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Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die keusche Susanne

Sie wurde die keusche Susanne genannt von all ihren zahlreichen Straßenkolleginnen in dem gemeinschaftlichen allabendlichen »Jagdrevier«, dem weiten Platz der »Freiung« und den finsteren, stillen und verschwiegenen Gäßchen hinter den »Tuchlauben«, wo die Fenster aufklirren – heimlich, ganz heimlich, damit es ja der »Wachter« nicht sieht und die Mädchen anzeigt, wo ein Kopf sich behutsam vorschiebt und eine Hand an dem Vorhang sachte zerrt, wenn unten ein Herr vorüber spaziert. Diesen Spitznamen verdankte die rothaarige Theres' ihrer äußerst reservierten, den Gepflogenheiten ihres Metiers kraß widersprechenden Art. Sie gehörte zu jenen aparteren Dirnen, die ein Dichter in schwärmerischer Ekstase Königinnen des Lebens genannt hat. Sie sprach die Herren keineswegs mit diesen durch die Nacht aus widerlich alkoholischer oder gebrochener Stimme schrillenden oder falsch zärtlichen Phrasen an; sie suchte nicht ihre »Opfer,« sondern ließ sich, wenn irgend möglich, von ihnen finden. Sie traf sogar, in gelassener Haltung, mit dem von obenhin prüfenden Blick der großen grauen Augen eine gewisse Auslese. Nein, die »keusche Susanne« ging nicht mit jedem. Wer ihr nicht gleich genehm war, den ließ sie stramm abfahren. Das war unter ihren Kolleginnen bekannt, und sogar unter den ständigen Frequentanten der »Tuchlauben« und der 168 stilleren, rückwärtigen Gäßchen. Dies waren größtenteils reduzierte Junggesellen, die schweren Schrittes aus den Spießer-Wirtshäusern und Beiseln kamen und in ihrem schon wesentlich angedämmerten Zustand den Verlockungen dieser Gasse, besonders in nebeligen und regnerischen Nächten, mit einer gewissen Regelmäßigkeit erlagen. Die rote Theres' war auch niemals unter dem Schwarm der Mädchen, die nach Mitternacht aus dem Kaffeehaus an der Ecke in lachender und kreischender Eile auffliegen, wenn sich ein Kavalier im Pelz oder auch nur im eleganteren Abendmantel zeigt; sie war nie unter denen, die lärmend über die Gasse fegen, bis sie der gefürchtete, unerbittlich gestrenge »Wachter« auseinander treibt. Natürlich mußte auch Therese das Nachtcafé, die »Börse«, wie die anderen besuchen. Aber sie saß immer allein an einem Tischchen. Niemals bettelte sie die Gäste, die ständig hinkamen, zumeist Bau- und Weinagenten und Geschäftsreisende aus oder nach Böhmen und Ungarn, auch junge Provinzliteraten, die hier billige Studien in der Großstadterkenntnis vornahmen, um die Bezahlung ihres Cognacs oder ihres Schwarzen mit zwei oder drei Kipfeln an. Und wenn ihr später, bei ihrem nächtlichen Beruf, keiner begegnete, mit dem sie sich auf ihre diskret werbende und öfter umworbene Weise zusammenfand, so heischte sie nie mit 169 jener anklammernden Zähigkeit von einem Passanten »eine Krone«, oder wenigstens »ein Sechserl für den Hausmeister«. Die Verführung halbwüchsiger Gymnasiasten, die Aufstachelung abgetakelter Greise überließ sie