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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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III.

Dem Kandidaten der Theologie Moldenhauer war es zu Mute wie einem fahrenden Ritter, der in ein wundersames, reizvolles Abenteuer hineinreitet. Schon im Sommer war er von seiner Reise zurückgekehrt und war kurz darauf aus seiner Informatorstelle ehrenvoll entlassen worden, da der junge Mann, den er begleitet hatte, eines Lehrers und Mentors nicht mehr bedurfte.

Seitdem saß er auf der Pfarrei seines Vaters und hatte wenig zu tun, denn der rüstige Greis vermochte sein Amt trotz seiner siebzig Jahre noch ganz wohl selbst auszufüllen. Als der Krieg ausgebrochen war, hatte er versucht, eine Stelle als Feldprediger zu erhalten, aber sein Gesuch war ohne Antwort geblieben. Nun vertrat er oft seinen Vater oder einen benachbarten Pfarrer in ihren Amtsgeschäften, hielt sich auch häufig in Halle auf, um seinen verehrten Lehrer Schleiermacher zu hören, an den er sich mit der ganzen Glut seines Herzens angeschlossen hatte. Dazwischen las er viel und studierte eifrig, aber das alles befriedigte ihn nicht. Er sehnte sich nach einer Tätigkeit, die seine Kräfte anspannte, sein Leben ausfüllte. Aber wie sollte er sie finden? Noch einmal Informator werden, noch einmal als schlecht bezahlter Diener sich unter fremde Menschen ducken und schmiegen? Er hatte gerade genug davon. Oder sich um eine Pfarre bewerben? Das war fast aussichtslos, wenn nicht ein Zufall zu Hülfe kam; denn damals geschah es wohl, daß die alten Kandidaten einem hohen Konsistorio ihre grauen Haare einsandten, zum Beleg dafür, wie lange sie schon auf eine Stelle warteten. Wurde er Substitut seines Vaters, so hatte er wenigstens sichere Anwartschaft auf eine Pfarre, und da der Alte mit dem Gedanken umging, sich pensionieren zu lassen, so hatte er dem Drängen der Eltern nachgegeben und sich beworben. Aber jede Unterbrechung seines allzu stillen und einförmigen Lebens war ihm willkommen, und die plötzliche Einladung des Barons war ihm mehr als das, sie erfüllte ihn mit freudigem Stolze.

Denn Heinrich von Krosigk war zwar ein leutseliger und höflicher Herr, aber er machte es selten einem leicht, an ihn näher heranzukommen. So wenig er von junkerlichem Hochmut an sich hatte, so freundlich er mit jedermann, selbst mit den Ärmsten und Geringsten sprach, so wenig war sein Wesen dazu angetan, jemanden zur vertraulichen Annäherung zu ermutigen. In der ganzen Haltung seiner hohen Gestalt, in dem Ausdrucke des schönen, strengen Antlitzes mit den scharfen, klaren Augen lag etwas Gebietendes, unwillkürlich Respekt Einflößendes, dem sich selbst seine Standesgenossen beugten. Im geheimen freilich schüttelte mancher über ihn den Kopf, und besonders die alten und älteren Damen des Landadels hielten zuweilen ein scharfes Gericht über ihn, wenn sie unter sich waren. Denn was für ein unerklärlicher, seltsamer Mensch war er doch! Obwohl er schon weit über ein Jahr den Abschied genommen hatte und die großen Güter nach dem Tode seines Vaters bewirtschaftete, hatte er sich noch immer nicht umgesehen unter den Töchtern des Landes und behandelte alle jungen Damen seines Kreises mit der gleichen höflichen Kälte. Merkwürdiger Weise hörte man auch von keiner unstandesgemäßen Liaison – der Mann schien ein vollkommener Weiberfeind zu sein. Zwei seiner Schwestern hielten ihm abwechselnd Haus, und seine Mutter kam zuweilen von Halberstadt oder Gröna, um nach dem Rechten zu sehen – der Platz an seiner Seite blieb leer. Das war gewiß merveillös; wer konnte wissen, ob nicht ein Geheimnis dahinter steckte! Aber bedenklicher noch, geradezu skandalös und ridikül war der Geschmack, den er bei der Wahl seiner Freunde bewies. Zwar daß er mit denen von Wedell auf Piesdorf und mit dem von Trotha auf Gänsefurth, seinem Schwager, freundschaftlichen Verkehr pflog, das war ganz in der Ordnung. Aber was sollte man dazu sagen, daß der Sproß des ältesten und reichsten Geschlechtes im Saalkreise mit bürgerlichen Gelehrten in vertrautem Umgang stand! Da war zum Beispiel ein Arzt aus Halle, ein Professor Reil, häufiger Gast auf dem Poplitzer Schlosse, und man sagte, daß der Baron mit ihm oft bis Mitternacht beim Steinweine zusammensitze. Der Mann sollte ja nun freilich eine Berühmtheit sein, aber du lieber Gott, was wollte das besagen! Für einen Krosigk schickte sich der Verkehr trotz alledem ganz und gar nicht, und wie konnte ein Offizier des Königs und großer Grundherr überhaupt Gefallen finden an der Unterhaltung mit solch langweiligem Federfuchser und Büchermenschen!

