Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Wertheimer >

Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vergewaltigt

Eine Kindergeschichte

Kein Laut rings in der Klasse. Wo Flüstern sonst die Reihen durchlief und übermütige Knabenköpfe zusammenstaken, saß heute alles stumm, geduckt, unter dem Strafgericht des Professors zuckend.

Der hatte wieder seinen verdrossenen, gefürchteten Tag! Die prallen Wangen dunkel gerötet, im Bogen über den Rand des Katheders geneigt, stieß er zornige Rufe hinab. Dann begann er, die Finger befeuchtend, abermals im Katalog zu blättern . . .

»Supper!«

Supper, ein Bengel mit breiten Ohrlappen und Lippenwülsten erhob sich langsam, wobei er, rasch gefaßt, seinen Banknachbarn ein hastiges Zeichen gab.

»Nun?«

»Man unterscheidet im allgemeinen –«

Er stockte; sogleich aber sagte er die Lektion geschwind, leiernden Tones auf – als ob er diese dem Gedächtnis wörtlich eingeprägt hätte. Sein Vordermann hatte sich nämlich rasch die gewünschte Seite der Grammatik auf den Rücken geheftet; so mochte Supper den Abschnitt bequem herunterlesen.

Da stieg der Professor schwer die Kathederstufen nieder. Hurtig versuchte der gefährdete Freund unter die Bank zu verschwinden – umsonst, die bewährte List ward endlich 94 entdeckt. Nun entlud sich das lange drohend zusammengeballte Wetter in einem Geprassel heftiger, hageldicht fallender Worte; darauf wurde die Prüfung mit wutfauchender Stimme fortgesetzt.

Ein ungewiß ängstigendes Etwas lastete trüb und dumpf über dem Saal.

Breiten Schrittes durchmaß der Professor den engen Raum vor lautlosen Bänken. Nur zuweilen war Geknitter eines Blattes, das peinliche Knarren des Holzes vernehmbar. Von draußen dunkelte der Schatten einer breiten, grauen Wolke durch das Zimmer.

»Cassani!«

Erschreckt schnellte der Gerufene von seinem Platz empor, dem Prüfer gegenüber, dessen stoßweiser Atem ihn streifte. Eine biegsam schlanke Gestalt, einfach bekleidet. Sein weichwelliges Haar umschattete das Oval des olivenfarbenen, zarten Gesichtes mit den länglich schmalen Nasenflügeln, den festgeschlossenen Lippen, den braunen Augen, die jetzt groß, verlegen starrten. »Die Verba der zweiten Klasse –« Seine Stimme verlor sich bald zu wirrem Gestammel.

Beschämt sank er auf seinen Sitz zurück, im Dämmer grübelnd . . .

Wie das nur kam? Warum er wohl stets im Augenblicke der Entscheidung, gleichsam 95 gelähmt, die Ruhe verlor? . . . Er hatte doch alles zuhause genau gewußt – gestern. Er war wirklich so ein »Dummrian«, wie die Mutter immer sagte, der mit dem Leben nie fertig würde! . . . Dieser Supper! Der wußte sich immer Rat. Er allein fand trotz hingegebenen Fleißes selten Mut, seine ehrliche Kenntnis zu nützen. Immer unterlag er, immer wieder . . .

Plötzlich gellte, in sein Träumen hinein, die Schulglocke, das Zeichen der großen Pause. Eben sollte die Stunde geschlossen werden. Da flog, von einem vorbeistürmenden Knaben der Nachbarklasse geöffnet, die Tür weit auf; eilend griff der Professor, ein Feind aller umhertollenden Jugend, nach Stock und Hut und storchte hinaus, den Missetäter zu packen. Der Katalog blieb zurück.

Lebhafte Gruppen besprachen ringsum die Prüfungs-Niederlagen. Dergleichen war den Quartanern seit langem nicht begegnet . . . Doch um den Handkatalog, dieses offenbarungsreiche Buch, stieß und balgte sich ein begehrliches Rudel. Man zerrte, riß, fetzte den Schatz nach allen Seiten.

Cassani glitt, dem lärmenden Gewirr ausweichend, der Mitte seiner Bank zu, einsam, sinnend. Sogar seine Schinkensemmel gab er preis, in die Supper lachend hineinbiß.

