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Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Tausender

Groteske

Jeden Abend ging Herr Tobias Kollinger mit seiner dürren, entfernt an die Physiognomie einer Bergziege erinnernden Amtsmiene an der gleichen Grabenauslage ernsthaft auf und nieder, immer um die nämliche Stunde, wenn die ersten elektrischen Lichter über den verlockend zur Schau gestellten englischen Hosenstoffen aufzuckten. Dieser allabendliche Spaziergang von der Peripherie der Alservorstadt, dem entferntesten und billigsten Universitätsviertel, wo er mit der Gattin und den drei Töchtern wohnte – die auch schon pedantisch ernst dreinblickten – an der Alserkirche und der Universität vorbei, durch die Schottengasse bis zum Graben und retour, gehörte zu den Obliegenheiten, die er seinem hageren und merklich verkümmerten, aber nie seine Würde vergessenden Körper schuldig zu sein glaubte. Er kannte zwar die Schopenhauer'sche Anschauung, die menschliche Maschine bedürfe an jedem Tag zumindest der zweistündigen Bewegung, nicht; er hätte sie auch gewiß verachtet, wenn sie ihm kund geworden wäre, wie er alles verachtete, was außerhalb seines Faches lag, der ernsten und klassischen Alt-Philologie; aber dennoch lüftete er sich jeden Abend eine Stunde und zwanzig Minuten aus. Diese Lüftung besorgte er fern von der Gattin, weil er die Stunde des Spazierganges zum einsamen, stillen Meditieren 192 bestimmt hatte. Er dachte dabei teils an die Schwierigkeiten, die seiner Beförderung vom Amanuensis der Bibliothek zum Skriptor ebendaselbst an höherer Stelle noch immer im Wege zu stehen schienen, teils an die letzte, noch unbezahlte Mietrechnung, teils an sein Trauerspiel »Der sterbende Agamemnon«, das er doch in männliche Reime zu bringen entschlossen war. Diesen Entschluß hatte er soeben vor den so wunderbaren englischen Stoffen gefaßt, die er völlig stumpf, ohne den selbstverständlichen Blick der Begehrlichkeit mit seinen grünlich trüben, bebrillten Augen betrachtete, als sich eine joviale Hand auf seine von dem vielen Hocken über Büchern, nur immer über Büchern gekrümmten Schultern legte: »Ja, ich überleg' mir's schon die ganze Zeit, bist du's wirklich, Kollinger? Du hast dich seit den zwanzig Jahren nicht einmal sehr verändert. Nur den Zylinder hast du damals noch nicht gehabt. Mensch, laß ihn doch bügeln. Wie kann man denn jetzt im Juli noch einen Zylinder tragen – nach dem Derby, und gelbe Stiefeletten dazu, und diesen unmöglichen Bratenrock. Na, laß dich von der anderen Seite visitieren«, und er drehte das erstaunte Männchen in seiner schlotternden Kümmerlichkeit mit einem festen Ruck zu sich herum. »Du bist ja förmlich durchsichtig geworden« – wie so eine ganz blasse 193 Bücherwanze, die nie ein ordentliches Futter kriegt, durch die man bequem hindurchlesen kann, dachte der andere. Doch unterdrückte er diese Bemerkung; denn ein Rest von Respekt war in ihm doch vor diesem Primus und Stolz der Klasse, der schon damals schwer wissenschaftlich belastet war und die Lebensgeschichte eines jeden Aoristes kannte, seit der Schulbubenzeit sitzen geblieben. »Und grau bist du auch schon geworden, Kollinger. Überhaupt, wenn man dich so anschaut und bedenkt . . .« sagte er laut, nicht ohne gutmütig dazwischenklingendes Mitleid und beinahe mit einer gewissen Beschämung, daß er selbst so heiter kräftig vor dem verkümmerten Altphilologen stand, in breiter, muskulöser, sichtlich durch Sport und erfrischende Lebensbalgereien gestählter, eleganter und sichrer Männlichkeit.

»Entschuldigen Sie, ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ich habe auch anderes zu denken, eben jetzt«, setzte dieser mit dem Blick der milde verzeihenden Überlegenheit hinzu, den er über fast alle Menschen hingleiten ließ.

