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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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V.

In der elften Stunde des folgenden Vormittags hielt ein großer Trupp flüchtiger Preußen vor dem Poplitzer Schlosse. Es waren Reiter der verschiedensten Regimenter, der Mehrzahl nach Husaren, aber auch Dragoner und Kürassiere. Der Leutnant, der sie kommandierte, trat ins Haus und fragte nach dem Schloßherrn. Heinrich von Krosigk öffnete auf die Meldung hin sogleich seine Tür und schritt aus dem halb dunklen Korridore in den hellen Vorsaal, wo der Offizier auf ihn wartete. Der Kandidat, der ihn benachrichtigt hatte, erschrak über seinen Anblick, denn er sah bleich und verwüstet aus, und ein Zug verbissenen Schmerzes ließ sein Antlitz um Jahre gealtert erscheinen.

Als der Leutnant des Barons ansichtig wurde, hob er beide Hände zum Himmel und rief in höchstem Erstaunen: »Wie? Sie hier, Krosigk? Das. ist Ihr Schloß? Gott sei Dank!«

Der Baron stutzte einen Augenblick, dann eilte er auf ihn zu. »Hirschfeld, Sie? So sehen wir uns wieder? Auf der Flucht! Mein Gott!«

Der junge Offizier zuckte zusammen, und eine helle Röte flackerte über sein Gesicht. Dann schlug er beide Hände vor die Augen und stieß mit schmerzerstickter Stimme hervor: »Ja, auf der Flucht! Bei Gott, ich habe den Tod gesucht, aber keine Kugel hat mich getroffen. Sie wissen nicht, was wir in den letzten Tagen erlebt haben. Hundertmal besser wäre der Tod! Wenn meine Leute nicht wären – weiß Gott, ich hätte mich erschossen!«

»Daß Sie es nicht taten, zeigt, daß Sie ein Mann sind,« sagte Krosigk ernst. »Wieviel Leute haben Sie bei sich?«

»Zusammen fast eine Schwadron.«

»Wo wollen Sie hin?«

»Ich will die Armee erreichen.«

»So gibt's also doch noch eine Armee?« rief Krosigk. Er hob das Haupt empor, und sein Auge blitzte. »Wo steht sie? Wo ist der König?«

»Das weiß Gott. Aber ich sage mir: Wenn irgend ein Funke gesunden Verstandes in denen ist, die jetzt die Trümmer der Armee führen, so müssen sie sich nach Magdeburg gezogen haben.«

»Sie haben recht,« sagte Krosigk bestimmt. »Nach Magdeburg müssen Sie auch. Werden Sie verfolgt?«

»Wir haben seit gestem Abend die Fühlung mit dem Feinde verloren.«

»Wie ist der Zustand Ihrer Leute?«

»Es ist noch Disziplin in der Mannschaft. Wenn die Leute aber noch lange frieren und hungern, so kann ich für nichts stehen.«

»Gehungert haben Sie?« fragte Krosigk verwundert. »Wie kommt das? Die ganze Gegend ist doch voll reicher Dörfer.«

»Es ist strengster Armeebefehl, alles gewaltsame Requirieren zu vermeiden und nur zu kaufen, was der friedliche Bürger und Bauer hergeben will. Ganz und gar konnten wir das freilich nicht durchsetzen. Ich mußte meinen Leuten gestern Permiß geben, Heu aus den Scheunen zu nehmen und Kartoffelmieten aufzubrechen.«

Krosigk stieß ein hartes Gelächter aus. »Ja, so sind sie, unsere Philanthropen in Berlin! Der Soldat kann hungern und frieren, wenn nur die lieben Bauern und Wollhändler nicht bei ihrem teuren Geldsacke angefaßt werden. Zum Teufel mit einem Armeebefehl, bei dem die Armee selbst zum Teufel geht! Lassen Sie Ihre Leute absitzen, sie sollen Brot, Fleisch und Bier bekommen. Stellen Sie Sicherheitswachen aus. Sie rasten ein paar Stunden hier, dann bringe ich Sie nach der Fähre bei Alsleben und lasse Sie übersetzen. Folgt Ihnen der Feind, so machen wir das Fährboot leck, und ehe es ausgebessert wird, vergehen Stunden. Dann haben Sie einen guten Vorsprung. Ich gebe Ihnen auch einen Führer mit, der Weg und Steg kennt.«

