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Der Brechelbrei

Emerenz Meier: Der Brechelbrei - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus dem Bayerischen Wald
authorEmerenz Meier
year1974
firstpub1897
publisherVerlag Morsak
addressGrafenau
isbn387553049
titleDer Brechelbrei
pages12
created20121217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wind wehte längst über die Haberstoppeln und über die glatten, blaßgrünen Wiesen, aus den Wäldern stiegen die Nebel und legten sich schwer auf das Land – der tote Herbst war da.

Von den hochgelegenen Viehweiden hörte man weder Jauchzer mehr noch Glockenklang, denn der Hirt saß daheim in der Stube am Spinnrad und die Herden lagen träge im Stall. Alles Regen und Leben in der freien Gottesnatur war erstorben, sie trauerte ja und rüstete sich sachte zum langen Winterschlaf. Desto lauter aber war es noch in und nahe dem Dorfe. Aus den Städeln tönte der lustige Dreiviertel-Taktschlag der Drescher, und in den Flachshäusern polterte und dröhnte es, daß die Wälder ringsum brummten, als wollten sie Protest erheben gegen diese Störung der Herbstruhe.

Besonders im »Christlbauerhaarhaus«, das am äußersten Ende der Gärten stand, ging es gar fröhlich her.

»Klipp, klapp, klapp, klipp, klapp, klapp«, klang es von etwa zwölf Brechen, und die flott geschwungenen Flachsbüschel ächzten unter ihnen, das Feuer im Heizkämmerchen knisterte und schnalzte. Dazwischen gingen die Zungen der Brechweiber mit einer Geläufigkeit und Ausdauer, die in Anbetracht der atemberaubenden Arbeit bewundernswert war. Der Flachs der Christlbäuerin sollte heute noch fertig werden, denn morgen kam der ihrer Nahrungsleute an die Reihe. Freilich lagen noch an die fünfzig Büschel aufgestapelt drinnen in der Haarhausstube an der Retz und schon dämmerte der frühe Herbstabend um die Hütte, guckten die letzten Purpurstrahlen durch die Astlöcher und Ritzen der Bretterwand. Aber man hatte ja noch die ganze Nacht vor sich, und diese ist die eigentliche Zeit des »Brechelns«. Auch der weitberühmte Brechelbrei der Bäuerin war es schon wert, daß man seinetwegen die paar Stunden Schlaf opferte. Die große Dirn war es heute noch nicht müde, von dem ferdigen zu erzählen, in den »ihr Weib« vierzig Eier geschlagen und so viel Schmalz darauf geschüttet 36 hatte, daß es wie ein goldener See in der Schüssel herumgeschwommen. Und erst die Strauben und Krapfen zum Nachtisch! Ja, wie ihr Weib, so konnte keine kochen und backen in der ganzen Pfarrei.

»Na, mein Gott, sie hat's ja!« sagte die Infrau mit schiefgezogenem Munde.

»Wo so viel Sach da ist, da kann ma leicht aufkochen. Vierzg Rinder Vieh stehn im Stall, und wie der Christlbauer – Gott tröst'n und unser liebe Frau – gestorbn is, sand rund zwanzgtausend Gulden Geld beim Haus gwen. Sidaher hat sie a net schlechter ghaust. Und aft is nur der oanzige Bua da.«

»Was ebba der amal für oane heiratn werd?« fragte eine dicke, rothaarige Dirne.

»O mei, halt oane, die a wieder brav Guldnstückl hat, denn auf der Welt is's a so: Wo eh der Haufen is, kimmt wieder der Haufen dazu.«

»Ah, wer woaß! Wenn's wahr is, was d' Leut sagn zweng der Häuslmirz, aft gibt's koane Guldn. Net amal an gscheitn Kammerwagn, denn des Leutl is arm wie a Kirchamaus.«

Ein paar Brechen in nächster Nähe ruhten.

»Zwegn der Mirz? Was is denn? Da woaß i ja koa Wort!« erscholl es ringsum.