»Ja, kennst du mich wirklich nicht mehr? . . . Den Auswurf der Menschheit, das Haupt der Rotte Korahs, das Scheusal, das sicher im Leben Schiffbruch erleiden, das auf der Galeere umkommen wird. Den letzten bei der Matura! Den Abschreiber und Schwindelmeier! Den 194 Knallerbsenschleuderer aus der hintersten Bank! Den ewigen Schulstürzer, der lieber in das alte Donaubett rudern gegangen ist und der schon in der Sexta einen feschen, außerehelichen Buben gehabt hat. Den leichtsinnigen Strick! Den Verschwender! Na, den Franz Heger – kennst du ihn wirklich nicht mehr, Kollinger? Oder willst du ihn am Ende gar nicht kennen? Ja, eine wissenschaftliche Karriere hab' ich wirklich nicht gemacht.« Gott sei Dank, dachte er mit einem neuerlichen Blick des Bedauerns dem Muster- und Vorzugsschüler, dem Klassengenie von einst gegenüber, dem jetzt der Mangel nur allzudeutlich aus den abgewetzten Ärmeln schaute. Und der Elegante vernahm, als er den ach so dürftigen Mustermenschen nach zwanzig Jahren plötzlich wiedersah, die bis dahin längst vergessene Abschiedsrede, die der Direktor nach der Matura der zum letzten Male gemeinschaftlich versammelten Oktava gehalten hatte, wieder ganz deutlich. »Nehmen Sie sich alle an dem Kollinger ein Beispiel! Wie hat er den Sophokles übersetzt – sogar der Landesschulinspektor war hingerissen. Er hat das Wort aus dem göttlichen Homeros: ›Immer der erste zu sein und vorzustreben den andern‹ durch alle acht Klassen bewahrheitet. Er wird es auch im Leben wie ein Palladium vor sich hertragen und immer der erste seines 195 Faches bleiben. Sie aber, Franz Heger, warne ich noch einmal. Wenn Sie Ihre Grundsätze auch in Ihrem weiteren Leben betätigen, Heger, dann werden Sie es gewiß zu nichts bringen. Wir fürchten, Heger, Sie werden unsrer Anstalt nicht viel Ehre bereiten.«

Kollinger aber dachte: Ist dieser elegante Kerl wirklich der sittlich verkommene Heger? Geld scheint er auch zu haben. Merkwürdig! Dabei sieht er nicht einmal ordinär aus. Und er sagte zögernd: »Jawohl, nun erkenne ich Sie, Herr Heger. Es scheint Ihnen ja gut zu gehen . . .« »Jetzt darf ich mich wirklich nicht beklagen. Aber ein paar Jahre, da hab' ich mich schon fest 'rumbalgen müssen . . . drüben . . . in Cincinnati.« »Sie sind in Amerika gewesen? Ich hoffe doch nicht –« und Kollinger schaute sich ängstlich um. »Nein, ich hab' in der Schulbubenzeit zwar oft das Klassenbuch, aber später nie silberne Löffel gestohlen, obwohl ich sogar eine Zeitlang – Kellner gewesen bin.« »Kellner –!« Und dem Kollegen fiel der Zwicker von der aufgestülpten Nase. »Herr Kollege haben also nicht weiterstudiert?« »Nein, allerdings nicht. Denn erstens ist mein Papa, der ein Getreidegeschäft gehabt hat, gleich nach meiner Matura in Konkurs gegangen. Zweitens ist die Fifi vom Ronacher – Arkadia hat sich das Biest genannt 196 – in das Olympion nach Cincinnati engagiert worden, da bin ich halt mit. Drittens hab' ich keine Lust, dir da auf der Straße meine Biographie zu erzählen. Komm also viertens auf einen Sherry mit mir dort in die Elisabeth-Bar.«

»Pardon, Herr Heger, ich trinke keine geistigen Getränke.«

»Das hätt' ich mir denken können. Sechstens sag' mir nicht mehr Sie! Oder hältst du mich wirklich noch immer für ein so verkommenes Subjekt, weil ich in der Lausbubenzeit so oft von dir abgeschrieben habe? – lang, lang ist's her – leider. Ich fühle mich dir gegenüber sogar noch immer zu einem gewissen Dank verpflichtet. Gehen wir also in den Graben-Kiosk da hinüber.« Einen Kaffee wird er sich doch noch spendieren können, erwog der Elegante. Ich darf ihn doch nicht freihalten. »Man sieht hier die Leute so nett vorbeisteigen«, äußerte er sich laut. »Es ist noch immer verteufelt fesch bei euch. Kein Mensch hat je was zu tun.«

