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Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach dem Ball

Küß die Hände, Frau Baronin! Es war so schön!« »Es war das Schönste heuer, nicht wahr, Stasi?« »Wir tanzen überhaupt nie mehr öffentlich, nur mehr privat.« »Überhaupt nur mehr bei der Baronin Leykan.« »Adieu Tilla!« »Servus Tuzi! Morgen um elf auf dem Eis, wenn nicht schon alles aufgegangen ist, es ist ja Musik . . .« »Also bitte um den ersten Walzer für morgen, Baroneß. Ich werde beten, daß es nicht aufgeht! Wenn nicht, nächsten Sonntag hier, auf dem ›reizenden Meeresgrund‹!« »Auf Wiedersehen, Komtesse, bei der Rekonnaissancevisite, schlafen Sie lieb . . .« So summte es vergnügt durcheinander im Entrée, das zu einer bläulichen Meeresgrotte umgewandelt war. Rote und blaue Lichter staken in phantastischen Tropfsteingebilden. Die Überwürfe der jungen, vielfarbig, rumänisch und spanisch, Renaissance und Rokoko kostümierten Damen, die Capots und Schleier, die Pelze und Uniformmäntel der jungen, als verirrte Rosenkavaliere, Pierrots und Eisbären erschienenen Herren waren an krause Korallenriffe geklammert; ein bärtiger Kentaur mit weißen Handschuhen präsentierte mit viel Würde die Oberkleider, wenn man die Garderobenummer vorwies. Die Dame des Hauses, die Baronin Leykan, gehüllt in perlmutterfarben schillernden Changeant, machte im Entrée die 68 letzten Honneurs, bestellte dort einen Gruß an die Mama, hier ließ sie sich lächelnd als Schiedsrichterin für das erste Tennismatch küren. Sie wünschte, daß sich ihre Gäste bei diesem Hausball wirklich zuhause fühlen sollten. Sie hatte dieses Zwitschern junger reiner Stimmen, die von noch unberührter Lebenssehnsucht bebten, so gern, sie fühlte sich der vererbten Delikatesse, der gedämpften und zartsinnigen, erzogenen Heiterkeit dieser jüngsten Wiener Generation, zu der sie sich mit ihrem vollen Scheitel und der ein wenig zu üppig gebauten Lockenfrisur beinahe noch immer rechnete, so ganz innerlich verwandt. Auch ihr Mann, der Fregattenkapitän, der mit seiner weißen Schiffsuniform, dem braunen, frischen Gesicht und seiner galanten Biederkeit unter den sich Verabschiedenden im Entresole stand, liebte es, die paar Monate, die er auf dem festen Land verbringen durfte, sich von dieser Jugend umschwirrt, umlacht und umglüht zu sehen. Ihm zu Ehren hatte das Kostümfest bei Leykans heuer in sehr schlichter Symbolik die Devise »Auf dem Meeresgrunde« erhalten. Die Baronin freute sich erst jetzt, da alles so hübsch ausgefallen war, daß sie sich doch ihren Plan nicht hatte ausreden lassen. »Wer hatte nur die Idee zuerst ausgeheckt und ihr vorgeschlagen? Natürlich wieder die kleine Baroneß Erika; 69 die hatte gleich die einfache Herzensanmut dieser Huldigung gespürt. Das war wieder einmal so lieb von der Erika gewesen, überhaupt die Erika! Das ist Rasse, gebändigt von dieser nervösen Feinheit. Diese Hände, diese Nasenflügel . . . Das muß man verstehen! Wenn der nur nicht einmal etwas im Leben passiert, die Erziehung ist auch nicht, wie es wohl sein sollte, aber schon gar nicht. Man müßte sie abhärten . . . auch seelisch. Das sollte meine Tochter sein . . .« Aber die Baronin hatte keine Zeit mehr zu solchen Reflexionen, denn viele behandschuhte, zierliche Hände, die ganze Ladungen von Blumen wie Trophäen heimtrugen, streckten sich ihr noch einmal dankend und ein letztes Mal abschiednehmend entgegen.

