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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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V.

In der Zitadelle zu Cassel saß Heinrich von Krosigk als Staatsgefangener. Die Festung Magdeburg hatte ihn nur wenige Tage in ihren Mauern beherbergt, denn es war der hohen Polizei nicht rätlich erschienen, ihn länger dort zu lassen. Bei seiner großen Beliebtheit und seinen zahlreichen Verbindungen im alten Herzogtum Magdeburg war es nicht ausgeschlossen, daß er Gelegenheit zur Flucht erhielt oder daß die gegen das französische Regiment tief erbitterte Bürgerschaft ihn gewaltsam zu befreien versuchte. Darum hatte man ihn bald in die Hauptstadt des Landes überführt, wo man seiner sicher war. Dort wurde er in strenger, wenn auch nicht unwürdiger Einzelhaft gehalten. Es war ihm gestattet, sich selbst zu beköstigen, zu rauchen und zu lesen, freilich nur bis neun Uhr abends, denn dann wurde ihm das Licht entzogen. Er durfte sogar mit seiner Frau korrespondieren, mußte es sich aber gefallen lassen, daß alle Briefe, die aus- und eingingen, vom Kommandanten der Festung gelesen wurden. Ganz ähnlich behandelte man seine elf Mitgefangenen, die alle in derselben Nacht verhaftet worden waren, und unter denen sich der Provinzialrat von Wedell und der Hallesche Prediger Blanc befanden. Übrigens hatte keiner eine Ahnung von der Gefangenschaft des andern, sie waren in ihren Zellen vollkommen isoliert. Nur bei einem hatte man anscheinend eine Ausnahme gemacht. Der junge Bertram, dessen Vertrauensseligkeit das ganze Unheil heraufbeschworen hatte, saß in einem Gelasse, das von der Nebenzelle nur durch eine Holzwand getrennt war. Er entdeckte bald, daß er einen Nachbar hatte, mit dem er sich durch die Wand ganz wohl unterhalten konnte, und wer beschreibt sein Erstaunen, als er in diesem Nachbar seinen Jugendfreund Mertens, den westfälischen Polizeikommissar, erkannte! So hatte er sich also doch nicht in ihm getäuscht. Mertens war kein Verräter, war ebenso unglücklich, wie er selbst. Ja er war, wie er jammernd und weinend erzählte, noch viel unglücklicher, denn ihn als treubrüchigen Beamten erwartete die härteste Strafe. Bertram vergaß seine eigene trübe Lage, die allerdings dem Elend des Freundes gegenüber noch fast rosig erscheinen mußte, tröstete ihn und ließ sich dabei noch allerlei, was ihm von der Verschwörung bekannt war, im Laufe der Unterhaltung entlocken. Er ahnte nicht, daß drüben neben Mertens mehrere Beamte der Geheimpolizei saßen, die seine Geständnisse mit anhörten und sorgfältig niederschrieben.

Glücklicherweise war Bertram einer der am wenigsten Eingeweihten, sonst wäre das Schicksal der Gefangenen besiegelt gewesen. Immerhin hatten sie bei ihren Verhören einen schweren Stand und mußten oft mit Schrecken erkennen, wie vieles von ihren Plänen und Entwürfen dem Untersuchungsrichter genau bekannt war. Glücklicherweise aber hatten sie schon früher in ihren Versammlungen eine genaue Parole ausgegeben, wie man sich im Falle eines Verhörs verhalten sollte. Was man absolut nicht leugnen konnte, sollte dem in die Schuhe geschoben werden, der sich vor der westfälischen Polizei in Sicherheit befand. Das war in diesem Falle Steffens, und auf ihn wurde demnach alle Schuld abgewälzt. Selbst ihm aber wurden nur Pläne und Entwürfe nachgesagt, alle hochverräterischen Taten, wie der Verrat militärischer Geheimnisse an Preußen, wurden rundweg in Abrede gestellt. Zu einem Geständnis der eigenen Beteiligung bequemte sich außer Bertram keiner, am allerwenigsten Krosigk. Der erklärte auf alle Fragen, die man an ihn richtete, kurz und bündig: »Über meine innerliche Stellung der westfälischen Regierung gegenüber hat kein Mensch von mir Rechenschaft zu verlangen, denn Gedanken sind zollfrei. Daß ich an den Phantastereien meines Freundes Steffens teilgenommen habe, wolle man mir gefälligst beweisen, ebenso erwarte ich den Beweis einer hochverräterischen Tat.«

Diese strikten Beweise seiner Schuld, das wußte er wohl, waren nicht zu erbringen, so sehr sich auch die Polizei darum abmühte. Denn die wenigen Dokumente, die sie hätten bezeugen müssen, waren als verbrannte Papierfetzen durch den Schlot des Poplitzer Schlosses in die Luft geflogen.

