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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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VII.

Tiefe Ruhe hatte sich auf den Herrenhof zu Poplitz herniedergesenkt. Kein Laut unterbrach die Stille; nur vom Wirtschaftshofe her klang hin und wieder das dumpfe Brummen eines Rindes oder das Scharren eines Pferdes. Die Fenster des Schlosses sahen freilich aus, als ob sie erleuchtet wären wie zu einem Feste; aber es war der trügerische Widerschein des Mondes, dessen Sichel im untergehen begriffen sich dem Rande des Horizontes zuneigte. Nur in drei Zimmern war noch Licht, droben, wo die kranke Frau Geheimrätin lag, im Erdgeschosse, wo ihr Sohn eifrig schrieb, und im Souterrain, wo aus einem schmalen, vergitterten Fenster der trübe Schimmer einer Öllampe herausleuchtete. Dort spielten die beiden Diener Schröder und Breitmann das allbeliebte Kartenspiel »Schafskopf« miteinander. Aber der junge Reitknecht war nicht recht bei der Sache, er gähnte und blinzelte und schien sich nur durch Züge aus seiner kurzen Tonpfeife noch munter zu erhallen, bis Schröder unwillig die Karten auf den Tisch warf.

»Der Teufel spiele mit dir Schafskopf!« knurrte der Alte mit seiner tiefen Stimme. »Das ist ja gar kein Vergnügen, wenn du nicht aufpaßt und dich um deine paar Dreier nur so bemopsen läßt. Was ist denn mit dir? Ich glaube gar, du bist müde?«

»Na, ist das etwa ein Wunder?« entgegnete der Reitknecht, indem er sich in seiner Holzbank weit zurücklehnte. »Den Nachmittag zwei, drei Stunden mit dem Herrn wie toll über die Felder geprescht, den Abend bei Tische aufgewartet, dann nach Peißen und zurück – da soll einer nicht müde werden!«

Schröder lachte. »So seid ihr jungen Dachse! Euch sollte man alle ein paar Jahre beis Regiment stecken, da würdet ihr euch schon den Schlaf aus den Augen reiben! Das kuriert euch auch am besten von euren gelehrten Mucken.«

Breitmann riß seine kleinen braunen, verschlafenen Äuglein weit auf. »Gelehrte Mucken? Was meint Ihr damit, Vater Schröder? Ich habe keine!«

Der Alte zog das Schiebefach des Wirtschaftstisches auf, an dem sie saßen, langte ein sehr zerlesenes, von Schmutz starrendes Buch heraus und hielt es in die Höhe. »Was ist das?« rief er mit strafenden Blicken. »Darin hast du gelesen gestern bis in die Nacht, wo du doch schlafen solltest.«

»Ach geht!« sagte Breitmann, der mit einem Male ganz munter wurde. »Das hat mit gelehrten Mucken nichts zu tun. Das ist ein schönes Buch, ›Rinaldo Rinaldini, der große Räuberhauptmann‹ heißt's. Meine Muhme aus Alsleben hat mir's geborgt.«

»Das alte Tränentier hätte auch was Besseres tun können, als dir solches Zeug in die Hand geben,« entgegnete der Alte mißbilligend, »Und wie kann ein junger Kerl in deinen Jahren sich hinsetzen und lesen, statt sich aufs Ohr zu legen, wenn er müde ist! Das ist ein liederlicher Lebenswandel, mein Sohn, und ich bin dein Pate und sollte das eigentlich gar nicht leiden. In deinen Jahren, wenn man um die zwanzig ist, da spielt man Karten oder raucht Tobak oder tanzt und ist hinter die Mädchens her. Das sind Vergnügen, die sich vor einen jungen forschen Kerl schicken. Aber lesen – pfui Deibel!« – »Was steht denn eigentlich drin?« setzte er nach einer Pause hinzu.

