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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid94d86967
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Geschichte des Don Ruy Diaz,
des Grafen von Bivar, unter König Ferdinand dem Großen

1

        Traurendtief saß Don Diego,
Wohl war keiner je so traurig;
Gramvoll dacht er Tag' und Nächte
Nur an seines Hauses Schmach.

        An die Schmach des edlen alten
Tapfern Hauses der von Laiñez,
Das die Inigos an Ruhme,
Die Abarcos übertraf.

        Tief gekränket, schwach vor Alter,
Fühlt er nahe sich dem Grabe,
Da indes sein Feind Don Gormaz
Ohne Gegner triumphiert.

        Sonder Schlaf und sonder Speise,
Schlaget er die Augen nieder,
Tritt nicht über seine Schwelle,
Spricht mit seinen Freunden nicht,

        Höret nicht der Freunde Zuspruch,
Wenn sie kommen, ihn zu trösten;
Denn der Atem des Entehrten,
Glaubt er, schände seinen Freund.

        Endlich schüttelt er die Bürde
Los des grausam-stummen Grames,
Lasset kommen seine Söhne,
Aber spricht zu ihnen nicht;

        Bindet ihrer aller Hände
Ernst und fest mit starken Banden;
Alle, Tränen in den Augen,
Flehen um Barmherzigkeit.

        Fast schon ist er ohne Hoffnung,
Als der jüngste seiner Söhne,
Don Rodrigo, seinem Mute
Freud und Hoffnung wiedergab.

        Mit entflammten Tigeraugen
Tritt er von dem Vater rückwärts;
»Vater«, spricht er, »Ihr vergesset,
Wer Ihr seid und wer ich bin.

        Hätt ich nicht aus Euren Händen
Meine Waffenwehr empfangen,
Ahndet ich mit einem Dolche
Die mir jetzt gebotne Schmach.« –

        Strömend flossen Freudentränen
Auf die väterlichen Wangen.
»Du«, sprach er, den Sohn umarmend,
»Du, Rodrigo, bist mein Sohn.

        Ruhe gibt dein Zorn mir wieder;
Meine Schmerzen heilt dein Unmut!
Gegen mich nicht, deinen Vater,
Gegen unsers Hauses Feind

        Hebe sich dein Arm!« – »Wo ist er?«
Rief Rodrigo, »wer entehret
Unser Haus?« Er ließ dem Vater
Kaum, es zu erzählen, Zeit.

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