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Der Brand der Leidenschaften

Paul Wertheimer: Der Brand der Leidenschaften - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Brand der Leidenschaften
authorPaul Wertheimer
year1914
firstpub1914
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien und Leipzig
titleDer Brand der Leidenschaften
pages242
created20140312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Brand der Leidenschaften

Pardon«, sagte mit einem milden Lächeln der Verlegenheit der große massige Herr im Pelz zu dem kleinen schmächtigen Mann im Havelock und mit dem Kalabreser, der ihn, unruhig gestikulierend, im Nebel des grauen Dezembernachmittags fast überrannt hätte. In diesem Augenblick fegte ein Windstoß vom Belvedere herab den Schnee von der feuchtumflorten Gaslaterne, deren klein flackerndes Licht jetzt die Züge des Ungestümen, die steile, kantige Stirn, den schwarzen, heftigen, beinahe stoßenden Blick, die gleich einer dunklen Flamme vorschießenden Haarbüschel und die verbogenen Mundwinkel gelblich beleuchtete, mit fast unheimlich scharfen Lichtern und Schatten. Das Profil des Herrn im Pelze blieb noch im Halbdunkel. Es glich mit seiner durchschimmernden, leicht melancholischen Blässe, der geraden Nase, den hochmütigen Lippen, einem der Prinzen Van Dycks, nur verdickter, müder, wie man sich etwa einen solchen vorstellen mag, wenn er, statt mit Frauen, Völkern und edelrassigen Hunden zu spielen, zwanzig Jahre in einem österreichischen Amt festsitzen würde, auch waren seine guten sensitiven Augen von jenem zaghaften, heimatlichen Blau, das den Eindruck eines etwa schlummernden Herrentums sogleich verschwimmen ließ; ihre großen, warm und weich strahlenden Pupillen zogen sich beim Erfassen seines Gegenüber plötzlich peinvoll zusammen.

4 »O, Herr Falsati – gerade jetzt –« stieß der Freiherr Klemens v. Burghausen betreten hervor.

»Nun, Herr Baron, Sie sehen mich ja beinahe wie ein Gespenst an,« lachte der auf, »da darf ich mir wohl schmeicheln, in Ihrem Gedankengang eben jetzt eine Rolle gespielt zu haben«, setzte er ein wenig verbissen hinzu. »Und wie geht's der gnädigen Frau?«

»Ich glaube«, kam es zögernd und halblaut von den Lippen des Freiherrn, »jetzt wirklich mehr und mehr an diese neuen, telepathischen Dinge. Ich habe Sie doch seit etwa drei Jahren . . . so ungefähr, nicht wahr? . . . nicht gesprochen, und doch sah ich Sie eben im Moment ganz deutlich. Daß ich gerade in diesem Augenblicke so intensiv an Sie gedacht habe, muß doch seine besonderen inneren Gründe und Zusammenhänge haben. – –«

»Vielleicht weil Sie in den letzten zwei Wochen besonders oft meinen Namen gelesen haben dürften, auch in Ihrer Zeitung, Herr Regierungsrat«, lenkte Falsati in seiner halb scheuen Akzentuierung vorsichtig ab.

»Verzeihung, Sie erinnern sich vielleicht noch: ich lese Zeitungen immer nur sehr gelegentlich, Herr Falsati. Simone Falsati,« wiederholte er den Namen vor sich hin, als sinne er dem tropfenden Klang dieser Silben wie einer dunkelschmerzvollen Erinnerung nach.

5 »Allerdings, Herr Regierungsrat«, replizierte der andere, indem er in jähem Ruck die rechte Schulter spitz hochzog, mit plötzlicher Schärfe in der bis dahin leicht beklommenen Stimme. »Sie sitzen wohl noch immer in Ihrem Amt und prüfen Stammbäume, während wir draußen zu ganz anderen Dingen die Wurzeln graben . . .« Seine Stimme wirkte jetzt in ihrem schrillen Rednerpathos fast kreischend. Doch sprach er so sachlich glühend, daß der Freiherr interessiert und betroffen stille stand.

»Gestatten Sie, Herr Falsati«, wehrte dieser nunmehr mit der gleichen, ein wenig müden Gelassenheit ab, mit der er vom Zylinder den Schnee stäubte, der eben zudringlich um seine rund, nicht ohne Anmut geformten Wangen stob, die »erschreckten Kinderwangen«, wie Frau Antonia in den spärlichen Stunden der Zärtlichkeit sagte.

»Vergebung, das sind doch wohl völlig private Angelegenheiten«, lächelte der Freiherr jetzt, der den hitzigen Redner plötzlich wieder vor sich sah, wie er an jenem ersten Tage vor ihm einen Akt auf den Schreibtisch mehr warf als legte. Dieser »dämonische« Mensch, ohne erzogene Hemmungen, dabei merkwürdig begabt, auf ihn hatte er wenig sympathisch gewirkt von der ersten Minute an, wie alles um einige Nuancen zu Laute und Bestimmte. Wie 6 hatte es der junge Konzipist von kaum bürgerlicher Abstammung nur zuwege gebracht, sich in dieses nur dem Nachwuchs des österreichischen Beamtenadels reservierte Amt zu lancieren ? Und warum hatte er selbst, trotz seines inneren Widerstrebens, ihn in sein sonst verschlossenes, beinahe vereinsamtes Haus gezogen, als er von seinen verblüffenden musikalischen Gaben vernahm? Hatten ihn die inneren Stimmen, denen er sonst beinahe pedantisch zu gehorchen pflegte, das »Dämonium«, wie auch er sie nannte, nicht vor gewissen proletarischen Zeichen um Simone so laut gewarnt? Dieser durch demütigende Entbehrungen zum Studium und zu einem höheren Lebenskreis hinaufgeklommene Sohn eines fast bettelhaften Gipshändlers aus dem Trento hatte damals entschiedene Abwehr in seinem Innern wachgerufen. Und dennoch hatte er trotz der warnenden Stimmen sich selbst nachgegeben. Sehnte er sich doch so innig darnach, wieder in der herbe verschlossenen Miene Antonias ein heiteres Licht zu sehen, entzündet durch die Musik, mit der ihr ganzes Wesen seltsam verwoben schien. Er selbst fühlte sich ausgeschlossen von dem tiefsten, fast mystischen Verständnis dieser klingenden unirdischen Welt und hatte sie darum ihrem Gemüt bis zu diesem Tag argwöhnischer- oder furchtsamer- oder eifersüchtigerweise ferne gehalten. Ja, die Musik war es, einzig und allein 7 die Musik, die einem Simone Falsati sein Haus und das teilnehmende Interesse Antonias eröffnet hatte. Diese krankhaft überfeinerte, in hundert vom Augenblick erweckten Schattierungen spielende Miene Antonias war dennoch nicht mehr heiter geworden. Sie hatte sich vielmehr in immer tiefere, rätselhaftere Schatten gehüllt, eben seit der Stunde, da Simone in seinem Hause die Valse pathétique und die damals kaum den Enthusiasten bekannte Barkarole aus den »Contes d'Hoffmann« gespielt, und Antonia, in ihrem ganzen Wesen fieberhaft erschüttert, dazu gesungen hatte, zum erstenmal seit ihrem Hochzeitstage. In diese Rätsel um Antonias Wesen, die sein Leben, jeden Aufschwung niederhaltend, wie böse, geheimnisvolle Geister grau umwitterten, mußte doch einmal Klarheit kommen. Sollte ihm heute der Zufall oder mehr als ein solcher, die Bestimmung, den Fremden umsonst entgegen geführt haben, der irgendwie, das ahnte er jetzt immer bestimmter, mit seinem Leben zusammenhing?

Und so gab der Freiherr fast nur einem fremden, über ihm schwebenden Willen den Klang des eigenen Wortes, als er sich trotz des fast körperlichen Degouts mit anfangs zögernder, gesellschaftlicher Zuvorkommenheit an Simone wandte: »Jetzt weiß ich auf einmal, warum ich heute so intensiv an Sie gedacht habe. Wir gehen abends in das Ringtheater. ›Les 8 contes d'Hoffmann.‹ Wir sind zu dieser Musik zuerst durch Sie angeregt worden. Das ist wohl der Grund . . . Ich habe nachmittag zufällig noch eine Loge bekommen. Meine Frau hat sich auch so gefreut, seit Jahren wieder zum ersten Male«, sprach er mehr für sich hin. »Was soll ich nun bis zum Theater beginnen? Weiter im Nebel allein spazieren gehen? Wenn nur diese Feiertage nicht wären.« »Und wenn Sie mir gestatten würden, meine schon lange nicht geübte Kunst wieder einmal in Ihrem Haus zu erproben?« ließ sich plötzlich Simone mit einer gewissen lauernden Bescheidenheit vernehmen. »Ich habe seit Jahren keine Taste berührt.« Der Freiherr stutzte, schien sichtlich verstimmt und machte eine energisch abwehrende Geste. Ein unerklärbares Etwas warnte ihn, von neuem eine Situation herbeizuführen, die Antonia wieder beunruhigen konnte, und ihn selbst, noch in der Erinnerung, mit einer unklaren Erbitterung erfüllte. Aber eine instinktive Neugier, die stärker war als die innerliche Abwehr, drängte ihn, in das Geheimnis hinabzuleuchten, das diese faunisch-fanatische, einer dämonischen Spukgestalt Hoffmanns selbst gleichende Erscheinung Simones zu umspinnen und ihn mit seinem Hause, von dem Moment, da er es betreten hatte, zu verweben schien.

»Nun, so kommen Sie doch«, sagte 9 Clemens, indem er durch den Nebel in die Straße einlenkte, »zu uns hinauf, Herr Falsati. Es wird uns«, fügte er ein wenig gedämpft hinzu, »interessieren, zu erfahren, wie Sie in den drei Jahren vorwärts gekommen sind, seitdem Sie das Amt, das Ihnen zu still war, verließen, um sich der Musik völlig anheimzugeben? Ob Sie nun wirklich ganz der Musik gehören oder, wie es scheint, eine andere sozusagen politische Musik intonieren – –«

Schweigend, mit heimlichem, in der Dunkelheit verborgenen Hohn, der seine Mundwinkel schräg nach abwärts zog, folgte Simone dem Freiherrn, der lässig vorausschritt. Sie traten unter das Portal des zweistöckigen, dunkelgrauen Hauses und stiegen über den karmoisinroten Teppich die wenigen Stufen zum Hochparterre hinan. Während Klemens den bronzenen Türklopfer niederzog, glühte Simones Zigarette unter einem heftig entschlossenen Atemzug auf. Und mit der winzigen Flamme durchzuckte es den Freiherrn wie eine Erkenntnis, daß sich die immer gewisser geahnten Enthüllungen dieses Tages durch die nicht bloß zufällige, sondern von seinem Schicksal selbst erzwungene Begegnung vielleicht auf eine grellere Weise vollziehen würden, als dies bisher in seinem Geschmack und seinen Lebensgepflogenheiten begründet war.