»Der will ich sein,« sagte eine Stimme hinter ihnen. Der alte Major von Trotha war unbemerkt aus einem Zimmer getreten. »Sagen Sie mir, Herr, ist es denn wahr? Ist unsere Armee besiegt? Wo ist der König und der Herzog von Braunschweig?«

»Der König ist geflohen, der Herzog ist ins Auge geschossen und tot.«

Dem Major wankten die Knie. Er lehnte sich stöhnend an die Wand. Auch Krosigk machte eine Bewegung des Schreckens. »Ist das sicher?«

»Ich habe selbst gesehen, wie man ihn aus der Schlacht geleitete. Er saß blutüberströmt auf dem Pferde. Rechts und links gingen zwei Offiziere und führten ihn hinter die Front. Dort sank er aus dem Sattel.«

»Allmächtiger! Dann ist Preußen verloren!« schrie der Major auf.

»Das verhüte Gott!« sagte Krosigk. »Preußens Macht sieht nicht auf zwei Augen. Wir sind zu Boden geschlagen, aber mit Gottes Hilfe werden wir wieder aufstehen. Jedenfalls wollen wir tun, was in unseren Kräften steht. Kommen Sie, Hirschfeld! Die Zeit drängt, wir müssen jede Minute benutzen.« –

Einige Stunden später war alles zum Aufbruch gerüstet. Auch der Major hatte ein Pferd bestiegen und wollte die Reiter geleiten. Was er noch nützen könne mit seinen alten Knochen, das wolle er nützen, erklärte er starrköpfig, als Krosigk Einwendungen machte. Er kenne die Wege durchs Bernburgsche ganz genau und werde auch mit Gottes Hilfe nach Hecklingen zurückkommen. Schlügen ihn aber die Feinde unterwegs tot, so sei ihm nunmehr auch nichts am Leben gelegen.

So mußte ihn der Baron gewähren lassen. »Sie aber, mein lieber Kandidat, gehen nach Hause zurück,« sagte er noch vom Pferde herab zu Moldenhauer und reichte ihm die Sand. »Wenn ich Sie brauche, werde ich Sie rufen. Vorläufig kann niemand wissen, was aus unserem Unternehmen wird. Dagegen kalkuliere ich, daß wir noch heute oder spätestens morgen Franzosen hier sehen werden. Da haben Ihre Eltern ein Recht darauf, Sie bei sich zu haben.«

»Ja, das ist jetzt wohl sicher meine nächste Pflicht. Hier bin ich ja ohnehin zunächst überflüssig. Gott gebe, daß ich bald von Ihnen höre, Herr Baron, daß Sie mich bald rufen lassen. Haben Sie vielen Dank für Ihre Güte und leben Sie wohl!«

Krosigk drückte ihm fest die Hand und trieb sein Pferd an. Der Kandidat sah ihm und seiner Schar lange nach. Dann wandte er sich mit einem schweren Seufzer um und ging ins Schloß, um sich den Damen zu empfehlen.

Das Fräulein Antoinette trat ihm allein entgegen »Die Mutter ist krank und hat sich zu Bett gelegt. Der plötzliche Schreck hat sie niedergeworfen,« sagte sie.

Moldenhauer sprach sein Bedauern aus und wünschte baldige Genesung.