»Ich schon. Ich führe ein sehr tätiges Leben.« Kollinger zauderte einen Augenblick, ob er mitkommen solle. Dann fand er, daß er sich die kleine Extraausgabe doch wohl erlauben dürfe, weil er heute für seine neue, sittlich gereinigte Schulausgabe des Ovid vom 197 Verleger einen kleinen Vorschuß erhalten hatte. Er benötigte ihn zwar dringend . . . Johanna brauchte ein neues Korsett und Klein-Sieglinde einen Geradehalter und Klein-Rosamunde einen Badeschwamm, aber trotzdem . . . Er hätte sich vor dem früheren Kollegen geniert, nein zu sagen; er setzte sich also mit ihm in den Kiosk. »Sherrybrandy«, bestellte der Amerikaner, und lüftete seinen weißen Strohhut, um eine Dame, ganz in Crep und Rosa, zu grüßen, die eben den Fiaker gegenüber bestieg. »Bitte, Kellner, mir ein Glas Milch. Ich finde Kaffee zu aufregend. Ich trinke auch im Amt immer Milch . . .«

»Du bist wohl Lehrer geworden, oder sowas, Kollinger . . .« sagte der Amerikaner, indem er die karrierten Gummimanschetten seines vis-à-vis betrachtete. Und ein Ton von Bedauern und heimlicher Hochachtung vor dieser anderen Sphäre seines Kollegen, deren eigentliches Wesen ihm durchaus unklar blieb, klang auch durch diese Frage des Busineß-man.

»Nein, Heger, ich bin rein wissenschaftlich tätig. Ich arbeite in unsrer ersten Bibliothek. Besuch' mich einmal. Man geht durch den großen Lesesaal, die eiserne Stiege hinauf, dann noch eine Stiege und noch eine und im zweiten Stock ist mein Zimmer.« Er sagte das alles mit dem unbewußten Wunsch, dem 198 Schulkameraden, der es ja erstaunlich weit gebracht zu haben schien, irgendwie zu imponieren.

»Na, und wie ist es dir denn sonst gegangen?« »Da ist wirklich nicht viel zu erzählen. Vor fünfzehn Jahren habe ich mein liebes Weib heimgeführt, gleich nachdem ich sub auspiciis – unter den Insignien des Kaisers«, fügte er belehrend hinzu – »promoviert worden bin. Meine Johanna, die Tochter unseres Logik-Professors, mit der ich schon in der Oktava verlobt war.

Mein Weib hat mir drei liebe Töchter beschert. Mein Festspiel ›Heil Habsburg‹ ist bei einer Schulfeier aufgeführt worden. Auch habe ich eine ehrende Erwähnung von der Akademie bekommen für meine Abhandlung: ›Die Lebenskunst bei Horaz‹.«

»Das ist alles? Dann hast du ja eigentlich nie gelebt, Kollinger.«

»O bitte, bitte. Und was hast denn du eigentlich alles durchgemacht da drüben?«

»Alles! Ich war Aufwärter in einem Hotel. Dann war ich in einer Menagerie bedienstet. Dann hab' ich eine Zeitung herausgegeben. Dann war ich Fremdenführer. Deutschlehrer bin ich auch gewesen – pfui Teufel! Dann hab' ich eine Erfindung gemacht, wie man Stahl billig zusammenschweißt. Dann bin ich Luftschiffer geworden, habe den großen Flug 199 New-York–Boston gewonnen, habe selbst Fahrzeuge fabriziert, bin dreimal fallit geworden, und jetzt, jetzt hab' ich die erste Million. Und nun bin ich hier in Wien, um meinen Buben, den außerehelichen von damals aus der Sexta, abzuholen – damit er mir nicht am Ende auch altklassischer Philologe wird.«

»Millionär!« und Heger starrte ihn wie ein fremdes Wundertier an. »Na, du bist wohl noch ein bißchen entfernt von der Million?« »Allerdings.«

»Es geht dir wohl nicht sehr berühmt, Kollege. Na, unter uns, hast wohl Sorgen? Werden halt schlecht bezahlt, die gelehrten Geschichten?«

»Ich kann nicht leugnen.«

»Tust mir eigentlich leid, obwohl du mich immer schrecklich verachtet hast. Aber am meisten leid tust du mir doch, daß du gar nie wirklich gelebt hast, Kollinger, nicht eine Stunde. Nie hast du es erfahren, wie wunderbar das ist, sich so vom Augenblick treiben zu lassen, seine Kraft aufschäumen zu fühlen, sich selbst zu verschwenden, ja zu verschwenden. Wer nie verschwendet hat, hat nicht gelebt. Du hast wohl nie verschwendet, Kollinger?«

»Dazu hat es wohl nicht gereicht.« Und sein faltiges, pergamentenes Gesicht bekam einen fast versteinerten und schwer bekümmerten Ausdruck, der dem andern naheging.

200 »Jetzt ist es wohl dafür zu spät. Schade! Kellner zahlen!« Und er zog die Brieftasche aus grünem Eidechsenleder und hielt in der Hand nachdenklich einen Tausender, auf den Kollinger mit einer gewissen verschämten Begehrlichkeit blickte.