gleichfalls den Rivalinnen, besonders der dürren, boshaften Anna, die sie bitter haßte. All diese Künste hatte sie wirklich nicht nötig, die »keusche Susanne«. Dazu war sie viel zu hübsch und viel zu begehrt – mit ihrer festen, schlankgerundeten Gestalt, dem freien Gang, den noch immer – trotz dieser verwüstenden Lebensweise – frischen und roten, wie von Landluft gefärbten Wangen, den kräftigen, aber nicht unzierlichen Händen, den trotzig aufgeworfenen Lippen. Ehrlich und sauber wie die ganze »aufrechte Person« – so muß man sie trotz ihres trüben Gewerbes benennen, das sie ohne Sentimentalität und ohne Selbstverhöhnung wie eine herbe Lebensnotwendigkeit ertrug – war auch das Zimmer, das sie in dem weitläufigen, winkligen und schmalstiegigen Haus bewohnte, das so viele bittere und weinerliche, schmachvolle und verruchte Tragödien, so viel dunkelste Menschlichkeiten hinter seinen stickigen Mauern birgt. Man kam über eine schmutzigfeuchte, schwärzliche, immer von auf- und niedersteigenden Besuchern belebte Stiege geradewegs in eine Küche, wo die dicke, aufgeschwemmte Kupplerin von 170 unbestimmbaren Jahren vor einer großen Salatschüssel saß, wenn sie nicht im Unterrock mit stets verbundenem Kopf durch die Zimmer trampelte; dabei predigte sie den Mädchen ihre eigenen, im Stand der früheren Aktivität gewonnenen Lebenserfahrungen, belehrte die unerfahrenen Neulinge sacht und führte die ganz jungen Debütantinnen selbst zum erstenmal, sie vor jenem »Wachter« an der Ecke vor dem Kaffeehaus warnend, fürsorglich hinunter, um sie hinterrücks, wo sie es nur vermochte, auszubeuten. Die Zimmervermieterin schlief auch in dieser Küche, und wenn ein letzter nächtlicher Gast scheu in eine der Stuben huschte, mußte er an dieser schweren, schnarchenden Fleischmasse, die durch das rußige Petroleumlämpchen über dem Ständer dumpf beleuchtet ward, vorüber. Während in den übrigen Kammern noch am späten Vormittag die Mädchen in fleckigem Nachtjakett mit flatterndem Haar und der Brennscheere lachend wirr durcheinanderkreischten, herrschte in der Stube Theresens, die sich von den morgendlichen Berichten, Betrachtungen und Berechnungen stets ferne hielt, die beinahe bürgerliche Stille und Ordnung. Sie war eine Frühaufsteherin, mochte sie ihr »Dienst« auch noch so lange, fast bis zum Tag, in Anspruch nehmen; sie richtete selbst ihr Bett, nähte und flickte dann ihre Wäsche und Kleider. Ihrem Zimmer mit dem breiten, fast immer 171 offenen, gegen das Kaffeehaus um die Ecke gerichteten Fenster fehlte jener Biergeruch der Dirnenwohnungen völlig. Die Leda mit dem Schwan, die jede dieser Behausungen in einem kräftig lackierten Öldruck zeigt, war auch hier über dem mit einer sauberen Decke überzogenen Lederkanapee sichtbar; doch sah man nicht die üblichen Ansichtskarten von einem unentwegt getreuen Deutschmeister-Ferdel oder Edi, sondern an einem billigen Paravent Photographien von zuhause: die Mutter, ein alte Bäuerin aus dem Waldviertel, mit hartgefurchten Zügen, und die Schwester, eine