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Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Geschworne

Der Schwurgerichtssaal war dicht von Menschen erfüllt. Bis zur grauen Decke hinauf, selbst in den Korridoren, saßen und standen, eng gedrängt, vornübergeneigt, mit den Armen nach einem Halt ausgreifend, im Zwielicht des Wintertages die Habitués der großen Prozesse: unten die Anwälte mit spitzen, grüblerischen Zügen, bereits den Ausgang des Falles ermessend; weiter oben die Berichterstatter, das Papier zurechtrückend, den Bleistift schärfend; auf einer höheren Bank die Damen von Welt in Pelzboa und Schneiderkleid, nach allen Seiten lorgnettierend; zuhöchst, schon an die Decke gestemmt, das zweifelhafte Gelichter, die Vororte-»Pülcher«, die aus den Winkelzügen und Überrumpelungen der Verhandlung für den eigenen künftigen Gebrauch manches zu gewinnen hofften. Für all diese Neugierigen, irgendwie Beteiligten bot die Gerichtsstätte jetzt die Spannung eines Theaterstückes mit blutigem Ausgang. Nur sollte das Blut hier wirklich vergossen, einem Menschen der Strick um den Hals gelegt werden, der noch diesen einen Tag frei atmet, aber um seine Entfesselung von der Schlinge; die bereits über ihm zu schweben scheint, in wilden Zuckungen ringen wird. So lag eine unheimlich-anziehende Atmosphäre über diesem Saal, an dessen Fenster der Schnee in kurzen Stößen trieb – eine Atmosphäre 220 von Mord, Entsetzen, die Nerven zerstörender Spannung.