»Da hätt' ich eine Idee . . . Wenn du nicht beleidigt wärst, aber dazu wäre ja keine Veranlassung . . . Hör' zu, alter Kriegsgenosse . . . Ich hätte Lust, dich zu meiner Theorie, der einzigen, die ich noch habe, zu bekehren, ich, der Verbummelte, den Vorzugsschüler. Meine Theorie aber ist nur: Das Leben ist nichts als ein paar im Rausch verbrachte Stunden. Ich möchte dein Gesicht sehen, das jetzt so schrecklich ernst und – du verzeihst schon – langweilig ausschaut . . . morgen möcht' ich es sehen, wenn du die Stunden bis dahin wirklich so in einem Rausch verlebt hast. Da geb' ich dir diesen Tausender.« Kollingers Augen leuchteten. »Nein, nicht so, um deiner Erstgeborenen Strümpfe zu kaufen, oder deiner Gnädigen eine Unterjacke, oder dir selbst ein Jägerhemd! Nein, unter keiner Bedingung, dazu hab' ich mein Geld nicht. Du sollst diesen Tausender, wie sagt man hier noch immer – verputzen. Bis morgen darf kein Heller mehr da von übrig sein. Und morgen um zehn kommst du zu mir ins Hotel – ›Bristol‹ – und erstattest mir 201 genauen Rapport, was du erlebt und wie du den Tausender verjuxt hast.«

Und ehe sich Tobias noch recht besinnen konnte, hatte Heger ein Fünfkronenstück für seinen Sherry auf das Tischchen geworfen, war in ein Auto gesprungen und lachend, noch einmal mit dem Hute winkend, davongesaust; der Philologe saß ungläubig erstaunt da, mit dem Tausender in der zitternden Hand.

Was sollte er nun beginnen? Seinem Kameraden von einst nachstürzen, ihm das Geld zurückgeben? Er hatte ihn in den Jugendtagen einst so unsäglich gering geachtet. Jetzt hatte er für ihn ein merkwürdiges Gefühl aus überlegenem Dünkel, widerwärtiger Anerkennung, neidvoller Dankbarkeit, menschlich allzu menschlich gemischt. Er sprang also zunächst auf, um wenigstens vor sich selbst – der groß- und frohmütige Amerikaner war schon längst auf und davon – die Absicht zu markieren, sich Geld nicht schenken zu lassen. Aber zunächst rückte Tobias das kostbare Papier näher vor die starren, gleichsam gestielten Augen mit den entzündeten Rändern.

Er befühlte es gewissermaßen mit den Blicken. Wie reizend war der Frauenkopf, wie entzückend der Schnörkel der Unterschrift. Wie einfach und doch sinnreich der Text: Die österreichisch-ungarische Bank zahlt gegen diese 202 Banknote sofort auf Verlangen tausend Kronen. . . . Eine solche Summe hatte Tobias bei seinem spärlichen Monatsadjutum wirklich noch nie in der Hand gehalten. Wie viele Möglichkeiten des Glücks barg dieses Papier, das er, ohne es selbst zu wissen, zärtlich streichelte. Für immer konnte er diesem brutalen Fleischhauer die Tür weisen und diesem frechen Schuster.

Den Agamemnon konnte er endlich reinschreiben lassen, und er würde sich einen neuen Zylinder kaufen, nein, einen Panama, wie ihn der Heger trug. Er würde überhaupt so werden wie der Heger, nur äußerlich, wohlverstanden. War er nicht eigentlich auch ein »fescher Kerl«, nur vom Leben unterdrückt? Hatte er nicht unlängst im Verein zur Erhaltung klassischer Altertümer griechische Schnadahüpfel zur Laute gesungen? Nun also! Und plötzlich summte er: »Im schwarzen Walfisch zu Askalon . . .«, »Wo ist der lederne Herr Papa . . .«, bestellte einen Briefbogen und schrieb seiner Gattin, er komme heute sehr spät nach Hause, der Verleger halte ihn fest – man kann ja noch gar nicht wissen, wer dieser Verleger sein wird, ha, ha. Er mietete für seinen Brief einen Dienstmann, erkletterte einen Omnibus und stand vor dem Eingang des »Englischen Gartens« im Prater.