Dienstmagd im Sonntagsbauernstaat. Neben dem Fenster hing ein umfänglicher Vogelbauer, in dem eine Taube hockte. Diese hatte sich einmal auf das Fensterbrett verflogen, und Therese hatte sie eingefangen und hier gastlich aufgenommen aus jenem gewissen dunkeln Bauerngefühl der Zusammengehörigkeit mit allem Getier. Im Winkel gegenüber stand ein Köfferchen, dessen Schlüssel stets abgezogen war. Es enthielt ein Sparkassabuch mit den nicht ganz geringfügigen Ersparnissen, welche sie bereits während ihrer kaum zweijährigen Zugehörigkeit zu »diesem Leben« gesammelt hatte. Denn Theresens ererbte Bauernvorsicht hatte sie davor bewahrt, der Ausbeutung der Kupplerinnen anheim zu fallen. Sie trug Gulden zu Gulden in zäher Beharrlichkeit zusammen, und 172 wenn die Summe einmal groß genug geworden ist, dann wird sie »dieses Leben« verlassen, ohne jemals mehr mit einem Gedanken daran erinnert zu werden; sie wird vielleicht, wie manche dieser durch die Not gezwungenen Dirnen, die sich wieder aufraffen, eine tüchtige Frau und Mutter werden. Und diese Jahre hier werden an ihrem eigentlichen, zuverlässigen und ehrlichen Wesen ohne innerlichen Schaden vorübergegangen sein. Ja, dieser feste Lebensplan, den sie mit Zähigkeit ausbaute, stand bereits vor ihrem einfachen, aber entschlossenen, ein Ziel mit jenem schwerblütigen Bauernernst, der ihr innewohnte, Schritt vor Schritt verfolgenden Sinn. Von diesen herbe verschwiegenen Wünschen, Träumen und Hoffnungen erzählte ein vielfach verschnürtes Päckchen, das sie im Grunde ihres Koffers sorgsam und insgeheim verwahrte. Sie öffnete es sehr oft an ihren freien Nachmittagen, wenn die Mädchen alle schliefen und sie sich völlig sicher wußte, las immer wieder die großen ungelenken Schriftzüge der Briefe und betrachtete die Photographie ganz unten im Koffer, in dem von ihr selbst gestickten Rahmen, sie wieder und wieder streichelnd und küssend, mit bewundernder Andacht. Wenn die dürre Anna und die Josefine im ersten Stock – eine Pariserin, sagt sie, aber sie ist doch nur eine französische Lehrerin gewesen – und die schlamperte Jüdin im ersten Stock 173 wüßten, wer das ist! Und es war auch niemand Geringer – es war wirklich der imponierende Schrecken, die ehrfurchtgebietende Macht der Straße, der Mann, der wahrlich durch Drohen und Bitten und Liebäugeln nicht zu erweichen war, der Eisenharte, der so herrisch und barsch zu befehlen und Ordnung unter den streitenden Mädchen zu schaffen wußte und sie unnachsichtig zur Anzeige und Strafe brachte, wenn sie ihr Rayon überschritten oder die Passanten belästigten, – er, vor dem sie alle davonstoben, wenn er mit herrischem Schritt, wie das Gesetz selbst, in die Gasse trat, er, der dennoch mit ihr so lieb und treuherzig gesprochen, der sie nie zurechtgewiesen oder verwarnt hatte – der Polizeimann selbst, der »fesche Leopold«, ein Sinnbild männlicher Tatkraft und Entschlossenheit, der Stärke und überquellenden Gesundheit, der an dieser Ecke postiert war, an der die Mädchen vorüberstrichen.

