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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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II.

Herr August Christian Werkmeister, wohlbestallter Pfarrer zu Laublingen an der Saale, saß in seinem Studierzimmer und sann über seine Sonntagspredigt nach. Es war ein heller, freundlicher Oktobernachmittag, und die Sonne blickte strahlend durch die kleinen Fensterscheiben herein. Trotzdem brannte im Ofen ein mächtiges Feuer, und der geistliche Herr hatte den hageren Leib in einen dichten Schlafrock gehüllt und die Füße in große Pantoffeln vergraben. Denn er liebte die Wärme sehr und behauptete, daß ihm nur bei voller Behaglichkeit des äußeren Menschen erbauliche und fruchtbare Gedanken kämen.

Heute indessen schienen sie sich durchaus nicht herbeizaubern zu lassen. Was sollte man auch immer Neues sagen über die alten Evangelien, besonders wenn man ein strammer Nationalist war und von Wundern und Zeichen absolut nichts wissen wollte! Gerade die Erzählung von der Heilung des Gichtbrüchigen, die am nächsten Sonntage, dem neunzehnten nach Trinitatis, auszulegen war, bot für den vernünftigen und aufgeklärten Leser enorme Schwierigkeiten dar, Schwierigkeiten, die freilich der große Haufe der Beschränkten nicht ahnte, über die der feinere Geist sich jedoch nicht hinwegsetzen konnte.

Seufzend schloß er ein Fach seines Sekretärs auf, um nachzuforschen, was er früher über diesen Text gesagt hatte. Er sah die Predigten des vorvorigen Jahres durch, aber er legte sie sogleich zurück, denn der Herr Kantor hatte ein verwünscht gutes Gedächtnis, und es war ihm zuzutrauen, daß er die Wiederholung erkennen und deshalb in der Schänke mit anzüglichen Worten nach seinem Seelsorger zielen werde. Doch halt – vier Jahre vorher, als dieser Kantor noch nicht am Orte war, hatte er ja auch über das Evangelium predigen müssen. So griff er denn nach dem Jahrgange 1802 und fand bald, was er suchte. Aber während des Lesens verdüsterte sich sein Antlitz mehr und mehr. Die Predigt war zu schön gewesen, er entsann sich, sie hatte Eindruck gemacht, besonders die Verse aus Tiedges Urania, die er eingeflochten hatte. Er war sogar deshalb von der Patronatsherrschaft ausdrücklich angeredet und belobt worden. Durfte er es wagen, sie noch einmal aufzutischen? Zwar Herr Baron von Krosigk, so kalkulierte er, würde wohl schwerlich in der Kirche sein, denn mit dem war er seit einiger Zeit ziemlich zerfallen. Aber die beiden Schwestern des Patrons, Fräulein Antoinette und Charlotte, saßen regelmäßig noch im Gutsstuhle, und er entsann sich, daß die schwärmerische Charlotte damals eine Träne getrocknet hatte, als er auf Grund dieses Textes »Über den Wert der treuen Freunde, die uns zu Christus führen« gesprochen hatte. Fatal, sehr fatal, daß er nicht wußte, ob Charlotte gerade im Poplitzer Schlosse zugegen war, oder ob sie, wie in letzter Zeit häufig, ihrem jüngeren Bruder in Gröna haushielt.

Nein, er konnte es nicht wagen, das alles zum zweiten Male vorzubringen. Mißmutig schloß er den Schrank wieder zu, ließ sich noch einmal tief aufseufzend in seinen Sorgenstuhl nieder und blies so starken Dampf aus seiner langen Pfeife, daß er endlich in eine undurchdringliche blaue Wolke gehüllt dasaß.

Schon beschloß er, zum dritten Male seufzend, diesmal mit einem fremden Kalbe zu pflügen, und streckte die Hand nach seinem Bücherregale aus, um bei Spalding, Sack oder Reinhard eine Anleihe zu machen, als leise und schüchtern an der Tür geklopft wurde.

Auf sein »Herein« trat eine ärmlich, aber sauber gekleidete Bauernfrau in die Stube und blieb bescheiden am Eingange stehen.