»Ha, Mordsgeschichten, Räubergeschichten, Überfälle, Entführungen, daß einem die Haare zu Berge stehen,« rief Breitmann. »Ich sage Euch, Vater Schröder, Ihr würdet Eure helle Freude daran haben! Außerdem erfährt unsereins, wie's in der Welt zugeht. In Italien – das muß eine Mordsbande sein. Gott straf' mich! So was macht gebildet, Vater Schröter.«

Der Alte zog die Brauen hoch. »Bildung ist gut,« sprach er ernst und würdevoll, »aber man darf sie nicht übertreiben. Wer rechnen, lesen und schreiben und ordentlich den Katechismus kann, der hat Bildung genug. Ich kann sogar noch das ganze Exerzier-Reglement aus dem Kopfe. Aber solche dicke Schmöker lesen – nee, Gott bewahre mich!«

»Das ist nur ein Band, und die Geschichte hat drei!« sagte Breitmann lachend.

»Heiliger Brimborius!« rief Schröder ganz erschrocken. »Wer hat nur Zeit und Lust, das ganze Zeug zusammenzuschmieren! Das Schreibervolk muß doch sonst gar nichts zu tun haben.«

»Der Mann heißt Vulpius,« versetzte Breitmann, auf den Titel weisend. »Der Kantor in Laublingen kennt ihn persönlich. Er wohnt in Weimar, wo dem Kantor seine Schwester verheiratet ist.«

»Weimar! Natürlich!« sagte Schröder und spuckte verächtlich aus. »Dieses Weimar muß von lauter solche Dichters wimmeln. Einer – er heißt Gothe oder Göthe – ist dort sogar Minister und Exzellenz. Von diesem Gothe oder Göthe las neulich das gnädige Fräulein der alten Gnädigen was vor. Was nur die Herrschaften dabei haben! Verse waren's nicht, denn es reimte sich nichts. Aber ein vernünftiges Deutsch, so wie wir und alle verständigen Menschen sprechen, war's auch nicht. Ich hörte eine ganze Weile zu, aber ich verstand nichts. Muß ein kurioser Kerl sein, dieser Göthe.«

»Aber der Mann hat's doch weit gebracht!« erwiederte Breitmann. »Exzellenz geworden! Donnerwetter!«

Schröder lächelte verächtlich. »In Weimar! Was will das heißen!« sagte er. »In solchen Kleinstaaten ist alles möglich. Wie groß ist denn dieses Herzogtum? Viel größer als der Saalkreis wird's nicht sein.«

»Ach Herrjemineh! Wenn wir Preußen man nicht selber bald so klein werden!« rief Breitmann. »Es sieht, Gott straf' mich, ganz so aus!«

Schröders starke weiße Augenbrauen zogen sich finster zusammen. Er stieß mächtige Rauchwolken aus seiner Pfeife, aber er sagte kein Wort.

»Es ist ein Jammer,« fuhr Breitmann nach einer Weile fort. »Was ist aus unserem Preußen geworden! Ob wir wohl noch alle französisch werden?«

Der Alte schlug mit der Faust auf den Tisch. »Halt's Maul!« knurrte er dumpf. »Erinnere du mich auch noch daran! So wie so muß ich schon immer dran denken Tag und Nacht.« Wieder blies er gewaltige Rauchwolken vor sich hin, dann brummte er grimmig in abgerissenen Sätzen: »Ja, wie ist das möglich! – bei Roßbach haben wir sie gehauen, daß die Lappen flogen – und in der Rheinkampagne – gelaufen sind sie vor uns wie die Hasen – und nun? und nun? – Die verfluchten Parlewuhs sind im Lande und sind die Herren! Schwarz werden möchte man. Die Galle tritt mir ins Blut, wenn ich die Kerle am Hoftor sehe und ihr »Vive Lampröhr« höre!«

»Der Napoleon muß doch ein grausam gescheuter Kerl sein, daß ihn kein Mensch besiegen kann,« bemerkte Breitmann.