Die Baronin ließ, wie der Kapitän auf seinem Schiff die Matrosen und Schiffsjungen, die Schar der Kammermädchen, die sie alle kannte und die an der Türe warteten, Revue passieren und winkte in das Gewirre der an der Stiege lustig hinaufsalutierenden und grüßenden jungen Herren. »Ah Sie, Karoline,« rief sie jetzt einer adretten Zofe zu, »mit dem schicken Häuberl. Das ist recht. Man muß was auf sich halten, wenn man bei so einer Herrschaft Jungfer ist und ein so süßes Köpferl wie unsere Erika coiffieren darf. Erzählen Sie der Baronin und dem Herrn Papa Hofrat zuhause – aber der 70 hört einem ja gar nicht zu, wenn man ihm noch so nette Sachen sagt, der denkt nur an seine Münzen und Altertümer – na sagen Sie ihm doch, daß die Erika wieder die Entzückendste und Süßeste von allen gewesen ist. Und wie sie getanzt hat!« Man sah, wie sich die lebhafte und sehr mitteilsame Dame an dem Erinnerungsbild delektierte und mehr zu sich als zu Karoline sprach; »wirklich wie ein Elferl. Immer mit der weißen Narzisse in der Hand. Und das schönste war,« setzte sie zu dem eben hinzutretenden Kapitän fort, »wie sie nach dem Kotillon und dem Kehraus für sich allein durch den Saal geschwebt ist . . . so für sich hingeträumt hat . . . im Tanzen. Alle haben zugeschaut, keiner hat ein Wort geredet . . . die Musik hat zu spielen aufgehört. So lieb war sie da. Und wie sie den Champagner genippt hat, wie ein Vögerl, nein, eigentlich schon mehr als genippt, fest hinuntergeschüttet hat sie ihn, wie wenn man in einem Zug alle Erwartungen der siebzehn Jahre so in sich hineinschlürft. Was ist ihr denn heute nur passiert? . . . Ja, wo ist sie denn überhaupt hin, die Erika? Die sitzt sicher noch irgendwo . . . ganz allein, wie im wirklichen Meeresgrund, so fern von der Welt, und vergißt, daß so ein junges Körperl auch Schlaf haben muß . . . Mein Gott, mit siebzehn Jahren . . . Geben Sie nur recht obacht auf sie, Karoline,« wandte sie 71 sich jetzt wieder der Zofe zu, »daß sie sich gewiß nicht verkühlt . . . Der Wagen steht doch unten?« »No natürlich, Frau Baronin, wie werd' ich denn nit aufpassen, wo sie ja so zart is, das gnädige Fräul'n, mit der G'sundheit . . ., gar so empfindlich . . .«

»Erika, Erika!« rief die Baronin in ihrer munteren, resoluten Art und rannte durch die ganze unterseeische Wirtschaft. Aber Erika saß weder im Palast des ›Neptun‹, in dem Schleifen und Bänder vom Kotillon in einem bunten Knäuel sich um Rosen und Orchideen auf dem Boden wickelten, noch in dem grünen, vom Schilf in den Nischen umhegten Boudoir der Thetis. Aber da . . . da, richtig . . . in dem allerheimlichsten Märchenwinkel des ganzen kunstvollen Meeresarrangements, im »Hain der Nereïden«, den ein blaßvioletter Schein umspann, während das Meeresleuchten auf die Kreidefelsen gegenüber weiße, geheimnisvolle Lichter warf; – – da saß sie, eingenistet zwischen opalenen Muscheln und Seesternen, auf einer Bank aus Glas von der unbestimmbaren Farbe des Wellenspiegels. Der Tang rieselte von der perlmutterschillernden Wölbung wie grünes Haar um ihre Schläfen nieder, ein Tintenfisch glotzte von oben gar grimmig, die dicken Spinnenleiber, in die alle grünen Glasbirnen verwandelt waren, schienen erstaunt im 72 Rennen innezuhalten, und eine Schildkröte verwunderte sich altklug über das zarte Menschenbild.