Hätte Heinrich von Krosigk diese Urteile erfahren, so würden sie ihm sicher das größte Vergnügen bereitet haben. Denn der Standeshochmut war ihm greulich zuwider, so stolz er auf seinen alten Adel war, und wenn er den engen und beschränkten Geistern ein Ärgernis geben konnte, so gewährte ihm das eine besondere Herzensfreude. Aber jeder hütete sich, ihm derartiges zu sagen, weil er eine gar zu unangenehme Art hatte, unberufene Mahner und Berater abfallen zu lassen.

Übrigens schadete das Gezischel der alten Tanten und Basen seiner Stellung unter den Adeligen des Kreises gar nichts. Er hatte wenige nähere Freunde, aber überall, wo er erschien, übte er durch die Wucht seines geschlossenen Wesens einen bedeutenden Einfluß aus und spielte auf den Ständetagen eine große Rolle. Erst neulich hatte er durch seine feurige Beredsamkeit den Adel des Saalkreises dazu vermocht, dem Könige die Ausrüstung einer Landmiliz anzubieten, und der Monarch hatte den Antrag seiner getreuen Ritterschaft mit gnädigem Danke angenommen. Dadurch war der Name Heinrichs von Krosigk in der ganzen Provinz bekannt geworden; auch die selbst lau und lässig waren, rühmten seine Tatkraft und seine königstreue Gesinnung. Der Kandidat war freilich der Meinung, der König werde solcher Hilfe gar nicht bedürfen, sondern allein mit den Franzosen fertig werden. Aber der Opfermut, der lebendige patriotische Eifer, der aus Krosigks Vorgehen sprach, hatten eine helltönende Saite in seiner Brust berührt. Er fühlte sich mächtig hingezogen zu dem Manne, der ihn so plötzlich in seine Nähe gestellt hatte und neben dem er jetzt dahinritt.

Nach kurzer Zeit bog der Baron von den Feldern ab und ließ sein Pferd mit einem Sprunge über den Graben auf die breite Straße setzen, die nach dem Schlosse führte. Dann zügelte er den raschen Lauf des Tieres und schlug ein gemächliches Tempo an.

»Wir wollen,« sagte er zu dem jungen Manne, der ihm gefolgt war, »nachher gleich einen Diener nach Peissen schicken, der Wäsche, Bücher und was Sie sonst brauchen und haben wollen, für Sie herüberbringt. Sie sollen einige Tage bei mir leben und werden sich, wie ich hoffe, wohlfühlen.«

»Sie sind sehr gütig, Herr Baron, und ich weiß nicht, welchem Umstande ich eigentlich so viele Freundlichkeit verdanke,« erwiderte Moldenhauer bescheiden.

»Ich sagte Ihnen ja, Sie gefallen mir!« rief Krosigk. »Wissen Sie, mir geht es mit den Menschen eigentümlich. Es begegnet mir hin und wieder einer, der mir auf den ersten Anblick sympathisch ist, und dann wieder einer, den ich nicht ausstehen kann. Zu dem einen zieht mich etwas Unerklärliches hin, zu dem anderen kann ich mir beim besten Willen kein Herz fassen. Und was das Sonderbarste ist: diese innere Stimme hat mich noch nie betrogen. Mit Ihnen habe ich übrigens noch etwas Besonderes vor, was Sie nachher gleich erfahren werden. – Was ich noch sagen wollte, ehe ich's vergesse: Lassen Sie sich Ihren schwarzen Rock mit herüberkommen. Mir sind Sie so lieber, aber ich habe heute eine kleine Gesellschaft am Abend. Der Landrat ist da und einige andere Herren. Wissen Sie, welchen Gedenktag ich heut feiere?«