Die Rote schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»I bring des Gschwatz net auf«, sagte sie. »Die groß Christlbauerdirn hat mir's heut verzählt. Gelt, Nanni, du hast es mir gsagt!«

»Ja. I woaß 's von unserer Kloan: die hat heut früh aufglust, wie sich 's Wei und der Sepp miteinand zkriagt habn wegn unserm Häusldirndl.«

Nun wurde die kleine Dirn vorgenommen und examiniert.

Stolz darauf, der Mittelpunkt des Kreises geworden zu sein, erzählte sie mit vielen Beifügungen, daß es zwischen der Bäuerin und dem Sohn Streit gegeben habe und daß dessen Ursache die Häuslmirz gewesen sei. Die Bäuerin habe gedroht, dem »Bettldirndl« und ihrer halblahmen Mutter die Wohnung 37 zu kündigen, falls Sepp es nicht unterlasse, ihr auf Schritt und Tritt nachzugehen. Der aber sei sehr zornig geworden und habe erwidert, daß er in dieser Sache sein eigener Herr sei, und daß ihn nichts auf der Welt bewegen könne, von dem Mädchen zu lassen.

Die Weibergesellschaft schien ob dieser Enthüllungen vor Schrecken zu Stein erstarrt.

»Aha, darum is 's Leut heut net kommen!« brach die Infrau endlich das Schweigen. »Hat mi schon lang g'schakeniert, daß 's net zuhakimmt, wo sie sonst dennerst allemal die erst is. Na, i gratulier eahm, – d' Bäuerin is a Scharfe. Wem de amal auf d' Eisen geht, der is nimmer z'neidn.«

Die Rothaarige wandte sich jetzt mit schadenfrohem Lächeln an eines der Mädchen, die mehr im Hintergrund standen.

»Na, Wawi, was is nachher mit dein Lebzeltnherz, das dir der Sepp am letzten Kirta verehrt hat? Heb dir's fein gut auf, denn ein anders hast kaum 'z gwarten.«

Die Angeredete, ein hübsches Mädchen mit sprühenden blauen Augen, fuhr heftig herum.

»Der Sepp is a Hoamtückischer, der heut dera schön tuat und morgn einer andern. – Aber i glaub ja enka Gwasch eh net, denn es hoaßt net umasist, daß man dreimal 's Kreuz machen sollt, wenn ma für a Haarhaus geht.«

»So, moanst aft richtig, du Dalk, daß d' amal Christlbäuerin wirst?«

Wawi sah böse drein.

»Mei, du warst erst gar die letzt, Kathi! Derfst dir nix einbildn zweng dem, wennst glei a Goldhaubn tragst. Wer woaß, wenn i 's drauf anlegn tat, – aber i bin überhaupt no z'jung. Wenn i amal sechsazwanzg Jahr alt bin, wia du, aft kann 's sein, daß i auch a Heiratslust kriag.«

»Da schauts den Schnabel an! I – i –«

Kathi wollte ihrer Entrüstung über die impertinente Person, die es gewagt hatte, auf ihr rotes Haar und ihr Alter anzuspielen, weiter Luft machen, da fiel ihr eine gesetzte Alte ins Wort: »Aber, Dirndln, seids doch net gar so 38 stockhimmelnarrisch! Z'kriagts enk net zweng an Kundn, sonst müassn enk ja alle Leut auslachen. I glaubs am End selber net, daß der reich Christlbauer des arme Weibsbild im Ernst möcht, – da war schon 's Wawerl an andere!«

Sie stellte ihre Breche ein wenig beiseite und klopfte das Mädchen schlau lächelnd auf die Schulter.

»Gelt, Wawerl, der kasigen Mirz gebn mir noch lang nix nach! Der Sepp is a mögerter Bua, des muß man eahm laßn, und wenn er uns heut wieder an Kolmes zahlt, wia gestern, aft hätt man ihn halt noch lieber. I woaß gwiß, daß er dirs net abschlagt, wennst'n anstichst um oan.«

Wawi fühlte sich geschmeichelt und, rasch ihre gute Laune wieder gewinnend, gab sie zur Antwort: »Ja, er muaß heut an Süßn zahln, verlaß di auf mi. Wenn d' Buam kommen auf d' Nacht, dann laßn mirs net ins Häusl, bis 's Maut gebn.«

»Sie wern eh nimma lang aus sein«, bemerkte die Infrau. »Aber mei Gott, mit dem ewign Gwasch hätt i bald auf d' Hoaz vergeßn; da is grad d' Mirz schuld dran. Gestern hat sie sich alleweil ums Feuer kümmert und heut is' s net da.«

In diesem Augenblick öffnete sich knarrend die Tür und eine weibliche Gestalt erschien an der Schwelle. Sie blieb eine Weile zögernd stehen, so daß Schatten ihr Gesicht deckte; die Infrau aber hatte sie trotz der Dunkelheit sogleich erkannt und eilte auf sie zu.