Wie wunderlieb, wirklich wie aus einem Märchen war dieses Bild . . . Die Baronin stand hinter einem Vorhang aus Korallenschnüren ganz leise atmend still, um es nicht durch ein lautes Wort zu zerstören, ehe sie es in sich getrunken hatte. Ein beinahe noch kindlich dünnes Hälschen hob sich aus dem enganliegenden und langschleppenden krokusfarbenen Prinzeßkleidchen mit den tief herabfallenden, in ein spitzes Ende auslaufenden Schleierärmeln aus pfirsichrosiger, silberdurchwirkter Gaze. Die rosagelben und roten Lichter, die aus den Nischen wie Augen greulicher Meeresungeheuer funkelten, umgaben die römischen Lilien, mit denen der Saum des Kleides bestickt war, das Brokathäubchen und seine antike Spitzenumfassung mit farbigen Lichtbändern. Jetzt fiel das Meeresleuchten breit auf den gefälteten Battistsaum, der den weißen tiefen Ausschnitt des Kleides und die zarte Brust durchsichtig verhüllte; es haftete schwer an den beiden dicken, mit Perlenschnüren durchflochtenen, lose herabfallenden silberblonden Zöpfen, die das schmale Gesicht mit dem spitzen Kinn, dem sehr blassen, dünnlippigen Mund, der geraden, etwas kurzen Nase und den breiten Augen 73 mit der blaugrünen, schwarzumrandeten Iris und den dichtbewimperten Lidern halb beschatteten. Diese Augen trugen den Ausdruck so tiefen, beseligten Schauens, daß die Baronin gerührt und betroffen zugleich noch immer zauderte, die wie vom Mondlicht eines ersten aufdämmernden Gefühls Trunkene aus ihren träumenden Gedanken zu wecken. Das »Fräulein vom Meere«, pointierte lächelnd Frau Klementine und erinnerte sich, daß morgen eigentlich ihr Logentag im Burgtheater wäre. »Ich nehme Erika wieder einmal mit, damit sie auf andere Interessen kommt. Wenn wirklich hier in meinem Hause ihr erstes Gefühl erwacht sein sollte – –. Gerade bei Erika, in diesem bedenklichen Übergangsalter und bei ihrer gar so sensiblen Veranlagung . . . habe ich wirklich eine gewisse Verantwortung. Ich hätte vielleicht mehr aufpassen sollen. Aber an so einem Abend – da wollen ja die Kinder ihre Freiheit haben . . . Und es scheint ja im Ernst erwacht . . .« Sie lächelte wieder mütterlich-schwesterlich und gedachte ihres eigenen ersten Hausballes. War das nicht erst gestern gewesen? Damals war sie auch ganz traumverloren nach Hause gefahren. Nicht einmal mit der Mama wollte sie sprechen, die doch auf sie bis zum Morgen gewartet hatte. Und ein paar Monate später hatte sie sich doch mit Rudolf 74 verlobt, der so kräftig von dieser Welt war. Nein, so aufgelöst war sie doch nicht gewesen nach ihrem ersten Ball, wie Erika hier. Allerdings, das einzige spätgeborene Kind so innig einsiedlerischer und wohl gerade darum so unsäglich vornehmer Menschen. Schön war das wohl, seine Mädchenjahre wie Erika hinzuleben, in ihrem stillen Garten, durch Mauern von jeder Wirklichkeit geschieden, in ihrem weißen Stübchen, nur unter Blumen, unter Träumen, unter Büchern. Und sie sah das beinahe ängstlich verschlossene, einsame Haus des Baron Erlauer, das dieser ganz in pompejanischer Art in dem ruhigsten, dem Botschafterviertel, erbaut hatte. Und sie sah ihn selbst, weißhaarig und still, wie er unter Folianten und zwischen seinen troischen Sammlungen saß, jedes Geräusch des Tages, jede Einladung sogar zu öffentlichen Vorträgen abweisend. Und die Baronin Erlauer, die mit so wenigen verkehrte, die nur die vielen Bücher und die Sammlungen in Ordnung hielt und mit ihrer lila Seidenhaube stickend im Peristyl ausruhte. Und Erika zwischen diesen beiden Alten, ängstlich behütet, niemals einen Schritt allein aus dem Hause wagend, umhegt von dieser ängstlich tastenden Rücksicht, von jeder Zugluft und jeder Derbheit des äußeren Lebens abgeschlossen; so viel allein, seitdem 75 sie einmal plötzlich erklärt hatte, die Schule nicht mehr zu besuchen; fast ohne Freundinnen, nur unterrichtet von dem ergrauten Humanisten, den der Vater für sie ausgesucht hatte und der eine Welt zartsinniger, längst zerborstener Schönheit vor ihr aufbaute. Wenn in dieser scheuen, noch in der Knospe ruhenden Seele ein Gefühl aufglüht, dann heißt es wirklich auf der Hut sein. Sie wird morgen mit der Baronin sprechen, sie muß ihr die Erika heuer im Sommer für ein paar Wochen auf den Attersee mitgeben, damit sie mehr unter die jungen Leute kommt. Nun, dieses Gefühl scheint ja wirklich und schon sehr heftig zu glühen . . . und sie lächelte, diesmal ein wenig beklommen. Denn sie sah, wie sich jetzt eine haarige Männerhand aus dem Schilf hinter der schillernden Glasbank aufreckte und das Händchen Erikas, von dem noch immer die Narzisse herabhing, zu sich niederzog. Die breitbärtigen Lippen streiften mit einem schlürfenden Kuß darüber, dem sich das Mädchen, aus ihrem Tiefsten aufseufzend, mit fassungsloser Innigkeit hingab und mit einem Erschauern über den noch jugendlich spitzen Körper hin. Und sie hörte sie hinüberflüstern: »Tristan . . . jetzt den Liebesbecher leeren, in dieser Stunde . . . Jetzt müßte der Tod kommen . . . bevor man erwacht . . . Hier in diesem Hain sollte er 76 kommen . . . Das wäre so schön . . . Nie mehr erwachen, unter diesen Lichtern sterben, nicht mehr den Schein des Tages sehen; er ist so laut. Sprich kein Wort, Tristan . . .«, sie beugte sich schämig hinab, »ein Wort könnte die Stunde zerbrechen.«