»Es ist ein unglücklicher Zufall, der sie gerade jetzt hierher geführt hat,« erwiderte Antoinette. »Wäre sie in Halberstadt geblieben, so wäre sie jedenfalls weit sicherer gewesen.«

»Sicherer? Fürchten Sie Gefahr?« rief der Kandidat erschrocken. Der Gedanke, daß auch die Bewohner des Herrensitzes gefährdet werden könnten, ebenso wie seinesgleichen, war ihm noch gar nicht gekommen, legte sich nun aber auf einmal wie eine schwere Last auf seine Seele. Sie hatte ja recht. Was würde der Feind nach Rang und Stand fragen! »Mein Gott, gnädiges Fräulein!« rief er, »warum sind Sie mit Ihrer Frau Mutter nicht noch in der Nacht oder früh morgens abgereist?«

»Eine Gegenfrage, Herr Kandidat: warum gehen Sie jetzt nach Peißen?«

»Weil ich meinen Eltern nahe sein will wenn etwa Gefahr droht.«

»Nun sehen Sie, und ich will meinem Bruder nahe sein,« gab sie zurück.

»Verzeihen Sie, das ist doch ein ganz anderer Fall,« entgegnete Moldenhauer erregt. »Ich bin ein Mann –«

»Und ich ein schwaches Weib,« fiel sie ein. »Sie meinen, da könne ich gar nichts tun, gar nichts nützen. Ja, mein Herr, das will ich Ihnen zugestehen: ich habe es schon oft bedauert, daß ich kein Mann geworden bin, heute bedaure ich's zehnfach. Wie ganz anders stehen die Männer da in solchen Zeiten der Not! Aber wenn ich nun einmal ein Mädchen sein muß, so will ich wenigstens beweisen, daß ich männlichen Mut habe.«

Der Kandidat schüttelte den Kopf. »Damit nützen Sie niemandem. Sie wissen, Ihr Herr Bruder braucht keinen Rat und keine Stütze. Gnädiges Fräulein, noch ist es Zeit. Nehmen Sie eine Kutsche mit Vieren und reisen Sie ab! Ist der Weg frei, ins Mecklenburgische. Aber selbst in Magdeburg sind Sie sicherer als hier.«

Antoinette warf den Kopf in den Nacken. Es war genau dieselbe Bewegung, die ihr Bruder an sich hatte, und auch ihr Antlitz zeigte denselben Zug harter Entschlossenheit, der seinen Zügen eigen war, als sie erwiderte: »Ich nütze niemandem, wenn ich bleibe? Vielleicht doch, mein Herr. Wir haben hier Hunderte von Untertanen. Sollten sie von uns sagen: unsere Herrschaft ist feige davongelaufen, als die Gefahr drohte? Davongelaufen, obwohl sie in ihrem Schlosse, umringt von treuen Dienern, viel sicherer war als wir in unseren Hütten. Nein, wo Rechte sind, da sind auch Pflichten. Deshalb bleibe ich.«

Moldenhauer war ergriffen. Was sie da sprach, klang mächtig in seinem Innern wieder; er sagte sich: das ist edel, stolz und wahrhaft vornehm gedacht. Wie sie so dastand mit blitzenden Augen und erhobenem Haupte, erschien sie ihm wie eine Fürstin. Aber gleich darauf krallte sich wieder der Gedanke in sein Herz ein: was nützt all diese Vornehmheit und Größe des Denkens, wenn die Horden des Korsen einbrechen? Denen steht sie doch nur als Weib gegenüber, und ihre stolze Schönheit kann ihnen ein Anreiz sein zu roher Frechheit. Er schauerte zusammen, und die Erregung raubte ihm fast die Sprache, als er endlich stockend die Worte hervorbrachte: »Gnädiges Fräulein – zürnen Sie nicht! In der Lage, in der wir uns alle befinden, darf ich wohl wagen, Sie zu warnen – betrachten Sie es als einen Freundesrat: haben Sie auch bedacht, daß eine Frau der Brutalität der Feinde ganz anders ausgesetzt ist, als ein Mann?«