»Sie ist es, Nageln,« sagte Werkmeister ziemlich ungnädig. »Ist es denn etwas Wichtiges? Weiß sie nicht, daß ich mich am Freitag nachmittags ungern stören lasse?«

»Ach, Herr Pastor,« erwiderte die Frau, »es ist nur wegen dem Briefe. Ich kann ja nicht mehr lesen, seit mir der Gasten ihre Kinder die Brille zerbrochen haben. Der Herr Pastor sollte doch einmal ein Einsehen haben und die wilde Brut« –

»Schon gut, schon gut,« wehrte Werkmeister ab. »Beschwere sie sich beim Schulmeister. Der mag die Bande durch den Backel im Zaume halten. Warum ist sie denn überhaupt nicht zum Kantor gegangen und belästigt mich mit ihrer Sache?«

»Der Herr Kantor ist nicht zu Hause.«

»Na, dann konnte sie ihn ja aus dem Wirtshause holen, wo er gewiß wieder herumflaniert,« versetzte der Pastor.

»In der Schänke ist er nicht, er ist auf dem Radeberg,« erwiderte die Frau eifrig. »Das ganze Dorf ist dort, der Schulze ist auch eben hingegangen. Man hört dort schießen von Halle her, es klingt wie Kanonen.«

Der Pastor lachte spöttisch. »In Kriegszeiten hört das Volk immer Kanonendonner. Wie sollte wohl der Napoleon nach Halle kommen! Das hat noch gute Wege. Es wird Hasenjagd sein beim Herrn von Rauchhaupt in der Trebitzer Flur, und alle die Abderiten halten das für Kanonenschüsse. Nun aber gebe sie ihren Brief her, ich will ihn ihr vorlesen. Gewiß wieder von der Großmutter in Dessau?«

»Diesmal nicht, Herr Pastor! Er ist von meinem Sohne Christian,« antwortete die Bäuerin. »Von Christian?« rief der Pastor interessiert und streckte geschwind die Hand aus. »Also ein Schreiben aus dem Felde? Da kann man ja etwas Neues erfahren. Gebe sie her. Setze sie sich.«

Die Frau nahm gehorsam auf einem Rohrstuhle in der Nähe des Pastors Platz und blickte ihn gespannt und etwas ängstlich von der Seite an. Werkmeister entfaltete den Brief, der mit einem Gothaischen Sechser zugesiegelt war, und las:

Blankenhayn, den 11. Oktober 1806.

»Sieh, sieh!« brummte er, »also schon sechs Tage alt, denn heute haben wir den siebzehnten.«

Geliebte Mutter!

Ich schreibe Euch diesen Brief aus dem Städtchen Blankenhayn im Weimarschen, woselbst wir heute mit Sr. Durchlaucht dem Herzog von Braunschweig hermarschiert sind. Der Weg war sehr schlecht, denn es hatte geregnet. Es heißt, die sackermenschten Franzosen währen nur noch ein paar Meilen von hier. Wenn wir nur erst an Sie heran währen, da wollten wir Ihnen schon zeichen, wo Barthel den Most hollt. Der König ist auch hier, ich habe ihn Selbst gesehen. Die Nächte sindt sehr kallt, wir frieren im Biwack an die Beine. Sonst bin ich gesund, was ich auch von Euch hoffe. Gelibte Mutter, womit das ich verbleibe

Ihr stäts dankbarer und liebender Sohn Christian Nagel, Gefreiter bei Alt-Larisch.

Nachschrift. Es sol gestern ein Gefecht gewesen sein und Prinz Louis soll erschossen sein. Aber ich glaubs nicht, Gott straf mich, ich glaub's nicht. Nachschrift: Sage Julichen, was auf dem Guhte in Poplitz ist, das ich sie schön grüßen lasse und das ich sie trei bleibe.

Dein

Der Obigte.

Der Pfarrer ließ den Brief sinken und blickte nachdenklich vor sich hin. »Es ist nicht viel Neues, was wir da erfahren,« sagte er. »Daß Prinz Louis gefallen ist, wissen wir ja nun sicher.«

»Ach Gott, ich bin ja nur froh, daß der Christian gesund ist,« rief die Frau und trocknete sich mit der Schürze die Augen.