»O Mirzei, Gott sei Dank, daß d' da bist; iatzt kannst mir gleich aus der Not helfen. Du weißt, daß i 'n Rauch net vertragn kann, weil mir allmal d' Troos a so brennt, wann mir oana abikimmt. Geh, sei so guat und hoaz für mi!«

»Gern, Infrau«, sagte das Mädchen mit einer auffallend tiefen, aber weichen und klangvollen Stimme. Rasch auf die Heizkammertür zuschreitend, setzte es bei: »ös müaßts überhaupt schon an rauhen Hals habn, denn plagt habts enk gnua seit a Zeit.«

Damit verschwand die Mirz in dem finsteren, qualmerfüllten Raum, während die Weiber einander betroffen ansahen. Wie bitter und spöttisch hatte ihre Bemerkung geklungen! Sie 39 mußte wohl lange gelauscht haben. – Die »gesetzte« Alte drückte sich mit ihrer Breche in den hintersten Winkel und dachte schuldbewußt an das alte Wäldlersprichwort: »Wenn man an einem Flachshaus vorübergeht, soll man sich dreimal bekreuzen.«

Jetzt ließ sich ein langgezogener Juhschrei aus der Ferne vernehmen: die Wirkung, die er in der Weibergesellschaft hervorbrachte, war wunderbar. Das Geräusch der Brechen verstummte und jubelnd klang es:

»D' Buam keman, d' Buam keman!«

In aller Eile wurden die Laternen angezündet und an dem Balken des Dachstuhls befestigt, die Mädchen rissen ihre dickbestaubten Matraßtücher vom Haar, schlugen sie auf und banden sie mit besonderer Sorgfalt wieder auf.

Dann knarrte die Tür, etliche Burschenköpfe streckten sich herein und hell erklangen draußen die melodischen Töne einer Mundharmonika.

»Draußt bleibn, draußt bleibn!« schrie Wawi lachend, indem sie versuchte, die Tür zuzuhalten. Die anderen kamen ihr schnell zu Hilfe und nun hieß es: »Was zahlts, wenn wir enk einlaßn?«

»Nix – nix!«

»Aft kemts a net herein!« riefen die Brecherinnen entschlossen und stemmten sich noch fester gegen die Tür.

»He, Dirndl, mach auf, he, kennst mi denn net?
Oder sand in dein Haus koane Fensterln net?«

sang eine frische Stimme draußen.

»Wennst uns heut an Süaßn zahlst, Sepp, dann auf der Stell!« erwiderte Wawi.

»Was wollts! Meinetwegn glei a ganz Faßl!«

Die Tür flog auf und ein Haufen junger Burschen drängte sich herein, Sepp an der Spitze.

Er überragte an Höhe alle anderen und war wirklich recht »möget«, wie die Alte gesagt hatte. Die hitzige Eifersucht zwischen den Mädchen war daher sehr entschuldbar. Sein Blick überflog wie suchend die Schar und blieb zuletzt mit einem eigentümlichen Aufleuchten an Mirzens schlanker Gestalt haften, die in dem Rahmen der schwarzen, rauchumwirbelten Heizkammertüre einen seltsam schönen Anblick bot. Das Herdfeuer von innen warf seinen grellen Schein auf sie und das 40 Licht der Laternen von außen malte ihre Wangen bleich. Oder waren sie es in Wirklichkeit? – Jetzt wandte sie sich um, schloß die Kammer und verschwand wie ein schönes Gespenst in der Haarstube. Sepp machte ein verdrossenes Gesicht.

