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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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VIII.

»Ach, lassen Sie mich ungeschoren mit Ihren Berliner Dichtergrößen! Da ist einer so weichlich und verwaschen wie der andere, Schlegel, Tieck und Brentano und wie sie alle heißen. Und nun vollends der gräßliche Jean Paul! Ich habe den Hesperus zu lesen versucht und habe das Buch nach einer Stunde fortgeworfen. Dies ewige Geflimmer von Sternen und Blumen, geistreichen, durcheinander gewirrten Gedanken – es ist nicht zum Aushalten!«

So sprach Fräulein Antoinette von Krosigk, die an einem Fenster des Poplitzer Schlosses saß und nähte, zu dem Kandidaten Moldenhauer. Der saß am Tische, vor einem großen Haufen von Büchern, hielt eines in der Hand und hatte ihr offenbar soeben etwas vorgelesen. Während die beiden sich so unterhielten, rieselte draußen der erste Novemberschnee vom Himmel hernieder.

Der Kandidat sah ziemlich geärgert aus. Er warf das Buch etwas heftiger, als es sich eigentlich geziemte, auf den Tisch und sagte mit dem Tone leichter Gereiztheit: »Ja, was und wen goutieren Sie nun eigentlich, mein gnädiges Fräulein? Es ist, beim Himmel, schwer, in Ihren Augen Gnade zu finden.«

Antoinette lachte. »Wenn ich ganz offen sein soll, so gibt es nur zwei Dichter, die ich wirklich schätze und verehre: Klopstock und Schiller.«

»Was? Klopstock? Schiller lasse ich natürlich gelten, aber lieben Sie Goethe gar nicht?« rief der Kandidat erstaunt.

»Goethe?« erwiderte das Fräulein. »Wenig, sehr wenig. Einige seiner Lieder gefallen mir sehr, besonders die man singen kann. Auch auf seinen Götz lasse ich nichts kommen. Aber das übrige – nein, ich mag es nicht.«

»Und Tasso? Und Iphigenie? Und Egmont?« rief der Kandidat.

»Tasso und Iphigenie sprechen nicht zu meinem Herzen,« sagte Antoinette kühl. »Sie stehen vor mir wie prächtige, glatte Marmorbilder, die ich bewundere, bei denen ich aber nichts fühle. Und Egmont? Nun, dieser Held ist mir zu schlapp. Oranien, ja, das ist ein Held! Aber ein Mann, der mitten im Verzweiflungskampfe seines Volkes noch erfüllt ist von Liebesgedanken, der, statt zum Rat und zur Tat zu gehen, zu einem kleinen Bürgermädchen schleicht und von der unglücklichen Liaison nicht loskommt und sich schließlich in kindlicher Sorglosigkeit das Netz über die Ohren werfen läßt – solch ein armer Ritter ist nicht mein Geschmack. Eigentlich ist er überhaupt nichts anderes als eine verbesserte Neuauflage des unausstehlichen Werther.«

»Werther können Sie auch nicht leiden?« rief der Kandidat und fuhr sich durch die Haare.

»Nun gar den!« entgegnete Antoinette spöttisch. »Wenn ein Weib um seinen Geliebten in den Tod geht, so finde ich das klein, aber ich verstehe es doch, wenigstens zum Teile. Die meisten Frauen sind nun einmal schwach, und außerdem werden sie von dem Gedanken an Liebe und Ehe ganz ausgefüllt. Wenn aber ein Mann in der Kraft des Lebens nicht Herr zu werden vermag über seine sündige Leidenschaft zur Gattin eines Freundes und zur Pistole greift, dann sage ich: Fi done! und ekle mich. Denn ein Mann hat Amt, Pflicht, Wissenschaft, Beruf, Vaterland – für die soll er leben und, wenn's nottut, sterben. Tötet er sich aber um eines Weibes willen, so ist er ein jämmerlicher Schwächling.«