Inzwischen fand in einem der rückwärtigen Räume des grauen, weitläufigen Gebäudes die Auslosung der Geschwornen statt. Das Gericht stand bereits um den rund hingezogenen, mit dem feierlich grünen Tuch überdeckten Tisch in Amtstracht und Positur. Der Vorsitzende, ein etwas steifer, ältlicher Mann mit dunkelbraunen Augen, die unter der scharfen Brille gar treuherzig hervorblitzten, im übrigen von den besten Formen, die er selbst dann bewahrte, wenn er eines seiner gefürchteten eisernen Urteile verhängte, öffnete ein schwarzes, schmales Buch. Er gab den Geschwornen, die, schwarz gekleidet, ein ernsthafter Trupp, im Zimmer verlegen umherstanden, die Weisungen des Gesetzes. Der Schriftführer, ein junger Jurist, »eine juristische Kaulquappe«, wie der Hofrat in munteren Augenblicken scherzte, verlas die Liste der Geschwornen, die ihre Anwesenheit wie in der Schule mit einem kräftig betonten oder einem dröhnend beteuernden oder einem sanft gezirpten »Hier« bestätigten. Nun wurden die Namen aus der mächtigen Urne gezogen. Der Staatsanwalt, eine jovial gerundete, zumeist von dem behaglichsten Lächeln umspielte, gleichsam umhüllte Figur – er pflegte die Verurteilung mit zwingender Liebenswürdigkeit, mit einem 221 wohlgepflegten Pathos der angenehm streichelnden Stimme zu beantragen – und der Verteidiger, ein immer bewegliches und fuchtelndes Männchen, lehnten diesen und jenen ab: weil sie Befangenheit besorgten oder weil sie vor der Auslosung durch Visitenkarten der berufenen, aber diesmal verhinderten Geschwornen um die Ablehnung ersucht waren oder auch nur, weil der Staatsanwalt sich schon jetzt gerne flöten, der Verteidiger sich rasseln und schnarren hörte. Die Geschwornenbank war bereits ohne besondere Teilnahme beinahe gebildet, da geriet der Verteidiger in sichtbare Hitzigkeit und lehnte einen nach dem andern ab. Die Absicht des Anwaltes war deutlich und klug. Die Richter aus dem Volke waren ihm diesmal allzu volkstümlich. Diese der scharfen Zergliederung ungewohnten Stirnen sollten nicht über eine Tat entscheiden, deren Dunkelheit selbst den Scharfsichtigsten verwirren mußte. »Rudolf Schmid.« Der Angerufene trat mit einer etwas forcierten Verbeugung vor, ein bartloser, an den Schläfen ergrauter Herr zu Ende der Vierzig, die unansehnliche, nach vorn gebeugte Gestalt in den Schlußrock gezwängt, die stark miopen und geröteten Augen unter der runden goldenen Brille in Verlegenheit halb geschlossen; um dünne Lippen ein nervöses Lächeln, das sich in dem gefurchten Gesicht verlor. »Oberbuchhalter der 222 Wiener Sparkasse,« las der Verteidiger befriedigt aus den Aufzeichnungen, die ihm vor der Auslosung übergeben worden, und ließ den zögernden Herrn Schmid zur Gruppe der Gewählten hinüberpassieren. Denn die anderen, die noch auf der Liste standen, gehörten gewiß nicht zu den Intellektuellen, deren das Volksgericht am wenigsten zu entraten vermag. Es waren kleine Leute, Handwerker zumeist, ohne Zweifel von der redlichsten Gesinnung, aber nicht mit dem Wissen und dem Ahnen der Abgründe der Menschlichkeiten begabt. Alles wirkliche, darum milde Richten ist auch ein Dichten, ein intuitives Erfassen, das plötzliche Durchschauen einer Seele in der Sekunde der Tat. Den zwölf heute gelosten und den beiden zu ihrem Ersatz herbeigezogenen Männern fehlte diese besondere Gabe gewiß, nur dem Beamten Schmid war sie vielleicht zueigen. Denn Schmid war nicht allein, wie sein Äußeres vermuten ließ, ein genauer, seiner Pflicht bewußter Bureaukrat und Rechner, sondern ein Tüftler, dem zwischen die langen und geraden Zahlenreihen, wenn er sie addierte, mancher Zweifel, manche Sorge sogar von philosophischer Färbung hineinhuschte. Seine bereits alternde Frau, an der er mit selbstverständlicher Treue hing, ohne darum von den Zwiespältigkeiten und Entfremdungen, die in der Luft jeder Ehe liegen, weniger 223 verwundet zu werden, suchte mit dem Sinn der Frauen für das Reale dieser Richtung Rudolfs entgegen zu wirken. Aber es gelang ihr keineswegs. Bei den Sonntagsspaziergängen, die er am liebsten allein im Wienerwalde unternahm, mußte er sehr oft, auf einsamen Wegen dahinschreitend, denken, ob er nicht etwas Lebendiges, ein Tier oder eine Pflanze, durch seinen Schritt töte. Und wenn er jeden Morgen immer durch die nämlichen Straßen in sein Bureau wanderte, wurden in ihm allerlei Gedanken über Pflichten und Verantwortung des einzelnen und der Gesamtheit mit dem wirbelnden Schnee hervorgefegt. Er besaß, wie manche dieser in sich hinein grüblerischen, in einem abgezirkelten Kreise wirkenden Pflichtenmenschen, ein sehr verletzbares und quälerisches Gewissen. Darum erschrak er auf das tiefste, als er die Einberufung zu diesem Amt in Händen hielt. Für die anderen bedeutete eine solche Wahl zumeist nicht mehr als die nicht ganz unerwünschte Störung des gewohnten Tageslaufes. Schmid fühlte sogleich, daß ihm, der allen öffentlichen Dingen scheu auswich, hier eine Fülle der Beängstigung und Unsicherheit drohe. Er suchte sich aus dem Gesetz, das er sogleich anschaffte und zu studieren begann, zu vergewissern, ob ihm ein Ablehnen dieser Bürde irgend möglich sei. Er begab sich sogar eines Abends wider seine sonstigen, 224 durchaus häuslichen Gewohnheiten an den seit langem von ihm nicht mehr besuchten Wirtshaustisch, dem ein Oberlandesgerichtsrat präsidierte, um sich zu überzeugen, daß triftige Gründe, dieses Amt voller Verantwortung auf andere und mutigere Schultern abzuwälzen, für ihn nicht vorhanden seien. Als er an diesem Morgen an der Votivkirche vorüber, die plötzlich aus grauen Wolken in halber Sonne aufblitzte, zum Schwurgericht eilte, überfiel ihn die Ahnung, daß diese ungern übernommene Richterpflicht ihm selbst, der nun über Tod und Leben urteilen sollte, vielleicht ein Verhängnis bedeuten könne.