* * *

10 »Melden Sie, bitte, der gnädigen Frau, daß ich zurück bin und einen Gast mitgebracht habe; wen, sagen Sie nicht!« bemerkte der Freiherr zu dem ernsten, grauköpfigen Diener, der, von vertraulicher Lakaienunverschämtheit weit entfernt, dennoch mit einem halben Blick der Verwunderung über den eintretenden Falsati diesem schweigend den Havelock abnahm. Der Freiherr wollte Simone die Tür zum kleinen Empfangs- und Musiksalon weisen, und ihn beschlich einen Moment ein unerklärliches Etwas, wie der Schatten eines ungewissen, peinlichen Empfindens, als er die Sicherheit bemerkte, mit der sein Gast, ohne zu irren, sogleich den Weg zu dem seines Wissens von ihn doch nur ein einziges Mal betretenen Zimmer fand. Dieser gedämpft gemessene Salon, der beide nunmehr empfing, war von dem damals, zu Beginn der achtziger Jahre, herrschenden Zeitgeschmack völlig verschieden. Jener Makart'sche »Farbenrausch«, der in bacchantischer Verwirrung die Stilformen üppig sich entfalten ließ und auf das bunteste durcheinanderschüttelte, hatte hier sichtlich nicht gewaltet. Es war vielmehr ein ernstes, ruhig getöntes Gemach in der Adelsüberlieferung der nachnapoleonischen Epoche, in strengem, ein wenig steifen Empire. Man saß auf lange vererbtem Besitz, schon war der Brokat an manchen Stellen verblichen; dort in 11 der Vase aus Sèvresporzellan hatte gewiß bereits die Rose geblüht, welche die Freifrau Klementine, die Großmutter des Regierungsrates, in den gebauschten Locken trug, als sie durch die Zeile der staunenden Spaziergänger über das Glacis in die Michaelerkirche zur Trauung mit dem gestrengen Gubernialrat Rudolf von Burghausen fuhr. Nur ein einziges Gemälde an der blaßvioletten Tapete, das zwischen den treuherzigen Werken einer gewesenen, gemütlich frömmelnden Wiener Schule, Silhouetten und Familienporträts mit weißen Uniformen, Soutanen und verschollenen Damentrachten hing, erwies des Freiherrn persönliche Richtung: Es war von einem damals noch wenig genannten, rein um die Kunst und schwer mit dem Leben ringenden Meister und stellte eine Frauengestalt dar von unendlich seelenvoller, beinahe krankhafter Zartheit, ekstatisch in ein Traumland hinüberschwärmend, in Farben weltflüchtiger Schönheit – Antonia. Und ein paar erlesene Bibelots, Gemmen und Münzen in dem Eckschränkchen und der Vitrine bezeugten, daß er, ein Sammler und feinnerviger Genießer, auch in diesen Problemen des Geschmackes seine eigenen, aparten Wege ging.

Falsati, der den Raum neugierig durchspähte, als sinne er einer halbverklungenen Erinnerung nach, begab sich stumm an das geräumige 12 Klavier. Er schlug es mit einer zu der fast untergebenen Bescheidenheit, die er sonst zur Schau stellte, seltsam kontrastierenden Kraft, mit herrisch hervorbrechendem Selbstgefühl auf und griff ein paar Tasten.

»Man hat schon lange nicht mehr darauf gespielt«, resumierte er sachlich.

»In der Tat, seit jenem Abend nicht, an dem Sie hier, uns alle mitreißend,« hob Klemens verbindlich hervor, »Chopin spielten . . . oder sagen wir lieber: rasten.«

»Und hat Frau Antonia niemals mehr – seit damals . . .?«

Jetzt, da die Bemerkung Falsatis seine Frau berührte, stieg in Klemens ein dunkles, widerstrebendes Gefühl empor. Er schien beinahe körperlich behindert, in Gegenwart dieses Mannes ihren Namen auszusprechen. Das Törichte dieser Wallung sogleich erkennend und mit Entschiedenheit von sich weisend, versetzte er kurz: »Meine Frau hat doch seit Jahren jeder musikalischen Betätigung entsagt.«

»Es wurde aber doch die letzte Zeit, da ich noch im Amte war, soviel hin und her geredet, daß sie wieder zur Bühne zurückkehren und sogar Wien verlassen werde,« warf jetzt der Gast, gelassen weiterspielend, mit markierter Harmlosigkeit ein. Dann wandte er sich mit einem Male, die Passage abbrechend, dem 13 Freiherrn schroff entgegen, dem das boshaft Lauernde im Gesichtsausdruck seines Gastes sich mit schmerzhafter Deutlichkeit jetzt so heftig einprägte, daß er einer atavistischen Regung kaum zu widerstehen vermochte. Er fühlte ein unabweisbares, ihn selbst erschreckendes Verlangen, diesem grinsenden Dämon, der ihn mit seinen Tönen zu verwirren begann, eine auf dem Kanapee vergessene Reitpeitsche in das Gesicht zu schnellen. Aber ein Gefühl, über das er sich jede Rechenschaft versagte, zwang ihn plötzlich gerade diesem Manne gegenüber zu offenherziger Mitteilung, zu einer Entblößung seines persönlichsten Lebens, die er vor jedem anderen Dritten schamhaft verschwiegen hätte.

»Ich wiederhole nur,« begann der Freiherr mit Hast, »was jeder meiner Kollegen weiß, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich Antonia zuerst auf dem Teatro Fenice die Traviata singen hörte, daß ich ihr später in Görz, wo ich ja bei der Bezirkshauptmannschaft diente, wieder begegnet bin. Dort haben wir geheiratet und verabredet, daß sie selbstverständlich die Bühne verlassen müsse – für immer. Das wissen die Kollegen. Aber was ich Ihnen jetzt sage, weiß niemand. Daß Antonia, um mir ganz zu gehören, mich mit keinem andern entfremdenden Interesse zu teilen, ihrer Musik, der 14 ich leider verschlossen bin, entsagte – um unseres Glückes willen. Erst als Sie zu uns kamen und Antonia zum Singen zwangen – jawohl zwangen, das fühlte ich schon damals – ward es anders. Sie zog sich von mir zurück, sie begehrte wieder mit einer Inbrunst, der ich fassungslos gegenüberstand, zur Bühne. Sie erkrankte, das war ein paar Monate bevor der kleine Klemens zur Welt kam – wie aus Heimweh nach der Musik. Sie verreiste, ließ mich allein, bis das Kind geboren war, und – läßt mich noch immer allein.« Das sagte er wieder vor sich hin mit einer Zartheit, in der ein tiefer Schmerz zugleich erbebte. »Ja noch jetzt, hören Sie wohl, steht wie seit jenem Abend immer zwischen uns ein Ungreifbares, Unfaßbares, das Sie heraufgerufen haben, die Musik. Und wenn ich mit Antonia heute bei den Contes d'Hoffmann in der Loge sitzen werde, bin ich ihr vielleicht ferner, als Sie es damals waren, da Sie in ihr alle Dämonen der Musik entfesselten – Sie, den sie gar nicht kannte, der ihr doch persönlich ein Fremder sein mußte.«

Bei dieser Wendung trat der Diener ein und meldete, die gnädige Frau kleide sich für das Theater an; sie lasse bitten, sich für eine kurze Weile zu gedulden.

»Was Sie mir da anvertrauen,« erwiderte 15 Falsati, »wußte ich längst.« Er sagte dies mit scheinbarem Gleichmut, doch lugte dabei eine unterdrückte Malice hämisch aus seinen feuchten Mundwinkeln.

»Sie wußten es – ? Wer hat Ihnen das gesagt – – ?« Und der Freiherr, getroffen von der wie eine Wunde schmerzhaft aufbrechenden Möglichkeit eines ungeheuren Verrates, glaubte jetzt eine Hand zu sehen, die schmale, nervöse, unendlich geliebte Kinderhand seiner Frau, die ihm dennoch die Kehle umpreßte und eine Träne ins Auge trieb.

»Oder vielmehr« – schwächte Simone ab – »ich sah die Wirkung voraus, wenn ich Chopin spiele . . . vor dieser Frau . . .«

»Und Sie haben trotzdem gespielt, haben bewußt die Entfremdung in dieses Haus, in dem Sie Gast waren, getragen? Wer sind Sie denn, daß Sie ungestraft den Brand in Seelen werfen?«

»Vielleicht war ich damals einer von denen, die, nur äußerlich diesem Land eingefügt, Custozza und Lissa nicht vergessen mögen und in jedem einzelnen die Möglichkeit der Vergeltung suchen,« raunte er ihm entgegen, blaß, an der Lippe nagend, die Augen unstet. »Vielleicht war mir damals die Musik dazu das Mittel. Jetzt hab' ich andere Mittel und einen anderen Haß. Wollen Sie hören? –« Und er zog 16 aus seinem schwarzen, faltigen Rock ein Heft und las dem verwirrten, empörten und gegen jede eigene Einsicht dennoch fortgerissenen Freiherrn eine jener Schriften vor, wie sie gerade in Wien in jener gärenden Epodie des Überganges aus anarchischen Regungen des Hasses wider die gesellschaftliche Gliederung hervorgeschleudert wurden. Simone unterwühlte mit spitzig grabender Logik wie mit Hacken die Fundamente des Glaubens, der staatlichen und der Gesellschaftsordnung, der Klemens seit den Kindertagen, ohne darüber weiter zu grübeln, anhing, und fegte wie mit einer Sturmfackel über den zerbröckelnden Bau. Doch je abweisender der Freiherr zuhörte, desto gebannter gab er sich zugleich dem giftigen Reiz dieser tückisch-philosophischen Beweise gefangen, die wie mit glühenden Armen aus dem Hinterhalt sein Denken erwürgten. Ihm war es, als tobe die wild-musikalische Seele Simones auch in dem Furioso dieser politisch-sophistischen Rufe. Dort wo er gegen österreichische Verwaltungsmißstände geiferte, schienen dem Freiherrn durch die Fratze der Verzerrung hindurch einige dieser Ideen merkwürdig vertraut. Waren das nicht seine eigenen Reflexionen, harmlos dem jungen Konzipisten gegenüber geäußerte Meinungen und reformatorische Vorschläge, die ihm hier, unheimlich verzerrt, 17 entgegengrinsten? Hatte Simone sie ihm entlockt? Und ein Verdacht, so ungeheuerlich beschimpfend, daß er ihn kaum auszudenken wagte, stieg in ihm auf. – Nein – ein Mensch sollte die Stirn haben, ihm gegenüberzusitzen, hier in diesem Zimmer, im Bannkreis Antonias – der ihn – nein, das war unmöglich! Und doch, wer sollte jenen anonymen, für ihn beinahe verhängnisvollen Brief an seinen obersten Chef, den Grafen Taaffe, geschrieben haben, der Klemens vorwarf, daß er, Beamter unter reaktionärem Regime, josephinische Anschauungen öffentlich äußere? Wer anders als dieser von allen wirren Instinkten gehetzte Aufwiegler? Und weiter . . . Wer ihn in seiner öffentlichen Stellung verriet, konnte der ihn nicht auch aus seinem persönlichen Glück hinausgedrängt haben? Und da war sie wieder, diese quälerische Vorstellung, die seit Simones damals etwas unvermitteltem Verschwinden aus seinem Haus und gleich nachher aus dem Amt nicht aufhörte, ihre Nadelstiche in seine Trauer um Antonias verhülltes Wesen zu bohren. Und scheu huschte sein Blick über das Pastell ihm gegenüber. Simone, der eben, naiv eitel, einen Ruf des Beifalls erwartend, innehielt, erhaschte diesen Blick und fuhr heftig auf.

