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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 20
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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19

        Sehnlich wartete Ximene
In den Sälen ihres Palasts,
Sehnlich harrt' sie auf Rodrigo;
Denn die Stunde der Entbindung
Naht, die grausamsüße Stunde,
Ihres Lebens, wie sie hoffet,
Freudenreichster Augenblick.

        Eines Morgens, es war Sonntag,
Meldeten sich ihr die Schmerzen,
Und es badet sich in Tränen
Ihr bescheidnes Angesicht.
Seufzend nimmt sie ihre Feder,
Manche, manche zarte Klage,
Mehr als tausend liebevolle
Bitten schreibt sie dem Gemahl,
Den sie wohl erweichen könnten,
Wenn die Ehre nicht in Felsen
Wandelte der Helden Herz.

        Nochmals nimmt sie jetzt die Feder,
Und mit neuer Klag und Seufzen
Schreibt sie auch an ihren König,
An den edelsten der Welt:

        »Guter, weiser, großer König,
Sieghaft und gerecht und bieder,
Eure Dienerin Ximene
Klaget vor Euch über Euch.

        Scherz nur war es, Don Fernando,
Eurer königlichen Laune,
Die mir den Gemahl einst gab;
Denn wohl wenig junge Frauen
Waren weniger vermählet,
Als ich bin – verzeiht, o König! –,
Und allein durch Eure Schuld.

        Diesen Brief schreib ich in Burgos,
Wo mein Leben ich verwünsche
Und auch Euch viel Böses will;
Denn von den Geboten Gottes
Welches gibt Euch Recht, o König,
Ehgenossen, also lange
Sie zu trennen und so oft?

        Welches gibt Euch Macht, o König,
Mir aus einem zarten Manne,
Artig, liebenswert, bezaubernd,
Aller Welt zum wüsten Schrecken
Einen Löwen zu erziehn?

        Sechs Monate, Tag' und Nächte,
Haltet Ihr ihn fest im Zügel;
Und wohl einmal kaum im Jahre
Sieht er seine Gattin, mich.

        Und wie kommt er? Blutgebadet
Bis zu Füßen seines Pferdes;
Wenn ich dann mit meinen Armen
Ihn umfange, schläft er ein;

        Träumet wie ein Wildbeseßner
Schlachten, Kämpfe. Kaum noch taget
An dem Firmamente drunten
Der Aurora frühster Strahl,

        Ohne mich nur anzuschauen,
Ob ich wache, ob ich schlafe,
Springt er auf. Mit welchen Tränen,
Großer Gott, empfing ich ihn!
Vater wollt er mir und alles,
Vater und Gemahl mir sein!
Alles fehlet der Verlaßnen
Jetzo, Vater und Gemahl.

        Tut Ihr dies, um ihn zu ehren.
König, des bedarf er nicht.
Längst war er der Vielberühmte;
Eh am Kinn der Bart ihm sproßte,
Waren Könige der Mauren
Fünf ihm schon Gefangene.

        Königlicher Herr, den letzten
Augenblick erwart ich bald;
Bald wird er Euch Nachricht geben –
Und ich fürchte fast, die Tränen,
Die dem Vater ich vergossen,
Schadeten vielleicht dem Kinde,
Das an meinem Herzen schläft.

        Guter König, also schreibet
Mir in Eures Herzens Sprache:
Wollt Ihr den Gemahl mir senden?
Oder wollt Ihr, daß die Gattin
Eures ehrenvollsten Feldherrn
Ihm den Erstgebornen bringe,
Einen Waisen, vaterlos?

Nachschrift

        Und noch eins, o guter König:
Werfet meinen Brief ins Feuer,
Daß nicht Eurer Höfling' einer
Ihn belache! Denkt daran!

        Und auch daran, Don Fernando,
Daß statt meines Ehgemahles
Mir nur seine alte Mutter
Blieb, die mir zur Seite schläft.«

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