Die Baronin, erschreckt von dieser überhitzten Heftigkeit, konnte sich trotzdem nicht entschließen, hier die nüchterne, traumzerstörende Wirklichkeit zu spielen. Und sie erschrak noch tiefer, als sich jetzt die Gestalt aus dem Schilf erhob, und sie in das Gesicht des Tritons blickte, das mit dem Muschelhut schief über dem krausen Haar und dem dahintergesteckten Farrenbüschel völlig einem Faunskopf glich. Das war ja dieser junge Felix von Waldstetten. Wie kam der eigentlich nur hierher? Er war doch eigentlich nicht ganz aus ihrem Kreis, der Sohn eines Hofrats im arbeitsstatistischen Amt, der mit den Studien nicht recht vorwärtsgekommen und daher irgendwo in einer Bank untergebracht worden war. Zu ihr kam er, wie er überall hinkam. Er gehörte zu den Notwendigkeiten eines jeden Jours, einer jeden Gesellschaft. Er war auch wirklich ganz verwendbar. Er hatte gefällige Manieren und übernahm überall hunderterlei Aufträge. Er konnte überdies die Burgschauspieler nachmachen und besaß, wenn man es verlangte, einen ganz netten Tenor; er konnte 77 sogar, wenn man Wert darauf legte, krähen. Es war in der Tat gegen ihn nichts zu sagen. Nur hatte er eine Art, mit Frauen zu sprechen, die sie ungemein abstieß. Er sprach mit jeder anders, nach einem bestimmten System. Das hatte sie schon herausgespürt. Er wandelte sich, wie es der Augenblick verlangte, gab sich den verheirateten Frauen zynisch, und in der nächsten Minute den jungen Mädchen poetisch, schwärmerisch und melancholisch in vorausberechneten Nuancen. Hatte er nicht ihr selbst gegenüber, als Rudolf wieder einmal in Kalkutta festsaß, in jenem gewissen, die Situation sondierenden Ton gesprochen, den sie sofort zurückwies? Und hatte ihr nicht einmal ihr jovialer Hausarzt erzählt, daß dieser scheinbar so glatt gesellschaftliche Felix an intimen Herrenabenden Dinge aus seiner Lebemannpraxis zum Besten gab, die selbst Mediziner zum Wiehern brachten? Wenn Erika, unberaten, gegenwartsfremd, verzärtelt wie sie war, mit diesem rührenden Ernst dem Register glaubte, das Felix mit der wohl oft erprobten Mechanik für junge Mädchen von der versonnenen, rosenroten Gruppe spielen ließ, dann stand es wahrhaftig schlimm. Arme Erika . . .

Und sie trat mit Entschiedenheit vor: »Erika . . . bist du mir bös, wenn gerade ich die Stunde zerstöre?«

78 Erika fuhr auf; sie zitterte am ganzen Körper. Sie strich mit den Fingern über die Stirn, ihr Blick schien im Schrecken jäh zu erlöschen. »Ich weiß, wenn ein Traum beginnt, dann wird er niedergetreten, so ist das Leben –« Sie sprach das mit zitternder Gekränktheit, wie aus einem Abgrund der Qual hervor.

»Nein, Erika, so ist das Leben wirklich nicht immer,« begütigte sie Frau Klementine, »aber es verlangt auch Ruhe nach dem Traum, dann ist es am Morgen noch einmal so schön. Man kann sich ja in den Schlaf hinüberspinnen . . .« fügte sie verstehend und tröstlich hinzu. »Gehen wir also . . . Jetzt ist ja doch alles aus.« Und Erika ging rasch, als wollte sie vor der »fremden Frau« von Felix nicht Abschied nehmen, in der Linken die weiße Narzisse und in der Rechten eine blaßrosa Straußfeder haltend, die sie in der »Juxtombola« der Meerestiefe erspielt hatte. Der Triton trottete den Beiden nach. Frau Klementine, die dringend bemüht war, Erika aus seiner Nähe zu bringen, blickte sich einmal nach ihm um, und sie errötete, eine selbst noch jugendliche Frau, in Erikas Namen, wie sie sich sagte, als sie merkte, mit welch derber Munterkeit Felix, der wohl eben mit der Siebzehnjährigen in ein Traumland der Farben, Töne und der seelischen Heimlichkeiten sich geschwungen hatte, in einen Faschingskrapfen 79 hineinbiß, den eine der Nereïden ihm übriggelassen hatte.