»Da habts Geld!« rief er Wawi zu. »Kaufts, was 's wollts. Pfeifts und singts, Buam, daß d' Weiberleut a Freud habn, und ös«, wandte er sich an diese, »laßts iatzt derweil 's Brecheln gehn, später helfen wir enk auch.«

So etwas ließ man sich nicht zweimal sagen. Die Brechen wurden zusammengeworfen und als Sitzbänke benützt, die Rote lief sogleich fort, um den köstlichen »Süßen« zu holen, und ein lustiges Lärmen begann.

Sepp benützte den Augenblick allgemeiner Bewegung und schlüpfte durch die Haarstubentür. Glühende Hitze herrschte in dem dunklen Raum, denn die Flachsbündel auf den Gerüsten, die sich um den hohen Kachelofen herumzogen, mußten ja geröstet werden.

»Mirz, wo bist denn?« fragte er, langsam vorwärts tappend. Der Flachs rauschte und knisterte.

»I muß d' Buschen umkehrn. Bleib draußt, Sepp!« klang es leise von der Höhe herab.

»In dera Finsta? Du siehst ja nix!«

»I greifs halt.«

»Du mußt ja verbrinna und verbratn da herin, Mirz. Geh außa!«

Als keine Antwort kam, schlug er Feuer und brannte einen der am Boden liegenden Kienspäne an. Mit einem Schreckensruf sprang sie von dem Gerüst.

»Mein Gott, Sepp, du zendst des ganz Haarhaus an!« rief sie ängstlich. »Geh, lösch 'n Span ab, i bitt di!«

Sepp beachtete ihre Angst nicht, sondern ging vorwärts und klemmte den Span in eine Ritze der Holzwand. Dann schlang er seinen Arm um das Mädchen und führte es an eines der kleinen Fenster, die einen Ausblick auf das freie, mondbeschienene Feld boten.

»Mirz«, sagte er nun, »i muaß mi heut ausredn gegn dich, denn die ewige Tratzerei und Hoamlichkeit kann i nimmer länger vertragn. Wia i mit meiner Altn dran bin, des woaß i seit heut früah; iatzt möcht i 's aber auch wißn, was 's mit dir is. Drum red!«

41 Sie machte sich von seinem Arm los, trat einen Schritt zurück und lachte leise. Dann antwortete sie: »Was dei Muatta gsagt hat heut früah, des gilt. Wir ziagn in drei Wochen aus'm Häusl und schaun uns wo anders um an Unterkunft, weit weg von da. Aft derf sie nimmer fürchtn, daß der Sepp dem Bettldirndl auf Schritt und Tritt nachlauft.«

Das Gesicht des Burschen rötete sich dunkel, aber er bezwang sich und blieb ruhig.

»Das tuast net, Mirz! Du bleibst mit deiner Muatta bei uns und in vier Wochen is d' Hochzeit. Mir kommen ja ohne die Alte auch furt, wenn sie sich grad setzt auf di.«

»Na, i will koan Unfriedn in enka Haus bringen. Dei Muatta is a bravs und a verständigs Wei, drum folg ihr und schau dir um oane, die besser zu dir paßt. Es gibt gnua brave Bauerntöchter im Dorf und a jede is froh, wenns Christlbäuerin wern kann.«

»Aber i mag koan andere net, als dich, des hab i dir schon hundertmal gsagt. – Sag ja, Mirz, und i geh heut noch zum Pfarrer und laß uns am erstn Feiertag dreimal verkündn!«

»Um die ganze Welt net, Sepp! Hör auf, es is alles umsonst.«

»Aft hast mi überhaupt nia mögn, wennst mir des antoa kannst, und dei Schöntuerei is nix gwen als lauter Falschheit!« rief er zornig.

Mirz hob stolz den Kopf.

»I hab dir nia schön tan und hab di net gfoppt, Sepp. So weit is doch net, daß i mir oan zualockn muaß, obwohl i nix hab, als mei Armuat.«

Sie wandte sich ab und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Sepp schleuderte den zusammengebrannten Kienspan fort und schritt zur Tür.

»Mir zwoa san fertig, Mirz. Aber i moan, es kränkt dich dei Stolz noch amal«, sagte er so ruhig, als es der Zorn, der in ihm kochte, erlaubte. Dann ging er hinaus und warf die Tür so heftig ins Schloß, daß die Klinke klirrend zu Boden fiel.

