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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 22
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21

        Ehren, Glück und Macht und Güter,
Aller Ruhm und Pracht der Erde,
Eine leichte Wasserblase
Seid ihr, auf dem Lüftchen schwebend
Einen kurzen Augenblick.

        Don Fernando, er, der Große
– Und mit Recht so zubenamt –,
Spaniens Monarch und Kaiser
Liegend auf dem Todesbette.
Seine letzte Stund erwartend,
Denkt er nur der Ewigkeit.

        Ausgeteilet hatt er alle
Reich und Güter seinen Söhnen. –
Welche Stimme schallt auf einmal
In den traurigen Gewölben
Des Palastes? Der Infantin
Doña Uraca Stimme ruft.

        Weinend tritt sie vor den König,
Traurendtief im Trauerschleier,
Nahet sich dem Bett des Vaters,
Fällt aufs Knie vor seinem Bette;
Die verehrte Hand ihm küssend,
Flehet sie ihn also an:

        »O mein Vater, unter allen
Göttlich-menschlichen Gesetzen
Nennet mir, was Euch verbindet,
Eure Töchter für die Söhne
Zu enterben! Ausgeteilet
Habt Ihr Eure Reich und Länder
Meinen Brüdern und vergaßet,
Vater, und vergaßet mich.

        Also bin ich Eure Tochter
Nicht, Señor; denn wenn ich's wäre,
Wär ich auch nur Euer Bastard,
Hätte, meiner zu gedenken,
Euch erinnert die Natur.

        Hab ich, königlicher Vater,
Diese Schmach um Euch verdienet,
Nun, so nennet meine Schuld!
Nennet Ihr sie nicht, was werden
Fremde Völker von Euch sagen?
Sagen alle edle Männer,
Wenn sie von dem Unrecht hören,
Das Ihr, stets gerechter König,
Einer Unbescholtnen tut?

        Männer, in die Welt eintretend,
Bringen, Güter zu erwerben,
Kräfte sich und Ansehn mit.
Was sie sich erwerben konnten,
Müßigen zu hinterlassen,
Hieße das nicht, edler Vater,
Seine Söhn erniedrigen?
Aber sagt: was kann die Tochter,
Was kann sich ein Weib erwerben?
Hingeworfen auf die Erde,
Hat sie nichts als des Gehorsams,
Als des Dienens niedern Lohn.

        Wenn Ihr mich enterbet, Vater,
Ohne Land und ohne Boden
Muß mich in die Fremde flüchten,
Muß – verzeiht ein hartes Wort mir! –,
Eure Härte zu verbergen,
Muß die Tochter Euch verleugnen,
Weil Ihr sie verleugnetet.

        Wohl, so geh ich dann als Pilgrim
In die Welt. In meinen Adern
Wallet königliches Blut;
Dessen fürcht ich zu vergessen,
Weil mein Vater es vergaß.«

        Also sprach mit lautem Weinen
Die Infantin Doña Uraca.
Als sie ausgeredet hatte,
Wartete sie auf die Antwort
Ihres Vaters, der im Sterben
War, des Königs letztes Wort.

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