Vor der Kirche waren Soldaten postiert, Deutschmeister, Salutschüsse knatterten. Die Leiche eines Kameraden war eben eingesegnet worden. Schmid zog, wie immer dem Tode gegenüber, grüßend den Hut, daß der Wind durch sein schütteres Haar stöberte. Aber diesmal lag in seiner Bewegung etwas Abwehrendes und Demütiges zugleich, als suche er ein Schicksal von sich fern zu halten, dem er doch nicht entfliehen würde. Und da ihn der Soldat vor dem schweren Tor des Grauen Hauses als den letzten hindurchließ und die Tür hinter ihm hart in das Schloß fiel, fühlte er sich selbst, dem Schuld und Strafe höchst anzuzweifelnde, vielleicht sogar willkürliche Begriffe schienen, wie in einem Druck der freien Entschließung beraubt. Er 225 hatte noch immer gehofft, wenigstens in diesem hochnotpeinlichen Fall des Mörders Pösch abgelehnt zu werden, und hielt sich deshalb tief im Hintergrund des Zimmers. Jetzt, da seine Wahl durch das zustimmende Schweigen der Parteien besiegelt wurde, trat er aus dem Kreise der Genossen dieses Tages und blickte, die Stirn an das Fenster gepreßt, in den Hof hinunter. Unten marschierten in grauen Kitteln, eine lange Reihe, Gefangene vorüber. Mancher blickte zum Fenster hinauf in dieses fremde Gesicht, das Mitgefühl oder zumindest Nachdenken zu bekunden und wieder zu verbergen schien. Wer gibt uns, überlegte Schmid, eigentlich das Recht, Geschöpfe unserer Art wegen der Verwirrung eines Augenblicks, wegen eines betörten Traumes aus der Gemeinschaft, der Liste der Lebenden zu streichen? Die Richter erwägen das wohl nicht, so spann er fort, weil sie ihre Hantierung bereits wie eine Gewohnheit üben. Aber wir andern, wir blicken ja zum erstenmal in dieses Netz der Zweifel. Das Wort »Verbrechen und Wahnsinn« flatterte vor ihm auf, und er erinnerte sich des Ausspruches eines Nervenarztes, den er unlängst in der Zeitung gelesen. Dieser hatte wiederum nachdrücklich behauptet, jedes Verbrechen wuchere krankhaft aus einer nervösen Trübung des Willens; man solle statt der Gefängnisse Siechenhäuser errichten. Und wie viele 226 selbst im bisherigen Sinn Schuldlose oder weniger Schuldige wandern dort im Hof, schweigend, in grauer Reihe, abgeurteilt durch den Irrtum der Richter, deren er selbst nunmehr einer geworden war.

Unter solch unsicheren Bedenken betrat er wiederum als letzter den Saal, an dessen Fenstern trübe Schatten hingen. Schmid erhielt seinen Platz an vorspringender Stelle in der Mitte der ersten Reihe der Geschwornenbänke. Diese schlossen sich an den Halbbogen, um den das Gericht postiert saß. Die dunklen Talare der Richter und des Anwaltes gaben dem feierlichen Halbkreis das gewichtige Gepräge; das Rot von der Robe des Staatsanwaltes schien grelle Fanfaren in die Dämmerung zu schmettern.

Der Angeklagte wurde nunmehr in den vor Erregung atemlosen Saal geführt; der Justizsoldat setzte sich stumpfblickend neben ihn unter die Tribüne seines Verteidigers. Johann Pösch, des Raubmordes bezichtigt, war ein schmächtiger junger Mensch mit einem rötlichen Flaum auf der Oberlippe und zerzausten Bartkoteletts. Die Stirne war eng und abschüssig, der Blick der kleinen grauen Augen unstet, wie aus einem Hinterhalt; auf den Wangen brannten Fieberflecke. Die Hände, mit denen er die Greisin ermordet haben sollte, waren übergroß und stämmig. Nun begann der junge Schriftführer 227 nach einer nicht unzierlichen Verbeugung gegen den breiten Lehnstuhl des Vorsitzenden die Anklageschrift herunterzulesen. Auch der Schriftführer hatte heute zum erstenmal im Schwurgericht Dienst. Er war sich des Aufsehens seiner Mission in einem so wichtigen Prozeß wohl bewußt und hatte drei jungen Damen der Gesellschaft, Tili, Molly und Mimi, unzertrennbaren Freundinnen, die auch richtig ganz vorn beisammensaßen und denen er diskret zunickte, Eintrittskarten besorgt.

Der Angeklagte war der folgenden, hartnäckig geleugneten Tat bezichtigt. Eine Pfründnerin, die ihr Wohnzimmer zeitweise an sogenannte »Bettgeher« vermietete, war von Nachbarn erdrosselt und beraubt am Bettrand aufgefunden worden, nachdem diese die zugeriegelte Tür aufgesprengt hatten. Der Verdacht des Mordes traf sofort den Mann, der jetzt den Geschwornen gegenüber in lauernder Haltung saß. Die Nachbarschaft hatte ihn die Wohnung betreten und bald darnach hastenden Schrittes verlassen sehen. In diesen grauen, öden Revieren am Saum der großen Stadt schwirrte, immer lebhafter wachsend, der Ruf des Volkes, bis er den Täter ereilte: dieser »Mann mit dem Havelock«, wie man ihn sofort nach seiner markanten Bekleidung nannte, müsse der Mörder sein. Einer dieser Zufälle, an denen das Leben so reich wie die 228 Kolportageromane, überlieferte ihn den Gerichten. Wie er durch die Not zu dieser Untat verleitet schien, ward er selbst von der Not, dieser Verführerin und Verräterin zugleich, überlistet. Er war wohl nach der Tat ohne Verdienst lang umhergeirrt und hatte gewisse Gegenstände sehr bescheidenen Wertes verkaufen müssen. Dabei ward er ertappt und festgenommen. Nach allem, was er zu seiner Verantwortung vorbrachte, schien er des Mordes zunächst und dringend verdächtig.