Der Kandidat erwiderte zunächst nichts. Er fühlte sich durch ihre Worte nicht angenehm berührt, ohne daß er sich im letzten Grunde zu sagen wußte, was ihn eigentlich so verstimmte und verletzte. Ihre ganze Art, die so weit von gewöhnlicher Frauenart abwich, zog ihn mächtig an und stieß ihn auf der anderen Seite wieder ab. So erging es ihm die ganze Zeit über, die er in ihrer Gesellschaft verweilte, und es war nun schon der sechste Tag, seit der Baron abgereist war. Die Tage waren äußerlich still vergangen, man war von französischer Einquartierung verschont geblieben, und da die regelmäßige Postverbindung mit der Außenwelt durch die Kriegsläufte ganz aufgehört hatte, und die Nachbarn, immer eines feindlichen Besuchs gewärtig, vorsichtig zu Hause blieben, so waren die Bewohner des Schlosses ganz auf sich selbst angewiesen. Nicht einmal von dem Schloßherrn war bisher eine Nachricht zu ihnen gedrungen; man wußte noch nicht, ob sein Wagnis gelungen, ob er in Magdeburg angekommen oder irgend wo anders hin verschlagen sei. Der Kandidat wunderte sich im stillen oft darüber, mit welcher Fassung die Damen diese Ungewißheit ertrugen, wie die alte Geheimrätin trotz der Sorgen, die sie doch im stillen empfinden mußte, sogar von Tag zu Tag gesunder und kräftiger wurde. Als er eines Tages diesen Gedanken dem Fräulein gegenüber äußerte, zuckte sie mit den Achseln und gab die Antwort: »Was wollen Sie? Meine Mutter ist es gewöhnt, ihre Söhne in allerhand Gefahren zu wissen. Sie gleicht doch nicht der Henne, die Enteneier ausgebrütet hat und nun schreiend am Ufer auf und abläuft, wenn sich die Jungen aufs Wasser wagen. Sie ist im Grunde aus ganz demselben Holze, wie die Männer ihres Blutes, die im Felde stehen. Das ist so unsere Art.«

Auch diese in kühlem und, wie es ihm dünkte, etwas hochmütigem Tone gesprochenen Worte hatten dem Kandidaten einen kleinen Stich ins Herz gegeben. Ganz unwillkürlich fiel ihm dabei seine eigene Mutter ein, die kleine behäbige Pfarrfrau von Peißen. Sie war eine liebe, herzensgute Frau, aber von Heroismus lag nicht das geringste in ihrem Charakter, und wenn sich ihr Ältester in solche Abenteuer gestürzt hätte, so wäre sie sicherlich vor Angst fast vergangen. Und sein Vater? Ein prächtiger, an Leib und Seele frischer Greis, ein treuer Seelsorger, der, als die Blattern im Dorfe gewesen waren, an den gefährlichen Krankenbetten redlich seine Pflicht getan hatte. Aber Blut konnte er nicht sehen, und der Gedanke, es könne sich etwa ein feindlicher Gewehrlauf gegen das Haupt eines seiner Angehörigen erheben, hätte ihm sicherlich Angstschweiß ausgepreßt. »Gieb Frieden, Herr, in unseren Tagen!« das war das tägliche Gebet seines Herzens. Wie er, so waren sie eigentlich alle, die Honoratioren der Umgegend, die der Kandidat kannte. Alle diese Pastoren, Ärzte, Apotheker, Richter und Kaufleute waren redliche Männer, mit wenigen Ausnahmen, fleißige Leute und brave Familienväter, aber Helden waren sie nicht. Wäre er selbst mit hinausgezogen, das Vaterland zu verteidigen, so hätte er in diesen Kreisen den Ruf eines Abenteurers erlangt, und seine Eltern wären des tiefsten Mitleides aller Bekannten sicher gewesen.

Wie schroff stand diesem Denken und Fühlen die Lebensanschauung der Adelsfamilie gegenüber, in deren Mitte er sich plötzlich versetzt sah! Hier wurde von den Gefahren der drei im Felde stehenden Söhne des Hauses kaum gesprochen, noch viel weniger darüber geklagt und geseufzt. Beide Damen schienen das ganz selbstverständlich zu finden und machten darüber keine Worte. Waren die Leute wirklich von einem anderen, härteren Schlage? Hatten sie mehr Eisen im Blute als die Menschen der Volksschicht, der er entstammte? Bestand vielleicht zwischen ihrer und seiner Naturanlage eine Kluft, die nicht überbrückbar war? Manchmal schien es ihm so, wenn das Fräulein mit schnellem, herbem Urteil Menschen und Bücher und Ideen verwarf, die er für schön und groß hielt, so wie sie es eben getan hatte. Daran merkte er, wie fremd sie ihm innerlich in vielen Dingen gegenüberstand, wie ihre Art so anders war, als die seine. Ach, und er, der Kandidat der Theologie Moldenhauer, hätte gar zu gern die Kluft überbrückt, die zwischen ihm und ihr befestigt war!