Heute, an diesem trüben, verhangenen Winternachmittag, ging von dem Köfferchen mit dem Paket und der Photographie für Therese ein besonderes, geheimnisvolles Leuchten aus. In dem Koffer befand sich nämlich seit einigen Tagen etwas ausnehmend Köstliches, woran sie sich gar nicht genug sattsehen konnte, das erste Geschenk Leopolds, das er ihr unter dem Haustor, als er in scheinbar gestrengem 174 Kontrollgang, mit dem Säbel heftig klirrend, durch das Gäßchen schritt, heimlich als Weihnachtsüberraschung zugesteckt hatte: ein Photographiealbum in grünem, mit Nickel ausgeschlagenem Plüsch. Und auf der ersten Seite, gleich nach dem weißatlassenen Widmungsblatt mit der Mutter Gottes, stand er selbst als Deutschmeister-Feldwebel da, mit dem buschigen Schnurrbart, die Jubiläumsmedaille auf der kühn gehobenen Brust, in selbstbewußter, für das Photographieren doppelt steifer Haltung, mit der er die Rekruten kujoniert hatte, wenn sie schief ihr Habtacht präsentierten, mit der imperatorisch hinaufgehobenen Hand eines Obersten, der den Oberleutnant zum Rapport empfängt und gegen die es keine Widerrede gibt. War das nicht ein Mann, auf den man stolz sein mußte? Zweimal war der Poldi öffentlich prämiiert worden, weil er eine Selbstmörderin aus dem Kanal bei der Ferdinandsbrücke geholt hatte und eine vom Theater, die »halt nix zum Spieln kriegt hat«; und dreimal ist er vom Tierschutzverein dekoriert worden, weil er »eine Mißhandlung vom Viech niemals nicht duldet«. Sie mußte weinen, wenn sie sich erinnerte, wie gar so schön der Poldi das gesagt hatte. Ja, das war wohl ein Schutz für ein so wehrloses Mädel, wenn es auch keiner wissen durfte . . . um Gottes willen nicht, sonst war alles aus! Sie 175 brauchte keinen »Kerl« wie die anderen zu ihrem Schutz. Ihr gehörte ja der Poldi, um den sich alle – und wie – gerissen hätten, ihr allein, die doch nur »so Eine« war, und sonst niemandem auf der Welt. Ihr hatte er Liebe und Treue geschworen, und er hatte sie im Herbst zum Prohaska auf den Fünfkreuzertanz geführt, in Zivil natürlich, und sie als hanakische Amme. Seitdem ist er freilich nicht mehr mit ihr ausgewesen. Wie wahr sie da ausgesehen hatte, ha, ha! Wie ist damals die dicke Köchin von der Frau Hofrätin auf Nr. 17 in der »noblichen Gasse« zersprungen, wie sie ihn mit ihr auf dem Stellwag'n g'sehn hat; die hat nur so g'schaut, nun ja, weil er sich gar nichts aus der macht. Aber erreicht hatte der Poldi dann doch nichts bei ihr, der Theres', obwohl sie so auf ihn flog. Nein, der sollte nicht haben, was er von ihr wollte und immer wieder erbettelte . . . so oft, und durch Drohungen sogar erzwingen wollte – wie sie darüber lachte –, nein, der nicht, gerade der Poldi nicht! Die anderen, zu denen sie auch »schöner Herr« sagen mußte, die sollten nur zahlen, damit sie einmal den Poldi bekommen kann, ganz und gar, wie er ihr lachend versprochen hat, und für immer! Bei den anderen . . . da denkt sie doch nur an den Poldi. Ja, einmal, wenn er gar nicht daran denkt, 176 dann wird sie ihm sagen: »Jetzt g'hör' i dir.« O, wie schön wird das sein! Da wird erst der Poldi sehn, was sie ihm aufgehoben hat, ihm allein auf der Welt, ihr »ganzes G'müat«. So gern hat sie ja den Poldi! Auf einmal wird es ihr einfallen, daß er zu ihr kommen muß, wenn keiner sonst zuhause ist, auch nicht die Madame, und wenn sie so recht wild erst die ganze Nacht zusammen getanzt haben. Auf dem Maskenball natürlich. O, das wär' erst schön! Beim Wimberger – da muß er mit ihr in das Separée, daß sie keiner sieht, wie eine von den »Soliden« – und dann – dann – – z'haus! . . . Und so freundlich müßt' er sie anschaun und im Einspänner, jawohl im Einspänner, so lieb bei der Hand nehmen . . . Ja, die Kathi, die ihr immer ausweicht, wenn sie das Bier holt, was hätt' sie darum gegeben, vielleicht ihr Nachtmahlgeld für einen Monat, wenn der Poldi sie nur einmal so freundlich anschaun möcht', aber der macht sich so viel aus der Kathi, obwohl sie auch ihr Erspartes hat und von der Hofrätin sogar eine Aussteuer bekommt. So eine Sehnsucht hat die Theres' auf einmal, den Poldi zu sehn und zu fragen, wann er mit ihr zum Wimberger gehen wird. Wieviel Uhr ist es denn? Dreiviertel auf Sieben. Jetzt patroulliert er zum erstenmal. Da wird sie ihn treffen, und jetzt geht auch die 177 Kathi um das Bier. Die Kathi soll sehen, wie er mit ihr redet . . .