»Nein.«

»Nun, dann kann es Ihnen nachher der Schröder erzählen. Er wird auf Ihr Zimmer kommen, um Ihre Befehle entgegenzunehmen. Er ist sehr redselig und lügt nur wenig. Ich mag Ihnen die Geschichte nicht selbst berichten, denn man soll von seinen Taten so wenig wie möglich reden. Aber erfahren sollen Sie es doch, damit Sie im Bilde sind.«

Sie waren während dieser Unterhaltung die große Nußbaumallee entlang geritten, die direkt auf das Schloß zuführte. Der einfache, aber geräumige und vornehme Bau, in dessen Fenstern sich die Abendsonne spiegelte, lag dicht vor ihnen. In der Reitbahn vor dem Hause stand eine große Menge jüngerer Leute, Knechte, Tagelöhner, Förster, Bediente, in Gruppen beieinander. Als die beiden Reiter sichtbar wurden, erschollen kurze Kommandorufe, und die Männer begannen sich in Reihen aufzustellen.

»Das sind meine Leute, die ich zur Landmiliz ausgemustert habe,« sagte Krosigk. »Ich will sie nachher dem Landrate vorstellen; er kommt deshalb etwas eher, als die übrigen Gäste. Es sind weit über hundert Mann aus meinen Dörfern. Sehen Sie mal, was für prächtige Kerls darunter sind, die geborenen Grenadiere!« Er nahm die Meldung eines graubärtigen Försters entgegen und ritt dann freundlich grüßend an den Reihen hinab. »Laß er die Leute abtreten, aber paß er auf, wenn der Wagen des Herrn Landrats kommt. Dann wird sofort angetreten!« befahl er und schwang sich vor dem Hause aus dem Sattel. Der Kandidat folgte seinem Beispiele, und der Jäger Schröder führte mit einem rasch herbeispringenden Stallburschen die Tiere hinweg.

Als die beiden die Stufen der hohen Freitreppe erstiegen hatten, öffnete sich die Tür des Hauses, und sie standen einer jungen Dame gegenüber. Sie war eine hohe, schlanke Erscheinung, und man hätte sie eine vollendete Schönheit nennen müssen, wenn nicht der Kopf etwas zu groß, der Ausdruck des Gesichtes etwas zu herrisch gewesen wäre. Der Schnitt des Profils, die großen, braunen Augen, der feine Mund – alles das war den Gesichtszügen des Barons so ähnlich, daß jeder in den beiden auf den ersten Blick Geschwister erkennen mußte.

»Ich bringe dir hier den Kandidaten, Antoinette, dessen Predigt dich neulich so enchantiert hat,« sagte der Baron.

Das Mädchen zog unwillkürlich die dunkeln Brauen ein wenig zusammen und errötete leicht. Wie konnte nur ihr Bruder dem jungen Manne da gleich sagen, wie sie sich über ihn geäußert hatte; der mochte sich ja daraufhin irgend eine Schwachheit einbilden! Sie erwiderte daher die respektvolle Verbeugung Moldenhauers nur mit einem etwas hochmütigen Neigen des Hauptes und versetzte in kühlem Tone: »Die Predigt war wirklich exzellent, und wenn sie ganz auf eigenem Acker gewachsen war, so sage ich, daß Sie Ihr Metier verstehen.«

»Aber gnädiges Fräulein!« rief der Kandidat, ganz verblüfft von so viel Offenheit, und errötete nun seinerseits sehr stark.

Der Baron lachte. »Eine Schmeichelei war das nicht gerade, liebe Demoiselle Soeur! Der Herr Kandidat könnte sich billig beleidigt fühlen, wenn du ihm ein Plagiat zutraust.«

Sie zuckte die Achseln. »Natürlich liegt es mir fern, den Herrn irgendwie zu beleidigen. Ich meine, ein Prediger muß seiner Gemeinde das Beste bieten, was er kennt. Findet er das einmal bei einem anderen, mein Gott, warum sollte er es nicht benutzen? Meinen Sie nicht auch, Herr Kandidat?«