»Ich will ihr wünschen, daß er noch gesund ist, denn seit sechs Tagen kann sich viel ereignet haben,« entgegnete der Pfarrer mit Nachdruck. »Ja, das wünsche ich ihr wirklich aufrichtig. Doch nun gehe sie, denn ich habe zu arbeiten.«

Die Frau entfernte sich mit vielen Dankesworten, und Werkmeister zündete sich seine Pfeife an, die während des Vorlesens kalt geworden war. Aber es war ihm nicht beschieden, zur ruhigen Ausarbeitung seiner Predigt zu gelangen. Denn gleich darauf steckte die Haushälterin, die ihm seit dem Tode seiner seligen Frau die Wirtschaft führte, den Kopf durch die Türspalte und rief mit ihrer kräftigen, schrillen Stimme: »Herr Pastor Moldenhauer aus Peißen und dessen Herr Sohn kommen aufs Haus zu.« Worauf sie eiligst verschwand, denn sie konnte sich in ihrer derangierten Toilette vor den geistlichen Herren unmöglich sehen lassen.

Pastor Werkmeister seufzte zum vierten Male an diesem Nachmittage und diesmal aus tiefster Brust. Die Störung war ihm unangenehm, der Besuch noch mehr. Zwar der alte Moldenhauer, der ging noch, mit dem war noch auszukommen, obwohl seine derbe Geradheit manchmal recht unangenehm war. Aber sein Sohn, ein Candidatus Theologiä, der vor kurzem erst von einer weiten Reise zurückgekehrt war und nun im Vaterhause auf eine Stelle wartete, dieser junge Mensch mit den scharfen Augen und der ebenso scharfen Zunge – der war ihm unausstehlich. Kaum ein paar Minuten konnte er ihn in seiner Nähe haben, so befand er sich auch schon in einem gelinden Wortwechsel mit ihm, denn in der ganzen Art des Kandidaten lag etwas, was ihm die Galle aufregte. Leider, ach leider hatte er sich neulich, als er erkrankt gewesen war, von ihm vertreten lassen, und da hatte der Kandidat so schön gepredigt, daß ihm der Patron, Herr von Krosigk, vor allen Leuten die Hand gedrückt und ihn höchlich gelobt hatte. Seitdem nannte Herr Pastor Werkmeister den Kandidaten einen Fuchsschwänzer, der nach seiner Stelle schiele, aber er tat es nur heimlich, denn es schien ihm gar nicht rätlich, mit dem jungen Manne anzubinden.

So wünschte er denn bei sich selbst den Besuch zu allen Teufeln, während er schnell seinen Schlafrock von sich warf, um in den schwarzen Rock zu schlüpfen. Leider aber hatte die Haushälterin, dieses liederliche, unzuverlässige Wesen, den Rock nicht wieder an seinen Ort im Schranke gehängt, und so stand er noch in Hemdsärmeln da, als kräftig an die Tür gepocht wurde und die beiden Moldenhauers, ohne sein Herein abzuwarten, in die Stube traten.

Der Alte schritt voran, ein stämmiger, rundlicher, munterer Greis, dessen volles schneeweißes Haar förmlich leuchtete, und von dessen behaglichem rosigem Gesichte mit den lebhaften blauen Augen ein heller Schein von Leben und Frische jedem entgegenstrahlte, der mit ihm in Berührung trat. Der viel jüngere Werkmeister sah mit seinem hagern, stubenfarbenen Antlitze ihm gegenüber geradezu alt aus. Hinter ihm trat der Sohn ins Zimmer. Er war nur wenig größer als sein Vater, aber der mächtige Kopf mit den scharf geschnittenen, von dunkelm, lang herabhängendem Haar umrahmten Zügen machte ihn zu einer auf den ersten Blick auffallenden und interessierenden Erscheinung.

Der alte Moldenhauer streckte dem verlegen umherfahrenden und nach seinem Rocke suchenden Hausherrn die Hand entgegen und rief in fröhlichem Tone: »Gott zum Gruße, Herr Bruder! Der Tausend, müssen Sie denn immer in Ihrem Baue stecken? Ich glaube. Sie wissen noch gar nicht, was draußen vorgeht.«

»Guten Tag, verehrter Herr Amtsbruder,« erwiderte der Angeredete, indem er in den glücklich gefundenen Rock hineinfuhr. »Sie haben mich überrascht. Bitte, nehmen Sie Platz, Sie auch, Herr Kandidat. Meine Haushälterin soll sogleich Kaffee und die Pfeifen –«

»Nichts da, nichts da!« sagte der Alte. »Wir wollen uns nicht aufhalten, wollen Sie mitnehmen. Kommen Sie mit uns auf den Radeberg. Es gehen große Dinge vor. Man hört dort ganz deutlich Kanonendonner aus Südosten.«

Werkmeister erblaßte. »Kanonendonner?« stotterte er. »Sie auch? Schon vorhin sagte mir eine Frau davon, ich glaubte es nicht. Sollte es wirklich an dem sein?«

»Es ist wahrhaftig und wirklich Kanonendonner,« versetzte der jüngere Moldenhauer kurz.