Das alles schoß ihm jetzt wieder durch den Kopf, als er sie so vor sich sitzen sah. Sie hatte die Augen gesenkt und zog langsam Stich auf Stich durch das Kleidchen aus grobem Linnen, das sie für das Kind einer Arbeiterfamilie nähte. Wie geistesabwesend starrte er nach ihr hin.

»Nun, Sie schweigen ja? Worüber denken Sie so nach?« fragte sie und sah ihn an. »Hat Sie mein Urteil über Ihren Göthe gekränkt? Ja, sehen Sie, ich sage stets, was ich denke, wenn ich überhaupt etwas sage.«

Der Kandidat seufzte und strich sich über die Stirn. »Wie sollte ich gekränkt sein!? Ich bedaure nur, daß unser Geschmack so verschieden ist.«

»Das dürfte wohl bei den meisten Menschen der Fall sein,« sagte das Fräulein. »Sie differieren fast alle im Geschmacke. Die Hauptsache ist aber doch, daß man in seinen moralischen Urteilen übereinstimmt. Nicht?«

»Gewiß ist das die Hauptsache,« erwiederte der Kandidat. »Aber im Geschmack müssen die Menschen auch übereinstimmen, sonst werden sie einander unausstehlich.«

»I was! Sie sind mir trotz Ihres sonderbaren Geschmackes für Göthe, Wieland, Schlegel usw. gar nicht unausstehlich,« versetzte das Fräulein trocken.

Der Kandidat fühlte, daß er errötete, und konnte nicht verhindern, daß er mit einem Male sehr glücklich aussah. Ehe er aber etwas erwidern konnte, fuhr Antoinette lebhaft fort: »Ich kenne nur einen einzigen Menschen, mit dem ich in allen wichtigen Dingen übereinstimme, das ist mein Bruder Heinrich. Wir haben eigentlich alles gemeinsam, dieselben Neigungen und dieselben Antipathien. Er ist zum Beispiel, wie ich auch, ein glühender Verehrer Schillers. Wie Sie sehen, hat er Sprüche von ihm in fast allen Zimmern anbringen lassen. Als er noch Leutnant war, sagte er einmal zu mir: ›Wenn ich einst hier Herr sein sollte, fahre ich nach Weimar mit sechs Pferden und hole diesen Mann einmal hierher.‹ Aber gerade vier Wochen, bevor mein Bruder die Güter übernahm, starb der große Mann.«

»Er starb zur rechten Zeit,« sagte der Kandidat nach einer kleinen Pause. »Wie würde es sein Herz zermalmt haben, sein Vaterland zerbrochen und geschändet am Boden liegen zu sehen!«

»Für uns aber starb er zu früh!« rief Antoinette mit blitzenden Augen. »Er wäre nun wohl noch mehr geworden, als ein großer Dichter, er hätte der Prophet seines Volkes werden können. Wie würde er jetzt wirken! Wie würde er Tausende entflammen und begeistern, daß sie zu Männern würden und sich gegen die Feinde erhöben!«

»Wenn ihn nämlich Napoleon nicht vorher erschießen lassen würde,« bemerkte der Kandidat. »Vielleicht hat ihn sein Tod vor einer französischen Kugel bewahrt, denn, Sie haben recht, geschwiegen und sich geduckt hätte er niemals. Sein » in tyrannos« wäre wieder erklungen, und dann war er geliefert, oder er wurde zum heimatlosen Flüchtling.«

»Warum? In Berlin hätte er sicher eine Zuflucht, eine zweite Heimat gefunden.«

»Sie vergessen, daß Berlin sich in Feindeshand befindet,« warf der Kandidat ein.

»Nein, das vergesse ich wahrlich nie eine Sekunde lang,« erwiederte Antoinette herb. »Aber ich hoffe, daß es zu Weihnachten wieder in der Hand des Königs sein wird. Glauben Sie das nicht auch?«

»Wenn ich ehrlich meine Meinung sagen soll: nein.«

»Warum nicht? Halten Sie die Franzosen für unbesiegbar? Der Zar hat noch ein gewaltiges, unberührtes Heer, und der Winter wird das Heer des Korsen dezimieren.«

»Den Winter,« sagte der Kandidat, »halte ich allerdings für den verläßlicheren der beiden Bundesgenossen. Denn ob der Zar seine Russen dazu bringen wird, mit Ausdauer für uns zu kämpfen, das erscheint mir zweifelhaft. – Aber« – unterbrach er sich – »was ist denn das? Hören Sie nichts?«

Er schritt zum Fenster und riß es auf. Hell und klar erklangen die starken vollen Töne des Laublinger Glockengeläutes vom Südwind getragen herüber.