Moldenhauer bekam einen ganz roten Kopf. »Nein, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte er mit großer Entschiedenheit. »Sie verzeihen, daß ich ganz entgegengesetzter Meinung bin. Ein Prediger muß aus seinem Innersten heraus reden, sonst ist seine Sache nichts. Wer sich Flicken und Lappen von anderen borgt, der ist ein armseliger Wicht.«

Das Fräulein wollte sich zu einer Entgegnung anschicken, aber ihr Bruder unterbrach sie, indem er noch stärker lachte. »Wenn ihr disputieren wollt, so geht wenigstens ins warme Zimmer,« rief er. »Die Treppe ist dazu doch zu kühl und zugig. Auch muß es wohl nicht gleich in der ersten Minute sein! Wie?«

Das Fräulein und der Kandidat lächelten nun auch; sie fühlten beide, daß ihr Eifer eine etwas komische Situation geschaffen hatte. Antoinette streckte dem jungen Manne die Hand entgegen und sagte: »Mein Bruder hat recht. Wir haben uns ja eigentlich noch gar nicht »Guten Tag« gesagt. So heiße ich Sie denn in unserem Hause willkommen. Ich hoffe, Sie nachher noch zu sehen, wenn ich zurückkehre.«

»Der Kandidat bleibt einige Tage hier,« bemerkte der Baron.

»So?« sagte das Fräulein nicht eben überrascht, denn solche plötzliche Einladungen kannte sie schon an ihrem Bruder. »Dann können wir uns ja noch tüchtig die Meinung sagen. Jetzt aber muß ich praktisches Christentum üben. Ich gehe zu meinen Kranken.« Sie reichte ihrem Bruder die Hand und neigte wieder das Haupt gegen den Kandidaten, diesmal aber mit einem freundlichen Blicke. »Einstweilen Adieu. Au revoir

Mit leichten, graziösen Schritten stieg sie die Treppe hinab; der Kandidat sah ihr in Gedanken versunken nach.

»Kommen Sie,« sagte Krosigk und faßte ihn am Arme. »Ich will Sie selbst auf Ihr Zimmer führen; nachher mag Schröder bei Ihnen antreten. Bitte, hier herein. Gesegnet sei Ihr Eingang!« Er schüttelte ihm die Hand mit kräftigem Drucke.

Ein weiter, geräumiger Vorsaal nahm die beiden auf. Rings an den Wänden hingen von oben bis unten Bilder der Ahnen des Krosigkschen Hauses, die Männer im Prunkharnisch und Allongeperücken, die Damen in der reichen und bunten Tracht, wie sie vor hundert und mehr Jahren bei den Vornehmen Mode gewesen war.

Den Kandidaten überkam eine Kindheitserinnerung. »Hier bin ich schon einmal gewesen,« sagte er. »Es mögen nun wohl zwanzig Jahre her sein, da hatte mich mein Vater mit herübergenommen. Ich durfte mit dem kleinen Junker Ernst, Ihrem Bruder, spielen, und bekam dann Schokolade, was mir etwas ganz Neues war. Ist der Herr Leutnant jetzt bei der Armee?«

»Mein Bruder Ernst ist zur Zeit noch in Spandau, hofft aber sehnlichst, bald mit ins Feld zu rücken.«

»Wenn er nur nicht zu spät kommt!« bemerkte der Kandidat. »Die Würfel dürften wohl in den nächsten Tagen fallen. Vielleicht sind sie schon gefallen.«

Krosigk nickte. »Das ist auch seine Sorge. Ich meine aber, es wird auch nach einer Schlacht auf deutschem Boden der Krieg noch lange nicht zu Ende sein. Den Bonaparte und seine Nation schlägt man nicht mit einem Schlage nieder. Bitte, hier links. Sie sollen oben wohnen.«

Der Kandidat setzte eben den Fuß auf die unterste Stufe, als aus einer Tür rechts seitwärts wieder ein junges Mädchen heraustrat. Sie machte den Herren eine tiefe Verbeugung und eilte dann leichtfüßig dem Ausgange zu. Sie trug ein weißes Tuch über dem Kopfe, so daß man wenig von ihrem Gesichte erblicken konnte, aber an dem rötlich blonden Lockenhaare, das unter dem Spitzenüberwurf hervorquoll, hatte der Kandidat sie trotzdem erkannt. Mit der Miene höchster Überraschung starrte er dem Schloßherrn ins Antlitz.

