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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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VII.

Anton Emil von Krosigk, Leutnant beim leichten Garde-Kavallerie-Regiment, an seine Mutter, Frau Geheimrätin von Krosigk in Halberstadt.

Feld-Lager bei Liegnitz, am 6. Junius 1813.

Meine beste, geliebteste Mutter!

Es ist dieses das erste Mal seyd unserer Abreise von Gröna, daß ich die Zeit finde. Ihnen ein Mehreres als ein kurzes Billet zu schicken. Das Gute hat der Waffenstillstand, den wir sonst alle verwünschen, und dem, so Gott will, recht bald wieder der Krieg folgt.

Von den zwei Briefchen, die Sie, herzliebste Mutter, an mich geschrieben haben, ist nur das zweyte in meine Hand gekommen. Zu meiner höchsten Freude ersehe ich daraus, daß Sie gesund sind, und ich bitte den lieben Gott, daß er Ihre, uns so teure Gesundheit gnädig erhalten möge.

Was mich betrifft, so habe ich die Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Nesthäkchen zum Offizier befördert worden ist. Nach der Affaire von Heynau, von der Sie, beste Mutter, ohne Zweiffel gehört haben, bin ich zum Lieutnant avanciert. Ich kann es nicht in Abrede stellen, daß mich diese Auszeichnung sehr stolz und glücklich macht. Doch soll sie mir vorzüglich ein Ansporn seyn, meine Pflicht gegen König und Vaterland zu thun in diesem heiligen Kriege.

Louis habe ich gestern gesehen. Er läßt Sie grüßen und will Ihnen auch heute oder morgen schreiben.

Der Carl Schurff ist zum Eisernen Kreuze vorgeschlagen. Auch Louis wird wohl das Kreuz erhalten. Sie haben sich beyde sehr brav geschlagen bei Bautzen und bei Heynau.

Was soll ich aber sagen, beste Mutter, von unserem herrlichen Bruder Henri? Man spricht von ihm als einem der tapfersten Offiziere der Armee. Seine Bravour ist unglaublich. Meine liebste Mutter werden von ihm nicht viel hören, denn er ist so beschäftigt, sein Bataillon zu formieren und zu organisieren, daß er sogar an seine Frau nach Potsdam nur kurze Billets senden kann, wie er mir gestern sagte. Derhalben will ich ein paar von seinen Heldentaten hersetzen, damit Sie wissen, welch einen Sohn Sie besitzen.

Am 19. Mai erschien er in seinen Civilkleidern, so wie er von Poplitz kam, auf einem Hügel bei Bautzen, wo Blücher und Gneisenau hielten, und meldete sich zur Stelle. »Herr, zum Deibel, Sie sind ja im Frack! Wie können Sie da die Soldaten seiner Majestät kommandieren!« schreit Blücher lachend. »Soll die Saumseligkeit eines Schneiders mich verhindern, die Franzosen mit zu attaquieren, Excellenz?« fragt Heinrich. Der Alte sieht ihn an und spricht noch immer lachend: »Sie sind doch der Krosigk, der die westfälischen Gendarmen eingesperrt hat? Hat mich sehr gefallen. Na, Sie sollen nicht unnütz hier verkümmern. Binden Sie sich in Gottes Namen eine Feldbinde um und setzen Sie eine Feldmütze auf. Werden Sie schon brauchen können.« Und wie konnten sie ihn brauchen! In der Schlacht war eine Ordre zu überbringen. Die Adjutanten mußten dazu über einen Damm reiten, der vom feindlichen Feuer stark bestrichen wurde. Alle versuchten es in Carrière und wurden über den Haufen geschossen. Da erbietet sich Heinrich zu dem Ritt. Ganz ruhig und gelassen reitet er hinauf, hält das Pferd an und sieht sich um. Dann gibt er seinem Pferde die Sporen und jagt auf der anderen Seite hinunter. Die Franzosen waren so verblüfft über den Mann im schwarzen Frack, der sie so kaltblütig musterte, daß sie keine Kugel abfeuerten.

Am andern Tage führte er ein Musquetierbataillon immer noch im Frack, denn eine Uniform war in der Eile nicht zu beschaffen. Er soll an der Spitze dieser Truppen Wunder von Tapferkeit vollbracht haben. Wie unsere Armee schon auf dem Rückzuge war, kehrt er mit seinem Bataillon noch einmal um, wirft die Württemberger von den Kreckwitzer Höhen herunter und rettete ein zurückgebliebenes Geschütz.