Während diese Anklage von dem Schriftführer mit eleganter Geste gegen die Damen verlesen wurde, wanderten die kleinen tückischen Augen des Mannes, um den sich jetzt alle Blicke sammelten, unruhig durch den Saal, den immer dunklere Schatten des Wintertages bedeckten. Er spähte suchend zur Galerie dieses Amphitheaters hinauf und bemerkte in einer der letzten Reihen zwischen zwei »Pülchern«, die ihm verstohlen zuwinkten, versteckt einen blonden Frauenkopf. Sie trug die rote Bluse, die er ihr vielleicht gar aus dem Erlös seines Verbrechens geschenkt haben mochte, und weinte leise vor sich hin, die Hände vor das frische Gesicht geschlagen. Es war seine Geliebte. Pösch wandte dann mit einem heftigen Ruck den Zuhörern den Rücken und ließ die Augen, den Halbbogen des Tribunals entlang, prüfend von einem zum andern gehen. Er suchte in den Mienen des 229 Staatsanwaltes und des Richterkollegiums einen Ausdruck des Zweifels, des Mitleids, an den er sich hätte klammern können. Doch sie saßen unbewegt, mit der Ruhe der immer eindringlicher Überzeugten. Nun fixierte er die Reihe der Geschwornen, von denen sein Schicksal zunächst abhing. Er bemerkte wiederum die nämliche entrüstete Spannung. Da blieb dieser irrende, bohrende Blick plötzlich an den runden Brillengläsern Schmids haften. Johann Pösch stand heute zum drittenmal vor Geschwornen. So wußte er bereits als ein erfahrener Zellenbewohner, daß auch hier, wie bei jeder gemeinsamen Beratung, das entscheidende Wort fast immer von einem überlegenen Kopf, in diesem Falle dem gewählten Obmann, ausgesprochen und geformt wird. Ihm unterwerfen sich die Mitstimmenden oft um so bereitwilliger, als sie dadurch die Last der Verantwortung auf diesen einen eigentlichen Sucher des Rechtes hinüberwälzen. Mit der verfeinerten Witterung des aufgestöberten, dem Tod gegenübergestellten Raubwildes hatte Pösch sogleich, unter den Gesichtern der Geschwornen umschauend, gespürt, daß man diesen Herrn mit der goldenen Brille, der so ernsthaft und nachdenklich schaute, zum Obmann bestellen werde. Und er ahnte in diesem Augenblick nicht bloß, sondern erkannte deutlich: daß sein Los zunächst in den unruhig über die 230 Bankkante tastenden Händen dieses Herrn mit den blassen, von der Erregung bereits gespitzten Zügen und den feuchten, aus den Gläsern mit einem gewissen ängstlichen Wohlwollen hervorspähenden Augen liege. Nun wußte er plötzlich, daß diese ganze Verhandlung für ihn nichts anderes sein werde, als ein Zweikampf mit dem einen Geschwornen, dessen unentschlossene Nachgiebigkeit und Ängstlichkeit er spürte, dessen Leben er in diesem Augenblick, wenn er verurteilt werden sollte, über sein eigenes Grab hinaus vielleicht vergiften konnte. Von dieser Sekunde ließ er den Gegner nicht mehr aus seinem Blick. In der tiefen Stille des Saales, die nur durch die monotonen Schlußformeln der Anklageschrift unterbrochen wurde, fühlte Schmid diesen Blick bereits bannend auf sich lasten. Während die Anklage zu Ende gelesen wurde, hielt Pösch das Gesicht, für alles andere teilnahmslos, so starr auf sein von ihm noch entferntes Gegenüber gerichtet, daß ihn der Vorsitzende befragte, ob er denn auch den Sinn des Gelesenen verstehe; worauf Pösch sich sogleich erhob und beteuerte, daß ihm manches seines schlechten Gehöres wegen entgangen sei. Nun wurde ihm ein Stuhl in der unmittelbaren Nähe des Richter-Halbbogens angewiesen. Er wußte den Stuhl so zu rücken, daß er seinem nunmehrigen Opfer, dem Geschwornen, ganz nahe 231 gegenübersaß. So bot er ihm sein Kopfschütteln und seine Mienen unmittelbar zur Schau. Und er wußte diese Mienen, unheimlich geschwind, bei jeder Wendung der Anklageschrift in eine Grimasse der Trauer, der Überraschung, der schmerzlichen oder empörten Betroffenheit eines Unschuldigen zu zwingen.