»Ach, sollten Sie sich nicht täuschen? Wie könnte denn so etwas in unsere Nähe kommen! Die Heere stehen, wie man weiß, in der Gegend von Weimar und Erfurt.«

»Nun, nahe braucht das nicht zu sein,« nahm der Alte das Wort. »Meine Mutter hat den Donner von Roßbach zwei bis drei Stunden hinter Halle gehört.«

»Jedenfalls riskieren Sie nichts, wenn Sie uns begleiten,« warf Moldenhauer der Sohn sarkastisch hin.

Werkmeister schleuderte ihm einen Zornesblick zu und errötete. Er war von Natur nicht beherzt und wußte das wohl, aber gerade deshalb verletzte ihn nichts so sehr, wie eine auch nur leise Anspielung auf seine Feigheit.

»Ich gehe mit Ihnen,« sagte er, zum Alten gewendet. »Denn Sie, Herr Bruder, sind ein Mann von Erfahrung, und wenn Sie mir sagen, daß es Kanonendonner ist, so will ich das glauben, während ich dem Urteile unerfahrener jüngerer Leute kein Gewicht beimesse. Sie entschuldigen, wenn ich mich drüben ankleide.«

Kaum war er zur Tür hinaus, so wandte sich der jüngere Moldenhauer mit der Miene höchster Verdrossenheit zu seinem Vater: »Was liegt dir daran, den faulen Patron aus seinem Hause aufzustören? Konnten wir nicht allein unseres Weges gehen?«

»Ich habe nachher noch amtlich mit ihm zu reden,« erwiderte der Alte in begütigendem Tone. »Das will ich auf dem Rückwege mit ihm abmachen. Er ist nun einmal mein Nachbar, wir sind vielfach auf einander angewiesen. Bedenke, daß er auch dein Nachbar wird, wenn du mein Substitut und später mein Nachfolger werden solltest, was Gott gebe.«

»Mir ist der Mensch wie Gift und Operment!« rief der Sohn und schlug heftig mit seinem Ziegenhainer, den er nicht beiseite gestellt hatte, gegen seine langen Stiefelschäfte.

»Du bist in allem zu hitzig und schießest über das Ziel hinaus,« verwies der Alte. »Was hat dir der Mann eigentlich getan?«

»Getan hat er mir nichts. Aber die Spinnen und Kröten haben mir auch nichts getan, und doch habe ich gegen sie von klein auf eine Aversion.«

»Das ist so ungerecht, daß ich dich tadeln muß,« sagte der Vater, und sein Gesicht rötete sich. »Ich gebe zu, der Bruder ist bequem und weich, wie ich es an einem Manne nicht liebe. Er ist auch eitel, eitler noch, als sein Vorgänger, der selige Inspektor Lange, den Lessing so greulich heruntergeputzt hat. Aber wer hätte nicht seine Fehler? Wir haben sie auch, mein lieber Sohn, und es ist nicht unseres Amtes, einen fremden Knecht zu richten. Wir sollen vielmehr die Fehler unserer Nächsten tragen und sie mit Sanftmut bessern. Siehst du,« schloß er mit einem halben Lächeln, »deshalb bin ich auch hier eingekehrt, um den unverbesserlichen Stubenhocker ein Weilchen an die frische Luft zu führen.«

Der Sohn war während dessen aufgestanden und ans Fenster getreten. Erst nach einer kleinen Pause erwiderte er ruhig und ohne Schärfe: »Es liegt mir fern, mit dir zu streiten, lieber Vater. Seine Bequemlichkeit und Eitelkeit sind es überdies nicht, die ihn mir widerwärtig machen. Darüber kann ich mich sogar hin und wieder ergötzen. Viel schlimmer ist in meinen Augen seine Feigheit, am schlimmsten die – ja, wie soll ich sagen – die Ungeradheit seines Charakters, wovon ich schon früher und jetzt, trotz meiner kurzen Anwesenheit, Proben erhalten habe.«

Der Alte öffnete eben den Mund zu einer Erwiderung, als der Gegenstand des Gespräches ins Zimmer trat. Bei seinem Anblicke brach Moldenhauer senior in ein lautes, herzliches Lachen aus, und auch Moldenhauer junior konnte ein Lächeln nicht verbergen. Denn Pastor Werkmeister hatte sich ausgerüstet wie zu einer Fahrt nach Sibirien. Die dicken Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln, ein schwerer Tuchrock fiel bis über die Knie herab, eine pelzverbrämte Mütze trug er auf dem Kopfe und war eben bemüht, ein unendlich langes, wollenes Halstuch in immer neuen Windungen um den dünnen Hals zu legen.

