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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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IV.

Als der Wagen vor dem Schlosse hielt, gab es eine Enttäuschung. Nicht der Landrat entstieg ihm, sondern eine hohe alte Dame, die ganz in Schwarz gekleidet war und eine stattliche Reisehaube auf dem Haupte trug. Der Baron sprang sofort mit allen Zeichen der Überraschung die Treppe hinab, eilte auf sie zu und beugte sich über ihre rechte Hand, während sie ihn mit der anderen an sich zog und ihm einen Kuß auf die Stirn drückte.

»Der Tausend – das ist doch die verwitwete Geheimrätin, seine Mutter?« murmelte der Kandidat. »Wo kommt denn die jetzt her? Sie scheint unerwartet einzutreffen.«

Er sah, wie der Baron die alte Dame respektvoll an seinem Arme in das Schloß führte, und wie eine Menge Gepäck von dem Reisewagen gehoben und hineingetragen wurde. Gleich darauf aber trat Krosigk wieder heraus, denn der Wagen des Landrats rollte nun wirklich heran, dicht hinter ihm ein zweiter. Der Landrat entstieg dem Gefährt. Er war ein Wedell aus dem Hause Piesdorf, ein ziemlich langer Mann mit schmalem, etwas bleichem Gesichte, in dem ein Paar kluge braune Augen standen. Hinter ihm sprang sein Vetter zur Erde, der Halberstädter Domherr Wilhelm von Wedell. Die beiden hätte man für Brüder halten können; zum mindesten erkannte jeder, daß er Söhne desselben Geschlechtes vor sich habe. Denn beide hatten die gleiche charakteristische große Nase und dieselben ungewöhnlich starken, über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Augenbrauen. Außer ihnen kannte der Kandidat noch den himmellangen Rauchhaupt aus Trebnitz; die anderen Herren waren ihm unbekannt. Sie wurden von dem Hausherrn in höflicher Weise begrüßt und schritten dann an den Reihen der Leute entlang, wobei der Landrat in einem fort schnupfte, während der Baron auf ihn einsprach.

Gerade, als die Musterung beendet war und die Herren sich anschickten, ins Haus zu gehen, wurde kräftig an die Tür des Kandidaten gepocht. Der Jäger Schröder trat ins Zimmer, des Barons vertrautester Diener, ein gedrungener, untersetzter Mann. Er hatte in seiner ganzen Haltung etwas Martialisches und sah viel mehr einem Husarenwachtmeister als einem herrschaftlichen Domestiken ähnlich. Schon der gewaltige graue Schnurrbart unterschied ihn merklich von dem glattrasierten Dienervolke.

»Ah, er will Instruktion über das, was er in Peißen holen soll?« sagte der Kandidat.

»Jawohl. So hat der Herr befohlen,« antwortete Schröder mit einer Stimme, die eine beträchtliche Ähnlichkeit mit dem Brummen eines Bären hatte.

»Soll ich's lieber aufschreiben?« fragte Moldenhauer.

»Das wird wohl gut sein. Ich reite nicht selber, der August reitet, was mein Neffe ist. Der Bengel hat einen kurzen Verstand.«

Der Kandidat setzte sich ans Fenster und schrieb auf eine ausgerissene Seite seines Notizbuches, während der Jäger kerzengerade an der Tür stehen blieb und sich nicht rührte.

»War das nicht die alte gnädige Frau, die vorhin ankam?« fragte Moldenhauer flüchtig aufblickend.

»Ganz recht. Die alte Gnädige war's und totalement unverhofft,« erwiderte Schröder.

»So, so!« Der Kandidat faltete das Papier zusammen und gab es dem Diener. »Und nun noch eins: Der Herr Baron hatte keine Lust oder keine Zeit, mir selbst zu erzählen, was für ein Fest heute Abend gefeiert werden soll. Er hat mich an ihn gewiesen.«

»Ein Fest wirds nicht,« sagte Schröder. »Es sollte ja eigentlich eins werden; der Herr hat den Tag jedes Jahr gefeiert, auch wie wir noch beim Regimente standen. Aber heuer wird's nur ein kleiner Kreis, weil Prinz Louis tot ist und wir noch keine Nachricht weiter von der Armee haben.«

»Ja, ja,« entgegnete Moldenhauer etwas ungeduldig. »Das ist Nebensache. Aber was bedeutet denn der Tag? Weiß er das nicht?

