihr, Vater?«

                                »Sohn, ich weine!
So weint' über mich mein Vater
Einst, beleidiget vom König
Zu Toledo. Seine Tränen
Gaben mir des Löwen Stärke,
Und ich bracht ihm – welche Freude! –
Seines stolzen Feindes Haupt.«

        Mittag war es, als der letzte
Sohn des Grafen, Don Fernando
Arias, in die Schranken trat;
Dem Besieger seiner Brüder,
Seinem stolzen Blick begegnet'
Er mit Ruh und Festigkeit.

        Dieser, spielend mit dem jungen
Krieger, nahm den ersten Streich auf,
Auf die Brust; er war nicht tödlich.
Aber bald lag mit den Trümmern
Ihrer Rüstungen der Kampfplatz
Überdeckt. Gebrochen lagen
Schon die Schranken; beide Rosse
Keichen, durch und durch in Schweiß,

        Als man ihnen Morgensterne,
Kolben brachte, deren Eisen
Blitzt in ihrer beider Hand.
Und der erste Schlag des Eisens
In der stärkern Hand Ordoños
Traf – des edlen Jünglings Haupt.

        Todverwundet, seinem Rosse
Griff er um den Hals und hält sich
an der Mähn ihm; Hölleneifer
Gibt zum letzten Streich ihm Kraft.
Diesen Streich, er tut ihn tapfer;
Aber weil das Blut des Hauptes
Sein Gesicht bedeckt, so trifft er,
Ach, die Zügel nur des Rosses,
Sie durchhaund. Es bäumt das Roß sich,
Wirft den Reiter aus den Schranken –
»Sieg!« schrien alle Zamoraner;
Das Gericht des Kampfes schwieg.

        Arias Gonzalo, zum Kampfplatz
Eilend, fand den Kampfplatz leer.
Sah den jüngsten Sohn verblühen,
Ihn verblühn wie eine Rose,
Eh sie sich entfaltete.

                Schweigt, unglückliche Drommeten!
        Eines Vaters Eingeweide
        Wenden sich bei eurem Hall.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.