Im Entrée waren noch ein paar Nachzügler mit ihrer Garderobe beschäftigt. Eine sehr turbulente kleine Marquise, in weißen Schneeschuhen einherstampfend, flog auf die Baronesse Erlauer zu. »Erika, du, ich hab' dich heut ja den ganzen Abend gar nicht gesehen. Ja, du bist gescheit. Du amüsierst dich nur en petit comité. Adieu Maus.« Und sie reichte ihr die Wange hin. Aber Erika ging rasch vorüber, jede persönliche Berührung abwehrend. Frau Klementine, die »das Kind« nicht aus dem Auge ließ, erinnerte sich plötzlich: das war ja das kleine Freifräulein Xandi, um derentwillen Erika das Pensionat verlassen hatte, weil sie ihr auf etwas Unschönes gekommen war; es handelte sich um eine Affäre mit irgendeinem den Schülerinnen verbotenen, von der Xandi eingeschmuggelten Buch. Ein kleiner Theresianist wollte, sich zum allerallerletzten Male von den Damen verabschiedend, auch Erika die Hand küssen, aber sie zog diese, auf der sie noch die Lippen ihres Triton fühlte, mit einer solchen verletzenden Entschiedenheit zurück, daß Felix, der im Pelz abseits stand, ein freudiges Lächeln des Selbstgefühls kaum zu verbergen vermochte. Sie merkte es nicht und grüßte ihn mit einem Blick, der zu sagen schien: »Nicht reden . . . nicht jetzt . . . nicht 80 hier . . . vor diesen Menschen . . .«, einem Blick, den er seelenvoll erwiderte, um dann rasch einem Trupp junger Männer zuzustreben, die ihn bereits unten im Parterre lachend erwarteten.

Erika wandte sich jetzt, schon sorgsam in ihren schwarzseidenen Mantel mit der tulpenrot gefütterten Kapuze und den meergrünen Schleier eingepackt, mit schmerzlicher Miene, ein Tränchen verschluckend, zur Baronin: »Gnädige Frau,« flüsterte sie, »verzeihen Sie, daß ich heftig war. Sie wissen ja: ich verehre Sie so!« Und sie fiel ihr lautaufschluchzend um den Hals. So umarmt ein Mädchen nur dann eine Frau, wenn ein Mann zum erstenmal entscheidend in ihr Leben getreten ist. Und Klementine nahm sich vor, doppelt wachsam zu sein und zu verhüten, was noch zu verhüten war.

»Warum sind Sie denn mich abholen gekommen und nicht die Betti?« fragte Erika, die beleuchtete Stiege hinabsteigend, Karoline. Frau Klementine, die noch einmal zärtlich herunterwinkte, wußte nicht, was diese Frage bedeutete. Sie konnte nicht ahnen, wie sehr Erika schon die Nähe dieser Zofe gerade nach dieser Nacht als eine persönliche Kränkung empfinden mußte. Die Baroneß wäre längst auf ihrer Entlassung bestanden, wenn sie sich nur getraut hätte, Mama das Schreckliche zu erzählen, das sie unlängst um Karoline gesehen und erlebt hatte. Und 81 dieses Schreckliche war: Erika hatte vor ein paar Monaten an einem Sonntagabend zu irgendeinem Zweck das Gesindezimmer aufgesucht. Nur die Karoline war dort und ein Soldat, der das Mädchen, das kreischend durch die Küche stob, verfolgte und endlich mit einem derben Griff am Nacken festhielt. »Was willst du denn?« Da rief der Soldat Karoline mit überhitztem Gesicht und einem entsetzlich tierischen Ausdruck ein Wort zu . . . ein Wort, das Erika nicht verstand, von dem sie aber fühlte, daß es sie mit schmachvoller Röte übergoß und für eine Frau die gemeinste Beschimpfung bedeuten mußte. Denn selbst Karoline riß, als ihr dieses Wort entgegengellte, die Tür auf und tobte dem Soldaten entgegen: »Hinaus! Hinaus!« Seitdem lag für Erika um Karoline eine Atmosphäre, die sie nicht ertrug. Und gerade diese Karoline mußte sie jetzt, in dieser Stunde, abholen! Die Karoline und nicht die Betti, die sie so gern hatte. Das Leben war wirklich hart . . . Aber auf einmal wurde sie wieder übermütig. Sie hätte am liebsten wie ein Kind gelacht und aufgejubelt, und sie steckte die blaßrosa Straußfeder an die rote Kapuze, daß sie gedämpft grell über den Rücken herabwehte.