Antoinette wandte sich ab und wurde glühend rot. Gleich darauf aber hob sie wieder das Haupt empor und sah ihm gerade in die Augen. »Ich danke Ihnen. Ich sehe, Sie sprechen als Freund, und ich zürne Ihnen nicht. Ich will Ihnen auch Antwort geben. Sollte einer etwas gegen mich wagen, den wird mein Bruder niederstoßen, oder ich selbst. Und unterlägen wir der Gewalt, so wissen Sie: ich habe mich an Schillers Dramen nicht nur erfreut und erhoben, um in schönen Worten und Gefühlen zu schwelgen. Ich habe aus ihnen gelernt und das Wort wohl behalten: die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen.« Sie machte eine Pause und fügte dann in ruhigerem Tone hinzu: »Noch ist es ja nicht so weit. Vorläufig wollen wir auf Gott vertrauen und uns nicht fürchten. Leben Sie wohl, Herr Kandidat; ich denke, wir sagen: ›Auf Wiedersehen in besseren Tagen!‹«

Sie reichte Moldenhauer ihre Hand und umspannte die seine mit kräftigem Drucke. Moldenhauer beugte sich schnell darüber und schritt dann, ohne ein Wort zu sprechen, aus dem Zimmer und aus dem Schlosse.

Unten hielt bereits der Einspänner, der ihn nach Hause fahren sollte. Er warf sich hinein und sah nicht mehr zurück, sprach auch während der Fahrt kein Wort. Es war ihm, als hätte er etwas Großes erlebt. Er hatte einen Blick in die Seele einer Frau getan, wie sie ihm noch nie im Leben begegnet war. Er hatte freilich bisher den Frauen noch wenig Beachtung geschenkt. Die sittsamen Professoren- und Predigertöchter, die er als Student in Halle und in der Umgegend kennen gelernt hatte, waren ihm stets gleichgültig geblieben; die vornehmen Damen der großen Welt, denen er als Hauslehrer begegnet war, hatten ihn durch ihre leere Frivolität und Eitelkeit sogar abgestoßen. Er, der stets ein ernster Mensch gewesen war, hatte in dem ganzen Geschlechte, das sich putzte, tänzelte, lächelte, kokettierte und bis zur Ehe ohne wirkliche Pflichten und tiefere Gedanken dahinlebte, immer eine Art großer Kinder gesehen, darunter hie und da auch artige, hübsche und wohlzuleidende Kinder. Daß es Frauen höherer Gattung gab, wußte er eigentlich nur aus Büchern. Dort las man von einer Clölia, einer Lukretia und Corinna. Aber die waren ihm stets wie fabelhafte Wesen, wie Geschöpfe aus einer anderen Welt vorgekommen. Nun hatte eine vor ihm gestanden, die jenen ähnlich war, ein lebendiges Weib, hinreißend durch das Feuer, das aus ihren Augen strahlte. Als etwas Unglaubliches, Wunderbares erschien ihm das und regte ihn auf und beunruhigte ihn in einem Maße, daß er es fast als Qual empfand.

Dicht vor Beesen riß ihn ein Zufall aus seinen Gedanken. Der alte Mathes hielt den Wagen an und meldete: »Das Pferd hat ein Eisen verloren. Ich will es aufheben, es ist immer noch einen Silbergroschen wert.«

»Tue er das,« erwiderte der Kandidat. »Und im Dorfe wollen wir das Tier gleich beschlagen lassen. Es ist nicht gut, wenn es mit bloßem Fuße läuft.«

So hielt der Wagen kurz darauf vor der uralten Beckerschen Erbschmiede in Beesen. Während der Gaul ausgespannt wurde, blieb der Kandidat auf dem Wagen sitzen und sah von da aus zu, wie der Schmied Heinrich Becker, ein herkulischer Mann mit grauem Spitzbarte, das Eisen wieder befestigte. Alles, was mit Pferden zusammenhing, interessierte ihn ungemein.

»He, Andreas, einen Nagel!« rief der Schmied ins Haus hinein. Ein junger Mensch, der eine Binde über dem linken Auge trug und hinkte, trat in die Tür.

Der Kandidat stieß einen Ruf der Überraschung aus. »Das ist doch – ist er nicht Andreas Gast? Wie kommt er hierher? Auch aus dem Felde geflohen? Wo hat er die Uniform?«

»Soll ich etwa in der Montur gehen, wenn die Franzosen kommen?« fragte der Angeredete mürrisch.