Sie nahm ein Umhängetuch, ließ das Tascherl und den Rosafederhut, ihre »Kriegsausrüstung«, auf dem Kanapee, – nur fort, die schmutzige Stiege hinab. »Is ja heut no viel zu früh,« rief ihr die Wirtin schwerfällig nach, »is ja noch z'hell! Is ja noch ka Mensch auf der Gassen.« Aber draußen war die Theres' und schon auf der Straße. Im Haustor – es war ein Durchhaus – stand breitbeinig der Schneidergeselle. Er hatte schon Feierabend gemacht, rauchte seine Virginia, spazierte herum und beobachtete, was sich in dem Gäßchen ereignen mochte. »Na, keusche Susann', möch'st mi heut selig mach'n«, höhnte und bat er zugleich; denn der Schneidergeselle »flog« wiederum sehr auf die Theres', aber sie wollte von ihm nichts wissen, weil ihr der Mensch mit dem blassen, aufgedunsenen Gesicht und den höchst verräterischen Flecken um den Mund und auf den Wangen sehr gefährlich und verdächtig vorkam und ihr vor ihm »grauste«. Er gehörte zu denen, die sie für immer abgewiesen hatte, und jetzt erst recht, wie sie zum Poldi wollte.

»Laß mi aus«, schrie sie. »Willst zu dein Poldi?« feixte er sie an, »der steht unterm Tor mit der Kathi, renn nur hin, jetzt gibt er ihr a Bussl, bravo, bravo!« und er applaudierte. 178 »Dös kann ja net wahr sein« – und schon war sie um die Ecke in der abendlich belebten, von elektrischen Lampen erhellten Gasse in dem Hausflur von Nr. 17.

Da stand richtig der Poldi, und ein draller Schatten huschte die Stiege hinauf.

»Poldi!« sagte sie ganz leise. »Stad sein!« herrschte sie der Polizist an. »Net da . . . vor die Leut' . . .« fügte er gnädiger hinzu.

»Du hast mit der Kathi g'redt«, sagte sie ängstlich und vorwurfsvoll.

»Aber is ja net wahr, i steh' da und paß auf, der Wasserer is mit an Fiaker rafert word'n. Den derwisch i schon no, der will mi beleidigen.«

»Schwör' mer, daß d' net mit der Kathi gehst!«

»Geh Tschapperl . . . Woaßt Susanna –« sie fuhr zusammen, als sie zum erstenmal von ihm ihren Spott- und Ehrennamen hörte – »no halt Theres', wann kunnt i denn amal zu dir aufikummen, wann mi kaner siecht.«

»Net Poldi, net a so . . . komm heut nach elfe ins Tschecherl hinter der Freiung auf an Plausch.«

»No ja,« sagte er mit breiter Würde, »wann mi kaner siecht. I muß scho was halt'n auf eine Reputation, i bin a Biamter!«

Nach elf trafen sie sich in dem Café, das 179 sonst nur von Land- und Marktweibern besucht war, die hier bis zum Beginn des Marktes frühmorgens auf ihren schweren Körben schliefen. Als Kind war sie oft hierher mit der Mutter zum Markt gefahren.

»Was i di scho immer hab frag'n woll'n?« forschte er im Verlaufe der ziemlich einsilbigen Unterhaltung mit überlegener und amtswichtiger Miene. »Wie bist denn grad du zu dem Leb'n 'kommen? Hättst denn dein Brot net verdienen können ehrlicherweis? Wär' halt do was anders!« seufzte er plötzlich mit ehrlichem Bedauern. »I könnt' mer scho denken, daß du auf an Bauernhof umanandersteign könnt'st mit'n Rechen und der Heugabel, mit so aner Kraft wist d'hast. Die Küh melken und das Vieh futtern, aber net im Currentgaßl die Männer fangen!«