Die Schwäche Werkmeisters war seinem Amtsbruder bekannt; sagte doch der Volkswitz der Gegend, daß der Laublinger Pastor seine Röcke und Hosen nicht nach dem Maße, sondern nach dem Gewicht kaufe. Trotzdem konnte er sich nicht enthalten, zu sagen: »Aber lieber Bruder, Sie sehen ja aus, als wollten Sie in den grimmigen Januar hinaus.«

»Sie haben gut reden«, entgegnete Werkmeister, indem er große wollene Handschuhe über seine Finger streifte. »Sie sind ein kerngesunder Mann, dem nichts fehlt, als zuweilen ein Schnupfen. Ich aber habe alle Augenblicke das Reißen und böse Flüsse in den Gliedern.«

Dem jungen Moldenhauer schwebte die Bemerkung auf der Zunge: »Wenn Sie sich vernünftiger kleideten, würde wohl das Reißen ausbleiben.« Aber er unterdrückte sie aus Achtung vor seinem Vater und folgte den beiden schweigend die Treppe hinab, redete auch nicht in die amtlichen Gespräche hinein, mit denen die Geistlichen sich den Weg durchs Dorf und den Feldweg entlang würzten.

Als man die Anhöhe erreicht hatte, begann die Volksmenge sich bereits zu zerstreuen; nur hie und da standen noch Gruppen beisammen, in denen das aufregende Ereignis mit wichtigen Mienen und kräftigen Worten besprochen wurde. Fast alle waren der Meinung, daß die Affäre sehr weit entfernt sein müsse und in der Tat hörte man nur ganz schwach ein dumpfes Grollen, das immer mehr zu ersterben schien. Desgleichen waren alle überzeugt, daß der Napoleon wahrscheinlich irgendwo von der glorreichen preußischen Armee geschlagen worden sei und sich nun auf dem kläglichen Rückzuge befinde. Als der Schneider von Beesen sich erfrechte, das nicht für ganz sicher zu halten, gab es heftiges Geschrei, und beinahe wäre er zur größeren Ehre des Vaterlandes verprügelt worden. Nur das Erscheinen der geistlichen Herren wandte dieses traurige Schicksal von ihm ab, doch steht zu befürchten, daß es später in der Schänke ihn doch noch ereilte.

Die beiden Pastoren traten zu den Leuten heran und knüpften ein Gespräch mit ihnen an, während der jüngere Moldenhauer, mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt, vornübergebeugt in die Ferne schaute. »Wer naht sich denn dort?« rief er plötzlich und deutete mit der Hand nach Osten. Drei Reiter kamen in sausender Karriere den welligen Hügel herabgesprengt, der die Grenze des Horizontes bildete.

»Weiß Gott,« sagte der Schulze von Beesen nach einer kleinen Pause, »es ist der Herr Baron. Er reitet wieder einmal wie der Teufel.«

Pastor Werkmeister zupfte seinen Amtsbruder am Ärmel. »Natürlich der Krosigk,« raunte er ihm ärgerlich zu, »und natürlich nicht wie ein vernünftiger Mensch auf Weg und Steg, sondern gerade durch über Stock und Stein. Ich empfehle mich, Herr Amtsbruder, ich habe in letzter Zeit mancherlei Irrungen mit ihm gehabt und habe keine Lust, mit ihm hier zusammenzustoßen.«

»Ach was, dageblieben!« sagte der alte Pastor lachend. »Was sollen denn die Leute denken, wenn Sie so davonlaufen! Glauben Sie etwa, der Baron wird Ihnen hier eine Szene machen? Da kennen Sie ihn schlecht. Er hält auf Autorität.«

In der Tat hätte Werkmeister auch kaum noch Zeit gefunden, seinen Rückzug mit Anstand anzutreten, denn die Reiter waren im Nu heran. Alle Häupter entblößten sich, als der stolze, hochgewachsene Mann seinen schweißbedeckten Fuchs auf dem Hügel zum Stehen brachte.