Der Alte reckte sich, und seine Augen blitzten. »Ob ich's weiß! Ich war ja mit dabei.«

»Na, dann lege er los.« Der Kandidat warf sich in das kleine harte Kattunsopha und deutete auf einen Stuhl. »Da setze er sich und erzähle!«

»Meinen schönsten Merci. Ich kann stehen. Also Anno fünfundneunzig in der polnischen Kampagne war's. Der Herr war damals Kornet bei Alt-Larisch, und ich war Korporal. Heute sind's gerade elf Jahre. Ein Hundewetter war's an dem Tage, und wir wurden beordert, Korn zu requirieren, der Herr Leutnant von Borke und unser Herr und ich und acht Gemeine. Wir hatten auch zwei Wagen mit Fuhrleuten mit, richtige Polacken, die kaum ein paar Worte Deutsch konnten. Wir mußten durch einen Wald und verfehlten den Weg, oder die Hunde führten uns falsch. Es war aber auch ein Nebel, daß man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte, und wie wir stundenlang gefahren waren, wußte keiner mehr, wo wir waren. Es wurde schon fast dunkel, da kamen wir endlich an ein großes Dorf mit elenden Lehmhütten, und darin lag eine Art Schloß mit einem weiten Hofe. Worowo hieß es, wie wir nachher hörten. Da fuhren wir darauf zu, und der Schloßherr kam selbst auf den Hof, ein großer, stattlicher Mann mit einem Schnürenrocke, und machte seine Komplimente und lud die Herren Offiziere auf französisch ein, unter sein schlichtes Dach zu treten, und für uns sollte auch gesorgt werden. Wir konnten nicht mehr zurück, der Regen goß in Strömen, und die Wagen blieben schon alle Minuten im Drecke stecken. Der Herr Leutnant nimmt also an, und die Herren gehen ins Haus. Wir wurden in einem Nebenhause einquartiert, und es gab Speck und Brot und Tabak und vor allem Schnaps die schwere Menge. Gegen Mitternacht hatten wir alle einen Kanonenrausch und legten uns auf die Streu. Einer sollte wachen, schlief aber auch ein. Nach ein paar Stunden wach' ich auf, weil mir die Gelenke weh taten, und da könnt' ich kein Glied nicht rühren, denn die Halunken hatten uns im Schlafe gebunden, und wie ich schreien will, hält mir so ein Kerl die Pike auf die Brust und grunzt mich an: »Hält sich Maul, deutsches Schwein, wird sich sonst erstochen!«

Derweile hatten sie oben im Herrenhause versucht, die Offiziere unter den Tisch zu trinken. Der Herr Leutnant schlief auch wirklich ein, aber bei unserem Herrn war's nichts. Schnaps trinkt er nicht, und Wein kann er trinken, so viel er will, es schadet ihm gar nichts. Da dauerts dem Polen zu lange. Der Hausherr geht hinaus, die anderen auch, einer nach dem andem. Plötzlich gehen die Türen auf, und bewaffnete Kerle treten ein. »Ergib dich!« brüllen sie. »Noch nicht!« schreit unser Herr, springt zum Fenster, reißt es auf, springt in den Garten, Herr Kandidat, so hoch wie hier, und fällt in eine Dornhecke. Die Dornen haben ihn zerfetzt, aber gebrochen oder verstaucht hat er nichts. Er lief fort, über die Lehmmauer, in die Nacht hinaus. So ist er ein paar Stunden umhergeirrt, da sieht er Feuer von ferne, schleicht sich darauf zu, und sieh, es sind russische Wachtfeuer. Die Russen waren, wie Sie wohl wissen werden, schon damals unsere Freunde. Der russische Oberst läßt himmelfrüh Kosaken aufsitzen und gibt unserem Herrn ein Pferd, und nun rücken sie aus und suchen das Schloß. Und richtig, sie kommen gerade an, wie die Hunde uns wie die Kälber auf Wagen laden, denn sie wollten uns dem Kosciusko ausliefern, der nicht weit war. Das war eine Szene, wie die Kosaken kamen! Die Polen wußten nicht, wohin sie sich verstecken sollten, und der Gutsherr und seine Frau, eine schöne Person, und ihr Sohn, ein junger Mensch von fünfzehn, sechzehn Jahren, die lagen auf den Knien und schrien um Gnade. Aber der Kosakenhauptmann schlug die Frau, die ihm die Knie umfassen wollte, mit dem Kantschu ins Gesicht, und das Schloß ließ er an allen Ecken anzünden, und der Edelmann wurde auf eine Bank geschnallt und mit der Knute gehauen, daß er nicht mehr aufstand.«

»Er war tot?« fragte der Kandidat, dem unwillkürlich ein Schauder über den Rücken lief.