Als die Verlesung beendet war, schnellte Pösch in komödiantischer Entrüstung auf, umklammerte die Bank der Geschwornen, hielt sich wankend daran fest und streckte die großen knochigen Hände so nahe zu Schmid empor, daß dieser wie vor einer körperlichen Berührung zurückwich. »Ich bin unschuldig, meine Herren Geschwornen, beim Leben meiner Mutter schwör' ich es, ich bin unschuldig« – und er vergrub sein Gesicht in die kralligen Finger.

Schmid, dem die Verstellung in der Gefahr des Todes noch unbekannt geblieben, der diesen Saal mit seinen furchtbaren Würfelspielen des Schicksals heute zum erstenmal betreten hatte, war in seinem einfachen Gemüt tief erschüttert von dem Ton der Aufrichtigkeit, der aus diesem verzweifelten Wimmern zu brechen schien.

Nun begann der Kampf, zunächst zwischen dem Vorsitzenden des Gerichts und dem immer heftiger um sein Leben ringenden Angeklagten. Briefe wurden verlesen; jede Zeile wuchs zu einer Beschuldigung. Zeugen wurden vorgerufen 232 und beeidigt. Die Lichter der entzündeten Kerzen spiegelten sich in den von Frost überlaufenen Fenstern; die Eidesformel klang seltsam in der tiefen Stille des atemlosen Raumes nach. Man vernahm dazwischen nur das immer wieder hervorquellende Schluchzen des Verhörten und ein zages, widerhallendes Weinen von einer der obersten Bänke herab. Pösch mußte jenen Havelock anlegen, in dem der Mörder die Wohnung der Pfründnerin betreten haben sollte. Er wurde den Nachbarn gegenübergestellt, und die meisten glaubten in ihm den Fremden zu erkennen, dessen in der Hausflur lauernde Gestalt in ihrer Erinnerung haftete. Und nun kam das letzte, stärkste Glied der Indizienreihe, die Pösch bereits wie eine Kette umschloß. Man hatte unter dem Bett der Ermordeten ein Stück Tuch, an dem noch ein Knopf hing, aufgefunden. Dieser Streifen Tuch und genau der nämliche Knopf fehlten dem Havelock des mutmaßlichen Mörders; sie waren offenbar im Handgemenge abgerissen und später nicht wieder ersetzt worden. So schlossen sich die Folgerungen, die sachkundige Männer erhärteten, immer dichter, für den Angeklagten unentrinnbar. Seine Schuld schien zweifellos, obgleich er sie, noch immer weinend, zuweilen aufschreiend, den Blick tief in das fahl gewordene Antlitz Schmids bohrend, leugnete; noch immer sprachen nur die sogenannten Indizien gegen ihn, 233 aber sie hatten fast die Kraft des Erwiesenen. Immerhin bestand noch eine Möglichkeit des Zweifels. Einer der Sachkundigen hatte nämlich nach mikroskopischer Untersuchung erklärt, ein Faden des aufgefundenen Stoffes sei verschieden von den Fäden im Gewebe des Havelocks; an diesen Faden klammerte sich der Täter. Er hob den verhängnisvollen Kopf zu den Geschworenen, dicht zu Schmid hinauf. »Können sie mich schuldig sprechen«, rief er mit schrillem Pathos, »wegen so einem Zufall. Gibt es nicht hundert Knöpfe, die ganz so aussehen! Sprechen Sie mich nur schuldig, verurteilen Sie nur einen Unschuldigen – Sie werden nicht, niemals nicht darüber hinwegkommen!« Und als die Geschwornen den Saal in der Dämmerung verließen und ihr Beratungszimmer aufsuchten, schrie er Schmid, der zuletzt die Bank verlassen, mit gerungenen Händen nach: »Bei Ihrem Leben und bei dem Leben Ihrer Mutter, ich bin unschuldig. Wagen Sie es nur, mich schuldig zu sprechen, die Vergeltung kommt über Sie!« – bis ihm der herbeigeeilte Gefängnisdiener mit dem danebenliegenden Tuch, das er zur Erdrosselung der Greisin verwendet haben sollte, den Mund zuhielt. Dann stürzte Pösch in Krämpfen der Wut und ohnmächtiger Verzweiflung zu Boden.