»Braucht er die Franzosen zu erwarten? Mach' er, daß er nach Magdeburg kommt. Der Weg ist noch frei. Da gehört ein preußischer Soldat jetzt hin!« rief Moldenhauer.

»Den Teufel will ich tun!« sagte der Knecht mit einem rohen Lachen und spuckte aus. »Ich habe gerade genug. Einen Hieb übern Kopf und Blasen an den Füßen. Fällt mir nicht ein, da hinterher zu laufen.«

»Aber zum Donner, Mensch, er hat doch dem Könige den Fahneneid geschworen!« schrie hastig der Kandidat, den die Art des Mannes empörte.

Der Knecht spuckte noch einmal aus und entgegnete mit höhnischer Gelassenheit: »Dem Könige? Der ist geflohen, und seine Junkers sind hinter ihm her ausgerissen wie Schafleder. Der Napoleon hat sie verhauen, daß sie nicht wiederkommen, und nun hat die ganze verfluchte Schinderei ein Ende, und es kommt eine andere Zeit!« Damit kehrte er ihm den Rücken und trat wieder ins Haus. Der Kandidat sank auf seinem Sitze zurück. Der Zorn über diese haarsträubende Frechheit raubte ihm für einige Augenblicke die Sprache. »So etwas leidet Ihr in Eurem Hause, Meister?« wandte er sich endlich an den Schmied.

Der Alte blickte bekümmert zu ihm empor und lüftete sein Käppchen. »Was will's helfen, Herr Pastor? Ich muß froh sein, daß der Kerl wieder da ist. Alle Hände voll zu tun und keine Leute! Und wenn's auch ein Jammer ist, was er sagte, wahr ist's doch. Es wird wohl keinen König von Preußen mehr geben.«

Moldenhauer schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Da soll doch ein siediges Kreuzdonner – ja so. Meister, was sind das für Reben! Eine Schlacht ist verloren, eine einzige Schlacht. Na, und meinetwegen noch ein paar Gefechte. Und da sprecht Ihr: es gibt keinen König von Preußen mehr? Ist denn unser Staat von Pappe? Paßt auf, hinter Magdeburg wird sich die Armee wieder sammeln, die Russen rücken auch heran, und dann kommt das Davonlaufen an die Franzosen.«

Der Schmied kratzte sich bedenklich hinter den Ohren. »Wenn's nur wahr wird, Herr Pastor! Aber ich glaub's kaum. Denn was der Napoleon ist, das ist ein Himmelhund, der ist allen über, den kriegt keiner unter.«

»Wenn unsere Soldaten desertieren, dann freilich nicht,« sagte der Kandidat finster. »Ohne sein Volk ist der König verloren. Jetzt müßte jeder seine Treue zeigen und bis zum letzten Atemzuge bei seinem Kriegs- herrn aushalten.«

»Ei, so lauft Ihr doch selber der Fahne zu!« ertönte hinter dem Wagen eine schrille Weiberstimme. Moldenhauer wandte sich um und blickte in die starren, zornigen Augen eines kleinen, unsauberen Frauenzimmers, dem ein Paar blitzblaue Frostbacken und ein reisetaschenähnlicher, fest zusammengekniffener Mund zur besonderen Zierde gereichten. Es war die Mutter des entlaufenen Soldaten, ihres Zeichens ehrsame Waschfrau, die beredteste und böseste Frau des ganzen Kirchspiels. Die Mutter Gasten hatte die Hände in die Seiten gestemmt und musterte den Kandidaten mit giftigen Blicken eine Weile schweigend; dann aber brach es von ihren Lippen los wie ein brausendes Hagelwetter: »Da seht den jungen Pastor von Peissen! Was wollt Ihr denn hier bei uns in Beesen? Predigt doch in Eurer Kirche, da braucht Ihr nicht hier auf der Straße zu predigen! Was, mein Sohn ist desertiert? Desertiert sich was von einer Armee, die's nicht mehr gibt! Soll er sich etwa eine Brille aufsetzen und nachsuchen, wo die Armee hingekommen ist? Nee, Herr, damit hat's aufgehört. Die Junkers haben ihre Schmiere gekriegt, Gott sei Dank, daß die hochnäsige Bande endlich geduckt ist. Nun wird's anders. Wenn sie nur erst der Napoleon alle im Sacke hat, nachher wird Friede. Wollt Ihr aber Krieg führen – lauft doch selber hin! Aber da liegt der Hase im Pfeffer. Schwatzen kann jeder und große Reden halten, aber sich hinstellen, wo die Kugeln pfeifen, das gibt's nicht. Dazu sind unsere Jungen da, den großen Herrn ihre Söhne sind dazu viel zu gut. Ihr habt's gerade auf dem Leibe, zu räsonnieren über meinen Sohn! Der ist doch wenigstens mit draußen gewesen und hat sich rumgehauen mit den Franzosen, und Ihr? Ihr saßt so lange hinterm Ofen!«