»Tot,« sagte Schröder. »Und dem verräterischen Schufte geschah nur sein Recht, und wenn unser Herr nicht vorgebeten hätte, dann hätte der Russe die ganze polnische Bande über die Klinge springen lassen.«

Der Kandidat schwieg. Die tapfere Tat des jungen Kornets verdiente alles Lob, und daß der Verräter und Schänder des Gastrechts bestraft wurde, war nur recht und billig. Aber die Art der Rache empörte ihn. Einen Mann im Angesichte seines verzweifelnden Weibes und Kindes zu Tode Peitschen, das war gräßlich, barbarisch, das trat alle Gebote des Christentums und der Humanität mit Füßen. Auf sein eben noch so kriegsbegeistertes Gemüt wirkte die Erzählung des alten Soldaten wie der kalte Märzhauch auf den kaum erschlossenen Blumenkelch. Gewiß hatte der Baron recht, wenn er sagte, daß der Krieg Männer und Helden schaffe. Aber welche Greuel hatte er doch im Gefolge, wie viele Anschuldige und Wehrlose trafen wahllos seine furchtbaren Blitze, wieviel Menschenglück zertrat sein erzgepanzerter Fuß! Unwillkürlich gedachte er der Szene in einem Drama seines Lieblingsdichters, in der ein Mann zu seinem Weibe von den Schrecknissen des Krieges redet, und halblaut sprach er die Verse vor sich hin:

Wir Männer können tapfer fechtend sterben,
Welch Schicksal aber wird das eure sein?

Schröder schien wohl eine andere Aufnahme seiner Geschichte erwartet zu haben, denn er räusperte sich stark und fügte in mißmutigem Tone hinzu: »Unser Herr wurde wegen dieser Tat bald darauf Leutnant, und wenig fehlte, so hätte er den pour le mérite gekriegt.«

»Den er auch verdient hätte,« sagte der Kandidat und fuhr wie aus einem Traume empor. »Er hat ja die höchste Bravour und Geistesgegenwart an den Tag gelegt.«

»Hat der Herr Kandidat noch eine Ordre für mich?« fragte Schröder.

»Nein, ich danke.«

»Dann soll August auf der Stelle abreiten. In einer guten Stunde kann er wieder da sein. Der Herr Baron läßt bitten, sich um sieben zum Souper bereit zu halten. Licht wird gleich gebracht werden.«

Er machte eine kurze Verbeugung und verließ das Zimmer. »Ich danke auch schön für seinen Bericht,« rief der Kandidat ihm nach. »Bitte, keine Ursache,« klang es zurück.

Gleich darauf kam ein Diener und stellte einen brennenden Armleuchter auf den Tisch. Moldenhauer nahm aus seinem Flauschrocke den Tabaksbeutel und die kurze Pfeife, die er immer bei sich trug, und setzte sie in Brand. Dann wandelte er mit großen Schritten im Gemache auf und ab und dachte über das Gehörte nach.

Merkwürdig, wie die Erzählung ihn beschäftigte! Und seltsam, nicht die rasche, verwegene Tat des damaligen Fahnenjunkers stand ihm dabei immer vor Augen, sondem die schreckliche Racheszene, das brennende Schloß, die verzweifelt sich am Boden windende Frau, der blutüberströmte Körper des zu Tode Gemarterten und ein vor Entsetzen bleiches Knabenangesicht. Er mußte das alles schon einmal gehört haben, ja, sicherlich hatte er es irgendwo gehört. Aber wo und von wem? Hier in der Gegend gewiß nicht. Als er noch hier lebte, sprach man wenig über den Baron, der in Potsdam beim Regimente stand, denn er kam selten ins Elternhaus. Freilich hatten die Leute schon von Heldentaten erzählt, die er in dem unrühmlichen polnischen Feldzuge verrichtet haben sollte, unter anderen auch, daß er aus einem brennenden Schlosse drei Stockwerk hoch auf die Erde gesprungen sei. Der Kandidat entsann sich, daß er vor Jahren über jene Ausgeburt der bäuerlichen Phantasie gelächelt hatte. Diese Geschichte jedoch war ihm anderswo mitgeteilt worden, und zwar von jemand, der sehr gut erzählen konnte, viel besser als der alte Jäger. Aber so viel er auch nachdachte und blaue Rauchwolken in die Luft blies – es wollte ihm durchaus nicht einfallen, wo das gewesen war.