Supper vergnügte sich eine Zeitlang, die 96 Beine steif gestreckt, ärgerlich brummelnd, den Schnee von der Fensterbrüstung hinabzufegen. Dann sprang er, mit einemmal entschlossen, wieder auf die staubende Diele, mit spitzen Ellenbogen den Schwarm zerteilend. »Wer was anzeigt, kann sich freuen – verstanden!« Und im weiten Bogen flog der steiflederne, dicke Band dem Parke zu, wo er bald versank. Aufschreiendes Johlen lohnte den Wurf. Allein die Tür ward nochmals heftig aufgestoßen. Der Professor!! Man stob auseinander; jeder zu seinem Sitz.

Der Professor spähte hastig umher. Hierauf jäh, heiser vor Zorn, gegen Cassani: »Ich hab den Katalog hier, auf Ihrer Bank gelassen. Sie sind verantwortlich. Wer hat ihn? Supper vielleicht?« Supper schien nämlich bei jedem Streich, so listig er sich herauswinden mochte, zuerst verdächtig.

In der Seele des Knaben jagten Bilder um Bilder vorbei – eine endlose Flucht. Was er jüngst, an einem Sonntagnachmittag stillbeschaulicher Einkehr, für sich als klaren Vorsatz gewonnen, stand ihm fest und deutlich vor Augen. Er stöberte damals in seines Vaters, eines sehr gelehrten Abgeordneten, Bücherei; des Epiktet »Handbüchlein der Moral« hielt ihn gefesselt. Denn seitdem sein Denken erwacht, waren in ihm – wie so oft bei 97 grüblerischen Knaben – frühreife Wünsche von »Selbstzucht«, rastlosem Ansichbilden und Sichveredeln lebendig. Jener Satz des alten Moralisten: »Hütet euch vor der Lüge, diesem Gift junger Seelen«, war seinem stolzoffenen Wesen, das sich selbst durch Moralgesetze im Zaum zu halten suchte und noch nicht den Reiz künstlerisch farbiger Lügen kannte, jüngst zum Dogma geworden. Er hatte bis zu diesem Augenblick treu an seinem Vorsatz festgehalten, als an einem sicheren Felsen im ewigen Kreisen neuer, fremder Vorstellungen, die lauter bunte, lockende Lügen waren . . . Fast wäre ihm auch jetzt die Wahrheit, ein zustimmendes »Ja«, entglitten. Doch er fühlte, wie ihn diese bebrillten Augen, all diese kalten, stierenden Blicke des lauschenden Schülerkreises bannten. Er fühlte, wie sie bohrten, forschten, jede Heimlichkeit durchwühlten . . . Ihm war, als ob diese starrende Menge sein Bestes, sein sorgsam gehütetes Glück – seinen Willen lähme . . . Er hätte in Angst und Qual aufschreien mögen – und fand kein Wort.

»Sie wollen niemanden nennen, gut. Sie haben bis zum Beginn der nächsten Stunde Bedenkzeit.« – –

Ein breiter drängender Schwarm umlagerte Alfred.

»Sag', was du tun willst!«

98 »Er soll sich selbst nennen!« rief Alfred abwehrend, zag.

»Er hat gar keine Kollegialität«, gröhlte Supper. »Glaubt, weil er ein Baron ist und mein Vater ein Hausmeister!«

»Das ist eine Gemeinheit!« schrie der Chor, Alfred mit Linealen und Fäusten bedrohend.

Mühsam bahnte sich dieser zum Ausgang den Weg. Draußen erst, auf dem stilleren Gang, gewann er die Sammlung wieder. In eine Ecke geschmiegt, sah er zur Uhr hoch oben, dicht am Gesims des gotischen Baues, deren Zeiger langsam vorrückte.

Keine »Kollegialität«?! . . . Er mußte lächeln. Was waren ihm denn diese andern, die Kollegen? Er haßte sie, ja er haßte sie geradezu – insgeheim, mit dem verborgenen Haß der Unterdrückten. Denen seinen Vorsatz opfern . . . o nein, nein! Niemals! Und er preßte die Lippen hart zusammen.

Doch stand er wieder starr, von Schauern der Sensitivität geschüttelt, indem er jetzt, gepaart oder einzeln an Säulen gelehnt, die Kameraden bemerkte.

Bim, bim. Die Stunde fing an.

