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Johann Gottfried Herder: Der Cid - Kapitel 12
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Gottfried Herder
titleDer Cid
publisherInsel-Verlag
editorMatthias Oehme
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid94d86967
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11

        »Edler Ritter, Don Rodrigo,
Jung und kühn und klug und tapfer,
Strafe dich mit Schmach der Himmel,
Daß du mir mein Herz bekämpft!
Kühner! ohne zu bedenken,
Wer du bist und wer ich bin.

        Daß du eine Stadt bezwungen,
Daß fünf Könige der Mauren
Du in deine Fesseln zwangest,
Daß den stolzen Grafen Gormaz
Du in früher Jugend schlugest,
Macht dich dieses so verwegen?
Welcher Spanier, o Ritter,
Tat es nicht? und wohl noch mehr!

        Edel zwar bist du geboren,
Auszuüben schöne Taten;
Dem, der einzig seine Pflicht tut,
Dem ist keinen Dank man schuldig;
Und gebührt' er dir, so wisse,
Diese Pflicht ist nicht die meine,
Sie ist meines Vaters Pflicht.

        Wenn ein Mangel an Vermögen
Mich dir anzunähern scheinet,
Mich, die meine Königsabkunft
Über dich so hoch erhebt,
Oh, so wisse: Königstöchter
Sind deswegen arm an Gütern,
Weil der Adel ihres Stammes
Ihnen mehr als Reichtum gilt.
Armut ist an mir kein Flecke;
Sie ist meiner Hoheit Ruhm.

        Reich, das weiß ich, ist Ximene,
Darum ist's, daß du sie liebest;
Nein! nicht darum; denn, Rodrigo,
Unrecht will ich dir nicht tun.
Sie auch liebt dich – Nun, so liebet!
Mir macht es den kleinsten Kummer,
Daß der Cid Ximenen liebt.

        Eines reichen Grafen Tochter
Gnüget dir, du kleiner Ritter;
Ich bin arm – bedarf ein edler
Diamant, bedarf er Gold?

        Schön bist du; wie einst Narcissus.
Weise; Salomon war weiser.
Edel; deren gibt es viele.
Tapfer; Spanien erziehet
Keine Memme, Don Rodrigo.
Reich; das sind so viele Narren.
Weit berühmt; das waren viele
Mehr als du, und starben dennoch,
Eingehüllet in die Tücher
Menschlicher Vergessenheit.

        Ritter, wenn dein eigner Spiegel
Dir nur deine Schönheit vorhält,
So tritt her vor meinen Spiegel,
Er erniedert deinen Stolz,
Geh dann hin zu deinesgleichen,
Ritter; eine Königstochter
Blicke nur mit Ehrfurcht an!«

        Also sprach die eifersücht'ge
Königstochter Doña Uraca;
Und der Cid, er stand und schwieg.
Denn sie liebt' ihn tief im Herzen;
Und als sie nun ausgeredet,
Fuhr sie fort, mit ihrer Nadel
Ihm zu nähn die schönste Schärpe,
Die er – nicht begehrete.

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