»Nun, Herr von Burghausen, sollte jetzt der Moment für galante Erwägungen sein?«

18 »Herr Simone Falsati – –!« Da erschien der ernste und schweigsame Diener mit dem Servierbrett und gleich darnach Frau Antonias zarte, bebendblasse Gestalt in einem Gewand von fließendem Crêpe de chine, geteilt durch einen Gürtel, der in getriebenem Silber den Jagdzug der Diana vorüberziehen ließ. Von ihrem zartgeschnittenen Kameenkopf mit den scheuen Nasenflügeln und den rosadünnen, in steter verhaltener Unruhe ängstlich gepreßten Lippen ging ein Leuchten aus; es kam von den gelblich goldigen Reflexen, die von dem weichen Braun des in einen einfachen Knoten geschlungenen Haares auf die blauen Schatten an der nervösen Schläfe fielen. Gleich einem Gespinst von Goldfäden flimmerten ein paar Stirnlöckchen über den terrasienafarbenen Tiefen ihres Haares, das wiederum in raffiniertem Kontrast zu den verblaßten Korallen getönt schien. Sie trug in den kühlschmächtigen Fingern eine alabasterne Schale, deren Rand in delikatem Arrangement mattblaue Hyazinthen überblühten; sie hatte diese selbst aus dem Wintergarten gebrochen, um den Teetisch zu schmücken.

Simone hielt das schwarze Haupt mit dem nun doppelt zornig vorschießenden Haarbüschel noch über den Blättern, er hob es jäh – da blickte Antonia starr, die Schale zitterte, Hyazinthen bogen sich wie nach einem Bacchanal um die 19 Ränder des Teppichs. Klemens, der jeder Bewegung Antonias mit stechendem Argwohn und dem ingrimmig quälerischen Drang gefolgt war, nun endlich die Wahrheit schleierlos zu erblicken – neigte sich tief, den Schmerz vor dem Eindringling verbergend, zu den Blumen. Doch ward er sogleich wiederum in seinem, so meinte er, nunmehr zur sicheren Erkenntnis gereiften Verdacht in dessen Wurzeln irre. Denn Antonia hatte sich alsbald gefaßt und reichte dem Gaste ungezwungen die nur leise zitternde Hand, von der ein bläulicher Amethyst durch die Dämmerung blitzte. Wie wundersam muß diese Frau gewesen sein, erwog Simone in rasch entfachtem Schwärmen, bei jenem berühmtesten Atelierfest Makarts, zu dem er trotz aller Bemühung keine Einladung ergattern konnte – da sie um zwei Uhr morgens unerwartet als Salambo erschien, von Mohren in seidener Sänfte getragen, während Rosen aus den Kandelabern niedertropften und gläserne Schmetterlinge in exotischen Farben ihre bleiche Schönheit umtanzten. Nun stand Simone vor Antonia – und alles Unfreie, Dienende, das sonst seine Miene und Haltung bedrückte, war von seinem Wesen völlig gewichen. Mit der raschen Beweglichkeit seiner italischen Rasse verstand er es vollkommen, sofort den Kavalier zu markieren; sein Gesicht gewann in erstaunlicher Verwandlung einen anderen, nur 20 mehr energischen Schnitt. Klemens sah mit erneuertem Erstaunen und mit eifersüchtiger Qual dieses behende Sichverwandeln. Jetzt trat ihm nicht mehr diese »Kreatur«, die er als Rivalen kaum zu denken wagte, sondern beinahe ein Edelmann wie er selbst gegenüber, dessen äußere Erscheinung sogar fast etwas Gepflegtes gewann, nur um ein Dutzend Jahre jünger und – das konnte er sich nicht verhehlen – geschmeidiger in jeder Geste, kühner in jedem Wort, ein Mann, kein Träumer wie er selbst, dessen manchmal dunkel aufbegehrende Kraft sich durch die allzu weichlich kultivierte Versonnenheit seines Wesens nicht durchzuringen vermochte.

»Ich habe die Herren wohl in sehr wichtigen Geschäften gestört? Das ist nichts für mich, das langweilt mich ein bißchen«, bemerkte mit wenig Teilnahme Antonia, und Klemens nahm mit heimlicher Freude wahr, wie Antonias Blicke an Simone, als einem völlig Fremden, vorüber durch das Fenster in das Schneetreiben schauten, wie diese Augen, die beim ersten Wahrnehmen Simones phosphorisch grün geschillert hatten, jetzt wieder ihr gewohntes, kühl verhangenes Grau annahmen.

Freilich war ihm jener prüfende Blick Antonias entgangen, mit dem eine Frau immer den Mann umfaßt, der einmal in ihr Leben getreten, wenn er ihr nach Jahren wieder unversehens 21 gegenübersteht. Von Klemens war die Sorge plötzlich so vollständig gewichen, daß er, seiner selbst wiederum Meister, sich sogleich zu Simone und Antonia wandte:

»Herr Falsati, an den du dich vielleicht noch erinnerst, mein Kind, hatte die Freundlichkeit, mir aus einer Arbeit vorzulesen, und ich muß sagen, wenn solche Gedanken jemals Wirklichkeit würden, dann wäre jede Hoffnung, jedes Streben für dieses Land, mit dem ich und meine Kreise doch stehen und fallen, ohne Sinn«, fügte er mit dem zum erstenmal betonten Stolz seines Blutes hinzu. »Dann bliebe mir und allen meines Sinnes wirklich nichts übrig, als in Pension zu gehen und die Zukunft untätig abzuwarten.« Und seine sinkenden Wimpern warfen wieder jene tiefen Schatten der Resignation, wie sie ihn beim Eintreten Antonias umdüstert hatten.

»Machen mich denn nicht die Anzeichen unserer Zeit selbst zum Propheten. Das Zusammenkrachen großer Vermögensmassen, die Unterminierung des Militarismus! Man wird ihn abschaffen – –« höhnte Simone.

Klemens sprang auf. »Herr Falsati, ich glaube, Sie vergreifen sich da einigermaßen im Ton!«

»Das Aufhören aller militärischen Vorurteile müßte doch gerade Ihnen, Herr von Burghausen, besonders erwünscht kommen«, fügte Simone in so konziliant weltmännischer Betonung 22 hinzu, daß Klemens beinahe wirklich zweifelte, ob sein Gast nicht dennoch von urbanerer Gesinnung wäre, als seine jugendlich gewalttätige Schrift vermuten ließ. Aber Antonia hatte den feinen, dazwischenklingenden Hohn keineswegs überhört, und ein Flämmchen des erregten Zornes, der sich nicht äußern durfte, huschte von den durchsichtigen Schläfen zu dem schroffen Kinn hinab. Antonia empfand es sehr genau, daß Simone mit diesem scheinbar harmlosen Wort jenes dunkelste Verhängnis berührt hatte, das ihres Gatten Haus beschwerte. Noch stand ihr, obwohl zehn Jahre seitdem mehr verdämmert als gelebt waren, die Stunde greifbar vor der Seele, da der Freiherr im Schloßpark zu Görz, in dem beide, zum Meere hinspähend, unter einer Olive rasteten, mit seltsam zagender Stimme um ihre Neigung warb. Ein grauer, entnervender Schatten, der wohl schon seine Jugend umdüstert hatte, schien damals auf allem, was er sprach, zu lasten. Ob sie niemals von dem Oberst Franz von Burghausen gehört habe, von dem er abstamme? Als sie dieses verneinte, rief er, umständlich erklärend: Dies sei der Name jenes Obersten, dem wegen seiner oft erprobten Tüchtigkeit in der Königgrätzer Schlacht die Verteidigung einer wichtigen Stellung am Trebinabach anvertraut worden war. Ihm, diesem ausgezeichneten 23 Offizier, war es unbegreiflicherweise passiert, daß er im entscheidenden Augenblick die sichere Entschlossenheit verlor. Er hatte nicht sofort an Ort und Stelle abprotzen lassen, um die Arbeit der feindlichen Pioniere, die unter ziemlich starker Deckung die Brücke schlugen, zu verhindern; er hatte vielmehr die wenigen entscheidenden Minuten durch Befehle für die eigenen, nicht nahe genug postierten Pioniere verhängnisvoll ungenützt verstreichen lassen, so daß die feindlichen Bataillone über die rasch aufgeschlagene Brücke vorstürmen konnten. Sobald der unglückliche Ausgang der Schlacht entschieden war, schoß sich der Oberst, der sich selbst um die Ehre eines tapferen Soldatentodes gebracht hatte, in der Verwirrung des Augenblicks in unerbittlicher Selbstanklage in kerzengrader Haltung auf dem dampfenden Hengst mit der Pistole durch den Mund. Als Erbteil des von ihm vergötterten Vaters sei Klemens, wie jener ganzen Generation, die in den Tagen von Königgrätz jung gewesen, die Zaghaftigkeit geblieben. Er hoffe wenigstens, gleich seinem Vater, aufrecht, in der Haltung eines auch dem Tod überlegenen Kavaliers zu sterben.

Diese Todesvorstellung, die sich auch in Antonias Brust tief eingegraben hatte, seitdem sie ohne Erlebnis, selbst ohne leidenschaftlichen Wunsch dahindämmerte, ließ sie jetzt in 24 unvermitteltem Übergang an Klemens vorbei, der mit einemmal wohlgelaunt den Tee eingoß, zu Simone hinüberrufen:

»So spielen Sie doch die Danse Macabre! Ich verlange das von Ihnen!«

Simone, den das Schweigen zu belästigen begann, setzte sich sogleich gehorsam an den Flügel. Er intonierte die ersten Takte und eine melodische Hölle heulte aus der Tiefe, wo dieser Spieler sie bis dahin gebannt zu haben schien. In tausend Fratzen, in purpurnen Gewändern, mit klappernden Knochen, Köpfe mit zerborstenen Hirnschalen wie Kugeln schleudernd und wiederum haschend, dann wieder die fleischlosen Arme hoch als Taktstock schwingend, tanzte der Tod in rasendem Galopp durch diesen gedämpft vornehmen Salon. Mit Antonia ging aber eine seltsame Veränderung vor. Ihr Antlitz glich jetzt, wie in einer schweren Erkrankung, dem Weiß der Alabasterschale; die Augen schimmerten völlig grün. Sie neigte sich, jeden Ton einsaugend – jetzt begann sie wie damals zur Begleitung Simones zu singen – – Klemens erbebte. Ein Ausdruck des glühendsten Lebenswillens, gemischt mit leise geahnter Todesbedrängung, erklang, rührend und betörend zugleich, in dieser Stimme. Und der Freiherr erstarrte im Innersten, als er wahrnahm, wie die Töne sich suchten und sich 25 wie in wildem Hochzeitstaumel ineinander verschlangen, um mit brünstigem Seufzen zu scheiden, wie diese sehnsüchtig umworbene, niemals von ihm ganz besessene Seele sich willenlos, alle Hüllen herkömmlicher Sitte von sich werfend, an die des fremden Mannes schmiegte.

Und jetzt brach Antonia ihren Gesang jählings ab, wie der Tod selbst eine Liebesstunde zerbricht. Und in lautlosem Tanz glitt sie Schritt vor Schritt zwischen den Hyazinthen über den Teppich und schien Klemens und Simone gleichweit über die Grenzen des Lebens hinaus entrückt, um in einem plötzlichen Wirbel aufstöhnender Leidenschaft von dem einen zum andern zu fliehen, beide im Tanze lockend zu umwerben, zu umkreisen und beide in einer glühenden Todesverkettung mit sich hinabzuschleifen.

Und mit geschlossenen, von schweren bläulichen Ringen umzogenen Lidern stand sie jetzt, mit zusammengekrampfter Hand die Tasten umklammernd, starr in nachzuckender Erregung an dem Klavier.