Als nach ungefähr einer Stunde der kleine Reitknecht des Barons mit dem Koffer ankam, hatte er's noch immer nicht herausgebracht. Kopfschüttelnd stellte er seine Pfeife beiseite und machte eiligst Toilette. Es war auch die höchste Zeit, denn kurz nach sieben Uhr klopfte es an seine Tür, und der Baron trat über die Schwelle.

»Da Sie der Mehrzahl der Gäste unbekannt sind, so will ich Sie selbst in die Gesellschaft introduzieren,« sagte er. »Es ist freilich nur eine kleine Société; wir wären noch weniger, wenn nicht vorhin meine Mutter und eben noch der alte Major von Trotha – Sie wissen: der Hecklinger, der Vater meines Schwagers – angekommen wären. Eigentlich wollte ich heuer eine größere Fête anstellen, aber wer mag denn Feste feiern, wenn draußen die eisernen Würfel rollen? Kommen Sie!«

Die Gesellschaft war noch im Wohnzimmer versammelt, als die beiden eintraten. Nur die Damen des Hauses saßen, die Herren standen plaudernd umher, hätten auch sonst in dem verhältnismäßig engen Raum schwerlich Platz gefunden.

Der Hausherr führte den neuen Gast zunächst seiner Mutter zu. Die alte Dame, die etwas überaus Liebenswürdiges und Mütterliches in ihrem Wesen hatte, verstrickte den jungen Mann sogleich in ein Gesprach, so daß er, als es zu Tische ging, noch niemand weiter vorgestellt war. Es mußte nun in aller Eile geschehen, dann schritt man durch den Vorsaal und einen langen Korridor nach dem Speisezimmer. Der alte Major von Trotha führte die gnädige Frau, der Landrat das gnädige Fräulein, die anderen Herren folgten paarweise nach. Das letzte Paar waren der Kandidat und der Amtmann Neubaur, Pächter der königlichen Domäne Beesen, ein sonst meist sehr wohlgelaunter, jovialer älterer Herr, der aber heute merkwürdig verstimmt und gedrückt aussah.

Nachdem der Hausherr selbst ein kurzes Gebet gesprechen hatte, nahm man an der festlich geschmückten Tafel Platz. Das Gespräch wurde bald sehr lebhaft und allgemein, da ja die heute gehörte Kanonade und die Gerüchte über die Taten und Schicksale des Heeres überreichlichen Stoff boten. Das große Wort führte dabei der Major. Seine Art zu reden sowohl wie seine Kleidung machten ihn zu einer höchst eigenartigen, markanten Persönlichkeit. Alles, was er sprach, kam stoßweise, scharf und bestimmt aus dem fast zahnlosen Munde, als kommandiere er beständig. Sein kurzer eisgrauer Schnurrbart war steif gewichst, ebenso der lange Zopf, der über den Nacken herabhing. Er trug nie ein anderes Gewand als des Königs Rock, und zwar den Rock des Großen Königs, die nun längst altmodisch gewordene Uniform, die er bei Leuthen, Hochkirch und Roßbach getragen hatte.