Sie standen auf der Straße, die weiche Luft einer linden Februarnacht, die schon in den Frühling hinüberspielt, schlug ihnen wohlig 82 entgegen. Der sehr schläfrige Kutscher wartete schon mit abgenommenem Zylinder und öffnete den Wagenschlag.

»Karoline, wir gehen zu Fuß! Und sie gehen hinter mir ein paar Schritte . . . Ich setze mich nicht in den Wagen mit Ihnen heute Nacht . . .«

»Aber Baroneß, das ist unmöglich!« rief Karoline erschrocken, »Sie sind noch nie zu so später Stunde zu Fuß durch die Gassen . . .« »Ich will jetzt nicht in den Wagen mit Ihnen,« wiederholte sie beharrlich und sie fügte hinzu: »Wenn Sie mir nicht nachgeben, so erfährt die Mama morgen früh, was ich in Ihrem Zimmer gesehen habe, vor vier Wochen am Sonntag.«

»Machen Sie mich nicht unglücklich, Baronesse«, jammerte die Zofe. »Wo krieg' ich denn wieder so einen Posten, wenn ich aus dem Haus weg müßt'. . . und gar jetzt . . . nach dem Fasching.« »Dann gehen wir also.« Und Karoline, die umsonst immer wieder versuchte, Erika durch Bitten und Vorstellungen umzustimmen, verständigte sich endlich nach einem letzten vergeblichen Anflehen mit dem schläfrig nickenden Kutscher und ließ ihn vorausfahren.

Die Baronesse blickte noch einmal zurück zum Portal des grauschwarzen Barockpalastes, zu den beiden schlanken steinernen Jagdhündinnen über dem Torbogen und zu den Fenstern mit den weißen Vorhängen, wo die Kerzen und 83 Lichter allmählich erloschen. Schwere Dunkelheit und Stille, kaum ein paar Reflexe von matten Gaslaternen; kein Laut in der Straße, nur zuweilen der knarrende Schritt eines Polizisten oder Gewölbwächters. Erika tat dieses Schweigen der Nacht unendlich wohl. Nun war sie doch allein mit ihrer trunkenen Andacht. Wie auf Rosen ging sie. Oder wie auf diesem weichen, dicken Moos in den Tiroler Wäldern. Wie hatte er nur gesagt: »Wenn eine Seele, so eine weiße Mädchenseele, zu ihrer Bestimmung erwacht, dann ist es, wie wenn eine weiße Aprikosenblüte von dem Wind leise, wie von ihrem Schicksal berührt, niederrieselt, dem seligen Wanderer in den Schoß.« Hatte das nicht ein Dichter gesagt? Ja, er war ein Dichter! O wenn nur schon der Frühling da wäre! Da wird sie einmal irgendwo durch einen Birkenwald gehen, und er wird auf einmal neben ihr sein, ohne daß sie es ihm vorher gesagt hat; eine Stimme wird es ihm verraten haben. Und dann wird sie zu ihm leise, so leise raunen: »Komm, gehen wir in den Frühling.« Und Hand in Hand werden sie dann durch die lichte Welt wandern, und ihre Seele wird, wie eine rosig überhauchte Blüte auf einer japanischen Zeichnung, ihm entgegenwehen . . . so ganz zart . . . wie ein Traum . . .

»Baroneß, geben S' Obacht, steigen S' doch in den Wagen hinein, um Gotteswillen!« rief jetzt 84 Karoline ängstlich und drängte sich näher an ihre junge Herrin. Aber diese, peinlich von dem schrillen, warnenden Ruf getroffen, lief rasch ein paar Schritte vor. In diesem Augenblick – der Wagen fuhr voraus, und die beiden standen im Rücken der Stephanskirche, die in tiefem Schatten weit und ernsthaft hindämmerte, eben schlug die Uhr in harten Schlägen drei – zog eine hin und her schwankende und singende Kette von Burschen über den Platz.

»Baroneß, hätten S' mir doch g'folgt«, jammerte Karoline. Aber schon war die Kette der Burschen abgeschwenkt und hatte einen Kreis um Karoline gezogen und sie eingefangen. »Dös is ja die Karolin'«, rief einer. »Hat S' denn heut Ausgang? Gehn mer noch in die Gartenbau! Gehn mer drahn, Karolin'! Und wen führt S' denn da mit? Mit so einer geht die Karolin –« und einer deutete, schwer taumelnd, auf die rote Kapuze und die in den Nacken herabhängende, geschwungene und auffallende Straußfeder Erikas. Scherzend streckte sich eine Hand nach der Feder aus – und Erika rannte in fassungslosem Entsetzen, während Karoline, die, vergebens um sich schlagend, sich zur Wehr setzte, von dem lachenden, eisenharten Ring der Burschen eingeschlossen blieb.