»Eine Kanaille ist er, eine gelbe Kanaille, ein verdammter Zigeuner!« schrie Schröder. »Weißt du, was der Herr sagt? ›Nicht er hat uns geschlagen, wir haben uns selbst geschlagen.‹ Und damit hat er recht. Himmelelement! Steckt nicht das ganze Land bei uns voll Soldaten? Alles voll, aber ausgehoben sind sie nicht.«

»Horch!« rief Breitmann. »Was ist das? Ist das der Herr?« Man hörte ein scharfes Pochen aus der Ferne, als ob einer mit dem Stocke kräftig gegen Holz anschlüge.

»Das ist nicht der Herr,« sagte Schröder und sprang auf. »Da ist einer am Tore.«

»Donnerschlag, sollte das Einquartierung sein?« rief Breitmann.

»Unsinn, die würde anders lärmen,« entgegnete Schröder und riß das Fenster auf. »Das ist ein einzelner, aber Gott weiß, wer? Es ist zwischen zehn und elfe. Der alte Ratke hat's schon gehört, er geht mit der Laterne ans Tor. Ich will doch lieber selber einmal nachsehen.«

Als der Alte ins Freie trat, kam ihm der späte Gast mit raschen Schritten entgegen. Das Licht der Laterne siel auf das vom Laufen gerötete Gesicht des Kandidaten Moldenhauer.

»Guten Abend,« sagte er. »Ich sehe noch Licht im Zimmer des Herrn Barons. Er ist also noch auf. Melde er mich einmal auf der Stelle.«

»Ach Gott, Herr Pastor, der Herr Baron erwartet Sie ja, aber erst morgen früh.«

»Das tut nichts, seien Sie mir willkommen,« tönte die Stimme des Schloßherrn vom Fenster her. »Führe den Herrn herauf, Schröder.«

Sehr erstaunt trat Heinrich von Krosigk dem Kandidaten schon in der Tür seines Zimmers entgegen. »Aber bester Moldenhauer!« rief er, »das eilte denn doch nicht so. Sie können ja kaum Ihre Eltern begrüßt haben.«

»Meine Eltern begrüßt haben?« wiederholte Moldenhauer verwundert. »Ich bin gar nicht erst in Peißen gewesen, ich komme direkt von Halle. Woher wissen Sie übrigens –«

»Sie kommen direkt von Halle? Sie wissen also nicht, daß ich Sie für morgen früh zu mir gebeten habe? Breitmann hat Sie verfehlt? Sie wurden von Ihren Eltern heute Abend erwartet. Dann nehme ich an, daß Sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen haben, wenn Sie von selbst zu so später Stunde kommen.«

»Etwas sehr Wichtiges allerdings, Herr Baron,« sagte der Kandidat, indem er näher trat und sich auf einen Wink Krosigks niederließ. »Es ist sonderbar, höchst sonderbar, Herr Baron, was alles sich ereignet, es geht im Leben manchmal so toll oder noch toller zu wie in einem Roman. Wenn mir jemand dieses Zusammentreffen erzählte, ich würde es kaum für wahr halten.«

»Sie machen mich neugierig,« sagte Krosigk.

»Ich war bei Professor Schleiermacher, meinem verehrten Lehrer, um mich zu erkundigen, wie er die Schreckenstage überstanden habe. Er war mit den Seinen leidlich durchgekommen und wohnte mit seinem Freunde, dem Professor Steffens, zusammen, den Sie ja auch kennen, Herr Baron.«

»Gewiß, wenn auch noch nicht näher,« sagte Krosigk. »Ich bin erst einige Male mit ihm zusammengewesen, aber er hat mir sehr gefallen. Er ist zwar ein Däne der Geburt nach, aber dem Kerzen nach ein echter Preuße.«

»Dann wissen Sie wohl auch, daß er der Schwiegersohn des berühmten Komponisten Reichardt ist. Reichardt hat sich beim Herannahen der Franzosen eilig aus Halle entfernt, denn man schreibt ihm die Autorschaft eines Pamphletes gegen Napoleon zu. Ob mit Recht oder mit Unrecht, weiß ich nicht.«