Als der Braten serviert war, brachte Heinrich von Krosigk die Gesundheit des Königs aus, wobei alle sich erhoben. Das geschah nach feststehendem altem Brauche, das erste Hoch gebührte stets dem Landesherrn. Weitere Trinksprüche wurden selten ausgebracht, denn das Reden war nicht die starke Seite dieser Herren; jeder drückte sich darum, wenn er irgend konnte. Heute stand jedoch zu aller Erstaunen der Major auf und feierte den Gastgeber in abgehackten, drastischen Sätzen als das Muster eines altpreußischen Edelmannes, der schon als halber Knabe sich tapfer im Felde gezeigt habe und mit Recht den Tag festlich begehe, der ihm die Epauletten des Offiziers gebracht habe. Dann aber passierte dem alten Herrn, was auch berühmteren Rednern hin und wieder begegnet ist: er redete sich in Eifer und verlor dabei den Gegenstand seiner Rede ganz und gar aus den Augen. Er gab seiner Verachtung der Polen kräftig Ausdruck, kam dann natürlich auf die Schlechtigkeit der Franzosen zu sprechen und brach endlich in eine begeisterte Lobrede des preußischen Heeres und seiner schon unter Friedrich erprobten Führer aus. Besonders die exquisiten Meriten und die vorzügliche Feldherrnqualité des Braunschweigers nahmen ihn gänzlich dahin. Plötzlich aber merkte er, daß das Rößlein seiner Rede sich völlig vergaloppiert hatte, er brach ab, suchte nach einem Rückwege, und es wäre um ein Haar zu einer verlegenen Pause gekommen. Da sprang Krosigk lachend auf und rief: »Bravo, Major! Nicht meiner Wenigkeit ein Lebehoch, sondern dem, der nach des Königs Willen unsere Armee kommandiert. Gott gebe ihm die glänzendste Viktoria! Seine Durchlaucht, der Herzog von Braunschweig, lebe!«

Alle erhoben sich und stießen mit den Gläsern an. »Ooch jut!« sagte der Major. »Das haben Sie ganz brav jemacht, lieber Krosigk. Ich wollte zwar eigentlich Ihnen leben lassen, aber der Herzog steht vorm Feind, kann's noch besser jebrauchen.« Er stürzte sein Glas in einem Zuge hinunter und rief dann laut über die ganze Tafel hin: »Nun sagen Sie mir man bloß, mein liebster Neubaur, was fehlt Sie eigentlich? Haben Sie den Podagra, oder ist Ihnen ein Pferd gestürzt, oder ist das Malchen krank jeworden? Irgend was Affreuses ist Ihnen doch arriviert!«

Neubaur geriet in Verlegenheit, als er auf einmal die Blicke aller auf sich gerichtet sah. »Ich habe allerdings – ich weiß nicht, es paßt nicht gut hierher –, ich habe, ehe ich von Hause abfuhr, noch eine widerwärtige Nachricht erhalten.«

»Widerwärtige Nachricht? Ei, das tut mich leid.« Der Major war Neubaur, der auch von ihm ein Gut in Pacht hatte, sehr gewogen. Zugleich konnte er es absolut nicht leiden, daß er etwas nicht erfahren sollte, was in seiner Umgebung vorging. Teilnahme und Neugier spiegelten sich auf seinem hageren Angesichte, er machte einen langen Hals und rief mit großer Entschiedenheit:

»Wenn's Familiengeheimnisse sind, will ich natürlich nicht in Sie dringen. Sonst aber – raus mit Ihrer Nachricht! Sie sind hier unter Freunden!«

»Familiengeheimnisse sind es nicht, überhaupt keine Geheimnisse. Aber« – er schielte bedeutsam nach den Dienern hin.

»Krosigk, Sie erlauben!« rief der Major. »August und Wilhelm, geht mal raus! So, nun erzählen Sie, was Ihnen aufs Herz jefallen ist!«

»Auf Ihren Wunsch, mein Herr Major! Ich hätte viel lieber geschwiegen. So hören Sie: Ich wollte eben in meinen Wagen steigen, da kam Reinicke, der Botenfuhrmann, mit seiner Karre an. Er traf gerade von Bernburg ein, war am Vormittag von dort abgefahren. Der Mann war ganz verstört, sein Wesen fiel mir gleich auf. Wie ich ihn nun frage: ›Was ist ihm denn, Reinicke, ist er krank?‹ da kommt er an den Wagen heran und flüstert mir zu: ›Herr Amtmann, ach, es soll was Schreckliches passiert sein. Wir wollen hoffen, daß es nicht wahr ist, aber in Bernburg hieß es heute früh, unsere Armee wäre im Thüringschen geschlagen und auf voller Flucht.‹«

Einen Augenblick saßen alle starr da. Dann sprach und schrie alles entrüstet, fast empört auf den armen Unglücksboten ein. »Eine Niederlage? Flucht? Unerhört! Wer sagt das? Wer darf so etwas sagen! Unglaublich! Impossibel!« So schwirrten die Stimmen durcheinander.

Der alte Major schrie nicht mit. Er hatte den Kopf auf die Lehne seines Stuhles zurückgelegt und lachte, daß der Puder von seiner Perücke herniederstäubte.