»Was hat das jetzt zu bedeuten? Haben Sie gehört, gnädiges Fräulein, ob jemand drüben gestorben ist? Es muß doch ein Begräbnis sein?«

»Ich habe absolut nichts gehört,« erwiderte Antoinette. »Übrigens müßte es ein angesehener Mann oder eine reiche Frau sein, denn für die Armen läßt Werkmeister nur mit einer Glocke läuten und auch dann nur, wenn sie ihre sechs Silbergroschen erlegen.«

»Schlimm genug,« brummte der Kandidat.

»Unter einem halben Taler hält er überhaupt keine Rede,« fuhr das Fräulein fort, »und je mehr er kriegt, um so länger und schöner wird sie, und von zwei Talern an, sagte mein Bruder, ist er von der tiefsten Ergriffenheit und zittert mit der Stimme.«

Sie lachte laut auf; aber Moldenhauer runzelte die Stirn und sah mit einem Male sehr finster aus. »Darüber lachen Sie, mein gnädiges Fräulein?« sagte er. »Das wundert mich, denn solche Unwürdigkeit ist etwas Trauriges. Sie ist, Gott sei Dank, auch selten, so blutsauer es vielen Geistlichen wird, sich mit ihren elenden Einkünften durchs Leben zu schlagen. Bei Werkmeister ist sie doppelt verächtlich, denn er hat eine gute Pfründe.«

»Sie scheinen ihn nicht gerade zu lieben?« fragte das Fräulein.

Moldenhauer machte eine Geberde des Widerwillens.

»Nun, sehen Sie, da ist ja schon wieder ein Punkt gefunden, in dem wir übereinstimmen. Sie haben übrigens recht, man sollte über solche Dinge nicht lachen. Aber lassen wir nun den Pastor mit seinem Geläut! Was es bedeutet, werden wir ja erfahren. Entwickeln Sie mir lieber Ihre Ansichten über die Russen weiter, das ist mir zehnmal interessanter.«

Aber die Unterredung wurde dennoch unterbrochen, denn die Geheimrätin erschien plötzlich in der Tür. Sie hielt sich noch gebeugt und trug die Spuren der noch nicht ganz überwundenen Krankheit im Antlitz, aber in dem Augenblicke lag auf ihren Wangen ein freudiges Rot, und ihre Augen leuchteten.

Antoinette flog auf sie zu und umschlang sie mit beiden Armen. »Mutterchen, Sie sehen ja aus, als wäre Ihnen großes Heil widerfahren!« rief sie.

»Das ist auch geschehen,« gab die alte Dame fröhlich zur Antwort. »Denke dir, Kind, denken Sie sich, Herr Kandidat, eben habe ich die sichere Nachricht erhalten, daß mein Sohn glücklich nach Magdeburg hineingelangt ist.« Sie hob ein kleines, vielfach gefaltetes Billet empor. »Das sendet mir meine alte Freundin Schurff aus Groß-Salze. Ein Bote hat es in seine Mütze eingenäht hergetragen. Heinrich ist schon seit fast drei Tagen drin; aber eher konnte sie mir keine Nachricht geben, denn sie hatte keinen ganz zuverlässigen Menschen gerade bei der Hand, und in der ganzen Gegend schwärmen französische Patrouillen. Trotzdem ist er glücklich hineingelangt.«

»Das freut mich von Herzen!« rief Antoinette. »Ich bin überzeugt, dort ist er an seinem Platze.«

»Gebe Gott, daß er dem alten General wieder etwas Jugendfeuer in die Seele wirft!« sprach Moldenhauer. »Gelingt ihm das, so mag der König ihm seinen höchsten Orden umhängen. Er hat ihm dann eine Provinz zu danken, vielleicht sogar noch mehr. Indessen will ich die Damen jetzt nicht weiter stören. Mit dem Lesen wird's ja heute doch nichts mehr.« Er raffte seine Bücher auf, machte den beiden eine Verbeugung und verließ das Zimmer.