Scharenweise strömten die Schüler herbei, zumeist starkknochige, stämmige Burschen.

»Hörst, nichts sagen!« Vor der Entscheidung bat und schmeichelte Supper.

99 Da schnellte dessen hagerer, vorgebeugter Körper zurück: der Direktor erschien, die Untersuchung begann.

Zuerst ein Kreuzverhör der Schüler; keiner gestand.

Nun ward Alfred allein vorgerufen.

»Man traue gerade ihm solch eine verbrecherische Tat nicht zu. Ob es gewiß kein anderer «– etwa Supper gewesen?«

Nochmals schrie es in ihm »Rede! rede!« – und nochmals drückte die atemlos horchende Menge seine entschlossene Antwort nieder. Es war nicht etwa Furcht vor Suppers Drohung « – der wagte sich gewiß nicht an ihn, den »Baron« –: ein schwerer Bann lag hart auf ihm, wie eine wuchtige Hand; die preßte ihm alle Gedanken zusammen und drückte sein Gesicht zu Boden. Zuerst quälten ihn wiederum Bilder: er sah seine Gefährten, alle, auch die hinten in den letzten Bänken, ganz nah, ganz deutlich . . . diese derben Gesichter, denen er täglich in dem engen Raum gegenüber war, deren jeden Zug er kannte.

Darauf verschwammen alle Gestalten zu einem trüben Nebel, aus dem nur die zornig aufgerissenen Augen des Professors ihm entgegenstarrten.

»Sie bezeichnen sich durch Ihr Schweigen selbst als Täter! Sie werden also die Folgen tragen. Weiteres auf morgen« . . .

100 Nach Schulschluß war nur ein Name auf aller Lippen: Cassani. Ihn feierte man begeistert auf der Straße vor dem gotischen Ausgangstor des Gymnasiums, wo das kühne Wagnis der Quarta und Alfreds Martyrium rasche Verbreitung fanden.

»Hoch! hoch! Du bist doch ein anständiger Mensch!« schrie Supper, als Alfred die Stiege herunterkam. »Weißt, du könnt'st eine ›Kokosnuß‹ zahlen!«

»Hier.« Er drückte mit widerstrebendem Lächeln Supper rasch eine Krone in die rote breite Hand mit den schmutzigen Fingernägeln und hastete dem Stadtpark zu, seinem Heimweg.

* * *

Als er die weiße, ruhige Stadtparkfläche beschritt, atmete er tiefer, leichter. Stille, wohin er sah. Nur zuweilen ein paar lärmende Raben, schwarze Punkte auf dem Schnee, der zu dichten Schwaden niederflockte, Und der Friede senkte sich wohlig über ihn . . . Alle Qualen des Wandernden betäubte dieser stete, langsam fallende Schnee . . . Ein Windstoß wirbelte den Schnee durch die Luft. Das weckte den Dahintrottenden aus seiner Betäubung. Plötzlich sah er wieder in grellem Licht diese ganze Komödie des Vormittags und seine innere 101 Schmach. Da empfand er das heiße, schämige Rot auf den Wangen – wie ein Mädchen, das roh überwältigt mit brennendem Antlitz heimschwankt. Wirre Gedanken erwachten in ihm, um gleich wieder zu versinken. Ein überstarkes Gefühl siegte endlich: Zorn, der ihm die Fäuste ballte, gegen diese »Kollegen«, die ihn also gedemütigt, vor sich selbst zum Erröten gezwungen hatten. Wenn jetzt einer käme, einer allein – dieser Supper! Hier in freier Einsamkeit brach sein Haß offen hervor, der im dumpfen Schulhaus zu einem ängstlichen Ekel erstickte.

Er ballte die Faust gegen das ferne Gebäude. »In den Schnee mit ihm! Auf ihn treten . . .!« »»Hurra!«« – –

Ein Schneeball klebte, von rückwärts geschleudert, auf seinem Nacken.

Er wandte sich um; es war einer vom benachbarten Gymnasium.