»Geliebte, Angebetete, Rätselhafte . . . .« flüsterte ihr Klemens zu, während ihre Finger sich aus der Umklammerung lösten und ihm wirr und traumhaft um Haar und Stirn tasteten. Und eine Zärtlichkeit ohne Maß und 26 Hemmung, ein rasender Wunsch des vollen, ungeteilten Besitzes, wie er ihn noch nie empfunden, quoll in ihm empor. Und zugleich ein mit heimlicher Hoffnung untermischter Schmerz, daß er, wie ein auf der Jagd getroffenes Tier, vor Qual hätte stöhnen mögen. Im Gesang hatte sich ihre Seele von ihm gelöst und war zu diesem andern hinübergeirrt. Aber im Tanz hatte sie ihn gesucht, hatte sein Haar gestreift. Wem gehörte sie nun? Wer fand die Entscheidung? Er mit seiner klaren Bestimmtheit vermochte es nicht, mit diesem Zweifel zu leben.

Simone aber war wie ein Besessener gegen Antonia gestürzt. »Sie wollen sich der Bühne entziehen? Kehren Sie zu Ihrer Bestimmung zurück, Frau Antonia! Die Bühne erwartet Sie, der Glanz, das Leben!« Er stand vor ihr in bleicher Ekstase, halb ein Verführer und halb ein Magnetiseur. An wen erinnerte er Klemens nur? Diese fuchtelnde Hartnäckigkeit, mit der er ihr zuredete, zur Bühne zurückzukehren, diese Fechterstellung – irgendeine Theaterfigur, die er unlängst gesehen, hatte so, wie um eine Seele ringend, gestikuliert. Wo war das nur? Vielleicht in Paris? Er grübelte immerzu und fand kein bestimmtes Bild.

Antonia aber blickte ihn, scheu an Simone vorüber, so ängstlich, so müde, so hilfeflehend 27 an, daß sein eben erwachtes Hoffen wieder verzagte. Und Simone, in dem Begierde, Eifersucht und Erinnerungen durcheinander tobten, raunte ihm mit einer finstern Grimasse plötzlich zu: »Wenn eine Frau Sie verließe, um eines andern willen – Sie würden wohl die Frau und den andern töten, wie Ihr Kodex vorschreibt? . . .«

»Allerdings, Herr Simone Falsati,« und den Blick Antonias schmerzlich in sich saugend, fügte er lauter, mit tiefer Melancholie hinzu: »Vielleicht würde ich ihn auch nicht totschießen, sondern ihr überlassen, wenn sie, die mir mehr als mein Leben gilt, in sich entschieden ist. Eine verlorene Neigung läßt sich ja so wenig festhalten, wie ein letzter, für immer entfliehender Atem, aber mein Leben wäre, wenn ich sie verlöre, ganz ohne Sinn, und ich würde es wegzuwerfen wissen. Zu resignieren, das ist ja meine Bestimmung! . . .« setzte er wie unter einem unerklärlichen Zwange hinzu, der seine heimlichsten Gedanken laut werden ließ.

»Vielleicht ist das überhaupt der ganze Sinn unseres Daseins: Wie man zu sterben weiß!« klang es jetzt mit einem Seufzen von Antonias zitternden Lippen herüber.

»Ja, vielleicht zeigt es sich erst in diesem Moment, dem Tod gegenüber, wer wir eigentlich sind, Herr Simone Falsati: Schurken oder Feige!« 28 Er sagte das plötzlich mit einer ihm sonst ganz fremden, starken, fast drohenden Stimme, und er war insgeheim über diesen mannhaften, entschiedenen Ton und darüber erstaunt, daß seine Gedanken jetzt, da er doch in das Theater zu dem letzten, freilich sehr gespenstischen Werke Offenbachs wollte, von dieser Sterbemusik wie vom Duft eines mystischen Kelches betäubt, immer um den Tod irrten. Antonia aber, von dieser ihr völlig unerwarteten Kraft der Stimme wie von einer körperlichen Zärtlichkeit beseligend berührt, sah ihn jetzt mit einem Blick so voll Staunen, so voll ungewiß demütiger Fragen und süßester Verheißung an, daß alles Leben in ihm stockte. Dann sank sie in gelöster Spannung, mit einem Aufschrei aus ihrem Innersten, schluchzend in sich zusammen.

Klemens neigte sich in tiefster Zärtlichkeit über ihr schmales Gesicht, dessen entstürzende, in das feuchte Haar kollernde Tränen ein schweres inneres Ringen zu spiegeln schienen. Diese Tränen waren das Siegel seiner niemals verlorenen Herrschaft! Sie weinte um ihn, sie verabscheute diesen andern, sie fürchtete ihn vielleicht und wünschte darum, daß er aus ihrem Leben weiche, aber sie liebte nur ihn, nur seiner Kraft galt ihr Vertrauen in dieser Stunde der Gefahr! Nur dem Manne, dem eine Frau in solcher Stunde oder vielleicht nur 29 Sekunde vertraut, gehört sie ganz, mit ihren Sinnen und Nerven! Und so unendliches Glück durchströmte ihn, daß er den kleinen Klemens gar nicht bemerkte, der, von der Kinderfrau hereingeführt, in den Salon gestolpert war, um der Mama vor dem Schlafengehen eine »Gute Nacht« zu bringen.

Der kleine Klemens machte sich inzwischen, weil niemand seiner achten wollte, auf recht gewaltsame Weise bemerkbar. Er riß Antonia an dem Saum des Kleides, und da sie ihn trotzdem nicht in ihre Arme hob, zerrte er mit den kleinen Fäusten so heftig an ihrem Spitzentuch, daß es knisternd, mit scharfem, zischendem Laut zerriß – während in dem gleichen Augenblick ein Knarren wie von zerbrechendem Holz dicht gegenüber vernehmbar ward.

Simone hatte, als er Klemens' zärtliches Hinüberneigen sah, den Knauf einer Stuhllehne in eifersüchtigem Zorn so gewaltsam gepreßt, daß er sich knirschend löste. Und jetzt, da Simone aufrecht stand, die Rechte vorgestreckt, als bereite er eine neue Wortattacke vor – nun wußte Klemens, wem er in dieser Attitüde so ähnlich ward: Dem Doktor Mirakel in den Contes d'Hoffmann, wie er ihn bei der Pariser Premiere der Opera fantastique gesehen: gleich einem schwarzen Gespenst wachsend und wild umherflatternd, um die Sängerin Antonia 30 wieder zu ihrer Kunst zu verführen und sie ihrem Bewerber Hoffmann zu entreißen. Aber völlig, Zug um Zug – jetzt erinnerte er sich genau – glich Simone dem Wiener Schauspieler, dessen Photographie ihm heute im Foyer des Ringtheaters, wo die Schauspielerporträts in einem Rahmen hingen, in dieser Rolle aufgefallen war.

Von der heftigen und zornigen Geste Simone-Mirakels blickte er zu dem kleinen, mit den Ärmchen die Kinderfrau wütend von sich stoßenden Klemens – und die besondere, bestimmte Ähnlichkeit zwischen den Bewegungen des zornigen Mannes und des erbosten Kindes ließ in ihm eine Vermutung aufblitzen, die seinen schon eingedämmerten Schmerz wiederum bis zum Wahnsinn aufpeitschte. Ihm hatte dieses maßlos heftige, seiner eigenen Art durchaus widersprechende Wesen des kleinen Klemens schon manches ängstliche Nachdenken bereitet. Doch war er immer geneigt gewesen, diese Heftigkeit als Eigenheit zu betrachten, ererbt von Antonia, mit der den kleinen Klemens manche Ähnlichkeit der Bildung des Mundes und des Profils verband. Allein in dieser Minute stand ihm nun als greifbarer Verdacht Antonias Betrug und seine Frucht vor der Seele: Dieses seltsam ungebärdige Kind. Nun schien es ihm gewiß, daß Simones 31 kochendes Blut stürmisch in diesem Kinde lebe, dem er, gerade weil Antonias Züge schattenhaft aus den zarten Mienen tauchten, mit mehr als väterlicher, mit schwärmerischer und erwartungsvoller Liebe anhing. Hatte ihn, den selbst kindlich Aufrichtigen, tagtäglich zu Hause seit Jahren eine so unfaßbare Lüge umfangen, dann mußte dieses Heim für alle Zukunft der verbrecherischen Antonia und dem Kind Simones verschlossen bleiben, dann mußten Antonias Wege – wenn sich ihm auch dabei das Herz in Jammer zusammenzog – für immer von den seinen getrennt verlaufen. Wie sollte er aber je hoffen, der Wahrheit in das verworrene Gesicht zu sehen? Nur die Zeichen sprachen, flüchtige, höchst ungewisse Zeichen – und von Antonia, die schweigend sich in ihr Inneres verschloß, war eine Antwort schon darum nicht zu erwarten, weil alles Gelebte an ihr, war es einmal ausgelebt, vorüberzog, als wäre es nie gewesen.

Jetzt summte sie eben in träumerischer Arglosigkeit, die wiederum in die zerrissene Seele Klemens' die Ungewißheit schüttete, die Barcarolemelodie »Belle nuit, nuit d'amour« und hing sich mit den wie von einem fremden Ufer herübergehauchten Worten: »Komm Klemens . . . zu den Contes d'Hoffmann – wie ich mich freue! Nun ruhen wir in der Musik vom 32 Tode aus . . .« mit tiefer Zärtlichkeit in seinen Arm. Jetzt mußte er die Wahrheit schauen, die Wahrheit haben – sollte auch sein Leben darüber zerbrechen – und jetzt sah er vor sich den Weg – –

Wenn die Barcarole wirklich in weichen Wellen von der Bühne Antonia umschwebte, wenn Mirakel-Falsati dort auf der Szene, vom Orchester umrauscht, von Lichtern umwoben, vor ihr agierte, die Offenbachs Oper nicht kannte, und an ihr eigenstes, verschwiegenstes Wünschen, den Traum der Musik, mit solcher Gewalt der Töne rührte: da war es unmöglich, daß sich das Geheimnis nicht von ihr löse. Ein gestammelter Ruf, eine überraschte Geste, eine Bitte, ein Schrei mußten ihm, der in kleinen, bisher noch immer widersprechenden Zügen wohl zu lesen verstand, sein Schwanken zur Sicherheit befestigen. Wahrscheinlich aber brach im Verlauf der Nacht, während oder unmittelbar nach dieser Vorstellung, die sein Schicksal, mehr als er ahnte, entscheiden sollte, das Bekenntnis selbst von ihren Lippen. Denn Antonias durchaus nicht der Lüge zugeneigtes, aber zwischen dem, was man Recht und Unrecht, Gesetz und Schuld zu nennen gewohnt ist, traumwandelndes Wesen glich einem kostbaren, mit Geheimnissen erfüllten Schrein, den nur ein Schlüssel öffnen mochte – die Musik.

33 Und so gehorchte Klemens abermals dem gebietenden Dämonium, als er, trotz seines tiefen inneren Widerstrebens, wieder in völlig weltmännischer Zuvorkommenheit, scheinbar leichthin zu Simone sagte: »Sie würden meiner Frau und mir gewiß die nämliche Freude bereiten, wenn Sie den ohnedies angebrochenen Abend mit uns im Ringtheater beschließen würden, in unserer Loge.«

Und Simone nahm in dem unwiderstehlichen Wunsch, den ganzen Abend in der Nähe dieser Frau zu atmen, die er in wieder aufgeglühter, freilich, wie er sich selbst sagte, törichter und hoffnungsloser Leidenschaft begehrte, und desgleichen von inneren, diesmal warnenden Stimmen beraten, daß sich auch für ihn heute Entscheidendes begeben werde, mit stummem Lächeln an.