So hätte man einen Justizmord begehen müssen, wenn man ihn auf die bloßen Verdachtsgründe hin zu Tode bringen wollte. Davor wären nun allerdings die geheime Polizei und ihr ruchloser Chef durchaus nicht zurückgeschreckt, aber der König dachte anders. Der ungeheuren Macht gegenüber, die eben sein Bruder gegen Rußland zusammenzog, schienen ihm die exaltierten Träume, einiger deutscher Schwärmer lächerlich und belanglos. Warum sollte er seine Hände mit dem Blute dieser Narren bestecken, die offenbar über bloßes Reden und Wünschen gar nicht hinausgegangen waren? Man ließ sie eine längere Zeit dafür im Gefängnisse sitzen, das war genug der Strafe für ihre böse Gesinnung. Ja, Jérôme ging noch weiter. »Hören Sie, guter Freund,« sagte er bei einem Abendfeste in Napoleonshöhe zum Grafen Wolffradt, indem er ihn vertraulich beiseite nahm, »ich habe gehört, daß die beiden fous teutoniques, Krosigk und Wedell, von sehr altem Adel sind. Die Familie Krosigk soll schon Kriegsdienste getan haben unter Karl dem Großen. Das wäre ja eine tausendjährige Familie. Sehen Sie einmal zu – Sie sollen ja mit beiden etwas verschwägert sein –, ob ihre schlechte Gesinnung nicht aus gekränktem Ehrgeiz herstammt. Da könnte man sie ja leicht gewinnen. Solche Leute sehe ich gern an meinem Hofe. Sondieren Sie die beiden mauvais sujets morgen einmal und sehen Sie zu, ob sich die frondeurs nicht durch den Kammerherrnschlüssel besänftigen lassen.«

Der Minister verbeugte sich mit sehr gemischten Gefühlen und Gedanken. Es war ihm erfreulich, daß der König die Schuld der Verschwörer offenbar nicht sehr streng beurteilte, denn in Wolffradt lebte noch viel von deutscher Gesinnung, trotzdem er ein hoher Beamter des neuen Königreiches geworden war. Auch mußte er innerlich lachen über den beinahe kindlichen Respekt vor alten Stammbäumen, den der königliche Parvenü hier wieder einmal an den Tag legte. Dagegen wurde ihm schwül zumute, wenn er an den Besuch bei Wedell und Krosigk dachte. So wie er die beiden kannte, stand ihm ein übler Empfang bevor.

Er täuschte sich nicht. Wedell, zu dem er sich zuerst begab, hörte ihn zwar höflich an, begann dann aber vom Wetter und allen möglichen gleichgültigen Dingen zu sprechen, als hätte der Minister überhaupt nicht geredet. Verblüfft verließ er ihn nach wenigen Minuten und stieg mit Seufzen in das höhere Stockwerk empor, wo Krosigk untergebracht war.

Der Baron begrüßte ihn mit einem Kopfnicken und hörte mit ironischem Lächeln an, was er ihm von der Gnade des Königs erzählte. Dann erwiderte er ganz ruhig und freundlich: »Mein verehrter Herr von Wolffradt – die Exzellenz und den Grafentitel erlassen Sie mir wohl, Sie wissen ja so gut wie ich, was daran ist –, Sie meinen es offenbar gut, und deshalb will ich Ihnen antworten auf das, was Sie mir gesagt haben. Sie reihen mich ein in eine Kategorie von Menschen, der ich Gott sei Dank nicht angehöre, nämlich in die Kategorie derer, die keine innere Überzeugung haben. Ihrer ist nun freilich Legion, und Sie werden wohl überhaupt selten solchen begegnet sein, die anders geartet sind. Aber, obwohl Sie das kaum fassen werden: es gibt Menschen, die mit ihrer Überzeugung leben und sterben, ja nur in ihr leben und, wenn nötig, an ihr sterben. Ihre Überzeugung ist der Kern ihres Daseins, ihre eigentliche Seligkeit. Ein Aufgeben ihrer Überzeugung würde für solche Naturen die schimpflichste Selbstvernichtung sein, vor der sie zurückbeben wie die armselige Masse der Schwachen vor dem irdischen Tode. Sehen Sie, zu dieser Art Menschen gehöre ich. Wer das weiß, wird mir eher zumuten, zu sterben, als meine Überzeugung aufzuopfern.«

»Und worin besteht diese Ihre Überzeugung?« fragte der Minister kleinlaut.