»Ein taktvoller Mensch!« sagte die Geheimrätin ihm nachblickend. »Er fühlt, daß wir uns mancherlei zu sagen haben; deshalb läßt er uns allein. Überhaupt ein gescheuter und sympathischer junger Mann. Sieh dich nur vor, daß er dir nicht zu gut gefällt!«

»Aber Mutter!« fuhr Antoinette auf, »trauen Sie mir so etwas zu?«

»Na, na,« begütigte die Geheimrätin, »nur nicht gleich so wild, es war ja nur ein Scherz. Übrigens haben schon Gräfinnen und Baroninnen ihre Hauslehrer geheiratet.«

Antoinette warf den Kopf in den Nacken. »Mir, dessen seien Sie ganz sicher, würde dergleichen nicht passieren. Niemals. Meinen Sie, ich wollte eine Pastorsfrau werden, die täglich ihre Kartoffeln schält und des Sonntags ihrem Manne die Bäffchen umbindet? Gott bewahre mich davor!«

»Ach Kind, was redest du da!« sagte die alte Dame lächelnd. »Wie oft, wenn ich zu Hofe mußte in früheren Tagen, habe ich so bei mir gedacht: Ach, wärst du doch keine geborene von Cramm aus dem Hause Samtleben und keine Schloßfrau auf Poplitz, wärst du doch lieber eine Frau, die in stillen, einfachen Verhältnissen lebt und sich nicht alle Wochen ein- oder zweimal in eine Prunktoilette schnüren, pudern und frisieren lassen muß. Auch fühlt sich eine Frau überall wohl, wo sie mit dem geliebten Manne leben darf. Du weißt ja: ›Raum ist in der kleinsten Hütte‹ und so weiter.«

»Das verstehe ich nicht,« erwiderte Antoinette. »Doch Gott sei Dank, ich liebe ja auch nicht. Lassen wir das also fallen. Darf ich das Billet lesen, das Ihnen Frau von Schurff geschrieben hat?«

»Jawohl, du sollst es sogar.« Sie reichte ihrer Tochter das Blättchen, und Antoinette las nicht ohne Mühe die eng zusammengedrängten Zeilen, geschrieben in einer feinen, kritzligen Damenhand, die ihr sagten, daß ihr Bruder, nachdem er einen Tag auf Groß-Salze geweilt hatte, glücklich an den Ort seiner Bestimmung gelangt sei.

»Gott sei gelobt!« sagte sie und ließ das Blatt sinken.

Die Geheimrätin nahm es ihr aus der Hand. »Der Brief,« sprach sie »enthält noch etwas besonders Liebes für mich. Siehst du, hier steht: ›Ihr Sohn ist ein herrlicher Mensch, so mutig, so ganz durchdrungen von seiner Pflicht als Edelmann und Patriot. Er hat uns alle ganz entzückt.‹ Das Wörtchen ›alle‹ ist zweimal unterstrichen. Dann heißt es weiter: ›Er war auch offenbar sehr gern hier.‹ Das ›gern‹ ist wieder unterstrichen. Das macht mich überaus glücklich, denn nun will ich dir's sagen, liebes Kind: ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Heinrich und Friederike von Schurff ein Paar werden.«

Antoinette sah geradezu verblüfft aus, so überraschend kam ihr diese Enthüllung. »Aber bestes Mutterchen!« rief sie aus. »Sie wollen Heinrich zum Ehemann machen? Quelle idée! Weiß er denn schon etwas davon? Mein Gott, ich bin ganz verwirrt! Warum haben Sie mir das nicht schon lange gesagt? Und warum denn gerade die?«

»Sie hat Eindruck auf ihn gemacht,« erwiderte die alte Dame, »ich weiß es bestimmt. Da heißt es, das Eisen schmieden, so lange es warm ist, denn du kennst ihn ja, wie kalt und ablehnend er gegen die Damen ist. Und ich möchte doch so gerne, daß er sich verheiratet. Er kommt an die dreißig und ist noch ledig. Das ist nichts für einen Mann in seiner Position. Da habe ich denn meiner alten Freundin einen kleinen Wink gegeben, und sie war herzlich erfreut darüber.«

»Das glaub' ich wohl!« rief Antoinette. »Ich kenne keine Mutter in unseren Kreisen, die das nicht wäre. Denn Heinrich ist ein ganzer Mann! Also Friederike von Schurff soll die Erwählte sein? Ich habe sie einmal in Hohen-Erxleben bei den Krosigks gesehen, und sie hat mir gut gefallen. Hübsch ist sie ohne Zweifel!«

»Nicht wahr?« erwiderte die Geheimrätin befriedigt. »Das muß jeder finden. Das reiche dunkle Haar, die strahlenden Augen und das feine Gesicht geben ihr ein apartes Aussehen, sie fällt als Beauté auf, wo sie sich zeigt. Auch in der Gestalt paßt sie sehr gut zu Heinrich. Sie ist ja nicht allzu groß, aber sie trägt sich mit Distinktion.«

»Innerlich paßt sie hoffentlich auch zu ihm,« bemerkte Antoinette.