203 Diesen Lust- und Vergnügungsort hatte er heute zum Tummelplatz seiner seltsam erregten Gefühle bestimmt. Hier im Prater ist es auch heute Sonntag, hier dreht sich immer am Herde der Spieß. Kollinger, hier wird gedraht – es fiel ihm übrigens ein, ob dieses Wort »drahn« nicht vielleicht doch einen keltischen Ursprung habe? Ja, keltisch oder nicht, heute ist er ein Hauptdrahrer, der Tobias. Er hat ja einen Tausender zum Verjuxen, jawohl, einen blanken, ach so blanken, lieben, blauen Tausender – das muß man ihm ja anmerken. Soll er ihn gleich an der Kasse wechseln? Nein, um Gottes willen nicht. Später, viel später wird er sich von dem Tausender trennen, und er seufzt schon jetzt bei diesem Gedanken. Einstweilen borgt er sich sein Entrée selbst aus dem bescheidenen Verlegervorschuß in der gestrickten Geldbörse und hält die Hand an der linken Brustseite fest, wo das plötzlich wieder jung pochende Herz und der Tausender ihm heute noch so viel Unruhe bereiten sollen.

Schon steht er vor dem Liliputanerpalast. Ein ganz kleiner Herr mit einem roten Fräcklein, einen Kopf wie eine Gurke und einem Zylinder darauf, viel eleganter wie der des Herrn Kollinger, fährt eine ganz kleine Dame im Reifrock und mit Schönheitspflästerchen im Ponnywägelchen auf und nieder. Ein ganz 204 winziger Diener schwenkt den Zylinder und lädt den »Herrn Baron« auf das artigste ein. Aber Kollinger denkt sich nur: Seh' ich drinnen etwas anderes als diese Zwerge, die ich übrigens aus Gullivers Reisen kenne, »Baron« hat er mich auch genannt. Mehr Vergnügen kann mir die ganze Sache, wenn ich hineingehe, auch nicht machen. Darum sollte ich den Tausender wechseln? Lächerlich! Und er promenierte in die Avenue hinein, wo sich heute, von Lichtern umtänzelt, Farbe und Frohsinn tummelten. Man feierte ein Fest der Chrysanthemen, und von überall her, von den Staketen zur Seite, von den Schnüren zwischen den elektrischen Lampen, wehten bizarre Blüten wie Märchenvögel mit phantastischem Schnabel. Sie wehten weiß, rosig und gelb im Haar der Frauen und in den Knopflöchern der Lebeherren; sie wehten von den Zelten herüber, in denen mondaine Paare beim Champagner saßen, sie wehten selbst Herrn Tobias Kollinger um die unsicher suchenden Augen. Und auf einmal flog ihm, von rückwärts in den Nacken geschleudert, eine ganze Ladung von Koriandolis entgegen, buntstäubenden Papierschnitzelchen. Sein Zylinder geriet ins Wanken, doch sprang Tobias, der sich mit einem raschen Blick von der Wohlfeilheit des Angriffs- und Verteidigungsmittels bei diesen Schlachten überzeugt hatte, beherzt nach 205 vorwärts, erstand ein Paket und bombardierte die liebevoll tückische Angreiferin, die schon durch die Kühnheit ihrer japanisch-europäischen Gewandung und ihres Hutes bekundete, daß die Vorsehung sie zum Trost angehender sommerlicher »Strohwitwer« bestimmt hatte. »Fräulein wollen sich wohl auch amüsieren?« begann Tobias mit einem merkwürdig verlegenen Kratzen der gelben Stiefeletten, die im Papier des Bodens zu versinken begannen, und einem Schlenkern des Zylinders die weltmännische Unterhaltung. »Gestatten Sie, meine Dame, daß ich mich anschließe . . .« »Gern, gern«, und eine Unterhaltung spann sich an, in deren Verlauf die wißbegierige Fremde erfuhr, daß der Herr, der wirklich nicht wie ein Kavalier aussah – aber oft irrt man sich, man kann nie wissen – – heute irgendeine geheimnisvolle Mission im englischen Garten habe. Sie dirigierte ihn zunächst zum Teich, über den Kähne mit chrysanthemengeschmückten Frauen dahinglitten. Tobias mietete einen Kahn, und es lockte ihn, der Begleiterin zu zeigen, wer er eigentlich ist. Er zog an der Kasse seine Brieftasche und schnellte den Tausender hervor, um ihn sogleich wieder ängstlich zu versorgen. Aber die ältliche Japanerin aus Lerchenfeld hatte die Banknote gesehen und ihr Interesse für den sonderbarlichen Kauz wuchs in 206 das Ungemessene. Es gab – das wußte sie aus vieljähriger Erfahrung sehr genau – für die zähe Ängstlichkeit, mit der dieser fragwürdige Kavalier seine Brieftasche festhielt, nur zwei Erklärungen: Entweder war dieser ramponierte Herr ein am Ende gar millionenschwerer Sonderling, der nichts spendieren wollte – dann schien es Ehrensache, ihm möglichst viel abzuluchsen; oder er war – das wahrscheinlichste – ein Defraudant. Dann war er leicht zu »wurzen«. Denn so einer sucht sich, wenn er das Geld endlich in der Tasche hat, in der ersten Nacht in sinnloser Verschwendung zu entschädigen für alles, was ihm seine Bestimmung bis dahin versagt hat.