Schmid hatte während dieser ganzen Verhandlung, zwischen all diesen Kreuz- und Fangfragen, 234 die bis in die Abendstunden in immer neuen Verwicklungen aufflogen, wie gelähmt unter einem Bann dagesessen, der sein sonst so nüchternes Denken umschloß. Er war kein Phantast, sondern gewohnt, rein verstandesgemäße Entschließungen bedächtig zu fassen. Aber diesmal fühlte er sich wie von einer fremden Gewalt umschnürt, als hätten diese großen häßlichen Hände, die sich immer wieder gegen ihn richteten, sein Denken erstickt. Das graue, bohrende Auge des Angeklagten hatte in den endlosen Stunden schwankender Entscheidung nicht von seinem Gegenüber gelassen. Der Blick, mit dem er an Schmid haftete, war der gleiche, der die Greisin so willen- und wehrlos gemacht haben mußte. Man spricht von Raubtieren, die ihre Beute zunächst durch den Blick zwingen, bis sie diese zerfleischen. Ein solches Raubtier war dieser Mörder, und sein Opfer war die behutsame, allzu leicht erschütterte Seele des Geschwornen, den ein Verhängnis zu seinem Richter bestimmt hatte. Pösch hatte sich während des ganzen Verhandlungstages in seinen Antworten nur an Schmid gewendet. Der vorsitzende Hofrat mußte ihn öfters erinnern, daß er dem Gericht, nicht den Geschwornen die Fragen zu beantworten habe. So spannen sich in dem schweren Dämmerlicht unausgesprochene dunkle Beziehungen hin und wider, Gedanken tiefer Feindseligkeit zwischen diesen beiden, dem Mörder 235 und seinem Richter, der eigentlich der Gerichtete war.

Im Geschwornenzimmer, das Schmid nunmehr wieder zur Beratung des Wahrspruches betrat, begannen diese Hemmungen des Willens langsam von ihm zu fallen. Er blickte zu den vielen Photographien an der Wand hinüber, welche die Geschwornenbänke früherer Jahre darstellten und zum Andenken hier gestiftet waren. Er schien aus diesen Erinnerungen Bekräftigung zu ziehen. Das Bild des Kaisers in der Uniform eines jungen österreichischen Reitergenerals, das über diesen Bildern hing, weckte seine Entschlossenheit. »Pösch hat es getan, das ist klar,« rief Schmid, dem Beratungstische näher tretend, seinen Mitgeschwornen zu. Und die Entschiedenheit dieser Bewegung und dieses Wortes und ein Aufleuchten des klugen Blickes rief sogleich die Wirkung hervor, die Schmid am meisten gefürchtet hatte: sie wählten ihn unverzüglich zum Obmann. Er wäre so gern in dem Schwarm der anderen mit seiner Meinung untergetaucht, nun war das Gefürchtete wirklich geschehen: er war der Obmann, er allein hatte, das spürte er sogleich, das Schicksal dieses Mannes, seines Gegners, sagte er sich unbewußt, in den Händen. Die anderen, deren geringe Fähigkeit logischer Entwicklung bei der Besprechung der Einzelheiten bald erhellte, ließen ihn reden und Gründe und Gegengründe suchen. 236 Nur selten wagte einer, die Überlegenheit des Obmannes achtend, ein bescheiden widersprechendes Wort.