Sie stiegen langsam zu dritt über den dunkelroten Teppich in das Vestibül. Und da sie in der altväterischen, mit der Freiherrnkrone geschmückten Equipage auf dem blauseidenen Polster saßen und über das feuchte Pflaster dem Ring schweigend entgegenfuhren, erwachten Visionen, Bilder eines ganzen versäumten Daseins in des Freiherrn jetzt von so mancher, vielleicht Blut erheischender Entscheidung bedrängtem Sinn. Er sah sich als jungen, bereits über seine Jahre und Umstände hinaus ernsten Akademiker 34 in Wiener Neustadt. Er sah aller Kameraden Erwartungen auf sich gerichtet, als das verantwortungsvolle Kommando seines Vaters, des Obersten Franz von Burghausen, in der Akademie, deren weite Gänge von Kriegsgesprächen widerhallten, verlautbarte. Und er sah sich auf der Treppe zusammenbrechen, da er die Kunde von dem verzagenden Tod des Vaters an dem gleichen Tag empfing, da er als Leutnant ausgemustert worden war. Und er sah die nächsten Jahre in dumpfem Gleichklang vorübergleiten: Wie er die Charge niederlegte und, dem militärischen Beruf für immer entsagend, sich in die Einsamkeit des väterlichen Gutes nur mit Büchern zurückzog, um in anhaltender, vor jeder Verhöhnung fliehender, abgeschlossener Arbeit seine neu aufgenommenen Studien bis zu jenem Ziel zu führen, das ihm gestattete, dem Vaterland in einer zivilen, das persönliche Hervortreten ausschließenden Bestallung auf seine Weise zu dienen. Er bat um das stillste, abgeschiedenste Ressort, wo er dennoch rasch avancierte. Und er sah sich vor einigen Wochen mehr überrascht als beglückt durch eine Anfrage des bosnischen Landeschefs, ob er nicht, seine längst erkannten Talente endlich nutzend, einer Berufung in die neu okkupierten Länder folgen und an ihrer Verwaltung in dominierender Stellung teilnehmen würde? Und er empfand wieder die stechende 35 Kränkung, die ihm Antonias völlig teilnahmsloser Gleichmut gegenüber der Beratung dieser sein ferneres Leben entscheidenden Frage, ja ihr offenes Widerstreben erregte, sich darüber zu äußern, ob sie Wien mit ihrem Gatten verlassen wolle. Und diese Jahre mit Antonia selbst zogen an Klemens, während der Wagen in der schneeigen, nur von ein paar Gaslichtern erhellten Dunkelheit zwischen klingelnden Tramways die Front der Oper passierte, schweren Schrittes vorüber. Er fand sich in der grünen, goldumborteten Loge im Teatro Fenize, starrend auf die noch halb kindliche Sängerin im dürftigen Kleidchen, er trug noch immer ihren weich umschleierten Ton im Ohr, der sich damals um sein weltmüdes Empfinden schloß wie ein seidenes Gespinst. Seine zagende Werbung stand wieder vor ihm und der ein wenig gedämpfte, sich selbst mißtrauende Jubel, mit dem er ihr Ja empfing. Antonia schien in den ersten Jahren seiner Ehe mit ihrem halberblühten Glück seine gelassene Zärtlichkeit, seine niemals theatralisch erregte Art eben zu dulden, ohne davon in jenem scheuesten Kern ihres Wesens getroffen zu werden. Er durchlebte noch einmal jenes verhängnisvolle Spiel Simones vor drei Jahren und die schmachvolle Nacht nachher: wie sie, in ihrem Innersten durch die Musik entfesselt, sich, die Finger in sein Haar gegraben, in seine Arme warf. 36 Noch bebte ihr Schrei in ihm nach, er spürte wieder ihren jähen Biß, wie ihre Küsse sein Blut sogen. Und er sah sich selbst, wie er, fast erschreckt von diesem Sturm junger, tobender Kräfte, sie mit tröstender, unendlich milder Zärtlichkeit zur Ruhe zu bringen suchte. Sie aber schlief, die Polster und Decken von sich stoßend, mit einem Schluchzen in jene entfremdende, ja zuweilen feindselige Gleichgültigkeit hinüber, die seitdem die Gatten trennte. Dann die Hoffnung auf ein erneuertes Glück durch die Geburt des kleinen Klemens. Der ihm vielleicht gar nicht gehörte! Nein, er gehörte ihm doch! Wie hatte er sich nur so quälen können? Er grübelte immer zu . . . Das Kind war ja schon von Antonia empfangen worden, als Simone das Haus betrat. Das Kind wenigstens war sein eigen, was immer geschehen sein mochte. Und eine helle, fast jubelnde Freude flutete wieder in ihm hinauf.

Jetzt fühlte sich Klemens in der Finsternis des Wagens von Antonia, der sich seine Gedanken wieder näherten, so entfernt, daß er, sich ihrer atmenden Gegenwart vergewissernd, mit scheuer Innigkeit ihre Hand suchte; doch er schreckte von einer fremden Berührung zurück. Von einer in das aufgegrabene Trottoir für gewisse nächtliche Straßenarbeiten gesteckten Fackel schwang sich in diesem Augenblick an der Kreuzung des Schottenrings ein flackernder Schein in den 37 Wagen und fiel – auf die Hand Simones, die sich von Antonias Arm jetzt wie nach einem zufälligen Begegnen wieder entfernte, während Antonia, von dieser Berührung bis in das Innerste erregt, an Simone mit einem Blick wehrloser, plötzlicher Hingebung haftete. Das Dunkel nistete sich wieder, Ruhe um sich spinnend, in die Ecken des Wagens. Aber der Freiherr wußte, daß dieses ruhige Dunkel sich bald schreckhaft erhellen, daß die nächste Stunde sein Schicksal blutrot wie diese Fackel beleuchten werde.

Und als die Equipage vor dem umdrängten Portal des Ringtheaters unter den elektrischen Lampen hielt, welche die Karyatiden der Brüstung, den Apollo und die Lyra, mit feierlichem Glanz umgossen, erinnerte sich Klemens, daß an dieser Stätte einmal der Wiener Scharfrichter seines Amtes gewaltet hatte, daß darum die Volkssage den Ort mit Schrecken und gespenstischen Vorstellungen umwob, und daß man es als eine Versuchung Gottes mißbilligt hatte, auf diesem Tummelplatz von Geistern und Dämonen ein Theater der heiteren Muse aufzubauen . . .

* * *

Sie saßen in der Loge, dicht an der Bühne, und blickten von der steil abfallenden Höhe dieses zweiten Stockes in das geschäftig vergnügliche Summen des Parketts hinab, in jenes 38 eilfertige Durcheinander vor dem Beginn der Vorstellung. Das erste Glockenzeichen schrillte kurz durch das Theater. Im Souffleurkasten ward es hell; man sah die knöcherne Hand ein Buch vorschieben und Blätter ordnen. Jetzt kamen, ein bißchen unlustig, in verschlissenen schwarzen Anzügen mit der Feiertagskrawatte ein paar Musiker in das Orchester; dort wurde ein Bogen probiert, er kreischte, hier klang die Viola und schnarrte der Brummbaß. Unten im Parkett suchte jeder mit verbindlicher, nach allen Seiten grüßender Eile seinen Platz. Die Diener klappten die Ecksitze auf, ein Rascheln von Gewändern, ein Knittern von Zetteln lief durch den Raum, aus dessen halbfinstrer, vom Lampenlicht matt beschienener Tiefe Uniformen, Kragen wie weiße Punkte und funkelnde Lichter aus dem Haar der Frauen hinaufblinkten. Gegenüber auf der gedrängten Galerie ein schwarzer, surrender Schwarm, in jener durch die Finsternis gesteigerten bewegten Unruhe nach den ersten Zeichen des Beginns, ehe sich der Kronleuchter entzündet.

»Schöne Nacht, du Liebesnacht . . .« sang Antonia vor sich hin und schlug, von der Melodie, welche sie nicht losließ, eingewiegt, mit dem weißen Handschuh auf dem Samt der Brüstung lässig den Takt. Der Freiherr neben ihr starrte ernsthaft durch das Opernglas in 39 das Parterre, in die erwartungsvoll erregten Gruppen hinunter, während Simone, über das Stühlchen Antonias gebeugt, das sein hitziger Atem streifte, mit fest vorgestrecktem Finger auf den Theaterzettel und den Namen der Sängerin der Antonia in »Hoffman'ns Erzählungen« hinwies.

»Kommt wirklich die Kaiserin heute?« vernahm man jetzt aus der Nebenloge die ein bißchen dünne Stimme der Dame mit dem geschwungenen Makarthut.

»O nein!« erwiderte ihr zur Seite der elegante weißhaarige Admiral mit den vielen Orden, »Majestät entzieht sich der Residenz und gedenkt auch heuer wieder die Cour zu meiden, in Gödöllö einsam zu überwintern und Füchse zu jagen.«

»Wunderbare, einsame Frau, gelöst von jedem Zwang«, träumte Antonia halblaut. »Wunderbar hohe Frau, ihre eigenen Wege –«. Aber noch hatte sie den Satz nicht beendet, da richtete sich Simone hinter ihr gerade auf, und den Finger gegen den noch nicht aufgezogenen Bühnenvorhang gerichtet, der sich, wie vom Zugwind gestreift, ein wenig hob, rief er:

»So hören Sie doch, gnädige Frau! Hören Sie!« Und man vernahm von der nahen Bühne, hinter dem Vorhang, ein Laufen und Schlurfen, das Gewirr lärmender, plötzlich ängstlicher, 40 dann entsetzt durcheinander schreiender Stimmen. »Franz! He! Franz! Den Fünfervorhang aufazieh'n! G'schwind aufazieh'n! Jessas Maria! Der Gazevorhang . . . Er is brennert word'n –! Master!! Wo ist denn der Master! Abi mit der eisernen! Los mit dem Automaten! Wo ist denn die Spritz'n? Was rennt denn davon! Maria und Josef!« Antonia beugte sich über den Logenpfeiler – da, ein Knattern, ein Ruck, den sie stark verspürte, – der Vorhang, zu dem sie, sonderbar beklommen, das schöne Haupt noch immer mehr neugierig als angstvoll hinübergeneigt, spähte, barst in der Mitte entzwei. Mit gewaltigem Sprung, wie eine rasend gewordene Tigerbestie, schoß eine riesenhafte, gelbrote, am Rand blauschwarze Flamme in das ahnungslos plaudernde Parkett, beleckte grimmig die Logenbrüstung – und – der Vorhang bauschte sich mit einemmal in der geborstenen Mitte auf und fegte, von einem jäh durch das Haus heulenden Wind gepackt, wie eine zerfetzte rote Fahne zur kreischenden Galerie empor, die brennende Bühne enthüllend. Wie aus einer ungeheuren, immer wilder auflodernden Esse mit geschichtetem glühenden Erz zischte es, Rauch, Dampf und Feuer vor sich treibend, von der Bühne nieder. Ein Sausen wie von Blasebälgen. Plötzliches, lauerndes Stillestehen der Lohe. Dann eine 41 violette Flamme, von dem Punschnapf, der auf einem der Studententische der Szene stand, steil aufschießend. Rote, tiefblaue, spritzende Funken, ein weißer, in der Mitte rosaroter, gleich darauf schwefelgelber und wiederum ametystblauer Gischt; grüne Flämmchen, die von Soffitte zu Soffitte tänzelten, um in den brodelnden Herd zurückzutaumeln. Bemalte Leinenwände, Stuben, Wälder, schneeige Berge, Meere, Schlösser, Teiche rauschten herab, eine ganze täuschende Welt ließ ihre vom Feuerschein unheimlich gesteigerten Farben in das Getümmel von Rot, Gelb und Violett niederprasseln. Vom Schnürboden herab sprangen Männer mit flatternden Blusen wie durch ein Sonnwendfeuer durch das hin- und herschäumende Rot. Halbnackte Gestalten, geschminkte Gesichter mit weißen Stutzperücken, in rotsamtenem Studentenhabit stoben aufkreischend hinter die prasselnden Kulissen. »Feuer! Feuer! Retten wir uns!« Ein Schrei brüllte jetzt von der Spitze der Galerie bis in die noch immer regungslos, als betrachteten sie ein dargebotenes Schauspiel, dasitzenden Reihen des Parketts. »Ruhe, Ruhe!« klangen beschwichtigende Rufe. Aber sie wurden von dem aufschrillenden, schwarzen, nur durch die Flammen der Bühne gespenstisch erhellten Haus verschlungen. Da klammerte sich der in das Innere des Theaters 42 gewirbelte Vorhang an der Galerie fest, die Rauch und Funken umschnoben – und mit offenem, brennendem Haar stürzte ein blondes Mädchen kopfüber von der obersten Galerie in das stampfende, drängende, zu den Ausgängen hin tobende Parkett.

Antonia saß vor dem ungeheuren Anblick wie trunken da und schaute wie eine Unbeteiligte, von solchen Farben verzückt, in dieses vom Wind gepeitschte Rauschen, in das jetzt von oben lichtblaue Flammensterne niederzischten – bis das Feuer die vergoldeten Schnüre und Quasten und die vorderen Draperien der Loge selbst hungrig packte. Jetzt gellte sie auf: »Ich will leben, leben, leben, rette dich und mich –« Und ohne auf Klemens zu achten, der, mit kühler Überlegenheit den Plan des Theaters, den er kannte, im Nu erwägend, die Möglichkeit der Rettung bereits erkannte, hielt sie sich mit den weißbehandschuhten Fingern an Simone, als an dem Manne fest, den im Todesentsetzen all ihre Hoffnung, all ihre Sorge in dieser Sekunde in raschem Impuls umklammerte. Simone aber stand noch immer starr, die Finger um die von Funken überregnete Logenbrüstung gepreßt. In das Gesicht hatten sich zwei schwarze Rauchfurchen eingesenkt, das Weiß der Sklera trat aus dem schwarzen Grunde gleißend hervor. Zwei dicke 43 Blutstropfen fielen im Schrecken, der sich zu beherrschen rang, langsam von der zerbissenen Lippe die rauchende Hemdbrust hinab. Antonia hielt ihre verkrampften Finger noch immer um seinen Arm – da fühlte Klemens mit der hellseherischen Kraft in den Augenblicken zwischen Leben und Vernichtung, daß hier in dem brennenden Theater, in dieser von Dampf und Rauch umwirbelten Loge sich jetzt sein Schicksal entschieden habe. Das war die grellrote, gleich einer in blutiger Faust geschwungenen Fackel auflohende Erkenntnis, die er heute vorausgeahnt hatte! Die Geste, der Ruf, der Schrei, welche die Musik aus Antonias Brust hätte lösen sollen – über alle Zweifel klar hatte diesen Schrei nun der Tod hervorgepreßt. Der saß grinsend hoch oben in den knarrenden Dachsparren, ließ die rötlich überschimmerten Gläser des Kronleuchters durch die freudig klappernden Finger spielen, um dann mit einem Satz von der Galerie in die Logen, vom Parkett zum Dachfirst zurückzuschnellen, mit gellendem Jauchzen die Vorhangfetzen wie eine vom Blut rauchende Siegesflagge um die phantastisch gleißenden Knochen schwingend. Er wird in wenigen Augenblicken seine Ernte in flatternde Garben von Menschenleibern zusammenbinden, doch hatte er in dieser Sekunde schon zwischen diesen drei Menschen ein 44 verschwiegenes Trauerspiel geschlossen. Eine Seele war in diesem der Vernichtung verfallenen Hause bereits erloschen, zu Asche gebrannt. So gleichgültig war Klemens, den der Tod umglühte, sein Dasein mit dem zerbrochenen Ziel in dieser einen Sekunde, daß er selbst darüber staunte, wenn er in die tobende Lebensgier des Parterres schaute. Da blinkten nackte Schultern aus Flitterfetzen, das Weiß eines Hemdes aus dem Riß eines Frackes, halb abgetrennte, herunterhängende Uniformkragen, da rangen Greise mit Männern, Knaben mit Frauen um einen Schritt dem Ausgang näher – und drüben die Galerie, wo man nichts als einen schwarzen, von den Flammenlappen rings umwirbelten Knäuel von schreienden, beißenden, über die Bänke geworfenen, im Todesgrauen einander niederstoßenden Menschen sah, im Entsetzen verspreizte Finger, röchelnd hinsinkende Leiber. Nur diesen einen Wunsch fühlte der Freiherr jetzt: hier die Schmach seines Vaters auszulöschen, zu retten, zu helfen und selbst wie ein Mann unterzugehen. Morgen würde man ihn dann erstickt und versengt, von keinem erkannt und beweint, zwischen zertretenen und verkohlten Menschen finden. Und da er nun in Antonias im Grauen verzerrte, plötzlich alt gewordene Miene blickte, faßte ihn ein unsägliches Mitleid, wie mit einem sterbenden Kinde. 45 Sie sollte gerettet werden und auch Simone, wenn er sich jetzt als ein Mann bewährte. Das eigene, des Gatten Dasein, war den Mächten, die drüben das Feuer schürten, längst verfallen – Simones Leben war wichtiger, um Antonias willen! Er selbst aber war entschlossen, den Tod zu suchen, wenn er ihm nicht ohnedies am Weg begegnete . . .!

»Fort!« schrie Klemens und stieß die Logentür, gegen die sich die Gewalt einer draußen auf dem Gang vor der Garderobe gestauten, in dieser Ecke eingekeilten Menge schob, mit der Macht seines schweren, harten Körpers auf. Simone erreichte, die unlösbar mit trunkenem Entsetzen seinen Arm umschließende Antonia nachzerrend, mit einem wütend verkrümmten Sprung und dem sinnlosen Schrei einer gemarterten Seele die Tür. Sie standen nun in dem von einem matten Gaslicht beleuchteten engen und schmutzig-feuchten Steingang. Klemens drängte beide dem Notausgang zu, der sich schräg gegenüber der Loge befinden mußte. Aber schon hatte sich von der Galerietreppe herüber ein Knäuel von gequetschten Leibern, im Wahnsinn brüllend und gegeneinanderschlagend, um sie geschlungen. Scharfe, verzweifelt vorwärtsstürmende Ellbogen bohrten sich in aufgerissene, vom Rauch erblindete Augen, Frauen suchten Männer bei den Bärten 46 niederzuzerren und fielen mit gurgelnden Lauten auf die Steine. Heftige Knie drückten sich in gedunsene blutige Brüste, die aus zerrissenen Kleidern quollen, und stolpernde wütende Füße stampften über die Gesunkenen hin.

Immer heißer wurde die Luft, immer dicker, Klemens griff sie förmlich, merkte, wie sie ihn gleich einer widerlich dicken, haarigen Raupe umkroch. Schon fühlte er im Kopf ein Schwirren, den unbezähmbaren Wunsch, auf die Steine hinzutorkeln, den Tritt der über ihn Stürmenden im Nacken zu spüren. Er sah jetzt in dem finsteren Gang das gelbliche Flimmern, den Reflex der Flamme vor den Augen, in die sich stickender Qualm bohrte. Da flog die Tür der Nachbarloge auf – der Admiral, in dessen weißem Bart ein glimmendes Kohlenstückchen hing und den das zum Hals hinaufgeschobene Ordensband zu erwürgen drohte, zog die ohnmächtige Dame mit dem Makarthut hinaus – – man schaute noch einmal durch die Türöffnung die Bühne, und – ein Schrei des erneuerten Grauens! Man sah schwarzes Gebälk, Eisensparren und Rohre von oben dröhnend in die Esse stürzen, sie mit intensivem, sattem Rot färbend. Weiße, grüne, violette Flammenzähne zerfleischten das Innere des Theaters. Milliarden von Leuchtkugeln tanzten wie flimmernde Kobolde so beseligt, daß Antonia, die 47 Augen einen Moment aufschlagend, mit umhüllten Sinnen, alles vergessend, das verrucht schöne Bild dieser Hölle in sich sog.

»Rettung . . . dort . . . der Notausgang . . .« schrie Klemens, der, den Keil schief durchbrechend, zu Antonia, die von ihm fortgestoßen ward, dennoch wieder die Schritte erzwungen hatte. Er hielt sie mit der einen Hand fest, stolperte über irgend etwas und zerrte einen kleinen, halbzertretenen Knaben hervor, der die Ärmchen sogleich um seinen Hals schlang und immerzu wimmerte: »Annerl! Annerl!« Er meinte die Schwester, deren Leiche vielleicht schon auf der Galerie verkohlte. Eben ergriff Klemens die Klinke, doch brach unmittelbar vor der Tür ein alter Mann, der immerzu stöhnte: »Meine Frau! Mein Sohn! Gabriele!« vor ihm in die Knie. Er richtete den Alten auf, da – zähe, schwere Dunkelheit, Verstummen, ein Aufheulen – – alle Gaslichter in diesem Gang, in allen Gängen und Korridoren, diese letzten Hoffnungslichterchen, waren mit einemmal erloschen, und die kleinen Öllämpchen hatte niemand entzündet.