Krosigks Augen glühten in einem mächtigen Feuer auf, als er entgegnete: »Ich glaube an einen gerechten Gott und an eine sittliche Weltordnung. So gewiß ich bin, daß dieses hier meine rechte Hand ist, so gewiß bin ich, daß Gottes Hand die Geschicke der Völker lenkt, und daß also im Völkerleben nur das Bestand haben kann, was auf Gott gegründet ist. Die Franzosen sind jetzt unsere Herren; sie können es nicht bleiben. An Witz und Verstand mögen sie uns ja ebenbürtig sein, aber darauf kommt es nicht an. Der Verstand ist ein untergeordnetes Vermögen, die Urkraft des Gemüts ist stärker als er. Darin sind wir ihnen unermeßlich, unvergleichlich überlegen. Wir sind, Gott sei's geklagt, ein politisch zerspaltenes Volk, aber ein Volk, in dem mehr Glauben und Treue und Liebe und Fähigkeit zur Selbsthingabe liegt, als in allen anderen Nationen. Deshalb glaube ich an das unsterbliche Leben meines Volkes und fühle mich als Gottes Arm, wenn ich zur Wiedergeburt und Befreiung Deutschlands beitrage.«

Der Minister blickte fast scheu zu ihm empor. Es lag etwas in Krosigks Worten und in der Art, wie sie gesprochen wurden, was ihn unwillkürlich ergriff. So ähnlich hatte er schon einmal einen Mann reden hören, den Reichsfreiherrn vom Stein. Der sprach auch so stolz und so klar und so frisch von der Leber weg, und seine Gedanken gingen ganz in denselben Bahnen. Der hatte auch so etwas Zwingendes, Niederschmetterndes in seiner Stimme, in seiner ganzen Haltung. Aber die Ergriffenheit Wolffradts dauerte nicht lange. Der Weltmann in ihm kam sogleich wieder zum Durchbruch. Du lieber Himmel – so schön sich das alles anhörte, so wenig stimmte es zu der rauhen Wirklichkeit. Arme Ideologen nannte der große Korse, dem die Hälfte von Europa untertan war, die Leute dieses Schlages und lachte über ihre Träume. Hatte er nicht auch ein Recht, sie zu verlachen? Ein Wink von ihm, und sie mußten aus dem Vaterland entweichen wie Stein, oder sie saßen hinter Kerkermauern wie diese hier.

Deshalb erwiderte der Minister nach einer kurzen Pause des Schweigens mit überlegenem Lächeln: »Bester Herr von Krosigk, geben Sie sich keinen Illusionen hin! In die ferne Zukunft kann ja niemand sehen, aber daß die nächsten Jahrzehnte hindurch die Herrschaft des Kaisers unzerbrechlich ist, sieht jeder Vernünftige ein. Wir beide, Sie und ich, werden schwerlich eine Änderung der Dinge erleben. Jetzt eben zieht der große, unbesiegbare Mann über eine halbe Million Soldaten zusammen, um den russischen Koloß zu zertrümmern.«

»Vielleicht holt er sich dort sein Jena!« rief Krosigk. »Vielleicht gehen die Hunderttausende in den Schneewüsten zu Grunde, und der Korse kommt als flüchtiger Bettler über die Weichsel zurück.«

Wolffradt blickte sich entsetzt um. »Mein Gott, nicht so laut! Man könnte das hören! Sie sind ja toll, rein toll. Wie kann ein Mensch solch wahnsinnige Einfälle haben! Also ich soll wirklich Seiner Majestät die Nachricht bringen, daß Sie die allerhöchste Gnade zurückweisen?«

»Nach dem, was Sie soeben gehört haben, mein Herr von Wolffradt, ist das doch selbstverständlich« erwiderte Krosigk und rückte sich steif zusammen.