Erika rannte – der Wagen war nirgends zu sehen – an den Laternen vorüber, immer tiefer 85 in die dunklen Gassen hinter dem Stephansplatz. Sie schämte sich vor den Lichtern am Weg. Ihr ganzes Wesen war aufgewühlt, in Verwirrung, als erblicke ihre unberührte Seele sich selbst in einem Spiegel der Verzerrung. Was war denn geschehen? Wer waren diese Menschen? Was wollten sie von Karoline? Und was hatten sie ihr zugerufen? »Mit so einer geht die Karolin?!« Ja, was war um Gotteswillen damit gemeint, was war denn der Sinn von alledem? . . . Sie war doch die Baronesse Erlauer und wohnte freilich ganz wo anders, weit weg von diesen Gäßchen, die sie noch nie gesehen hatte, deren trübe Finsternis bang auf ihr lastete . . . Ganz wo anders wohnte sie, in einem hellen römischen Haus, mit einem Garten und einem Springbrunnen mitten in dem Speisesaal. Und ihr Vater war ja der Baron Erlauer, der die großen Reisen nach Troja und Kleinasien gemacht hatte und den jeder kannte. Wenn sie ihm das morgen erzählen wird, und wenn er da wäre, der wie ein Dichter sprach und sicher wie ein Held handelte. . . . Dann sollten die nur schauen, dann müßte sie nicht mehr so im Finstern herumlaufen und sich so bitter schämen, sie wußte selbst nicht warum. Am liebsten hätte sie sich irgendwohin auf die Straße geworfen und für sich hingeweint . . . Sie war auf einmal so müde, fühlte sich wie zerschlagen, lehnte sich 86 völlig erschöpft an ein Haustor, schloß die Augen halb und merkte . . . jäh . . . zu ihrem Entsetzen . . . – – wie sich die schmale Sackgasse belebte, wie Schatten von überall, gleich widerlichen Spinnen, aus den Toren und Winkeln schritten und huschten, Frauengestalten mit grellen Kapuzen und Federn, wie auch ihr eine in den Nacken hing . . . Eine stand ihr gegenüber . . . mit der genau gleichen tulpenroten Kapuze und einem Gesicht, das die Laterne jetzt beleuchtete – so unsäglich gemein, so grauenvoll vertiert, daß Erika, von Grauen geschüttelt, aufschrie. Und dieses Gesicht heulte sie an: »Was stehst denn so da und willst einem 's G'schäft wegnehmen. Schau, daß d' weiterkommst, g'hörst ja gar net daher.« Und sie riß ihr den Schleier herunter. »Schauts dö an, den Fratzen, wo kommt denn die her, wannst net gehst, hol' i den Wachter, der wirds' scho außastampern aus der Gassen.« Und die Schatten kamen immer näher, wuchsen im Helldunkel in das Abenteuerliche, ein ganzer Schwarm von geschminkten Gesichtern mit immer vertierterem Ausdruck umtobte die halb Besinnungslose, von Angst und Ekel Gewürgte. Jetzt fuhr sie eine schrille Männerstimme an: »G'hörst net hierher, geh z'haus, wost herkommen bist, marsch, sonst bring' i di in die Theobaldgassen! Da is das Quartier für solche Madeln, die noch in die Schul g'hörn. Da 87 wirst erst g'haut und dann per Schub z'haus. Marsch fort.« Und durchrast von einer Verzweiflung, die nur ein Ziel vor sich sah – sterben, sterben – – rannte sie weiter, durch Gäßchen, in denen sie sich verlief, die immer schmäler, immer stickiger, immer luftloser wurden, an schimpfenden Weibern und lachenden, gierig aus den Winkeln aufschießenden Männern vorüber, – gehetzt von verzweifelnder Angst – – bis sie plötzlich in ihrem Rücken Stimmen hörte – Stimmen, die ihr bekannt vorkamen, die sie heute vernommen haben mußte. Und da – welch ein unfaßbares Glück – sie muß nicht sterben. Das ist seine Stimme, er wird sie retten . . . Nun ist es auf einmal Frühling . . . und ihre weiße Seele rieselt in seinen Schoß . . . Sie will sich umwenden . . . ihm entgegen, und steht einen Augenblick erwartend, starr. Jetzt wird er von rückwärts seine Hand, diese starke Hand, die heute in der ihren geruht, leise, ganz leise auf ihre Schulter legen und dann ist alles so schön . . .