»Wohl mit Recht,« warf Krosigk ein. »Reichardt ist ein wütender Franzosenfeind. Er hat wohl getan, sich bei Zeiten zu salvieren, denn der französische Kaiser trägt die Rachsucht des korsischen Banditen in seiner gemeinen Seele. Er hat Palm in Nürnberg erschießen lassen, weil er ein Buch verlegt hat, das dem Tyrannen nicht gefiel. Viel weniger noch würde er Reichardt geschont haben, und so wäre wieder ein treuer deutscher Mann auf dem Sandhaufen verblutet.«

»Ja,« sagte der Kandidat, »und möglicherweise konnte sein Stiefsohn einer seiner Häscher und Henker sein müssen. Reichardt hat nämlich einen Stiefsohn, der französischer Offizier ist. Er trägt das Kreuz der Ehrenlegion.«

Krosigk fuhr zusammen. »Das ist ja entsetzlich für den Mann. Ich wußte das übrigens noch nicht.«

»Auch Professor Steffens war ganz entsetzt, als er sich anmelden ließ,« fuhr der Kandidat fort, »denn er hatte keine Ahnung von der Existenz dieses Schwagers. Er war für die Familie verschollen, man hat nie von ihm gesprochen. Die eigene Mutter erkannte ihn nicht, als er vor ihr stand. Aber denken Sie, ich kannte ihn.«

»Sie?«

»Ich hatte seine Bekanntschaft in Paris gemacht und war dort mit ihm zusammengetroffen. Jetzt sah er mich vor dem Hause auf der Straße, erkannte mich und forderte mich auf, mit ihm in ein Weinhaus zu gehen.«

»Sie hätten lieber den Kerl anspucken sollen, der sich nicht schämt, im Dienste des Erbfeindes gegen sein Vaterland zu ziehen,« brummte Krosigk grollend.

»Ich sagte ihm ganz ehrlich, daß ich nicht gern mit französischen Offizieren gesehen werden möchte, aber er bestand darauf, ich solle ihn begleiten. Er hat mir in Paris mehrmals Freundlichkeiten erwiesen, ja sogar einen wertvollen Dienst geleistet, als ich in Gefahr stand, wegen eines freimütigen Wortes mit der Polizei in unangenehme Berührung zu kommen. So konnte ich seinen Wunsch nicht abschlagen und ging mit. Es war gut, daß ich das tat, Herr Baron, denn dadurch erfuhr ich etwas sehr Wichtiges.«

»Nun?« fragte Krosigk gespannt.

»Ich erfuhr, daß Sie einen Todfeind in der französischen Armee haben, und daß dieser Mensch Sie sucht.«

»Ich?« rief der Baron verwundert. »Ich einen persönlichen Feind unter der Bande? Ich wüßte nicht, wie ich zu der Ehre käme, denn ich kenne keinen von den Kerls persönlich.«

»Und doch haßt Sie ein französischer Offizier, wie mir gesagt wurde, mit einem Hasse, der an Manie grenzt. Sehen Sie, als mir neulich Schröder Ihr Erlebnis aus der polnischen Kampagne erzählte, da wußte ich sicher: das alles hast du schon einmal gehört, aber wo? Aber wo? Ich konnte nicht darüber ins Klare kommen. Jetzt, als ich in Halle in die Weinstube trat, sehe ich an einem Nebentische einen französischen Kapitän der Kavallerie sitzen, einen auffallend schönen Mann, mit einem merkwürdig melancholischen Ausdrucke im Gesicht. And da fiel mir's auf einmal ein: der Mann war mir bereits in Paris gezeigt worden als ein Pole, der in die französische Armee eingetreten sei und nichts so heiß ersehne, wie einen Krieg mit Rußland und Preußen, weil Russen und Preußen ihm den Vater zu Tode geknutet hätten. Alles, was Schröder mir berichtet hatte, war mir schon dort viel phantasievoller ausgeschmückt erzählt worden.«