Die Soldaten sprechen von ihm an den Bivouakfeuern und erzählen sich seine Heldentaten. Passen Sie auf, teuerste Mutter, er wird unseren Namen zu neuen Ehren bringen. Er ist ein Held.

Uebrigens hat er einen Streifschuß, der ihm aber nicht viel tut. Ich selbst bin, Gott sei gedankt, nicht blessiert und wohl, da die Strapazen jetzt nicht groß sind. Wir wollen sie aber alle gern ertragen, wenn nur der faule Friede aufhört und es wieder los geht gegen den Bonaparte.

Ich grüße Sie, teuerste Mutter, und die lieben Geschwister von ganzem Herzen, und Ihnen allerbestes Wohlsein wünschend, verharre ich als Ihr Sie treuliebender gehorsamer Sohn

Anton Emil.

Gräfin von Arnim in Potsdam an ihren Neffen, den Major Heinrich von Krosigk, per Adresse: Herrn Major von Schack im Generalstabe des Generals von York Exzellenz.

25. Juli 1813.

Mein lieber Krosigk!

Heute habe ich die große Freude, Ihnen berichten zu können, daß unser Riekchen diese Nacht eines lieblichen Mädgens genesen ist. Machen Sie sich keinerlei Sorgen, es gehet der jungen Mutter ganz nach Wunsche und das Kindgen ist groß und kräftig und gantz reizend.

Riekchen macht sich einige Bekümmernisse darüber, daß es wieder kein Junge ist, weil Sie sich einen Erben und Stammhalter so gewünscht hatten. Lieber Krosigk, ich denk, Sie werden froh seyn, daß Gott Ihrer Frau und Ihnen so gnädig gewesen ist, und werden an seinen Gaben nicht mäkeln.

Ihre liebe Mutter erwarten wir stündlich; sie hat wollen zur Pflege kommen. Riekchen freuet sich sehr darüber.

Es ist dies keine Zeit zu ausführlichen Briefen. Darum Gott befohlen, lieber Krosigk! Er halte seine vätterliche Hand über Ihrem Haupte. Riekchen grüßt und küßt Sie tausendmal.

In alter Freundschaft

Ihre Ihnen stets wohlgeneigte
Gräfin Arnim.

Heinrich von Krosigk an seine Frau, zu Händen der Gräfin Arnim in Potsdam.

Lager bei Liegnitz, am 5. August 1813.

Meine herzliebste Frau!

Wie ich Dir schrieb, habe ich zuerst aus der Zeitung Deine Niederkunft erfahren und war sehr in Sorge über Dein Befinden. Nun kommt der Brief der Gräfin A. – danke ihr dafür herzlich und grüße sie – und benimmt mir diese große Sorge. Mein liebstes Kind, gräme Dich nicht, daß es wieder eine Tochter ist. Das ist nur fatal, weil Poplitz Mannslehn ist. Darum wünschte ich mir einen Sohn. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ich habe große Sehnsucht, Dich zu sehen und die Kinder, aber ich kann doch nicht während des Waffenstillstandes zu Dir kommen. Das Bataillon hatte ja bei Bautzen die furchtbarsten Verluste gehabt; ich muß es ganz umorganisieren. Es soll, wie es heißt, aus einem Reservebataillon zu einem Füsilierbataillon werden und wird nach dem Frieden bestehen bleiben.

Bald werden die Kanonen wieder knallen und es geht los gegen den Bonaparte. Mache Dir keine Sorgen um mich. Der alte Gott lebt noch, er wird mit uns sein und wird mich ja wohl auch behüten.

Sprich den Kindern von mir und küsse sie. Adieu Liebste.

Ewig Dein Krosigk.

Friederike von Krosigk an ihren Gemahl.

Ohne Datum.

Teuerster, herzlichst geliebter Mann!

Seydt fünf Tagen habe ich keine Nachricht von Dir und tröste mich nur damit, daß so viele Briefe unterwegs verloren gehen, wie ja auch von mir schon fünfe verloren sindt. Sonsten müßt ich fürchten, mein Heinrich, daß Du mir irgendwo verwundet lägest.

Ach, liebster Mann, ich bestürme Tag und Nacht unseren Gott, er möge Dich mir gesundt und heil wieder heimkehren lassen. Mein Liebster, ich bin ja stolz auf Dich und gratuliere Dir von Herzen, daß Du für Deine Bravour nach der Schlacht bei der Katzbach hast das Kreuz gekriegt und daß Dir der König so gnädig gewesen ist. Aber das Liebste ist mir doch, wenn ich höre, daß Du gesundt bist, und ich bethe alle Tage, daß der große, grausame Krieg möchte bald ein Ende haben und wir in Frieden könnten wieder beyeinander leben.