»Jetzt geh' ma halt in den Römersaal, Herr Baron –« Und diese neuerliche Anrede steigerte abermals das Selbstgefühl des Mannes von Welt. »Römersaal« . . . Er dachte an Bacchanalien, an die preisgekrönte Lebenskunst des Horaz und hätte beinahe nachgegeben. Denn obzwar Tobias seiner spitzigen, von den Sorgen ausgesogenen Johanna die Mannestreue hielt – er war im Prinzip einem kleinen amourösen Scherz, wenn sich eine Studentin doch einmal in sein Bureau verirrte, niemals abgeneigt gewesen. Allein, da er wiederum diese verdächtig gut angezogenen Menschen und die trinkgeldgierigen Kellnerblicke sah, wurde er 207 von neuem argwöhnisch und inquirierte seine überlegen lächelnde Begleiterin – indem er die rechte Brusttasche noch inniger umklammerte –, ob hier nicht etwa ein Entrée zu zahlen wäre. Dieser erneuerte Griff erregte wiederum die ökonomischen Phantasien der Pseudo-Japanerin. Sie wollte ihn jetzt in das Pêle-mêle schleppen, weil sich daselbst soeben ein magyarischer Primgeiger produziere und der Tokayer nur so fließe. Tobias erwiderte, durch diese Bemerkung beinahe erbost, daß er weder für Primgeiger noch für Tokayer irgendein Interesse besitze.« »Aber doch gewiß für griechische Tänzerinnen. Im Moulin-rouge ist heute Premiere, eine Nackttänzerin, Miß Chrysothemis!« »Griechische Tänzerinnen, ganz nackt – das wär' schon was. Man könnte vielleicht eine Abhandlung in das Jahrbuch für vergleichende . . .« Doch eh er noch zu einem festen Entschluß gediehen war, saß er schon in einer kleinen, entzückenden Loge, vor sich einen Kübel voller Eisstücke, und ein ganzer Regen von Chrysanthemen platzte von überall her lustig in die Loge. Frauenköpfe wurden in der Nachbarbox sichtbar, seltsame Schleier, Hüte, Parfums, die ihn verwirrten. Eine Dame warf von der Loge gegenüber ein langes, sich violett abwickelndes, sehr schnurriges Papierband in der Richtung seines Zylinders, den sie auch 208 wirklich geschickt einfing. Aus allen Logen flogen, den Raum in bunte Quadrate und Oblongen abteilend, vielfarbige Papierstreifen. Die Musik intonierte eine schwül getragene Weise, die Tänzerin wirbelte in gründurchsichtigen Schleiern und – Tobias floh mit der verwirrt gestammelten Beteuerung, ihm sei nicht ganz wohl, aus der Loge. Er hatte nämlich – gottlob noch rechtzeitig – nebenan den Direktor der Bibliothek erspäht. Wenn der Direktor in seinen strohwitwerlichen Freuden den Amanuensis hier gesehen hätte, in diesem Sündenpfuhl, dann war jede Hoffnung auf die warme direktoriale Befürwortung seines Gesuches um die Skriptorstelle dahin. Tobias flüchtete also an den einzig sicheren, einen dunklen Ort, jenem andern völlig verwandt, in dem der junge Heger einst zum Gaudium der Oktava so oft vor direktorialen Tücken Zuflucht gesucht und gefunden hatte. Ging er, Tobias Kollinger, in seinen reiferen Jahren wirklich die Wege dieses »Anführers der Rebellen«? Nein, das durfte nimmerdar geschehen! Vorsichtig glitt er hinaus, erspähte den Kellner und ordnete die Rechnung; sie fraß den Rest des Ovid-Vorschusses. Er stand vor dem würdevoll überlegenen Garçon, der ihn von oben herab musterte, fast wie der Klassenvorstand den Heger in der Schule, mit