Alfred starrte eine Weile verwundert. Dann kehrte seine ganze zornige Entschlossenheit zurück; sein Groll wider die Gesamtheit, wider Supper, wider sich selbst, krampfte sich in einen gellenden Schrei zusammen. Alles Blut stieg ihm zu Kopf. Auf den Gegner zustürzend, riß er ihm mit dem Schulbücherpack Schrammen übers Gesicht. Er zerrte ihn nieder, sie wälzten sich im Schnee; er trat ihn mit den 102 Absätzen der Stiefel. Er konnte auch wie diese anderen sein! Und eine starke Freude ob der eigenen brutalen Kraft erfüllte ihn.

Da nahte dem zu Boden Geworfenen die Rettung. Ein Pfiff schrillte herüber, ein zweiter, dritter, von allen Seiten kam das Pfeifen. Die Kameraden des Unterlegenen zogen diesem zur Hilfe herbei – ein langer schwarzer, über den Schnee trabender Zug. Schneeballen und Eisstücke prallten auf Alfred. Starke Fäuste trennten die ineinander verkrallten Kämpfer. Alfred blickte erstaunt um sich. Aber schon packten ihn zehn und zwangen ihn zu Boden.

»»Nicht anrühren!««

Der Überwundene von vorhin stand wieder fest auf den Beinen.

»»Er hat mich rückwärts gepackt und niedergeworfen. Er soll mit mir ringen – mit mir allein. Keiner darf ihn anrühren!«« Sein Ansehen unter den Kameraden schien durch die Niederlage gefährdet.

Bereitwillig traten die Freunde auseinander und gaben den Raum frei.

Höhnende und zugleich anfeuernde Rufe durchschnitten die Stille; darauf allgemeines Schweigen.

Und abermals fühlte Alfred dem weiten zuhorchenden Kreis gegenüber seinen Zorn, die Lust am Kampf langsam zusammenfallen . . . 103 Da kroch es heran und verbreitete sich wieder über ihn – gewiß nicht Angst –: sondern dieser ungewisse, von den anderen kommende Zwang zur Unterwerfung . . . Seine Glieder erschlafften; eine totenhafte Ruhe senkte sich über ihn . . . Dann erwachte plötzlich wieder sein bewußtes Leben und damit zugleich ein so tiefer Abscheu vor der lärmenden Schar, daß er mit einem Satz seine Bücher vom Schnee aufhob und davonstürzte – die anderen ihm nach unter Hurra! und Geschrei. Sie hetzten ihn durch die Rondeaus mit den nackten weißen Zweigen, über den Rosenhügel, bis über die Brücke zum Kinderpark, wo der Polizeimann die Gymnasiasten zerstreute.

* * *

In einer ruhigen Straße, unweit dem Gesandtschaftsviertel, hielt Alfred vor einem prunkenden Zinshaus, im modischen Durcheinander der Stile gebaut, unter einfach stillen Palästen. Er zögerte im ersten Stock vor dem Eingang, wo auf breiter Tafel in goldener Schrift »Baron Cassani« prangte. Man saß, wie er gefürchtet, bereits beim Speisen.

Halbe Dämmerung lag über dem Zimmer. Die Schatten der mächtigen Kredenz, welche die zwei gewölbten deutschen Bierkrüge und die Fayencevasen trug, fielen über den bunten 104 Teppich und verbanden sich mit denen der Lambrequins zwischen den Fenstern. Von der Wand gegenüber glänzte die imitierte Waffengarnitur – die Mode von gestern. Die Glut im grünen breiten Kamin im Eck warf rote Lichter auf einen »Sonnenuntergang«, eine Kopie des grellen Marco'schen Bildes im Wiener Museum.

Am Tisch saßen bereits der Baron, dessen Frau und die englische Gouvernante mit Alfreds jüngeren Geschwistern. Man blies die Suppe oder löffelte und stöckerte darin. Der Baron ließ sie, in Gedanken, ruhig abkühlen; die Baronin blies ärgerlich; den ungeduldigen Kindern ward die Zunge verbrannt.

Der Baron, ein Vierziger, war von mittlerer Größe, schlank; ein schmales Gesicht mit reserviertem Blick und zwei Leidensfurchen die Mundwinkel herab. Er trug einen Daudetbart, wozu man sich einen umgelegten Kragen mit einer Künstlermasche denken mochte, nicht aber diesen hohen englischen Steifkragen mit der riesigen lichten Dandykrawatte. Eine gar nicht »korrekte« Natur, so schien es, die sich wider Willen zur Pose des Weltmannes bequemen mußte. Die Baronin, groß, vollbusig, mit markanten Zügen, einer energischen Nase und starkem Kinn, schien eigentlich Gebieter des Hauses. Seltsam widersprach die zappelnde 105 Lebendigkeit der Kinder dem scheueren Wesen Alfreds; die Geschwister waren der Mutter ähnlich.