Nun muß ich Dir noch eines erzehlen, liebster Mann. Minette ist in Berlin und trat gestern gantz unvermutet in mein Logis. Wie ich sie so blaß vor mir stehen sah in ihrem schwarzen Wittwenkleyde mit ihrem kleinen Töchterchen auf dem Arme, da wallete mir das Herz auf und ich mußte laut weinen und schloß sie in meine Arme. Ich hoffe. Du wirst sagen, ich habe recht getan. Ihr Mann ist ja tod, alle Hoffnung hat aufgehört; sie weiß es gewiß, daß er in Rußland geblieben ist. Er ist nicht in Gefangenschaft; ein Offizier, der ihn hat fallen sehen, hat ihr auch das Kreuz gebracht, das er auf der Brust getragen. Ich konnte nicht anders, als sie liebreich in meine schwesterlichen Arme nehmen!

Die Kinder sind, Gott Lob, wohl. Deine Mutter leget ein Briefgen mit bey.

Tausend, tausend Küsse, geliebtester Mann, von
Deiner Friederike.

Heinrich von Krosigk an seine Frau.

Bei Camenz auf dem Marsche. 26. Sept. 13.

Liebste! Zwei Worte in Eile. Wegen Minette hast Du recht gehandelt. Der Tod söhnt aus, über die Gräber reichet der Haß nicht. Adieu Herzensfrau.

Ewig Dein Krosigk.

Derselbe an seine Frau eine Woche später.

am 4. Oktober.

Diesen Brief schreibe ich in der Morgenfrühe auf der Erde kauernd auf einer Trommel. Der schönste Sieg ist unser. Wir sind bei Wartenburg über die Elbe gegangen. Der Bonaparte flieht vor uns her. Das viele edle Blut, das gestern geflossen, ist nicht umsonst vergossen worden; denn der Sieg ist unser und mit dem welschen Bluthunde geht es zu Ende. Vielleicht schon in einer Woche oder in zweien zwingen wir ihn zur entscheidenden Schlacht.

Eben kommt der Schröder an mit Briefen von Dir und Mutter. Ich bin sehr beglückt; meine Freude ist unendlich und ebenso mein Dank gegen Gott. Ich sende Schröder übermorgen zurück, dabei erfährst Du mehr.

Mache Dich zur Abreise bereit, sodaß Du jeden Tag aufbrechen kannst. Der York zieht auf Halle, dort können wir uns vielleicht sehen. Ich schreibe Dir alles Nähere. Sowie die Saale von Franzosen frey ist, kehrst Du nach Poplitz zurück. Gott gebe, daß ich Dich hingeleiten kann, doch zweifle ich daran, daß sich dazu die Zeit findet. Also übermorgen mehr. Gott wache über Dir und mir wie bisher und gebe uns ein fröhlich Wiedersehen! Adieu, Liebste!

Dein Krosigk.

Was beide Gatten kaum zu hoffen gewagt hatten, ward ihnen zuteil: ein Wiedersehen mitten im Kriege. Ja, sie durften sogar die geliebte Heimat gemeinsam wieder betreten. Am zwölften Oktober rückte das Yorksche Korps in Halle ein und durfte hier drei Tage vollkommener Waffenruhe genießen. Man mußte warten, bis die beiden anderen Armeen heran waren; dann erst konnte man den Ansturm wagen gegen den Schlachtengewaltigen, der mit seinen Harsten bei Leipzig stand.

Noch am Abend des Einzugstages traf auch Friederike von Krosigk mit ihren Kindern in Halle ein; und am anderen Tage erteilte der gestrenge York selbst dem Major zwölf Stunden Urlaub, damit er die Seinen in das Schloß seiner Väter zurückgeleite. So bogen denn gegen die Mittagsstunde zwei Wagen in die Poplitzer Allee ein. In dem ersten saß Friederike mit ihren beiden kleinen Mädchen und ihrer Schwiegermutter, die das jüngste im Arme hielt. Die alte Dame hatte ihre Schwiegertochter begleitet, um den geliebten Sohn vor den Tagen der Entscheidung noch einmal zu sehen. Auch ihre beiden Töchter Antoinette und Charlotte waren mitgekommen und saßen im zweiten Wagen. Der Baron ritt zur Seite seiner Frau dahin.