Der Kandidat hatte den Redeschwall über sich ergehen lassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, ihn zu unterbrechen. Er betrachtete dabei unverwandt das keifende Weib mit der Miene eines Mannes, der eine häßliche Naturerscheinung betrachtet – nicht ohne Interesse, aber mit Mißfallen. Bei ihren letzten Worten jedoch fühlte er einen Stich im Herzen. Leider, ach leider war darin ein sehr bitteres Körnchen Wahrheit enthalten. Was hatte denn er und seinesgleichen sich zu entrüsten, wenn einer nicht seine Pflicht im Felde tun wollte? Das Vaterland zu verteidigen, das war nicht seine Sache, damit hatte der Sohn des Beamten, der Studierte, der Höhergebildete nichts zu tun. Das hatte man geworbenem Volke und den Söhnen der kleinen Leute, der armen Handwerker und unfreien Tagelöhner überlassen. Die hatte man in die Montur gesteckt und dressiert und gedrillt und gefuchtelt und geglaubt, Soldaten in ihnen zu haben, auf die sich das Vaterland verlassen könne. Nun zeigte sich's, was sie wert waren. Sie waren froh, sich salviert zu haben, und dachten nicht daran, ohne Zwang noch einmal ihre Haut zu Markte zu tragen. Vielleicht – Gott mochte es geben – dachten nicht alle so, aber viele würden sicherlich ganz ähnlich handeln. Mit übermächtiger Gewalt ergriff den Kandidaten bei den Worten des schlechten Weibes der Gedanke, daß die Waffe, die sein geliebtes Preußen verteidigen sollte, veraltet und verrostet sei, und daß die verlorene große Schlacht vielleicht den Anfang eines fürchterlichen Zusammenbruches bedeute, und dieser Gedanke schnürte ihm die Brust zusammen. Er drückte sich die Mütze tief in die Stirn und war froh, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzte. Aber er sollte noch nicht nach Peissen gelangen. Kaum ein paar hundert Schritte weit war er gefahren, als die Mittagsglocke zu läuten begann. Das war nun nichts Auffallendes, denn es geschah an jedem Tage, den Gott werden ließ. Aber sonderbar – nach ein paar Glockenschlägen schon brach das Geläut ab, und der Altarmann schrie, nein brüllte aus dem Schallloche des Turmes einige Worte herunter. Das Geschrei pflanzte sich unten fort; Kinder, die in der Nähe des Kirchhofs lärmten, Weiber, die über die Straße gingen, nahmen es auf, rannten schreiend weiter; Fenster klirrten auf, Leute, vom Essen aufgescheucht, stürzten auf die Straße, und überall durch den ganzen Ort erscholl der Ruf: »Die Franzosen kommen!« Moldenhauer fuhr mit einem Ruck empor, mit einem Satze aus dem Wagen. Er stürmte in schnellsten Schritten nach dem Turme, prallte in der Tür mit dem entsetzt flüchtenden Altarmann zusammen und flog die Stufen empor. Richtig. Dort drüben jenseits der Saale, auf der Höhe zwischen Alsleben und Naudorf zogen sie dahin, ein Reiterzug von unabsehbarer Länge, wie eine riesige Schlange, glitzernd und flimmernd im Lichte der Oktobersonne. Aber noch näher war die Gefahr. Von Mötewitz kamen sie heran auf der alten Straße nach Lüneburg, – fünf Minuten noch, und sie mußten den Zoll erreicht haben. Das waren keine Reiter, sondern ein paar Hundert Mann zu Fuß, kleine behende Kerle, wie des Kandidaten scharfes Auge erkannte, die alles Mögliche auf ihre Bajonette gespießt hatten, Gänse, Hühner, Würste, einige auch Schuhe und Stiefeln. Es war die berüchtigte Löffelgarde, das leichte Fußvolk der französischen Armee, zuchtlose Haufen, von deren Greueltaten das Volk haarsträubende Dinge erzählte.