innerlicher Unruhe – 209 die klappernde Brieftasche in der Hand. Sollte er den Tausender jetzt zum Wechseln bringen? Dann wird man ihn wohl fragen, wie er zu einer solchen Summe gekommen ist, ihn vielleicht festhalten. Er betrachtete die Banknote wieder und wieder liebevoll. Glich sie in ihrer mattblauen Farbe nicht dem Blau des Griechenmeeres, von dem er oft geträumt hatte? Wenn er ihn jetzt wechselt, den Tausender, dann wird er vielleicht mehr ausgeben als die bisherigen, so frivol geopferten fünfzig Kronen! Dann wird er vielleicht wirklich die ganzen tausend Kronen verprassen, mit denen er dieser ganzen häuslichen Misere, die seit so vielen Monaten an ihm würgt, ein Ende machen könnte. Aber das soll er doch, das Geld verprassen! Dazu hat er ihn ja, den Tausender! Doch er kann es nicht und wird es niemals vermögen! Und wenn er immer wieder an allen Champagnerzelten, wie er es diesen Abend so oft getan, vorüberstreift, wenn er vom Trianon zum Pêle-mêle zurück und noch einmal in das Moulin-rouge und zum Trocadero pendelt, er wird sich niemals freiringen von diesen erbärmlichen Tageskümmernissen; er wird sich nie hinaufschwingen zu jenem goldenen Leichtsinn des Anakreon! Er wechselte also den Tausender nicht, sondern hielt ihn noch inniger fest, als wäre diese Banknote jetzt sein Palladium. So 210 kreuzte er wiederum durch die Avenue, in ängstlicher Hut vor einem Taschendieb, der ihm nehmen könnte, was ihm gar nicht gehören sollte. Welch ein Glück, daß er dem buhlerischen und vielleicht gar diebischen Weibe von vorhin so tapfer widerstanden; jetzt jagte sie dort schon wieder hinter einem andern, vielleicht weniger weltklugen Opfer. Doch fühlte sich Tobias trotz dieser Überlegenheit so recht innerlich elend. Ihm ward immer vereinsamter zumut, immer erbärmlicher. So fremd schien ihm dieser ganze Jubel und Übermut, so bitter fremd. Und während ihn die Musik immer heißer, immer lockender umwirbelte, Raketen über den Teich phantastisch bis zum Riesenrad hinaufsprühten, Rosen und Chrysanthemen von den aufzuckenden Sternen niederrieselten, stieg in ihm ein unendlich wehes Gefühl seiner Jämmerlichkeit und seines tiefen Verlassenseins auf. Er allein unter all diesen vergnügten Menschen hat niemand, zu dem er reden und jauchzen, mit dem er sich freuen kann; ihm allein ist der Genuß verschlossen. All die andern können verschwenden, bloß er vermag es nicht. Dieser Heger, wie der wohl heute nacht wieder das Geld hinauswerfen wird – mit leichtsinnigen Händen! Dieser »Abschaum der Menschheit«, der in der Schule immer am »Rande des Abgrundes« stand, hat dem Leben gegenüber recht 211 behalten. Er, der Vorzugsschüler, ist schmählich durchgefallen! Sein Leben war völlig entadelt, herabgedrückt von der Kleinbürgerlichkeit. Er hatte seinen idealen Jünglingsschwung verloren, im Kampf nicht um die Tausender, sondern um die Heller. Ja, im blauen Schein dieses Tausenders, den er in einem verschwiegenen Winkel des Gartens noch einmal vor sich aufleuchten ließ, ging ihm eine trübe Erkenntnis auf: alles, was er für Lebenswerte gehalten hatte, waren Lebenslügen gewesen. Wer nicht verschwenden kann, hat nie gelebt. Wie recht hat der Heger . . .