»Na frag net so, Poldi! Wie halt so an arms Madel zu dem Leben kommt. Der Vater is g'storbn, wie i no klanwunzig war, mir san Kloanbauern, da leid' der Hof net so viel Kinder, wann ka Voter do is. Da hat die Frau Göd der Muatter zug'redt und mi nach Wien bracht, wie i zehn Jahr war. Nacher bin i in Dienst ganga, mei guate Frau is g'storbn, da bin i ohne Postn g'wesen. Z'haus hab i net könna, weil mir kaner a Geld gebn hat zum Z'hausfahrn. Hunger hab i g'habt, zug'redt 180 habns' mir a, so bin i halt zu dem Lebn gangen, zwei Jahr bin i dabei, aber i bleib net dabei!! Erspart hab' i mir a was . . . zweihundert Gulden!«

»So so . . .« und er schien ein wenig enttäuscht.

»Wenn du's nur ehrlich moanst, Poldi, du kannst di ja versetzen lassen, wenn du di wegen meiner schamst, aber wannst es nur ehrlich moanst.«

»Dös waßt ja eh . . . so laß mi do amal auffi zu dir.«

»Na, na, no net, Poldi, du mußt mir a so treu bleibn, das verlang' i von dir! Schwör, daß d' mir treu bist, daß d' nix mit der Kathi hast,« schrie sie ihm leidenschaftlich entgegen, »schau, i will, daß a Mann, den i gern hab', mir a schön tuat, bevor i ihm alles gib, daß er liab is mit mir, wie mit an solidn Madel, so recht liab. Führ mi wieder amal aus, Poldi, am Sonntag, du hast mir's ja versprochn. Auf'n Maskenball zum Wimberger. So schön wär' das! Du hast mir's ja versprochen!«

»Aber i kann ja net,« setzte er nicht ohne Verlegenheit hinzu, »ich hab' jetzt Dienst vurm Parlament. Wann s' Krawall machen, da braucht man so an Sabel, wie den da«, log er patzig. »Vielleicht möcht' i mi aber do frei machen, wanns d' mi vorher zu dir –«

181 »Na!« sagte sie trotzig, zahlte selbst, stand auf und ging.

In ihrem Gäßchen lief ihr sogleich die dürre, boshafte Anna entgegen. »I hab' was für di, keusche Susann', was di freun wird. Woaßt scho, der Poldi, der dich zum Prohaska g'führt hat, sagen die Madeln, aber i glaub's net – jetzt geht er mit der Kathel, no ja, Geld hat s' a . . . fünfhundert Gulden . . . und Sonntag führt er s' zum Wimberger.«

»Dös ist net wahr!« und die Therese stand da, wie von ihrem Schicksal selbst getroffen, die großen grauen Augen weit aufgerissen.

»I hab's ja selber ghört, wie sie's miteinander ausgemacht haben, frag nur den Schneider, der weiß ja immer alles.«

»Is scho richtig«, bestätigte dieser, der vor dem Haustor stand, grinsend mit einem peinlich heiseren Lachen. »Am Sonntag beim Wimberger, die Hofrätin, die will ihn protegieren, den Wachter, wenn er die Kathi heiratet, er g'fallt ihr so, der Wachter hat mir's selber g'sagt . . . und jetzt, Madam, zum Dank den Liebeslohn –«

»Was hast denn, keusche Susann, mir scheint, du bildst dir ein, der wird di solid machen, am End gor hei – ha, ha –« »Laßts mi aus! Laßts mi aus!« Und sie stürzte die Stiege hinauf an dem Hausmeister vorüber, der ihr 182 im schmutzigen Schlafrock und mit dem Kerzenstümpfchen dumm erstaunt nachblickte, weil sie ohne Begleitung heimkam und heute schon so früh Schluß machen wollte.

Sie riß die Tür so heftig auf, daß die dicke schnarchende Zimmervermieterin aus dem Schlaf auffuhr und schimpfte. Sie sperrte das Zimmer ab, riß sich die Kleider herunter und stand nun im Hemde in ihrer »trotz dem Leben« kraftstrotzenden Fülle da; sie riß aus der Schublade ein Heiligenbild, das sie seit ihrer Kommunion bewahrte und hielt Poldis Photographie vor das Licht. »So treu schaut er aus, so liab. Wann der mi anlügt, weil i so ane bin, dann is aus, da gibt's kan Ehr und ka Treu mehr auf der Welt, dann mach' ich Schluß, Maria, mit mein elendigen Leben. Dann Poldi, Gnad dir Gott!! Aber es kann ja net wahr sein, 's is gewiß net wahr –« und sie fiel schluchzend auf dem Boden hin.