»Kinder!« krähte er, »ein jottvoller Spaß! Nee, Neubaur, das hätt' ich Sie nich zujetraut! Sie sind doch sonst ein janz positiver Mensch. Nu lassen Sie sich von irgend einer alten Unke ins Bockshorn jagen! Da schlage doch Jott den Deiwel tot!«

Neubaur war sehr gekränkt. Daß seine Worte einen Sturm hervorrufen würden, hatte er vorher gewußt und bereute es jetzt, daß er seine Weisheit nicht bei sich behalten hatte. Nun warf man ihm auch noch Leichtgläubigkeit vor, ihm, der sein ganzes Leben lang nach dem Ruhme eines vorsichtigen und besonnenen Mannes getrachtet hatte. Darum sagte er, als einigermaßen wieder Stille eingetreten war, mit verdrossener Miene: »Ich habe mit dem Fuhrmann Reinicke seit zwölf Jahren zu tun und kenne ihn als einen verschwiegenen, zuverlässigen Menschen. Auch ist er ein Patriot, wie man sie unter den kleinen Leuten suchen kann. Übrigens habe ich nur geredet, weil Sie mich fragten, Herr Major. Ich hätte wohl besser getan, zu schweigen.«

Der Major nickte und wollte eine Antwort geben, als sich der Landrat ins Mittel schlug. »Aber, meine Herren, keine Ombrage! Morgen ist auch ein Tag. Da werden Sie ja sehen, was an dem Gerüchte ist. Jetzt ist alles Streiten fruchtlos. Trinken wir lieber auf das Wohl unseres Gastfreundes. Möge deine Schöpfung, die Landmiliz, lieber Krosigk – doch nein, so lange die Damen bei uns weilen, nichts von Politik und Militär! Ein anderer Wunsch, in den sicher meine hochverehrte Freundin von Herzen mit einstimmt: Möge dir recht bald ein Wesen des anderen Geschlechtes begegnen, das durch seinen Liebreiz dein sprödes Herz besiegt! Stoßen Sie darauf an, meine Herrschaften, daß bald hier eine Hausfrau walte!«

Wieder ein allgemeines Bravo und Gläserklingen. »Das haben Sie gut gemacht, werter Freund,« sagte die alte Dame erfreut. »Sie haben ausgesprochen, was mein sehnlichster Wunsch ist. Komm her, Heinrich, und stoße mit deiner alten Mutter an. Wenn du mir nur noch diese Freude machen wolltest!«

Der Baron lächelte und neigte sein Glas gegen das ihre, wobei ihm eine leichte Röte ins Antlitz trat. »Warum nicht, teuerste Mutter? Wenn Sie mir die Rechte zeigen, so heirate ich meinetwegen auf der Stelle. Aber die Rechte muß es sein.«

»Sie wird wohl bald gefunden sein,« sagte der Landrat schmunzelnd. »Man hört so mancherlei.«

In diesem Momente trat der Leibjäger Schröder ein und fragte an, ob die Leute dem gnädigen Herrn ein Vivat bringen dürften. Krosigk erhob sich sogleich. »Ich bewirte heute meine Leute drüben in den Gesindestuben,« erklärte er der Gesellschaft, »dafür wollen sie sich jedenfalls dankbar erweisen. Entschuldigen Sie mich ein paar Minuten!«

»Wir kommen alle mit!« rief der Landrat, und die ganze Gesellschaft folgte dem Schloßhernn und stellte sich mit ihm draußen auf die breite Freitreppe.

Die Krosigkschen Knechte und Tagelöhner hatten eine Menge von Fackeln angezündet und zogen damit unter Absingung eines patriotischen Liedes mehrmals im Kreise durch den Hof. Dann stellten sie sich vor dem Schlosse in Reihen auf, immer noch singend:

»Viktoria,
Der preußisch' Adler siegt,
Bald hier, bald da –
Viktoria!«

so klang das Lied aus. Darauf rief der alte Förster Grumer mit laut schallender Stimme: »Unserem gnädigen Herrn zu seinem Ehrentage und unserer ganzen gnädigen Herrschaft wünschen wir Gesundheit und langes Leben. Vivat! unser gnädiger Herr lebe hoch!«