Diese Beratung, die eigentlich nur aus einem unterbrochenen Selbstgespräch Schmids bestand, umfaßte viele Stunden bis in die Nacht. Sein klares, mathematisches Denken zwang ihn, wenn es alle Beweise durchlief, zu dem Schlusse, daß nur dieser Johann Pösch der Mörder sein könne. Und sein Pflichtbewußtsein – das Pflichtgefühl eines Beamten, der fünfundzwanzig Jahre gedient und nie eine Rüge davongetragen hatte – hielt ihm streng vor, daß er auch in diesem öffentlichen Dienst, den er heute versah, nur die Aufgabe erfüllen müsse, das unzweifelhaft erkannte »Schuldig« auszusprechen. Und sein wieder regsamer, alle Momente der Tat hurtig durchmessender Intellekt verbot ihm, die Zweifel zu erwägen, ob die Todesstrafe an sich berechtigt sei. Heute war es nur seines Amts, vorgelegte tatsächliche Fragen mit »Ja« oder »Nein« zu beantworten. Doch andere, dunklere Stimmen wurden in ihm rege. Plötzlich fand er die Kette der Schlüsse nicht lückenlos. Er fühlte mit einem Male wieder den Blick des Mörders, diesen Blick, den er nicht mehr von sich zu schütteln vermochte, der sich tief in sein Bewußtsein geklammert hatte. Er veranlaßte die Geschwornen, den Vorsitzenden zu einer Rechtsbelehrung in ihr Zimmer zu 237 bitten, und ließ sich, sein Schwanken dem Richter andeutend, in Einzelheiten des Gesetzes unterweisen. Aber der Hofrat blickte ihn nur treuherzig und ein wenig überlegen lächelnd an. Alles sei ja sonnenklar, alles sei reiflich erwogen worden. So schritt man endlich zur Abstimmung. Schmid gab seinen Mitgeschwornen, seinen Mitschuldigen, wie er später in schlaflosen Nächten zu sich sagte, ein Resumé, in dem er alles Licht, das durch die Ergebnisse dieses Tages auf die Tat gefallen, klar hervorhob. Er verschwieg auch seine Bedenken nicht und bat alle, die sich ihrer Meinung nicht ganz sicher fühlten, lieber ihr Gewissen entlastend mit »Nein« zu stimmen. Und in der Tat war die Abstimmung so schwankend, wie vorher die auf und nieder schwebende Stimmung drüben im Verhandlungssaal. Noch fehlte zu den acht Stimmen, deren »Ja« für Johann Pösch den Tod bedeuten mußte, die eine, die Stimme des Obmannes, der zuletzt seinen Willen kundzugeben hatte. Schmid überlegte noch einmal. Es war eine jener schicksalsbangen Sekunden, in denen die Wahrheiten gefunden werden oder die Verbrechen geschehen. In diesem Augenblick ward es ihm, wie von einer inneren Erleuchtung aus, noch einmal klar, daß dieser Mann der Mörder sei. Der Mord selbst stand mit allen Zufälligkeiten, die sich damit verknüpften, im hellen Licht vor ihm. Er blickte zum Bild des 238 Kaisers hinüber, richtete sich hoch auf, sagte und schrieb es nieder: »Ja.« Aber kaum standen die Buchstaben, so fühlte er wieder diesen entsetzlichen Blick; er sank, in sich hinein stöhnend, auf seinem Stuhl zusammen.

Die Geschwornen betraten wieder den Saal, der von elektrischen Lampen nur matt beleuchtet war. Ihr geheimnisvoll gedämpfter Glanz floß mit den Schatten des Hintergrundes zusammen. Der Saal war schwül, bebend im zurückgehaltenen Atem der Erregung. Schmid las den Schuldspruch, seine Stimme verlor sich murmelnd. Pösch wurde hineingeführt. Er war bleich und keuchte. Der Mund war aufgequollen, das Haar klebte an den Schläfen. Und wieder klammerte er sich jetzt mit dem feigen Blick eines geprügelten Hundes an die Mienen Schmids, die sich ihm zu entziehen suchten. Der junge Schriftführer verlas mit großer Geste den Wahrspruch. Da sprang Pösch, ehe der Justizsoldat es zu hindern vermochte, zur Geschwornenbank, beugte sich über die Brüstung und zischte dem Obmann zu: »Ich bin unschuldig, Sie werden keine Ruhe finden vor mir. Sie haben mich, Sie selbst haben einen Menschen gemordet . . .« Er drohte mit den Fäusten und schlug so heftig um sich, daß der Justizsoldat ihn mit Gewalt an seinem Sitze festhalten mußte.

Johann Pösch wurde zum Tod verurteilt. Die Geschwornen und die Richter gingen mit dem 239 sicheren Gefühl eines gerechten Spruches zur Ruhe. Aber Schmid schwankte noch viele Stunden durch die winterlichen Gassen. Als er an dem Krankenhaus, dem Schwurgericht gegenüber, zum zehntenmal vorübergehastet war, kam ihm der Gedanke, um wie viel lieber er hier läge, als mit diesem kranken Gewissen so durch die Straßen zu irren. Als er endlich heimgekommen war, dämmerte bereits ein grauer Tag ferneher; rot stieg die Sonne wie ein blutiges Symbol. »Wenn dieser Mensch wirklich unschuldig wäre,« stöhnte Schmid, da er die Treppen hinaufstieg, noch immer vor sich hin, »wenn ich wirklich einen Mord zu verantworten hätte. Dieser Blick – niemals werde ich darüber hinwegkommen.« Und er ließ noch einmal alle Wandlungen dieses unseligen Tages an sich vorüberziehen, bis er in einen Schlaf sank, den verworrene Bilder trübten.