Der Kandidat biß die Zähne aufeinander. Er sah sich gewissermaßen gefangen, denn der Weg nach Peißen war ihm abgeschnitten. So wollte er sich wenigstens hier noch so nützlich wie möglich machen. Der Baron in Poplitz sollte ein Zeichen erhalten, daß seinem Dorfe eine schwere Gefahr drohe. Vielleicht wurden auch die feindlichen Reiter aufmerksam und sandten Hilfe gegen die Marodeure.

In schnellen Sätzen sprang er die Stiegen hinunter, verriegelte von innen die Tür und klomm dann wieder hinauf. Darauf ergriff er den Klöppel der großen Glocke und läutete Sturm. –

Heinrich von Krosigk war inzwischen zurückgekehrt und wollte sich eben zu Tische setzen, als er die Glockenschläge vernahm. Sofort befahl er, die Feuerspritze aus dem Schuppen zu ziehen und nach Laublingen oder Beesen aufzubrechen, denn er vermutete eine Feuersbrunst, wenn auch vor der Hand von einer Rauchwolke nichts zu bemerken war. Er selbst ließ sich sein Pferd vorführen und ritt den anderen voraus.

Auf dem kleinen Platze vor der Dorfschmiede, wo kurz vorher Moldenhauers Wagen gehalten hatte, zügelte auch er sein Roß. Nun wußte er mit einem Male, warum da einer Sturm läutete, und was er sah, erfüllte ihn mit so furchtbarem Ingrimm, daß ihm einen Augenblick der Herzschlag stockte. Franzosen, wohin er blickte! Die einen waren schon in die Häuser eingedrungen, und man hörte von dort das Geschrei der Bedrohten und Mißhandelten. Die anderen waren dabei, verschlossene Türen aufzusprengen und die Fenster mit Kolben zu zerschmettern, um auf diesem Wege ins Innere zu gelangen. Überall Schrecken und Verwirrung, rohes Gebrüll, Gelächter und Gejohle. Um ihn, um sein Erscheinen kümmerte sich niemand. Eine Rotte von Kerlen rannte an ihm vorüber, ohne auch nur nach ihm hinzublicken.

Da tönte lautes Kreischen aus der Schmiede an sein Ohr. Dort war ein Trupp eingedrungen und hatte den Schmied niedergeschlagen, der ihnen entgegentrat. Vier oder fünf hatten sich ins Haus zerstreut, um Beute zu machen, drei andere hatten die Tochter des Schmiedes in eine Ecke gedrängt. Die kräftige, schwarzhaarige Dirne wehrte sich wie eine Verzweifelte, biß, kratzte und schrie, aber all ihr Widerstand hätte nichts genützt, wenn nicht ein Retter erschienen wäre.

Der war vom Pferde gesprungen und stand nun in der Tür. Der Zorn, der in ihm kochte, verdoppelte seine ohnehin schon gewaltigen Kräfte. Er riß den einen der Unholde empor und schleuderte ihn gegen die Wand, daß er wie leblos liegen blieb. Den zweiten schmetterte seine Faust zu Boden. Der dritte schlüpfte, laut um Hilfe schreiend, an ihm vorüber ins Freie.