Die Leute schrien mit aller Kraft ihrer Lungen Hoch und schwenkten ihre Mützen. Der Schloßherr trat einen Schritt vor und schickte sich eben an, ein paar Worte zu erwidern, da stutzte er und horchte in die Nacht hinaus. Von der Allee her kam einer geritten und bog schon in den Hof ein. Das starke Pferd stampfte mit müden Schritten mitten durch den Menschenhaufen, der rechts und links auseinanderwich, der Reiter schwankte im Sattel und schien sich kaum noch aufrecht halten zu können. Keuchend und zitternd blieb das Tier endlich dicht vor der Treppe stehen. Der Mann, den es trug, machte den Versuch, abzusteigen, verlor aber das Gleichgewicht und wäre auf das Pflaster gestürzt, wenn nicht die Nächststehenden ihn aufgefangen hätten. Unter einem schmutzigen Tuche, das er um den Kopf gebunden hatte, sickerte frisches Blut hervor.

»Herrgott! Wer ist das?« rief der Baron bestürzt.

»Wartmann, Heinrich Wartmann!« entgegnete eine Stimme.

»Von den Henkel-Kürassieren?« Mit zwei Sätzen sprang Krosigk in den Hof und beugte sich über den Reiter, der wie leblos in den Armen zweier Knechte lehnte. Sein Gesicht war so schneebleich wie das des verwundeten Mannes, seines früheren Reitknechtes.

»Wartmann! Wo kommst du her? Was ist das?« stieß er hervor.

Der Reiter schlug die Lider auf und erkannte seinen Herrn. Er bewegte die Lippen, versuchte zu sprechen – endlich kamen Worte – »Es ist aus, Herr! Die Schlacht verloren – die Armee zersprengt – alles verloren.«

Die das Wort hörten, schrien entsetzt auf, und von Mund zu Mund pflanzte sich's fort: »Die Schlacht verloren! Die Armee zersprengt!«

Heinrich von Krosigk war in die Knie gesunken und stöhnte laut auf. Angstvoll eilte seine Mutter auf ihn zu und schlang die Anne um seinen Hals. »Heinrich, um Gottes willen, komme zu dir!«

Noch eine Gestalt kam die Treppe herab, wankend wie ein Trunkener oder Irrsinniger: der alte Major. »Was sagt der Mensch? Die Schlacht verloren? Ist das erhört? Was erfrecht er sich?« murmelte er vor sich hin. »Wo ist der König und der Herzog?« schrie er auf einmal überlaut. Aber er erhielt keine Antwort. Der Reiter war ohnmächtig geworden.

»Hebt ihn auf und tragt ihn in mein Zimmer!« befahl der Baron, der aus seiner Erstarrung erwachte. »Breitmann, mit dem Geschirre nach Alsleben zum Doktor! Schröder, du verbindest ihn einstweilen wieder!«

Er löste sich stumm aus den Armen seiner Mutter und schritt, ohne ein Wort zu sprechen, ins Schloß, nach seinem Schlafgemache, das er hinter sich verschloß. Seine Mutter wollte ihm nacheilen, aber der Landrat hielt sie zurück. »Lassen Sie ihn jetzt, verehrte Freundin. Wir kennen ja seine Art, wie er von kindauf war. Er kann jetzt nicht reden, kann keine Menschen sehen. Was ihn ins Herz getroffen hat, muß er allein überwinden. Gott gebe Ihnen Kraft in den schweren Tagen, die nun vielleicht für uns alle kommen.« Darauf empfahl er sich und ließ anspannen.

Eine Karosse nach der anderen rollte aus dem Hofe, die ganze Gesellschaft fuhr ab. Nur der alte Trotha und der Kandidat blieben zurück, und beide saßen die ganze Nacht am Lager des Verwundeten, ob sie wohl noch etwas von dem Schrecklichen erfahren möchten, was er zu künden hatte. Aber Wartmann lag im Wundfieber und konnte nichts sagen.

Am anderen Tage war sein Zeugnis nicht mehr nötig. Von allen Seiten kamen die Hiobsposten, und man mußte sie wohl glauben, denn die Versprengten von Jena, Hassenhausen und Halle trugen sie durchs Land. Der König war geflohen, Hohenlohe geflohen, der Herzog von Braunschweig auf den Tod verwundet, die Armee in alle Winde zerstreut, Preußens Waffenruhm mit einem Schlage in den Staub geschmettert.

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