»Wundert Sie so, daß Mamsell Lisette Schicht in meinem Hause ist?« fragte Krosigk mit einem halben Lächeln.

»Wenn ich offen sein soll, ja, Herr Baron,« entgegnete der Kandidat mit einem tiefen Atemzuge.

»Was tut sie denn hier?« »Sie ist seit einigen Tagen eine Art von Stütze oder Gesellschafterin meiner Schwester.«

»Herr Baron«, sagte Moldenhauer mit gedämpfter Stimme, »kennen Sie nicht die Gerüchte, die in der Gegend über sie verbreitet sind? Für eine Pastorstochter sind sie nicht eben rühmlich, und ihr Vater, der selige Schicht, würde sich wohl in seinem Grabe in Laublingen umdrehen, wenn er sie hören könnte.«

»Der gute Mann braucht sich nicht zu derangieren und kann ruhig liegen bleiben,« erwiderte der Baron. »Die Tochter ist nämlich ein ganz braves Frauenzimmer.«

»Aber es wird doch allgemein gesagt, sie hätte in sehr intimem Verhältnisse mit dem verstorbenen Amtmann in Brumby gelebt, bei dem sie früher Wirtschafterin war?« warf Moldenhauer ein. »Und die Schwester des Amtmanns, die verwitwete Amtsrätin in Beesen, hat diesen Gerüchten auch nie widersprochen.«

»Aber in ihrem Hause hat sie das Mädchen behalten,« sagte der Baron scharf. »Wissen Sie auch, warum? Sie wollte an der armen, hilflosen Waise eine Sklavin haben, an der sie und ihre hochnäsigen Töchter ihre Launen nach Belieben auslassen konnten. Da konnte es ihr ja nur konvenieren, wenn solche Gerüchte kursierten; sie entzogen dem Mädchen die Sympathie.« Er fuchtelte heftig mit seiner Reitpeitsche in der Luft herum und fuhr dann fort, während er langsam die Treppe hinaufstieg: »Glauben Sie mir, es gibt Situationen, in denen kein Mensch lügt, und mag die Wahrheit noch so bitter für ihn sein. In einer solchen Situation habe ich diese Person getroffen – das Nähere geht nur Gott und mich an. Daher weiß ich so sicher, wie dies meine rechte Hand ist, daß alles Klatsch ist, was die Leute über sie sagen, und habe kein Bedenken gehabt, sie meiner Schwester zu empfehlen.«

»Es soll mich nur freuen, Herr Baron,« sagte Moldenhauer warm, »wenn das Gerücht nicht die Wahrheit redet. Sind Sie von ihrer Unschuld überzeugt, so haben Sie eine edle Tat getan. Nicht jeder würde das gewagt haben.«

Krosigk warf den Kopf in den Nacken. »Gewagt? Ist das ein Wagnis? Ach so – Sie meinen, der Klatsch könne sich nun auch an mich und mein Haus heften? Wissen Sie, darauf pfeif' ich! Was ich für recht halte, das tue ich, und wenn sich jemand darüber ärgert, so ist mir das ein Extrapläsir. Meine Schwester denkt darin ganz ebenso wie ich. – Das ist nämlich nicht immer der Fall,« fügte er lächelnd hinzu. »Sie werden bald bemerken, daß die ihren Kopf für sich hat.«

»Ich zweifle nicht daran,« erwiderte der Kandidat, nun gleichfalls lächelnd.

Sie hatten während dessen ein hohes und weites Gemach durchschritten, das der Bildersaal genannt wurde, weil es noch mehr als der Vorsaal des Hauses mit Krosigkschen Ahnenbildern behängt war. Vor einem blieb der Kandidat unwillkürlich stehen. Es stellte einen Kriegsmann aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges dar. »Mein Gott, welch ein düsteres Gesicht! Der sieht aus, als hätte er nie gelacht.«