Am Sonntagabend, als alle Mädchen ausgeflogen waren, und sie niemand sehen konnte, legte sie ihr Dirndelsonntagsgewand an, das sie sich selbst genäht hatte, flocht vor dem Spiegel, in den die Vornamen von Besuchern hineingekratzt waren, ihr braunes Haar mit dem goldblonden Schimmer zu zwei schweren Zöpfen, die den breiten Nacken herabfielen. Wie sie aufrecht dastand, in der farbigen Tracht, 183 mit den nackten vollen Armen, dem fliegenden Halstuch, ging ein Wehen der Kraft von ihr aus. Sie hatte etwas von der Reife und Fülle des sommerlichen Feldes, wenn die Mittagsonne darüber brütet.

Therese zog eine schwarze Maske vor, mietete an der Ecke den Fiaker, der sich immer mit dem Poldi »hakelte«, ließ vorher einen Hunderter wechseln – sie hatte ihre Spareinlage behoben – und gab als Richtung der Fahrt an: »Zum Wimberger!«

Sie trat in den weitläufigen Saal, als der Ball den Höhepunkt erklommen und die Formen eines orgiastischen Volksbacchanals angenommen hatte. Eine Atmosphäre von schweren Wein- und Zigarettendünsten. Stampfen, tolles Dröhnen, gellendes Lachen, schrille Musik, wirbelndes Durcheinander der Farben. Ein verwirrendes Getümmel von Masken in grellen Trachten – sie erkannte sogleich zwei Kolleginnen als Wäschermädeln und zwei Stubenmädeln als »spanische Kokotten« – Babys und Zigeunerinnen mit erschrecklich kurzen Kleidern, Schäferinnen und Matrosinnen; Herren in ausrangierten und in raffiniert neumodischen Fräcken, spazierende Kellner, Soldaten, Feuerwehrmänner, Touristen, Gigerln mit geblümten Gilets und Riesenkrägen, Teufel, Rauchfangkehrer und Pierrots mit spitzigen Mützen, 184 Praterausrufer und »Pülcher«, und dazwischen kleine Aristokraten mit erstaunten und ermüdeten Gesichtern. Sie alle wirbelten, die Hände an Hüften und Busen geklammert, im rasenden Cancan durcheinander, der die Röcke der schreienden, jauchzenden, tobenden Weiber hoch hinaufschnellte. Kaum hatte sie sich in dem Gewirr zurechtgefunden, sprach sie eine ihr nur zu bekannte heisere Stimme an; es war der Schneider, der alles wußte, und den sie wie ihr Unglück haßte und fürchtete.

»Schöne Maske! I kenn' di schon, keusche Susanna, i hab' mir's ja eh denkt, daß d' heut kommen wirst, willst ihn sehen mit der Kathi!« schrillte er in gebrochenem Diskant. Er zerrte sie zu einer der Logen, riß den Vorhang zurück, und sie sah – auf dem Schoß des völlig angetrunkenen Poldi die Kathi, sah, wie er sie mit schweren Küssen umpreßte und ihr den Schaumwein aus dem Kelch in den Hals goß, daß sie ihn, immer brünstiger umklammernd, heiß anlachte.

»Na, g'hörst jetzt mir, Theres', für heut abend?« grinste der Schneider.

