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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 21
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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20

        Zehn Uhr war's am frühen Morgen,
Als der König seinem Schreiber
Rief und foderte Papier.
Mit vier Punkten und dem Zuge
Paraphiert er Kreuz und Namen,
Und also antwortet er:

        »Edle, sittsame Ximene,
Meinen Gruß Euch ehrerbietig,
Meine Hochachtung und Gunst!

        Ihr beklagt um den Gemahl Euch
Gegen mich, Doña Ximene.
Wenn ich ihn zum Nachteil Eurer,
Mir zur Lust zurückbehielte,
Klagtet Ihr mit vollem Recht;
Aber da die Heidenkriege,
Die auf meinen Grenzen stürmen,
Ihn rückhalten, ist es meine
Oder ist es seine Schuld?

        Daß er nicht in Euren Armen
Stets geschlafen, dies beweiset,
Edle Doña, Euer Brief.
Also glaub ich auch der Furcht nicht,
Daß Ihr einen vaterlosen
Säugling in dem Schoße tragt.

        Drängt ihn nicht, zurückzukommen,
Euren Ehgemahl! Er hörte,
Auch an Eurer Seite hört' er
Mit Unlust die Kriegsschalmei.
Und wenn er nicht Feldherr wäre,
Saget mir, was wärt Ihr beide?
Edelmann und Edelfrau.

        Hatt er Könige der Mauren
Fünf als Jüngling zu Vasallen,
Wollte Gott, er hätte deren
Fünfmal fünf! Denn um so minder
Hätte Feinde jetzt mein Reich.

        Kann er also nicht, Ximene,
Bei Euch sein im Augenblicke,
Wo Ihr ihn so sehnlich wünscht,
So erlaubt mir, edle Mutter,
Daß ich seinen Platz vertrete!
Denn ich glaub es, nur der König
Ist für ihn des Platzes wert.

        Euern Brief sollt ich verbrennen?
Sehen sollen ihn die Lacher
Meines Hofes, tief beschämt.
Daß Ihr meinen nicht verbrennet,
Zeichne ich ihn zum Kontrakte
Und verbinde mich, Ximene:
Ist's ein Sohn, den Ihr gebäret,
Geb ich Zelter ihm und Degen
Mit zweitausend Maravedis,
Ihm, dem Ritter, zum Geschenk.
Ist es eine Tochter, setz ich
Vierzig Mark an gutem Silber,
Vom Geburtstag an, ihr aus.

        Und so lebet wohl, Ximene!
In der Stunde Eurer Schmerzen
Helf Euch die hülfreiche Mutter,
Aller Himmel Königin!

Nachschrift

        Eben kommt, ich hör ihn kommen,
Euer ernster, lauter Feldherr,
Mir die Lektion zu lesen,
Daß ich nicht zu Felde bin.«

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