»Das Bild ist wohl erst nach seinem Tode gemalt, und man hat ihm diesen Ausdruck gegeben, weil er ein so schreckliches Ende hatte,« sagte der Baron nähertretend. »Das ist nämlich mein Namensvetter Heinrich von Krosigk, der 1637 von schwedischen Marodeuren ermordet wurde. Sie kennen wohl die Geschichte; man erzählt sie sich ja jetzt noch in den Spinnstuben der Umgegend. Die Schufte überfielen ihn, als er in der Nacht von Sandersleben nach Hause reiten wollte, schossen ihn tot, nahmen sein Pferd und seine Kleider und ließen den nackten Leichnam auf dem Felde liegen. Als sie aber nachher an die Saalefähre kamen, erkannten die Krosigkschen Knechte das Roß und die blutigen Kleider ihres Herrn. Die Mordbuben wurden gefesselt, nach Alsleben gebracht und dort gerädert. Der dreißigjährige Krieg war überhaupt eine böse Zeit für die Krosigks. Sehen Sie, der dort« – er wies auf ein Bild an der gegenüberstehenden Wand – »hatte kein besseres Schicksal. Er wurde von kaiserlichen Reitern in Löbejün ermordet. Und unten hängt einer, der fiel als Oberst des Böhmenkönigs in der unglücklichen Schlacht am Weißen Berge.«

»Gott sei Dank, daß diese Zeiten vorüber sind und wohl auch niemals wiederkehren!« rief der Kandidat.

»Meinen Sie?« Der Baron furchte die Stirn und sah den jungen Mann durchdringend an. »Die Spanier und Schweden reiten nicht mehr über unsere Felder, aber den Donner französischer Kanonen haben wir erst vor einer halben Stunde gehört.« Er schwieg eine Weile und fuhr dann langsam fort: »Es ist vielleicht besser, wenn ich Ihnen gleich sage, was ich mit Ihnen vorhabe. Frische Fische, gute Fische! Kommen Sie! Dieses Zimmer habe ich für Sie ausgesucht; es ist nicht übermäßig groß, aber freundlich und hell.« Er öffnete eine Tür an der linken Seite des Saales und lud den Kandidaten durch eine Handbewegung ein, vorauszugehen. »Lassen Sie sich meine Gegenwart noch eine kurze Weile gefallen. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist bald gesagt und, wie ich denke, rasch erledigt. Sehen wir uns. And nun beantworten Sie mir zuerst eine Frage, offen, ehrlich und ungeschminkt: Wundern Sie sich nicht, daß ich hier sitze?«

»Warum, Herr Baron? Inwiefern?« fragte der Kandidat sehr erstaunt.

»Nun, das liegt doch sehr nahe. Der Krieg ist in vollem Gange, draußen wird gekämpft, und ich, ein Kapitän des Königs, ich bin nicht dabei!«

»Sie hatten doch nach dem Tode Ihres Herrn Vaters den Dienst quittiert, um die großen Güter zu übernehmen,« bemerkte der Kandidat.

»Herrgott, ja! In Friedenszeiten wäre das ja ganz räsonabel. Aber es ist Krieg, und ein Krosigk sitzt auf seiner Scholle. Wie reimen Sie sich das zusammen, Herr?«

»Ehrlich gesagt, darüber habe ich nicht nachgedacht,« sagte der Kandidat. »Sie meinten wohl, dem Könige und dem Staate so mehr zu nützen.«

»Nein, das meinte ich nicht. Ich will Ihnen sagen, wie's zugeht. Voriges Jahr, ich war kaum ein paar Monate hier, wird Alarm geblasen, das Heer wird mobil gemacht. Ich fahre mit Kurierpferden nach Berlin, Köckeritz verschafft mir eine Kompagnie, wir rücken aus, liegen einige Wochen in Thüringen in Quartier, und dann folgte auf die Fanfare die Schamade. Alles war aus, es ging wieder heimwärts. Der verfluchte Haugwitz hatte den Vertrag von Schönbrunn abgeschlossen. Da quittierte ich den Dienst und schwur, daß mich niemand wieder narren solle. Ich hatte das Vertrauen verloren, daß unsere Regierung jemals den Degen ziehen würde. Darum tat ich nichts, als der König im August mobil machte, und als ich mich vor vierzehn Tagen meldete, konnte man mich nicht brauchen. Zum Könige konnt' ich nicht durchdringen, Hohenlohe wies mich mit höflichen Redensarten ab, denn ich hatte durch unliebsame Äußerungen den Obersten Massenbach gegen mich aufgebracht, und der gilt alles beim Fürsten. Trotzdem denke und hoffe ich, auf andere Art dem Könige zu nützen. Was halten Sie von meinem Plan einer Landmiliz?«