Rauchende, qualmende, erstickende Finsternis, in der Klemens, der Antonias Hand nicht mehr fühlte, sich dennoch wieder zum Ausgang hin tastete. Er drückte die Klinke – die Tür war versperrt. Er stemmte sich gegen die Mauer 48 – ein Streichholz flackerte auf. Klemens sah über die aneinandergepreßten, nach Atem schnappenden, von verzweifelten Fäusten niedergezwungenen Köpfe, bis ihm in der aufblitzenden Helle drüben das Haar Antonias entgegenleuchtete und er jäh den Blick Simones traf, der jetzt den hilflos feigen Ausdruck eines sterbenden Hundes zeigte und in Klemens den Ekel bis zum Halse hinaufsteigen ließ. Beide waren schon weit von ihm fortgetrieben worden, in einen Sackgang hinein, aus dem kein Entrinnen möglich schien. Das Zündholz war inzwischen in der hereinstoßenden Zugluft wieder erloschen. In Klemens glomm aber nunmehr eine Sehnsucht auf: Dieses linde Haar Antonias noch einmal zu fühlen, es an seine dürren Lippen zu pressen und, nicht von Asche und Dampf erstickt, sondern vom Hauch der Schönheit noch einmal berührt, zu sterben. Und so steuerte er in dem sickernden Dunkel in der Richtung zu diesem Sackgang weiter. Aber in dem Sterbechaos, das ihn jetzt umschlang, war es undenkbar, eine bestimmte Richtung zu erzwingen. Immer dichter staute sich das Gewühl der Fliehenden in der feuchtschwarzen, von Rauch und glimmenden Holzstückchen durchflogenen Nacht des Korridors. Nur das schwere Schlurfen der Vorwärtstastenden, das Gekreisch der Gestürzten war 49 vernehmbar, das Gewinsel und Scharren der Getretenen, das Knacken zerbrochener Glieder, das murmelnde Röcheln Erstickender, und zwischendurch das gellende Lachen und Singen einer wahnsinnig gewordenen Frau, bis auch dieses in dem immer leiseren Seufzen ringsum erstarb. Klemens ward, völlig willenlos seinem unabwendbaren Geschick ergeben, durch den endlosen Gang weitergeschleift. Fallende Körper rissen ihn nieder, ein Stoß hob ihn wieder hinauf, ein anderer schnellte ihn vorwärts, über Köpfe hinweg. Fächer und Operngläser prellten gegen seine Füße; das Haupt, das kein bewußter Gedanke mehr durchfuhr, hielt er dennoch gesenkt, weil er ein paarmal mit seiner großen schweren Gestalt an die Decke gestoßen war. Nur ein Etwas zuckte noch in ihm, wie die Erinnerung eines fernen Schmerzes – daß er Antonias Haar doch nicht berührt hatte. Sonst war in ihm alle Bewußtheit versunken. Er hörte das eigene Blut immer ferner sausen und suchte vergebens den Atem. Er neigte seinen Körper, um ihn fallen und niedertreten zu lassen, daß dieses sinnlose Wandern durch Hunderte von Stunden endlich aufhöre – da – gab es noch Wunder – fühlte er sich von einem erfrischenden Strom wundervoll kalter Winterluft angeweht, der ihm die Stirn kühlte und den er begierig mit 50 den Lippen einsog. Klemens stand mit einemmal mit vielen Menschen auf einem Balkon. Kein Zweifel, das war die kleine Eckterrasse des zweiten Stockes, wo er so oft an Sommerabenden in der großen Pause seine Zigarette geraucht hatte. Er atmete frei und merkte nun erst: Der Knabe hielt noch immer seinen Hals umwunden. War dies alles nur ein Höllenspuk gewesen? Waren nicht Tage, Wochen dahingegangen, seitdem er in der brennenden Loge gesessen hatte, mit Antonia, die dort erstickte . . . ohne daß er helfen konnte! Denn ein Zurück durch die an der Balkontür undurchdringlich geballte Masse war undenkbar. Waren es wirklich Jahre? Nein, kaum eine Viertelstunde! Dies alles hatte nur Minuten gewährt, die große Uhr gegenüber zeigte erst auf Viertelacht. Ein Taumel ergriff ihn jetzt in dieser plötzlichen Winterfrische so stark, daß er sich an die Brüstung klammern mußte, um nicht hinunterzustürzen. Noch konnte er in der Wirrnis seines Blutes und dem Nebel, der um ihn klebte, aus dem Getöse tief unten nichts Festes wahrnehmen; er sah nur in einem weiten, wohl Tausende umspannenden Halbkreis Menschen zurückgedrängt; Helme blitzten davor. Er spürte das Zurückweichen der Menge, als brennendes Gebälk vom Dach herniedersauste. Rufe schrillten zum Balkon hinauf: 51 »Ruhig! Die Hilfe kommt! Alles ist gerettet! Niemand ist im Theater!« »Das ist nicht wahr!« gellte das Häuflein auf dem Balkon hinunter. »Mein Vater! Meine Mutter! Meine Schwester! Auf der Treppe ersticken Hunderte, Tausende! Lichter in das Haus! Rettet! Fackeln! Fackeln!! Wir wollen uns lieber hinunterstürzen, als drinnen verbrennen!« schrien sie in zwiespältiger Angst. Und wie zur Bekräftigung flogen Funkengarben durch die schneeschwere Luft. Feuriger Dampf prustete durch die Fenster und breitete um den schwarzen Menschenbogen in der Tiefe ein graulich-weißes Band. Jetzt jagte die Flamme selbst pfeifend in befreiter Brunst aus dem Dach hervor, den Apoll und die Genien umschnaubend, und aus dem klaffenden First schoß schwarzer, brodelnder Rauch steil hinauf wie eine ungeheure schwarze, rotzüngelnde Schlange. Hornsignale schmetterten. Schrille Pfiffe von überall her. Ein Klirren die Gasse hinab, wie wenn Infanterie stürmt, Pferdegetrappel wie von Dragonereskadronen, Kommandorufe der Offiziere. Die Spritzen rasselten in voller Karriere heran. Ein Rettungstuch, über dem Boden gehalten, hob sich hinauf. »Springen!« schrie man von unten. »Nein, lieber sterben!« jammerte die Dame mit dem Makarthut aus der Nachbarloge. »Es kann ja nichts geschehen!« rief ihr der Freiherr 52 tröstlich zu, hob sie herüber und ließ nun der Reihe nach alle anderen heruntergleiten. Nur ein halbwüchsiger Bursche wehrte sich noch gegen die Rettung. »Ich soll hinunterspringen,« rief er, und hielt dabei ein Stück einer verschlissenen Pelzboa krampfhaft an sich gepreßt, »und drinnen verbrennt meine Mutter!« Klemens überredete auch ihn, obwohl sein Herz in Mitleid stillestand. Zuletzt ließ er den Knaben, der sich nicht von seinem Halse lösen wollte, sacht in das Prellnetz fallen. »Hinunterspringen! Gefahr!« schrie man jetzt ihm selbst entgegen, und in der Tat, ein unheimliches Knistern und Knacken regte sich schon ihm zu Häupten. Allein Klemens hörte nur noch, der warnenden Rufe nicht achtend, wie ein Polizist, aus dem Vestibül des Theaters stürmend, auf dem Pflaster mit dem Schrei zusammenbrach: »Im zweiten Stock . . . da liegen noch Hunderte von Leichen . . . auf der Treppe zur Galerie . . . sie haben die Stiege verfehlt . . . sind erstickt . . .« – und wie ein Wehruf der Menge, die bis dahin alle gerettet wähnte, durch die Nacht zu stöhnen begann. Klemens schritt, durch den lärmenden Zuruf von unten: »Ein Irrsinniger! Rettet ihn!« nicht berührt, in den nun wiederum freigewordenen Zugang des Korridors zurück, aus dessen erstickender Umarmung er nur wie durch ein Walten jenseitiger Kräfte 53 gerettet worden war. Antonia wiederzufinden, dies zu erhoffen wagte er nicht. Simone, dem die Unglückselige in der Verwirrung ihres Gefühls ihr Schicksal anvertraut hatte, erwies sich in dieser Stunde erbärmlich, und Klemens empfand fast etwas wie einen herzzerreißenden Triumph. Wäre er jetzt Simone nahe gewesen, er hätte ihn erdrosseln mögen wegen dieses einen hündischen Sterbeblickes. Dieser Würdelose, so feig und niedrig, mit diesem winselnden Bettlerblick, von dem Tod ein Almosen zu erhaschen – in der Nähe dieser Frau . . . Nein, Antonia und diesen tückischen Proleten Simone, dem er, Klemens, der auch in der Seele adlig Geborene, sich hatte opfern wollen, traf er unmöglich, aber dem Tod mußte er drinnen begegnen, vielleicht nach einer letzten Tat, die er nunmehr in seinem von der Kälte ermutigten und erfrischten Bewußtsein verjüngter Kräfte herzlich ersehnte. Er fühlte, wie die Lebensverzagtheit merkwürdigerweise gerade jetzt im hundertfach verzerrten Angesicht des Todes in ihm zu sinken begann.

Der Gang, der Klemens wieder umschloß, war angefüllt mit stickigem Qualm. Ein peinigender Geruch gesengter Haare und verkohlenden menschlichen Fleisches schlug ihm entgegen. Nacht. Das Dunkel lagerte sich in undurchdringlichen feuchten Schichten. Schweigen. Nur 54 zuweilen das Niederrieseln eines zerbröckelten Stückes durch die Hitze gesprengten Mauerwerkes, und ein schweres Tropfen von den geborstenen Wänden. Klemens gelang es nun selbst ein Streichholz zu entzünden, er blickte, von mitleidigem Grauen gepackt, in einen Klumpen ineinander verknoteter Leichen. Mit zusammengeballten Fäusten und blutunterlaufenen Augen, abenteuerlich verrenkten Gliedern und vertierten Grimassen in den aufgequollenen Gesichtern lagen sie da. Hier erhoben sich zarte Arme, im Ellbogengelenk gebeugt, über einen Frauenkopf, den noch die schillernde Straußfeder des eingebogenen Hutes streifte. Aus einer Loge kollerte eine verkohlte, völlig unkenntliche, an der rissigen Stirn blutrot gezeichnete Leiche, gehüllt in die Reste eines mit Silberfäden durchwirkten Schleiers. »Antonia?« stöhnte Klemens wieder, in dem jetzt in dieser Atmosphäre des Grauens alle Geister der Verzweiflung wirr durcheinander rasten. Ein Mann von übergroßem Wuchs und Gliederbau schien dort das blonde Mädchen zerquetscht zu haben, das, die Ärmchen in bittender Abwehr gegen den Riesen gestreckt, in unendlicher Anmut zu schlummern schien, mit der blauen Busenschleife, den Lackstieflettchen und den koketten Löckchen in der Stirn. Und als Klemens durch die Logentüre, welche die Gewalt des Sturmes selbst aufriß, auf die 55 Bühne, in diesen rot zischenden Kessel, in dem sich schmelzende Gasrohre wie feurige Bänder schlängelten, und zur Galerie hinüberblickte, ward ihm ein das bisherige infernal gewaltige Schauspiel noch übertrumpfender Anblick.

Drüben auf der Galerie saßen die Leichen, eine ungeheure Todesversammlung, starr ineinander gekeilt, die Oberkörper über die Bänke und die Brüstung nach vorwärts fallend, als könnten sie einen packenden Vorgang auf der Bühne nicht rasch und gierig genug erraffen. Klemens schritt immer weiter in das ungeheure Grab hinein. Nirgends eine Hand, die seiner bedurft hätte. Nirgends ein Weinen, ein Flehen, ein Ruf. Nun erkannte er, der letzte Lebende in diesem satanischen, noch vor ein paar Stunden von frohlockender Musik widerklingenden Schlund, daß auch er darin ersticken müsse, daß er trotz aller Verheißungen seiner inneren Stimme ohne Tat und ohne Schicksal sterben werde, wie er ohne Tat und ohne Schicksal gelebt hatte. Er schritt jetzt tiefer in jenen Sackgang hinein, in dem er zuletzt Antonia und Simone gesehen hatte. Es entzündete abermals ein Holz, spähte wieder jedem Entseelten in das Gesicht, entschlossen, Simones Haupt von dem Antonias zu rücken und im Angesicht seiner Toten zu sterben. Und er sah für einen Augenblick die fragenden und etwas boshaften Blicke der 56 Kollegen im Ministerium, wenn sie erfahren würden: Der Freiherr Klemens von Burghausen habe einen Selbstmord vor der Leiche seiner Frau verübt, von der man wußte, daß sie ihn betrogen habe, und dies sei wahrscheinlich die letzte dramatische Szene in dem brennenden Theater gewesen. Aber mit wie grausamer, selbstquälerischer Gier er auch spähen mochte, er fand Antonia nicht. Allein dort neben der Fensterluke links vor dem Sackgang, am Ende des Korridors, dicht neben der Loge, in der die Drei gesessen hatten, klang dort nicht ein Wimmern, ein ersticktes Stöhnen? Jemand lebte dort . . . Wenn ein Wunder auch Antonia wie ihn gerettet hätte? . . . Er mußte zu diesem Fenster . . . Jeder Atemzug mehr brachte Gefahr. Wenn er zu spät käme! . . . Er fiel über entkegelte Arme. Er richtete sich auf. Asche, Hitze, Brodem betäubten ihn; ein Druck war in seinem Kopf, als laste das Theater selbst darauf. Dumpf qualmende Dünste umschnürten seinen Hals wie brennende Stricke. Die Steine der Mauern wurden glühend, und von rücklings, aus dem Innern des Theaters, drang, seinen letzten Schritt noch einmal mit Schrecken lähmend, das Sausen. Wie wenn ein Orkan durch einen Nadelwald dahinfährt, dachte Klemens, und er sah seinen Lieblingsplatz, den Fichtenwald über dem Herrenschloß seines Gutes bei Graz, blank in der Sonne.