Und er rannte durch den Garten, der von immer schwüleren Freuden bebte, an den geputzten, lachenden Menschen vorüber, durch den Wurstelprater, aus dessen närrischem Tumult, Geschrei und Gekicher ihm überall, überall die gleiche Wahrheit entgegenschrillte: Verlorenes Leben! Verlorenes Leben! Und er rannte, weil die Tramway nicht mehr verkehrte und er, um etwa einen Einspänner zu bezahlen, den Tausender doch irgendwo hätte wechseln müssen, mit zermarternden Gedanken den endlosen, staubigen Weg durch die in der Julinacht glühenden Straßen bis zu dem ärmlichen Haus an der Peripherie des Gelehrtenviertels. Er zog die gelben Stiefeletten aus und schlich scheu und zaghaft, um Johanna nicht 212 zu wecken, in seine Kammer. Er zündete die Petroleumlampe an, die den öden Schreibtisch und das abgerissene Sofa beleuchtete, und hielt den Tausender, von dem er sich morgen trennen mußte, noch einmal an das flackernde Licht. Die Zeichen, Wappen, Schriftzüge und Figuren darin wuchsen, wie von einem Zauberbeschwörer gerufen, zu riesenhaften Formen, jagten und tollten durch das Zimmer und höhnten den einsam dasitzenden Mann wieder mit dem Ruf, der durch das ganze Haus hallte: »Verlorenes Leben! Verlorenes Leben!« Diese Banknote, die er zu hassen begann und die er doch leidenschaftlich festhielt, war an seinem inneren Elend schuld und an den baldigen, unerträglich bittern Sorgen. Er hatte ja den ganzen Ovid-Vorschuß durchgebracht, wie sollte da dieser entsetzliche Fleischhauer bezahlt werden? Und wie würde er vor Johanna dastehen – als ein leichtfertiger, seine Familie vergessender Mensch – er, der ja nur darum in dieser Stunde so litt, weil kein Tropfen Leichtsinn mehr in ihm pulsierte, weil er nur allzusehr an die Seinen gedacht hatte. Und eine schwere Träne rann in sein schütteres, wie abgehacktes, graublondes Bärtchen, ein Stückchen Koriandoli, das darin haftete, spiegelte sich in dieser Träne. Und die Lampe beschien jetzt rings um den Tausender, den er morgen zurückgeben 213 mußte, der ihm ein Symbol unerreichbarer Freiheit, der Macht, des ihm versagten Glanzes dieser Welt dünkte, ein Bündel neuer, dringender Mahnungen und Rechnungen, die während des Nachmittags gekommen sein mußten, die Johanna zu stummer, vorwurfsvoller Begrüßung des Nachtschwärmers auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. Da fuhr ihm plötzlich der Gedanke durch den versorgten, übermüdeten, weinschweren Kopf, sich doch nicht, wenigstens so lang er lebte, von dem blauen Wunderschein zu trennen, sondern jetzt und sofort dieser ganzen Lüge und Erbärmlichkeit seiner Existenz ein Ende zu machen. Wenigstens war ein Esser im Hause weniger. Und er setzte sich hin zu einem Abschiedsbrief an Heger. Er schrieb ihm, daß er freiwillig aus dem Dasein scheide, weil er mit dem Tausender im Sinne anakreontischer Lebensbejahung nichts anzufangen gewußt und die Sinnlosigkeit seiner ganzen Existenz bei diesem Anlaß erkannt habe. Diesen Brief verschloß er, und nun suchte er, durch das Zimmer tastend, nach der Möglichkeit, seinen Entschluß, der ihm nebelhaft vorschwebte, zu verwirklichen. Sollte er sich die Adern durchschneiden, wie ein römischer Cäsar? Er, der wie ein Helote gelebt hatte – nein, o nein! Das Einfachste und Anspruchsloseste schien ihm noch, 214 sich mit seinem Leibgurt an das Fensterkreuz zu knüpfen; so beschädigte er auch am wenigsten das zurückbleibende Mobiliar. Er löste bereits den Gurt, da fiel ihm noch eine amtliche Zuschrift ins Auge. Er war über Vorschlag des Direktors selbst in die Kommission zur Anlegung des neuen Katalogs berufen worden. Ein neuer Katalog – wer konnte, wenn er nicht mehr ist, die Schriften über die ephesischen Ausgrabungen mit der gleichen Sachkenntnis katalogisieren? Ein plötzliches Gefühl der Unentbehrlichkeit in seinem Kreis, das erwachende Selbstgefühl durchzuckt ihn wieder. Und ein Gedanke schimmert ihm von diesem verhängnisschweren blauen Schein wie ein Hoffnungslicht entgegen. Wie, wenn er dem Heger den Tausender morgen nicht zurückschicken, sondern selbst zurückbringen würde? Soll er ihn vielleicht darum bitten, ihn anbetteln? Er, Tobias Kollinger, einen Franz Heger – nein, das nimmermehr. Aber vielleicht doch . . . Heger ist ein wirklicher Kavalier, und Kavaliere sollen ja Geschenke nie wieder zurücknehmen. Wenn ihm der Heger den Tausender ließe? Sein Herz steht vor Jubel still . . . Und jetzt, da die Morgensonne herauffunkelt, weiß er bestimmt: der Heger wird den Tausender unter gar keiner Bedingung zurücknehmen. Er, der sub auspiciis-Doktor Tobias 215 Kollinger, wird sich zuerst ein bißchen sträuben. Aber er ist von der Not des Lebens so zermürbt, so würdelos geworden, daß er, Dr. Tobias Kollinger – mit Härte sagte er es sich selbst –, nicht einmal die Schande so empfinden wird, wie er wohl sollte: die Schande, ein Almosen anzunehmen von dem »Auswurf der Menschheit« – er, der in der Schule »immer der Erste war und vorstrebte den andern«. 217

 


 

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