Man hatte wohl Alfred erwartet, eben über seine Verspätung gesprochen. Heftig fuhr ihn die Mutter an, die Gouvernante eröffnete ebenfalls ihr scharfes Examen, die Kinder lärmten dazwischen.

Er stand in der Tür, überwältigt von all dem Gewirr und Lärm. Da bemerkte der Baron entschuldigend, der Junge habe gewiß länger bei seinen Arbeiten in der Schule verweilen müssen. Darauf erneutes Fragen, Bestreiten und Nörgeln der Baronin. Alfred aber gab, den Frieden wiederherzustellen, dem Vater recht; so ward er heute zum zweiten Male dem selbstgesetzten Gebot, die Lockung der Lüge zu meiden, untreu!

Nach dem Speisen wollte der Baron in seine Bibliothek, »sich für die Sitzung vorbereiten«. Indem er sich der Tür zuwandte, bemerkte die Baronin, sie habe nachmittag Besuche vor, sie bitte um seine Begleitung. »Ja, ja«, schrien die Kinder, sogar die Miß fügte ihr »Please« hinzu.

Und von immer neuen, immer schärfer pointierten Gründen bezwungen, folgte der Baron verdrossen. Alfred blieb »zur Strafe« daheim. Allein! . . . Er hastete durch alle Zimmer, 106 durch den Salon, in dem der aufdringliche Geist der Mutter herrschte, bis zu seiner Arbeitsstube, die ihm so verhaßt war, weil er sie mit den Geschwistern teilen mußte. Er hätte so gern sein eigenes, wenn auch noch so kleines Zimmer bewohnt!

Er setzte sich zu seinem Arbeitstisch vor das Fenster und nahm, das Dahinträumen abschüttelnd, seine Lieblingsarbeit, eine phantastische Kreidezeichnung, vor. Unstet ließ er sie bald liegen und begann im Grillparzer zu blättern. Unruhe trieb ihn weiter, trieb ihn wieder durch die Flucht der Räume – zur Bibliothek des Vaters, einem langen, schmalen Gemach mit Bücherreihen – Belletristik und ethische Werke vor allem – mit Büsten und Stichen an den Wänden.

Die Schreibtischlade stand offen, darin lag ein Lederband. Auf der eben begonnenen Seite die krausen, kleinen, schwankenden Schriftzüge des Barons. Vor dem ledergepolsterten Lehnstuhl überlegte Alfred. Dieser Platz schien ihm geweiht; hier hatte ihm der Vater oft seine Bildermappe gezeigt und ernste, noch unverstandene Dinge zu ihm gesagt. Er zauderte. Aber tausend drängende, neugierige Stimmen wurden in ihm wach und übertönten seine Zweifel . . .

So gelang es ihm heute nicht, seinen 107 ursprünglichen Vorsatz vor dem Ungestüm der eigenen Begierde zu behaupten, wie er es eben auch der äußeren Welt gegenüber nicht vermocht hatte.

Es zog ihn zu dem Buch seines Vaters, unwiderstehlich, mit geheimem Zauber.

Er las den Titel – er wollte ja gewiß nur den Titel betrachten – »Vergewaltigt!«, ein Beichtbuch.

Und er las und las immer gieriger, mit brennenden Augen – die Lebenstragödie seines Vaters.

