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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 13
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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12

        In dem blühnden Ostermonat,
Da die Erde neu sich kleidet,
Da die weißbehaarte Mutter
Sich wie eine Fee verwandelt
In die schönste junge Nymphe;

        Da lustwandelte der König
Von Kastilien, Don Fernando,
Er mit seinem ganzen Hofe
Vor Burgos im schönen Tal.

        Und von seinem ganzen Hofe
Nahm er keinen als Rodrigo
Hin zu einer Silberquelle,
Glänzend schöner als Kristall.
Mit ihm sprach er an der Quelle;
Aller Augen sahn ihn sprechen,
Aber keines Ohr vernahm,
Was zu Cid der König sprach.

        Dies sprach er: »Ich lieb Euch, Ritter!
Jung seid Ihr und brav und tapfer,
Aber noch nicht welterfahren,
Und am wenigsten versteht Ihr
Euch aufs weibliche Geschlecht.

        Alle wollen sie regieren,
Und regieren denn auch wirklich;
Leider wir sind nur ihr Werkzeug;
Unsre männlichsten Gedanken,
Oft zerstörte sie – ein Weib.

        Gleich als hätte Gott zuletzt noch
In sein schönes Haus, die Schöpfung,
Deshalb nur die Frau geführet,
Daß durch sie und für sie alles,
Alles je geschehen sollte,
Sonder Schein, daß sie es tut ..

        Junger Mann, die Frauen kennen
Ist dir nützlich; dieses Wissen
Übersteiget jedes andre;
Doch zu weithin – forsche nicht.

        Dir sonst könnt es auch so gehen
Wie dort jenem alten Weisen:
Weil er ihn nicht fassen konnte,
Stürzet' er sich in den Schlund.

        Das Geheimnis ist – der Weiber
Macht auf unsre Männerherzen.
Dies Geheimnis steckt in ihnen
Tief verborgen, Gott dem Herren,
Glaub ich, selber unerforschlich.
Wenn an jenem großen Tage,
Der einst aufsucht alle Fehle,
Gott der Weiber Herzen sichtet,
Findet er entweder alle
Sträflich oder gleich unschuldig;
So verflochten ist ihr Herz.

        Ungeheur ist die Entfernung
Zwischen einem Mann und Mädchen,
Und durchaus zum Vorteil dieser;
junger Mann, weißt du, warum?

        Darum: Männer gehen vorwärts;
Und das Weib – es sieht sie kommen.
Er veranschlagt; sie begegnet
Seinen Planen – weißt du, wie?

        Sieh dort jenen leichten Vogel,
Der von Zweig zu Zweige hüpfet;
Necken wird er lang den Jäger,
Der ihm folget Schritt vor Schritt.

        Vor dem Angesicht des Eigners
Wird er seine schönsten Früchte
Naschen, weil er ohne Waffen
Ihn da vor sich stehen sieht.
Und was haben gegen Weiber
Wir, die Männer, wohl für Waffen?
Deshalb dann regieren sie.

        Und hiebei ist keine Ausnahm;
Jede gleicht hierin der andern.
Junger Mann, der Weisheit Regel
Rät, sich zu vermählen – nie.«

        Also sprach zu Cid der König,
Der dadurch ihn prüfen wollte;
Hört, was er antwortete!

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