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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 24
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
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Geschichte Cids, Grafen von Bivar,
unter König Don Sancho, genannt der Starke

23

        Lärm und Schlachten, Blut und Feuer,
Kriegesstimmen allenthalben,
Trommeln, Pauken und Drommeten
Schallen in Kastilien laut.

        Denn kaum hatte mit den Brüdern
Seines Vaters Sarg Don Sancho
Mitbegleitet an die Gruft,
Steigt er auf sein Roß, und blasen,
Blasen läßt er allenthalben
Gegen seine Brüder Krieg.

        Die Vasallen seines Reiches
Bot er auf; nicht seine Rechte
An der Brüder Land zu prüfen,
In das Treffen sie zu führen,
Rief er sie bei Ehr und Pflicht.

                »Ach, Rodrigo«, sprach Ximene,
        »Also hast du sie beschlossen,
        Meine Leiden!
        Eins von beiden
        Soll ich missen,
        Eins aufgeben –
        Wohl mein Leben
        Oder mindstens die Geduld.

        Meiner Treue mich zu rühmen
Stehet mir nicht an; der Liebe
Ist treu sein die schönste Pflicht.
Nur wie dürft Ihr mir, der Treuen,
Mir, der Liebenden, Rodrigo,
Von so langem Abschied sagen?

                Ach, beschlossen ist's, beschlossen,
        Eins von beiden
        Soll ich meiden,
        Eins aufgeben –
        Wohl mein Leben
        Oder mindstens die Geduld.

        Wenn ich Euch verehrend liebe,
Denkt Ihr nicht daran, Rodrigo,
Daß die Zeit ja alles, alles
Rückwärts führe? Daß im Herzen
Auch der tiefsten Liebe Wurzel
Sterbe, wenn man sie nicht pflegt?
Zwar ist dies Euch keine Drohung;
Denn in Worten wie in Taten
Kann Ximene den Rodrigo
Nie beleid'gen. Eifersüchtig
Könnte sie als Kind nur – sterben.

                Ja, es ist, es ist beschlossen!
        Eins von beiden aufzugeben.
        Die Geduld oder mein Leben.

        Undankbare Männerherzen!
Euch entflammt der Weiber Leichtsinn;
Die Beständigkeit des Weibes
Tötet eurer Liebe Glut.
Kennten wir euch recht, ihr Männer,
Würden wir euch je vertraun?
Sprich mir auf dein Herz, Rodrigo:
Denkst du noch an jene Schwüre,
An die süßen Schmeicheleien,
An die Tränen und Gelübde,
Die du einst mir treu gelobt?
Alles ist dir aus der Seele,
Aus dem Herzen dir verschwunden;
Wie ein Lüftchen überm Sande
Hat die Zeit es fortgeweht.« –

        Zärtlich küssete Ximenens
Angesicht der tapfre Feldherr,
Schwur ihr auf den Griff des Degens,
Schwur ihr, treu zurückzukommen,
Sei's lebendig oder tot.

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