Der Kandidat zögerte. »Darf ich ganz offen reden?«

»Ich bitte darum.«

»Ich halte den Gedanken für exzellent, glaube auch, daß die Institution sehr nützlich wirken könnte, wenn der Krieg sich in die Länge zöge, etwa eine Schlacht ungünstig ausliefe, der Feind unsere Festungen belagerte und Teile unseres Landes okkupierte. Aber verzeihen Sie, daran vermag ich nicht zu glauben.«

»Warum nicht?«

»Ich glaube fest und sicher, daß Napoleon geschlagen wird. Sollte denn Friedrichs Geist unsere Armee verlassen haben? Wären wir nicht mehr die Preußen von Roßbach und Leuthen? Es ist wahr, wir haben einige Schlappen erlitten, Prinz Louis ist tot. Sollen wir deshalb verzagen? Ist es recht, auch nur zu zweifeln? Sind unsere Soldaten nicht wohlgeübt und kriegstüchtig? Geht unseren Offizieren nicht die Ehre über das Leben? Stehen nicht Männer an unserer Spitze wie Rüchel und Braunschweig, die noch aus Friedrichs Tagen Lorbeeren tragen? Während wir hier reden, Herr Baron, führt vielleicht der geschlagene Napoleon schon sein geborstenes Heer über den Thüringer Wald zurück.«

Der Kandidat hatte unwillkürlich die rechte Hand zum Himmel erhoben, und sein Antlitz hatte sich gerötet. Wohlgefällig nickend blickte ihm Krosigk in die erregten Züge.

»Sie reden wie ein guter Preuße und redlicher Patriot, und was Sie da sagen, das unterschreibe ich ja Wort für Wort. Das Land, das sieben Jahre lang ganz Europa getrotzt hat, wird sicher dem Korsen nicht erliegen. Nur an eines glaube ich nicht, an ein schnelles Ende des Krieges. Jener Mensch hat ungeheure Hilfsquellen. Wird er geschlagen, so kehrt er sicher zum zweiten Ansturm zurück. Es kann ein Weltkrieg werden, kann Jahre dauern.«

»Das verhüte Gott!« warf der Kandidat ein.

»Warum? Der Krieg erzieht Männer, Helden! Unser Geschlecht war eben daran, feig und läppisch und weibisch zu werden. Das wird sich nun ändern, wenn der da oben uns in die Zucht nimmt. Der fragt nicht nach unserem Gewinsel, er schickt uns, was uns gut ist. Vielleicht ist der Bonaparte ein Werkzeug Gottes, das uns aufrütteln soll aus unserer Faulheit und Schlaffheit.«

»Ein Werkzeug Gottes?« rief der Kandidat. »Glauben Sie, Herr Baron, daß der heilige Gott sich solcher Werkzeuge bedient? Nennen Sie ihn eher ein Werkzeug des Vaters der Lüge!«

»Ist nicht der Teufel selbst ein Werkzeug in des Allmächtigen Hand?« sagte Krosigk ruhig. »Ich verachte den Kerl ja auch im Grunde meines Herzens. Er ist ein Mensch ohne alle Liebe und Treue, ohne Glauben und Redlichkeit. Aber sein Geist ist gewaltig und sein harter Wille noch gewaltiger. Glauben Sie mir, der Sieger von Austerlitz ist kein Soubise, der bei Roßbach floh. Er wird uns schwer zu schaffen machen. Sie haben in Frankreich gelebt, haben sein Heer gesehen. Sind das die seidnen Püppchen von 1757? Sind es die verlotterten Sansculotten von 1794?«

»Nein,« erwiderte der Kandidat, »ich müßte lügen, wenn ich das behaupten wollte. Aber wenn Sie ein preußisches Bataillon sehen und daneben ein französisches, so werden Sie sagen: Soldaten, wie wir sie haben, hat kein anderes Volk auf Erden.«

»Das glaub' ich gern. Aber auch der Schöpfer unserer unvergleichlichen Armee, der alte Fritz, hat nicht immer gesiegt. Denken Sie an Hochkirch und Kunnersdorf! Wenn nun unserer Armee einmal etwas zustieße? Was dann? Wir haben nur die eine im Felde.«

»Dann ist Rußland auch noch da, und auch Österreich wird aufstehen,« sagte Moldenhauer.

»Rußland ist weit und der Zar ein weicher Jüngling. Österreich wird sich freuen, wenn wir Prügel kriegen. Kennen Sie nicht Ihren Schiller? Wahrlich, er hat nie ein richtigeres Wort gesprochen, als wo er seinen Helden sagen läßt: Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst!«

»Sie können einem wirklich das Herz schwer machen, Herr Baron!« rief der Kandidat.