»Ja, heut g'hör' i dir! I zahl' alles, alles soll flöten gehn, was i mir g'spart hab, komm!« Und sie zog ihn, ohne die Maske zu lüften, in die Loge gegenüber, bestellte Champagner und gab sich in jenem trunkenen Haß, der ihn als 185 Leidenschaft beseligte, seinem Ungestüm hin, dessen Gefahren sie genau ahnte, dem sie sich bisher immer versagt hatte. »Immer hab' i vor dir an Angst g'habt mit deiner heisern Stimm und die Flecken! Nit leiden hab i di können, i hab' g'wußt, du bringst mir a G'fahr, vielleicht für mein Leben. I war no nie im Spital, und du könnt'st mi eini bringen, aber jetzt sollst mi haben! Grad deswegen sollst mi haben, komm!!« Und sie ließ sich von ihm durch den gröhlenden, dampfenden Saal zum Fiaker hinunterschleppen und nach Hause fahren.

Ein paar Tage später stellte sie mit höhnischer Bitterkeit fest, daß ihre Angst und ihre Ahnung recht behalten hatte: die Umarmungen Ferdels hatten ihren Leib vergiftet; ihr Leben war für immer dahin, und sie zerriß Leopolds Photographien und sein Geschenk.

An dem gleichen Abend, da sie wußte, daß ihre Küsse nun selbst gefahr- und todbringend seien, traf sie den Poldi an seiner gewohnten Ecke. Es war eine schneidend kalte Januarnacht, die Passanten liefen mit hinaufgestellten Krägen rasch durch die Straße.

»Poldi! Brauchst di net so ängstlich umzudrahn, die Kathel sieht's ja net.« »Ah du, keusche Susanna, na, wird heut no immer nichts mit uns zwa?«

»Du woaßt, Poldi, i moan's ernst. Heut 186 könnt' i dir vielleicht alles geben, was ich für di solang aufg'hoben hab', mei ganze Liab! Aber, Poldi, i will, daß du's ehrlich moanst, schwör mir, daß du net mit der Kathel gehst, i hab' g'hört, daß du mit ihr beim Wimberger warst am Sonntag.« »Na, i hab' d'rs ja gsagt, i war vurm Parlament, möch'st vielleicht a Vitriol auf mi schütten, wann i dir net treu wär', so eine . . .« »Wie i bin. I woaß schon, Poldi, gut, daß ma's no amal sagst. Na, wegen dem Vitriol brauchst kan Angst z'haben. I könnt' dir scho no ganz andere Sacherln antun, als Vitriol . . .« »Ah so, möchst mi vielleicht anzeigen, keusche Susanne, bei der vorgesetzten Behörde, wann i zu dir geh'.« »Ah so,« und sie lachte noch greller, »na, da kannst ganz ruhig sein, so is die keusche Susanna net . . . Also heut wär' der Tag – – für uns . . . die Hochzeit, von der i immer träumt hab', aber schwörn mußt mir erst im vollen Ernst, bei deinem Leben, daß d' nicht mit der Kathel gangen bist, schwör, Poldi.« »Ah dir schwör' i's schon.« »So einer, wie i bin –. Schwör's im vollen Ernst . . . bei deinem Leben.« »No so schwör i dir's halt im vollen Ernst und bei meinem Leben«, lachte der Leopold.

»So komm, fescher Leopold,« und sie führte ihn über die schmutzige Stiege in ihr Zimmer, das wie zu einem Feste beleuchtet war.

187 »G'hörst jetzt amal mir, keusche Susann«, und der lachte wieder in breitem Selbstgefühl. Und Therese umklammerte ihn mit brünstiger, bis zur Vernichtung gieriger Zärtlichkeit. In den Küssen, mit denen sie ihn umpreßte, war alle tiefste Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach Liebe, nach Verstehen und frauenhafter Reinheit, die tief in ihr lebte, und aller Haß, aller Ekel, alle Verachtung, mit der die Welt diese Sehnsucht der Ehrlosen vergalt und welche sie so – – so wild erwiderte. Und mit jedem Kuß und jeder Umarmung glitt das Gift, das sie in sich gesogen hatte, tiefer in diesen Körper, den sie einst wie alles Starke und Gute dieser Welt so innig begehrt, dem sie so rein vertraut hatte – die keusche Susanna. 189

 


 

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