Dieser hatte sie endlich, Ruhe vor sich zu finden, in Stunden der Einkehr niedergeschrieben: das Bekenntnis eines Mannes, der für den äußeren Widerstand zu wenig robust, vom Dasein vergewaltigt worden war. Die Vornehmheit einer stillen, abseits stehenden Natur klagte aus diesen Blättern. Der Baron, der einem älteren Beamten-Adelsgeschlechte angehörte, wollte – nach dem Bedürfnis seiner bescheiden geäußerten Art – ohne »Beruf« dem Kunstgenießen, vielleicht den Künsten selbst, leben. Er schwankte, dilettierend, welcher. Bald ward er von zarten, zeichnerischen Entwürfen, bald von mächtigeren Stimmen einer Symphonie, die um ihn schwebte, gelockt. Ihm fehlte zur Selbstbestimmung die Kraft. Das war noch mehr der Fall, als er sich seiner Familie gegenüber 108 endlich zu bestimmten Zielen entscheiden mußte. Das Vermögen war zersplittert; er, der Älteste, sollte durch eine reiche Heirat den Glanz des Hauses wieder herstellen. Man kam zu einer Beratung zusammen; man debattierte und perorierte heftig. Und er gab nach, seinem innersten Widerstreben zum Trotz. In der Ehe, die bald zustande kam, wußte diese allzu entschiedene Frau die sensible Art des Gatten leicht zu unterdrücken. Seine künstlerischen Neigungen wurden ihm rasch durch Spott und rücksichtslose Störungen vergällt. Fand er damit Stellung, Ansehen, Ruf? Und sie wollte täglich den Namen »Cassani« in der Zeitung lesen, gesperrt gedruckt.

So ward für den Baron ein Abgeordnetenmandat gesucht. Kurze Zeit blieb er, dem Parteizwang des Parlamentes fern, »Wilder«. Bald hielt man ihm in der Presse Inkonsequenz vor; er ließ sich, nach der Farbe des Augenblicks, bald vom Zentrum, bald von der Linken gewinnen. »In eine Partei!« gebot nun die Baronin in stürmischen Szenen.

Im Klub ward er bald der zurückhaltende, zwischen Gegensätzen vermittelnde Parteimann. Er mußte es werden – mit seiner ausgleichenden milden Art, die von allem Feindlichen, Heftigen des öffentlichen Lebens abgestoßen wurde. Zu Hause hielt die Baronin strammes 109 Regiment; dem Gatten blieb beinahe kein Einfluß auf die Einrichtung des Hauses, auf die Erziehung der Kinder, auf die eigene Lebensführung. – Und Alfred las und las – das halberfaßte Buch zu Ende. Dann schob er es zurück und verschloß die Lade ängstlich, in heftiger, mitleidiger Bewegung . . . Suchend überflog sein Blick den Schreibtisch. Da – die Photographie des Vaters! Er nahm sie vom Ständer und küßte rasch die Stirn. Und einem neuerwachenden Instinkte folgend, zog er darauf seinen Taschenspiegel hervor – er liebte, ohne eitel zu sein, das eigene Bild und beobachtete gern, ob sein Profil »männlicher« werde – und verglich vor dem Fenster die beiden Gesichter. Zug um Zug: der selbe frauenhaft« weiche Umriß . . .

Und jäh durchzuckte den Knaben, der an der Grenze zum Jüngling stand, eine altkluge, schmerzliche Ahnung: Er war auch sonst dem Vater ähnlich, in der Seele, ein »Vergewaltigter« gleich ihm! . . . Darum log er; schien feige, fand bei keiner Arbeit Genügen! . . . Und plötzlich stieg in ihm die Erkenntnis auf, was einmal die Zukunft für ihn sein werde: sie wird etwas Hartes und Häßliches sein . . . Sie wird eine schrille Stimme haben wie die Mutter, starre Augen und knochige Hände, wie Supper und die Kollegen! . . . Und er 110 durchlebte in rasch aufblitzenden Visionen seine Bestimmung: das Schicksal des Träumers, der zwar kein Künstler wird, aber wie dieser vom Leben vor allem eins verlangt: die Möglichkeit, sich ganz in die eigene Welt zu versenken . . . Und gerade dies eine wird ihm von der Umgebung, die Taten und Erfolg verlangt, am strengsten verweigert . . .

Die Wangen an das Fenster gepreßt, fand ihn der Baron. Er zog den verquälten Knaben, der in dieser Stunde so hastig gereift war, mit Trostworten ihm das Haar streichelnd, zu sich. »Du weinst wohl, weil du gelogen hast, mein Junge? Aber du logst nur, weil sie dich so sehr drängten! Mut, mein Junge! Ellenbogen brauchen! Dich nicht vergewaltigen lassen! . . .« Beide bebten . . . denn auch dem Vater, dem sonst wenig Zeit für sein Lieblingskind blieb, dämmerte jetzt die tiefe innere Ähnlichkeit auf . . . Und schluchzend lag ihm Alfred im Arm . . . 111

 


 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.