Dort ereilte ihn indessen kein günstiges Los. Denn inzwischen waren französische grüne Husaren in das Dorf eingeritten, hielten auch schon draußen vor der Schmiede und nahmen ihn sogleich fest. Ein junger Offizier, ihr Führer, und mehrere seiner Leute waren eben abgesessen und drangen nun in die Schmiede ein.

»Was ist das?« rief der Franzose. »Was haben Sie gemacht, mein Herr? Sie haben angegriffen zwei Soldaten der kaiserlichen Armee!« Er sprach ganz gut Deutsch, nur mit hartem Akzent.

»Soldaten?« schrie Krosigk noch immer bebend vor Wut. »Schurken, die sich an einem Weibe vergreifen wollten!« Er wies auf das zitternde Mädchen, das totenbleich und fast ohnmächtig in der Ecke lehnte.

»Diable!« rief der Offizier, und sein hübsches Gesicht rötete sich. »Wenn es wahr ist, was Sie sagen, werden erschossen sein die Marodeurs vor dem Abend. Es ist Ordre d'armée Seiner Majestät des Kaisers, daß Plünderung und Gewalt wird bestraft mit dem Tode. Ich habe Ordre, zu hindern in diesem Dorfe die Plünderung. Wie heißen Sie, Monsieur?«

Heinrich von Krosigk nannte seinen Namen. Der Offizier verbeugte sich sehr höflich. »Premierleutnant de Boisseliers,« stellte er sich vor. »Sie, Monsieur, bitte ich zu folgen nach Alsleben, wo der Prinz von Ponte Corvo für ein paar Stunden hat genommen Quartier. Sie werden bezeugen, was Sie haben gesehen. Sie werden sehen eine schnelle Justice.«

»Und während ich Ihnen folge, mein Herr, stecken mir vielleicht Ihre Löffelgardisten mein Schloß an!« rief Krosigk.

»Ihr Schloß, ist es in diesem Ort?«

»Es liegt zehn Minuten davon.«

»Wir werden reiten nach Ihrem Schloß und dann nach Alsleben,« sagte der Offizier bestimmt.

»Dann bin ich bereit,« erwiderte Krosigk, denn er mußte sich sagen, daß der Franzose im Recht sei, und daß ihm ein Widerstand ohnehin gar nichts nützen konnte. So bestieg er sein Pferd und schloß sich den Husaren an, die ihre beiden schwerverletzten Landsleute in einen Wagen hoben, der schnell herbeigeschafft wurde, während sie drei andere verhaftete Marodeure mit gebundenen Händen zu Fuße laufen ließen. In dem Wagen erkannte Krosigk zu seinem größten Erstaunen sein eigenes Geschirr und wunderte sich höchlichst. Aber niemand vermochte ihm Auskunft zu geben, denn der Kandidat stand noch immer auf dem Turm, obwohl er das Läuten eingestellt hatte, und der alte Matthies hatte sich verkrochen. –

Nach geraumer Zeit kam Moldenhauer wieder herunter und schlich vorsichtig und nach allen Seiten spähende Blicke werfend die kleine Gasse hinab, die auf die Straße nach Peißen führte. Er sah vom Feinde nichts mehr, das Geschrei war verstummt, die Reiter hatten rasch Ordnung geschafft. Aber auch von den Einwohnern war nichts zu sehen, sie hielten sich scheu in ihren Wohnungen versteckt und wagten sich noch nicht wieder hervor. Nur eine alte Frau lag vor einem kleinen Hause auf der Erde und stöhnte schmerzlich. Sie hielt eine Gans, bei deren Verteidigung sie von den Franzosen braun und blau geschlagen worden war, fest in ihren Armen.

»Ja, ja, Mutter Gasten,« sagte der Kandidat, indem er ihr auf half, »Ihr Sohn hat ganz recht gesagt: es kommt eine andere Zeit. Eine bessere scheint es aber nicht zu sein.«

Damit wandte er sich und schlug den Weg nach seinem Heimatsdorfe ein.

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