»Gott mag wissen, wo das Gefecht stattgefunden hat, Leute,« sagte er mit sonorer, weithin hallender Stimme. »Man kann nichts erkunden, es scheint nördlich von Halle zu sein. Keine Hauptschlacht – da hätte es ganz anders gewettert – aber doch immer ein ernsthaftes Gefecht.« »Gott gebe, daß es für unsere Waffen siegreich gewesen ist!« sprach Pastor Moldenhauer mit lauter Stimme.

»Amen!« rief Krosigk und ritt an die Pfarrer heran. Wertmeisters Verbeugung erwiderte er nur mit einem kurzen Lüften seines runden Hutes, dagegen streckte er dem alten Moldenhauer die Hand weit entgegen. »Mein lieber Pastor, ich freue mich, Sie zu sehen. Sie waren vorgestern bei mir und haben mich verfehlt. Hatten Sie ein spezielles Anliegen oder wollten Sie mir nur eine Visite machen?«

»Ich wollte um den patronatlichen Konsens gehorsamst bitten, meinen Sohn Philipp zu meinem Substituten machen zu dürfen.«

Der junge Moldenhauer trat nun auch mit ein paar raschen Schritten näher und nahm den Hut ab. »Ah,« rief Krosigk, »da ist ja auch der Herr Sohn! Seine Predigt hat mir gut gefallen, ich hab's ihm ja schon gesagt.« Er sprang vom Pferde und reichte dem Kandidaten die Hand, während er wieder mit der ihm eigenen kurzen Bewegung den Hut lüftete. »Breitmann, komm her, führe das Pferd,« wandte er sich an seinen Reitknecht, der hinter ihm hielt. »Sie, meine Herren, begleiten mich ein Stück. Also, mein Herr Kandidat, Sie wollen Ihres Vaters Substitut und Nachfolger werden?« Er faßte ihn an einem Knopfe seines Rockes und sah ihm mit seinen blitzenden braunen Augen scharf ins Gesicht. »Reden können Sie, das habe ich gehört. Sie predigen gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten. Kopf und Lunge – alles gut. Bei wem haben Sie in Halle besonders Kollegien gehört?« »Am meisten und am liebsten bei Professor Schleiermacher.«

»So, so, Schleiermacher. Habe auch von ihm gehört, er soll ein ausgezeichnetes Genie sein. Reil hat mir von ihm erzählt. Kennen Sie Reil?«

»Von Ansehen,« erwiderte der Kandidat, »sonst war ich nicht an ihn rekommandiert.«

»Schade, hätte Sie rekommandieren können. Er ist der klügste von der ganzen Gesellschaft in Halle. Wann haben Sie das Examen gemacht?«

»Vor drei Jahren, Herr Baron.«

»Und seitdem waren Sie Hofmeister bei Prenzlau? Wie ich hörte, auch lange auf Reisen gewesen? Wo waren Sie denn?«

»Wir sind zwei Jahre im Auslande gereist. Erst in der Schweiz, dann in Italien, längere Zeit in Paris, von da nach Holland, einige Monate in England und über Hamburg zurück.«

Der Edelmann blieb erstaunt stehen und schlug ihn mit der Hand auf die Schulter. »Dann sind Sie ja ein Wundertier! So weit ist kein Mensch herumgekommen in der ganzen Gegend. Wie lange sind Sie in Paris gewesen?«

»Länger als ein halbes Jahr.«

»Und wie ich Sie taxiere, haben Sie sich Menschen und Dinge mit scharfen Augen angesehen?«

»Ich habe mir wenigstens alle mögliche Mühe gegeben, die fremden Zustände und Institutionen kennen zu lernen und zu verstehen,« antwortete der Kandidat bescheiden.

Krosigk nickte und sah ihn wieder scharf prüfend an.