57 Jetzt strich die Lohe schnappend durch den Gang bis zum Fenster, gierig nach einem letzten Opfer, entzündete das Fensterkreuz, ließ die ohnedies schon halb zersprungene Scheibe – nur darum mochten die Menschen hier noch den Mut des Atmens gefunden haben – niederklirren, und wehte – um das gemarterte Gesicht Simones, dessen hinaufgezogener, dünner Hals die blutigen Zeichen von den Zähnen Antonias trug, die er vergebens an den Haaren von sich fortzuzerren suchte. Das Feuer sengte die zottigen Haarbüschel Simones, die fahl und grau geworden waren und an der Stirn klebten, die Brauen über den irrenden, groß glotzenden Augen – und der Feuerstreifen beleuchtete so grell die Leiche eines Greises, die sich um seine Knie gekrallt hatte, daß Simone in neu aufgewühlter Qual vor sich hinstöhnte. Die Flamme, die von rückwärts immer wieder in heftigen Stößen aus dem Theater pfiff, das prasselnde, berstende Fensterkreuz und der sich bereits abwärts biegende Plafond, das immer rasendere Jagen und Stäuben der Asche und des Rauches von allen Seiten – – in einer Minute mußten diese drei Menschen verbrannt, erstickt oder erschlagen sein. Diese drei Menschen, die Liebe, Haß und Begehren zu einem wirren Knäuel verschlungen hatte, und die jetzt der Tod in grinsender Laune in 58 diesem Winkel, inmitten des krassen Spektakulums zusammenpreßte, das er heute in diesem Theater der leichten Künste zu seinem Ergötzen aufgeführt hatte.

Klemens streckte in aufquellendem Mitleid und Sehnen seine Hand der zu Boden geschleiften Antonia entgegen, aber ehe er sie noch erreichte, griff ein Arm von außen durch das geborstene Fenster. Die eiserne Klammer einer Feuerwehrschiebleiter, eine Hacke, die Silhouette eines berußten, bärtigen Männerkopfes unter dem Helm ward sichtbar und verscheuchte eine Taube, die sich mit brennenden Flügeln auf das Gesims geflüchtet hatte und nun, eine feurige Spur hinter sich ziehend, in den schneeigen Nebel hinausflatterte.

Ein Leben konnte der Brave, der sich da hinaufgewagt, auf seiner schon unter der einfachen Last unsicher schwankenden, in allen Fugen krachenden Leiter hinunterretten; kaum die Schwere eines Kinderkörpers schien die dünne, in der Höhe des zweiten Stockwerkes sich ängstlich biegende Leiter noch zu ertragen. Einer gerettet – die beiden andern mußten von dem in der nächsten Minute unfehlbar niederbrechenden Plafond zermalmt werden. Das erfaßten die Drei im Bruchteil eines Augenblickes. Und schon packte die Faust des Feuerwehrmannes den Arm Antonias mit den flimmernden blonden 59 Härchen, den Klemens zu ihm hinaufgehoben hatte, da zerrte Simone mit der letzten Behendigkeit eines vom Tode Gehetzten, der noch einmal zu entspringen wähnt, Antonia vom Fenster zurück, daß sie Klemens' ausgestrecktem Arm entgegenstürzte. Er preßte seinen Kopf durch die Öffnung, stieß den Feuerwehrmann so heftig von der Leiter hinunter, daß er sich zweimal in der Luft überschlug und unfehlbar hätte zerschellen müssen, wäre er nicht mit seinem breiten Ledergurt an der schmiedeeisernen Ranke eines Kandelabers hängen geblieben. Simone duckte sich mit katzenhaft gekrümmtem Rücken zum Sprung auf die Fensterbrüstung und die erste rettungverheißende Sprosse – da zwang der eiserne Griff von Klemens' freier Rechten seinen Nacken unentrinnbar gegen die Türöffnung der brennenden Loge nieder. »Hilfe, Hilfe! Ich will nicht, will nicht sterben!« und abermals winselnd tastete er nach Klemens' schmalwuchtiger Hand, die Nägel tief einbohrend. Dieses widerliche Tier, das die Wurzeln seines Vaterlandes, seiner Ehre angefressen hatte, dieser Niedrige, der Antonia hatte töten wollen, um sein verbrecherisches Ich zu sichern, und von ihm, dem er feig alles gestohlen, sein Leben feig erbettelte – – Wut und Ekel schäumten in dem Freiherrn über. »Komödiant!« rang es sich keuchend aus ihm Simone 60 entgegen. Und mit einer Kraft, die er so oft unsicher in sich gefühlt und noch niemals zu brauchen gewagt hatte, mit der Kraft der alten Soldatenrasse, die jetzt zornig in ihm aufstieg, und mit dem Ruf: »Jetzt spiele noch einmal Komödie!« schleuderte er die schmächtige, spinnenhafte Gestalt mitten in die rotaufschäumende Bühne, daß Simone Falsati mit den lohenden Kleidern in einem brennenden Bogen niedersauste.

Dann zwängte Klemens, die halb ohnmächtige Antonia im Arm, seinen mächtigen Körper durch die von Scherben und Splittern eingerahmte Fensteröffnung, daß sein Blut dort und da aufspritzte, und trug die in ekstatischer Zärtlichkeit an ihn Geklammerte mit einem Gefühl jauchzender Befreiung und unendlichen Glücks Schritt vor Schritt in tastender Vorsicht die Leiter hinab, die unter der Erschütterung des krachend hinter ihm herabstürzenden Plafonds federnd auf- und niederschnellte, während Riesensplitter des Dachstuhles in gleitendem Schwung über den beiden Schatten hinweg niederprasselten, daß die Menge unten kreischend auseinanderstob. – –


Sie fuhren wieder in der blauseidenen Equipage, die gegenüber dem Theaterportal auf die Herrschaften bis nach dem Schluß der Vorstellung zu warten hatte und ruhig wartete, als wäre 61 es unmöglich, daß der Freiherr Klemens von Burghausen durch irgendwelche Umstände verhindert sei, die einmal getroffene Anordnung auch einzuhalten. Sie fuhren durch eine von überall heranziehende wehklagende Menge zwischen den Reflexen der Flamme, die sich in allen Fenstern und Dächern spiegelte, an dem durch einen Ring von Pechfackeln und Laternen dumpf erhellten Hof des Polizeigebäudes vorüber, in den man auf Tragbahren verkohlte menschliche Körper und Gliedmaßen schleppte. Antonia lag erschöpft in die Wagenecke gebettet, konvulsivische Schauer huschten über ihre todmüden, verhetzten Züge; nur die Augen, fast überlebensgroß, glommen in einem trunkenen, wirklichkeitsentrückten Glanz in dem weißen Gesicht.

»Antonia?« kam es in bebender Frage von Klemens' Lippen. »Simone Falsati ist tot!« – sagte er hart und herrisch – »aber du lebst – lebst du mir –?« Sie glitt, ehe er es hindern konnte, vor ihm in die Knie, umwand seine Hände, voll der rieselnden roten Tropfen, mit ihren Küssen und blickte zu ihm hinauf in so tiefer Unterwürfigkeit, so hymnisch vergötternder Liebe, daß er in das Wehklagen der Straße hinein seinen Jubel hätte schreien mögen.

»So hast du mich noch nie geküßt.« . . . Und er fühlte: Nun gab es zwischen dieser Frau, die ihm erst heute wirklich geeint war, und seiner 62 eigenen glückbegehrenden Seele keine Schranken mehr. Nun wußte Klemens, daß er diese Frau, um die er ein ganzes zagendes Jünglingsleben hindurch vergebens gerungen hatte, seit dieser Stunde, seitdem er ein Mann geworden, zum erstenmal in seinen Armen barg, und daß sie ihn nie betrogen haben konnte, weil sie nie sein Eigen gewesen war.

Sie kamen an den von einem geisterhaft weißen Schein übergossenen griechischen Säulen des Parlaments vorüber, und Klemens spürte, wie ein Hoffen auf starke frohe Zukunft in ihm erwuchs. Seine Befangenheit, die ihn sonst im Gespräch mit Antonia belastete, begann von ihm zu weichen, kraftvolle Zuversicht stieg in ihm auf. – –

Würdest du jetzt, Antonia, diese allzu weiche Stadt mit mir verlassen, würdest du mir helfen, mein Leben aufzubauen. Wollen wir uns ein neues Leben bauen? Magst du mir helfen, an einer Aufgabe männlich mitzuwirken? Darf ich der Berufung in die neuen Provinzen folgen? Kommst du jetzt mit mir, Antonia?«

»Wohin du willst, Klemens, wo du bist, ist meine Heimat.« – –

Nun ward er in plötzlicher Erkenntnis inne, daß alle Schatten, die sein Leben bisher eingeengt hatten, in der Helle dieser Stunde von seiner befreiten Seele wichen. Jetzt wußte er, daß 63 fürder die Schwere des väterlichen Erbes für immer von seinen Schultern gewichen sei. Klar sah er seine Aufgabe vor sich: Nirgendwo mehr zu resignieren, sondern aufrecht einem starken Ziel entgegenzuschreiten. Und er sah sein Österreich selbst, als dessen Teil, fast als dessen Symbol er sich so innig empfand, wie es sich trotz der Trauer dieser Nacht einmal gleich ihm erheben müßte: Wenn es erst seiner allzu verhüllten Kraft bewußt geworden und alle, die hämisch an seiner Wurzel bohrten, in die Tiefe gestürzt hätte. Und während sie durch die stilleren, noch immer unruhig bewegten Gassen glitten, schaute er in die neue Heimat, die er seiner alten zu künftigem Ruhm verbinden helfen wollte, er schaute die fernen weißen Gestalten, die Minaretts im Abendgold.

Klemens hob Antonia, die zu zittern schien, nicht in der Erinnerung des Grauenhaften, das sie durchlebt hatte, sondern in der Erwartung unendlicher künftiger Wonnen, aus dem Wagen. Und da er sie über die gedämpften Teppiche zu sich hinauf- und heimgeleitete, wußte er, daß er jetzt eine Braut in sein Haus und in sein erneuertes Leben führe. 65

 


 

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