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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 23
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
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22

        Königen den Mund zu schließen,
Darf es oft nur eines Weibes
Freier Rede. Don Fernando,
Eine Beute jetzt des Todes,
Hörend seiner Tochter Klagen,
Hatte Kraft genug, zu seufzen
Über ihre stolze Kühnheit,
Aber kaum genug der Kräfte
Zu antworten. Lange sucht' er
Worte, bis er also sprach:

        »Tochter, flössen Eure Tränen,
Die Ihr jetzt um eitle Güter
Weinet, so um Euren Vater,
Sie verlängerten, ich glaub es,
Selber noch mein Leben jetzt;
Aber da Ihr, stolze Tochter,
Hier vor meinem Todesbette
Nur um Erdegüter weint,
So bedenkt, was nehm ich jetzo
Sterbend mit mir aus der Welt?

        Und ich dank es meinem Schöpfer,
Daß er mir, Euch zuzureden,
Euch zu reinigen die Seele,
Kraft noch und Vermögen schenkt.
Graden Weges geht zum Himmel
Jetzo, hoff ich, meine Seele;
In dem Feuer Eurer Worte
Litt sie ihre Läutrung schon;
Denn bedenket es, o Tochter:
War die Stunde meines Scheidens,
Mich noch also zu betrüben,
Ein erlesner Augenblick?

        Eurer Brüder Reich' und Güter
Neidet Ihr und wollt nicht sehen,
Daß mit dem Besitz ich ihnen
Auch auflege Pflicht und Last?
Pflicht, die Länder zu beschützen,
Last, sie weise zu regieren.
Alles des bedürft Ihr nicht.
Sie vielleicht sind arm bei vielem,
Ihr bei wenigem die Reiche;
Denn Personen Eures Standes,
Denen niemand gleich sich schätzt,
Was bedürfen sie für Reichtum
Als, ihr Leben hinzuleben,
Eines Klosters Einsamkeit!

        Freilich seid Ihr meine Tochter,
Denk ich, aber eine eitle;
Wohl dacht ich an Eitelkeiten,
Als ich Euch erzeugete.
Euch trug eine edle Mutter;
Aber eine böse Amme
(Denn das zeugen Eure Reden)
Säugte Euch mit schlechter Milch.

        Drohet Ihr, in fremde Lande
Euch zu flüchten; wer, o Tochter,
So der Zunge läßt den Zügel,
Reißet auch der Ehre Zaum;
Längst hatt er ihn schon zerrissen,
Als er so verwegen sprach. – –
Leichter wird mir's, die Verwirrung
Eures Kopfes zu gedenken,
Tochter, als daß meines Blutes
Also Euer Herz verdarb.

        Euch, die Schwestern, sollten Eure
Brüder – dieses war mein Wille –
Unterhalten; jetzt befehl ich,
Um mit mir den Segen aller
Meiner Kinder mitzunehmen,
Jetzt befehl ich – höret mich:

        Arm will ich Euch nicht verlassen,
Seit Ihr, was Ihr sprachet, spracht.
Edel ist Dein Blut, Uraca,
Doch ich kenne Dein Geschlecht.
Also meine Stadt Zamora
Laß ich dir, die wohlverwahrte,
Wohlbevölkerte. Dich werden
Tapfre Männer in ihr schützen
Und dir solche Ehr erzeigen,
Daß der Ehre zu gedenken
Du durch sie gezwungen wirst.
Ob mich deine jüngste Schwester
Gleich mit keinen Bitten anging,
Setz ich ihr, wie dir Zamora,
Das Gebiet von Toro aus.

        Dieses ist mein ernster Wille;
Und wenn meiner Söhne einer
Euer Erbteil Euch zu rauben
Je gedenkt, dem geb ich meinen
Schwersten väterlichen Fluch!«

        Alle, die den König also
Reden hörten, sprachen: »Amen!
Fluch dem Räuber seiner Schwestern!
Schrecklich treff ihn Tod und Fluch!«
Don Garzia, Don Alfonso
Sprachen Amen; doch Don Sancho,
Er allein in der Versammlung
Vor dem Bett des Vaters – schwieg.

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