Bald darauf erhob sich Schmid. Er begab sich sogleich, wie es seine Pflicht gebot, in das Gerichtsgebäude. Er suchte den Hofrat auf und bat ihn, sein Fernbleiben von der heutigen Sitzung zu entschuldigen. Er ließ dabei seine Zweifel über die Entscheidung von gestern durchschimmern. Der Hofrat klopfte ihm jovial auf die Schulter und suchte durch ein lustig-scharfes Wort alle Bedenken Schmids aus seiner alten Erfahrung zu zerstreuen. Dieser eilte dann zum Verteidiger des Johann Pösch und bat ihn inständig, 240 mit der äußersten Sorgfalt die gebotenen Rechtsmittel zu prüfen und auszuarbeiten. In der Mittagspause ging er wieder von seinem Bureau in das Graue Haus, das ihn mit seiner ernsthaften Front bedrückte. Er ließ sich die Akten vorlegen, studierte noch einmal das ganze Geschehen, nach neuen Anhaltspunkten seines Zweifels forschend.

Das höchste angerufene Gericht urteilte nicht anders. Auch die Gnade des Kaisers ward für diese tückische Tat vergebens angerufen. An einem klaren Sommermorgen, voll Sonne und Vogelzwitschern, ward Johann Pösch im finstern Gefängnishof gehenkt. In dieser Stunde irrte der Geschworne, von verzweifelten Vorstellungen gepeinigt, durch die Gassen um den Gerichtsbau. – –

Von dieser Stunde war jede Lebensfreude in ihm erstickt. Seine kleinen Gewohnheiten, seine Liebhabereien waren ihm fremd und wertlos geworden. Er sprach in seinem Amt und daheim nur das Notdürftigste, und las bis spät in die Nacht, in sein Zimmer eingeschlossen, die schwierigsten Werke aus dem Grenzgebiete zwischen den philosophischen und medizinischen Wissenschaften, sogar solche der halbmystischen Art. Die menschlichen Verirrungen und ihre Sühne bildeten immer wieder den ängstlichen Gegenstand seiner Grübeleien. In dieses 241 selbstquälerische Treiben gab er niemandem Einblick, auch nicht seiner Frau, die immer mehr zu vergrämen und sich von ihm abzuwenden schien. Nur zuweilen suchte er den Stammtisch auf und brachte das Gespräch sehr vorsichtig in die Richtung seiner sorgsam gehüteten Meditationen. Er sprach dann ganz beiläufig von Justizirrtümern und Justizmorden, und er fragte einmal den gemütlichen Oberlandesgerichtsrat, ob die letzten Worte eines notpeinlich Gerichteten nicht doch die Wahrheit enthüllten. Der alte, freundliche Herr machte ein ernsthaftes Gesicht, und Schmid erschrak darüber tief. Denn nach der Hinrichtung des Johann Pösch hatte sich Schmid den Einlaß in den Gefängnishof zu verschaffen gewußt; und er hatte von dem Gefängniswärter, der keine solche Schaustellung versäumte und der ihm schmunzelnd den Pfahl zeigte, an dem der Mörder gehangen, dessen letztes Wort erforscht. »Er hat um sich geschlagen und gebrüllt wie ein Tier, nicht einmal den Priester hat er zu sich gelassen, immer hat er geschrien: »Ich bin unschuldig, die Geschwornen haben mich am Gewissen . . .« Dieses Wort, die überlegte, grausame Rache des Gerichteten, begann sich immer tiefer in Schmids ängstlichem Denken einzunisten. Alle frohen Erwägungen, die noch zuweilen auf blühenden Sommerwegen in ihm erwachen wollten, wurden durch dieses Wort 242 niedergedrückt. Es war wieder eine Erdrosselung, aber von weit heimtückischerer Art. Schmid wurde nicht irre in seinem Gemüt, aber er genoß auch keine heitere Stunde mehr. Immer spürte er die Augen, diese grauen, bohrenden Augen auf sich gerichtet, immer überfiel den Sorglichen die Beängstigung: Und wenn er doch wahr gesprochen hätte, und wenn ich das einmal verantworten müßte! – –

Johann Pösch war nicht unschuldig gewesen; er hat die Greisin meuchlings gemordet. Kein Richter hatte ihm das Geständnis entringen können, wohl aber der blonde, weinende Frauenkopf dort oben zwischen den »Pülchern«, der es getreu verwahrte. Ob er für diese Tat wirklich den Tod verdiente, ist der Erwägung wert; denn ihn zwang die Not, und die Klarheit seiner Entschließung war vielleicht in dem Augenblick zwischen Vorsatz und Tat getrübt. Aber für den zweiten, weit schlimmeren Mord, um dessentwillen er vor keinem irdischen Richter stand, dafür, daß er bewußt und in grausamer Überlegung in eine verirrte, redliche Seele den Zweifel senkte, der ihren Lebensfrieden ersticken sollte, hat er dreifach den Tod verdient, wenn es etwas wie Gerechtigkeit gibt.

 


 

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