Und sie hört jetzt seine Stimme hinter ihr, ganz nahe, wie sie zu den anderen Stimmen, die sie auch kennt, ruft: »Kinder, das is eine neue, das gibt eine Hetz. Das is doch was anderes, als mit den anständigen Mädeln, das hat doch einen Sinn. Dort is das Geschäft, hier is das Vergnügen. Da erholt man sich wenigstens von dem 88 faden G'schwefel. Da weiß man doch warum! Schauts das Figürl. Ich geh mit dir, Mauserl . . .« Und jenes Wort, das sie nicht verstand, das sie einmal als die gemeinste Beschimpfung zu tod erschreckt hatte – sprang sie bestialisch an aus dem Mund des Mannes, dem sie ihr Leben heute bestimmt hatte . . . . »Blüten sind diese weißen Mädchenseelen«, klang es noch in ihr mitten in diesem entsetzlichen Ton. Und er riß die Wehrlose unter dem Gejohle und Gelächter der anderen an sich heran, zerrte den Schleier, der in Fetzen um ihr Gesicht hing, zurück, und erkannte – das totbleiche, wie geisterhaft gesteigerte Antlitz der kleinen Baronesse Erlauer. »Ja, wie kommen Sie daher . . . um Gotteswillen, wie konnte ich ahnen – –«

»Lassen Sie mich fort, nicht einen Schritt, nicht in die Nähe . . . Gehen Sie! Gehen Sie – –!!« Und eh er sich aus seiner Bestürzung aufraffen konnte, war sie um die Ecke gerast, rannte an entrüstet nachblickenden Polizisten, Passanten und den immer heftiger schimpfenden Weibern vorüber, von einer Gasse in die andre, alle Dämonen der Verzweiflung hinter sich, bis sie wieder in eine helle Straße kam und ihrem Wagen mit dem verschlafenen und jetzt doch aufgeschreckten Kutscher gerade entgegenlief.

»Nach Hause«, stöhnte sie ihn an. »Wo waren S' denn, gnä Fräul'n Baroneß? Ich hab' 89 wirklich schon an Angst g'habt. Die Karolin' hab ich auch verloren . . .« »Ich hab hinuntergesehen . . . in den Meeresgrund«, und sie fiel in die Kissen, ein Stöhnen und Schluchzen rang sich aus diesem jungen, gequälten Körper. Immer hörte sie noch: »Wie Blüten sind eure weißen Seelen«, und die entsetzlichen Worte schlugen ihr dazwischen wie Peitschen in das Gesicht. Ja, sie war beschimpft, in das Gesicht geschlagen . . . Sie kann sich nicht mehr im Spiegel sehen, sie kann ihrer Mutter morgen nicht mehr begegnen, nicht der Baronin Leykan. Nur den Tag nicht sehen in dieser Schmach, lieber sterben, ja sterben . . . Und besinnungslos, in einer Gier, als gelte es das einzige zu erjagen, das ihr noch wie eine ferne Hoffnung schien, rannte sie die Stiege hinauf, durch den Vorraum, in ihre weiße Kammer, mit den Burne Jons und den Japanern . . . So weiß waren die Stühlchen, so weiß die Kommoden, so weiß das offene Himmelbett mit den Mullgardinen, so weiß der Rahmen des Spiegels, der jetzt ihr glühendes Gesicht wie ein brennrotes Mal der Schande zurückwarf. Und eine Scham, so unsäglich zerwühlend, hieß sie fliehen im Grauen vor sich selbst, sie, die Unreine, Beschmutzte, fliehen vor diesem Weiß . . . Sie drückte sich in einen Winkel, versteckte sich hinter dem Vorhang, bohrte sich in die 90 Kissen . . . Überall dieses quälende Weiß . . . Doch dort in dem breiten Ausschnitt des offenen Fensters war es so wohltuend dunkel. Und sie floh – auf die Fensterbrüstung –, breitete die Arme weit – und schwang sich hinaus in das ungewisse, kühl und weich sie umfangende Dunkel. – – – – – – – – – – –

Im Abendblatt meldeten die Zeitungen: eine unbegreifliche, furchtbare Katastrophe habe das Haus des Baron E. betroffen. Seine einzige, von allen vergötterte Tochter, die schöne siebzehnjährige Baronesse E., habe sich nach ihrer ersten, heiter und glücklich verlebten Ballnacht, der bald eine Verlobung hätte folgen sollen, aus dem Fenster gestürzt. Das Motiv des Selbstmordes sei völlig rätselhaft. 91

 


 

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