»Das ist allerdings merkwürdig,« sagte Krosigk, »indessen doch nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es sind ja unzählige junge Edelleute aus Polen unter die französischen Adler gelaufen, und ein Todhaß auf Preußen und Russen ist bei allen vorhanden. Woraus schließen Sie nun eigentlich, daß der Mensch gerade mein persönlicher Feind sei?«

»Es ist mir direkt gesagt worden,« erwiderte der Kandidat. »Der Pole hat nach der Schlacht bei Jena einen gefangenen preußischen Offizier erschießen wollen, weil er den Namen Krosigk trug.«

Der Baron fuhr auf. »Herrgott, so ist also mein Bruder Ludwig Franz gefangen!« Er schritt mit finsterem Antlitze einige Male in dem Zimmer auf und nieder. »Darum hört man nichts von ihm,« murmelte er. »Wissen Sie, ob er verwundet ist?«

»Er ist mit dem Pferde gestürzt und wurde besinnungslos gefangen, sagte der französische Offizier.«

»Gott sei Dank!« rief Krosigk, und als der Kandidat ihn verwundert anblickte, fuhr er fort: »Ja, Gott sei Dank! So ist ihm wenigstens die Schande erspart geblieben, unverwundet in die Hände der Franzosen zu fallen. Übrigens muß der Mensch, von dem Sie mir da erzählen, eine Kanaille sein. Ein ehrenhafter Soldat vergreift sich nicht an einem Gefangenen, geschweige an einem Verwundeten.«

»Man sagte nur, er sei geradezu rasend geworden, als er den Namen Krosigk gehört habe,« berichtete der Kandidat. »Ein Herr von Boisseliers, ein französischer Leutnant oder Kapitän, habe ihm die Waffe aus der Hand gerissen, und der Marschall Ney habe ihm seine schärfste Mißbilligung ausgesprochen.«

»Boisseliers?« rief der Baron erstaunt. »Den habe ich ja hier kennen gelernt. Ich war nach Beesen geritten und wollte eine Gewalttat der Löffelgarde verhindern, da kam er dazu und arretierte die Kerls und eskortierte mich und sie zu Bernadotte. Dort wurden die Schufte erschossen. Donnerwetter, jetzt entsinne ich mich auch, daß er mich unterwegs fragte, ob mein Name häufig sei und ob ich einen Verwandten hätte, der den Feldzug gegen Kosciusko mitgemacht habe. Möglich, daß er mich noch mehr fragen und mir noch etwas sagen wollte; ich wunderte mich, daß er so interessiert aussah. Aber da sprengten zwei höhere Offiziere auf uns zu, er mußte seine Meldung machen, und wir wurden getrennt. Ich habe ihn dann nicht wiedergesehen.« Er blickte gedankenvoll zum Fenster hinaus. »Boisseliers! – Ich hatte,« sprach er vor sich hin, »an die Begegnung kaum noch gedacht. Er machte den Eindruck eines honetten Mannes.«

»Um so weniger scheint aber sein Kamerad, der Pole, ein honetter Mann zu sein,« sagte der Kandidat mit großem Nachdrucke. »Und, Herr Baron, er kann Ihnen sehr gefährlich werden. Er hat ein kleines Streifkorps zu kommandieren, das zwischen Saale und Harz auf Trümmer unserer Armee fahnden, Kassen in Beschlag nehmen, verdächtige Verbindungen hindern soll. Es sind mehrere solche Korps unterwegs. Streift er in unserer Gegend, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß er Ihren Namen erfährt und in irgend einer Weise seine Rachsucht an Ihnen kühlt.«

»Das ist allerdings sehr möglich,« sagte der Baron nachdenklich. »Indessen muß er sich dann sehr beeilen, denn ich verlasse Poplitz morgen vormittag.«