Die Heimlehrenden waren darauf vorbereitet, von ihrer Dienerschaft begrüßt zu werden, denn sie hatten noch in der Nacht den alten Schröder mit der Meldung ihrer Ankunft vorausgesandt. Aber wie staunten sie, als sie den ganzen Hof dicht gedrängt voll Menschen sahen! Die Kunde, Heinrich von Krosigk kehre zurück, hatte sich in der ganzen näheren Umgebung wie ein Lauffeuer verbreitet, und so waren sie denn gekommen von allen Seiten her, um ihren geliebten Junker, den bösen Baron, den Helden der Gegend, wiederzusehen. Männer und Frauen, Kinder und alte Leute in ihren Feierkleidern hatten sich zu Hunderten auf dem Schloßhofe zusammengefunden.

Als die Wagen einbogen, nahmen alle ihre Hüte und Mützen ab, und es entstand eine lautlose Stille. Der junge Pastor Moldenhauer, der im Ornat gekommen war, trat vor, um eine Ansprache zu halten; aber vor Bewegung versagte ihm die Sprache. Da begann neben ihm eine dünne, zitterige Greisenstimme zu singen: Nun danket alle Gott – und mit einem Male fiel die ganze Volksmenge ein. Brausend klangen die Töne des alten, herrlichen Chorals über den Schloßhof hin. Das ganze Lied sangen die Leute, es war keinem zu viel.

Heinrich von Krosigk hielt während des Gesanges aufrecht auf seinem Pferde. Das Haupt hatte er entblößt und etwas nach vorn geneigt. In dem ehernen Antlitze zuckte keine Muskel, aber zwei große Tränen rannen ihm über die dunkelbraunen Wangen herab.

Das Lied war zu Ende; wieder trat tiefste Stille ein. Heinrich beugte sich weit vor, umarmte den alten Mann, der das Singen begonnen hatte, und drückte einen Kuß auf sein schneeweißes Haar.

Da brach ein Jubel aus, wie ihn das Schloß noch nie vernommen hatte. Jauchzend, schreiend, die Hände ausstreckend drängte das Volk vorwärts. Der Baron konnte nicht von seinem Pferde auf die Erde kommen, sie hoben ihn empor, sie trugen ihn die Treppe hinauf ins Schloß hinein. Ein wahrer Rausch, ein Taumel der Freude schien die sonst so ernsten und nüchternen Menschen ergriffen zu haben. Sie umfaßten seine Hände und Füße; sie berichteten ihm auch in fliegenden Worten, was sie ihm alles gerettet hatten, seine Bibliothek vor allem und seinen Weinkeller. Die Möbel des Schlosses freilich hatten sie nicht zu retten vermocht, die hatten die Soldaten Jérômes zerschlagen. Auch viele der wertvollen Ahnenbilder hingen in Fetzen an den Wänden herab, und die Fenster glichen zum Teil noch leeren Höhlen.

Gegen Abend übergab der Baron seinem Freunde Gottlob von Wedell, der auch auf ein Stündchen herüber gekommen war, ein versiegeltes Billet. »Für den Fall, daß ich im Felde bleibe, meiner Frau unverzüglich zu übergeben!« fügte er hinzu.

Wedell trat erschrocken zurück. »Krosigk, du trägst dich doch nicht mit solchen Gedanken?«

»Man muß auf alles gefaßt sein,« erwiderte der Baron. Er schwieg eine Weile und sprach dann tief aufatmend: »Die erste Todesahnung in diesem Feldzuge, Wedell! Bis jetzt war ich frei davon. Aber ist es nicht merkwürdig, daß Gott mir alle noch einmal vor Augen führt, an denen mein Herz hängt, hier die Meinen und meine braven Leute, drüben in Halle die Freunde und Waffengefährten? Soll mir das ein Zeichen sein? Soll ich Abschied nehmen von ihnen?« Dann richtete er sich straff empor. »Es komme, wie es komme, wir werden unsere Pflicht tun. In wenigen Tagen, vielleicht schon übermorgen, beginnt die entscheidende Schlacht, die den Korsen hinwegfegen wird von der deutschen Erde. Falle ich in ihr, so erhält durch dich meine Frau den letzten Gruß von mir und den Wunsch, mich drüben auf dem englischen Flecke zu begraben. Ich will nicht in die Gruft, ich will unter den großen Linden im Freien liegen. Dort habe ich das erste Morgenrot der Befreiung aufleuchten sehen, als du mir den Brand Moskaus verkündigtest. Dort will ich auch begraben sein.«

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