»Sie gefallen mir!« rief er und faßte ihn abermals an dem Rockknopfe an. »Sie haben mir gleich beim ersten Anblicke gefallen. Ich glaube, Sie sind mein Mann. Wollen Sie mir einen Dienst erweisen?«

»Gewiß, wenn es in meiner Macht steht.«

»Es steht in Ihrer Macht.« Er wandte sich rasch um. »Breitmann, steige von deinem Pferde ab!« befahl er. »So, du kannst die halbe Stunde zu Fuße gehen. And nun, Kandidate, man rin in den Sattel!«

Moldenhauer sah ihn überrascht an. »Ich soll auf dieses Pferd?«

»Warum nicht? Sie sind ja ein Staatsreiter. Ich sah Sie gestern dahinpreschen auf Ihres Vaters alter Rosinante, daß ich mich des Todes verwunderte.«

»Ich holte den Doktor zu einem kranken Kinde,« warf der Kandidat ein.

»Alle Achtung, alle Achtung!« fuhr Krosigk fort, ohne den Einwurf zu beachten. »Wer den alten, faul gewordenen Klepper zu solchen Sprüngen herankriegt, der muß ein Reiter comme il faut sein. Also steigen Sie getrost auf. Breitmann, halte den Bügel!«

»Wohin wollen Sie mich führen, Herr Baron?« fragte der Kandidat lachend, indem er den Fuß in den Steigbügel setzte.

»Direkt in das Schloß meiner Väter,« versetzte Krosigk. »Sie kommen sobald nicht wieder fort. Sie sollen mir erzählen von dem Korsen und seinem Reiche, denn was man von dort her hört, ist meist halber Schwindel. Die einen färben aus blindem Haß alles schwarz, die andern sehen alles rosig, weil sie den Kerl vergöttern.« Er schwang sich leicht in den Sattel und bot dem Pastor Moldenhauer die Hand, die der Alte kräftig schüttelte, während Werkmeister ganz verblüfft und mit etwas einfältigem Gesichte zur Seite stand.

»Herr Pastor!« rief Krosigk, »ich entführe Ihnen Ihren Sohn. Doch verpflichte ich mich bei den Gebeinen Karls des Großen, ihn in drei Tagen in eigener Person in Ihrem Pfarrhause wieder abzuliefern. Haben Sie dagegen etwas einzuwenden?«

»Immer rasch von Entschluß! So kennt man Sie, Herr Baron!« erwiderte der muntere Greis mit Lachen. »Warum denn nicht? Mir kann's recht sein, wenn der Junge will.«

»Mit Vergnügen,« sagte Moldenhauer junior.

»Das ist schön! Da wären wir ja d'accord,« rief Krosigk. »Also Adieu, mein Herr Pastor. En avant!«

Er trieb seinen Gaul an und jagte, ohne des Weges zu achten, über den Stoppelacker; dicht hinter ihm ritt der Kandidat; ein geraumes Stück von beiden, entfernt folgte der Jäger Schröder. Über einen ziemlich breiten Graben setzten die Reiter glatt hinweg.

Werkmeister sah es von ferne und entsetzte sich. »Um Gotteswillen, Herr Bruder, was sind das für Geschichten! Was soll ein Kandidat der Theologie auf dem Pferde! Sehen Sie nicht? Er kann den Hals brechen!«

»Mein Sohn ist beim Oberamtmann Flügge viel geritten und sitzt gut im Sattel. Er wird nicht gleich herunterfallen,« entgegnete der alte Pastor kaltblütig.

»Und haben Sie keine Sorge um das, was ihm auf dem Schlosse passieren kann?« fuhr Werkmeister fort. »Man erzählt ja Wunderdinge von dem, was dort getrunken wird. Dem Krosigk soll es keiner darin zuvortun im ganzen Saalkreise, und es soll ihm ein ganz absonderliches Amüsement sein, seine Gäste unter den Tisch zu trinken.«

»Man spricht ja viel, was nicht ganz wahr ist,« sagte Moldenhauer. »Ich pflege von dem, was mir die Leute erzählen, stets die gute Hälfte abzuziehen. Übrigens ist mein Sohn ein alter Konstantist von Halle, der schon etwas verträgt. Auch ist er kein Kind mehr und weiß, was er sich und seinem Stande schuldig ist. Und was den Baron betrifft, so hat man ihm viele Tollheiten, aber nie etwas Schlechtes nachgesagt. Im Gegenteil, es weiß jeder, daß er das Herz auf dem rechten Flecke hat, wenn auch sein wilder Mut und seine unbändige Lebenskraft sich hie und da in einem tollen Streiche austoben. Er ist ja noch ein junger Mann, kaum neunundzwanzig. Noch Most, aber es kann sehr guter Wein daraus werden. Also lassen wir sie in Gottes Namen zusammen reiten.«

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