Die Geheimrätin nickt«.

»Ja, das ist freilich die Hauptsache.«

»Wissen Sie etwas Näheres über sie, über ihren Charakter?« forschte die Tochter weiter. »Sie schien mir etwas kühl und verschlossen zu sein.«

Die Mutter lächelte. »Ich will dir einen kleinen Zug von ihr erzählen,« sagte sie. »Ehe ich herkam, das weißt du ja, war ich dort. Ich kann nicht sagen, daß ich da den freundlichsten Eindruck von ihr empfangen hätte; sie war höflich und verbindlich, aber ich konnte ihr nicht näher kommen. Etwas deprimiert zog ich mich gegen Abend in mein Zimmer zurück und bereute es fast, die Fahrt gemacht zu haben. Da blicke ich zum Fenster hinaus und sehe gerade, wie ein zwei- bis dreijähriges Kind in den allerdings wohl nur flachen Graben fällt. Ich war so erschrocken, daß ich für den Augenblick nicht zu schreien vermochte. Aber ehe ich einen Ton herausbrachte, war schon Hilfe da. Friederike stiegt hinzu, springt in den Graben – das Wasser ging ihr bis weit über die Knie – zieht das Kind heraus und trägt es aufs Land, und nun schalt sie nicht etwa auf das arme Wurm, sondern sie tröstete es mit freundlichen Worten, übergab es seiner Mutter, der Gärtnersfrau, mit einer Verwarnung, künftig besser aufzupassen. Auch befahl sie ihr, über den Vorfall zu schweigen. Es wurde wirklich den ganzen Abend nicht eine Silbe davon erwähnt; ich bin überzeugt, ihre Eltern haben gar nichts erfahren. Gefällt das dir nicht auch?«

»Ja, das war nobel und gut gehandelt!« rief Antoinette. »Das gefällt mir sehr.«

»Siehst du,« fuhr die Mutter fort, »darin sah ich ihr ganzes inneres Wesen wie in einem Spiegel. Sie gehört zu den Naturen, die nach außen oft kühl und spröde erscheinen, aber ohne viele Worte das Richtige tun und einen reichen Schatz warmer Liebe in sich tragen. Einem Manne, den sie liebt und vor dem sie ihr Herz enthüllt, wird sie sehr viel sein. So eine Frau paßt zu Heinrich, eine solche braucht er.«

»Ob Heinrich überhaupt nach Frauenliebe fragt?« antwortete Antoinette nachdenklich.

»Ach Kind, im Grunde sehnt sich jeder Mann danach, wie jede Frau nach der Liebe eines Mannes,« erwiderte die alte Dame, und ein feines Rot flog über ihr Antlitz. »Das ist nun einmal von Gott so eingerichtet. Mann und Weib sollen einander ergänzen. Fehlt das einem Leben, so ist es niemals ein ganz glückliches.«

»Ach, bestes Mutterchen, sollte es da nicht Ausnahmen geben? Ich par exemple fühle mich sehr wohl, so wie ich bin, und der Gedanke, einem Manne zu gehören, ist mir einfach gräßlich.«

»Weil bei dir der Rechte noch nicht gekommen ist, du junger Kiekindiewelt,« sagte die Geheimrätin.

»Und wenn er käme,« rief Antoinette, »wenn er käme, dann müßte er ein Mann wie Heinrich sein, oder wenigstens ein ähnlicher! Kein Gelehrter, kein Büchermensch, sondern einer, der den Säbel in die Faust nimmt und wirklich was tut. Sehen Sie, unser Kandidat hier, der ist so belesen und so gescheut und gibt lauter gute und edle Gedanken von sich. Aber es bleibt immer nur bei Gedanken. Heinrich dagegen geht hin und läßt seinen Zorn und seine Liebe zu Taten werden. Solche Männer imponieren mir!« Sie hielt inne und fügte nach einer Weile hinzu: »Ich habe alle meine Brüder lieb, sie sind alle ehrenhaft und tüchtig. Er aber steht mir doch am nächsten. Möchte Friederike von Schurff wirklich die rechte Frau für ihn sein!«

»Gott gebe es!« sagte die Mutter.

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