Der Kandidat sah ihn überrascht an. »Sie wollen verreisen? In dieser Zeit?«

»Nicht zu meinem Vergnügen,« erwiderte Krosigk ernst. »Hören Sie zu, ich will Ihnen etwas erzählen.« Er rückte seinen Stuhl dicht neben den des Kandidaten und sprach eine Zeitlang leise und eindringlich auf ihn ein. »Ich wollte eigentlich nach Ostpreußen, aber Sie sehen ein, daß mich die Pflicht nach Magdeburg ruft.«

»Selbstverständlich!« rief Moldenhauer und setzte in gedämpftem Tone hinzu: »Gott gebe, daß Ihre Vorstellungen eine gute Stätte finden! Magdeburgs Fall wäre ein entsetzliches Unglück für Preußen.«

»Und Ihnen, lieber Moldenhauer, habe ich auch eine Rolle in dem Drama zugedacht,« sagte der Baron. »Sie wissen, meine erwachsenen Brüder sind zum Teil im Kriege, Dedo ist in Halberstadt bei der Regierung, Anton Emil, der jüngste, ist bei ihm. Nun kann ich Haus und Hof nicht ohne männlichen Schutz lassen. Wenn Sie also in Peißen irgend abkömmlich sind, so bitte ich Sie, während meiner Abwesenheit hierher zu kommen und den Damen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Deshalb hatte ich zu Ihnen geschickt.«

»Mit tausend Freuden!« rief der Kandidat und ergriff lebhaft die Hand des Barons, die dieser ihm entgegenstreckte. »In Peißen ist jetzt mein Bruder, ich bin vollkommen abkömmlich.«

»Ich will Sie nicht bevollmächtigen, mein Vertreter zu sein,« fuhr Krosigk fort, »Sie könnten da leicht in Differenzen mit meiner Schwester kommen. Antoinette ist majorenn und ein Mädchen von fast männlichem Geiste. Eine Bevormundung, und nun gar durch einen Fremden, ertrüge sie nicht, es würde nur Mißhelligkeiten geben.«

»Ich werde mich schon mit dem gnädigen Fräulein vertragen,« sagte der Kandidat lächelnd.

»Sollte der französische Pole oder polnische Franzose wirklich hierher kommen, – wie hieß doch der Kerl – Worowski, wenn ich nicht irre –«

»Pardon, Herr Baron, er heißt jetzt Martignac,« fiel der Kandidat ein.

»Martignac? Aber das ist ja gar kein polnischer Name? Sie irren, mein Gedächtnis täuscht mich selten. Er hieß bestimmt Worowski.«

»Jetzt heißt er nicht mehr so,« sagte Moldenhauer. »Seine Mutter war eine geborene Französin, und sein Onkel, ihr Bruder, der Oberst Martignac, hat ihn adoptiert.«

»So, so. Also wenn der Mensch hierher kommen sollte, so bewaffnen Sie im Notfalle die Dienerschaft. Ich nehme keine mit, auch Schröder nicht. Sie können sich auf alle verlassen, ich habe unter meinen Leuten keinen schlechten Kerl. Doch darüber reden wir morgen früh noch. Jetzt wollen wir an Ihr leibliches Wohl denken. Sie sind von Halle hermarschiert. Ein tüchtiger Weg! Sie werden müde und hungrig sein.«

»Müde nicht, aber hungrig,« entgegnete Moldenhauer.

Statt der Antwort ergriff der Baron eine Klingelschnur und läutete. »Du wirst zusehen, daß der Herr Kandidat noch eine kleine Kollation bekommt,« sagte er zu dem eintretenden Diener. »Ich kann leider nicht dabei mithalten, denn ich habe noch viel zu tun. Ihr Zimmer steht bereit. Lassen Sie sich's schmecken und schlafen Sie wohl.«

Als der Kandidat schon in der Tür stand, eilte ihm Krosigk mit ein paar raschen Schritten nach und erfaßte seine Hand. »Ja so, ich habe ganz vergessen. Ihnen zu danken. Sie haben es gut gemeint, daß Sie so rasch diese Nachricht an mich brachten. Wer weiß, ob sie sich nicht noch einmal als wichtig erweist! Also vielen Dank und noch einmal: Gute Nacht!«

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