Krosigk legte ihm die Hand fest auf die Schulter. »Das will ich nicht. Mit schwerem Herzen sollen Sie nicht mit ans Werk gehen, zu dem ich Sie rufen will, sondern mit zuversichtlichem Mute und fröhlichem Herzen. Zum Arbeiten will ich Sie aufrufen. Sehen Sie sich um im Lande! Überall in den Dörfern, auf den adligen Gütern eine Fülle junger Mannschaft! Darunter Leute wie die Eichbäume, breit und stark. Die wollen wir zusammenbringen, einüben, mit Zorn gegen die Fremden, mit Liebe zum Vaterlande erfüllen, etwas von unserem Haß und unserer Liebe in die trägen Massen einströmen lassen. So schaffen wir dem Könige eine Reserve, eine neue Armee. Reißt der Krieg Lücken, wir füllen sie aus. Eine ungeheure Kraft schlummert im Volke. Wecken wir sie, werfen wir sie in den Kampf! Daran wird Bonapartes Macht zerschellen. Gegen ein Volk hat er noch nie gefochten. Braucht der König unsere Hilfe nicht, um so besser! Wir aber haben doch unsere Pflicht getan, sind nicht träge stillgesessen, wie die Faultiere, haben fürs Vaterland gearbeitet. Und passen Sie auf, man wird uns brauchen.«

Die beiden hatten sich erhoben. War's der Schein der Abendsonne, der durch das Fenster brach, war's die innere Bewegung, die in ihnen arbeitete – ihre Gesichter glänzten, und ihre Augen leuchteten.

Der Kandidat streckte dem Edelmanne mit einer ungestümen Bewegung beide Hände entgegen. »Sie haben mich, Herr Baron! Ich folge Ihnen! Sagen Sie mir, was ich tun soll, was ich tun kann!«

»Feldprediger sollen Sie werden bei unserem Aufgebot, wenn der Sturm losbricht,« rief Krosigk und erfaßte des jungen Mannes Hand mit starkem Drucke. »Mit Gottes Wort ziehn wir hinaus, wenn das Vaterland Männer braucht und der König uns ruft, und Sie sollen es dem Volke verkünden. Sie können das, ich weiß es. Wollen Sie?« »Von Herzen gern, und je eher, je lieber!«

»So habe ich mich in Ihnen nicht getäuscht und heiße Sie als Bundesgenossen noch einmal bei mir willkommen. Alles Nähere heut abend nach Tisch und morgen früh. Die Herren, die nachher kommen, bleiben die Nacht hier. Mit ihnen halten wir Kriegsrat. Für jetzt – Gott befohlen.«

Noch einmal schüttelte er die Hand des Kandidaten kräftig und schritt dann zur Tür hinaus.

Moldenhauer blieb in hoher Erregung zurück. Wie Feuerfunken in dürres Stroh waren die Worte des Barons in sein Inneres gefallen; nun brannte es lichterloh. Ja, hatte der Mann nicht in allem recht? Wie konnte man eigentlich davon träumen, daß eine gewonnene Schlacht die Riesenmacht des Korsen vernichten werde? Eine solche Eiche fiel wohl nicht vom ersten Streiche, und wurde er noch so scharf und wuchtig geführt. Es konnte ein Krieg auf Tod und Leben werden. Dann aber mochte es leicht geschehen, daß das Beispiel, das im Saalkreise gegeben ward, im ganzen Volke zündete. Wer konnte wissen, welche Bewegung von hier aus ihren Anfang nahm! Und er war berufen, an dem Werke mitzuarbeiten. Ihm, der noch heute früh mißmutig über seinen Büchern kauerte, hatte ein günstiges Geschick zugeworfen, wonach er lechzte: eine große Tätigkeit, Leben, Arbeit. Er breitete beide Arme aus, und wenig fehlte, so hätte er ein Jauchzen ausgestoßen.

Da tönte von unten herauf Trommelwirbel an sein Ohr. Er eilte ans Fenster und sah, wie die Leute von überall her zusammenliefen und sich ordneten, denn der Wagen rollte bereits in der Allee heran. Der Baron stand auf der Freitreppe und erwartete seine Gäste.

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