42 Draußen im Brechschuppen hatte eben der Jubel den Höhepunkt erreicht, denn der Kalmus war angekommen und unter Lachen und Scherzen ließ man das Krüglein kreisen. Daß nun auch die Christlbäuerin erschienen war, tat der Lust keinen Eintrag, denn sie war, abgesehen von ihrer zeitweiligen Schärfe, ein recht gemütliches Weib und freute sich gern mit den Fröhlichen. Als dann ein Brecheltanz veranstaltet wurde, tat sie sogar selbst mit und ländelte mit ihrem alten Baumann vor der Hütte draußen, daß es eine Freude war.

Der Mond lächelte mild herab auf das glückliche Völkchen und wer behaupten wollte, daß ein städtischer Tanzsaal mit Parkettboden und Kronleuchtern schöner sei, als der weite, lustige Garten mit dem weichen, glatten Rasen und der silbernen Himmelslampe oben, der hat noch nie einen Brecheltanz mitgemacht.

Nachdem der Sepp die Haarhausstube verlassen hatte, war Mirz an das Fenster getreten, um an der frisch hereinströmenden Nachtluft die brennende Stirn zu kühlen. Es war ihr jetzt nicht möglich, sich unter die lustige Gesellschaft draußen zu mischen, und lieber wollte sie hier die größte Hitze erleiden, als der Bäuerin, deren Stimme sie vorhin vernommen hatte, unter die Augen zu treten. Das »Betteldirndl« ließ keine Ruhe aufkommen in ihrem Innern. Sie hatte ja in ihrem Leben noch niemals gebettelt, nicht einmal um Mitleid, obwohl seit frühester Kindheit Not und Sorge ihr Teil gewesen. Die Mutter war seit sechs Jahren an den Füßen gelähmt und Mirz hatte für sie Tag und Nacht gearbeitet und gesorgt. Doch nie hatte das stolze Mädchen nur die geringste freie Gabe angenommen und jetzt nannte sie Sepps Mutter dennoch eine Betteldirn. Freilich, der konnte nichts dafür, aber trotzdem hatte sie das harte Wort für immer von ihm getrennt.

Mirz weinte nicht gern. Jetzt aber konnte sie die Tränen nicht unterdrücken, obwohl sie sich die Lippen blutig biß.

Ganz in Schmerz versunken, bemerkte sie nicht die unheimliche Glut, die sich vom Fuß des Gerüstes an bis zur halben Höhe der Flachsschichte ausgebreitet hatte. Auch der ganze Raum war schon dicht mit Qualm gefüllt, der sich seinen Weg endlich an des Mädchens Gesicht vorbei durch das offene Fenster suchte. Sie verspürte nichts davon. Erst als plötzlich eine grelle Feuergarbe aufwallte und im Nu alles andere 43 ringsum ansteckte, stürzte sie mit einem Schreckensschrei auf die Tür zu. Doch sie konnte nicht öffnen, denn die Klinke war weg, und sie unter dem brennenden Flachs, der den Boden bedeckte, zu suchen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie rüttelte verzweifelt an der Tür, aber diese war dicht und schwer und gab nicht nach. Sie pochte und rief um Hilfe, doch niemand befand sich im Schuppen und die Leute im Garten sangen, tanzten und musizierten, so daß, da an dieser Seite auch kein Fenster angebracht war, ihr Rufen ungehört verhallte.

Als sie sah, daß es keinen Ausweg gab aus den Flammen, die sie schon drohend umzüngelten und gierig nach ihrem Kleide leckten, ergab sie sich stumm in ihr Schicksal. Dicht schmiegte sie sich an das brennende Gebälk, umfaßte mit beiden Händen einen noch unversehrten Querstab und blieb so stehen, die Blicke starr auf das offene Fenster gerichtet, das groß genug war, um etwa eine Katze durchschlüpfen zu lassen.

Bald würde sie nun der Rauch ersticken; bald würden die Flammen ihren Körper erfassen und morgen, – wenn Sepp im Schutt herumsuchte, würde er nur mehr ihre Gebeine finden. Sie hatte jetzt schon Mitleid mit seinem Schmerz.