Nachdem der Minister gegangen war, warf er sich müde auf die Pritsche, die nun schon seit Monaten seine Lagerstatt bildete. Aus dem seltsamen Anerbieten, das ihm die westfälische Exzellenz überbracht hatte, war zum wenigsten zu entnehmen, daß man schwerlich an seinen Tod dachte. Dagegen – wie lange würde man ihn wohl noch in der Gefangenschaft halten? Die Zelle, die ihn umschloß, war zehn Schritt lang und sechs Schritt breit. Ihm war darin zumute wie dem Falken, der gewohnt war, unendliche Weiten zu durchfliegen, und sich nun mit einem Male gefesselt im Käfig befindet. Unerträglich langsam schlich ihm die Zeit dahin, vergingen ihm die Stunden, Tage und Wochen. Sollte das vielleicht Jahre dauern? Dann verkam er an Leib und Seele. Und was sollte aus seinem lieben Weibe werden? Sollte er das Kind, dem sie nun bald das Leben geben würde, vielleicht niemals mit Augen sehen? War es zu denken, daß die Frau, die so viel Kummer und Sorgen auf der Seele trug, die schwere Stunde glücklich überstehen würde? Fand er vielleicht ein Grab vor, wenn er endlich nach Hause zurückkehren durfte? Kein anderer Gedanke peinigte und marterte ihn so wie dieser, er brachte ihn manchmal in schlaflosen Nächten bis dicht an die Grenze des Trübsinns.

Darum weinte der starke Mann die hellen Freudentränen, als ihm ein Brief von der Hand seiner Mutter die glückliche Geburt einer Tochter meldete. »Friederike ist wohl und gesund,« hieß es in dem Schreiben »und die Kleine ist ganz Dein Ebenbild. Sie ist ein großes und kräftiges Kind. Gott lasse sie wachsen und gedeihen und erhalte ihrer Mutter die Kräfte. Er führe auch Dich, mein geliebter Sohn, recht bald gnädig zu uns zurück.«

Wie ein heller Lichtstrahl fiel dieser Brief in seine verdüsterte Seele. Er hatte sich früher oft einen Knaben gewünscht, der einst nach ihm auf Poplitz Herr sein konnte. Jetzt war ihm das ganz gleichgiltig, erschien ihm kleinlich und unwichtig, ging alles unter in dem Glücksbewußtsein, daß Gott ihm seine Frau erhalten und ein liebes Kind geschenkt hatte.

Auch weiterhin lauteten die Berichte über die junge Mutter und das neugeborene Töchterlein günstig, und das stärkte ihn und hielt ihn aufrecht. Denn was er im übrigen aus der Heimat erfuhr, lautete trostlos. Einquartierungen über Einquartierungen, Lasten über Lasten, Sorgen über Sorgen! Das bare Geld wurde knapp und immer knapper, es drohte zuletzt ganz auszugehen. Friederike schrieb ihm, als sie wieder zu Kräften gekommen war, in halber Verzweiflung: »Ich weiß ganz und gar nicht, den Arbeitern etwas zu verdienen zu geben; denn es fehlt dazu an Gelde. Es ist wirklich ein großes Elend. Die Armut ist durch die hohen Kornpreise aufs höchste gestiegen.«

Heinrich konnte ihr nur darauf erwidern: »Ich vermag nichts zu tun. Mache alles nach Deinem Gutbefinden. Sieh Dich als eine Witwe an, die das Vermögen ihres Kindes besorgt und niemanden hat, den sie um Rat fragen kann.«

So mußte er denn befürchten, seine schönen Güter total verwüstet und entwertet wiederzusehen, wenn ihm überhaupt einmal die Stunde der Befreiung schlug. Vor der Hand schien wenig Aussicht darauf zu sein. Man verhörte ihn nicht mehr, kümmerte sich gar nicht mehr um ihn, ließ ihn Woche auf Woche in seinem Kerker dahin vegetieren, ohne ihm irgend welche Gewißheit zu geben, was nun eigentlich über sein Schicksal beschlossen sei. Daher ordnete er auch von Cassel aus an, daß seine Tochter möglichst bald auf den Namen Hedwig getauft werde. Zu Paten wählte er seinen ältesten Bruder Dedo, die beiden Großmütter des Kindes und zwei seiner treuen alten Gutsuntertanen. Pastor Moldenhauer aus Peissen sollte die Taufe vollziehen. Man könne nicht warten, bis er etwa zurückkehre, schrieb er, denn das werde vielleicht erst nach Jahren geschehen.

