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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 35
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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34

        Auf die Foderung des edlen
Don Diego Ordoño Lara,
Mehr von ihres Bruders Tode
Als vom Vorwurf auf Zamora
Tief betroffen und verwirrt,
Rief in größter Eil zusammen
Doña Uraca ihren Rat.

        Niederträcht'ge nur verschonet
Feige Niederträchtigkeit;
Auf die edelsten Gemüter
Spritzet sie zuerst ihr Gift.

        »Warum zögert dann der Alte?«
Murmelt in der Ratsversammlung
Der und jener. »Nicht aus Kleinmut;
Zögert er wohl aus geheimem
Mitbewußtsein des Verrats?«

        Niederträchtiger, du lügest!
Murmelnd bleibe die Verleumdung,
Daß er wohl aus Mitbewußtsein
Zögre, dir in deinem Bart!

        In den Saal der Ratsversammlung
Tritt mit allen seinen Söhnen
Majestätisch ein der Graf,
Ganz in schwarze Trauerkreppe
Eingekleidet, als beweinten
Die begrabne Ehre sie.

        Vor der königlichen Tochter
Ließ der Greis aufs Knie sich nieder,
Und also sprach er zu ihr:
»Königstochter und ihr edlen
Helden dieser Ratsversammlung!
Don Diego Ordoño Lara
– Seinen Namen nur zu nennen,
Ist zum Ritterruhm ihm gnug –,
Statt des Cids ist er erschienen,
Uns des Mordes an dem Kön'ge
Von Kastilien laut zu zeihn.
Diese Schmach von uns zu wälzen,
Stell ich mich und meine Söhne.
Nicht mehr ist es Zeit zu sprechen,
Zeit ist es, das Schwert zu zücken;
Schon zu lange säumten wir.«

        In dem Augenblick zerriß er,
Er und seine vier Begleiter
Ihren Trauerschmuck; in blanken
Waffen standen sie gerüstet,
Alle fünf gerüstet da.
Niedersenkten sich die Häupter
Der erst murmelnden Versammlung;
Aus dem Auge der Infantin
Flossen Tränen.

                                Arias sprach:
»Und nun, edelste Infantin,
Würdigt mich und meine Söhne,
Anzunehmen sie als Kämpfer
Für die Ehre von Zamora,
Mich, den Greis, als ihren Rat!
Ihren Mangel an Erfahrung
Heb und stütze Eure Gnade;
Des zum Zeichen reichet ihnen
Eure königliche Hand!
Eine leichte Gunst wie diese
Ist der Sporn für edle Krieger;
Für gemeine ist's der Sold.«

        Huldreich reichte die Infantin
Den vier jungen edlen Kriegern
Ihre königliche Hand.
Feuer drang in ihre Adern,
Stärke drang in ihre Glieder –
Aufbrach die Versammelung.

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