Doch da war es, als schaute sie aus den schwarzen Rauchwolken das bleiche, kummervolle Gesicht ihrer kranken Mutter an.

»Mirz«, hörte sie diese sagen, »du derfst net verbrennen; denn aft hätt i ja koan Menschn mehr auf der weitn Welt: Geh weiter, geh mit mir!«

»Ja, Muatter, dir z'liab!«

Ihre Hände lösten sich langsam von der Stange und im nächsten Augenblick stürzte das Gerüst über der Ohnmächtigen zusammen.

Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Sepp erschien bleich und verstört auf der Schwelle. Sein Blick irrte suchend umher und durchdrang den Rauchschleier, der über dem Gerüst hing. Da schimmerte das rote, funkenbesäte Tuch hervor, das Mirz um den Hals getragen hatte: sie mußte also mitten in der Glut liegen und schon längst tot sein.

Mit gewaltiger Anstrengung warf er das Getrümmer beiseite, unbekümmert darum, daß die Flammen seine Locken versengten, und nun sah er die leblose Gestalt vor sich liegen.

45 Sie auf die Arme nehmen, hinaustragen und auf den kühlen Rasen niederlegen, war das Werk einer Minute; dann sank er neben sie hin und drückte aufschluchzend sein Gesicht in das kurze, taufeuchte Gras.

An ein Löschen war nicht mehr zu denken. In kurzer Zeit stand das ganze Flachshaus in Flammen und wie bezaubert starrten die Leute auf das wildschöne Schauspiel. Ein einzelner Windstoß trieb die roten Lohen seitwärts, erfaßte eine Masse brennenden Flachses, dessen noch unversehrter Kern dunkel durchschien, und alle wichen zurück und bekreuzten sich.

»Die Haarhausrega!« klang es durch die feierliche Stille. »Helf uns Gott, die Rega!«

Die Leute beruhigten sich bald. Was lag am Ende auch an dem Flachshaus und seinem Inhalt. Die Christlbäuerin konnte sich ja wieder ein anderes bauen lassen, für sie war das eine Bagatelle.

Aber die Mirz, was war mit der geschehen? Sie lag jetzt in den Armen der weinenden Bäuerin; Sepp kniete neben ihr und klagte sich immer wieder an, daß er den Brand verursacht habe, und mithin gar ihren Tod. Er erzählte, was zwischen ihr und ihm in der Stube vorgefallen war, und daß er zuletzt den noch glimmenden Span gegen den Flachs geschleudert habe, ohne in der Erregung daran zu denken, daß dieser sich entzünden könne. Er fügte endlich hinzu, daß sie, die Mutter, ebenfalls ihren Teil an der Schuld trage, indem sie durch ihre harten Worte das Mädchen so sehr erbittert habe, daß es ihn nicht einmal mehr wollte. Und sie seien doch füreinander »beschaffen« vor Gott. Er würde nun um alle Welt keine andere mehr heiraten und bis zu seinem Tod allein bleiben.

»So hör endli auf, du dummer Bua!« unterbrach die Alte seinen Redestrom. »Schau her, d' Mirz lebt, sie lacht dich sogar schon wieder aus. Net wahr, Mirz, der Sepp ist doch ein recht narrischer Bua, du stirbst ja gar net, gelt?«

Wirklich, die eben aus der Betäubung erwachte Mirz lächelte, und jetzt schlang sie den rechten Arm um den Hals der Christlbäuerin; den linken aber ließ sie kraftlos herabsinken, denn er war von einer großen Brandwunde bedeckt.

»Na, so nimm sie halt, Sepp, und trag dir's hoam in Gotts Nam, – gehn wirds ja kaum können«, sagte die Alte unter 46 Tränen lachend, indem sie das Mädchen in die Arme des Sohnes legte.

»So und jetzt, Leut, gehts alle mit mir zum Eßn, denn kocht und angricht is, und es war doch schad, wenn i die vierzg Oa umsonst verschlagn hätt. Du, Großer«, wandte sie sich an den ersten Knecht, »du gehst glei zum Häuslwei und bringst es her. Sie muß heuer auch mithaltn beim ›Brechlbrei‹.«

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