Aber plötzlich erhielt Friederike von Krosigk einen kurzen Brief ihres Gatten, datiert vom 19. August 1812 aus dem Kastell zu Cassel: »Ich kehre übermorgen heim. Ich werde mich einrichten, erst anzukommen, wenn es finster ist; warte nicht eher auf mich. Ich will keinen Menschen sehen oder sprechen als dich und meine Tochter. Zu dem Ende soll das Haus offen sein, daß ich herein kann. Niemand soll mich anreden oder mir im Hause begegnen.«

Friederike sank laut aufweinend auf die Knie, als sie diese Nachricht erhielt. Ihr ganzes Herz strömte über von Dank gegen Gott, und die Freude über des heißgeliebten Gatten gnädige Errettung und endliche Rückkehr raubte ihr fast den Atem. Voll heißer Ungeduld zählte sie die einzelnen Stunden bis zu seiner Rückkehr, und als endlich sein Wagen in den dunklen Hof eingefahren war und seine Schritte die Freitreppe heraufkamen, da konnte sie sich nicht mehr halten. Sie riß die Haustüre auf, stürzte ihm entgegen und hing schluchzend an seinem Halse.

Heinrich zog die Bebende ins Haus und führte sie an seinem Arm über die unerleuchtete Diele die Treppe empor. Erst droben vor der Wiege des Kindes, das mit hochgezogenen Fäustchen friedlich schlummerte, konnten die Gatten einander ins Antlitz blicken. Friederike erschrak heftig, als sie sah, wie bleich und gedunsen das Gesicht des Gatten in der langen Kerkerhaft geworden war, und den Baron durchfuhr es wie ein stechender Schmerz, als er im Antlitz seiner jungen Frau feine Fältchen erkannte, die der Gram und die Sorgen hineingezeichnet hatten.

»Armes, armes Weib, wie mußt du gelitten haben!« murmelte er, indem er sie von neuem in seine Arme zog.

»Ach, Heinrich, nun ist ja alles gut. Mir ist's, als wäre ich aus einem entsetzlichen Traum erwacht. Ich habe dich wieder, ich halte dich an meinem Herzen, und nun bin ich wieder glücklich – du nicht auch?« fragte sie, indem sie durch Tränen aufblickend sein Auge suchte.

»In dem Gefühle, dich wieder zu haben und mein Kind zu sehen, bin ich glücklich,« erwiderte er. »Sonst aber – wo sollte das Glück herkommen!?« Er setzte sich auf einen Lehnstuhl und zog sie auf sein Knie nieder. »Sieh, meine Friederike, ich bin nun zwar frei, aber sie halten mich an einer Kette fest. Sie haben mich in Cassel einen Revers unterschreiben lassen, dem zufolge ich mit meinem ganzen Vermögen hafte, im Falle ich irgend etwas gegen die westfälische Regierung unternehme. Wird mir auch nur das Geringste nachgewiesen oder entziehe ich mich der Polizeiaufsicht durch die Flucht ins Ausland, so wird sogleich mein großer Besitz konfisziert. Ich bin ein Gefangener der Regierung auf meinen Gütern, der sich alle Wochen bei dem neuen Maire in Alsleben melden muß. Ich bin wie ein Stoßvogel, dem man ein Kette ans Bein geschmiedet hat.«

Friederike schwieg eine Weile; dann sagte sie leise aber fest: »Du wirst diese Kette zerreißen, wenn Preußen sich erhebt.«

Heinrich lachte hart und schrill auf. »Das ist es ja eben, was mich am tiefsten niederdrückt: auf eine Erhebung Preußens ist auf unabsehbare Zeit nicht zu rechnen. Ich habe in meinem Gefängnisse von den Weltläuften nichts erfahren, als daß der Korse gegen Rußland rüste. Nun war das erste, was ich hörte, daß Preußen sich mit ihm verbündet hat. Unser Preußen ist ein Vasallenstaat dieses Menschen geworden! Ich war wie vom Blitz getroffen. Es war mir, als ob der Himmel über mir zusammenstürzte. Gneisenau entlassen, Scharnhorst und Blücher entlassen! York mit einem Korps den Franzosen zu Hilfe gesandt! Unser alter, ehrenhafter Staat ein Bundesgenosse des korsischen Bluthundes! Dahin ist es mit uns gekommen! O der Schmach, der fürchterlichen Schmach!«

Friederike fühlte, daß sein ganzer Körper in Fieberschauern zitterte, während er so sprach. Sie legte ihren Arm fest um seinen Nacken und redete ihm tröstend zu. »Ach, Geliebter, verzweifle nicht! Noch kann sich alles wenden! Wer weiß, was Gott vorhat mit unserem Volke. Sein Rat ist wunderbar, aber er führet es herrlich hinaus. Vielleicht ist Rußland der Fels, an dem sich die Macht der Hölle bricht, und der ungeheure Hochmut kommt vor dem Falle.«

Heinrich seufzte tief auf. »Gott gebe, daß du recht hast,« sagte er trübe. »Ich wage kaum noch zu hoffen.«

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